Auch der Zug selbst kann Signalmeldungen abgeben (Bild 337 hinter Seite

416). Seine Spitze wird am Tag nicht besonders gekennzeichnet, da das

Herannahen ja schon aus weiter Ferne sichtbar wird. Bei Dunkelheit trägt

die Lokomotive zwei weißleuchtende Laternen. Befährt der Zug auf

zweigeleisiger Bahn ausnahmsweise das falsche Gleis, so trägt die

Lokomotive bei Tag eine rote Scheibe, bei Dunkelheit wird eine der

beiden Lokomotiv-Laternen rot geblendet.

Der Zugschluß, dessen Hervorhebung für die Blockwärter ja von

besonderer Wichtigkeit ist, wird am Tag dadurch gekennzeichnet, daß an

den, in der Fahrtrichtung gesehen, rechts liegenden Puffer des letzten

Fahrzeugs eine rote Scheibe gehängt und auf Halter am Dach

Oberwagenscheiben, zwei nach vorn und nach hinten sichtbare, viereckige,

rot und weiß gestrichene Blechplatten gesteckt werden. Bei Dunkelheit

wird die Schlußscheibe am Puffer durch eine rot geblendete Laterne

ersetzt. An die Stelle der Oberwagenscheiben treten Oberwagenlaternen,

die aber nunmehr nach jeder der beiden Richtungen ein anderes Licht

aussenden. Sie sind nach hinten rot geblendet, nach vorn dagegen grün.

Durch diese Einführung ist es möglich, die Bewegungsrichtung eines jeden

Zugs, der sichtbar wird, schon von weit her zu erkennen. Ein Zug, der

sich vom Beschauer fortbewegt, zeigt stets rotes Licht. Wenn er auf den

Beschauer zukommt, sieht man zwei grüne Lichter.

[Abbildung:

Bauart Siemens & Halske

327. _Vorsignal mit elektrischem Antrieb_

Davor die Merktafel]

Einzeln fahrende Lokomotiven oder Triebwagen führen das Schlußzeichen

nur am Puffer.

In sehr einfacher und wirksamer Weise werden die Signale am Zug dazu

benutzt, ganz bestimmte Meldungen, die auf anderem Weg nicht mehr rasch

genug erteilt werden können, weithin sichtbar über die Strecke zu

tragen. Ist eine der beiden rechteckigen, rot und weiß gestrichenen

Oberwagenscheiben durch eine runde, weiße, schwarz geränderte Scheibe

ersetzt, oder bei Dunkelheit an Stelle einer der nach rückwärts rot

geblendeten Oberwagenlaternen eine solche getreten, die nach rückwärts

weißes Licht aussendet, so bedeutet dies: „Ein Sonderzug folgt nach!“

Eine weiße, schwarz geränderte Scheibe, die in einen Halter vor den

Schornstein der Lokomotive gesteckt ist oder eine weiß leuchtende

Laterne an dieser Stelle sagen: „Ein Sonderzug kommt in

entgegengesetzter Richtung!“ Eine runde, gelbe Scheibe am selben Ort

ruft den Bahnbediensteten zu: „Die Telegraphen- und Fernsprechleitung

ist zu untersuchen!“ Bei Nacht wird dieses letzte Signal nicht gegeben,

da die entsprechenden Arbeiten im Dunkeln nicht ausgeführt werden

können.

Inmitten des weiten, farbenstrahlenden Meers der sichtbaren Signale

befindet sich ein Inselchen, das der tönenden Signalgebung gewidmet ist.

Nach den eindrucksvollsten Erscheinungen im Eisenbahnbetrieb, den

Lokomotiven und den Hauptsignalen, ist die im allgemeinen Kreis

bekannteste Einrichtung wohl die große, würdevoll dastehende

Wärterglocke. Jeder hat beim Spaziergang über stille Fluren sicherlich

schon einmal von weither ihren hallenden Klang vernommen, welcher der

einzige wohlklingende Ton im Eisenbahnbetrieb ist. Zu all dem schrillen

Knirschen und Pfeifen, das sonst aus der Welt auf Schienen

hervordringt, wirkt er doppelt angenehm.

