Die ursprüngliche Versuchsstrecke Bitterfeld-Dessau mit ihren sehr

geringen Steigungen hat insbesondere dem Sammeln von Erfahrungen über

den elektrischen Vollbahnbetrieb in der Ebene gedient. Um auch die

Ergebnisse in stark hügeligem Gelände kennen zu lernen, hat die

preußische Eisenbahnverwaltung einen zweiten Versuchsbetrieb auf der

Linie Lauban-Königszelt in den Vorbergen des Riesengebirges sowie

einigen Anschlußstrecken eingerichtet, der später bis nach Breslau und

Görlitz ausgedehnt werden soll. Man kann hier das Verhalten der

elektrischen Lokomotive auf starken Steigungen beobachten. Den

Fahrgästen erwächst ein großer Vorteil durch die sofortige Abkürzung der

Fahrzeiten, weil bei der neuen Betriebsart auf ansteigender Strecke

nicht mehr so langsam gefahren zu werden braucht wie beim Dampfbetrieb.

Denn die elektrische Lokomotive kann leicht für kurze Zeit eine

Überlastung vertragen, die Züge also mit wenig verminderter

Geschwindigkeit in die Höhe schleppen.

Während die Leistungsfähigkeit der Dampflokomotive etwa bei 2500

Pferdestärken ihr Ende erreichen dürfte, besteht bei der elektrischen

Lokomotive eigentlich gar keine Leistungsgrenze. Maschinen mit 3000

Pferdestärken sind heute schon vorhanden. Man kann soviel

Antriebsfahrzeuge aneinander reihen, wie notwendig ist und braucht doch

für alle zusammen nur Einen Bedienungsmann. Ob die Lokomotiven oder

führerstandlosen Triebgestelle hierbei unmittelbar hintereinanderlaufen

oder über den ganzen Zug verteilt sind, ist gleichgültig.

Damit keine Gefährdung des Zugs eintritt, falls der Führer einmal

ohnmächtig werden sollte, ist der Fahrschalter mit einer Notvorrichtung

versehen. Sobald die Kurbel aus der Nullstellung herausgedreht ist, die

Antriebsmaschinen also Strom erhalten, muß ein Knopf an dem Griff

niedergedrückt sein. Liegt die Hand des Führers nicht auf der Kurbel,

dann hebt sich der Knopf, die Kurbel geht von selbst auf Null zurück,

der Strom ist damit abgeschaltet, und nach zwei oder drei Sekunden kann

sich, wenn man will, die Druckluftbremse von selbst anstellen. Freilich

wird sich auf Vollbahnen der Fahrer niemals ganz allein in seinem Stand

befinden, da der Zugführer, wie schon gesagt, seinen Platz in

unmittelbarer Nähe haben wird.

Im Gegensatz zu den Antriebsmaschinen bei Straßen- und Schnellbahnen

pflegt man bis heute die Motoren bei Lokomotiven nicht zwischen die

Achsen zu legen, sondern sie auf den Fußboden des Maschinenwagens zu

stellen. Hieraus ergibt sich eine hohe Lage des Schwerpunkts, die nach

den auf Seite 205 dieses Buchs wiedergegebenen Erwägungen als günstig

angesehen werden muß. Bei Motoren, die auf den Achsen gelagert sind,

glaubte man eine ganz besonders ungünstige Einwirkung auf den Oberbau

befürchten zu müssen, auch war man der Meinung, daß die sehr

beträchtlichen Massen der Motoren in solchem Fall gar nicht abgefedert

werden könnten. Das Hochlegen ergab ferner auch den Vorteil, daß die

Durchmesser der Maschinen beliebig vergrößert werden konnten, so daß man

imstande ist, bedeutende Leistungen durch wenige Maschinensätze

hervorzubringen.

