Man neigt heute immer mehr der Meinung zu, daß die Signallichter

stärkere Wirkung üben als die Signalflügel. Bestrebungen sind im Gange,

Signaleinrichtungen zu schaffen, die bei Tag und bei Nacht in gleicher

Weise durch Lichter ihre Zeichen abgeben. Es ist bereits gelungen, die

Laternen, die in einen schwarz gestrichenen Blechkasten tief eingesetzt

werden, so wirksam zu machen, daß sie selbst bei stärkster

Sonnenstrahlung deutlich sichtbar bleiben. Man kann auf diese Weise eine

nicht geringe Vereinfachung der Signaleinrichtungen erreichen, indem die

Flügelbewegung ganz fortfällt. Hierfür ist immer ein besonderer

Kraftantrieb notwendig, während die Lichter durch einfache Schaltungen

bedient werden können.

Der neuste Vorschlag dieser Art geht dahin, durch zwei an einer dunklen

Wand angebrachte Lichterreihen, die wechselnd geschaltet werden können,

nämlich durch eine wagerechte und eine schräg nach oben gehende Reihe,

die Flügelstellungen nachzuahmen. Hierbei wäre es ein leichtes, durch

Anbringung einer dreifachen Lichterreihe, etwa unter Hinzufügung einer

schräg nach unten laufenden, einen dritten Signalbefehl hinzuzufügen,

nämlich Langsame Fahrt, der vielfach zur Beschleunigung des Zugumlaufs

gewünscht wird. Man wäre dadurch imstande, Züge, die heute am Haltsignal

stehenbleiben müssen, in vorsichtiger Fahrt näher an den vorliegenden

Zug heranzubringen.

Immerhin bleibt es wünschenswert, auch bei noch so deutlichen und oft

wiederholten Signallichtern die Aufmerksamkeit der Lokomotivführer stets

von neuem wachzurufen. Zeigt doch da und dort einmal ein Vorkommnis, daß

die menschliche Natur auch hier, wo es sich um das eigene Sein und das

Leben vieler anderer Menschen handelt, grobe Fehler nicht gänzlich

ausschließt.

Am 30. Dezember 1906 ist zum Beispiel bei dichtem Nebel und Frost der

mit Vorspann fahrende Schnellzug Hamburg-Cöln in der Station Ottersberg

mit voller Geschwindigkeit auf einen Güterzug aufgefahren. Es kamen

hierbei fünf Personen ums Leben, zehn wurden verletzt. Die rückliegende

Strecke war durch nicht weniger als drei voll beleuchtete Signale

gedeckt. Sie sind von den Mannschaften beider Lokomotiven des

Schnellzugs nicht beachtet worden.

Derartige Vorgänge haben von neuem Erwägungen darüber wachgerufen, wie

mit der Wirksamkeit der Signale auf das Auge auch solche auf das stets

aufnahmebereite Ohr verbunden werden könnten. Die Anbringung von laut

heulenden Sirenen oder Hupen auf der Strecke dürfte kaum je in größerem

Maßstab stattfinden, da ja jede neue Einrichtung, die besondere

Bewegungsvorkehrungen oder Schaltungen erfordert, möglichst vermieden

werden muß. Tritt doch dadurch immer eine neue Fehlerquelle hinzu.

Beachtenswert ist vielleicht der Gedanke, vor den Signalen Schallwände

neben der Strecke anzubringen, das heißt Zäune, die so gestellt sind,

daß sie das Geräusch des vorüberfahrenden Zugs grell widertönen lassen,

so daß die Lokomotivmannschaft an solchen Stellen in besonderer Weise

zur Aufmerksamkeit aufgerüttelt wird.

Einen ganz neuen Gedanken in die Signalgebung bringen die Bestrebungen,

die Befehlsgeber auf die Lokomotive selbst zu setzen. Hier laufen die

Pläne zweier Gruppen der Eisenbahnsicherungs-Ingenieure nebeneinander.

Die einen wollen auf der Lokomotive nur ein Aufmerkzeichen anbringen.

