Es hat sich jedoch gezeigt, daß Wasserballast kein besonders

wünschenswertes Antriebsmittel ist, da er auch dort, wo Wasser auf der

Höhe leicht beschafft werden kann, durch sein Gewicht zu bedeutenden

Ausgaben zwingt. Es ist nämlich die Einrichtung eines besonders starken

Oberbaus, insbesondere schwere Durchbildung der Brücken notwendig. Auch

ist im Gefahrfall ein Umkehren der Fahrtrichtung nicht möglich. Aus

diesen Gründen geht man immer mehr dazu über, die Seilrolle, um die das

Seil in solchem Fall mehrfach herumgeschlungen wird, durch

Maschinenkraft, entweder durch Dampf oder durch Elektrizität,

anzutreiben.

Die für Seilbahnen angewendete Zugkraft muß den Widerstand des Wagens

und das Gewicht des Seils überwinden. Der Zug, den das Seil auf die

antreibende Rolle ausübt, bleibt jedoch nicht gleich. Je weiter der

talwärts gehende Wagen nach unten gelangt, desto länger wird der

hinabhängende Teil des Seils, der ziehend wirkt. Man braucht also

eigentlich eine immer geringer werdende Zugkraft an der Rolle. Da hier

jedoch vollständige Gleichmäßigkeit erwünscht ist, so muß man einen

Ausgleich anstreben. Am besten ist es, wenn die Steigung nach oben zu

immer steiler wird. Die Erleichterung des Antriebs durch das talwärts

hängende lange Seilstück wird dann durch den größeren Widerstand des

aufsteigenden Wagens ausgeglichen. Eine solche Streckengestaltung läßt

sich jedoch nicht überall erwirken. Man hilft sich in solchem Fall

dadurch, daß man die Hinterenden der beiden Wagen gleichfalls durch ein

Seil verbindet, dessen Gewicht nun dem des eigentlichen Zugseils

entgegenwirkt. Auch durch allmähliches Ablassen von Wasser aus dem zu

Tal gehenden Wagen wird gleichbleibende Belastung der Seilrolle

herbeigeführt.

Seilbahnen werden entweder eingeleisig angelegt, oder sie erhalten drei

Schienen, wobei alsdann die mittlere Schiene für beide Fahrrichtungen

benutzt wird. Dort, wo die Wagen einander begegnen, also in der Mitte

der Strecke, muß eine Ausweichmöglichkeit geschaffen sein. Das Gleis

teilt sich hier, und eine einfache Vorkehrung sorgt dafür, daß jeder

Wagen stets selbsttätig auf eines der beiden Ausweichgeleise gedrängt

wird. Man gibt zu diesem Zweck den Rädern, die auf der außen liegenden

Schiene laufen, doppelte Spurkränze. Die Räder auf der anderen Seite

haben überhaupt keine Spurkränze, sind also nur einfache Walzen. Die

Außenschiene läuft an der Ausweichstelle glatt durch. Durch die

Spurkränze werden die Räder gezwungen, der Schienenkrümmung zu folgen,

und so müssen sie auf getrenntem Pfad aneinander vorbeigleiten. (Siehe

Bild 372 auf Seite 477.)

[Abbildung: 381. _Auf dem Paõ de Assucar_

Gipfelbahnhof der Seil-Schwebebahn von Rio de Janeiro]

Bei Seilbahnen besteht die Gefahr eines Emporhebens des Wagens in noch

höherem Grad als bei Zahnbahnen. Man wirkt dem Auftrieb entgegen, indem

man den Fahrschienen einen keilförmigen Kopf gibt und diesen durch

Zangen umgreifen läßt. Wenn man die Möglichkeit schafft, die

Zangenschäfte mittels Schrauben einander zu nähern, so kann man die

Zangen zugleich vortrefflich als Bremsen benutzen. Bei der Jungfraubahn,

einer Zahnbahn, wird, wie schon erwähnt, die Zangenbremse an die

Zahnstange angepreßt.