[Abbildung: 328. _Elektrischer Weichenantrieb_]

[Abbildung: 329. _Elektrischer Weichenantrieb geöffnet_

Rechts der Motor; links unten hinausragend: Stellstange für die

Weichenzungen]

[Abbildung: 330. _Zahnstangenantrieb_

bei elektrischer Weichenbewegung. Weichenantrieb von unten gesehen]

Die betriebstechnische Aufgabe dieser großen Läutewerke ist, die auf

freier Strecke aufgestellten Wärter und Wächter über Ereignisse zu

benachrichtigen, die sich demnächst auf den Geleisen in ihrer Nähe

abspielen werden. Bestimmte Amtsstellen, Zugmeldestellen genannt, sind

mit der Abgabe der Läutesignale beauftragt. Der Wirkungsbereich geht

immer bis zur nächsten Zugmeldestelle. Dort beginnt der nächste

Meldebezirk. Nach der Signalordnung für das Deutsche Reich können vier

verschiedene Läutesignale gegeben werden. Sie bestehen aus einer

bestimmten Anzahl von Glockenschlägen, gewöhnlich fünf, die gruppenweis

aneinander gereiht werden.

Signal 1: -- -- -- -- --

bedeutet: „Ein Zug fährt in der Richtung von ~A~ nach ~B~!“

Signal 2: -- -- -- -- --  -- -- -- -- --

sagt: „Ein Zug fährt in der Richtung von ~B~ nach ~A~!“

Signal 3: -- -- -- -- --  -- -- -- -- --  -- -- -- -- --

heißt: „Der Zugverkehr ruht!“ Dasselbe Signal wird gegeben, falls eins

der beiden vorher erwähnten Abläutesignale zurückgenommen werden soll.

Signal 4:

-- -- -- -- --

-- -- -- -- --

-- -- -- -- --

-- -- -- -- --

-- -- -- -- --

-- -- -- -- --

ist das Gefahrsignal. Es befiehlt, alle Züge aufzuhalten, weil sich

etwas Außerordentliches ereignet hat. Sobald ein Streckenwärter dieses

Signal hört, hat er sofort mit geschwungener roter Fahne, die ja immer

in seinem Besitz ist, oder mit der rotgeblendeten Laterne jedem nahenden

Zug entgegenzulaufen und ihn zu stellen. So wird es möglich, Züge auch

an solchen Orten aufzuhalten, wo sich kein feststehendes Signal

befindet.

[Abbildung: 331. _Die Steuerschalter am elektrischen Weichenantrieb_

1. Weiche in Grundstellung. Ausleger des oberen Steuerschalters im

Ausschnitt der Steuerscheibe: Motor für Umlegung der Weiche aus der

Grundstellung geschaltet. 2. Beide Schalterausleger auf dem Rücken der

Steuerscheibe: Motor läuft. 3. Ausleger des unteren Steuerschalters im

Ausschnitt der Steuerscheibe: Motor für Rücklegung der Weiche

geschaltet]

[Abbildung:

Erbaut von Siemens & Halske

332. _Elektrisches Stellwerk_

An die Stelle der großen mechanischen Hebel sind kleine runde

Schaltergriffe getreten]

[Abbildung:

Erbaut von der AEG

333. „_Elektrische Abhängigkeiten_“

in einem großen elektrischen Stellwerk]

Die Läutewerke werden elektrisch betätigt. Der Strom, der ihnen durch

die Leitung zufließt, besorgt jedoch nicht selbst die Bewegung des

schweren Glockenhammers, er gibt vielmehr nur die Anregung für die

Schläge. Im Körper des Läutewerks ist ein kräftiges Uhrwerk

untergebracht, das durch ein Gewicht in Bewegung gesetzt wird, sobald

eine Hemmung aus einem der Zahnräder entfernt ist. Das Räderwerk läuft

alsdann um, ein im Gehäuse nach oben steigendes Drahtseil wird in

bestimmten Abständen angerissen, wodurch der Hammer hochgeworfen wird,

um alsbald in scharfem Schlag gegen die Glockenschale zurückzufallen.

Von Zeit zu Zeit muß das Gewicht mit Hilfe einer Kurbel hochgewunden

werden. Die Läutewerke sind so hoch gebaut, damit das Gewicht einen

nicht allzu geringen Fallraum unter sich hat, so daß das Aufziehen nicht

zu häufig vorgenommen zu werden braucht.