Sie wünschen nur zu erwirken, daß die Aufmerksamkeit des

Lokomotivführers vor jedem Signal von neuem wachgerufen wird, während er

die wirkliche Stellung des Signals von dem an der Strecke stehenden Mast

ablesen muß. Die anderen gehen weiter, indem sie auch die Signalstellung

selbst auf der Lokomotive kundtun wollen.

Es sind dies Vorschläge, die nicht nur eine äußere Änderung der

Signalzeichen in sich schließen, sondern gedanklich tief in das

Eisenbahnsicherungswesen eingreifen.

Vielfach wird es für unumgänglich notwendig erachtet, die Aufmerksamkeit

des Lokomotivführers immer wieder auf die Strecke hinzulenken. Auf dem

Gleis kann ja in jedem Augenblick ein Fahrthindernis auftauchen. Das

soll der Lokomotivführer möglichst früh wahrnehmen. Wenn er unausgesetzt

nach Signalen zu spähen hat, die draußen stehen, so wird er die Strecke

keinen Augenblick außer Acht lassen dürfen. Von der unmittelbaren

Zeichengebung auf der Lokomotive befürchtet man ein Nachlassen der

Streckenbeobachtung durch den Lokomotivführer.

Das ist eine ähnliche Befürchtung, wie sie bereits vor Jahrzehnten, vor

der Einführung der geschlossenen Führerhäuser, auftauchte. Damals wurde

behauptet, wie auf Seite 233 dieses Buchs erwähnt, die Aufmerksamkeit

der Lokomotivführer würde abnehmen, wenn man sie nicht mehr durch die

freie Luft fahren ließe, sondern ihren Stand mit schützenden Blechwänden

umbaute. Diese Befürchtung hat sich als grundlos erwiesen, und ein

gleiches Ergebnis kann möglicherweise auch nach Einführung der

unmittelbaren Signalmeldung auf der Lokomotive eintreten.

Heute sind auch in Deutschland vielfach Versuche mit Vorrichtungen im

Gange, die entweder ein bloßes Aufmerkzeichen im Führerstand geben oder

dort das Signalbild selbst darstellen. Infolge der großen Bedeutung

dieser Angelegenheit hat das preußische Eisenbahnministerium schon vor

vielen Jahren recht bedeutende Mittel für die Ausprobung gewährt, und

eine ganze Reihe preußischer Lokomotiven ist heute bereits damit

ausgerüstet.

Will man nur das Aufmerkzeichen geben, so genügt die Anbringung eines

festen Anschlags neben der Strecke. Im andern Fall muß dieser Anschlag

verstellbar eingerichtet werden.

Die Aktiengesellschaft C. Stahmer schlägt zur Herbeiführung eines

Aufmerkzeichens vor, an einem galgenartigen Ausleger einen kräftigen

Dauermagneten über der Mittelachse des Gleises aufzuhängen. Ein auf dem

Dach des Führerhauses der Lokomotive angebrachter Magnetschalter soll,

sobald er darunter hinwegfährt, beeinflußt werden und so ein Signal im

Führerstand auslösen. Siemens & Halske stellen neben dem Gleis eine

eiserne Streichschiene auf, gegen die ein aus dem Körper der Lokomotive

seitlich herausragender Besen aus Kupferdrähten gedrückt wird. Der

hierdurch entstehende Stromschluß verursacht die Auslösung des

Aufmerksignals.

Besonders hübsch sind Ausführungsformen, die neuerdings von Siemens

& Halske und von der AEG geschaffen wurden. Beide vermeiden es,

Arme, die an der Lokomotive angebracht sind, gegen feste Anschläge

auf der Strecke stoßen zu lassen. Ist doch der Zusammenprall bei

Schnellzuggeschwindigkeit so hart, daß allzu leicht Beschädigungen

eintreten können. Die erstgenannte Firma ersetzt an der Stelle des

Gleises, wo das Lokomotivsignal gegeben werden soll, die gewöhnliche

Schiene durch eine solche aus Nickelstahl. Von der Maschine hängt ein

Elektromagnet so tief hinab, daß er in kurzem Abstand von der

Schienenoberkante über diese hinweggleitet. Der elektrische Zustand der

Spule, die um den Magnetkern gewickelt ist, ändert sich ziemlich stark,

wenn den Polen plötzlich die Nickelstahlschiene gegenübersteht. Dies

genügt zur Signalauslösung.

