Durch die Einführung der Verbundeinrichtung und der Dampfüberhitzung,

neuestens auch der Vorwärmung des Speisewassers, ist die Ausnutzung der

Kohle auf der Dampflokomotive erheblich gesteigert. Der elektrische

Betrieb wird nur dann wettbewerbsfähig, wenn er die Krafteinheit

außerordentlich billig an die Lokomotivräder liefert. Verfeuerung

billigen Heizstoffs, dessen Vergasung, insbesondere aber die Gewinnung

von Nebenstoffen werden viel hierzu beitragen. Dennoch würde die

Krafteinheit noch zu teuer werden, wenn das Bahnkraftwerk ausschließlich

für die Strecke und kleinere Nebenbetriebe arbeitete. Die Maschinen

müssen ja stets so berechnet sein, daß sie dem höchstmöglichen

Kraftbedarf zu genügen vermögen. Dieser wird aber von der Stelle

höchster Beanspruchung, von der Strecke her, innerhalb 24 Stunden immer

nur während einer kurzen Zeit angefordert. In den übrigen Stunden wäre

also eine völlige Ausnutzung der vorhandenen Kräfte nicht möglich.

Dieser unerwünschte Zustand kann sehr bedeutend dadurch verbessert

werden, daß das Bahnkraftwerk Strom auch für andere Zwecke in

bedeutendem Maß abgibt. Deshalb ist es gut, wenn die umliegenden

Ortschaften von ihm mit elektrischer Kraft versorgt werden.

Auf diese Weise aber wird die elektrische Vollbahn zum Vorkämpfer für

die Verbesserung der Lebensverhältnisse im ganzen Land und für weitere

gewerbliche Erstarkung. Der kleine Elektromotor, der immer nur Kraft

verbraucht, wenn er in Betrieb ist, hebt erfahrungsgemäß das

Kleingewerbe, aber auch große Fabriken entstehen leicht in der Nähe

leistungsfähiger Kraftlieferungsstellen. Die Ausnutzung dieser

Wirkungsmöglichkeit wird eine bedeutende Aufgabe beim Ausbau der

Vollbahnen für den elektrischen Betrieb sein.

Ganz besonders wichtig ist ferner, daß zur Erzeugung von Bahnstrom in

ganz großen Werken mit Kraftabgabe nach außen das fallende Wasser

umfassend ausgenutzt werden kann. In Deutschland bietet sich hierzu

insbesondere in Bayern Gelegenheit. Einige elektrisch betriebene

Bahnstrecken empfangen dort bereits heute ihren Strom aus

Wasserkraftwerken. Eine großartige Ausnutzung des Höhenunterschieds

zwischen Walchensee und Isar einerseits, dem Kochelsee andererseits ist

in Vorbereitung.

Daß elektrische Vollbahnen bei uns heute schon in immerhin

beträchtlicher Zahl in Betrieb sind, zeigt die folgende Zusammenstellung

von derartig ausgebauten Strecken:

Dessau-Bitterfeld (Preußisch-Hessische Staatsbahnen).

Lauban-Königszelt im Riesengebirge (Preußisch-Hessische Staatsbahnen).

Murnau-Oberammergau (Lokalbahn-Aktiengesellschaft).

Salzburg-Berchtesgaden (Bayerische Staatsbahnen).

Garmisch-Partenkirchen-Griesen (Bayerische Staatsbahnen).

Garmisch-Partenkirchen-Landesgrenze-(Innsbruck) [Mittenwald-Bahn]

(Bayerische Staatsbahnen).

Basel-Zell [Wiesental-Bahn] (Badische Staatsbahnen).

Karlsruhe-Herrnalb (Badische Lokal-Eisenbahnen).

Ehe man zur Einführung des elektrischen Betriebs auf diesen Bahnen

gelangte, war es vor allem notwendig, die günstigste Stromart zu

ermitteln, die hierbei in Anwendung kommen sollte. Wiederum war es die

Verwaltung der preußisch-hessischen Staatsbahnen, die hierbei führend

mitgewirkt hat. Sehr bedeutende Verdienste hat sich in diesem Bezirk

insbesondere der Geheime Oberbaurat ~Dr.~-Ing. e. h. _Wittfeld_,

vortragender Rat im Ministerium der öffentlichen Arbeiten, erworben.