Auch auf Seilbahnen findet man häufig eine Zahnstange zwischen den

Geleisen verlegt, so z. B. auf der Bergbahn, die von Heidelberg am

Schloß vorbei zur Molkenkur hinaufführt. Der Volksmund spricht in

solchem Fall meist von Zahnradbahnen, was jedoch eine Täuschung über die

tatsächlichen Betriebsverhältnisse ist. Die Zahnstange wird hier nur zum

Bremsen benutzt, indem ein nicht angetriebenes, aber feststellbares

Zahnrad am Wagen in die Stange eingreift.

Damit die sich bewegenden Seile nicht durch Schleifen auf dem Boden

abgenutzt werden, sind zwischen den Schienen Seilrollen aufgestellt,

gegen welche sich die Seile nach Vorüberfahrt des Wagens legen. Sehr

lange Seilstrecken werden in mehrere Abschnitte unterteilt, zwischen

denen umgestiegen werden muß, damit die auf den einzelnen Antrieb

fallenden Seilgewichte nicht allzu hoch werden.

Bis jetzt haben wir nur von solchen Seilbahnen gesprochen, welche die

Form von Standbahnen haben. In sehr großer Zahl sind sie jedoch auch als

Schwebebahnen in Benutzung. Hierbei können die Wagen auf festen Schienen

laufen, die an Pfeilern befestigt sind, wie bei der Schwebebahn zwischen

Dresden und Loschwitz, oder es treten fest ausgespannte Seile an die

Stelle der Schienen. Derartige Drahtseilbahnen sind besonders von

deutschen Fabriken in allen Weltteilen erbaut worden. Sie dienen meist

der Lastenbeförderung, z. B. von Bergwerken zu Schiffsladeplätzen oder

innerhalb großer gewerblicher Anlagen, werden jedoch auch zur

Personenbeförderung benutzt.

[Abbildung: 382. _Selbsttätige Seilschmierung auf einer Schwebebahn_

Der Schmierwagen auf der Strecke]

Der Hauptvorzug dieser Drahtseilbahnen ist, daß auch tief zerrissenes

Gelände von ihnen durchfahren werden kann. Wollte man zum Durchfahren

eines Gebirgsteils der fortwährend von tief eingeschnittenen Tälern

durchbrochen ist, eine Standbahn anlegen, so wäre diese gezwungen, sich

allen Windungen des Geländes anzupassen. Der Weg müßte hierdurch sehr

lang werden, so daß die Bahn sehr teuer würde. Die Drahtseile kann man

glatt von einem Geländepunkt zum andern hinüberlegen, ohne Rücksicht

darauf, was sich dazwischen befindet. Die Spannweiten können ein

Kilometer und mehr betragen, so daß die Aufstellung von nur

verhältnismäßig wenigen Pfeilern notwendig ist.

Wo es sich um Personenbeförderung handelt, also vollkommenste Sicherheit

erforderlich ist, legt man stets zwei Tragseile aus, von denen jedes das

Wagengewicht mindestens zehnmal auszuhalten vermag. Selbst der Bruch

eines der Seile würde also noch keine Gefahr heraufbeschwören. Die

Tragseile werden an dem einen Ende fest verankert, am anderen Ende

hängen sie frei hinunter und sind mit Gewichten belastet, so daß die

Wärmedehnung ausgeglichen wird und ein gleichmäßiges Durchhängen

gesichert ist. Für den Antrieb der Wagen werden besondere Zugseile

benutzt. Auch diese werden zumeist doppelt ausgeführt, damit beim Reißen

des einen Zugseils der Wagen noch in die Haltestelle geschafft werden

kann. Selbsttätige, ausreichend erprobte Hemmvorrichtungen verhindern

ein Hinabgleiten selbst im Fall des Reißens beider Zugseile.

[Abbildung:

Wagen erbaut von van der Zypen & Charlier in Köln-Deutz

383. _Die Elberfelder Schwebebahn_

Streckenstück über der Wupper]

Eine besondere Schwebebahnart befindet sich seit dem Beginn des

Jahrhunderts in Elberfeld als Stadtschnellbahn in Betrieb. Zum größten

Teil stand für diese Bahn nur der Raum über dem Flußbett der Wupper zur

Verfügung. Es mußte daher eine leichte Fahrbahn erbaut werden, die sich

an die schräg über den Fluß gestellten Stützen anhängen ließ. Die

gewählte Bauart Langen-Cöln hat sich vortrefflich bewährt. Jeder Wagen

hängt an zwei Jochen, welche die Fahrschiene von oben und unten

umgreifen, so daß eine Entgleisung ausgeschlossen ist. Die vier Räder

jedes Jochs werden durch Elektromotoren angetrieben.

