Wir haben in Abschnitt 11 auf den Seiten 134 und 135 die Vorkehrungen

erörtert, die getroffen sind, um die Geleise vor Schneeverwehungen nach

Möglichkeit zu bewahren. Ihre Wirkung ist ausgezeichnet, aber sie

stellen doch kein Allheilmittel dar. Wie immer, wenn der Mensch mit der

Natur kämpft, bleibt diese in besonderen Fällen Sieger. Aufzuhalten ist

ja überhaupt nur der vom Wind seitlich herangetriebene Schnee. Wenn

tagelang ununterbrochen die Flocken vom Himmel herniederfallen, so

müssen natürlich auch die Geleise allmählich durch meterhohe

Schneelasten verschüttet werden. Es gibt ferner schneereiche Jahre, in

denen die weißen Massen auf den Feldern sich so hoch anhäufen, daß die

Wehen über die Zäune und Schutzhecken hinübergehen.

Einen Winter mit besonders starken Schneefällen brachte das Jahr 1886.

Nach „Eisenbahntechnik der Gegenwart“ sind im Dezember dieses Jahrs auf

deutschen Bahnen, ausschließlich Bayerns, infolge von Schneeverwehungen

2716 Züge ganz, 711 Züge streckenweise ausgefallen. 2315 Züge haben den

Anschluß versäumt. Die Stadt Erfurt war fünf Tage lang von jedem Verkehr

abgeschnitten. In dieser Zeit wurden bei den dortigen Postämtern 14 000

Depeschen mehr aufgegeben als unter gewöhnlichen Verkehrsverhältnissen.

[Abbildung:

Lokomotive der Hanomag

348. _Schneepflug an einer schwedischen Schnellzuglokomotive_]

So gewaltige Schneeverwehungen treten glücklicherweise nicht häufig auf,

aber in jedem Jahr ist doch ausgedehnte Arbeit für die Aufräumung

eingeschneiter Strecken aufzuwenden. Im Jahre 1913 betrugen die Ausgaben

der deutschen Bahnen hierfür fünfeinhalb Millionen Mark, das sind nicht

weniger als 87 Mark für jedes Kilometer der vorhandenen Fahrgeleise. Man

ist bestrebt, mit allen Mitteln Verkehrsstörungen durch Schnee

hintanzuhalten, und mannigfache Vorrichtungen stehen für diesen Zweck

zur Verfügung.

Unter den Puffern jeder Lokomotive, vor dem ersten Räderpaar, befinden

sich starke Eisen, die genau über den Schienen laufen und bis in eine

Entfernung von wenigen Zentimetern über der Schienenoberfläche

hinabreichen. Diese Bahnräumer vermögen, insbesondere wenn Streichbleche

oder Besen an ihnen befestigt werden, noch 15 Zentimeter hohen Schnee

mit Leichtigkeit von der Lauffläche zu entfernen. Wächst die Schneedecke

höher an, dann genügt es nicht mehr, die Schienen selbst freizuhalten,

es muß auch der Raum dazwischen und daneben gesäubert werden, da sonst

niedrig hängende Teile der Fahrzeuge, wie insbesondere die Aschkasten

der Lokomotiven, abgerissen werden könnten. Die Umgrenzungslinien des

lichten Raums müssen stets schneefrei gehalten werden.

Es werden zu diesem Zweck große Pflugscharen bereit gehalten, die vorn

an den Lokomotiven befestigt werden können. Sie heben den Schnee an und

werfen ihn infolge ihrer gewundenen Seitenflächen weit fort. Züge, die

eine höhere Geschwindigkeit als 30 Kilometer in der Stunde haben, dürfen

jedoch nicht mit vorgesetzten Pflügen fahren. Man pflegt dann, um ihnen

das Durchkommen zu erleichtern, einzeln fahrende Lokomotiven mit

vorgesetzten Pflügen vorauszuschicken. Auch in den Zugpausen finden

solche Fahrten statt, damit der Schnee sich nicht allzu hoch anhäuft.

