Danach stelle man sich vor, welch ein wilder Tanz farbiger Scheiben

hinter den kleinen Fenstern des großen grünen Apparatekastens und welch

ein höllisches Konzert von Klingel- und Knacksignalen sich in einem

großen Stellwerk zu lebhaften Verkehrszeiten abspielen. Es ist ein

ewiges Auf und Ab, ein Schrillen und Hämmern, ein Klirren und Knacken,

in das noch das Rollen der Züge und das Zischen des Lokomotivdampfs

hineinschallen. Der gellende Schrei des modernen Verkehrs tönt von den

vier engen Wänden wieder.“

Bei näherer Betrachtung der einzelnen Vorrichtungen, die der

Eisenbahnsicherung dienen, drängt sich uns die Beobachtung auf, daß die

wichtigsten, zu diesem Zweck an den Geleisen aufgestellten

Vorrichtungen, nämlich die Signale selbst, doch eigentlich recht

dürftiger Natur sind.

Nichts anderes als ein kurzer beweglicher Arm kündet den grundlegend

wichtigen Unterschied an, ob eine Strecke frei oder besetzt ist. So

gewaltig sich alle Einrichtungen des Eisenbahnbetriebs im Lauf der

Jahrzehnte gewandelt haben, die Signale haben sich seit siebzig Jahren

kaum verändert. Sie regelten schon den Lauf der langsamen Züge in der

Mitte des vorigen Jahrhunderts genau in derselben Art, wie sie heute zu

den Schnellzügen mit mehr als hundert Kilometern Stundengeschwindigkeit

sprechen. Nun ist es aber ein anderes, die Stellung eines Signalarms bei

30 Kilometern Stundengeschwindigkeit, oder bei annähernd der vierfachen

Schnelligkeit mit den Augen zu erfassen. Wie die Unfallzahlen zeigen,

sind aber diese einfachen Signale heute doch noch ausreichend; ein guter

Beweis dafür, daß das Einfache in der Technik stets besondere Vorzüge

hat.

Feststehende Signale -- im Gegensatz zu solchen, die von Bahnwärtern in

der Hand getragen werden -- sind schon im Jahre 1834 auf der Bahn

Manchester-Liverpool verwendet worden. Es waren rechteckige, rot

angestrichene Tafeln, die, sobald man sie dem Zug entgegenkehrte, Halt

bedeuteten. Das Signal Fahrt Frei wurde nicht besonders ausgedrückt. War

die Strecke unbesetzt, so drehte man die Tafel mit ihrer Schmalseite in

die Zugrichtung, wodurch sie fast gänzlich unsichtbar wurde.

Dieser erster Zuglaufregler war in der Hauptsache ein Farbensignal. Es

zeigte sich jedoch bald, daß für die Signalgebung am Tag Farben nicht

recht brauchbar sind. Aus weiter Entfernung und namentlich bei grellem

Sonnenlicht sehen alle Farben gleich aus. Man ging darum alsbald zu dem

reinen Formsignal über, das wir noch heute für Tagesmeldung in kaum

veränderter Art verwenden.

[Abbildung: 286. _Das Vorbild der Eisenbahn-Signale_

Optischer Telegraph aus dem ersten Drittel des neunzehnten

Jahrhunderts]

Der über die ganze Erde verbreitete Eisenbahnsignalarm, den wohl jeder

Mensch, wenn er nicht gerade in Mittel-Afrika zu Hause ist, als ein

Wahrzeichen des Verkehrs kennt, ist nicht die Erfindung eines

Eisenbahningenieurs, sondern eines Manns, der sich mit dem Ausbau der

Telegraphie beschäftigte. Seine Tätigkeit fällt bereits in das Ende des

achtzehnten Jahrhunderts, als die Elektrizität für das Geben von

Nachrichten noch nicht in Betracht kam.

Claude _Chappe_ schuf im Jahre 1794 die erste große

Schau-Telegraphenlinie von Paris nach Lille. Es wurde zwischen den

beiden Orten eine große Zahl von Übermittlungsstellen eingerichtet,

deren jede mit einem Zeichengeber und einem Fernrohr ausgerüstet war.