[Abbildung:

Nach einer Tafel im Deutschen Museum zu München

384. _Linienerstreckung der Jungfraubahn_

~a~) Ursprungsstelle Kleine Scheidegg, ~b~) Haltestelle

Eigergletscher, ~c~) Haltestelle Eigerwand, ~d~) Haltestelle Eismeer,

~e~) Haltestelle Jungfraujoch, ~f~) Endstelle am Gipfel]

[Abbildung:

Aufnahme von Photoglob in Zürich

385. _Haltestelle Eigergletscher der Jungfraubahn (2830 Meter)_

Im Hintergrund ganz links der Eiger (3975 Meter), ganz rechts der

Mönch (4105 Meter)]

Unter allen Bergbahnen nimmt die Jungfraubahn eine ganz besondere Stelle

ein. Und das ist der Fall, obgleich sie weder die höchst gelegene

Haltestelle aller Bahnen der Erde hat, noch selbst die am weitesten

hinaufdringende Bergbahn ist. Die schon auf Seite 159 erwähnte

Peruanische Anden-Bahn Callao-Lima-Oroya überschreitet den Paß auf 4774

Meter Höhe. Die Bergbahn auf den Pikes Peak in Nordamerika fährt bis zu

4320 Metern Höhe hinauf. Der Gipfel der Jungfrau aber ist nur 4166 Meter

hoch, die größte von der Bahn bis jetzt erreichte Höhe beträgt 3457

Meter. Aber in den Alpen liegt die Schneegrenze sehr viel niedriger als

an den erwähnten Stellen in Amerika, so daß die Jungfraubahn die einzige

ist, welche die Großartigkeit der Gletscherwelt in bequemster Weise

erschließt.

[Abbildung:

Aufnahme von Photoglob in Zürich

386. _Tunnelausfahrt auf der Jungfraubahn_

Blick auf den Mönch]

Vielfach war schon der Plan gehegt worden, die erhabenen Schönheiten der

Jungfrau durch eine Bergbahn zu erschließen. Es bedurfte aber erst des

großen Gedankens eines mit künstlerischem Blick begabten Manns, um die

richtige Bahnlage herauszufinden. Nach den ersten Plänen stieg die Bahn

stets geradenwegs auf den Berg hinauf, so daß sich von allen Punkten aus

immer das gleiche Landschaftsbild den Augen geboten hätte, nur mit

zunehmender Höhenlage immer weiter sich ausbreitend. Der Schweizer

Industrielle _Guyer-Zeller_ erkannte, daß man nicht nur auf das Ziel,

sondern auch auf den Weg zu achten habe: damit die Bahn ausreichenden

Ertrag abwerfen könnte, mußte sie viele wechselnde Bilder erschließen.

Der Gedanke, wie das gemacht werden könne, kam ihm als echter Genieblitz

plötzlich wie eine Erscheinung. Am 27. August 1893 bestieg er mit

seiner Tochter von Mürren aus den Gipfel des Schilthorns, von dem

man eine prächtige Aussicht auf die zusammenhängende Bergmasse

Eiger-Mönch-Jungfrau hat. Guyer war die ganze Zeit über sichtlich mit

einem Gedanken beschäftigt; beim Aufstieg blieb er plötzlich stehen und

rief: „Nun habe ich’s gefunden!“ Noch in derselben Nacht fertigte er

trotz der Müdigkeit, welche die schwere Bergwanderung dem mehr als

fünfzigjährigen Mann verursacht haben mußte, eine Zeichnung an, die den

ihm vorschwebenden Lageplan der Jungfraubahn darstellte.

