Schaltet man Dynamo-Maschine und Elektromotor zwischen

Verbrennungsmaschine und Treibachsen, so gelangt man trotz des Umwegs zu

einer weit einfacheren Vorrichtung. Der größere Kraftbedarf beim

Anfahren und auf Steigungen kann aus einer Speicherbatterie befriedigt

werden, die während des glatten Laufs über die ebene Strecke aufgeladen

wird. Die Umkehrung der Bewegungsrichtung erfolgt durch einfaches

Umlegen eines Schalthebels. Der Leeranlauf wird durch Abschalten der

Dynamo-Maschine von den Leitungen bewirkt. Das Ergebnis ist ein in jeder

Beziehung brauchbares und vollständig selbständiges Eisenbahnfahrzeug.

Der Einsame ist in dieser Form ganz auf sich selbst gestellt, er vermag

sein einsiedlerisches Leben in vollständiger Unabhängigkeit

durchzuführen.

Obgleich die Verbrennungsmaschine in Form des Benzinmotors die besten

Ergebnisse liefert, wie der Kraftwagenbau lehrt, wendet man auf den

deutschen Eisenbahnen doch meist benzolelektrische Triebwagen an. Benzol

wie Benzin sind flüssige Kohlenwasserstoffe, die leicht vergasen. Das

Benzin wird aus Erdöl gewonnen, das Benzol aus Steinkohlen hergestellt.

Erdöl findet man in Deutschland nicht, während der Kohlenreichtum

unseres Vaterlands groß ist. Die Anwendung des Benzols macht die

Eisenbahn-Triebwagen also unabhängig von der Einfuhr aus dem Ausland und

zwingt nicht zum Abfließen größerer Geldsummen dorthin.

[Abbildung:

Erbaut von der AEG

395. _Benzolelektrischer Triebwagen des Khedive von Ägypten_]

Neben seiner etwas ungünstigeren Ausnutzbarkeit im Verbrennungsraum der

Maschinen hat das Benzol die weitere lästige Eigenschaft, daß es bereits

bei 0 Grad zu erstarren beginnt, während Benzin weit höhere Kältegrade

erträgt. Man hält darum während der kalten Jahreszeit zum Anlassen der

Motoren immer einen kleinen Benzinvorrat bereit. Wenn der Motor läuft,

wird der Benzolbehälter durch die heißen Abgase geheizt. Diese dienen

gleichzeitig dazu, einen flammenerstickenden Mantel um den

Brennstoffbehälter zu legen, damit die darin befindliche Flüssigkeit

nicht entzündet werden kann. Oft sind auch besondere Abdeckungen durch

eine Kohlensäure- oder Stickstoffschicht vorgesehen.

[Abbildung:

Erbaut von den Bergmann-Elektrizitätswerken in Berlin

396. _Benzol-elektrischer Triebwagen der preußischen Staatsbahnen_

mit Kühlwassergefäß über dem Dach]

Die benzol-elektrischen Triebwagen ruhen auf zwei Drehgestellen, von

denen das eine die Antriebs- und Stromerzeugungsmaschine, das andere die

Elektromotoren trägt. Die Einschaltung des bereits erwähnten, kleinen

Elektrizitätsspeichers gestattet eine ständig gleiche Beanspruchung der

Verbrennungsmaschine. Deren Anlassen erfolgt mittels Druckluft, die

ohnedies für die Bremse bereitet werden muß, oder durch Elektrizität,

indem die Dynamo-Maschine an die Speicher geschaltet wird und für kurze

Zeit als Motor läuft. Während der Wagen stillsteht, kann die

Umdrehungszahl der Kraftmaschine auf die Hälfte hinuntergesetzt werden,

wodurch die während dieser Zeit besonders merkbaren Erschütterungen sich

mindern.

