Nachdem die einzig richtige und zweckmäßige Art des Vorgehens gefunden

war, sind die Bergbahnen ein wichtiges Glied in der alles umschließenden

Kette menschlicher Kultur geworden. An keiner anderen Stelle als auf

einem hohen Gipfel vermag der Mensch die Erhabenheit der Natur in ihrer

ganzen erschütternden Größe zu erkennen. Neben und unter sich erblickt

er die Schöpfungen der ungeheuren Kräfte, die dereinst das Antlitz der

alten Erde zerfurchten. Im niemals schmelzenden Firnschnee ergreift ihn

eine Ahnung von der ewigen Größe des Todes, und aus den grünen Matten

darunter lacht ihm das volle heitere Leben entgegen. Glücklich, wer

dieses erschütternde Bild auf sich wirken lassen kann!

Doch nur wenigen sind die körperliche Kraft und die ausharrende

Entschlossenheit gegeben, über Gletscher und Schroffen hinweg die

Spitzen zu erklimmen. Erst die Bergbahnen haben den hohen Genuß eines

Gipfelbesuchs zum Allgemeingut gemacht. Man spreche nicht von

Entweihung! Der Einsamkeiten gibt es noch genügend auf den Alpengipfeln,

und die Berggeister sind sicher zufrieden, wenn sich unter je hundert

Gästen, die aus den Bahnwagen steigen, immer nur fünf finden, denen die

Fahrt in diese Höhe tiefstes Erlebnis, freudigstes Erkennen der

Schöpfergröße in der Natur bedeutet.

Man darf auch nicht übersehen, daß wichtigste gesundheitliche

Einrichtungen, nämlich die Bergheilstätten, die so vielen

Wiedererstarkung der verlorenen Körperkraft bringen, erst durch die

Bergbahnen möglich geworden sind.

[Abbildung: 362. _Die steilste Zahnbahn_

Aufstieg zum Pilatus. Lochersche Zahnstange]

Die Reibung zwischen den Lokomotivrädern und den glatten Schienen ist

groß genug, um eine lohnende Zugförderung noch bei einer Steigung von

1 : 30 zu gestatten. Freilich ist die Geschwindigkeit bei derartig

raschen Hebungen schon stark hinuntergesetzt, auch die Ausgaben für den

Heizstoff werden sehr hoch. Wenn aber jedesmal beim Zurücklegen von 30

Metern mehr als die Höhe von einem Meter erstiegen werden muß, dann ist

der Betrieb mit Reibungslokomotiven nicht mehr lohnend. Zahnbahnen aber

überwinden noch mit gutem Erfolg Steigungen von 1 : 4, Seilbahnen auf

fester Schienenunterlage können bis zu Steigungen von 1 : 1,6 verwendet

werden, und die Seilschwebebahnen gar gestatten, bis zum äußersten

Grenzfall, nämlich bis zum senkrechten Hub zu gehen.

[Abbildung: 363. _Anordnung von Oberbau und Lokomotiv-Hauptachse für

Zahnbahnen_

Rechts und links Laufräder, in der Mitte das Zahnrad, in die

Zahnstange eingreifend]

Freilich muß man bei Verwendung all dieser Sonderbahngattungen auf

irgendwie beträchtliche Geschwindigkeiten verzichten. Von den hundert

Stundenkilometern des Schnellzugs in der Ebene sinken wir hier auf 10

Kilometer in der Stunde hinunter. Dies ist der Grund, weshalb man für

große Gebirgsstrecken, wie z. B. die Gotthardbahn, welche

Durchgangsverkehr zu bewältigen haben, die außerordentlichen Ausgaben

für künstliche Linienentwicklung der Anwendung des Zahn- oder

Seiltriebs vorzieht. Der lebhafte Verkehr auf den Hauptlinien nimmt

derartige gewaltsame Hemmungen nur auf sich, wenn keine Möglichkeit der

Vermeidung besteht. Für die Erreichung eines Aussichtspunkts aber

spielt, insbesondere weil die Strecken meistens recht kurz sind, die

Geschwindigkeit keine ausschlaggebende Rolle mehr.