Der Sender bestand aus einem langen Balken, der drehbar an hoher Stange

befestigt war und an seinen Enden zwei schwenkbare Arme trug. Durch die

verschiedenartigen Stellungen des Balkens und der Arme konnten sämtliche

Buchstaben des ABC dargestellt werden. Jede Telegraphenstelle

beobachtete durch ihr Fernrohr die Zeichen, welche vom vorhergehenden

Posten gegeben wurden, telegraphierte sie dann selbst mit Hilfe ihrer

Balkenvorrichtung an die nächste, und so gelangten die Nachrichten mit

einer Geschwindigkeit, die zwar unseren heutigen Begriffen sehr gering

erscheint, damals aber gegenüber der langsamen Fahrpost eine große

Beschleunigung bedeutete, von einer Endstelle zur anderen.

Als Preußen im Jahre 1832 seine längste Schau-Telegraphenlinie schuf,

die von Berlin nach Koblenz lief, da war der Zeichengeber dadurch

vereinfacht, daß der drehbare Balken ganz verschwunden, und nur noch

sechs bewegliche Arme vorhanden waren, von denen jeder in vier

Stellungen gebracht werden konnte. Es ist gewiß überraschend, zu hören,

daß man mit Hilfe dieser Vorkehrung imstande war, 4096 verschiedene

Zeichen abzugeben. Eine Nachbildung des auf dem Nöllenkopf bei

Ehrenbreitstein aufgestellten Sendemasts befindet sich im Deutschen

Museum zu München. Bild 286 stellt ihn in einer Übersichtszeichnung dar.

Mit nur geringer Abänderung, der hier gebrauchten Arme, schuf _Gregory_

ein Mastsignal für Eisenbahnen, das im Jahre 1842 bei der Croyden-Bahn

in England zuerst aufgestellt wurde. Seine Anwendung verbreitete sich

bald auf alle englischen Strecken und wurde auch von Deutschland sowie

von fast allen anderen Ländern übernommen. England hat noch heute den

glatten Flügel, während die Signalarme in Deutschland an ihrem Ende eine

kreisförmige Verbreiterung tragen. Grundgesetz ist bei unseren rechts

fahrenden Bahnen, daß der Signalflügel stets nach rechts weisen muß. Der

Mast soll, so weit es irgend möglich ist, rechts vom zugehörigen Gleis

aufgestellt werden.

Das Formsignal ist bei Dunkelheit natürlich nicht anwendbar. Hier muß

mit Lichtsignalen gearbeitet werden. Schon Chappe hat Untersuchungen

darüber angestellt, welche Farben am weitesten sichtbar sind. Wie

vorauszusehen, vermag das weiße Licht die größten Entfernungen zu

durchdringen. Es kann jedoch als Signalgeber im Eisenbahnwesen nicht

angewendet werden, da allzu leicht eine Verwechslung mit anderen

Lichtquellen möglich ist. Die Beleuchtung der Bahnhöfe, selbst die

erhellten Fenster von Häusern, die neben der Strecke liegen, senden ja

weißes Licht aus, so daß Irrtümer fortwährend eintreten könnten.

Unfarbige Nachtsignale sind daher heute bei uns nur noch an

Weichenlaternen in Anwendung, wo sie sehr scharf ausgeprägte Formen

erhalten können, die nirgendwo wiederkehren.

[Abbildung:

Bauart der AEG in Berlin

287. _Einflügeliges Hauptsignal auf Halt_]

[Abbildung: 288. _Einflügeliges Hauptsignal auf Fahrt Frei_]

Es mußte also für die Signalgebung bei Dunkelheit zu farbigen Lichtern

gegriffen werden. Chappe fand, daß, wenn man die Leuchtkraft des weißen

Lichts gleich 1 setzt, Rot 1/3, Grün 1/5 und Blau 1/7 der

Durchschlagskraft besitzen. Die übrigen Farben haben eine noch

schwächere Wirkung. Rot und Grün werden daher allerorten vorzugsweise

überall für Nachtsignale verwendet. In Deutschland bedeutet Rot überall

Halt (am Tag wagerechter Flügel), Grün meldet Fahrt Frei (am Tag schräg

nach aufwärts gerichteter Flügel).