[Abbildung:

Aufnahme von Photoglob in Zürich

387. _Postablage auf der Haltestelle Eismeer der Jungfraubahn (3161

Meter)_]

Die Zeichnung trägt den Vermerk: „11 - 1-1/2 Uhr nachts, Zimmer Nr. 42,

Kurhaus, 27. bis 28. August 1893. G.-Z.“ Die genaue Datierung verrät,

daß Guyer sich der Tragweite seines Gedankens voll bewußt war. Und

wirklich ist die Bahn genau so gebaut worden, wie er ihre Lage damals

vorgezeichnet hat; selbst nach seinem Tod wurde nichts Wesentliches

daran geändert.

Die Strecke steigt jetzt erst nach weitem Umweg durch Eiger und Mönch

zur Jungfrau hinauf. Dadurch wird bewirkt, daß jede Haltestelle einen

ganz neuen und überraschenden Blick eröffnet, daß die Aussicht in

angenehmer Steigerung stets an Großartigkeit zunimmt.

Am 19. September 1898 wurde die erste Haltestelle „Eigergletscher“

eingeweiht. Erst vier Jahre nach Guyer-Zellers Tod war der nächste

Bahnhof „Eigerwand“ erreicht. 1905 folgte die Haltestelle „Eismeer“ und

1912 war das „Jungfraujoch“ erstiegen. Die Fortsetzung ist noch nicht

begonnen. Es besteht die Absicht, die eigentliche Bahn nicht unmittelbar

auf den Gipfel hinaufzuführen, sondern sie unter diesem enden zu lassen

und für das letzte Stück einen senkrechten Aufzug vorzusehen.

Die Jungfraubahn entspringt auf der Kleinen Scheidegg, wo sie sich an

die von Lauterbrunnen und Grindelwald herkommende Wengern-Alp-Bahn

anschließt. Sie ist eine Zahnradbahn mit elektrischem Antrieb. Bis zur

Haltestelle „Eigergletscher“ fährt sie auf offenem Gleis. Von da ab

steigt sie in geschlossenem, in den Fels gesprengten Tunnel empor. Die

Haltestellen sind Durchschläge des Tunnels durch den Fels, Fenster

gewissermaßen, die in den Bergwänden eröffnet wurden. Auf dem Bahnhof

„Eismeer“ befindet sich ein großes, modern eingerichtetes Hotel, das mit

elektrischer Küche und elektrischer Heizung alle Bequemlichkeiten

bietet. Das Entzücken, welches die Ausblicke von den Haltestellen der

Jungfraubahn den Reisenden gewähren, ist unvergleichlich; keine andere

Bahnstrecke auf der Erde vermag auch nur ähnliche Naturgenüsse zu

bieten.

[Abbildung:

Erbaut von der Maschinenfabrik Eßlingen

388. _Dampftriebwagen_]

27. Der Einsame

Wenn der gute Onkel um die Weihnachtszeit das Fritzchen fragt, was es am

liebsten geschenkt haben möchte, dann ist eine häufige Antwort: „Eine

Eisenbahn!“ Das Kind will damit durchaus nicht sagen, daß es eine große

Bahnanlage mit Geleisen, Hochbauten und Signalen wünscht, sondern es

meint bescheidentlich nur einen Zug. Zug und Eisenbahn sind für den

Begriff des Kinds und auch der meisten Erwachsenen dasselbe. Das

Fritzchen ruft: „Dort fährt eine Eisenbahn!“, aber auch der Vater sagt:

„Morgen fahre ich mit der Eisenbahn!“, während er doch dabei im Sinne

hat, daß er in den Zug steigen wird.

[Abbildung: 389. _Lokomotivwagen_

Dampftriebwagen auf der Otavibahn in Deutsch-Südwestafrika]

Diese Benennung eines Teils mit dem Namen des Ganzen, dieses ~totum pro

parte~, hat hier einen tiefen innerlichen Sinn. Alle Eisenbahnanlagen

sind ja nur geschaffen, damit die Züge befördert werden können. Die

häufige Anwendung der erwähnten Redeform aber hat ihre Ursache in der

alles beherrschenden prachtvollen Erscheinung der dahinstürmenden langen

Züge. Bis vor wenigen Jahren haben sie auch ausschließlich die

Beförderung besorgt. Seit kurzer Zeit aber sieht man häufiger und

häufiger an Stelle der hinter der Lokomotive zusammengeschlossenen

Wagengemeinschaft ein einsames Fahrzeug über die Schienen rollen, durch

dessen Fenster Gesichter von Reisenden blicken. Man fährt heute nicht

mehr ausschließlich mit der „Eisenbahn“ im kindlichen Sinn, die immer

vielfältiger werdenden Verkehrsansprüche haben einen neuartigen Bewohner

der Welt auf Schienen entstehen lassen.

