Die Verbindung zwischen den Stellhebeln und den Weichenantrieben, sowie

auch mit den Signalen geschieht stets durch Doppeldrahtzüge. Es wird

eine geschlossene Drahtschleife gebildet, die von den Hebeln zu den zu

stellenden Vorrichtungen und wieder zurück läuft. Man ist jetzt auch bei

den Signalen von den älteren einfachen Drahtzügen abgekommen, weil diese

allzu leicht Umstellungen durch Unbefugte zuließen. Es brauchte z. B.

nur jemand mit dem Fuß kräftig auf einen solchen frei liegenden

Stahldraht zu treten, um die Stellung eines Signals zu verändern. Das

ist bei Doppeldrahtzügen nicht möglich, weil hier das Hervorrufen einer

Bewegung nur stattfinden kann, wenn der eine Draht angezogen und der

andere gleichzeitig nachgelassen wird. Die Drahtschleife geht bei den

Stellhebeln jedesmal um eine Rolle, die durch Umlegen der Hebel gedreht

wird. In ihren Endlagen oben und unten werden die Hebel dadurch, daß

federnde Handfallen in Ausschnitte der festen Stellböcke eingreifen,

unverrückbar festgehalten, solange die Handfallen nicht durch Andrücken

an den Hebelschaft ausgeklinkt werden (Bild 306).

Während nun an den Signalhebeln die Stellrollen fest mit dem Hebel

verbunden sind, ist das bei den Weichenhebeln nicht der Fall. Hier kann

sich bei Ruhelage des Hebels die Stellrolle frei bewegen. Erst beim

Anziehen der Handfalle wird sie mit dem Hebel gekuppelt.

Wird nun die Weiche aufgefahren, werden der Antrieb und der

Doppeldrahtzug hierdurch in Bewegung gesetzt, so macht die Stellrolle am

Hebel im Stellwerk die Bewegung mit. Sie dreht sich, indem sie den

Widerstand kräftiger Federn überwindet, herum. Dem Stellwerkswärter wird

dieser Vorgang, der ja in die ganze Sicherungsanlage tief eingreift,

dadurch kund, daß eine Marke, die sonst unsichtbar ist, vorrückt,

entweder ein roter Fleck oder ein besonderes Schildchen, die an

geeignetem Ort der Stellrolle befestigt sind. Der Wärter weiß jetzt,

daß die Weiche aufgefahren ist, und er kann sie mit Hilfe eines

besonderen Schlüssels durch Zurückdrehen der Stellrolle wieder

einscheren (Bild 308).

Die Drahtzüge, die von den Stellwerken ausgehen, werden mit äußerster

Sorgfalt zu den Orten hingeführt, wo sie Arbeit zu leisten haben. Sie

sind entweder oberirdisch oder unterirdisch in Kanälen verlegt. In

kurzen Abständen werden die Drähte über Rollen geführt, die ihre

Richtung immer wieder festlegen. An Orten, wo eine Umlenkung

stattfindet, wo die Drähte also in einem Winkel weitergeführt werden,

liegen Rollen von großem Durchmesser, damit keine Knickungsgefahr für

den einzelnen Draht eintritt.

Auf den Zustand der Drähte übt naturgemäß die Luftwärme einen großen

Einfluß aus. Ein langer Drahtzug, der im Winter mit strammer Spannung

verlegt ist, wird im Sommer durch die Wärmedehnung schlaff. Toter Gang

muß jedoch unbedingt vermieden werden. Man schaltet deshalb selbsttätig

wirkende Spannvorrichtungen in die Drahtzüge ein. Es sind dies z. B.

lange Hebel, an deren einem Ende Gewichte befestigt sind, während die

anderen Arme Rollen tragen, über welche die Drahtzüge in Schleifenform

geführt sind. Die Hebelgewichte drücken ständig gegen den Drahtzug und

halten ihn stramm, indem sie sich senken, wenn die Drahtspannung

nachläßt. Die Einrichtung ist so getroffen, daß beim Stellvorgang nicht

etwa das Spanngewicht angehoben wird, denn dann würde sich die ganze am

Stellhebel geleistete Arbeit hierdurch erschöpfen, an der Weiche oder am

Signal würde keine Lageveränderung stattfinden. Senkrecht unter dem

großen Stellbock im Stellwerk sind die Spanngewichte reihenweis

angebracht. Jeder abgehende Drahtzug wird hier zunächst einmal

belastet, dann ferner auf der Strecke durch Einschalten weiterer

Spanngewichte nach Bedarf.