Die AEG läßt an der Spitze eines engen Rohrs ständig einen scharfen

Strahl des Kesseldampfs vorbeifließen. Hierdurch wird, wie bei den

Blumenspritzen mit Pustrohr, eine Luftverdünnung in dem Rohr sowie in

einem anschließenden Behälter erzielt. Eine im Boden des Behälters

angebrachte Klappe wird in diesem Zustand durch den atmosphärischen

Gegendruck noch in wagerechter Lage gehalten. Sobald aber der

Dampfstrahl auf ein Hindernis stößt, verliert er seine Saugkraft, die

Luftverdünnung im Behälter hört auf, die Platte fällt hinunter und

schaltet das Lokomotivsignal ein. Die Zerstörung des Dampfstrahls kurz

vor einem Signal wird in einfachster Weise durch ein mehrere Meter

langes, wagerecht liegendes Blech hervorgerufen, über das die

Dampfrohrmündung hinweggeht.

Das Signal im Führerstand hat meist eine doppelte Wirkung. Unmittelbar

vor den Augen des Lokomotivführers befindet sich ein Kasten mit einem

Fensterchen, hinter dem für gewöhnlich eine weiße Scheibe sichtbar ist.

Sobald das Signal eingeschaltet wird, fällt eine rote Scheibe hinunter,

und der Kesseldampf läßt gleichzeitig eine Pfeife ertönen. Das Pfeifen

dauert so lange, bis der Führer durch Druck auf einen Knopf das

ausgelöste Signal wieder abstellt. Diese Bewegung, die er machen muß, um

das recht unangenehme Geräusch zu beendigen, ist sicher geeignet, seine

Aufmerksamkeit aufzurütteln.

Soll die Signalstellung auf der Maschine erkennbar sein, so muß das

Schauzeichen in zwei verschiedenen Formen gegeben werden können, wozu

ein Wechseln des Anschlags neben dem Gleis gehört. Leicht wäre es auch,

mit der Haltmeldung des Schauzeichens ein selbsttätiges Auslösen der

Zugbremse zu verbinden. Doch wird man mit der Anbringung einer solchen

Einrichtung auf Dampflokomotiven äußerst zurückhaltend sein müssen, da

sie geeignet ist, den Führer von seiner Verantwortlichkeit in weitem Maß

zu entbinden, was nicht wünschenswert erscheint. Könnte er sich doch

nach einem Unfall nur allzuleicht auf ein Versagen der selbsttätigen

Bremsvorrichtung berufen.

[Abbildung:

Erbaut von Siemens & Halske

339. _Elektrischer Zugabrufer_

auf dem Bahnhof Zoologischer Garten in Berlin]

Auf einzelnen großen Bahnhöfen wird neuerdings auch das Stellen der

Zugrichtungsschilder auf den Bahnsteigen den Beamten übertragen, welche

den Zugumlauf durch Stellung der Signale regeln. Die Bahnsteigbeamten,

die im allgemeinen das Ziehen der Richtungsschilder zu bewirken haben,

tun dies nach den Anweisungen des Fahrplans, der sich in ihren Händen

befindet. Sobald aber einmal aus besonderen Gründen ein Zug ausfällt,

oder wenn durch Verspätung eine Umstellung in der Reihenfolge der Züge

stattfindet, können sie leicht falsche Hinweise geben. Sie erhalten ja

von derartigen Änderungen keine unmittelbare Nachricht. In Stunden sehr

lebhaften Verkehrs, wenn auf den Bahnsteigen starkes Gedränge herrscht,

macht es Schwierigkeiten, den Schilderziehern immer wieder durch Boten

die Umänderungen mitzuteilen. Andererseits ist das richtige und

verläßliche Stellen der Richtungsschilder für die Zugabfertigung sehr

wichtig, da die auf den Bahnsteigen Wartenden nur hierdurch erkennen

können, ob es „ihr“ Zug ist, der einfährt; die fortwährenden sehr

störenden Erkundigungen bei den Beamten sollen möglichst fortfallen.