Der elektrische Strom besorgt hier also nichts weiter als das Auslösen

der Hemmung, indem er einen Elektromagnet erregt, der darauf seinen

Anker, das Sperrglied, anzieht. Würde der Strom selbst das Bewegen des

Glockenhammers besorgen müssen, so wären sehr viel stärkere Stromquellen

notwendig, als sie für diesen Zweck vorhanden sind.

[Abbildung: 334. _Streckenläutewerk_]

Läutewerke mit dieser Anordnung sind bereits im Jahre 1846 von

_Leonhardt_ auf der thüringischen Eisenbahn zuerst eingeführt

worden. Es ist dies derselbe Leonhardt, in dessen Werkstatt Werner

_Siemens_ zum ersten Mal veranlaßt wurde, seine Aufmerksamkeit den

Telegraphenapparaten zuzuwenden. Leonhardts Beschäftigung mit dem

Wheatstoneschen Nadeltelegraphen regte Werner Siemens zu dessen

Verbesserung an, was den Anfang der überaus fruchtbaren Lebensarbeit

dieses großen Manns auf dem Gebiet der elektrischen Zeichengebung

bedeutete.

Die Eisenbahnläutewerke haben dann später, nämlich im Jahre 1856, Werner

Siemens unmittelbar zu einer seiner bedeutendsten Erfindungen veranlaßt.

Der Auslösestrom wurde bis dahin durch einfaches Einschalten

galvanischer Elemente gegeben. Deren Unterhaltung war sehr unbequem und

kostspielig. Siemens setzte an ihre Stelle die magnetelektrische

Maschine, die durch eine Kurbel bewegt wird. Es ist dies eben die

Stromkurbelvorrichtung, der wir bereits an den Blockwerken begegnet

sind, und die auch an den heutigen Fernsprechern, wie an so vielen

anderen Stellen, unverändert benutzt wird. Ihr Hauptteil ist der damals

von Siemens geschaffene Doppel-~T~-Anker (⌶), eine besonders günstige

Form für den beweglichen Teil solcher kleinen magnet-elektrischen

Maschinen.

Wenn ein Bahnwärterposten an einer Stelle untergebracht ist, wo mehrere

Strecken vorbeiführen, so wird dort eine der Streckenzahl entsprechende

Anzahl von Läutewerken aufgestellt. Der Wärter muß nun ohne weiteres

unterscheiden können, von welcher Strecke her ihm ein Läutesignal

gegeben wird. Zu diesem Zweck gibt es außer den gewöhnlichen Läutewerken

mit Einer Glockenschale solche mit zwei und mit drei Glockenschalen. Aus

dem Einklang, Zweiklang oder Dreiklang erkennt der Wärter die

zeichengebende Richtung.

Da alle zwischen zwei Zugmeldestellen aufgestellten Läutewerke

hintereinander in eine durchgehende Leitung geschaltet sind, so ertönen

sie sämtlich, sobald in der zugehörigen Zugmeldestelle die Stromkurbel

gedreht wird, zu gleicher Zeit. Der Zeitabstand zwischen dem Ertönen des

Läutesignals und der Ankunft des vorgemeldeten Zugs ist also an jedem

Posten ein anderer. Der Wärter kennt ihn aus Erfahrung.

Es ist eine allbekannte Tatsache, das nichts belehrender wirkt als

Fehler, die man begangen hat. Man muß sie freilich als solche erkennen

und ihren Ursachen nachspüren, um diese auszurotten. Wer sich ohne Fehl

dünkt, wird dies freilich nicht nötig zu haben glauben und deshalb nicht

zum Besseren aufsteigen.

Es wäre begreiflich, wenn die Eisenbahnsicherungs-Ingenieure, die mit

den eben beschriebenen, feinnervigen und bis ins letzte durchdachten

Vorrichtungen arbeiten, zu der Meinung gekommen wären, daß hier nichts

mehr zu bessern sei. Nach Menschenfähigkeit ist alles geschehen, um das

Leben der Eisenbahnfahrgäste zu schützen, eine lückenlose Schutzwehr

scheint aufgerichtet. Dennoch ist der Himmel, der sich über der

Schienenwelt ausspannt, nicht immer heiter. Ohne daß Wolkenansammlungen

vorhergegangen sind, zuckt urplötzlich der Blitz des Verhängnisses

nieder.