[Abbildung: 312. _Spannwerk unter einem Stellwerk_]

Neben der Wärmeausgleichung im Drahtzug üben die Spannwerke noch einen

weiteren günstigen Einfluß auf die Weichen aus. Es kann ja vorkommen,

daß der Drahtzug während des Umstellens reißt. Alsdann würde die Weiche

in gefährlichster Lage, nämlich in Mittelstellung, stehen bleiben, wobei

keine Zunge fest anliegt. Bei Drahtbruch senken sich aber die

Spanngewichte scharf nach unten und ziehen das unverletzt gebliebene

Drahtstück so weit mit sich, daß die Weiche sicher in eine Endlage kommt

und dort verschlossen wird.

Reißt der Drahtzug bei Ruhelage des Stellhebels, dann entsteht ein

Spannungsunterschied zwischen den beiden Drähten der Schleife, die

bisher gleichen Zug ausübten. Wiederum liegt hier die Gefahr vor, daß

die Weiche von selbst in eine Mittelstellung rückt. Dies wird dadurch

verhindert, daß Federn am Weichenantrieb, deren Spannung durch den

zweiseitigen Zug bisher niedergehalten wurde, ein Sperrstück

vorschieben, das, wenn die Weichenzungen sich bewegen wollen, jetzt

gegen einen Anschlag stößt, an dem es sonst frei vorübergeht (Bild 313).

An Stelle von Drahtzügen werden an manchen Orten auch Gestänge zum

Stellen von Signalen und Weichen benutzt. Sie sind meist aus Gasröhren

zusammengeschraubt und werden mittels Kniehebeln um die Winkel

herumgeleitet, die sich bei der Fortführung ergeben. In England und auch

in Süd-Deutschland werden diese Gestänge von vielen Verwaltungen

bevorzugt.

Aus dem vorher Gesagten wissen wir, daß mit dem bisher Geschilderten die

Sicherheitsvorkehrungen an den Weichen noch nicht erschöpft sind. Bei

dem mächtigen Einfluß, den diese verschieblichen Gleisstücke auf die

Zugfahrten üben, genügt es nicht, daß die richtige Lage der Stellhebel

allein beobachtet wird, es muß auch ständig geprüft werden, ob die

Zungen sich wirklich in der entsprechenden Lage befinden. Darum werden

ja, wie wir wissen, die Signaldrahtzüge an allen Weichen der zugehörigen

Fahrstraße vorbeigeführt, und die Signale sind nur dann auf Fahrt Frei

zu stellen, wenn die Zungen sich wirklich in der richtigen Lage

befinden.

Für die Zungenprüfung sind in unmittelbarer Nähe der zu der betreffenden

Fahrstraße gehörigen Weichen in den Signaldrahtzug wagerecht liegende

Rollen eingeschaltet, die sich mit diesen bewegen müssen. Von jeder der

beiden Weichenzungen kommt eine Stange her, die mit je zwei Ausschnitten

versehen ist. Die Riegelrolle im Signaldrahtzug kann sich nur dann

drehen, der Signaldrahtzug kann also nur dann bewegt werden, wenn die

Ausschnitte in den beiden Zungenprüfstangen so liegen, daß bestimmte

Ansätze an den Riegelrollen durch sie hindurchgehen können. Anderenfalls

bleibt der Signalzug unbeweglich.

[Abbildung:

Bauart Jüdel & Co.

313. _Weichenantrieb für Doppeldrahtzug_

× Spannfedern zum Verriegeln der Weiche bei Reißen des Drahtzugs]

Die Riegelvorrichtung, die wir jetzt kurz besprechen wollen, gehört zu

zwei Fahrstraßen. Vor der Weiche steht ein Signal mit zwei Flügeln.