Den Verkehrsansprüchen der Jetztzeit genügt es nicht mehr, wenn selbst

auf einer verkehrsärmeren Strecke nur drei- bis viermal am Tag

Beförderungsgelegenheit gegeben ist. Die Eisenbahnverwaltungen aber, die

doch ein wirtschaftliches Ergebnis aus ihrem Betrieb erzielen müssen,

können Züge zumeist nur dann laufen lassen, wenn auf einigermaßen

genügende Besetzung zu rechnen ist. Vor jedem Zug liegt ja eine

Lokomotive, und diese arbeitet äußerst unwirtschaftlich, wenn ihre

Zugkraft nur zum Teil ausgenutzt wird. Man hat zur Ausfüllung größerer

Verkehrspausen leichte Züge mit verhältnismäßig schwachen Lokomotiven

eingeführt, ohne jedoch zu einem geldlich befriedigenden Ergebnis

gekommen zu sein. Um die hier sehr erwünschte, gründliche Abhilfe zu

schaffen, mußte eine noch leichtere kleinere Verkehrseinheit geschaffen

werden. Sie ist in dem _Triebwagen_ gefunden worden.

[Abbildung:

Accumulatoren-Akt.-Ges. in Berlin und Hagen

390. _Elektrischer Triebwagen_

Speicher-(Akkumulatoren-)Doppelwagen der preußischen Staatsbahnen]

Dieser vereinigt in einem einzigen Fahrzeug Antriebsmaschine und Räume

für die Reisenden. So läßt sich ein niedriges Gesamtgewicht erzielen,

die tote Last, die auf jeden einzelnen Platz kommt, ist gering, die

Bedienung kann durch einen einzigen Mann vorgenommen werden, der

Lokomotivführer, Heizer und Schaffner zugleich ist. Während jeder Zug an

der Endstelle umständlich kehren muß, indem zum mindesten die Lokomotive

von einem Zugende an das andere umsetzt, können die Triebwagen ohne

weiteres ihre Fahrtrichtung wenden. Sie vermögen auch auf solchen

Bahnhöfen zu kehren, die keine genügenden Einrichtungen für

Verschiebebewegungen von Zügen haben. So ist der Triebwagen das

schmiegsamste aller Beförderungsmittel; die äußerst günstigen

Betriebseigenschaften, welche ihm innewohnen, lassen seine Bedeutung

mehr und mehr wachsen.

[Abbildung:

Accumulatoren-Akt.-Ges. in Berlin und Hagen

391. _Speicherraum_

Zellenaufstellung vor der Stirnwand des Triebwagens]

Auf den preußischen Staatsbahnen gab es im Jahre 1907 erst fünf

Triebwagen, die zur Erprobung ihrer Leistungsfähigkeit erbaut waren. Im

Jahre 1910 waren bereits 100 dieser Fahrzeuge im Betrieb; heute laufen

in Preußen 367 Triebwagen, auf allen deutschen Bahnen 470. Sie dienen

dazu, größere Pausen im Zugverkehr auszufüllen, sie bringen von

Nebenlinien Fahrgäste zu den Schnellzügen der Hauptstrecke und

verbessern die Anschlüsse auf den Hauptstrecken selbst. Ihr Antrieb

erfolgt durch Dampf, durch Elektrizität und hier und da auch durch Gas-

oder Ölmotoren. Das Neueste ist die Verbindung von Gas-Krafterzeuger und

elektrischen Antriebsmaschinen auf Einem Fahrzeug.