Wie beim Kraftwagen ist zur Kühlung der Zylinderwände Kühlwasser

erforderlich. Es wird teils unter dem Wagenkasten, manchmal auch auf dem

Dach in einem Behälter untergebracht, der vorn ein feines Rohrnetz

trägt, damit eine möglichst große Wasserfläche mit der kalten Luft in

Berührung kommt. Bevor das an den Zylinderwandungen erhitzte Wasser dem

Kühler zufließt, durchläuft es im Winter Röhren unterhalb der Sitze in

den Wagenabteilen, wobei es diese erwärmt, also als Heizung dient. Die

wenig angenehm riechenden Abgase der Verbrennungsmaschinen, als welche

auch Diesel-Motoren mit Schwerölspeisung in Anwendung sind, werden durch

einen Schornstein über das Wagendach hinweggeführt.

Die Triebwagen bilden ein Verbindungsglied zwischen den dampfgetriebenen

Eisenbahnzügen und einer neuen Antriebsart, die mehr und mehr Platz zu

gewinnen sucht. Schon wenn man einen der Einsamen über die Schienen

rollen sieht, wird man inne, daß die alte, prächtige Dampflokomotive

nicht mehr Alleinherrscherin in der Welt auf Schienen ist. Aber auch bei

der Förderung großer, schwerster Züge erwächst ihr ein immer kräftiger

auftretender Wettbewerber. Der Anwendung der Elektrizität auf den

Vollbahnen, einem Gebiet, das bereits in die Zukunft weist, sei der

letzte Abschnitt dieser Betrachtungen über die Eisenbahntechnik der

Gegenwart gewidmet.

[Abbildung:

Accumulatoren-Akt.-Ges. in Berlin und Hagen

397. _Elektrische Kran-Lokomotive_

mit Speichern als Stromquelle]

[Abbildung:

Elektrische Einrichtung von der AEG

398. _Zug der elektrischen Vorortbahn Berlin-Lichterfelde-Ost_

Triebwagen mit Stromzuführung durch dritte Schiene. Gleichstrom von

500 Volt Spannung]

28. Unter dem Fahrdraht

Wir fahren über die Landstraße zu dem Riesenkraftwerk, das die

Eisenbahnen einer ganzen Provinz mit Strom versorgt. In fünf Minuten

würden wir angekommen sein, sagt unser Führer.

Angestrengt blicken wir geradeaus, um den sicherlich doch sehr großen

und ragenden Bau auftauchen zu sehen. Wir suchen die hohen Schornsteine,

die Zinnen und Dächer; wir spähen nach dem Wasserturm und den großen

Förderanlagen. Doch nichts davon ist zu sehen. Der Wagen hält. Wir sind

an Ort und Stelle, und noch immer suchen unsere Augen das

Riesenkraftwerk.

Der große Toreingang, vor dem wir gehalten haben, führt anscheinend ins

Innere der Erde. Doch wenn wir ihn durchschreiten, betreten wir keine

finstere, feuchte Höhle, sondern einen gut gelüfteten und mit

natürlichem Licht reichlich versorgten Maschinensaal. Gewaltige

Stromerzeuger wölben ihre Rücken und drehen sich, von gleichfalls

riesigen Maschinen angetrieben.

Wir sind im Eisenbahnkraftwerk. Keine Schornsteine, kein Wasserturm,

keine bautechnisch glanzvoll durchgebildeten Umfassungsmauern verraten

weithin den Ort, wo es sich befindet. In einer natürlichen Geländewelle

ist ein genügend großer Raum ausgeschachtet, mit schweren

Eisenbeton-Trägern überwölbt und nochmals durch mehrfache Steinpacklagen

nach oben hin gesichert. Das Ganze ist mit Wiesenboden überdeckt; nur

verhältnismäßig kleine Aussparungen gestatten dem Licht und der Luft

genügenden Eintritt.

Kein feindlicher Flieger wird imstande sein, ein solches Kraftwerk der

Zukunft durch eigene Sicht zu finden. Und er wird es auch nicht durch

Bombenwürfe zu zerstören vermögen, falls ihm der Ort seiner Lage durch

Verrat genau kundgegeben wird. Dieses Werk braucht keine weithin

sichtbaren Schornsteine und keinen Wasserturm zu haben, weil es nicht

mit Dampf, sondern mit Gasmaschinen betrieben wird. Solche Anlagen

lassen sich leicht verstecken, ohne daß sie durch irgendeinen Qualm

ihren Aufstellungsort kennzeichnen. Die Kosten für den bombensicheren

Einbau der Maschinen werden vermutlich reichlich dadurch aufgewogen

werden, daß man auf die prächtige baukünstlerische Ausstattung

verzichten darf, die heute bei derartigen großen Bauten, wenn sie frei

in der Landschaft stehen, nicht mehr umgangen werden kann.