Liegt die Weiche auf den geraden Strang, so erscheint beim Zeichen Fahrt

Frei Ein schräg nach aufwärts gerichteter Flügel, liegt die Weiche auf

den abzweigenden Strang, so werden zwei schräg nach aufwärts gerichtete

Flügel sichtbar. Im Stellwerk sind für diesen Zweck zwei getrennte Hebel

vorhanden. Die Umlegung des einen Hebels bringt das einflügelige, die

Umlegung des anderen Hebels das zweiflügelige Signal hervor. Beide Male

aber geschieht das Ziehen des Signals durch dieselbe Drahtzugschleife.

Der eine Hebel dreht die Schleife in der einen Drehrichtung, der andere

in der anderen, und das Hubwerk am Signalmast ist so eingerichtet, daß

hierdurch einmal nur Ein Flügel, das andere Mal zwei Flügel in die

Stellung Fahrt Frei gebracht werden.

Die Riegelrolle an den Weichenzungen macht entsprechende Bewegungen. Sie

dreht sich einmal rechts, das andere Mal links herum, je nachdem, ob ein

einflügeliges oder ein zweiflügeliges Signal gezogen werden soll.

Demzufolge ist es nötig, die Hemmvorrichtung an der Riegelrolle so

auszubilden, daß sie bei der Drehrichtung für Stellen des

Einflügelsignals nur dann durch die Ausschnitte der Weichenprüfstangen

hindurch kann, wenn die Weiche auf den geraden Strang liegt, bei der

Drehrichtung für das Zweiflügelsignal nur dann, wenn die Weiche für den

abzweigenden Strang gelegt ist.

Eine viel benutzte Bauart ist in den Übersichtszeichnungen auf Bild 314

dargestellt. Der eigentümlich geformte, gestrichelt gezeichnete Teil der

Riegelrolle ist erhaben. Die Weichenprüfstange (es ist hier der besseren

Übersicht halber nur Eine Prüfstange gezeichnet) liegt darüber und hat

Ausschnitte, durch die sich der Riegel bei richtiger Lage der Stange

hindurchdrehen kann, während er sonst anstößt.

Auf Teilbild a ist die Weiche für den geraden Strang gestellt, aber

unverriegelt. Auf Teilbild ~b~ hat sich die Riegelrolle mit dem Riegel

in der Pfeilrichtung gedreht. Das war nur möglich, wenn die

Weichenzungen richtig für den geraden Strang lagen. Teilbild ~a~ läßt

deutlich erkennen, daß bei geringer Verschiebung der Prüfstange der

rechts unten gezeichnete Ansatz des Riegels durch sie nicht

hindurchgekonnt hätte. Bewegung des Riegels in anderer Drehrichtung wäre

gleichfalls unmöglich gewesen, weil der andere Riegelansatz gegen ein

festes Stangenstück gestoßen wäre.

[Abbildung: 314. _Weichenriegel_

~a~) Weiche in Grundstellung unverschlossen. ~b~) Weiche in

Grundstellung verschlossen. ~c~) Weiche umgelegt und unverschlossen.

~d~) Weiche in umgelegter Stellung verschlossen]

Auf Teilbild ~c~ ist die Weiche für den abzweigenden Strang gelegt und

noch unverriegelt. Würde der Wärter jetzt wiederum versuchen, das

Einflügelsignal zu ziehen, die Riegelrolle also entgegengesetzt der

Richtung des Pfeils in Teilbild ~c~ zu drehen, so würde er daran

verhindert werden. Auf Teilbild ~d~ ist die Verriegelung für die Weiche

zur Fahrt in die Abzweigung vollzogen. Bild 315 zeigt einen wirklichen

Weichenriegel.

Bei allen Weichen, die in durchgehende Geleise führen und

dementsprechend in die Prüfung durch die Signaldrahtzüge einbezogen

sind, wird dem Lokomotivführer ihre Lage durch die Stellung des

davorliegenden Signals kenntlich gemacht. Eine weitere Ankündigung der

Weichenlage wäre in solchem Fall also entbehrlich. Da es aber in den

Güter-, Verschiebe- und Abstellgeleisen eine weitere sehr große Anzahl

von Weichen gibt, die keine Zungenprüfung haben und auch nicht zu haben

brauchen, so kann die Anbringung besonderer Signaleinrichtungen an den

Weichen nicht entbehrt werden. Der Einheitlichkeit halber sind sie an

sämtlichen Weichen angebracht, in den letzten Jahren allerdings an

durchgehenden Hauptgeleisen bereits häufig beseitigt.