In den Jahren 1900-1902 verkehrte bereits ein elektrischer Versuchszug

auf der Wannseebahn zwischen deren Endbahnhof in Berlin und Zehlendorf.

Hierbei wurden Triebwagen benutzt, die Antriebsmaschinen waren also in

einen Personenwagen eingebaut. Es wurde Gleichstrom von 750 Volt

Spannung angewendet. Der elektrische Zug lief zwischen Dampfzügen. Der

Betrieb vollzog sich damals schon glatt, es stellte sich jedoch heraus,

daß er etwas teurer war als die Zugförderung durch Dampflokomotiven.

Im Jahre 1903 wurde alsdann die 9 Kilometer lange Vorortstrecke Berlin

(Potsdamer Bahnhof)-Lichterfelde-Ost für den elektrischen Betrieb

eingerichtet, der dort bis heute fortdauert. Es wird wiederum

Gleichstrom benutzt, aber mit einer Spannung von nur 500 Volt. Die

Stromzuführung erfolgt, wie es bei dem Versuchsbetrieb auf der

Wannseebahn der Fall gewesen, durch eine dritte Schiene, die isoliert

neben dem Gleis auf dem Boden angebracht ist.

[Abbildung:

Bauart der AEG

412. _Lokomotive mit vorgebauten Motoren_

Achsanordnung ~B~ + ~B~. Zwischen den Rädern die Schutzkapseln für den

Antrieb der Blindwellen. In der Mitte steht der Transformator; die

Kühlschlangen für das Isolieröl, das zwischen dessen Spulen umläuft,

sind sichtbar]

[Abbildung:

Bauart der Siemens-Schuckert-Werke

413. _Elektrische Lokomotive mit zwei innen liegenden

Antriebsmaschinen_

Achsanordnung 1 ~D~ 1]

Die Erfahrungen, welche man auf der Lichterfelder Strecke gemacht hat,

haben gezeigt, daß der Gleichstrombetrieb auf kurzen Strecken sehr gute

Leistungen ergeben kann. Die Entwicklung des elektrischen Antriebs für

Vollbahnen mußte jedoch andere Wege einschlagen. Man war gezwungen, zum

Wechselstrom überzugehen.

Der maßgebliche Unterschied zwischen Straßenbahnen, Stadtschnellbahnen

und Vorortstrecken einerseits, die bis zum heutigen Tag allermeist mit

Gleichstrom betrieben werden, und den Vollbahnen liegt in ihrer

Längenerstreckung. Der Gleichstrom hat Eigenschaften, die seine

Benutzung auf sehr weite Entfernungen im allgemeinen verbieten.

Jede Leitung setzt der fortgeleiteten elektrischen Arbeit einen

Widerstand entgegen, der kraftverzehrend wirkt. Je länger die Leitung

ist, desto mehr Arbeit geht durch den Leitungswiderstand verloren. Es

hat sich jedoch gezeigt, daß dieser Verlust klein gehalten werden kann,

wenn man Strom mit sehr hoher Spannung durch die Leitung schickt.

50 000, 60 000, ja 100 000 Volt sind gebräuchliche Spannungszahlen

geworden. Der Stromerzeuger aber ist im allgemeinen nicht imstande,

höhere Spannungen zu liefern, als etwa 5000 Volt. Schon für eine

Bahnlinie von Berlin bis Halle reicht das wegen der Verluste in der

Leitung bei weitem nicht aus.

[Abbildung:

Lokomotive erbaut von den Siemens-Schuckert-Werken

414. _Herausheben eines Lokomotivmotors_

nach Entfernen des einen Stromabnehmers]

Um derartige Strecken zu versorgen -- und es handelt sich doch für die

Zukunft noch um ganz andere Entfernungen -- muß man die Spannung des aus

dem Erzeuger kommenden Stroms erhöhen. Das ist bei Gleichstrom nur

dadurch möglich, daß man Umformer einschaltet, die sich drehen, laufende

Maschinen also, welche einer ständigen Wartung bedürfen und selbst

Energie verzehren. Der Wechselstrom aber gestattet, Spannungsänderungen

in bequemster Weise durch ruhende Maschinen vornehmen zu lassen, die

ohne jede Aufsicht zu arbeiten vermögen. Sie führen in der Technik die

Bezeichnung Transformatoren.