Bayern allein verwendet auch blaues Licht für das Signal „Ruhe“. Dieses

kündet an, daß in dem so gedeckten Gleis eine Zugfahrt nicht zu erwarten

ist, Verschiebebewegungen darauf also gefahrlos ausgeführt werden

können. Der Arm ist in diesem Fall senkrecht nach unten gerichtet.

Abgesehen von dieser Sonderverwendung des Ruhesignals in Bayern und

einer einzigen ferneren Abweichung in dem gleichen Staat herrscht in

Deutschland heute vollkommene Signaleinheit. Das steht in grellem

Gegensatz zu dem unendlichen Wirrwarr, der gerade auf diesem Gebiet noch

in den sechziger Jahren bestand. Es waren damals in den deutschen

Staaten kaum weniger als 1000 verschiedene Signal-Formen in Anwendung.

Dasselbe Licht, das auf der einen Strecke Fahrt Frei bedeutete, gebot

auf einer anderen Halt. Das gleiche galt für die Armstellungen.

Da jede der Bahnstrecken damals noch für sich und ohne Zusammenhang mit

den anderen betrieben wurde, war dieser Zustand nicht unbedingt

gefahrbringend. Als jedoch bei den großen Truppenverschiebungen in den

Jahren 1866 und 1870 vielfach Lokomotiven von einer Bahn auf die andere

übergingen, entstanden schwere Mißstände, und zahlreiche Unglücksfälle

mußten darauf zurückgeführt werden, daß die Lokomotivführer in der

Bedeutung der Signale nicht genügend schnell umlernen konnten. Die Folge

war die erste Signalordnung für das Deutsche Reich, welche am 4. Januar

1875 erlassen wurde und die so sehr wünschenswerte Vereinheitlichung

brachte. Am 1. August 1907 wurde die letzte Neuordnung erlassen, die bis

zum heutigen Tag gültig ist.

Danach werden die Signale eingeteilt in: Hauptsignale, Vorsignale,

Wärtersignale, Weichen- und Gleissperr-Signale, Signale am Zug und an

einzelnen Fahrzeugen. Es kommen das Signal am Wasserkran, die

Läutesignale, Signale des Zugpersonals und Verschiebesignale als weniger

bedeutend hinzu.

[Abbildung:

Bauart Jüdel & Co. in Braunschweig

289. _Zweiflügeliges Hauptsignal auf Halt_]

[Abbildung: 290. _Zweiflügeliges Hauptsignal auf Fahrt Frei_]

Die Hauptsignalarme sind stets an hohem Mast befestigt. Die Stellung

jedes einzelnen wird auf das sorgfältigste ausgesucht, und der Mast, so

weit es irgend möglich ist, so gestellt, daß der Arm sich deutlich von

einem hellen Hintergrund abhebt. Bei klarem Wetter sind die Hauptsignale

mehrere Kilometer weit sichtbar. Bei Eintritt der Dunkelheit werden

Laternen an den Masten so angebracht, daß ihr Licht bei wagerechtem Arm

rot, bei schräg gerichtetem Arm grün abgeblendet ist. Damit man auch von

hinten her, also vom Stellwerk aus, bei Dunkelheit die Stellung des Arms

beobachten kann, verschiebt sich mit dem Arm eine Blechscheibe vor der

hinteren Laternenscheibe so, daß bei Haltstellung die ganze Laterne, bei

Fahrt Frei-Stellung nur ein Lichtpunkt oder ein sternförmiger Ausschnitt

sichtbar sind.

Ein und derselbe Signalmast kann zur Deckung mehrerer Fahrstraßen

verwendet werden. Liegen die Weichen so, daß der Zug glatt durch den

geraden Strang geführt wird, so erscheint Ein schräg nach oben

gerichteter Flügel. Ist eine bestimmte abzweigende Fahrstraße

eingestellt, so werden zwei schräg gerichtete Flügel sichtbar, nach

Legung einer anderen abzweigenden Fahrstraße erblickt der

Lokomotivführer drei schräg nach oben gerichtete Flügel.

Die Verwendung von mehr als drei Flügeln an einem Signalmast ist in

Deutschland nicht üblich. Zweigen von einem durchgehenden Gleis mehr als

zwei Fahrstraßen ab, so ist jede der weiteren durch ein besonderes

Wegsignal zu kennzeichnen. Es steht also vor dem Beginn jeder dieser

Abzweigungen ein weiteres Signal.