[Abbildung:

Accumulatoren-Akt.-Ges. in Berlin und Hagen

392. _Elektrizitäts-Speicher_

Bleiplatten in der Speicherzelle eines Triebwagens]

Die Kesselanlagen der Dampftriebwagen unterscheiden sich grundsätzlich

von denen der Lokomotiven. Kommt es doch hier darauf an, äußerst billig

zu arbeiten und mit der Bedienung der gesamten Dampfanlage durch Einen

Mann auszukommen. Man richtet die Feuerung möglichst so ein, daß sie

sich selbsttätig beschickt, indem etwa der Brennstoff in einem auf dem

Dach liegenden Bunker untergebracht ist, von wo er, durch besondere

Vorkehrungen geregelt, nach Bedarf dem Rost zurutscht. Der Kessel ist

sehr klein, er birgt fast gar keinen Vorrat an Wasser; dieses wird ihm

vielmehr ständig zugeführt. Meist enthält der Kessel nur gerade so viel

Dampf, wie die Maschine in jedem Augenblick gebraucht. Sehr rasches

Anheizen ist auf diese Weise möglich, so daß der Triebwagen stets sofort

in Betrieb gesetzt werden kann und die Vorbereitungszeiten fortfallen.

Sehr günstig wirken die Anwendung hoher Überhitzungsgrade und

außergewöhnlicher Dampfspannungen, die bis zu 35 Atmosphären

hinaufgehen.

Häufig ist ein Führerstand nur auf Einer Stirnseite des Dampfwagens

vorgesehen, nämlich dort wo der Kessel liegt. Dann aber ragt der Stand

nach beiden Seiten über die Wagenbreite hinaus, damit der Führer auch

bei Rückwärtsfahrt die Strecke überschauen kann und ein Wenden des

Triebwagens auch in diesem Fall unnötig wird. Andere Dampfwagen haben

zwei Führerstände, wobei dann von der einen Seite Zugstangen zu den

eigentlichen Maschinengriffen hinübergeleitet werden müssen. In solchem

Fall wird man meist noch einen besonderen Heizer vorsehen müssen, da der

Kessel nicht gut ganz ohne Aufsicht gelassen werden kann.

Die weitaus größte Zahl der heute in Deutschland verkehrenden Triebwagen

wird durch elektrische Speicherbatterien (Akkumulatoren) angetrieben.

Obgleich diese Antriebsart bei den Straßenbahnen versagt hat und sich

bei Kraftwagen nur in sehr mäßigen Grenzen bewährt, hat sie sich für

Eisenbahn-Triebwagen als recht günstig erwiesen. Der Grund ist, daß hier

eine erschütterungsarme Fahrbahn vorhanden ist, und sachgemäße Wartung

und Aufsicht in jedem Augenblick zur Verfügung stehen. Es kommt die

Aufstellungsart der Speicherkasten hinzu, die hier günstiger sein kann

als bei den Straßenbahnen.

Bei den ersten Triebwagen mit Elektrizitätsspeichern standen die Kasten

mit den stromgebenden Zellen wie bei den Straßenbahnen unter den

Sitzbänken. Hier waren sie schlecht zugänglich, während des Ladens

füllten sie die Abteilräume mit schlecht riechenden Gasen an. Auf den

Vorschlag _Wittfelds_ ist gründliche Abhilfe dadurch geschaffen, daß die

Speicherbatterien jetzt in besonderen, den Stirnseiten der Wagen

vorgelagerten Räumen untergebracht werden. So entstand die eigentümliche

Form des heutigen elektrischen Triebwagens, die sich mehr und mehr Platz

erobert. Als besonders wirtschaftlich hat sich die Anwendung großer

Speicherbatterien herausgestellt. Der von ihnen angetriebene Wagen mußte

entsprechend der Leistungsfähigkeit der Motoren ziemlich lang ausfallen.

Um ihm eine genügende Schmiegsamkeit in den Gleiskrümmungen zu wahren,

wird er meist in der Mitte durchgeteilt. Es bildete sich der

Doppel-Triebwagen mit Kurzkupplung zwischen den beiden Teilen heraus.

Sie stellen zusammen eine Einheit dar, ihre Trennung kann nur in der

Werkstatt vorgenommen werden.