Wenn Züge im Nebengleis entgegenkommen, sollen schneepflügende

Lokomotiven stehen bleiben.

In Gegenden, die besonders stark von Schneeverwehungen heimgesucht

werden, hält man sehr große Pflüge bereit, die auf eigenen Rädern fahren

und oft von mehreren Lokomotiven vorwärts gedrückt werden. In Amerika,

wo sehr heftige Schneestürme häufig vorkommen, sind Vorrichtungen

besonderer Art für die Streckenreinigung erfunden worden, die auch bei

uns jetzt mehr und mehr in Aufnahme kommen. Es sind dies die

Schneeschleudermaschinen.

Ein Güterwagen, in dem eine besondere große Dampfmaschine aufgestellt

ist, trägt vorn ein umfangreiches Schaufelrad, das in rasche Umdrehung

versetzt werden kann. Die scharfen Kanten der Schaufeln schneiden den

Schnee ab, worauf die Masse in hohem Bogen fortgeschleudert wird. Je

nach der Windrichtung läßt man das Schaufelrad bald rechts, bald links

herum laufen, damit der Schnee mit dem Wind fortgeschleudert werden

kann, so daß dieser ihn nicht von neuem auf die Strecke zu blasen

vermag. Die Antriebsmaschine hat entweder einen eigenen Dampfkessel,

oder es wird ihr der Dampf durch ein bewegliches Kupferrohr von einer

Lokomotive zugeführt. Das Vorschieben muß alsdann von einer zweiten

Lokomotive besorgt werden; oft ist es auch notwendig, noch mehr

Maschinen anzusetzen.

Die Schleudern leisten vortreffliche Arbeit. Sie vermögen wahre

Schneegebirge zu durchdringen und in kurzer Zeit abzutragen. Bei einem

Versuch mit der von der Aktiengesellschaft für Fabrikation von

Eisenbahnmaterial zu Görlitz erbauten Schneeschleudermaschine (siehe die

nächste Seite) wurden 425 Meter eines Gleises, das mit 3 bis 3,5 Meter

hohem Schnee bedeckt war, in acht Minuten geräumt. -- --

Der Zweck der ständigen Streckenbeaufsichtigung ist das möglichst rasche

Entdecken von Fehlern. Im Anschluß daran werden die ständigen

Unterhaltungsarbeiten vorgenommen. Die Bahnpflege setzt ein.

Die Festigkeit des Oberbaus wird ständig durch die schädigenden

Wirkungen des Wassers und des Rosts beeinträchtigt. Stehendes Wasser

erweicht den Unterbau, Frost lockert ihn auf. Das Kleineisenzeug und

auch die Schienen werden vom Rost zerfressen. Es kommt der Einfluß der

Wärmeschwankungen auf die Geleise hinzu. Durch das unvermeidliche

Wandern der Schienen können die Stoßlücken so sehr verengt werden, daß

bei starker Hitze keine genügende Wärmeausdehnung mehr stattzufinden

vermag. Die gleiche Gefahr droht, wenn die Laschenschrauben an den

Stößen allzu fest angezogen sind, so daß die Schiene sich zwischen den

Laschen nicht zu bewegen vermag. Die Schraubenschlüssel sollen daher

niemals länger als 60 Zentimeter sein. Sind sehr hohe Spannungen im

Gleis vorhanden, so kann eine Verwerfung der Schienen auf langer Strecke

plötzlich eintreten, wenn zur Vornahme von Unterhaltungsarbeiten

Schrauben gelöst oder Bettungsteile zwischen den Schwellen entfernt

werden.

Die Fahrzeuge wirken fortwährend zerstörend auf den Oberbau ein. Das

immer wiederkehrende und rasch verschwindende Gewicht der Räder bringt

Bewegungen in der Senkrechten hervor. An den Stößen werden die

Schienenköpfe zerhämmert. In den Krümmungen wird ungleichmäßiges Wandern

des innen und außen liegenden Strangs bewirkt, so daß die Stöße bald

nicht mehr einander gegenüberliegen. Die Spurweite wird an den gleichen

Stellen durch die Fliehkraft verändert, die Schwellenbefestigungsmittel

werden durch die fortwährenden Erschütterungen und Beanspruchungen

allmählich lose.