Die älteste Zahnbahn ist uns bereits bekannt. Auf den Seiten 33 und 34

wurde erzählt, wie Blenkinsop im Jahre 1811 unter Verkennung des

Reibungswerts zwischen eisernen Rädern und glatten Schienen die ebene

Strecke von Leeds nach Middleton mit einer Zahnstange ausrüstete. Hier

war die Verzahnung unmittelbar mit den Laufschienen verbunden. Im Jahre

1847 machte dann _Cathcart_ den erfolglosen Versuch, zwischen Madison

und Indianapolis in Nordamerika eine Zahnbahn mit gußeiserner Ausrüstung

zu bauen. Als der Vater der Bergbahnen ist jedoch der Schweizer Nikolaus

_Riggenbach_ anzusehen.

Riggenbach war Maschinenmeister bei der schweizerischen Zentralbahn. Auf

der starken Steigung, welche die Strecke im Hauensteintunnel zu

überwinden hatte, bemerkte er, daß die Räder auf den Schienen glitten

und selbst durch Streuen von Sand nicht zu richtigem Lauf gezwungen

werden konnten. Er sann nach, wie diesem Übel zu steuern sei, und kam

endlich auf den Gedanken, der bis zum heutigen Tag grundlegend geblieben

ist. Er erkannte, daß die Lokomotive auf scharfer Steigung günstig

arbeiten würde, wenn sie ein Zahnrad bewegte, das in eine Zahnstange

eingriffe. Eine äußere Anregung zeigte ihm, wo eine geeignete Stelle für

die Anlegung einer ersten Zahnbahn zu finden sei.

In der Beschreibung seines eigenen Lebens, die er „Erinnerungen eines

alten Mechanikers“ nennt, sagt Riggenbach: „Ich zögerte nicht, kleine

Modelle zu konstruieren und allen mich besuchenden Technikern zu zeigen,

zumal Herr Professor ~Dr.~ Culmann vom Züricherischen Polytechnikum, der

in der Hauptwerkstätte Olten öfters Proben mit andern Erfindungen

anstellen ließ, mich in meinen Gedanken sehr bestärkte.

[Abbildung: 364. _Leiterzahnstange_

nach Riggenbach]

„Freilich fanden meine Ansichten nicht allenthalben die gleiche

Anerkennung, und je mehr ich mit meinen Plänen und Modellen herumreiste,

um so mehr wurden mir die Schwierigkeiten der Ausführung vorgestellt.

In der Schweiz wollte jedenfalls niemand etwas von der Sache wissen. Da

hätte ich, um die technischen Fachmänner und Behörden für meine Ideen zu

gewinnen, schon ein Ausländer sein müssen, und als ich, hoffend

außerhalb meines Vaterlandes eher als ein Prophet angesehen zu werden,

mit meinen Modellen nach Stuttgart zu einer dort stattfindenden

Ingenieur- und Architekten-Versammlung reiste, so ging es mir auch nicht

besser. Meine deutschen Freunde schüttelten den Kopf und sprachen

untereinander mit Bedauern es aus, der gute Riggenbach sei ein Narr

geworden. Zwar wurde ich einstweilen noch nicht in einer Anstalt

versorgt, wie vor etwa 280 Jahren der arme Salomon de Caus, der

Pfadfinder der Dampfmaschine, aber ich wurde doch wenigstens vielfach

mit mitleidigem Achselzucken angesehen.

[Abbildung: 365. _Abtsche Stufenzahnstange_

mit drei Stufenstangen]

„Wie ein Sonnenstrahl erhellte dieses Dunkel ein prophetisches Wort des

schweizerischen Generalkonsuls in Washington, Herrn John Hitz. Dieser

wackere Mann war bei Anlaß eines Besuches in der Schweiz, aus welcher er

ja gebürtig ist, auch nach Olten gekommen, und als ich nun auch ihm, wie

allen Besuchern meines Bureaus, die Bergbahnmodelle vorwies, rief er

aus: ‚Well, Mr. Riggenbach, Sie bauen eine Eisenbahn auf die Rigi!‘

Damit war meinen bisherigen, mehr theoretischen Studien und Plänen zum

erstenmal ein praktisches Ziel gegeben. Auch machte mir das Wort des

trefflichen Mannes Mut, meine Ideen immer weiter zu verfolgen und auf

eine immer sorgfältigere Verbesserung der Pläne und Modelle

hinzuarbeiten.