Das Haltzeichen wird stets nur durch den obersten, wagerecht liegenden

Flügel gegeben. Die anderen Arme werden bei Haltstellung durch Anlegen

an den Mast unsichtbar gemacht. Desgleichen gibt es nur Ein rotes Licht

an jedem Mast, hingegen ein, zwei oder drei grüne Lichter bei Fahrt

Frei-Stellung für jede der zu deckenden Fahrstraßen.

Die Fahrt Frei-Stellung eines Hauptsignals ist die wichtigste und

folgenschwerste Meldung, die im Eisenbahnbetrieb überhaupt gegeben

werden kann. Es muß deshalb dafür gesorgt werden, daß sie wirklich nur

dann erscheint, wenn alle Voraussetzungen gegeben sind. Beim Reißen der

Stelldrähte hört die Beeinflussung der Armstellung durch den Hebel im

Stellwerk auf. Darum ist die Stellanordnung so getroffen, daß beim

Reißen eines Drahts das Signal sofort selbsttätig auf Halt geht. Es ist

ja selbstverständlich, daß man die Aufhaltung des Betriebs durch ein

unnötig auf Halt gefallenes Signal der unabsichtlichen Fahrt

Frei-Stellung mit ihren großen Gefahren vorzieht.

[Abbildung: 291. _Dreiflügeliges Hauptsignal auf Halt_]

[Abbildung: 292. _Dreiflügeliges Hauptsignal auf Fahrt Frei_]

Ein Hauptsignal ist unbedingter Herrscher in seinem Gebiet. Sobald sein

Arm auf Halt liegt, darf es unter keinen Umständen ohne besonderen, in

genau festgelegter Form erteilten Befehl von einem Zug überfahren

werden. Hier liegt der Kern der ganzen Eisenbahnsicherung. Der

wagerechte Arm des Hauptsignals bedeutet einen Abschluß. Sein Anblick

muß auf den Lokomotivführer gerade so wirken, als sähe er wenige Meter

vor sich das Gleis aufgerissen. Nicht um ein Zentimeter darf er über den

Mast hinausfahren. Alle erdenklichen Anordnungen sind getroffen, um ihm

die Wichtigkeit dieser Bestimmung immer wieder vor Augen zu führen.

Doch kein Herrscher ist imstande, den ihm unterworfenen Bereich allein

zu verwalten. Der mächtige Gebieter Hauptsignal macht hiervon keine

Ausnahme. Zur Erzwingung des unbedingten Gehorsams hat er sich deshalb

einen Helfer beigesellt, der seine Befehle wiederholt und darum noch

wirksamer macht.

Bei regnerischem und namentlich nebligem Wetter wird die

Fernsichtbarkeit der Hauptsignale sehr stark hinabgesetzt. Von einer

Wirkung über viele Kilometer hinweg ist dann keine Rede mehr, oft kann

der Lokomotivführer die Stellung des Arms erst wenige hundert Meter vor

dem Mast wahrnehmen. Nun wissen wir aber aus Abschnitt 18, daß die

Bremswege der heutigen Schnellzüge 500 bis 600 Meter lang sind. Nimmt

der Lokomotivführer eines mit voller Geschwindigkeit dahinstürmenden

~D~-Zugs die Haltstellung eines Hauptsignals an einem Nebeltag erst in

einer Entfernung von 400 oder gar 300 Metern wahr, so ist er nicht mehr

imstande, den Zug vor dem Signalmast zum Halten zu bringen, wie das

unbedingt der Fall sein muß.

[Abbildung:

Erbaut von Jüdel & Co. in Braunschweig

293. _Signalbrücke_]

Es ergab sich hieraus die Notwendigkeit, Vorsorge dafür zu treffen,

daß die Stellung des Hauptsignals unter allen Umständen in einer

Entfernung erkennbar ist, die mindestens die Länge des größten

Bremswegs beträgt. Dies führte zur Einrichtung von Ankündigungs-

oder Wiederholungssignalen, die wir Vorsignale nennen.