Mit Hilfe solcher Transformatoren kann man die Spannung eines

hineingeschickten Wechselstroms in beliebigen Grenzen hinauf- und

hinabsetzen, und die Umänderung verbraucht fast gar keine Arbeit. Die

großen Wechselstrom-Transformatoren gehören zu den Maschinen mit bestem

Wirkungsgrad. Der Arbeitsverlust in ihnen beträgt kaum mehr als ein bis

zwei vom Hundert.

Bedingung für die Verwendung des Wechselstroms im Bahnbetrieb war die

Schaffung eines geeigneten Wechselstrom-Motors, der bis in die ersten

Jahre dieses Jahrhunderts noch nicht vorhanden war.

[Abbildung:

Erbaut von den Siemens-Schuckert-Werken

415. _Lokomotive der schwedischen Lapplandbahn_

nach einer Fahrt im Schneesturm]

Die preußische Staatsbahnverwaltung gab der Allgemeinen

Elektrizitäts-Gesellschaft Gelegenheit, in den Jahren 1903 bis

1905 einen Probebetrieb mit dem neuen, von ihr entwickelten

Wechselstrom-Motor auf der Vorortstrecke Niederschöneweide-Spindlersfeld

bei Berlin einzurichten. Die Ergebnisse waren so befriedigend, daß vom

Jahre 1907 ab die wichtige Vorortstrecke Ohlsdorf-Hamburg-Blankenese für

Betrieb mit Wechselstrom von 6000 Volt eingerichtet werden konnte.

Man erzielte auf dieser Linie nach Überwindung einiger, allerdings

ziemlich schwerer Kinderkrankheiten alsbald einen ganzen Erfolg, der zu

weiteren Schritten anregte und dazu ermutigte, nun auch eine Vollbahn

als Probestrecke elektrisch zu betreiben. Während jedoch bisher

ausschließlich Triebwagen benutzt worden waren, wurden für die Vollbahn

Lokomotiven ausgeführt, das heißt Antriebsfahrzeuge, die nicht mit

Personen-Abteilen fest verbunden sind.

Am 18. Januar 1911 konnte die erste elektrische Vollbahn in Preußen, die

Strecke Bitterfeld-Dessau, dem Betrieb übergeben werden. Der Ausbau war

in kurzer Zeit nach den Angaben Wittfelds durch die Eisenbahndirektion

Halle unter Heranziehung der drei führenden elektrotechnischen Firmen

Deutschlands, der AEG, der Siemens-Schuckert-Werke und der

Bergmann-Elektrizitäts-Werke, sowie der Maffei-Schwartzkopff-Werke und

der Firma Brown, Boveri & Co. ausgeführt worden. Die Strecke ist bis zum

Ausbruch des Kriegs in Betrieb gewesen. Die elektrische Zugförderung

soll alsbald noch über beide ursprünglichen Endpunkte hinaus um ein

bedeutendes Stück erweitert werden und alsdann die Strecke von Magdeburg

über Dessau und Bitterfeld bis Leipzig und von dort nach Halle mit einer

Länge von 154 Kilometern umfassen.

[Abbildung: 416. _Elektrische Schnellzug-Lokomotive vor einem ~D~-Zug_

auf der Strecke Bitterfeld-Dessau]

[Abbildung:

Elektrische Anlage ausgeführt von den Siemens-Schuckert-Werken

417. _Ein Güterzug der schwedischen Lapplandbahn_]

Auch diese Anlage brachte bald befriedigende Ergebnisse, die zeigten,

daß man die neue Betriebsart schon damals technisch vollkommen

beherrschte. Heute nun darf man auf Grund der in jahrelangem Betrieb

gewonnenen Erfahrungen sagen, daß die Form der elektrischen Vollbahn

fertig dasteht. Auch über die wichtigste Streitfrage, die Wahl der

geeignetsten Stromart, ist volle Klarheit geschaffen.