[Abbildung: 340. _Einstellen des elektrischen Zugabrufers_

Die Schaltvorrichtung im Stellwerk]

In der Befehlsstelle des Bahnhofs weiß man selbstverständlich stets aufs

genaueste über die Zugfolge Bescheid, weshalb hier die beste Stelle zur

Bedienung der Richtungsschilder ist. Der von dieser Stelle aus

bedienbare Zugabrufer ist eine elektrisch gesteuerte Vorrichtung. In der

Ausführungsform von Siemens & Halske liegen, in einem Blechkasten

verborgen, hintereinander die Schilder für die Fahrtrichtungen aller

Züge, die den Bahnhof durchlaufen. Ferner kann die Zugart angegeben

werden, und es können auch weitere Mitteilungen wie die, ob es sich um

den Hauptzug, einen Vorzug oder Nachzug handelt, sichtbar gemacht

werden. Im Stellwerk ist eine runde Scheibe mit entsprechenden

Aufschriften angebracht. Eine Kurbel mit Zeiger gleitet darüber hinweg.

Nach Einstellung der Kurbel auf eine bestimmte Angabe und darauf

folgendem Niederdrücken eines Schalters erscheint auf dem Bahnsteig das

zugehörige Schild. Ein wiederholtes Niederdrücken des Schalters läßt das

Schild wieder verschwinden. Ein Glockenzeichen kann mit der Auslösung

verbunden werden.

Wenn der Leser den Ausführungen dieses umfangreichen Abschnitts

mit Aufmerksamkeit gefolgt ist, wird er sicher den Eindruck haben,

daß auf den Eisenbahnen Außerordentliches getan wird, um das Leben

der Fahrgäste zu behüten. Es muß jedoch darauf hingewiesen werden,

daß das hier Geschilderte nicht mehr ist, als eine Darlegung der

Sicherheitseinrichtungen in ganz großen Zügen. Von der Fülle der

Vorkehrungen, die tatsächlich in diesem Bezirk getroffen sind, hat der

Leser nicht mehr wahrgenommen, als etwa ein Besucher des Grünen Gewölbes

in Dresden von den dort untergebrachten Kostbarkeiten sieht, wenn er die

Sammlung in zehn Minuten durchläuft. Alle Schönheiten, die sich erst dem

sorgfältiger spähenden Auge offenbaren, sind auch uns bei dem

Geschwindschritt, den wir gemacht haben, verborgen geblieben. Aber

bereits das Vorgetragene dürfte geeignet sein, den Leser bei der

nächsten Eisenbahnfahrt etwas geduldiger und nachsichtiger zu stimmen,

wenn irgendeine kleine Störung im Zugumlauf eintritt. Hat sie ihren

Grund doch meist in der Haltstellung eines Signals, also in einer

Sicherungsmaßnahme.

Wer auch nur ein wenig eingeweiht ist, wird die hierfür geschaffenen

Vorrichtungen nicht anders als mit hoher Achtung betrachten können. Was

Menschen für Menschen leisten konnten, ist für die Sicherung der

Zugfahrten geschehen. Doch an den Grenzen des menschlichen Könnens endet

auch die Wirksamkeit der Eisenbahnsicherungen.

22. Das dienstbare Heer

Sorgsam und feierlich wie kein König der Erden wird jeder Eisenbahnzug

geleitet und empfangen. Eine ungeheure Mannschaft ist in jedem

Augenblick an und auf den Strecken eifrigst tätig, um den fahrenden

Zügen die Bahn frei zu machen und frei zu halten, um dafür zu sorgen,

daß ihnen kein Hindernis entgegentritt, durch welches das glatte

Erreichen des Ziels gefährdet werden könnte. Allein in Deutschland gibt

es bei der Eisenbahn 800 000 Beamte und Arbeiter.