Freilich zwingen die hochliegenden Motoren dazu, an der elektrischen

Lokomotive wieder Teile anzubringen, die nicht vollständig um und um

laufen. Da die Motoren auf dem Wagenboden stehen, folgen sie dem

Federspiel. Der Abstand von den Mitten der Motorachsen zu den Mitten der

Treibachsen ändert sich demgemäß fortwährend. Eine unmittelbare

Verbindung durch Zahnräder ist deshalb ausgeschlossen. Man hat zur

Anwendung eines Zwischenglieds greifen müssen. Der Motor treibt meist

mittels einer Schubstange, oft aber auch durch Zahnräder eine im Rahmen

festgelagerte, radlose, sogenannte Blindwelle an, die gleichfalls dem

Federspiel unterworfen ist, also ihren Abstand von der Motorachse nicht

verändert. Die Blindwelle ist mit den Treibachsen durch wagerechte

Kuppelstangen verbunden, die das Federspiel unschädlich machen.

[Abbildung: 421. _Schnellbahnwagen der Siemens-Schuckert-Werke_,

der bei Probefahrten im Jahre 1903 eine Stundengeschwindigkeit von mehr

als 200 Kilometern erreichte. Ausrüstung der Strecke mit

Drehstromzuleitung]

[Abbildung: 422. _Schnellbahnwagen der AEG_,

der bei Probefahrten im Jahre 1903 eine Stundengeschwindigkeit von 210

Kilometern erreichte]

Die Erfahrung hat aber gelehrt, daß die Einwirkung selbst sehr schwerer

unabgefederter Massen auf den Oberbau längst nicht so unheilvoll ist,

wie man geglaubt hat. Auch gibt es heute ziemlich einfache Mittel für

ihre Abfederung. So ist man denn jetzt wieder im Begriff, bei

elektrischen Lokomotiven zum Achsmotorbau zurückzukehren, insbesondere

nachdem es gelungen ist, die Zahnräder, selbst solche von sehr kleinem

Durchmesser, so widerstandsfähig zu machen, daß sie sehr bedeutende

Leistungen ohne nennenswerte Abnutzung dauernd zu übertragen vermögen.

Es wird sich hieraus eine weitgehende Vereinfachung im Bau der

elektrischen Lokomotiven ergeben.

Ob hiermit die endgültige Form für die neue Antriebsmaschine gefunden

ist, wird die Zukunft lehren. Jedenfalls sind die in den beiden letzten

Jahren vor dem Krieg gebauten elektrischen Lokomotiven, wie die

Erfahrungen auf den schlesischen Gebirgsstrecken gezeigt haben, als

völlig betriebstüchtige Maschinen anzusehen, die jeder Anforderung zu

genügen vermögen. Es kann sich bei der weiteren Entwicklung daher nur

noch um Verbesserungen einer bereits hervorragend brauchbaren

Einrichtung handeln. Bei der Jugend der elektrischen Lokomotive stellt

das eine treffliche Leistung dar; ist doch der Bau der Dampflokomotive

nach mehr als acht Jahrzehnten nicht als abgeschlossen zu betrachten.

Am 28. Oktober 1903 vollzog sich auf der sonst so bescheiden stillen

Strecke der Militär-Eisenbahn zwischen Marienfelde und Zossen bei Berlin

ein Ereignis von höchst bemerkenswerter Art. An diesem Tag lief ein

Eisenbahnfahrzeug mit einer Geschwindigkeit über die Strecke, die weder

vorher noch nachher von einem auf dem Boden ruhenden Fahrzeug erreicht

worden ist. Der Wagen erzielte eine Stundengeschwindigkeit von 210

Kilometern.

Es war ein elektrischer Triebwagen, erbaut von der Allgemeinen

Elektrizitäts-Gesellschaft. Diese Firma hatte sich mit den

Siemens-Schuckert-Werken vereinigt, um durch Versuche festzustellen,

welche Geschwindigkeiten beim gegenwärtigen Stand der Technik durch den

elektrischen Antrieb auf Eisenbahnen zu erreichen seien. Der Wagen der

Siemens-Schuckert-Werke vollbrachte gleichfalls eine höchst erstaunliche

Leistung, indem er mit einer Stundengeschwindigkeit von mehr als 200

Kilometern über die Strecke fuhr.