Die Staatsbahnverwaltungen von Preußen, Bayern, Baden, Österreich,

Schweden und der Schweiz haben in Übereinstimmung mit den

elektrotechnischen Großfirmen dieser Länder nach gründlichen Vorarbeiten

auf dem Papier und auf den Strecken die Betriebsform mit einfachem

Wechselstrom von hoher Fahrdrahtspannung und niedriger Wechselzahl als

die für den Hauptbahnbetrieb im ganzen geeignetste Zugförderungsart

erkannt. Durch die Betrachtung der Probestrecke Bitterfeld-Dessau, der

eine geschichtliche Bedeutung zukommt, gewinnt man einen Überblick

darüber, wie die elektrischen Vollbahnen der Zukunft aussehen werden.

[Abbildung: 418. _Fahrerstand einer elektrischen Schnellzug-Lokomotive_]

Zur Errichtung des Kraftwerks für die Linie, das freilich noch mit

Dampfmaschinen und ohne Nebenbetriebe arbeitet, ist ein Gelände in

unmittelbarer Nähe des kleinen Bahnhofs Muldenstein ausgewählt worden,

der an der Strecke Berlin-Halle unweit von Bitterfeld liegt. Es ist dies

ein Punkt inmitten eines ausgedehnten Braunkohlengebiets, das groß genug

erscheint, um für lange Zeit den Bedarf an Heizstoff zu decken. Es kann

also hier billiger Brennstoff verwendet werden, ohne daß er weithin

verfrachtet zu werden braucht; es wurde schon darauf hingewiesen, daß

dies für das wirtschaftliche Ergebnis des elektrischen Betriebs von

ausschlaggebender Wichtigkeit ist.

Der Wärmewert der Kohle wird in einer neuzeitlich ausgestatteten

Kesselanlage auf das gründlichste ausgenutzt. Es sind in Muldenstein

zwanzig Wasserrohrkessel in Betrieb, in denen die Rohre sehr steil

gestellt sind, damit die Flugasche, welche beim Verbrennen der

Braunkohle in reichlichen Mengen entsteht, sich nicht auf den

Rohrwandungen absetzen und deren Wärmeaufnahme vermindern kann, sondern

stets sofort nach unten abrutscht. Für eine bequeme Entschlackung der in

besonderer Weise durchgebildeten Roste und für die Möglichkeit der

Asche-Entnahme während des Betriebs ist Sorge getragen.

Die Eisenbahnwagen, welche die Kohle heranbringen, fahren über eine

Rampe in ein hochliegendes Stockwerk des Kesselhauses, wo sie ihren

Inhalt in Bunker entleeren. Aus diesen rutscht die Kohle selbsttätig in

die Feuerung. Eine Schaufel gibt es in dem Muldensteiner Kesselhaus

überhaupt nicht mehr. Ein einziger Mann ist imstande, mehrere Kessel zu

bedienen.

Der hier entwickelte Dampf treibt Turbinen an, mit denen die großen

Stromerzeuger gekuppelt sind. Sie bringen einen Wechselstrom von 4000

Volt Spannung und 16-2/3 Pulsen hervor, das heißt der Strom fließt

innerhalb einer Sekunde 16-2/3 mal im positiven und ebenso oft im

negativen Sinn. Diese Pulszahl des einfachen Bahnwechselstroms ist genau

1/3 der sekundlichen Pulszahl 50 des dreifachen Wechselstroms

(Drehstroms), wie ihn unsere Überlandleitungen meistens führen. Man

wählte solchen Wechselstrom, um später Bahn- und Überlandkraftwerk

möglichst bequem vereinigen zu können.

Im Kraftwerk wird der Strom in riesigen Transformatoren auf die Spannung

von 60 000 Volt gebracht und in dieser Form einem Unterwerk zugeführt,

das in der Nähe von Bitterfeld unmittelbar an der Strecke errichtet ist.