Bei der Fortsetzung unserer Zukunftswanderung sehen wir noch mehr

Merkwürdigkeiten.

[Abbildung: 399. _Zug der elektrischen Vorortbahn

Ohlsdorf-Hamburg-Blankenese_

Triebwagen mit Stromzuführung durch Oberleitung. Wechselstrom mit 6000

Volt Spannung]

Die gewaltigen Brennstoffmassen, die dem Werk zur Bereitung des

Betriebsgases für die Maschinen zugeführt werden müssen, kommen durch

einen Tunnel an, damit auch die Bewegung der zahlreichen Güterwagen

nicht gleich einem Finger dem Flieger das Kraftwerk zu weisen vermag.

Die Abgase der Antriebsmaschinen gehen nicht in die Luft, sondern werden

in einer zugehörigen Fabrik auf Salpetersäure verarbeitet, die sie in

großen Mengen liefern. Auch elektrische Öfen zur Bereitung von Stahl auf

neuzeitlichste Art, vielleicht noch eine Aluminiumfabrik finden wir

angegliedert. Die große Schalttafel lehrt uns, daß im Kraftwerk nicht

nur der Strom für die Bahnen und die angegliederten Nebenbetriebe,

sondern auch zur Versorgung des Gewerbes und der Wohnhäuser in einem

großen Umkreis erzeugt wird.

So sehen die Pläne aus, die man heute in Preußen für die Krafterzeugung

zum Zweck des elektrischen Betriebs der Vollbahnen hegt. Bekanntlich

wurden bereits vor dem Krieg von militärischer Seite starke Bedenken

gegen den elektrischen Ausbau von Vollbahnen in weitem Umfang gehegt,

weil man fürchtete, daß durch Zerstörung eines der offen daliegenden und

daher von Fliegern leicht auffindbaren Kraftwerke alle Bahnen in einem

weiten Landgebiet zu gleicher Zeit stillgelegt werden könnten. Das

fliegersichere Kraftwerk, das ohne Schwierigkeiten zu schaffen ist,

entkräftet derartige Einwürfe.

Der große Krieg aber hat uns etwas noch viel Wichtigeres über den

Zusammenhang zwischen feindlichem Angriff und Aufrechterhaltung des

Eisenbahnbetriebs gelehrt, das außerordentlich zugunsten der Einführung

des elektrischen Betriebs spricht.

[Abbildung: 400. _Die Fahrschienen als Stromrückleiter_

Überbrückung des Schienenstoßes durch einen leitenden Kupferdraht]

Auf den Dampflokomotiven kann ausschließlich Steinkohle verfeuert

werden. Nun besitzt Deutschland große und vorläufig unerschöpfliche

Fundstellen für diesen Brennstoff. Aber die Steinkohlenbergwerke liegen

alle am Grenzrand. Das Saargebiet wie der Ruhrbezirk und noch weit mehr

die oberschlesischen Gruben könnten beim Eindringen eines Feinds über

unsere Grenzen verhältnismäßig leicht verlorengehen. Mit solchen

Möglichkeiten muß, auch wenn man sie für recht unwahrscheinlich hält,

stets gerechnet werden.

Die Bahnkraftwerke bedürfen der Steinkohle nicht. In ihnen können

Braunkohle und auch Torf verbrannt oder vergast werden. Diese

Brennstoffe aber besitzen wir in größter Fülle im Herzen des Reichs. Sie

werden immer zur Verfügung sein.

Die geschilderte Kraftwerkanlage und Erwägungen wie die eben angegebenen

räumen alle wirklich beachtenswerten Einwände gegen die Anlegung

elektrischer Vollbahnen weg, soweit sie sich auf die Landesverteidigung

beziehen. Denn die leichte Zerstörbarkeit der Fahrleitungen kann nicht

als durchschlagend angeführt werden, da ähnliches von den Geleisen gilt.