Obgleich der Vorgang damals mit Recht ungeheures Aufsehen auf der ganzen

Erde erregte, hat er doch keine tatsächlichen Folgen erbracht. Von einem

Vortrupp ist in stolzer Höhe ein Merkzeichen aufgerichtet worden, dem

die geschlossene Menge der Vollbahnen sich noch nicht genähert hat.

Die Versuche auf der Militär-Eisenbahn wurden mit Drehstrom gemacht. Es

waren drei Fahrdrähte neben, nicht über den Geleisen verlegt. Der Strom

wurde durch seitlich abstehende Bügel von den Fahrleitungen entnommen.

Es zeigte sich alsbald, daß eine dreifache Fahrleitung für den

wirklichen Betrieb kaum in Frage kommen könne. Die Entwicklung hat denn

auch den Drehstrom fast gänzlich verlassen und, wie wir wissen, den

einfachen Wechselstrom vorgezogen. Diese Änderung erklärt aber allein

nicht den Fortfall weiterer Bemühungen auf dem Gebiet der

Schnelligkeitssteigerung bei den Eisenbahnen. Diese wäre auch mit

einfachem Wechselstrom erreichbar. Es ist vielmehr das in der Jetztzeit

noch mangelnde Bedürfnis gewesen, welches die Einführung der

200-Kilometer-Geschwindigkeit in den wirklichen Betrieb verhindert hat.

Denn hiermit wären geradezu ungeheure Aufwendungen verbunden. Die

Zossener Versuche waren vorausgenommene Zukunft. Was wir von dieser

erwarten können, soll im Schlußabschnitt betrachtet werden.

29. Zukunft

Nachdem wir auf den vorhergehenden Blättern der Eisenbahn so manche

Huldigung dargebracht haben, brauchen wir es uns nun um so weniger zu

versagen, dieser großen Schöpfung menschlichen Geists auch ihre

Schwächen vorzuhalten.

Wenn man die heutige Schnellzuggeschwindigkeit dem Gezottel der

Postkutsche gegenüberstellt, so bemerkt man einen fast unvergleichlichen

Fortschritt. Aber unser Vorstellungsvermögen trägt uns rasch noch sehr

weit über das tatsächlich Errungene hinaus. Nach den eben erwähnten

Zossener Versuchen ist es nicht sehr schwer, sich Schnellzugfahrten zu

denken, die mit dem Doppelten der heutigen Geschwindigkeit vor sich

gehen. Da schon vor 1-1/2 Jahrzehnten Antriebsmaschinen vorhanden waren,

die ein Fahrzeug derartig zu beflügeln vermochten, so kann es der

Technik unserer Tage keineswegs schwer fallen, den Schnellzug mit einer

Stundengeschwindigkeit von 200 Kilometern zu schaffen. Das würde eine

Abkürzung der Reisezeiten auf die Hälfte bedeuten. Der geistige Urheber

der Zossener Schnellfahrversuche, Emil _Rathenau_, der Begründer der

AEG, sagte über die Wirkung solcher beschleunigten Fahrten:

„Bei einer Geschwindigkeit von 200 Kilometern würde der Geschäftsmann

die Strecke Berlin-Hamburg gewissermaßen ohne jeden Zeitverlust

zurücklegen. Morgens könnte er seine Post erledigen, bei einer Abreise

um 10 Uhr vormittags nähme er unterwegs sein Frühstück ein, könnte

einige Stunden den Angelegenheiten auswärts widmen, gegebenenfalls an

der Börse mit einer ganzen Anzahl Parteien verhandeln, um 4 Uhr wieder

zurück sein und den Nachmittag und Abend für die Korrespondenz und seine

sonstige Tätigkeit zur Verfügung haben. Kaum, daß man den Seinigen noch

von einer solchen Reise erst Kenntnis zu geben brauchte.“

In der Tat würde man für eine Fahrt von Berlin nach Hamburg nicht mehr

als 1-1/2 Stunden gebrauchen. Die Entfernung von Berlin nach Leipzig

könnte in weniger als einer Stunde durcheilt werden. In München

vermöchte man von der Reichshauptstadt aus nach unterbrechungsloser

Fahrt, wie sie dann selbstverständlich wäre, in 3-1/4 Stunden

anzulangen. Es wäre also auch bei dieser großen Entfernung möglich,

unter Aufwendung nur Eines Reisetags, und ohne daß man die Nacht im

Schlafwagen zubringen müßte, seine Geschäfte abzuwickeln und wieder

zurückzukehren.