Ein ständiges Überprüfen der Spurweiten und der Höhenlagen muß

stattfinden. Es gibt Vorrichtungen, die ein genaues Beobachten nach

diesen beiden Hinsichten zu gleicher Zeit gestatten. Man ist sogar durch

Befahren der Geleise mit besonderen Apparaten imstande, alle

Lagenänderungen auf einem Papier genau aufzeichnen zu lassen.

[Abbildung:

Erbaut von der A.-G. für Fabrikation von Eisenbahnmaterial zu Görlitz

349. _Dampfkreisel-Schneeschaufel in Tätigkeit_]

Um jede Gefährdung der Züge durch Verschwächungen oder Veränderungen im

Oberbau zu vermeiden, finden ständig Teilunterhaltungsarbeiten statt,

nach gewissen Zeiten müssen vollständige Erneuerungen vorgenommen

werden. Abgenutzte Oberbauteile, die aus Schnellzugstrecken entfernt

werden mußten, sind oft in Nebenbahngeleisen noch gut verwendbar. Das

übrige wird verkauft.

Besondere Sorgfalt ist der Unterhaltung der Weichen zuzuwenden.

Gefährlich ist hier besonders das Verbiegen der Weichenzungen in der

Wagerechten, so daß sie „schnäbeln“, das heißt an den Spitzen nicht mehr

eng der Mutterschiene anliegen. Verbiegungen der Zungen in der

Senkrechten verursachen schlechtes Aufliegen auf den Gleitstühlen,

wodurch leicht Brüche entstehen können. Durch verschiedene Abnutzung der

aneinandergefügten Einzelteile der Weichen kann Stufenbildung an den

Fahrkanten eintreten. Diese Stufen müssen durch Nacharbeiten oder

Auswechseln einzelner Teile beseitigt werden. Am besten werden die

Weichen vor Beschädigungen dadurch bewahrt, daß man die Schwellen, auf

denen sie liegen, häufig nachstopft, so daß überall eine feste Auflage

vorhanden ist.

[Abbildung: 350. _Leistung der Dampfkreisel-Schneeschaufel_

Von der Strecke geschaffte Schneelasten]

Im Jahre 1913 sind auf den deutschen vollspurigen Eisenbahnen für

Unterhaltung, Erneuerung und Ergänzung des Oberbaus mehr als 239

Millionen Mark ausgegeben worden. Auf ein Kilometer Gleislänge entfielen

durchschnittlich 3900 Mark. Diese sehr erhebliche Ziffer läßt es

wünschenswert erscheinen, die Bahnpflegearbeiten nach Möglichkeit zu

verringern. Das beste Mittel zur Herabsetzung der Unterhaltungskosten

ist gute und sorgfältige Grundanlage aller Bauten. Je fester die Geleise

von Beginn an gefügt sind, desto länger werden sie den zerstörenden

Einflüssen widerstehen können.

Ganz besonders sorgfältig müssen die Brückenbauwerke gepflegt werden.

Ist doch ein Brückeneinsturz wohl das furchtbarste Unglück, das im

Eisenbahnbetrieb vorkommen kann. Mindestens einmal im Jahr wird jede von

Eisenbahnzügen befahrene Brücke untersucht. In längeren Abständen finden

außerdem noch besonders eingehende Hauptprüfungen statt. Hierbei wird

jede Niet- und Schraubenverbindung auf ihre Festigkeit betrachtet.

Gleich beim Bau muß Rücksicht darauf genommen werden, daß jede

Verbindungsstelle besichtigt werden kann. Die Erfahrung hat gelehrt,

jede gelockerte Schraube, jedes lose gewordene Niet zu erkennen.