Auf jeder Strecke, die von Zügen mit höherer Geschwindigkeit durchfahren

wird, steht heute in einer Entfernung von etwa 700 Metern vor jedem

Hauptsignal ein niedriger Mast, der eine bewegliche, runde, leuchtend

gelb angestrichene Scheibe trägt. Zeigt das Hauptsignal Halt, so ist die

volle Scheibe der Strecke zugekehrt. Bei Fahrt Frei-Stellung des

Hauptsignals wird die Scheibe so umgeklappt, daß ihre Fläche wagerecht

liegt. Sie ist dann so gut wie unsichtbar, da nur die Kante der schmalen

Blechtafel der Strecke zugekehrt ist. Bayern macht hierbei seine zweite,

bereits angedeutete Ausnahme von der deutschen Signalordnung, indem sich

auf den dortigen Strecken bei Fahrt Frei-Stellung am Hauptsignal die

Hälften der geteilten Vorsignal-Scheibe so aneinanderlegen, daß ein

kurzer, schräg aufwärts gerichteter Flügel sichtbar wird.

Da im übrigen Deutschland das Vorsignal in gezogenem Zustand sozusagen

verschwindet, der Ort seiner Aufstellung aber doch stets genau

gekennzeichnet bleiben soll, ist vor jedes dieser Signale eine besondere

Merktafel gestellt, deren Fläche stets und unveränderlich zwei einander

zugekehrte, schwarze Pfeilspitzen auf weißem Grund zeigt.

Bei Dunkelheit erscheinen bei Haltstellung des Hauptsignals am Vorsignal

zwei, unter einem Winkel von 45 Grad übereinanderstehende gelb

geblendete Laternen, bei Fahrt Frei-Stellung sind diese beiden Laternen

grün geblendet.

Das Vorsignal ist kein Gebieter mehr, sondern nur der Diener seines

Herrn. Erblickt der Lokomotivführer die volle gelbe Scheibe oder die

beiden gelben Lichter, so ist dies für ihn kein Haltbefehl, sondern

bedeutet nur die Kundgebung: „Am Hauptsignal ist Halt zu erwarten“. Der

Führer wird nun sofort die Bremse anstellen und hat unbedingt die

Möglichkeit, seinen Zug vor dem Hauptsignal zum Halten zu bringen. Die

fortgeklappte Scheibe oder die zwei grünen Lichter geben dem

Lokomotivführer zu gar keiner Maßnahme Anlaß, denn ihm ist ja dadurch

mitgeteilt: „Am Hauptsignal ist Fahrt Frei zu erwarten“.

[Abbildung:

Bauart Jüdel & Co. in Braunschweig

294. _Vorsignal auf Halt_

Die feste Merktafel (siehe Bild 327) ist entfernt]

[Abbildung: 295. _Vorsignal auf Fahrt Frei_]

Infolge seiner Eigenschaft als Vormelder braucht das Vorsignal keine

weit wirkende Kündkraft zu haben. Notwendig ist allein, daß seine

Stellung für den Lokomotivführer im Augenblick des Vorbeifahrens bei

jedem Wetter sichtbar ist. Die Vorsignale sind deshalb nicht an hohen

Masten angebracht, sondern stehen auf niedrigen Pfosten, so daß die

Scheibe sich gerade auf derselben Höhe befindet wie die Augen des

Lokomotivführers. Selbst bei dichtestem Nebel kann er infolge dieser

Lage das Signal deutlich erkennen.

Das Stellen des Vorsignals erfolgt entweder gleichzeitig mit der

Beeinflussung des Hauptsignals durch einen gemeinschaftlichen Drahtzug,

oder man trifft die Einrichtung so, daß die Fahrt Frei-Stellung am

Vorsignal erst erscheint, nachdem der Flügel des Hauptsignals auf Fahrt

Frei gegangen ist, und daß die gelbe Scheibe bereits auf Halt fällt,

wenn der Hauptsignal-Flügel diese Bewegung erst beginnt.

Da die Vorsignale weit vor die Hauptsignale hinausgeschoben werden

müssen, entstehen häufig sehr bedeutende Längen für die bedienenden

Drahtzüge. Je länger ein solcher Drahtzug wird, desto schwerer ist aber

naturgemäß seine Bewegung durch den Hebel im Stellwerk. Damit die Wärter

dort drinnen keine allzu harte körperliche Arbeit zu leisten haben, ist

die größte Länge eines Signaldrahtzugs bei uns auf 1200 Meter

festgelegt. Wenn der Abstand des Vorsignals vom Stellwerk größer sein

muß, so schaltet man eine andere Kraftquelle ein. Gut bewährt hat sich

Kohlensäure-Antrieb für die Stellung der Vorsignale.