Unnötig ist es auszuführen, welche große Bedeutung eine solche Abkürzung

der Reisezeiten für Handel und Verkehr haben würde. Ihre Herbeiführung

aber ist ohne Aufwendung ungeheurer Summen nicht möglich. Keine der

vorhandenen Eisenbahnstrecken könnte hierfür benutzt werden. Eine so

hoch gesteigerte Schnelligkeit der Züge verlangt wegen der gewaltig

erhöhten Stoßkraft der bewegten Massen einen sehr viel stärkeren

Oberbau, als die Bahnen ihn heute besitzen. Eine durchgehende

Geschwindigkeit von 200 Kilometern läßt sich nur entfalten, wenn die

Strecken ganz schwache Krümmungen haben. Wegkreuzungen in Schienenhöhe

sind wegen der gesteigerten Gefahr unmöglich. Aus dem gleichen Grund

könnte man auch nicht langsam fahrende Züge zwischendurch verkehren

lassen. Ohne die Auslegung ganz neuer Geleise ist also dieser

Fortschritt technisch nicht ausführbar. Es wäre notwendig, fremdes

Gelände anzukaufen, Schienen von bisher nicht gebräuchlicher Höhe

müßten darauf verlegt, kräftigere Schwellen zur Anwendung gebracht

werden.

Und da entsteht die Frage, ob das tatsächlich vorhandene Bedürfnis diese

riesenhaften Aufwendungen rechtfertigen würde. Die Fahrpreise für

derartig beschleunigte Züge müßten sehr hoch sein, und es ist

zweifelhaft, ob sich genügend viel Reisende finden würden, die bereit

wären, für den Gewinn weniger Stunden das vier- oder fünffache des jetzt

üblichen Fahrgelds aufzuwenden, während sie auf den alten Strecken, die

doch bestehen blieben, auch weiter für das jetzige Entgelt fahren

könnten. Zur Befriedigung von Seelenwünschen allein aber kann kein

Staat, keine Eisenbahnverwaltung so große Summen opfern.

Billiger ließen sich die Schnellstrecken ja herstellen, wenn man von der

heutigen Art der Standbahnen abginge und die Einschienenbahn anwendete.

Doch da stehen wir heute noch einem technischen Rätsel gegenüber. Ob es

wirklich möglich ist, die Wagen auf der Einschienenbahn auch bei einer

Stundengeschwindigkeit von 200 Kilometern in Krümmungen aufrecht zu

erhalten, ist noch nicht erwiesen. Die Erfolge von Probeveranstaltungen

mit leichten Wagen und geringer Schnelligkeit geben keinen sicheren

Anhalt. Die Anforderungen des wirklichen Betriebs an das aufrichtende

Hilfsmittel würden unverhältnismäßig viel härter sein.

Beim Einschienenfahrzeug befinden sich Räder nur unter der mittleren

Längsachse. Der Wagen steht also an sich nur in schwebendem

Gleichgewicht auf seinem Gleis. Außer der Antriebsmaschine ist darin

aber noch ein sehr schwerer Kreisel mit senkrechter Drehachse

untergebracht, der vor Antritt der Fahrt in äußerst rasche Umdrehung

versetzt wird. Ein solcher schnell gedrehter Kreisel hat die

Eigenschaft, die Richtung seiner Drehachse mit großer Kraft

festzuhalten. Es erwächst ihm hier die Aufgabe, das Einschienenfahrzeug

daran zu hindern, auf seiner Schiene hin und her zu schwanken oder gar

in Krümmungen umzukippen. Die starke Richtkraft schwerer, rasch bewegter

Kreisel ist unzweifelhaft erwiesen. Nur fehlt bisher die Ausprobung der

Anlage im wirklichen dauernden Betrieb.