„Das erste Patent für meine Erfindung erhielt ich in Frankreich am 12.

August 1863, sechs volle Jahre, bevor ich von einer ähnlichen Erfindung

des Amerikaners _Marsh_ Kunde erhielt, zwei Jahre, bevor ich Amerika

bereiste. Die boshafte Aussage meiner späteren Konkurrenten, ich habe

mein System in Amerika abgesehen, ist geradezu lächerlich; meine

Erfindung war schon im Sommer 1863 patentiert, meine amerikanische Reise

fand 1865-66 statt, der Amerikaner Marsh aber trat erst 1869 am Mount

Washington mit seiner Erfindung hervor!“

[Abbildung: 366. _Die Zahnstange der Jungfraubahn_

Bauart Strub]

[Abbildung: 367. _Fischgräten-Zahnstange der Pilatusbahn_

Bauart Locher]

Tatsächlich ist also die erste wirklich brauchbare Zahnbahn in Amerika

entstanden; sie führte auf den berühmten Aussichtspunkt Mount Washington

in den Weißen Bergen. Nach dem, was wir eben gehört haben, steht jedoch

Riggenbach das erste Recht auf den Gedanken zu.

[Abbildung: 368. _Weiche auf der Zahnbahn Stuttgart-Degerloch_

Beim Umstellen der Weiche rücken die Zungenspitzen ~a~ und ~b~ wie

gewöhnlich; ~d~ entfernt sich von dem Zahnstangenstück ~c~ nach links,

ebenso ~f~ von ~e~; ~h~ legt sich an ~g~ und ~k~ an die Zahnstange

~i~]

[Abbildung:

Nach einem Modell im Deutschen Museum zu München

369. _Die erste Zahnbahn-Lokomotive in Europa_

Erbaut von Riggenbach im Jahre 1871 für die Bahn Vitznau-Rigi-Kulm]

Die Bahn von Vitznau auf den Rigi wurde am 55. Geburtstage Riggenbachs,

am 31. Mai 1871, eröffnet. Bei der Probefahrt ereignete es sich, wie der

Erfinder selbst erzählt, „daß ein in voller Blüte stehender Birnbaum,

der in die Bahnlinie hinüberragte und beim Bau hätte entfernt werden

sollen, mit dem Kamin der Lokomotive etwas karambolierte, so daß sich

von den überhängenden Ästen ein wahrer Blütenregen auf die Maschine

ergoß. Am Bankett der Eröffnungsfeier begrüßte Universitätsprofessor

~Dr.~ Rütimeyer in sinniger Weise diesen kleinen Vorfall als

glückverheißendes Omen für die Unternehmung: und in der Tat, die Bahn

Vitznau-Rigi hat bis jetzt blühende Geschäfte gemacht.“

[Abbildung:

Erbaut von Arnold Jung in Jungental

370. _Neuzeitliche Zahnbahn-Lokomotive_

mit getrennten Triebwerken für Reibungsräder und Zahnrad. Das

Zahngetriebe besitzt eine Bandbremse]

[Abbildung:

Nach einem Modell im Deutschen Museum zu München

371. _Gießbach-Seilbahn_

mit Wasserballast-Betrieb und Bremszahnstange. Die beiden Wagen sind

durch ein Seil verbunden, das oben über eine Rolle gelegt ist]

[Abbildung: 372. _Selbsttätige Ausweiche für Seilbahnen_

Die Außenräder der Wagen haben doppelte Spurkränze, die Innenräder

sind spurkranzlos]

Heute führen bereits drei Bahnen auf den Rigi, der damit der

Hauptaussichtspunkt der Schweiz geworden ist. In Deutschland sind nach

der Bauart Riggenbach unter anderen die Zahnbahnen von Königswinter auf

den Drachenfels und die Niederwaldbahn errichtet worden.

Der Grundgedanke, den Riggenbach in den Bau der Bergbahnen gebracht hat,

ist, daß zwischen die Laufschienen eine Zahnstange gelegt wird, in

welche ein an der Lokomotive befestigtes Zahnrad eingreift. Die

Zahnstange der Vitznau-Rigi-Bahn besteht aus zwei aufrecht gestellten

Platten, zwischen welche Bolzen gesetzt sind, so daß das Ganze einer

Leiter ähnelt. Beim Fahren klettert die Lokomotive gewissermaßen an

dieser Leiter empor.