Der Drahtzug reicht alsdann nur bis zum Hauptsignal. Am Mast des

Vorsignals ist eine eiserne Flasche mit zusammengepreßter Kohlensäure

aufgestellt, wie sie im Handel überall erhältlich ist. Durch ein

Druckverminderungsventil strömt das Gas zunächst in eine kleinere

Flasche über, von der aus es einen Kolben nach unten drücken kann,

sobald eine Durchlaßöffnung freigegeben ist. Der niedergehende Kolben

stellt die Vorsignalscheibe auf Fahrt Frei, bei entweichendem Druck

fällt sie von selbst auf Halt zurück. Die Einlaßöffnung zu dem Zylinder,

in dem der Kolben sich bewegt, wird durch ein elektromagnetisches Ventil

beeinflußt. Das Ventil kann einmal Druck über den Kolben treten lassen,

das andere Mal verbindet es den Zylinder mit der Außenluft. Die

Steuerung des Ventils erfolgt auf elektrischem Weg durch den Flügel des

Hauptsignals, der auf diese Weise die Stellung des Vorsignals

entsprechend seiner eigenen Lage bestimmt. Die Füllung einer einzigen

Kohlensäureflasche reicht für 6000 Signalstellungen aus, und die

Ersetzung verbrauchter Flaschen durch andere ist sehr einfach.

[Abbildung:

Erbaut von Siemens & Halske in Berlin-Siemensstadt

296. _Vorsignal mit Kohlensäure-Antrieb_

In den Stahlflaschen, vor denen der Wärter steht, befindet sich

gepreßte Kohlensäure, die auf einen Hubkolben wirken kann. Das

Einlaßventil wird elektromagnetisch gesteuert]

Häufiger als heute wurden, wenn dichter Nebel über der Bahnstrecke lag,

früher auch bei uns hörbare Warnsignale verwendet. Man befestigt in

solchem Fall auf einer der Schienen kleine Blechkapseln, die mit Pulver

gefüllt sind und laut knallend zerspringen, wenn das erste Lokomotivrad

über sie fährt. Neuerdings hat man die Ladung auch so gestaltet, daß

zugleich eine sehr scharf leuchtende, farbige Lichterscheinung auftritt.

Die Knallsignale wirken alsdann auf zwei Sinnesorgane, auf das Ohr und

auf das Auge, ein.

Sie können von Hand auf die Schiene gelegt werden, es ist aber auch

möglich, die Kapseln ein für alle Male an schwenkbaren Armen

anzubringen, welche die Kapseln stets auf die Schienenoberkante klappen,

wenn das Hauptsignal auf Halt steht. In England werden die Knallsignale

auch heute noch in sehr großem Umfang verwendet, wenn der auf der Insel

ja nicht seltene, undurchdringliche Nebel über das Land fällt. Viele

hundert Wärter müssen alsdann plötzlich aufgeboten werden, um die

Auslegung zu besorgen. Mit den Erfolgen dieser Einrichtung ist man

drüben sehr zufrieden, man schreibt ihnen die Verhütung vieler

Zugzusammenstöße in dichtem Nebel zu.

[Abbildung: 297. _Signalbilder an den Hauptsignalen der deutschen

Eisenbahnen_

~a~) _Halt_

bei Tag bei Dunkelheit

~b~) _Fahrt Frei für das durchgehende Gleis_

bei Tag bei Dunkelheit

~c~) _Fahrt Frei für ein abzweigendes Gleis_

bei Tag bei Dunkelheit

~d~) _Fahrt Frei für ein anderes abzweigendes Gleis_

bei Tag bei Dunkelheit]

[Abbildung: 298. _Signalbilder an den Vorsignalen der deutschen

Eisenbahnen_

Oben: _Vorsignal meldet_:

„_Am Hauptsignal ist Halt zu erwarten!_“

bei Tag bei Dunkelheit

Unten: _Vorsignal meldet_:

„_Am Hauptsignal ist Fahrt Frei zu erwarten!_“

bei Tag bei Dunkelheit]

[Abbildung: 299. _Wärtersignale_

Oben: „_Halt!_“

bei Tag bei Dunkelheit

Unten: „_Der Zug soll langsam fahren!_“

bei Tag bei Dunkelheit]

Wir wissen bereits, daß die Signale auf viel befahrenen Hauptbahnen voll

wirksame Sicherheitsvorkehrungen erst dadurch werden, daß sie durch die

Blockeinrichtung in gegenseitige Abhängigkeit voneinander gebracht sind.