Die geringere Reibung infolge Herabsetzung der Achslagerzahl und die

Verminderung der Unebenheiten im einfachen Gleis würden, eine

ausreichende Wirkung des Kreisels vorausgesetzt, die Herbeiführung

großer Geschwindigkeiten sicherlich erleichtern und verbilligen. Man

brauchte dann aber bei 200 Kilometern in der Stunde nicht stehen zu

bleiben. Denn das ist durchaus noch keine so schwindelnde Schnelligkeit,

daß man vor ihrer Überschreitung zurückschrecken müßte. Freilich dürfte

bei noch höherer Steigerung der Geschwindigkeit die Überwindung des

Luftwiderstands eine sehr bedeutende Rolle spielen.

Jeder hat die Geschwindigkeit von 200 Kilometern in der Stunde schon

recht häufig und sogar unter besonders ungünstigen Umständen

wahrgenommen, ohne daß er eine üble Einwirkung empfunden hätte.

Wenn nämlich zwei der heute üblichen Schnellzüge einander auf offener

Strecke begegnen, so hat jeder gegenüber dem anderen annähernd

eine Geschwindigkeit von 200 Kilometern, da ja die beiden

Eigengeschwindigkeiten zusammengezählt werden müssen. Obgleich bei

dieser Gelegenheit die so rasch bewegten Gegenstände einander äußerst

nahe sind, ist es doch bei einiger Aufmerksamkeit noch ganz gut möglich,

Einzelheiten zu erkennen, wie etwa die Fenster und die Lücken zwischen

den einzelnen Wagen. Sicherlich würde also auch vor den Augen der

Reisenden, die in einem mit der wirklichen Geschwindigkeit von 200

Kilometern dahinfahrenden Schnellzug säßen, die Gegenstände im Gelände

nicht als dunstige Gebilde vorübergleiten, sondern man würde sie,

namentlich soweit sie in größerer Entfernung liegen, auch dann noch ganz

gut in ihrer Art und Form aufzufassen vermögen. Das ist übrigens auch

schon durch die Beobachtungen während der Schnellfahrversuche auf der

Militärbahn erwiesen.

Mit Fahrzeugen, die beim Vorwärtsdringen eine sehr viel geringere

Reibung und einen kleineren Luftwiderstand zu überwinden haben, sind

tatsächlich auch bereits Geschwindigkeiten erreicht worden, welche über

die 200 Stunden-Kilometer hinausgehen. Flieger haben schon vor dem Krieg

während längerer Zeit Stundengeschwindigkeiten von 220 und 230

Kilometern eingehalten. Und hier tritt uns dasjenige technische Werkzeug

entgegen, welches, aller Voraussicht nach, im Personen- und

Postschnellverkehr die Eisenbahn überflügeln wird.

Der Krieg hat die Flugzeugtechnik in kaum genug zu bewundernder Weise

gefördert. Die Sicherheit des Fliegens, selbst in Wetter und Sturm, ist

sehr groß geworden. Riesenhafte Einheiten zur Aufnahme vieler Menschen

sind geschaffen. Keiner, der sich zukünftige Entwicklungen auch nur ein

wenig auszumalen vermag, kann daran zweifeln, daß die Zukunft des

hochgesteigerten Schnellverkehrs in der Luft liegt. Die

Geschwindigkeitsgrenzen für Flugzeuge sind sehr viel weiter gesteckt als

für die Eisenbahnen, und diese Fahrzeuge sind ferner in der Lage, stets

den kürzesten Weg zwischen zwei Orten, nämlich die gerade Luftlinie, zu

wählen. Die mühsame Errichtung von Unterbauten, das Ausstrecken von

Schienen ist nicht notwendig, um eine Verkehrslinie für Flugzeuge

herzustellen. Die verhältnismäßig leichte Herrichtung von

Landungsplätzen und deren zweckmäßige Ausstattung genügen.

Sicher kommt einmal der Tag, da der Luftreisende von seinem erhabenen

Sitz aus gerade so spöttisch auf den unter ihm schneckenartig

dahinkriechenden Eisenbahnzug hinabsehen wird, wie heute der Fahrgast

des Schnellzugs die vor der Schranke haltende Postkutsche betrachtet.