Eine weitere Transformatorenanlage setzt den Strom hier auf die Spannung

von 15 000 Volt hinunter, mit der er in die Fahrleitung fließt.

Diese ist an festen Tragjochen über den Geleisen aufgehängt. Die

Lokomotiven nehmen den Strom mit Schleifbügeln aus der Leitung ab.

Bevor er den Antriebsmaschinen zufließt, durchläuft er den

Lokomotiv-Transformator, wodurch seine Spannung auf einige hundert Volt

hinuntergesetzt wird, da die Elektromotoren so wenig wie die Dynamos

ganz hohe Spannungen zu ertragen vermögen.

Es findet also eine dreimalige Spannungsänderung des Stroms statt. Der

Weg, den er zurückzulegen hat, ist deshalb recht verwickelt. Dennoch

befriedigt die Anlage in Wirkungsgrad und Übersichtlichkeit alle

technischen Ansprüche.

Das Hinauftransformieren des Bahnstroms im Kraftwerk auf die Höhe von

60 000 Volt erfolgt, wie wir bereits wissen, damit die Verluste in der

langen Fernleitung möglichst gering werden. Nun ist aber der Fahrdraht

über den Geleisen gleichfalls nichts anderes als eine Fernleitung. An

sich wäre es also richtig, den Hochspannungsstrom unverändert in die

Fahrleitung hineinzusenden. Zweifellos würde das wirtschaftlich am

vorteilhaftesten sein.

Der Fahrdraht stellt jedoch eine Leitung besonderer Art dar. Er hat

nicht nur elektrische Beanspruchungen auszuhalten wie die Speiseleitung

vom Kraftwerk zum Unterwerk, er wird auch mechanisch stark angegriffen.

Es ist daher notwendig, den Fahrdraht sehr viel häufiger zu befestigen

als die Speiseleitung. Eine sehr große Zahl von Isolatoren muß

vorgesehen werden, und man würde zu einer äußerst kostspieligen und ganz

unübersichtlichen Anlage kommen, wenn man jeden dieser Isolatoren so

stark machen müßte, daß er die Spannung von 60 000 Volt aushielte. Um

das zu vermeiden, nimmt man lieber einen stärkeren Spannungsabfall im

Fahrdraht durch Verwendung einer niedrigeren Voltzahl in Kauf.

Bei Stadt-, Schnell- und ähnlichen Bahnen pflegt man in allen Ländern

die Stromzuführung als eine dritte Schiene neben den Geleisen zu

verlegen. Das ist bequem und billig und hat den Vorteil, daß der

Luftraum über dem Bahnkörper frei von störenden Einbauten bleibt. Es ist

jedoch nicht daran zu denken, eine derartige Stromzuführung auch für

Fernbahnen zu verwenden. Schon die hohe Spannung, die zur Anwendung

gelangt, verbietet dies. Während bei den kürzeren Stadtbahnen

Gleichstrom von 500 bis 750 Volt in Anwendung ist, dessen Durchgang der

menschliche Körper unter nicht allzu ungünstigen Umständen meist

erträgt, handelt es sich bei den Vollbahnen um 15 000 Volt Wechselstrom,

eine unbedingt tödlich wirkende Spannung. Es muß also dafür gesorgt

werden, daß gleichzeitige Berührung von Stromleitung und Fahrschiene,

die ja als Rückleitung dient, durch einen lebenden Körper unmöglich ist.

Eine todbringende Spannung auf einer Erdschiene über Felder und

Landstraßen hinwegzuführen, ist selbstverständlich unmöglich.

Es ergibt sich also die Notwendigkeit, eine hoch liegende Oberleitung

auszuführen. Die bekannten Straßenbahnoberleitungen konnten als

Vorbilder nicht dienen. Denn es ist ein anderes, eine Leitung für

langsam fahrende Wagen auszulegen oder eine solche herzustellen, unter

der Lokomotiven mit 120, vielleicht auch einmal 150 Kilometern

Stundengeschwindigkeit dahinfahren sollen.