Ergänzungsarbeiten finden sofort statt. Durch Belastung mit den höchsten

zulässigen Gewichten wird festgestellt, ob unzulässige Formänderungen in

dem Bauwerk stattfinden. Sehr kleine Maße dürfen hierbei nicht

überschritten werden. Um die Zugänglichkeit aller Brückenteile zu

sichern, werden Stellen, die man nicht ohne weiteres erreichen kann, z.

B. die Unterseiten von Bogen hochliegender Brücken, sofort beim Bau mit

Einrichtungen zum Befahren versehen. Es sind oft richtige Wagen unter

die Brücken gehängt, die in der Längsrichtung von Pfeiler zu Pfeiler

verschoben werden können und so breit sind wie die Brücke selbst.

[Abbildung: 351. _Schneeräumungs-Lokomotive der Berninabahn in der

Schweiz_]

[Abbildung: 352. _Schneeräumer auf der Berninabahn bei der Arbeit_]

Die immer höher anwachsenden Gewichte der Züge machen fortwährende

Verstärkungen an alten Brücken notwendig. In Preußen sind namentlich

während der letzten Jahre vor dem Krieg viele durchgreifende Arbeiten

auf diesem Gebiet ausgeführt worden. So wurde eine Verstärkung bei allen

Bauwerken der Berliner Stadtbahn vorgenommen, bei deren Errichtung

Lasten, wie die heutigen ~D~-Züge sie darstellen, noch unbekannt waren.

Großartige Eisenbahnbrückenbauten aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts

sind schon abgebrochen oder außer Betrieb gesetzt, weil sie für die

heutigen Verhältnisse nicht mehr ausreichten. So die Rheinbrücke bei

Köln und die eisernen Überschreitungen der Weichsel und Nogat bei

Dirschau und Marienburg.

Eine wichtige Rolle für die Erhaltung der eisernen Bauwerke spielt der

Anstrich. Der Rost frißt ja ununterbrochen an jedem Eisen, das der

freien Luft ausgesetzt ist. Schon nach wenigen Monaten kann man starke

Abblätterungen wahrnehmen. Derartige Verschwächungen dürfen bei Brücken

natürlich nicht zugelassen werden. Aus diesem Grund werden sie häufig

mit rostverhütender Farbe gestrichen. Daß die Eisenbahnbrücken auf diese

Weise stets sauber und frisch getönt aussehen, soweit der Rauch sie

nicht schwärzt, ist eine angenehme Nebenwirkung. Ursache des oft

erneuten Anstrichs aber ist nicht die Absicht, auf das Auge des

Beschauers angenehm zu wirken.

In den Tunneln muß die Erneuerung des Oberbaus größtenteils weit

häufiger stattfinden als auf den freiliegenden Strecken. In dem längsten

Tunnel Deutschlands, bei Kochem an der Mosel, sind die Schienen meist

schon nach sechs Jahren so stark angefressen, daß sie ausgewechselt

werden müssen. Ursache ist die schweflige Säure, die in den

Lokomotivabgasen enthalten ist und in den Gewölben natürlich ungestörter

ihre schädigende Wirkung zu üben vermag als unter freiem Himmel.

Eisenschwellen können in Tunneln kaum verwendet werden, da sie hier weit

geringere Haltbarkeit haben als Holzschwellen.

Die Tunnelgewölbe müssen, ähnlich den Brücken, häufig nachgesehen

werden. Obgleich sie einer Krafteinwirkung durch die fahrenden Züge

nicht unterliegen, sind doch Veränderungen an ihnen, selbst lange Zeit

nach Fertigstellung des Tunnels, nicht unmöglich. In dem übergelagerten

Gebirge sind ja Wasserbecken und Wasserläufe eingeschlossen, die

Verlagerungen hervorrufen können. So ist am 23. Juli 1905 nach

mehrtägigen Regengüssen das Gewölbe eines Tunnels in der Nähe des

Bahnhofs Altenbeken bei der Durchfahrt eines Personenzugs eingestürzt.