[Abbildung:

Bauart Siemens & Halske

315. _Riegelrolle für Weichen_

Über der Rolle die Zungenprüfstangen]

Auch der Lokomotivführer, dessen Maschine im Verschiebedienst tätig ist,

muß in genügendem Abstand von jeder Weiche über deren Stand unterrichtet

werden. Nähert er sich der Weiche gegen ihre Spitze, so muß er wissen,

ob er in den geraden oder in den abzweigenden Strang geleitet werden

wird, kommt er von hinten heran, so ist ihm erst recht kundzutun, wie

die Weiche liegt, denn er muß wissen, ob nicht etwa ein Auffahren zu

befürchten ist. In solchem Fall darf er nicht in die Weiche hinein, da

das Auffahren als unvorschriftsmäßige Handlung geahndet wird.

[Abbildung: 316. _Gleissperre_

Das Gleis ist verschlossen]

[Abbildung: 317. _Gleissperre geöffnet_

Signal veraltet]

Die Zungenlage selbst ist nun erst in nächster Nähe zu erkennen;

gewöhnlich ist es dann für das Bremsen bereits zu spät. Deshalb ist jede

Weiche mit einem besonderen Zeichengeber ausgerüstet, einem ungefähr

würfelförmigen Kasten, der bei Tag und bei Dunkelheit die gleichen

weißen Formsignale erscheinen läßt. Am Tag erblickt man mit weißem Glas

hinterlegte, hell schimmernde Ausschnitte in tiefschwarzem Blech, bei

Dunkelheit werden die Ausschnitte durch eine in den Blechwürfel

gestellte Laterne beleuchtet, so daß sie gleichfalls scharf

hervortreten.

Man nennt die Vorrichtung gewöhnlich Weichenlaterne. Sie dreht sich beim

Umlegen der Weiche um eine wagerechte Achse und zeigt hierdurch in

beiden Fahrrichtungen wechselnde Signalbilder. Ist die Weiche für den

geraden Strang gestellt, so erblickt der Lokomotivführer, sowohl wenn er

gegen die Spitze, wie wenn er gegen die Wurzel der Weiche fährt, eine

rechteckige Scheibe. Steht die Weiche auf Ablenkung, dann wird bei

Anfahrt gegen die Spitze ein schräg aufwärts gerichteter Pfeil sichtbar.

Seine Spitze deutet nach der Richtung der Ablenkung hin. Bei Einfahrt

von der Wurzel her sieht der Führer bei Ablenkungslage der Weiche eine

kreisrunde, weiße Fläche.

Auf großen Bahnhöfen ist stets ein ungeheures Gewimmel von

Weichenlaternen zu erblicken. Es bedarf sehr großer Aufmerksamkeit der

Lokomotivführer, um deren Lage stets richtig zu erkennen. Bei doppelten

Kreuzungsweichen, wo vier getrennte Weichenanlagen auf kurzem Raum

vereinigt sind, ist die Anbringung von vier Weichenlaternen

erforderlich, um alle Stellungen nach beiden Richtungen anzukündigen.

Man strebt jetzt danach, diese verwirrende Fülle von Signalen dadurch zu

mindern, daß man an jeder doppelten Kreuzungsweiche nur eine einzige

Laterne anordnet, die imstande ist, allein die Stellung sämtlicher vier

Weichen kundzutun. In recht sinnfälliger Weise geschieht das durch die

in Bild 319 wiedergegebene Kreuzungsweichen-Laterne.

Stellung 1 zeigt durch das Bild der weißen Scheiben deutlich an, daß

die Weichen für die Fahrt durch den geraden Strang in der Richtung ~AB~

gelegt sind, Stellung 2 zeigt Durchfahrt von ~A´~ nach ~B~ an, Stellung

3 bedeutet Weichenlage zur Fahrt im geraden Strang von ~A´~ nach ~B´~,

Stellung 4 zur Fahrt von ~A~ nach ~B´~.