[Abbildung:

Bauart der Bergmann-Elektrizitätswerke in Berlin

393. _Fahrerstand eines Triebwagens_

mit Fahrschalter, Luftbremse und Handbremse]

Die Speicherbatterien bestehen aus einzelnen Zellen, die in säurefest

ausgefütterte Holzkasten eingesetzt sind. Es befindet sich verdünnte

Schwefelsäure darin, in die besonders durchgebildete Bleiplatten

eintauchen. Wenn den Zellen genügend lange Zeit Strom von außen

zugeführt ist, sind sie nachher imstande, Strom abzugeben und damit die

unter dem Wagen angebrachten Motoren anzutreiben.

Hieraus geht hervor, daß die Triebwagen dieser Art von Ladestellen

abhängig sind. Meist sind sie nur befähigt, mit einer einzigen Ladung

100 Kilometer zurückzulegen; sie dürfen sich also niemals weiter als 50

Kilometer von ihrer Ladestelle entfernen, damit sie auch wieder zu

dieser zurückkehren können. Neuerdings gibt es auch Speichertriebwagen

mit einer Fahrfähigkeit von 180 Kilometern. Die Stundengeschwindigkeit

beträgt höchstens 60 Kilometer.

[Abbildung:

Accumulatoren-Akt.-Ges. in Berlin und Hagen

394. _Einrichtungen im Fahrerstand eines Triebwagens der preußischen

Staatsbahnen_

In dem Schaltschrank: 1. Motorsicherung, 2. Batteriesicherung, 3.

Batterieumschalter, 4. Motorausschalter, 5. Fahrschalter mit 6.

Sicherheitsfahrkurbel, 7. Hebel zur Druckluftbremse, 8. Selbsttätiger

Hilfsschalter, 9. Selbsttätiger Luftpumpenschalter]

Diese Abhängigkeit der elektrischen Triebwagen mit Speichern von ihren

Ladestellen hat alsbald den Wunsch entstehen lassen, Fahrzeuge zu

schaffen, denen die großen Vorzüge des elektrischen Antriebs erhalten

bleiben, die aber dennoch volle Freizügigkeit auf den Geleisen besitzen.

Man hat dieses Ziel auf einem recht seltsamen Umweg erreicht: man baut

nämlich einen Stromerzeuger in den Triebwagen ein. Es werden hierzu

ausschließlich Benzin-, Benzol- oder Diesel-Motoren benutzt, die alle

bereits als selbständige Bewegungsmaschinen in reichlicher Anwendung

sind. Hier dienen sie nur dazu, eine Dynamo-Maschine anzutreiben, die

ihrerseits Strom in die Elektromotoren unter dem Wagen schickt.

Dieser eigentümliche Umweg ist notwendig, weil alle diese sogenannten

Verbrennungsmotoren einen günstigen Wirkungsgrad nur bei einer

bestimmten Umdrehungszahl haben. Der Antrieb von Eisenbahnfahrzeugen

verlangt aber wechselnde Geschwindigkeiten, da beim Anfahren und in

Steigungen eine erhöhte Kraftleistung von der Maschine verlangt wird,

die nur durch Herabsetzung der Geschwindigkeit gewonnen werden kann. Es

ist daher bei unmittelbarem Antrieb durch den Verbrennungsmotor, wie er

hier und da vorkommt, die Zwischenschaltung einer veränderlichen

Übersetzung zwischen Motorachse und angetriebener Wagenachse notwendig.

Ferner muß die Drehrichtung der Triebwagenachsen umkehrbar sein. Der

Verbrennungsmotor gewährt diese Möglichkeit ohne weiteres nicht. Es muß

also ein besonderes Wendegetriebe vorgesehen sein.

Hinzu kommt, daß der Verbrennungsmotor nur anläuft, wenn er frei von

Last ist. Demgemäß ist eine Kupplung vorzusehen, mit deren Hilfe der

Motor während des Anlassens von den Treibachsen getrennt werden kann.

Alle diese Vorkehrungen machen den unmittelbaren Antrieb von

Eisenbahnfahrzeugen durch Verbrennungsmotoren äußerst verwickelt. Man

hat bei uns von derartigen Einrichtungen abgesehen.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 55 / 60 段