Eisenbahnunglück! Ein furchtbares Wort! Es greift selbst in den Tagen,

da man fortwährend von blutigen Schlachten liest, noch schwer an alle

Herzen. Die auf den Kampffeldern dahinsinken, sind ausgezogen, um ihr

Leben fürs Vaterland hinzugeben, die aber neben dem Eisenbahndamm

blutend auf dem Feld liegen, sind mit dem Gedanken an das Leben in die

Ferne hinausgefahren. Sie strebten freudig und hoffnungsvoll einem

fernen Ziel entgegen, da griff ihnen der Tod jäh ans Herz. Aus dem

heißbewegten Leben des Eisenbahnzugs führte der Weg in einem Augenblick

zu der ewigen Unbeweglichkeit der Grabesruhe.

Eisenbahnunfälle kommen immer wieder vor. Das weiß ein jeder, und

dennoch denkt niemand an die Gefahr, wenn er in den Zug steigt oder mit

der unerhörten, stets zerstörungsbereiten Geschwindigkeit von hundert

Kilometern in der Stunde dahinfährt.

Und ganz mit Recht hält der auf der deutschen Eisenbahn Reisende den

Gedanken an ein solches Vorkommnis von sich fern.

Daß jemand auf der Eisenbahn durch ein Unglück umkommt, ist höchst

unwahrscheinlich und wird immer unwahrscheinlicher. Nach der Statistik

kamen im Jahre 1900 auf 10 Millionen beförderte Personen acht

verunglückte, im Jahre 1906 waren es sechs, im Jahre 1909 nur noch fünf

Verunglückte auf die gleiche Zahl der Beförderten. Obgleich im Jahre

1900 nur 844 175 747 Personen, 1909 dagegen 1 443 472 030 befördert

wurden, ist in diesem Zeitraum die Zahl der Verunglückten doch gesunken.

1900 waren es 704 Getötete und Verletzte, 1909 nur noch 670. Es liegen

ungünstigere Jahre dazwischen, die immer stärker werdende Verminderung

der Unglücksfälle ist jedoch deutlich erkennbar.

In jedem Jahr ist eine gewisse Zahl solcher höchst bedauerlichen

Ereignisse Schwächen in der Eisenbahnsicherung zuzuschreiben. Daraus

geht hervor, daß auch in diesem so kräftig und sorgsam angebauten Bezirk

immer noch Verbesserungen vorzunehmen sind. Wo hier angepackt werden

muß, wird man am besten durch prüfende Betrachtung der Fehlerursachen

erkennen. Der bekannte Eisenbahntechniker Ludwig Ritter _von Stockert_

hat auf diesem Gebiet durch sein höchst lehrreiches Buch

„Eisenbahnunfälle“ trefflich vorgearbeitet. Er hat hierin eine sehr

große Anzahl von Eisenbahnunfällen zusammengestellt und nach ihren

Ursachen geordnet. Einige der Schilderungen Stockerts seien hier

nacherzählt.

Zunächst mögen zwei Unglücksfälle dargestellt werden, aus denen die

nachdrückliche Wirkung der Blockeinrichtung klar erhellt. Die beiden

furchtbaren Ereignisse hätten nicht eintreten können, wenn die Züge

unter Blockschutz gefahren wären.

[Abbildung:

Aus von Stockert: „Eisenbahnunfälle“

335. _Eisenbahnunfall durch Fehler in der Streckensicherung_

Nach dem Zugzusammenstoß bei Ludhiana in Indien am 25. Dezember 1907]

Am 25. Dezember 1907 um vier Uhr früh sind auf der eingeleisigen

indischen Nordwestbahn, zwischen den Bahnhöfen Ludhiana und Ladhowal

zwei Personenzuge in voller Fahrt aufeinandergestoßen. Hierbei haben

sich beide Lokomotiven fast senkrecht aufgerichtet und sind in dieser

seltsamen Stellung, die Bild 335 zeigt, stehen geblieben. Die Maschinen

sowohl wie die Wagen beider Züge wurden schwer beschädigt, einige Wagen

gänzlich zertrümmert. 21 Personen, darunter 6 Zugbegleiter, blieben tot,

8 Personen, darunter 4 Bahnbedienstete, wurden schwer verletzt. Der

Schaden an Betriebsmitteln belief sich auf rund 250 000 Mark.