Ein besonderes Laternensignal ist dort angebracht, wo das Gleis durch

Auflegen einer Sperre auf eine Schiene verschlossen werden kann. Der

Verschluß wird durch einen wagerechten, schwarzen Balken auf weißem

Grund angekündigt. Ist die Sperre fortgenommen, so ist durch Verdrehen

der Laterne gar kein Signal sichtbar. Vor einiger Zeit noch erschien in

diesem Fall ein schräg gerichteter Balken auf weißem Grund, um den

Lokomotivführern immer wieder in Erinnerung zu rufen, daß an dieser

Stelle die Möglichkeit einer Gleissperrung bestehe.

[Abbildung: 318. _Weichensignale_

1. Die Weiche steht auf den geraden Strang! Gleiches Signal für

Ansicht gegen die Weichenspitze und vom Herzstück aus. 2. u. 3. Die

Weiche steht auf den krummen Strang! Gegen die Weichenspitze gesehen;

der Pfeil zeigt die Richtung der Ablenkung an. 4. Die Weiche steht auf

den krummen Strang! Vom Herzstück aus gesehen. 5. Das Gleis ist

gesperrt!]

Trotz der zahlreichen Meldungen über Weichenlagen und Zugfahrten, die

der Stellwerkswärter in seinem Arbeitsraum erhält, ist er dennoch

keineswegs von der Pflicht entbunden, die Strecke jederzeit zu

beobachten. Insbesondere darf die rückwärtige Strecke nicht entblockt

werden, bevor der Wärter das Schlußzeichen am vorüberfahrenden Zug

erblickt hat. Bei Güterzügen, die keine durchgehende Bremse haben,

besteht ja immer die Möglichkeit einer Zerreißung des Zugs, die vom

Lokomotivführer nicht bemerkt wird. Sobald auch nur ein Teil des Zugs

über den Schienenstromschließer hinüberfährt, der im Blockapparat die

Tastensperre beeinflußt, wird diese aufgelöst und damit die Möglichkeit

des rückwärtigen Entblockens gegeben. Diese Freigabe wäre aber im Fall

einer Zugzerreißung eine Falschmeldung, denn die Strecke ist ja

tatsächlich nicht frei, sie ist noch durch den abgerissenen Zugteil

besetzt. Die Wahrnehmung des Schlußzeichens, das sich, wie sein Name

sagt, immer am letzten Wagen des Zugs befinden soll, durch den

Stellwerkswärter, ist also wichtig. Nach Einführung der durchgehenden

Bremse für alle Züge wird die Vorschrift der Zugschlußbeobachtung

vielleicht verschwinden, weil alsdann wegen des Anschlagens aller

Bremsen eine Zugzerreißung, die vom Lokomotivführer unbemerkt bleibt,

nicht mehr möglich ist.

Damit die Stellwerkswärter ihr Herrschgebiet möglichst gut zu

überschauen vermögen, wendet man alle Sorgfalt an, ihnen Arbeitsplätze

mit guter Übersicht zu schaffen. Ältere, dicht über dem Erdboden

errichtete Stellwerke werden heute an vielen Orten nachträglich

hochgelegt, die niedrigen Häuser in sogenannte Türme verwandelt, wie man

das in den letzten Jahren z. B. auf der Berliner Stadtbahn in

ausgedehntem Maß beobachten konnte. Man bringt möglichst viele Fenster

in den Wänden der Stellwerksräume an, rüstet auch jeden von ihnen nach

Möglichkeit mit einem Erker aus, von dem freie Sicht nach drei Seiten

möglich wird.

[Abbildung:

Bauart AEG

319. _Signal an einer doppelten Kreuzungsweiche_

Die Weiche ist gelegt für Fahrt: 1. von ~A~ nach ~B~. 2. von ~A´~ nach

~B~. 3. von ~A´~ nach ~B´~. 4. von ~A~ nach ~B´~]

Die größte Zahl der Stellwerkshäuser steht heute noch seitlich neben den

Strecken. Neuerdings herrscht das Bestreben vor, den gleich zu

besprechenden Kraftstellwerken, welche nicht mit den hieran hindernden

Drahtzügen belastet sind, die weit günstigere Stellung senkrecht zur

Richtung der Geleise zu geben. Befindet sich der Stellwerksraum so quer

über der Strecke, dann vermag man von ihm aus an jeder Stelle frei nach

vorwärts und nach rückwärts zu schauen. Bei dieser Aufstellungsart muß

jedoch sehr an Raum gespart werden. Man kann meistens keinen einfachen,

in seinem Querschnitt überall rechteckigen Bau ausführen, sondern muß

für den geringen Raum zwischen den Geleisen schmale Stützen ausbilden.