Ein von der Stromleitung unabhängiger Lokomotivpark freilich wird, um

militärischen Nachschub über die Grenzen hinaus künftig nicht unmöglich

zu machen, auch weiter vorhanden sein müssen. Die ölgespeiste

Diesel-Lokomotive dürfte für diesen Zweck entwickelt und eine genügend

große Zahl dieser Maschinen im Betrieb, also stets zur Verfügung

gehalten werden.

Die Einführung elektrischer Zugförderung wird einen gänzlichen Umsturz

der bisherigen Eisenbahnverhältnisse zur Folge haben. Wenn man an eine

so vollkommene Umgestaltung einer altbewährten Einrichtung denkt, so

müssen die Vorzüge, die sie bietet, groß sein.

Und das ist in der Tat der Fall.

Zwar liegen die Dinge durchaus nicht so, daß man die Hauptbahnen heute

unbedingt und schleunigst für elektrischen Betrieb umbauen müßte. Man

ist hier nicht am Ende der betrieblichen Möglichkeiten angelangt, wie es

z. B. bei den Pferdebahnen der Fall war, als deren elektrischer Umbau

vollzogen wurde. Die Straßenbahnen haben dadurch eigentlich erst ihre

Lebensberechtigung im neuzeitlichen Verkehrsgetriebe erkämpft. Die

Vollbahnen aber sind, wie wir gesehen haben, auch bei der Verwendung von

Dampfkraft durchaus als neuzeitliche und befriedigende Betriebsmittel

anzusprechen. Wenn trotzdem ihre Umgestaltung kraftvoll und sicherlich

unaufhaltsam angestrebt wird, so muß das Gründe besonderer Art haben.

[Abbildung: 401. _Fahrleitungsträger der Strecke Dessau-Bitterfeld_

In der Mitte: Diabolo-Isolator zum Tragen des Hängedrahts]

Man kann die Vorteile des elektrischen Vollbahnbetriebs kurz in

folgenden Punkten zusammenfassen:

Durch Vereinigung der gesamten Krafterzeugung in wenigen großen Werken

werden die Betriebskosten hinabgesetzt.

Es können minderwertige Brennstoffe verwendet und aus ihnen

Nebenerzeugnisse gewonnen werden.

Die elektrische Lokomotive vermag eine größere Leistungsfähigkeit zu

entfalten. Sie braucht kein totes Gewicht in Form von Vorräten

mitzuschleppen.

Die elektrische Lokomotive kann länger in ununterbrochenem Dienst

bleiben, läßt sich also weit besser ausnutzen.

[Abbildung:

Bauart der AEG (ohne Hilfsdraht)

402. _Fahrleitung der Strecke Dessau-Bitterfeld_]

[Abbildung:

Erbaut von den Bergmann-Elektrizitätswerken in Berlin

403. _Fahrleitung der Mittenwald-Bahn_]

Der Dienst der Lokomotivbeamten wird bedeutend erleichtert, da die

Handhabung der elektrischen Steuerung einfach und bequem ist.

Die Reisenden werden nicht mehr durch Rauch belästigt; die

Beschädigungen der Eisenbahnanlagen durch die im Rauch enthaltenen

Säuren fallen fort, desgleichen die Flurschäden, welche durch den

Funkenwurf der Lokomotiven entstehen.

Die Errichtung großer Bahnkraftwerke gibt Gelegenheit, elektrischen

Strom für Gewerbe und Beleuchtung zu billigen Preisen über weite

Landstrecken abzugeben.

Die Energie für elektrischen Bahnbetrieb kann durch Wasserkräfte erzeugt

werden.

Im folgenden sollen nun diese Hauptvorzüge des elektrischen Bahnbetriebs

näher betrachtet und im einzelnen begründet werden.

Die elektrische Zugförderung allein macht es möglich, die Krafterzeugung

in wenigen Stätten zusammenzufassen, die mit großen Maschineneinheiten

ausgerüstet sind. Das ist von umfassender Wichtigkeit. Denn der Betrieb

von Eisenbahnen, wie er jetzt im allgemeinen noch besteht, unterscheidet

sich zu seinen Ungunsten von den allgemein anerkannten Grundsätzen

technischer Anlagen.