[Abbildung:

Aus von Stockert: „Eisenbahnunfälle“

336. _Eisenbahnunfall im Nebel_

Folgen eines Zugzusammenstoßes bei Mühlheim a. M. am 8. November 1900]

Die Strecke besitzt keine Blockeinrichtung der hier geschilderten Art.

Das Unglück entstand dadurch, daß der zuständige Verkehrsbeamte auf der

Station Ladhowal einen Zug in der Richtung auf Ludhiana ausfahren ließ,

während ein Gegenzug von dort her unterwegs war.

Etwas Ähnliches geschah am 7. August 1905 auf der eingleisigen Strecke

Spremberg-Görlitz, die keine Streckenblockung besaß. Durch einen

unbegreiflichen und in der Geschichte der deutschen Eisenbahnen überaus

seltenen Fehler wurde der von Spremberg nach Görlitz fahrende Berliner

Schnellzug in den Abschnitt zwischen Spremberg und Schleife eingelassen,

obgleich auf demselben Gleis ein entgegenkommender Schnellzug zu

erwarten war. Beide Züge befanden sich bei der Annäherung in voller

Fahrt, so daß der Zusammenstoß von den ärgsten Folgen begleitet war.

Beide Lokomotiven, vier Gepäckwagen und fünf Personenwagen sind

entgleist und zum größten Teil zerstört worden. 17 Tote, darunter beide

Lokomotivführer und Heizer, 14 Schwerverletzte und zahlreiche

Leichtverwundete waren die Opfer. Der entstandene Sachschaden wurde auf

eine Million Mark beziffert.

[Abbildung: 337. _Signale am Zug_

~a~) Kennzeichnung der Spitze

bei Tag bei Dunkelheit

(kein besonderes Signal)

~b~) Der Zug befährt ausnahmsweis das falsche Gleis

bei Tag bei Dunkelheit

~c~) Ein Sonderzug kommt in entgegengesetzter Richtung

bei Tag bei Dunkelheit

~d~) Die Telegraphenleitung soll untersucht werden

Dieses Signal wird nur bei Tag gegeben

~e~) Zugschluß-Signal

bei Tag

bei Dunkelheit

~f~) Ein Sonderzug folgt nach

bei Tag

bei Dunkelheit]

Während, wie gesagt, die hoch entwickelte Blockeinrichtung, welche stets

ohne Gedankenfehler arbeitet, diese Vorkommnisse unmöglich gemacht

hätte, wenn sie vorhanden gewesen wäre, ist aus anderen, freilich

ungemein seltenen Beispielen doch zu erkennen, daß auch sie nicht immer

vollkommen durchgreifende Hilfe zu gewähren vermag. Das freilich sei ein

für alle Male festgestellt: wird auf einer Strecke der Block benutzt und

sind die unter seinen Einfluß gestellten Signale nicht durch besondere

Umstände in ihrer Wirkung beeinträchtigt, dann kann ein Unglück durch

mangelnde Zugdeckung niemals eintreten. Aber Menschenwerk, wenn es auch

noch so sorgsam errichtet ist, bleibt eben doch immer ein Ding, das mit

Fehlern behaftet ist. Wie geschickt die kalte Hand des Verhängnisses

selbst durch das dicht gesponnene Netz der besten Eisenbahnsicherung

hindurchzugreifen vermag, zeigen, geradezu an einem Schulbeispiel, die

Hergänge, die sich vor dem Eisenbahnzusammenstoß zwischen Mühlheim a.

Main und Offenbach am 8. November 1900 abspielten.

Der ~D~-Zug Berlin-Frankfurt a. M. war vom Bahnhof Mühlheim in der

Richtung nach Offenbach verspätet abgefahren. Als er sich der zwischen

den beiden Bahnhöfen liegenden Blockstelle 11 näherte, stand deren

Signal auf Halt, weil sich zwischen der Blockstelle und dem Bahnhof

Offenbach eine rückkehrende Lokomotive befand.