So gibt es große Stellwerkshäuser, die auf richtigen Brücken liegen. Man

hat pilzförmige Gestaltung, also einen schmalen Fuß mit breiter oberer

Ausladung angewendet, oder noch öfter jochartige Ausbildung gewählt.

Jedes Stellwerk und jede Blockstelle haben eine abgekürzte Bezeichnung

für den telegraphischen Anruf. Diese Bezeichnung wird auf einer Tafel

fast stets auch an einer Außenwand angebracht. Meist ist die Bezeichnung

aus dem Anfangsbuchstaben des Bahnhofs und der Himmelsrichtung gebildet,

in der das Stellwerk liegt. So bedeutet z. B. ~Fs~ Fulda-Süd, ~Bot~

Breslau-Ostturm, ~No~ Naumburg-Ost, ~Hnt~ Hünefeld-Nordturm, ~Bwt~

Bülzig-Westturm.

Wir haben bisher ausschließlich von der Bedienung der Signale und

Weichen durch die Kraft des menschlichen Arms gesprochen. Nur bei der

Erörterung besonders weit vorgeschobener Vorsignale wurde eine andere

Kraftquelle erwähnt.

Auf großen Bahnhöfen geht man jedoch mehr und mehr dazu über, den

Stellwerksmannschaften die körperliche Arbeit beim Bewegen der Signale

und Weichen ganz abzunehmen. Sie haben so viele Beobachtungen zu machen,

trotz aller Sicherungen so viel an Aufmerksamkeit zu leisten, daß man

ihren Geist nicht durch körperliche Arbeitsleistung ermüden will. In

großen Stellwerken ist ja ein unaufhörliches Bewegen von Signalen und

Weichen erforderlich, und die Bereiche, die im Wirkungsfeld solcher

Anlagen liegen, wachsen immer mehr. Es wird auch schließlich das

Gewimmel der beweglichen Drahtzüge so groß, daß es in den schmalen

Räumen zwischen oder neben den Geleisen nicht mehr untergebracht werden

kann. Alle diese Gründe haben dazu geführt, die Signal- und

Weichenstellungen durch andere Kräfte besorgen zu lassen, die

menschliche Hand nur noch zur Anregung der Bewegung zu benutzen.

[Abbildung:

Bauart Siemens & Halske

320. _Mechanisches Stellwerk_

Die kurzen Griffe über den Stellhebeln sind die Fahrstraßenhebel.

Darüber Blockkasten]

Hier und da ist Preßwasser zu diesem Zweck in Benutzung, häufiger

Druckluft. Die weiteste Verbreitung aber hat der elektrische Strom auch

in diesem Bereich gefunden.

Wo Weichen und Signale elektrisch gestellt werden, muß an jedem Signal

und an jeder Weiche ein Motor angebracht werden. Im Stellwerk gibt es

dann keine großen Hebel mehr, sondern nur noch Schaltgriffe, deren

Drehung jedesmal ein Einschalten des zum Motor laufenden Stroms bewirkt.

Der Motor kann in zwei Richtungen laufen: hin sowohl wie zurück. Hat der

Anker die Umstellung beendet, so schaltet er sich von selbst ab und

bewirkt durch Bewegung von Steuerschaltern mittels einer Steuerscheibe,

daß der nächste Stromzufluß seine Drehung im anderen Sinn bewirkt. Bild

331 (Seite 411) zeigt, wie diese Umschaltung bei einem Weichenmotor vor

sich geht.