Die aufgelagerten Gebirgsmassen hatten das Mauergewölbe durchschlagen

und beide Geleise auf 20 Meter Länge verschüttet. Dreizehn Reisende

wurden bei diesem Vorgang verletzt. Also auch an solchen Stellen, von

denen man glauben sollte, daß sie in ihrer vollkommenen Ruhe

Veränderungen nicht ausgesetzt seien, sind ständige Wartung und Pflege

notwendig.

Um Risse oder andere Veränderungen in Tunnelgewölben genau erkennen zu

können, werden auf den preußischen Bahnen Wagen besonderer Bauart

benutzt; Bild 353 stellt einen solchen Tunneluntersuchungswagen dar.

Durch außen angeordnete Lampenkränze wird beim Befahren ein

Gewölbestreifen nach dem anderen taghell beleuchtet. Zugleich können vom

Dach des Wagens her Messungen vorgenommen werden.

Die Kosten für Unterhaltung und Ergänzung der Fahrzeuge auf den

deutschen vollspurigen Eisenbahnen betrugen im Jahre 1913 255 Millionen

Mark. Die Pflege jeder Lokomotive hat durchschnittlich 4250 Mark

erfordert, auf jede Personenwagenachse kamen 245 Mark, auf jede Güter-

und Packwagenachse 61 Mark. In den Werkstätten waren täglich

durchschnittlich 107 000 Arbeiter mit Unterhaltungsarbeiten beschäftigt.

Diese haben die sofortige Abstellung aller an den Fahrzeugen

auftretenden Mängel zum Ziel. Zu deren Auffindung sind Untersuchungen in

regelmäßigen Zwischenräumen vorgeschrieben, und ihre sorgsame Ausführung

wird aufs strengste überwacht. Über die Lokomotivuntersuchungen haben

wir bereits in Abschnitt 14 auf Seite 244 gesprochen.

Die Personen-, Post- und Packwagen werden vor Antritt jeder längeren

Fahrt, zumeist auf den Abstellbahnhöfen, überprüft. Insbesondere werden

das Laufwerk, die Puffer, Kupplungen, das Bremsgeschirr, die Beleuchtung

und Heizung nachgesehen, die Übergangsvorrichtungen werden auf

Sicherheit geprüft, die Türverschlüsse und Fenster auf ihre Gangbarkeit

untersucht. Bei längeren Aufenthalten werden diese Prüfungen stets

wiederholt, immer von neuem findet das Abklopfen der Radreifen und das

Befühlen der Achsen daraufhin statt, ob sie sich nicht warm gelaufen

haben.

Eine Hauptuntersuchung hat, nach der Betriebsordnung, bei Wagen,

die in Schnellzügen laufen dürfen, alle sechs Monate, bei den

übrigen Personen-, Pack- und Postwagen alljährlich stattzufinden.

Gewöhnliche Güterwagen werden nur alle drei Jahre untersucht. Wo

Luftbremseinrichtungen vorhanden sind, findet deren Prüfung wegen der

besonderen Wichtigkeit dieser Sicherheitsvorrichtung und unabhängig von

der Wagengesamtuntersuchung, halbjährlich statt. Hierbei werden alle

vielteiligen Stücke, wie Führerbremsventil, Steuerventil, Bremszylinder,

ganz auseinandergenommen, gereinigt und neu eingefettet.

[Abbildung:

Accumulatoren-A.-G. Berlin und Hagen

353. _Tunnel-Untersuchungswagen der preußischen Staatsbahnen_

Die Lampenkränze dienen zur Beleuchtung der Tunnelwände und -Decke]