In jeder Fabrik ist man bestrebt, die Krafterzeugung an Einem Punkt zu

vereinigen. Eine einzige große Maschinenanlage liefert die Krafteinheit

stets billiger als eine größere Zahl verstreuter kleiner Anlagen. Die

Summe der Einzelteile, welche der Abnutzung unterliegen und ständiger

Wartung bedürfen, wird dann geringer; die vielen kleinen Baustücke

lassen sich zu großen Maschinenteilen entwickeln, die weniger Verluste

durch Reibung und ähnliches ergeben. Insbesondere aber ist die

Ausnutzung des Heizstoffs ins Auge zu fassen. Schon wenn man an

Stelle der vielen Einzelfeuer unter den Lokomotivkesseln Einen

gewaltigen Brand in einem großen Dampfkraftwerk entzündet, genießt man

viele Vorteile; insbesondere dadurch, daß in den großen ortsfesten

Krafterzeugungsstellen minderwertiger Brennstoff verfeuert werden kann.

Auf dem Tender der Lokomotive muß stets beste Steinkohle liegen. Sie

allein ermöglicht es, die Feuerung bei mehrstündigen Fahrten gangbar zu

erhalten, weil sie verhältnismäßig wenig Schlacke bildet. Der Heizer auf

einer großen Schnellzuglokomotive ist ja voll beschäftigt, wenn er

ständig für rechtzeitige Zuführung der Kohle sorgt und die zahlreichen

Hebel an der Maschine bedient. Es ist ausgeschlossen, daß er häufiger

gründliche Reinigungen des Rosts vorzunehmen vermag. In der ortsfesten

Anlage dagegen kann die sehr aschereiche, billige Braunkohle in

großräumigen Anlagen bequem verfeuert werden. Durch Anordnung von

Treppenrosten und sonstigen Hilfsanlagen kann eine gründliche

Verbrennung herbeigeführt werden.

Abgesehen von der ungünstigen Zerteilung der Krafterzeugung durch die

Einzelfeuer entstehen durch Benutzung der Dampflokomotive große Verluste

am Volksvermögen auch dadurch, daß wichtige und teure Stoffe, die in der

Kohle enthalten sind, nicht ausgenutzt werden können, sondern gänzlich

verlorengehen müssen. Die großen chemischen Errungenschaften der letzten

Zeit gestatten, aus der Kohle, wenn man sie nicht unmittelbar auf dem

Rost verbrennt, sondern vorher in großen Anlagen vergast, Öle, Teerpech,

Ammoniumsulfat, ein vortreffliches Düngemittel, Salpetersäure und noch

manches andere zu gewinnen. Das Gas kann unter Dampfkesseln verbrannt

oder zum Betrieb von Gasmaschinen verwendet werden, jedenfalls aber ist

man imstande, durch das Festhalten der Nebenstoffe in großen ortsfesten

Werken bedeutende Werte zu gewinnen.

[Abbildung:

Bauart der AEG

404. _Weichenanlage auf der Strecke Dessau-Bitterfeld_]

Die zahlreichen Einrichtungen, die sich heute bereits zur letzten

Ausnutzung der Kesselleistung an der Lokomotive befinden, sind kaum noch

zu vermehren. Aus den Lokomotiven von der bisher gebräuchlichen Größe

können also bedeutend höhere Kraftleistungen nicht gut mehr herausgeholt

werden. Die Schwere der Züge und die Ansprüche, die an deren

Geschwindigkeit gestellt werden, wachsen jedoch unaufhörlich. Wenn man

mit Hilfe von Dampflokomotiven diesen Anforderungen entsprechen will,

müßte man die Maschinen noch weiter vergrößern. Eine Verbreiterung ist

wegen der nahen Nachbarschaft der Nebengeleise ausgeschlossen, die

Lokomotiven könnten also nur in der Länge wachsen. Längere Roste aber

mit der Hand gut zu beschicken, ist nicht mehr möglich, man müßte sich

zur Anwendung von Wanderrosten oder ähnlichen künstlichen

Beschickungsanlagen entschließen. In Amerika hat man einige Versuche in

dieser Hinsicht gemacht, in Europa betrachtet man eine weitere Belastung

der Lokomotive mit derartigen Neueinrichtungen als nicht zweckmäßig, wie

bereits auf Seite 247 dargelegt worden ist.