Die allgemeine Bedeutung der Blockanlagen wurde schon erörtert. Wir

wollen nunmehr das Arbeiten dieser großartigen Einrichtung nebst den

anschließenden Vorgängen in der Stellerei im einzelnen betrachten. Die

Hauptaufgabe der Blockeinrichtung ist, wie noch einmal wiederholt sein

möge, zu erwirken, daß sich zwischen zwei Signalen immer nur Ein Zug

befinden kann, daß jeder Zug ein auf Halt liegendes Signal als Deckung

hinter sich hat.

Wir fassen drei Blockstellen einer Strecke, ~A~, ~B~ und ~C~, ins Auge.

~A~ sei ein Verzweigungsbahnhof, auf dem der Zug, dessen Lauf wir

verfolgen wollen, seine Fahrt beginnt. ~B~ und ~C~ heißen die folgenden

Blockstellen auf der Strecke.

Da ein Signal immer erst auf Fahrt Frei gezogen werden kann, wenn das

nächstfolgende hinter dem abgelassenen Zug auf Halt gelegt ist, so wird

der Fahrplan abhängig von der Entfernung der Blocksignale voneinander.

Der Folgezug muß warten, bis der nächste in Deckung gegangen ist. Bei

der heutigen raschen Zugfolge kann man sich daher nicht mehr darauf

beschränken, Blocksignale nur an den Bahnhöfen aufzustellen; man muß

vielmehr die einzelnen Blockstellen kürzer machen, als der Abstand der

Bahnhöfe voneinander ist. Aus diesem Grund werden ihrer viele auf freier

Strecke errichtet. Meist sind hier gar keine Weichen vorhanden, so daß

also die Freigabe der Signalhebel nur von dem Zustand des Blocks

abhängt.

Unser Zug steht im Bahnhof ~A~ fahrtbereit da. In fünf Minuten soll er

fahrplanmäßig abgelassen werden.

Wenn der Stellwerkswärter jetzt den Hebel umzulegen versucht, mit dessen

Hilfe das für unseren Zug geltende Ausfahrsignal auf Fahrt Frei gezogen

werden kann, findet er ihn verriegelt. Er kann das Signal nicht ziehen.

Und das darf auch nicht sein. Denn die zugehörige Fahrstraße liegt noch

nicht richtig. Eben findet noch eine Verschiebebewegung quer über das

Ausfahrgleis statt. Nachdem diese beendet ist, tritt der

Stellwerkswärter an die Weichenhebel heran und bringt diese in eine

solche Stellung, daß die vorschriftsmäßige Fahrstraße für den Zug gelegt

ist, sowie die Schutzweichen auf Abweisung stehen.

Hierdurch ist die Verriegelung des Signalhebels aber durchaus noch nicht

aufgehoben. Die Weichenhebel müssen erst in der richtigen Lage

verschlossen werden. Es wäre ja am einfachsten, das Verschließen

unmittelbar durch den Signalhebel bei seiner Umlegung bewirken zu

lassen. Man sieht hiervon jedoch aus einem Grund ab, den wir gleich

kennen lernen werden, und läßt die Weichen durch einen besonderen

Fahrstraßenhebel verschließen. Liegen alle Weichen richtig, so kann der

Stellwerkswärter den Fahrstraßenhebel umlegen, wodurch er sämtliche zu

dieser Fahrstraße gehörigen Weichen, einschließlich der Schutzweichen

und Gleissperren, mechanisch festlegt. Nachdem dies geschehen, ist Eine

Sperrung aus dem Signalhebel verschwunden, die ihn bisher festhielt.

Aber er kann immer noch nicht bewegt werden.

[Abbildung:

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 44 / 60 段