Sie alle dienen dem Betrieb, welchem sie sich gewidmet haben, mit dem

Einsatz ihrer ganzen Persönlichkeit. An die Arbeitskraft der

_Eisenbahnbeamten_ werden unausgesetzt hohe Anforderungen gestellt,

ständig sind sie Gefahren ausgesetzt, die nur durch große Aufmerksamkeit

unschädlich gemacht werden können. Rasche Überlegung, geschwinde

Entschlußfähigkeit sind unentbehrliche Eigenschaften, die jeder von

ihnen besitzen muß, wenn er sich als nützliches Glied in das Ganze fügen

will. Kann doch der kleinste Fehler die bösesten Folgen zeitigen.

Die Verhältnisse, die hier obwalten, sind mit jenen beim Wasserbau zu

vergleichen. Im Schutz eines gewaltigen Damms sind Hunderte von

Arbeitern tätig, um ein bedeutendes Werk auszuführen. Kunstvoll werden

tief unter dem Spiegel des auf der anderen Seite hoch anstehenden

Wassers eiserne Träger zusammengefügt, Betonschüttungen vorgenommen. Da

frißt das Wasser einen Verbindungsweg zur Baustelle hindurch, der nicht

weiter ist als die Stärke eines Bleistifts beträgt. Ein dünner Strahl

rieselt kaum sichtbar hindurch, aber nach einer Stunde bereits ist der

Damm eingesunken, alles mühsam Geschaffene im Wasser ertränkt. So kann

das Versagen der Überlegungskraft eines Eisenbahnfahrdienst-Beamten

während des Bruchteils einer Minute einer großen Menschenzahl das Leben

rauben, unabsehbaren Schaden verursachen und den Betrieb tagelang

lahmlegen.

Damit die Beamten sich ihrer großen Verantwortung in jedem Augenblick

bewußt sind, legen die deutschen Eisenbahnverwaltungen Wert darauf,

jeden in seinem Rahmen selbständig arbeiten zu lassen. Obgleich durch

sorgfältigst erwogene und selbst das Kleinste umfassende Vorschriften

jede Dienstverrichtung geregelt ist, bleibt dennoch Platz für die

geistige Arbeit des einzelnen. Dieses Vorgehen ähnelt der Ausbildung des

deutschen Soldaten, der gleichfalls in jedem Augenblick den Befehlen der

Vorgesetzten unterworfen ist, dennoch aber dazu erzogen wird, im

Ernstfall selbständig innerhalb seines engen Bezirks tätig zu sein.

Der Eisenbahnbeamte soll nicht maschinenmäßig arbeiten. Auch die beste

und verläßlichste Maschine, die zu seiner Verfügung ist, nimmt ihm die

Verantwortung nicht ab. Der Blockwärter darf nicht an der Sperrung

seiner Hebel erkennen wollen, ob er sie bewegen darf oder nicht, er muß,

bevor er seinen Hebel berührt, sich geistig darüber klar geworden sein,

ob ihm der betriebliche Zustand in diesem Augenblick das Bewegen des

Hebels erlaubt.

Die gute Schulung und die Pflichttreue des Heers der deutschen

Eisenbahnbeamten bewirken neben der vorzüglichen Ausbildung aller

technischen Mittel die ständige Verringerung der Unfälle, die aus der

Statistik deutlich ersichtlich ist.

Es seien hier einige allgemeine Angaben über die Gliederung des

Beamtenkörpers in dem größten aller Eisenbahnbetriebe, der

preußisch-hessischen Staatsbahn, gemacht.

An der Spitze steht das Ministerium der öffentlichen Arbeiten, dem auch

die allgemeine Staats-Bauverwaltung unterstellt ist. Es wird seit mehr

als einem Jahrzehnt von Exzellenz ~Dr.~ _von Breitenbach_ geleitet, der

sich in dieser Zeit sehr bedeutende Verdienste erworben hat. Sie

erstrecken sich nicht nur auf seinen Verwaltungsbereich, sondern

betreffen das Eisenbahnwesen im allgemeinen, da während der Amtszeit des

Ministers durch Neueinführungen und Versuche in größtem Maßstab sowohl

die Verwaltungs- wie die reine Technik der Eisenbahnen in umfassendster

Weise weitergebildet worden sind.