Die Übertragung der Motorbewegung auf den Antrieb geschieht durch eine

Schnecke, die in ein Zahnrad eingreift. Bei den Signalantrieben, die in

senkrecht stehenden eisernen Kästen untergebracht werden, ist die

Zugstange, die zum Signalarm aufsteigt, mittels verschiedener Hebel an

dieses Zahnrad angelenkt. Bei Weichenantrieben, die wagerecht liegen,

ist auf der Achse des Zahnrads ein zweites, kleineres Zahnrad befestigt,

das in eine Zahnstange eingreift. Diese wird durch Drehung der Zahnräder

hin und her geschoben, wodurch Umlegung der Weichenzungen erfolgt.

[Abbildung:

Bauart Jüdel & Co.

321. _Verschluß-Einrichtung in einem Drahtzugstellwerk_

Hinter dem Stellbock mit den Hebeln sind die von vorn nach hinten

laufenden Verschluß-Lineale sichtbar, welche mittels der

Fahrstraßenhebel bewegt werden]

[Abbildung: 322. _Stellwerkshaus in Pilzform_]

Signal- wie Weichen-Antriebe haben recht verwickelte Bauarten, da in

unmittelbarer Nähe der Bewegungsvorrichtungen zahlreiche

Überwachungsmittel eingebaut sind. Die wirklichen Stellungen der

Signalarme werden mit Hilfe von Überwachungsmagneten an die Stellwerke

zurückgemeldet, und in ähnlicher Weise erfolgt die Prüfung der

Weichenzungen. Die selbsttätigen Haltfallvorrichtungen an Signalen und

die Auffahrbarkeit der Weichen erfordern weitere Vorkehrungen.

[Abbildung: 323. _Stellwerkshaus auf eiserner Brücke_

vor der Einfahrt in den Brüsseler Hauptbahnhof]

[Abbildung: 324. _Stellwerkshaus in Jochform_

Leipziger Hauptbahnhof]

Die Überwachung und die Herbeiführung der Abhängigkeiten ergeben in den

elektrischen Stellwerken sehr mannigfaltige Stromführungen und

Schalterbauten. Das Ergebnis dieser Wirrnis ist jedoch eine

außerordentlich scharfe Sicherung aller Fahrstraßen. Die überaus

zahlreichen Meldungen, die ständig im elektrischen Stellwerk einlaufen,

die Unzahl der Festhaltungen, die hier untergebracht sind, bewirken, daß

die Sicherheit in elektrischen Stellbezirken die in mechanischen noch

bei weitem übertrifft.

Die Signalordnung für das Deutsche Reich handelt nicht nur von den

bereits besprochenen, feststehenden Signalen, sie sieht auch bewegliche

Zeichengeber vor. Hiervon gibt es zwei Gruppen: die Wärtersignale und

die Signale am Zug.

Will ein Wärter einen Zug aus irgendeinem Grund auf offener Strecke zum

Halten bringen, so stellt er rechts vom Gleis eine rechteckige, rote,

weißgeränderte Scheibe auf. Bei Dunkelheit wird über die Scheibe eine

rot geblendete Laterne gehängt. Die zur Abgabe dieses Signals

notwendigen Vorrichtungen hat jeder Wärter in seiner Bude, desgleichen

die Scheiben für das Langsamfahrsignal (Bild 299).

[Abbildung:

Bauart Siemens & Halske

325. _Elektrischer Signalantrieb_]

[Abbildung: 326. _Einrichtung des elektrischen Signalantriebs_

Unten der Motor, der durch eine Schnecke das Getriebe in Bewegung

setzt]

Dies Signal dient dazu, eine Strecke zu kennzeichnen, die, weil darin

Bauarbeiten stattfinden, oder weil etwa das Gleis sich gelockert hat,

mit geringerer Geschwindigkeit durchfahren werden soll, als sonst

hierfür vorgeschrieben ist. Der Anfang dieser Strecke wird durch eine

gelbe Scheibe kenntlich gemacht, auf die ein ~A~ gezeichnet ist, am Ende

wird eine grüne ~E~-Scheibe aufgestellt. Bei Dunkelheit treten an die

Stelle der gelben Scheibe zwei unter 45 Grad übereinander hängende gelb

geblendete Laternen, die grüne Scheibe wird durch zwei ebenso

aufgesteckte grüne Laternen ersetzt.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 46 / 60 段