Ein Schüler Riggenbachs, Roman _Abt_, schuf im Jahre 1882 für die

Harzbahn Halberstadt-Blankenburg eine wichtige Verbesserung. Bei der

Leiterstange greift immer nur Ein Zahn des Lokomotivrads in die Stange

ein. Dieser Zahn muß also imstande sein, den gesamten Druck auszuhalten,

den das Gewicht des Zugs ausübt. Es spricht gewiß für die Trefflichkeit

unserer Eisentechnik, daß ein solcher Zahn fähig ist, bis zu 10 000

Kilogramm Druck zu ertragen. Wenn man jedoch besonders schwere Züge, z.

B. Güterzüge, befördern will, so kommen noch größere Zahndrücke vor. Abt

überwindet sie, indem er dafür sorgt, daß zwei, manchmal sogar drei

Zähne, gleichzeitig eingreifen.

Seine Zahnstange besteht aus zwei oder drei nebeneinander gesetzten,

hochkant gestellten Platten, in welche die Zähne eingeschnitten, also

nicht mehr wie bei Riggenbach eingesetzt sind. Die Zähne sind

gegeneinander verschoben, bei doppelter Stange um eine halbe

Zahnteilung, das heißt um die Hälfte des Abstands einer Zahnmitte von

der anderen. Bei dreiteiliger Stange beträgt die Verschiebung ein

Drittel der Zahnteilung. Das an der Lokomotive befindliche Zahnrad

besteht gleichfalls aus zwei oder drei fest miteinander verbundenen

Scheiben, deren Zähne gegeneinander versetzt sind. Bevor noch der Zahn

der ersten Scheibe den Eingriff in die Stange beendet hat, hat schon ein

Zahn der nächsten Scheibe den Eingriff begonnen, und so wirken stets

mehrere Zähne zusammen. Die Maschine steigt stufenweise empor, weshalb

die Abtsche Vorrichtung auch Stufen-Zahnstange heißt. Da die Zahnwechsel

hier glatter vor sich gehen, entsteht auch ein ruhigerer Lauf der Züge.

Im Jahre 1896 schuf Strub für die Jungfraubahn eine neueste

Zahnstangenart. Sie wurde notwendig, weil bei sehr starken Steigungen

die Gefahr besteht, daß das Zahnrad auf der Stange aufsteigt, das heißt,

der Zahn, statt den Zug vorwärts zu ziehen, die Maschine in die Höhe

hebt, indem er an der Eingriffstelle senkrecht emporklettert. Die Folge

mußte natürlich sein, daß der Eingriff verloren ginge und der Zug ins

Rutschen käme.

[Abbildung: 373. _Zangenbremse_

für Seilbahnen]

[Abbildung: 374. _Wagen der Seilbahn auf den Virgl bei Bozen_]

Strub verhindert das Aufsteigen, indem er der Zahnstange die Form einer

Breitfußschiene mit keilförmig verdicktem Kopf gibt. In diesen Kopf

werden die Zähne eingeschnitten. Von der Lokomotive hängen zwei

zangenförmige Eisen hinunter, die um den Keilkopf der Schiene

herumgreifen, diesen umfassen, ohne jedoch für gewöhnlich die Zahnstange

zu berühren (Bild 373). Ein Aufsteigen des Zahnrads ist dadurch

unmöglich gemacht. Die Zange läßt sich auch vortrefflich als Bremse

benutzen.

Die Gefahr des Aufsteigens hatte schon im Jahre 1885 beim Bau der

steilsten aller bis zum heutigen Tag vorhandenen Zahnbahnen, nämlich der

Bahn auf den Pilatus, zur Schaffung einer besonderen Zahnstange geführt,

die aber an keiner Stelle Nachahmung gefunden hat. Für Steigungen von

1 : 2,8, wie sie bei der Pilatusbahn vorkommen, verwendet man nämlich

besser Seilantrieb. _Locher_, der Erbauer der Pilatusbahn, benutzte als

Zahnstange eine liegende Platte, in deren beide Seiten die Zähne

eingeschnitten sind. Ein Zahnrad greift von jeder der beiden Seiten ein,

so daß Neigung zum Aufsteigen wie beim Eingriff von oben nicht entstehen

kann.