[Abbildung: 419. _Im Motorraum einer elektrischen Lokomotive_

Anker mit Stromzuführungsbürsten]

Die Straßenbahnleitungen sind an dünnen Stahlquerdrähten befestigt. Man

zieht sie nicht straff an, sondern läßt sie in leichtem Bogen

durchhängen. Die Leitung bildet also eine ständig auf- und absteigende

gekrümmte Linie. Die Bügel- oder Rollenstromabnehmer der

Straßenbahnwagen folgen unter dem Druck der auf sie wirkenden Federn

bequem den wechselnden Höhenlagen des Fahrdrahts. Die Lokomotivbügel

aber haben viel größere Massen. Bei hohen Geschwindigkeiten könnten

diese sich nicht rasch genug hin und her bewegen, wenn die Höhenlage des

Fahrdrahts über ihnen ständig wechselte. Auf Vollbahnen ist es also

notwendig, diesen genau in gerader Linie auszulegen.

Das kann nur geschehen, wenn der Draht sehr scharf angespannt wird.

Dünne Stahldrähte als Träger können hierbei nicht mehr verwendet werden,

da sie in der wagerechten Ebene zu sehr nachgeben würden. Aber auch der

Kupferdraht der Leitung selbst kann so starke Zugkräfte nicht aushalten,

da Kupfer keine genügende Festigkeit gegen Zerreißen besitzt. Eine

Verstärkung des Querschnitts über die Forderungen der elektrischen

Beanspruchung hinaus ist nicht zulässig, da Kupfer ja ein sehr teurer

Stoff ist. Man hat demzufolge zu Hilfsanordnungen schreiten müssen,

durch welche die Fahrleitung für Vollbahnen eine recht verwickelte,

vielteilige Anordnung geworden ist.

Man kann nicht sagen, daß die Überbauung der Eisenbahnlinien mit

Fahrdrähten die Schönheit der durchzogenen Landschaften verbessern wird.

Auch der Reisende, der aus den Fenstern blickt, wird fortwährend

aufragende Bauteile an seinen Augen vorüberflirren sehen, welche die

Aussicht beeinträchtigen. Immerhin dürfte dies nicht allzu störend

empfunden werden, wie man ja auch an das Telegraphengestänge, das oft zu

beiden Seiten der Bahn steht, bereits gewöhnt ist.

Die Ausführungsform der Fahrleitung auf der Strecke Bitterfeld-Dessau,

die als grundlegend angesehen werden kann, sieht nun so aus:

In Entfernungen von je 100 Metern sind zu beiden Seiten der Strecke

kräftige Gittermaste aufgerichtet. Sie sind durch wagerecht über den

Geleisen liegende, eiserne Joche miteinander verbunden. Diese treten an

Stelle der Querdrähte über den Straßenbahnlinien. Sie verbiegen sich

nicht in der wagerechten Ebene, wenn sie scharf in dieser Richtung

beansprucht werden. Zwischen den Jochen ist über jedem Gleis und

gleichgerichtet mit diesem ein Tragseil aus Stahldraht befestigt, das

nicht straff angezogen ist, sondern in einem Bogen, einer Kettenlinie,

durchhängt. An diesem Tragseil sind in kurzen Abständen senkrechte

Hängedrähte angebracht, deren Enden sämtlich in gleicher Höhe liegen.

Die Hängedrähte halten einen stählernen Hilfsdraht von großer

Zugfestigkeit. Dieser ist ganz genau in gerader Linie ausgelegt und

scharf angespannt. Der eigentliche Fahrdraht aus Kupfer ist dicht unter

dem Hilfsdraht mit kurzen, in kleinsten Abständen aufeinanderfolgenden

Klammern befestigt. Er hat also fast gar keine mechanische Beanspruchung

auszuhalten und liegt doch ganz gerade da. Im Gegensatz zu der von den

Siemens-Schuckert-Werken ausgeführten Bauform fehlt der Hilfsdraht bei

der Bauart der AEG.

Um die Längenänderungen unschädlich zu machen, welche durch die

wechselnden Wärmegrade in dem Fahrdraht auftreten, ist er mit Hilfe

einer sehr geschickten Anordnung in Abständen von 1 bis 1-1/2 Kilometern

durch kräftige Gewichte belastet, die ihn stets anspannen.