Bei Vornahme der Hauptuntersuchung wird jeder Wagen durch einen Kran

oder durch Winden angehoben. Die Achsen, die Lager und die Tragfedern

werden entfernt, das Bremsgeschirr, die Puffer und Kupplungen

abgenommen. Jedes Stück wird nun einzeln aufs genaueste überprüft,

Teile, die mit dick gewordenem Öl überdeckt sind, werden ausgekocht, bis

vollständige Säuberung möglich ist. Es gibt Auskochvorrichtungen selbst

für ganze Drehgestelle. Nach dem Ergebnis der Untersuchung werden die

Ergänzungs- und Instandsetzungsarbeiten vorgenommen. Auch die Türen und

Fenster nimmt man auseinander und prüft jeden einzelnen Teil. Die Dächer

werden daraufhin untersucht, ob sie noch wasserdicht sind, die

Blechverkleidung der Seitenwände wird vom Rost befreit. Alle vier bis

sechs Jahre findet ein vollständiger Neuanstrich nach Abbeizung der

alten Farbe statt. Die Personenwagen werden dazwischen wohl ein- bis

zweimal neu auflackiert. Vor dem Verlassen der Werkstatt wird jeder

Wagen noch einmal von dem obersten Werkstattbeamten genau nachgesehen,

insbesondere auch sein Verhalten bei einer Probefahrt betrachtet.

Sorgfältige Pflege aller Bahnbauten und Fahrzeuge ist ein kräftiges

Mittel zur Verhinderung von Unfällen. Nachlässigkeit rächt sich hier in

schwerster Weise. Die Bau- und Betriebsordnung für die deutschen

Eisenbahnen hat deshalb besonders scharfe Bestimmungen in dieser

Beziehung getroffen.

24. Auf die Minute!

„Abfahrt 8 Uhr 23“.

So war unter der Tafel zu lesen, welche die Aufstellung unseres

Schnellzugs nach Halle, Nürnberg und München im Anhalter Bahnhof

anzeigte. Schon eine halbe Stunde vor dieser in den _Fahrplänen_

festgesetzten Abfahrtzeit waren die Wagen in die Halle geschoben worden,

die Lokomotive lag um 8 Uhr 10 vor dem Zug, 8 Uhr 13 hatte sie die

Bremsprobe beendigt. Drei Minuten vor der vorgeschriebenen Abfahrtzeit

ertönte der Ruf der Schaffner „Bitte Platz nehmen!“ Um 8 Uhr 21 waren

alle Türen geschlossen, der Zug abfahrbereit. Der Aufsichtsbeamte auf

dem Bahnsteig heftete seine Augen auf das Zifferblatt der großen Uhr. In

dem Augenblick, als der Zeiger von der Minutenzahl 22 zu 23

hinübersprang, hob er den Befehlsstab, und der Zug setzte sich in

Bewegung.

10 Uhr 18 war als Ankunftszeit auf dem nächsten Anhaltepunkt, im Bahnhof

Halle, festgesetzt. Wir sahen den Zug auch dort auf die Minute genau

einlaufen. Er war die ganze Strecke hindurch mit Geschwindigkeiten

gefahren, die ausschließlich durch den Zustand der Strecke bestimmt

wurden. In der Geraden stürmte er mit einer Stundenschnelligkeit von

hundert Kilometern vorwärts, bei der Durchfahrt durch Gleiskrümmungen

und größere Bahnhöfe ging es etwas langsamer. Aber der Lokomotivführer

hatte in der Nähe von Halle weder notwendig, nun das letzte aus der

Maschine herauszuholen, um rechtzeitig anzukommen, noch durch

gemächliches Schleichen eine Überhastung wieder auszugleichen.

Bei Fahrten, die ohne Unterbrechung stundenlang währen, würde derartiges

unvermeidlich sein, wenn die festgesetzten Fahrpläne nur Abfahrt- und

Ankunftszeit bestimmen würden. In Wirklichkeit ist die gesamte

Zugmannschaft und also auch der Lokomotivführer im Besitz einer

Zeitaufstellung, die ihm aufs genaueste vorschreibt, zu welcher Minute

er zwischenliegende Bahnhöfe und andere Teilpunkte der Strecke zu

durchfahren hat. Dieser Dienstfahrplan, von dem wir noch zu sprechen

haben werden, führt ihn von Streckenabschnitt zu Streckenabschnitt; er

gibt den Takt für die Musik der Lokomotivräder an, wie das Metronom den

Spielenden in jedem Augenblick treibt und zügelt.