Die Anlagen zur Überführung der Fahrzeuge von einem Gleis aufs andere

sind bei Zahnbahnen nicht so einfach wie bei gewöhnlichen Bahnen.

Weichen findet man bei den älteren Leiterstangen-Strecken überhaupt

nicht, bei der Bauart Locher sind sie gänzlich unausführbar. Man muß

sich dann mit Drehscheiben oder Schiebebühnen behelfen, die sehr langsam

arbeiten und kostspielig sind.

Immerhin läßt sich auch bei der Leiterstange durch Beseitigung der

Seitenplatten eine Weichenanlage schaffen, wie Bild 368 zeigt. Es sind

hierbei nicht nur die Zungenspitzen beweglich, sondern auch

Zahnstangenstücke, sowie weitere Teile der Weichenzungen. Auf unserem

Bild ist die Zahnstangenweiche zur Fahrt nach rechts gestellt, soll der

Zug nach links fahren, dann sind alle die bei dem Bild erörterten

Umlegungen vorzunehmen. Es handelt sich hier also um eine vielteilige

und sehr schwerfällige Anordnung.

[Abbildung:

Aufnahme von Photoglob in Zürich

375. _Seilbahn auf den Bürgenstock (Schweiz)_

mit Abtscher Zahnstange zur Bremsung]

Die Weichenanordnung gestaltet sich bei Abtschen und Strubschen Stangen

einfacher, wenn die Zahnstange etwas höher liegt als die Laufschienen,

so daß die Zahnräder glatt über diese hinweggehen können.

Beim Betrieb der Zahnbahnen sind zwei Arten zu unterscheiden. Die

eigentlichen Bergbahnen, bei denen an allen Stellen starke Steigungen

überwunden werden müssen, sind durchgehend mit der Zahnstange

ausgerüstet. Eine große Zahl von Strecken ist jedoch so angelegt, daß

geringere Steigungen eingeschaltet sind. Zur Erzielung größerer

Geschwindigkeiten werden auf derartigen Linien, die oft recht bedeutende

Ausdehnung haben und auch einem gewissen Durchgangsverkehr dienen, die

flacheren Abschnitte ohne Zahnstange unter ausschließlicher Benutzung

der Reibung und demzufolge auch mit größerer Geschwindigkeit

durchfahren.

Bei reinen Zahnbahnen steht die Lokomotive stets talwärts. Beim

Emporfahren schiebt sie den Zug, bei der Talfahrt hält sie ihn

auf. Der gemischte Betrieb gestattet verschiedene Möglichkeiten

der Lokomotivanordnung. Man läßt teils den Zug von reinen

Reibungs-Lokomotiven über die Abschnitte mit flacher Steigung

befördern und ersetzt sie für die Zahnstrecken durch besondere

Zahnrad-Lokomotiven, die dann gleichfalls stets talwärts vor dem Zug

stehen.

Wenn ein häufiger Wechsel zwischen Reibungs- und Zahnstrecken

stattfindet, wie z. B. bei der Brünigbahn zwischen Luzern und

Interlaken, dann wendet man gern gemischte Lokomotiven an, die sowohl

als Reibungs- wie als Zahn-Lokomotiven arbeiten können. Abt ist es

gelungen, solche gemischten Lokomotiven ohne allzu verwickelte

Einrichtungen mit zwei gesonderten Triebwerken auszustatten, so daß nach

Belieben nur die Reibungsräder oder nur das Zahnrad angetrieben werden

können. Die in Preußen liegenden Zahnbahnen werden ausschließlich mit

solchen Lokomotiven betrieben.

[Abbildung: 376. _Stück eines Tragseils für Seil-Schwebebahnen_]

Die dritte Möglichkeit ist, der Reibungs-Lokomotive auf der Zahnstrecke

ihre Arbeit dadurch zu erleichtern, daß eine Zahn-Lokomotive zum

Schieben hinten an den Zug gesetzt wird. Dies geschieht z. B. auf der

Höllentalbahn im Schwarzwald, die von Freiburg nach Donaueschingen führt

und nur eine verhältnismäßig kurze Zahnstrecke besitzt.