Es herrschte an diesem Tag dichter Nebel. Der Führer des ~D~-Zugs

erkannte das Haltsignal zu spät und fuhr um etwa 200 Meter darüber

hinaus. Der Wärter in der Blockstelle sah den ~D~-Zug im Nebel

verschwinden. Da die Strecke im gleichen Augenblick vom Bahnhof

Offenbach her freigeblockt wurde, focht ihn dies nicht weiter an; der

Streckenabschnitt bis Offenbach mußte ja nun frei sein, und dem ~D~-Zug,

den er in voller Weiterfahrt nach Offenbach wähnte, konnte nichts

Gefährliches zustoßen. Der Wärter löste, nach Entfernen eines

Bleisiegels, die vom Zug wegen der Haltstellung des Signals ja nicht

ordnungsgemäß beeinflußte Tastensperre mit der Hand auf, stellte, um

seinen Block in Ordnung zu halten, das Signal rasch auf Fahrt Frei und

auf Halt und entblockte nun die vom ~D~-Zug ja geräumte rückliegende

Strecke nach Mühlheim.

Der Lokomotivführer des ~D~-Zugs aber hatte während des Vorbeifahrens

gesehen, daß sein Signal auf Halt lag. Er brachte seinen Zug in der

schon genannten Entfernung vom Signal zum Halten und drückte ihn nun

langsam hinter das Signal zurück. Von der nur einen Augenblick währenden

Fahrt Frei-Stellung des Signals hatte er nichts wahrgenommen. Er blieb

nun vor dem Signal stehen und wartete auf die Freigabe.

Erst einige Zeit später erblickte der Blockwärter, dessen Fernsicht

durch den dichten Nebel stark beschränkt war, zu seinem Entsetzen den

~D~-Zug vor dem Signal. Da er die Strecke nach Mühlheim hin bereits

entblockt hatte und infolge der Verspätung des ~D~-Zugs unmittelbar

hinter diesem einen Personenzug erwartete, lief er eiligst zur

Lokomotive und forderte den Führer zur Weiterfahrt auf.

Es war jedoch bereits zu spät. Der Führer des nachfolgenden Personenzugs

erkannte ebenfalls erst in unmittelbarer Nähe das Haltsignal der

Blockstelle und die Schlußlichter des zurückgeschobenen Zugs. Ein

Auffahren war unvermeidlich, und es geschah mit großer Heftigkeit. Der

letzte Wagen des ~D~-Zugs wurde derart zusammengedrückt, daß die Türen

nicht mehr geöffnet werden konnten. Der ausströmende Inhalt des

beschädigten Gasbehälters entzündete sich an dem Feuer der aufgefahrenen

Lokomotive. Ein Teil der Reisenden konnte sich noch retten, doch haben

12 Personen hierbei das Leben eingebüßt, 4 wurden verletzt.

Der Unfall hatte neben einer Reihe anderer Maßnahmen die Vorschrift zur

Folge, daß ein Zug, der ein auf Halt stehendes Signal überfahren hat,

nicht ohne Zustimmung der zugehörigen Blockstelle zurückgedrückt werden

darf.

Ein Ereignis wie das eben geschilderte mit seiner seltsamen Verkettung

von Umständen dürfte sich kaum jemals wiederholen. Aber immer

wieder wird es naturgemäß eine neue Zusammenballung von Ereignissen

geben, die Unheil herbeizuführen vermag. Die vielfach gepanzerte

Verteidigungsstellung, welche durch die Blockeinrichtung gebildet wird,

ist freilich nur unter ganz besonderen Umständen zu überrennen. Die

düstere, gegen die Sicherheit auf der Eisenbahn anstürmende Macht sucht

daher auch meist den Stirnangriff zu vermeiden, indem sie von der Seite

her die Stellung umgeht. Auf diese Weise findet die unheilvoll Waltende

hier und da weitere Gelegenheit zu heftigen Schlägen.

Die Blockeinrichtung ist vortrefflich. Aber ihre Macht reicht nicht

weiter als bis zu den Flügeln der Signale. Sie sorgt dafür, daß diese

sich stets, wenn es erforderlich ist, in deckender Stellung befinden.