[Abbildung: 405. _Fahrleitungsanlage über einem Bahnhof_]

[Abbildung:

Anlage ausgeführt von den Siemens-Schuckert-Werken

406. _Eisbildung auf einer Fahrleitung_

Abklopfen des Eises vom Fahrdraht der schwedischen Lapplandbahn]

Die Beschränkung des Feuerungs- und Kesselraums setzt also der

Leistungsfähigkeit der Dampflokomotive eine Grenze nach oben. Freilich

wird diese Maschine wahrscheinlich noch sehr lange imstande sein, selbst

die schwersten gebräuchlichen Züge zu schleppen. Elektrische Lokomotiven

können für jede beliebige Leistung gebaut werden.

[Abbildung: 407. _Spanngewichte_

Belastung des Fahrdrahts zum Ausgleich der Wärmeänderungen]

Eine weitere Vergrößerung der Dampflokomotive würde auch zur Folge

haben, daß die tote Last der Vorräte, welche von ihr ständig

mitgeschleppt werden muß, eine Vergrößerung erführe. Bei Schnellzügen

beträgt das Gewicht von Kohle und Wasser auf dem Tender bei Anfang der

Fahrt heute bereits nicht weniger als zwölf vom Hundert des gesamten

Zuggewichts. Beim Güterzug sind es immer noch fünf vom Hundert. Die

elektrische Lokomotive braucht gar keine tote Last mit sich zu führen.

Die Ausnutzungsfähigkeit der Dampflokomotive wird dadurch stark

herabgemindert, daß sie nach Fahrleistungen von wenigen Stunden immer

wieder für längere Zeit von der Strecke zurückgezogen werden muß, damit

der Rost gereinigt, die Rauchkammer entleert und sonstige Hilfsarbeiten

an ihr ausgeführt werden können. Eine Dampflokomotive, die gänzlich

außer Betrieb gesetzt war, braucht lange Zeit, bis sie so weit angeheizt

ist, daß sie wieder vor den Zug gelegt werden kann. Die Mannschaften

haben für Instandhaltung und Inbetriebsetzung der Maschinen sehr viel

Arbeit zu leisten, die dem eigentlichen Betrieb nicht zustatten kommt.

Bei der elektrischen Lokomotive fällt das alles fort. Sie kann

ununterbrochen im Betrieb bleiben, bis die Notwendigkeit einer

Ausbesserung eintritt, was sehr viel seltener der Fall sein wird als bei

der älteren Maschine mit ihrer bedeutend größeren Anzahl von

Einzeleinrichtungen. Vorbereitungen sind bei ihr nicht notwendig. Sie

ist stets sofort voll betriebsbereit. Auch die lästige Arbeit des

Wendens, die bei Dampflokomotiven mit Tendern so oft notwendig wird,

fällt fort, da die elektrische Lokomotive Führerstände an beiden

Stirnseiten besitzt.

Eine geradezu umwälzende Verbesserung in ihren dienstlichen

Verhältnissen bringt die elektrische Lokomotive den darauf beschäftigten

Beamten. Der Übergang vom völlig ungeschützten Stand zum heutigen

Führerhaus war kaum durchgreifender als die Verbesserung ist, welche die

neue Maschinenform gewährt. Trotz aller Schutzvorkehrungen leidet die

Lokomotivmannschaft im Winter, insbesondere bei Stürmen, noch immer

recht lebhaft unter der Witterung. In unmittelbarer Nähe des Kessels

herrscht starke Hitze, während ein einziger Schritt rückwärts in

grimmige Kälte bringt.

[Abbildung:

Bauart Siemens & Halske

408. _Überwegschutz_

Warnungstafeln am Wegübergang, deren Unterkante tiefer liegt als die

Fahrleitung]

Der „elektrische“ Führer steht in einem nach allen Seiten geschlossenen,

angenehm geheizten Haus. Er ist nicht schlechter daran als die Insassen

der Abteile. Ihn belästigen weder Wärmeausstrahlungen noch kalte Winde.