Seit der Neuordnung vom 1. April 1895 besteht das preußische Ministerium

der öffentlichen Arbeiten in seinem Eisenbahnbezirk aus fünf

Abteilungen: Bauabteilung, Verkehrsabteilung, Verwaltungsabteilung,

Finanzabteilung, maschinentechnische Abteilung, denen in neuester Zeit

noch eine Betriebsabteilung angefügt ist. Dem Ministerium sind das

Eisenbahnzentralamt und 21 Eisenbahndirektionen unterstellt.

Dem den Direktionen gleichgeordneten Zentralamt, an dessen Spitze wie

bei den Direktionen ein Präsident steht, ist die Erledigung einer Reihe

von Geschäften übertragen, die gleiche Bedeutung für den gesamten

Staatsbahnbereich haben. Hierdurch wird die wünschenswerte

Gleichmäßigkeit in solchen Anordnungen und Maßnahmen erreicht, die über

die Grenzen der einzelnen Direktionen hinaus die Gesamtheit angehen.

So gehören zum Geschäftsgebiet des Eisenbahnzentralamts die Leitung der

Geschäfte des deutschen Staatsbahnwagen-Verbands und der europäischen

Personenwagen-Beistellung. Es hat die Gesamteinteilung des Fahrparks zu

besorgen, sowie dessen Ausnutzung zu beobachten und zu verbessern. Auch

die Beaufsichtigung des Sicherungswesens ist ihm übertragen. Ein

wichtiger Teil des Eisenbahnzentralamts, das Hauptwagenamt, dem die

tägliche Güterwagenverteilung obliegt, wurde bereits erwähnt.

Es werden ferner von dieser Stelle aus Bau und Beschaffung von

Lokomotiven und Wagen, die Anschaffungen für den Eisenbahnoberbau

und dessen Herstellung geregelt. Das Eisenbahnzentralamt hat

gemeinsame Dienstanweisungen auszuarbeiten, es verwaltet die

Wohlfahrtseinrichtungen, und es liegt ihm die Durchführung von Versuchen

aller Art ob, welche dazu bestimmt sind, die Leistungsfähigkeit und

Betriebssicherheit auf den preußisch-hessischen Staatsbahnen zu erhöhen.

Die letzte und vielleicht bedeutungsvollste Schöpfung des

Eisenbahnzentralamts, die neue durchgehende Bremse für Güterzüge, haben

wir bereits kennen gelernt.

Jeder der 21 Eisenbahndirektionen unterstehen: Betriebsämter,

Verkehrsämter, Maschinenämter, Werkstättenämter und Bauabteilungen. Die

Verkehrsämter haben die Güterabfertigung und Güterkassen, die

Bahnhofskassen, Gepäckabfertigungen, Fahrkartenausgaben und einen Teil

der Geschäfte auf den Bahnhöfen zu verwalten. Derjenige Teil der

Bahnhofsgeschäfte, der sich auf den Betrieb bezieht, wird von den

Betriebsämtern geleitet, denen auch die Bahnmeistereien nachgeordnet

sind.

Aufgabe der Bahnmeister ist es, für die Bahnunterhaltung

und Bahnbewachung zu sorgen. Ihnen unterstehen das

Bahnunterhaltungspersonal, die Streckenläufer und Rottenarbeiter, die

Bahn- und Schrankenwärter sowie alle anderen an der freien Strecke

beschäftigten Beamten. Über deren Tätigkeit soll im nächsten Abschnitt

gesprochen werden.