Die Regelmäßigkeit des Zugumlaufs, welche durch die genauen Angaben der

Fahrpläne erzwungen wird, bedeutet trotz aller Signal- und

Blockeinrichtungen, trotz Weichenprüfung und Zugmeldeverfahren doch die

stärkste Sicherung des Eisenbahnbetriebs. Wie man vor der Erbauung eines

Hauses auf der Zeichnung die Wände mit größter Leichtigkeit verrücken

kann, so vermag der Entwerfer des Fahrplans die mächtigen Züge mit der

Spitze seines Bleistifts auf den Schienen hin und her zu schieben. Seine

Zahlenreihen stellen sie so auf den Geleisen auf, daß sie weder

ineinander fahren, noch sich gegenseitig durchschneiden können. Wenn der

Fahrplan es unmöglich macht, daß an einer gefährlichen Kreuzungsstelle

zwei Züge zu gleicher Zeit durchlaufen können, so ist ein Unfall aufs

gründlichste ausgeschlossen.

Die Blockposten und die Beamten, welche mit der Ausübung des

Zugmeldeverfahrens betraut sind, können ihre Arbeit am besten und

sichersten dann erledigen, wenn Tag für Tag zur selben Minute die

Stellung aller Züge auf den Geleisen die gleiche ist. Im

Personenzugverkehr wird diese Gleichmäßigkeit für ungefähr halbjährige

Abschnitte durch den Fahrplan erzwungen. Der Güterzugverkehr allerdings

muß sich den wechselnden Ansprüchen anschmiegen und häufigere Änderungen

über sich ergehen lassen. Auch diese nimmt man nach Möglichkeit so vor,

daß sie für längere Zeitabschnitte Geltung behalten.

Der Fahrplan hat neben seiner großen betriebstechnischen auch eine

überaus wichtige volkswirtschaftliche Bedeutung. Er ist die große

Brücke, die eine Verbindung zwischen dem Eisenbahnbetrieb und dem Leben

der in dem durchfahrenen Land wohnenden Menschen herstellt. Der

Zugumlauf in ganzen Verwaltungsbezirken darf niemals nach betrieblichen

Rücksichten allein geregelt werden, es ist vielmehr von den

Lebensbedingungen des Lands auszugehen. Die Eisenbahn hat sich den

volkswirtschaftlichen Ansprüchen anzupassen, sie zu fördern; ja eine gut

geleitete Verwaltung wird es sich angelegen sein lassen, neue

Entwicklungsmöglichkeiten zu schaffen. Sorgfältig muß darauf geachtet

werden, welche Verschiebungen sich im Land vollziehen. Auf Ödflächen

entstehen heutzutage mit erstaunlicher Raschheit große Fabriksiedlungen.

Schwach bevölkerte Orte vermehren die Zahl ihrer Einwohner. Ein neu

gegrabener Kanal verwandelt einen stillen Fluß geschwind in eine große

Verkehrsstraße. Die Fahrplanaufstellung hat sich diesen Umlagerungen

rasch anzupassen. Ein Nachhinken hinter den Erfordernissen darf

keinesfalls stattfinden, damit nicht Unzuträglichkeiten und

Unzufriedenheit entstehen.

Die Eisenbahn ist auch imstande, volkswirtschaftliche Umlagerungen

selbst hervorzurufen, indem sie z. B. eine in der Nähe der Großstadt

liegende Siedlungsstelle durch Einrichtung einer raschen Zugfolge

aufschließt. Gerade auf diesem Gebiet ist in den letzten Jahren die

Wirkung der Eisenbahnen durchgreifend gewesen. Die Besserung der

Arbeiterwohnverhältnisse in vielen deutschen Großstädten ist in

bedeutendem Maß den Bahnen zu verdanken, freilich nicht den großen

Fernstrecken, sondern den Vorort-, Stadt- und Straßenbahnen. Nichts

fördert das gesunde Draußenwohnen mehr, als wenn der Arbeiter geschwind

von der Wohnstätte zur Arbeitsstelle gelangen kann. Die Überzeugung, daß

er hierzu imstande sein wird, verschafft ihm der veröffentlichte

Fahrplan.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 51 / 60 段