Damit jedoch endet der Einfluß des Blocks. Wenn die Signale nicht

beachtet werden, so sind alle die feinen Sicherungen umsonst aufgewendet

gewesen.

Wir verfügen in Deutschland über ein vorzüglich geschultes und äußerst

pflichttreues Lokomotivpersonal. Dennoch wiederholt sich das Überfahren

von Haltsignalen immer wieder. Ein paar Augenblicke der Unaufmerksamkeit

genügen, um den Lokomotivführer an einem auf Halt liegenden Signal

vorbeifahren zu lassen, das er bei vielen hundert früheren Fahrten stets

in Erlaubnisstellung, also auf Fahrt Frei, vorgefunden hat. Insbesondere

spielt das Wetter hier eine bedeutende Rolle.

Ist die Luft klar, so sind die Form des Hauptsignals am Tag, die Farbe

seines Lichts in der Nacht schon so weit sichtbar, daß selbst bei

Hundertkilometer-Geschwindigkeit eine sehr deutliche Warnung möglich

wird. Sobald aber der jedem Eisenbahnbetriebsmann so sehr verhaßte Nebel

fällt, wird die Fernsicht außerordentlich verringert, zuzeiten

verschwindet sie ganz. Der Stand des Vorsignals muß dann oft in einem

kurzen Augenblick aufgenommen werden. Wird dieser verfehlt, oder irrt

sich der Führer gar bei der raschen Beobachtung, dann läuft der Zug mit

Sicherheit an dem Halt gebietenden Hauptsignal vorbei, dessen Befehl ja

auch erst im letzten Augenblick kund wird. Die nimmer ruhende Technik

der Eisenbahnsicherung rechnet mit derartigen Vorfällen und sucht, sie

unschädlich zu machen.

Als besonders eindringliches Mittel hat sich hier die vielfache

Wiederholung des Vorsignals und des Hauptsignals bewährt. Es handelt

sich um eine Lichtwiederholung, weil bei Nebel sofort alle Signale

beleuchtet werden. Formen sind dann überhaupt nicht mehr wahrzunehmen.

Bei der verstärkten Sicherung tritt an die Stelle der einzeln stehenden

Masten für Vorsignal und Hauptsignal eine Mastenreihe. Den beiden

allgemein üblichen Meldevorrichtungen werden in kurzen Abständen weitere

beigefügt, die sämtlich das Licht des Hauptsignals aufblinken lassen. So

ist die sehr stark befahrene und häufigen Nebeln ausgesetzte Strecke der

belgischen Staatsbahnen zwischen Brüssel und Antwerpen besonders wirksam

mit derartigen Lichtwiederholungssignalen versehen. Vor den Vorsignalen

stehen drei, vor den Hauptsignalen zwei Wiederholer in Abständen von je

150 Metern. Jeder von ihnen trägt in einer gemeinschaftlichen

Schutzkappe zwei Laternen mit farbigen Glühlampen für Halt und Fahrt

Frei. Durch den Flügel des Hauptsignals wird immer die seiner Stellung

entsprechende Laterne eingeschaltet. Wenn an einer Stelle der Strecke

das Hauptsignal auf Halt liegt, so huschen an dem Lokomotivführer nun

nicht mehr zwei einsame, durch Nebelwolken getrübte Warnungslichtchen

vorbei, sondern er fährt gewissermaßen durch eine Straße von roten

Lichtern hindurch. Ein Übersehen des Haltsignals ist hier nahezu

unmöglich.

[Abbildung:

Erbaut von Siemens & Halske

338. _Nebelsignal_

Vorrichtung zum Wiederholen des Signallichts am Hauptsignal bei

unsichtigem Wetter. In der Mitte des Hintergrunds steht ein zweites

Nebelsignal]

Zur Verstärkung der Lichtwirkung hat man ferner die Anwendung von

Blinklichtsignalen versucht, wie sie auf Leuchttürmen und bei

Hafeneinfahrten üblich sind. Das Haltsignal leuchtet hier nicht mehr

ruhig hinaus, sondern wird fortwährend ruckweise unterbrochen, wodurch

eine stärkere Einwirkung auf die Netzhaut des Beobachters zu erwarten

ist.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 47 / 60 段