Auf den Bahnhöfen werden den Reisenden in der Hauptsache nur die

Beamten sichtbar, denen die Regelung des eigentlichen Verkehrs

obliegt. Der Verkehr wird aber erst möglich, nachdem Ordnung des

gesamten Betriebs stattgefunden hat. Es muß daher auf den Bahnhöfen

auch eine große Zahl von Beamten vorhanden sein, deren Aufgabe die

Erledigung des nicht geringen Schreibwerks für den Betriebsdienst

ist; es sind ferner neben vielem anderen die Regelung des Wagendiensts,

des Telegraphendiensts, die Aufsicht über die Beamten, die Verteilung

der Zugbegleitmannschaften, die Annahme von Arbeitern und ihre

Entlohnung, Beaufsichtigung der Bahnhofsmannschaft, die Wahrnehmung

des Bahnpolizeidiensts, die Aufsicht über die Bahnhofswirtschaft zu

besorgen. So kommt es, daß auf ganz großen Bahnhöfen, wie etwa Leipzig,

Frankfurt a. M. oder München je 2000 bis 3000 Beamte und Arbeiter

beschäftigt sind.

Wir haben hier insbesondere die Tätigkeit der Beamten in demjenigen

Bereich zu betrachten, der unmittelbare Wirkung auf den Lauf der Züge

übt und _Fahrdienst_ heißt.

Die Besetzung jedes Zugs mit Beamten besteht aus der Lokomotivmannschaft

und der Zugbegleitmannschaft. Die Zugbegleiter unterstehen während der

Fahrt dem Zugführer. Dieser muß sich vor Antritt jeder Fahrt davon

überzeugen, ob die Mannschaft vollzählig zur Stelle und dienstfähig ist.

Er hat den Zug, die gesamte Handhabung des Diensts an ihm, die

Aufrechterhaltung der Ordnung im Zug und dessen Sicherheit ständig zu

überwachen. So oft es möglich ist, soll er sich von dem betrieblichen

Zustand des Zugs überzeugen und auch, soweit ihm das seine sonstigen

Dienstobliegenheiten gestatten, auf den Stand der Signale und die Lage

der Wegschranken achten.

Damit der Zugführer die Strecke zu überblicken vermag, ist in jeden

Packwagen, wo er allermeist seinen Dienstplatz hat, ein erhöhter Sitz

eingebaut. Durch die Stirnfenster der Dachüberhöhung vermag er über

Wagen und Maschine hinwegzublicken. Um dem Zugführer die Möglichkeit zu

geben, den Zug im Gefahrfall sofort anzuhalten, ist eine

Bremsvorrichtung neben seinem Sitz angebracht. Desgleichen kann er in

Zügen mit Druckluftbremse jederzeit an einem Druckmesser die

Luftpressung in der Bremshauptleitung erkennen. Sieht der Zugführer, daß

der Lokomotivführer ein auf Halt stehendes Signal überfahren will, so

hat er den Zug abzubremsen. Derartige Vorkommnisse sind zu melden.

Ebenso ist es seine Pflicht, Meldung zu erstatten, wenn beim

Vorüberfahren des Zugs eine Wegschranke nicht geschlossen war. Der

Lokomotivführer hat hierauf gleichfalls sein Augenmerk zu richten.

Sowohl der Lokomotivführer wie der Zugführer müssen streckenkundig sein.

Ehe ein Lokomotivführer eine Zugfahrt selbständig leiten darf, muß er

die Strecke lange Zeit als Heizer befahren haben, wobei ihm neben der

Handhabung der Maschine selbst der Standort jedes Signals, alle

Krümmungen, alle besonderen Merkmale genau bekannt werden. Er fährt

stets nur in seinem engen Bezirk hin und her. Wird er auf eine andere

Strecke versetzt, so muß er diese erst wieder durch eine Reihe von

Dienstfahrten genau kennen lernen, bis man ihm auch hier einen Zug

anvertraut. Wenn ein Lokomotivführer mit seiner Maschine plötzlich zur

Aushilfe auf eine ihm nicht genau bekannte Strecke geschickt wird, so

muß er, gerade wie der Kapitän bei der Einfahrt in den Hafen, einen

Lotsen in seinem Stand mitnehmen.

Auch der Zugführer macht vor Übernahme des selbständigen Diensts unter

Leitung eines streckenkundigen Dienstgenossen bei Tag und Nacht

Belehrungsfahrten in beiden Richtungen der Strecke. Während des Diensts

hat er einen Fahrbericht zu führen. Die Eintragungen sind in die Spalten

eines Vordrucks zu setzen.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 48 / 60 段