Die erste von Riggenbach erbaute Zahnbahn-Lokomotive hatte einen

stehenden Kessel. Heute ist man längst auch bei diesen Maschinen zu dem

bewährten liegenden Kessel übergegangen.

Wenn bei gemischtem Betrieb kein Lokomotivwechsel stattfindet, so läuft

auch auf den Zahnstrecken die Lokomotive vor dem Zug. Andernfalls

dürften auch die Reibungsstrecken nur mit geringer Geschwindigkeit

befahren werden, da das Schieben der Züge größere Schnelligkeit aus

Sicherheitsgründen ausschließt. Beim Ziehen auf starken

Steigungs-Einrichtungen werden die Kupplungen außerordentlich stark

beansprucht. Die gewöhnlichen Verbindungen zwischen den einzelnen

Zugteilen können hierbei nicht angewendet werden, man muß vielmehr

verstärkte Kupplungen benutzen.

Bei reinem Zahnbetrieb, wo die Lokomotive stets talwärts steht,

werden die Zugteile überhaupt nicht miteinander gekuppelt. Denn die

Verbindung zwischen den Fahrzeugen, die sonst als eine besondere

Sicherheitsvorkehrung angesehen wird, kann hier leicht zu schwerster

Gefährdung führen. Versagt nämlich die Bremse der Lokomotive, so müßte

deren hohes Gewicht, wenn Verbindungen vorhanden wären, den ganzen Zug

talwärts reißen. Deutlich geht das aus der Schilderung eines Unfalls

hervor, der sich auf der Pikes Peak-Zahnbahn in Nordamerika ereignete

und in der „Eisenbahntechnik der Gegenwart“ wie folgt geschildert wird:

„Die Lokomotive hatte mit einem von Eisenbahnbeamten besetzten Wagen die

Talfahrt vom Gipfel herab angetreten, als die Triebstange der Lokomotive

auf einer der steilsten Gefällstrecken plötzlich nachgab und die

Lokomotiv-Bremse versagte. Während sich die Geschwindigkeit bedenklich

steigerte, wurde der Wagen schleunigst von der Lokomotive losgekuppelt

und mit der Handbremse zum Stehen gebracht. Lokomotivführer und Heizer

sprangen noch rechtzeitig ab und kamen mit leichten Verletzungen davon.

Die Lokomotive raste inzwischen in wildester Fahrt mit größter

Geschwindigkeit abwärts; als sie an eine scharfe Krümmung der Strecke

gelangte, entgleiste sie und stürzte in den Abgrund, wo sie in völlig

zertrümmertem Zustand liegen blieb.“

[Abbildung:

Erbaut von A. Bleichert & Co. in Leipzig-Gohlis

377. _Seil-Schwebebahn auf den Kohlern bei Bozen_]

Hier wurde also ein schweres Unglück nur dadurch verhindert, daß die

Kupplung von der Maschine her durch eine besondere Vorrichtung gelöst

werden konnte. Fortab sind solche lösbaren Kupplungen auf allen

Zahnbahnen eingeführt, die sehr steile Streckenteile, aber auch längere

ebene Abschnitte haben, so daß die Lokomotive stets an der Spitze der

Züge läuft.

Der Ausrüstung des Zugs mit Bremsen ist bei Zahnbahnen ganz besondere

Sorgfalt zuzuwenden. Ein Versagen müßte hier stets weit schlimmere

Folgen haben als auf ebenen Strecken. Die Lokomotiven besitzen darum

außer dem treibenden stets noch ein besonderes Brems-Zahnrad, ebenso ist

jeder Wagen mit einem solchen ausgerüstet. Es wird Vorsorge getroffen,

daß die Wagen-Bremsräder auf einfachste Weise durch Ziehen an einem

Notbremsgriff von jedem Abteil aus festgehalten werden können und so den

Wagen zum Stehen bringen.

Als gewöhnliche Lokomotivbremse sind die in der Ebene bewährten

Bremsklötze und auch andere Reibungsbremsen, wie andrückbare Bänder,

nicht zweckmäßig. Zwar besitzen die Zahnlokomotiven meist auch

Bremsklötze an den Laufrädern und Bandbremsen für den Zahntrieb, aber

dieses sind nur Noteinrichtungen für den Fall des Versagens der

Hauptbremse. Bei der Talfahrt muß diese ja andauernd in Tätigkeit sein,

um die Zuggeschwindigkeit zu hemmen. Bremsklötze und Bänder würden

infolge der langen ununterbrochenen Anwendungszeit bald glühend werden.