Gibt es doch im menschlichen Leben keine anderen Werte als solche, die

durch Vergleich entstehen, wechselt doch die Bewertung jedes Gegenstands

unausgesetzt nach den Zeitumständen.

Seit der Mitte des Jahres 1917 hat die Eisenbahn-Fachliteratur begonnen,

sich mit dem Flugzeugverkehr zu beschäftigen. Man wittert Morgenluft.

Die beteiligten Kreise sehen ein, daß hier ein Wettbewerber für

besonders hochwertigen Verkehr heranwächst. Freilich wird die

unausbleibliche Entwicklung auch hier nur allmählich vor sich gehen.

Aber der Menschenaustausch zwischen den ganz großen Städten, den Ländern

und Erdteilen dürfte immer häufiger durch die Luft vor sich gehen. Es

ist mehr als wahrscheinlich, daß die so ungeheuer kostspieligen Anlagen

der neuen 200 Kilometer-Eisenbahnen dadurch unnötig gemacht werden.

Vorläufig gehört ja noch immer einiger Mut dazu, in ein Flugzeug zu

steigen. Doch die Möglichkeit äußerst rascher Beförderung wird viele die

gesteigerte Gefahr vergessen lassen, und sicherlich wird es auch bald

gelingen, den großen Luftomnibus annähernd soweit flugsicher zu machen,

wie die Eisenbahn unfallsicher ist.

Man darf ja nicht übersehen, daß dem Flugzeug schon heute, wenn es ein

paar hundert Meter über dem Boden fliegt, nur noch sehr wenige Gefahren

drohen. Der einzige Vorgang, der wirklich unrettbares Verderben über die

Insassen zu bringen vermag, ist das Abbrechen der Tragflächen. Die Kunst

des Flugzeugbaus ist nun jedoch bereits so vollkommen, daß hiermit

keinesfalls mehr gerechnet zu werden braucht. Das Versagen des Motors in

der Luft aber ist ganz ungefährlich. Jedes Flugzeug ist ja imstande,

ohne die geringste Gefährdung im Gleitflug zur Erde niederzugehen.

Befindet sich der Apparat in einer Höhe von 1000 Metern über dem Boden,

was bei den Linienflügen später wahrscheinlich regelmäßig der Fall sein

wird, so kann der Führer in aller Ruhe sich einen Landungsplatz im

Umkreis von 15 bis 17 Kilometern aussuchen. Wenn überall im Land, in der

Nähe jeder großen Stadt ein Flughafen vorhanden ist, so wird fast stets

Gelegenheit sein, unter Ausschluß jeder Gefahr auf einen solchen

niederzugehen.

Am Tag werden diese Landungsorte durch weithin sichtbare Zeichen zu

erkennen sein, in der Nacht wird man sie durch Lichter, bei Nebel durch

Rauchsäulen oder andere geeignete Maßnahmen weithin kenntlich machen.

Jedes Flugzeug wird also stets einen sicheren Hafen zur Verfügung haben.

Weitere bedeutende Sicherheit wird dadurch entstehen, daß die Zahl der

Betriebsmaschinen gesteigert wird. Einer unserer besten und erfahrensten

Friedensflieger, Hellmuth _Hirth_, erzählt in seinem Buch „Meine

Flugerlebnisse“, wie er sich die Entwicklung in dieser Beziehung

vorstellt:

„Wenn man bedenkt, daß in unseren jetzigen Flugzeugen ein ausgewachsener

Mensch gezwungen ist, stundenlang auf einem kleinen Sitz zu verharren,

so komme ich zu der Überzeugung, daß unsere heutigen Flugmaschinen bald

riesige Dimensionen annehmen werden. Unsere Technik ist jetzt schon

erfreulicherweise so weit, daß sie uns den Bau von riesenhaften

Flugzeugen, von 600, 2000 und mehr Pferdestärken gestattet. Diese werden

eine völlige Umwälzung des augenblicklichen Luftbetriebs herbeiführen.