Hinter einer großen Glasscheibe stehend, überblickt er das Gleis ohne

Hinderung. Der verdeckende, lange Vorbau des Kessels fällt fort, keine

Dampfwolke verhüllt mehr die Signale, kein Donnerkrachen der auf den

Schienen rollenden Räder gellt ihm ungehindert in die Ohren.

[Abbildung:

Accumulatoren-Akt.-Ges. in Berlin und Hagen

409. _Überwachungswagen_

Fahrzeug zum Nachsehen und Ausbessern der elektrischen Oberleitung]

Es ist kein Zweifel, daß die Gestalt des Lokomotivführers künftig viel

von dem geheimnisvollen Schimmer verlieren wird, mit dem sie heute noch

umwoben ist. Die Abtrennung der Lokomotivmannschaft vom übrigen Zug

findet nicht mehr statt, wahrscheinlich wird der Zugführer künftig

seinen Platz neben dem Lokomotivführer erhalten und trotzdem jederzeit

von dort die übrigen Fahrzeuge des Zugs erreichen können.

[Abbildung:

Erbaut von der Hanomag. Elektrische Ausrüstung von der AEG

410. _Elektrische Güterzug-Lokomotive_

mit Blindwelle und Schubstangenantrieb. Achsanordnung ~D~]

Die Fahrgäste selbst werden nach dem Übergang zu der neuen Betriebsart

unmittelbar und mit besonderer Freude den Wegfall der recht unangenehmen

Rauchbelästigung bemerken. Auch die allerreinlichsten Menschen werden es

künftig kaum noch notwendig haben, stundenlang mit Handschuhen in der

Eisenbahn zu sitzen, weil sie nicht mehr zu befürchten brauchen, daß sie

sich beim Anfassen irgendeines Gegenstands sofort die Finger berußen.

Das Hinabrieseln der feinen, aus dem Schornstein der Maschine

mitgerissenen Kohleteilchen auf die Wagen des Zugs wird aufhören. Sie

werden nicht mehr so beräuchert aussehen, und ebenso werden die Bahnhöfe

ein viel freundlicheres Gesicht zeigen. Die Verwaltungen werden viel

Geld für Anstrichfarben sparen können, die starken Verletzungen, welche

alle Eisenbauten durch die im Lokomotivrauch enthaltenen Säuren

erleiden, werden nicht mehr eintreten.

Ferner wird den Verwaltungen eine bedeutende Ersparnis durch den Wegfall

der Flurschäden erwachsen, die trotz aller Schutzstreifen und Gräben

fortwährend durch den Funkenwurf der Lokomotiven entstehen. Die

elektrische Lokomotive wird zwar -- bildlich gesprochen -- durch den

weithin zuckenden Funken getrieben, aber sie wirft ganz gewiß keine

zündenden Funken aus.

Weniger bequem als bei Benutzung der Dampflokomotive ist beim

elektrischen Betrieb vorläufig die Durchführung der Heizung. Am

einfachsten wäre es, wie es auch heute in Einzelfällen bereits

geschieht, die Wagen dadurch zu erwärmen, daß man unter den Sitzen

Widerstandskörper aufstellte, die durch hineingeleiteten Strom erhitzt

werden. Es ist aber für unabsehbare Zeit nicht darauf zu rechnen, daß

alle Züge mit elektrischen Lokomotiven gefahren werden. Noch lange wird

der Dampfbetrieb bei weitem überwiegen, so daß an ein Entfernen der

Dampfheizkörper nicht gedacht werden kann. Um Freizügigkeit der Wagen

zwischen Dampfzügen und elektrischen Zügen zu erwirken, werden darum die

elektrischen Lokomotiven mit Dampfentwicklern für die Heizung versehen

sein müssen.

[Abbildung: 411. _Elektrische Lokomotive der Rhätischen Bahn (Chur-St.

Moritz) mit Schneepflug_

Achsanordnung 1 ~D~ 1]

Es ist also während des Winters der Betrieb eines Heizkessels auf

solchen Lokomotiven notwendig. Die Wärmeerzeugung erfolgt hier entweder

durch Koks- oder durch Ölfeuerung. Die technisch schönere elektrische

Heizung mittels Widerständen stellt sich zu teuer.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 56 / 60 段