Man ersetzt sie daher bei den Berglokomotiven durch eine besondere Art

der Luftbremse.

[Abbildung: 378. _Wagen der Kohlern-Schwebebahn_]

Die Dampfzuführung zu den Zylindern wird bei der Talfahrt abgesperrt,

und die Steuerung, wenn die Lokomotive vorwärts fährt, auf

Rückwärtsfahrt geschaltet. Die Folge ist, daß die Kolben bei jedem Hub

Luft ansaugen und diese beim Zurückgehen zusammenpressen. Durch einen

verstellbaren Hahn kann der Lokomotivführer die zusammengepreßte Luft

rascher oder langsamer ausströmen lassen, wodurch eine sehr schmiegsame

Bremsung entsteht. Da hier durch die Luftpressung sehr viel Arbeit

vernichtet wird, entwickelt sich nach dem unentrinnbaren Gesetz von der

Erhaltung der Kraft sehr hohe Wärme. Die Erhitzung der zusammengepreßten

Luft wird dadurch gemindert, daß man ständig kaltes Wasser in die

Lokomotiv-Zylinder einspritzt.

Die Maschinen besitzen auch häufig eine dritte Bremse, die selbsttätig

angezogen wird, wenn die Geschwindigkeit über das erlaubte Maß

hinausgeht.

Auf Zahnbahnen mit gemischtem Betrieb, bei denen kein Lokomotivwechsel

stattfindet, müssen die Zahnräder am Zug imstande sein, ohne

Fahrtunterbrechung in die Zahnstange an deren Beginn einzugreifen. Es

ist nun nicht zu erwarten, daß der Stand jedes einzelnen Zahnrads stets

ein glattes Eingreifen in die starre Stange ermöglicht. Vielmehr wird es

häufig vorkommen, daß Zahnkopf auf Zahnkopf trifft. Um Zerstörungen zu

verhindern, werden deshalb besondere Zahnstangeneinfahrten angeordnet.

Ein mehrere Meter langes Stück der Zahnstange ist so angebracht, daß es

von den Zahnköpfen am Rad leicht hinuntergedrückt werden kann. Sobald

der Eingriff erfolgt ist, wird die Zahnstange durch sehr starke Federn,

die untergesetzt sind, wieder emporgehoben. Man erleichtert das

Zustandekommen des richtigen Eingriffs noch dadurch, daß man die Köpfe

der ersten Zähne an der Stange etwas niedriger hält oder zunächst eine

etwas abweichende Zahnteilung anwendet.

[Abbildung:

Erbaut von A. Bleichert & Co.

379. _Antriebsmaschine für die Kohlern-Schwebebahn_]

Bei Steigungen über 1 : 4 wählt man, wie schon erwähnt, heute stets

Seilantrieb.

Auf derartigen Bahnen, die meist eine Spurweite von einem Meter bis

hinab zu achtzig Zentimetern haben, laufen für gewöhnlich zwei Wagen,

die sich stets zu gleicher Zeit und in entgegengesetztem Sinn bewegen.

Sie sind miteinander durch ein Drahtseil verbunden, das an der höchsten

Stelle der Bahn über eine Rolle geführt ist.

In einfachster Weise kann der Antrieb dadurch erfolgen, daß ein Behälter

an dem in der Berghaltestelle stehenden Wagen mit Wasser gefüllt wird,

so daß er beim Hinuntergehen durch sein Übergewicht den anderen Wagen

emporzieht. Unten angekommen, wird der Wasserbehälter entleert, der

andere inzwischen oben eingetroffene Wagen wird gefüllt. Ein Betrieb

dieser Art findet z. B. auf der Gießbach-Seilbahn am Brienzer See und

auf der Strecke statt, die von Lugano-Stadt zum Bahnhof hinaufführt.

[Abbildung:

Erbaut von J. Pohlig Akt.-Ges. in Köln

380. _Talbahnhof der Seil-Schwebebahn auf den Paõ de Assucar bei Rio de

Janeiro_

Im Hintergrund links der Gipfel des Bergs]

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 54 / 60 段