Der Führer oder besser der Flugzeugkapitän wird dann lediglich den Start

und die Landung beaufsichtigen. Ein Mann wird für die Seitenstabilität

sorgen, ein anderer die Höhensteuer bedienen. Dann ist die Zeit

gekommen, die Flugzeuge mit automatischen Stabilisatoren (selbsttätigen

Vorrichtungen zum Ausgleich der Schwankungen) auszurüsten. Es wird Platz

vorhanden sein wie in einem großen Speisewagen. Ein derartiges großes

Flugzeug mit 2000 Pferdekräften kann leicht 60 Personen 50 Stunden lang

befördern. Dann fängt die Fliegerei erst an, gemütlich zu werden.

„Wenn derartige große Flugschiffe 12 Motoren -- sagen wir einmal zu je

160 ~PS~ -- besitzen, wird der ganze Flug ruhig und sicher verlaufen.

Wind und Wetter würden ihm wenig mehr anhaben. Es können bis fünf

Motoren ihre Arbeit während des Flugs einstellen, ohne die Sicherheit

des Flugs zu gefährden, und nach dem heutigen Stand der Motorentechnik

kann man mit Sicherheit annehmen, daß von zwölf Motoren sieben

fehlerfrei arbeiten.“

Bevor noch derartige Riesenmaschinen gebaut werden konnten, hat der

Luftverkehr bereits begonnen. Zwischen dem italienischen Festland und

der Insel Elba besteht eine Flugpostlinie. Spanien geht daran, seinen

wegen der schlechten Eisenbahnverhältnisse recht mangelhaften

Postverkehr durch Einführung von Flugpostlinien zu verbessern. In

Dänemark ist das Streben nach gleichen Einrichtungen sehr rege, da die

Zerklüftung des Lands in viele kleine Inseln starke Verzögerungen des

Verkehrs über die Erdoberfläche verursacht. Mit Hilfe des Flugzeugs

könnte die Post zwischen Kopenhagen und Jütland, also dem Festland, in

zwei Stunden, statt wie bisher in 24 Stunden befördert werden.

Lord _Montagu_ hat in durchaus ernsthafter Weise Vorschläge für eine

baldigst zu errichtende Flugverbindung zwischen England und Indien

gemacht. Nach seinen Plänen soll sich ein Flug zwischen dem englischen

Mutterland und dessen wichtigster Kolonie künftig folgendermaßen

gestalten:

Man fliegt um 7 Uhr morgens von London ab und kommt um 1/2 12 Uhr

mittags in Marseille an, wo eine Stunde Aufenthalt zum Einnehmen des

Frühstücks gemacht wird. Um sechs Uhr abends ist man in Neapel.

Nächtliche Flüge schließt Lord Montagu vorläufig noch aus, da er sie für

zu gefährlich erachtet. Die Reise geht also erst am nächsten Morgen

weiter. Frühstückspause findet in Kreta statt, und am Abend des zweiten

Tags ist Alexandrien erreicht. Nach Übernachtung in dieser Stadt geht es

nach Basra und am vierten Tag nach Karachi, einem wichtigen Knotenpunkt

der indischen Eisenbahnen. In einer Gesamtreisezeit von 83-1/2 Stunden

könnte auf diese Weise eine Entfernung zurückgelegt werden, für die man

heute bei schnellster Fahrt 14 Tage gebraucht.

Die reine Flugzeit beträgt aber nur 39-1/4 Stunden. Denkt man sich

Hirths Speisewagenflugzeug benutzt, wodurch Frühstücks-Aufenthalte

unnötig werden würden, und nimmt man an, daß auch während der Nacht

geflogen werden kann, was ja durchaus im Rahmen der Möglichkeit liegt,

so wird unter Einrechnung einiger trotzdem nicht zu umgehender

Zwischenaufenthalte die Reise von England nach Indien vielleicht schon

in 2-1/2 Tagen zu erledigen sein.

Es würde alsdann von selbst geschehen, daß sich eine weitere Fluglinie

über Singapore nach Australien anschlösse, die vielleicht gestatten

würde, die Entfernung London-Sidney in einer Woche zurückzulegen.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 58 / 60 段