Die gesamte Leitungsanordnung folgt nicht genau der Gleismittellinie.

Sie bildet vielmehr ein fortwährend nach rechts und links ausweichendes

Zickzack. Man geht in dieser Weise vor, damit die Schleifbügel der

Lokomotiven nicht immer an der gleichen Stelle vom Fahrdraht berührt

werden. Es läge sonst die Gefahr vor, daß die Bügel an dieser Stelle

ausgesägt würden, daß sich eine Kerbe bildete, in welcher der Fahrdraht

sich schließlich verfangen, und wodurch er hinabgerissen werden könnte.

Dünne Rohrausleger, die in Fahrdrahthöhe von den Gitterträgern seitlich

zum Gleis vorspringen, sichern die Zickzacklinien.

Jeder der zwei oder drei über einem jeden Gleis liegenden Drähte, das

Tragseil, der Fahrdraht und -- wo vorhanden -- der Hilfsdraht, müssen

gegen die tragenden Stützen isoliert sein. Man hat sich wegen der immer

noch hohen Spannung nicht mit einfacher Isolation begnügt, sondern den

Grundsatz durchgeführt, daß an jeder Aufhängungsstelle eine doppelte

Isolierung vorhanden sein muß. Stromübergang in tragende Teile kann also

nach menschlichem Ermessen niemals stattfinden. Es hat sich gezeigt, daß

als Isolationsstoff nur Porzellan in Betracht kommt. Trotz ihrer

Zerbrechlichkeit ist diese Masse allein fest genug, um die sehr hohen

mechanischen Beanspruchungen auszuhalten. Bedeutet doch das Tragen eines

Stahl- oder Kupferdrahts von hundert Metern Länge eine ziemlich starke

Belastung. Als günstigste Gestaltung der Isolatoren hat sich die von

Wittfeld angegebene Diaboloform erwiesen (siehe Bild 401), die dem

bekannten Spielzeug nachgebildet ist.

Obgleich die Fahrleitung in einer Höhe von fünf Metern über der

Schienenoberkante verlegt ist, sind dennoch an den Wegübergängen

besondere Vorkehrungen getroffen, um eine Berührung unmöglich zu machen.

Bestünde doch die Gefahr, daß ein hoch beladener Heuwagen oder die

Spitze einer Fahne, die in einem Aufzug getragen wird, an die Leitung

stoßen könnte. Um dies mit Sicherheit auszuschließen, sind an jedem

Überweg zu beiden Seiten der Leitung und gleichgerichtet mit dieser

lange Warnungstafeln aufgehängt, deren Unterkanten ein bis zwei Meter

tiefer liegen als die Fahrleitung. Ein zu hoher Gegenstand, mit dem die

Geleise überquert werden sollen, müßte also schon vorher gegen eine

dieser Tafeln stoßen.

Übergänge mit besonders lebhaftem Verkehr haben trotzdem noch eine

weitere Sicherung erfahren. Die Fahrleitung führt an diesen Stellen

Strom nur dann, wenn die Wegschranken geschlossen sind. Solange der

Übergang geöffnet ist, geht der Strom durch ein unterirdisch verlegtes

Kabel von einer Wegseite zur anderen.

Neben der guten Eigenschaft, sich bequem transformieren zu lassen, hat

der Wechselstrom die unheilvolle Fähigkeit, Stromleitungen, die in

einiger Nähe gleichgerichtet mit seiner Fließrichtung verlaufen,

ungünstig zu beeinflussen. Er erregt in ihnen oft sehr starke

Fremdströme. Das Telegraphieren und Fernsprechen in Drahtleitungen, die

neben einer mit Wechselstrom betriebenen Bahnstrecke laufen, ist ohne

besondere Vorkehrungen unmöglich. Die Schwachstromleitungen müssen an

solchen Stellen daher meist in ganz anderer Weise als bisher verlegt

oder mit besonderen Schutzvorkehrungen ausgerüstet werden.

[Abbildung: 420. _An der Martinswand_

Streckenstück der elektrischen Mittenwald-Bahn]

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 57 / 60 段