Wenn ein Zug aus dem Bahnhof ausfährt, auf welchem er seinen Ursprung

hat, so legt er den Arm des Ausfahrsignals selbsttätig hinter sich auf

Halt. Er hat nun also eine Deckung hinter sich. Damit der Wärter

imstande ist, das Signal für einen folgenden Zug von neuem zu ziehen,

muß er den zugehörigen Hebel, der noch in Fahrt Frei-Stellung geblieben

ist, gleichfalls in die Haltstellung zurücklegen. Sobald er das aber

getan hat, springt in den Hebel eine Sperre ein, welche diesen festhält.

Das Signal kann vorläufig nicht zum zweiten Mal gezogen werden. Um die

künftige Entriegelung des Signalhebels vorzubereiten, ist der Wärter

weiter gezwungen, die Handlung des Blockens vorzunehmen. Er drückt eine

Taste nieder und dreht eine Kurbel, die einen elektrischen Strom durch

seinen Apparat und in die längs der Strecke ausgelegte Leitung sendet.

Hierdurch erwirkt er zweierlei. Einmal macht er die Sperrung seines

Signalhebels abhängig von einer elektrischen Einwirkung, die von der

Strecke her ankommen kann. Ferner meldet er dem Mann, der das

nächstfolgende Blocksignal bedient, den abgelassenen Zug vor. Dieser

Wärter zieht nach Eingang der Vormeldung sein Signal, wenn sonst nichts

dagegen spricht, auf Fahrt Frei. Der Zug fährt darauf an dem zweiten

Signal vorüber.

Hierauf ist der zweite Wärter gezwungen, sein Signal auf Halt zu legen.

Tut er das nicht, so kann niemals wieder ein Zug folgen, denn das

Ausfahrsignal des rückliegenden Bahnhofs ist ja, wie wir wissen,

gesperrt. Nach dem Einschlagen seines Signals muß auch der zweite Wärter

die Blockhandlung vornehmen. Sobald er seine Taste gedrückt und die

Kurbel gedreht hat, löst der Strom, welcher nun in die nach rückwärts

laufende Leitung fließt, die Sperrung am Ausfahrsignal des

Abgangsbahnhofs auf. Jetzt erst kann dieses Signal wieder gezogen

werden.

Und das kann nun auch ohne Gefährdung des voraufgegangenen Zugs

geschehen, denn dieser hat ja jetzt das zweite, auf Halt gelegte Signal

wiederum als Deckung hinter sich. Da die Entblockung von der zweiten

Stelle zur ersten nur stattfinden kann, nachdem das zweite Signal auf

Halt gelegt ist, so hat man durch diese Abhängigkeit der Signale

voneinander die erwünschte unbedingte Sicherheit.

Zugleich mit der Entblockung nach rückwärts hat der zweite Wärter einem

dritten den Zug vorgemeldet; zwischen der dritten Stelle und der zweiten

vollzieht sich bald danach derselbe Entblockungsvorgang, und so fährt

der Zug von einem Signal zum anderen, während immer das zunächst hinter

ihm stehende auf Halt festgelegt ist.

Auf diese Weise wird Ordnung in das bewegte Durcheinander der Züge

gebracht. Wie das Bürgerliche Gesetzbuch in Abschnitte, ein Gedicht in

Strophen eingeteilt, ein Musikwerk in Takte geordnet ist, so werden die

Zugfahrten durch die Haltsignale voneinander gesondert. Der Strom der

Züge, der sonst in gefährlichen Strudeln dahinschäumen würde, ist wie

durch niedergelassene Wehrbalken zu geregeltem Lauf abgedämpft.

Doch außer der Gefahr, daß ein Zug von hinten durch einen anderen

gerammt wird, besteht auch die Möglichkeit, daß er von der Seite her

angefahren werden kann. Im Bahnhof Jüterbog z. B. laufen die beiden

großen Schnellzugstrecken zusammen, die von Halle und von Dresden nach

Berlin führen. Vier Geleise ziehen in den Bahnhof, aber nur zwei führen

wieder hinaus. Die Schnellzüge pflegen Jüterbog ohne Aufenthalt zu

durchfahren. Vor der Stelle, wo die beiden Strecken tatsächlich

zusammengeführt werden, stehen zwei Signale: eines, durch dessen

Stellung auf Fahrt Frei die Einfahrt von Dresden her in das

gemeinschaftliche Gleis nach Berlin zugelassen wird, ein anderes,

wodurch die Einfahrt von Halle aus gestattet werden kann.

Wir wollen nun annehmen, daß dem Wärter von der Halleschen Strecke aus

ein nahender Schnellzug vorgemeldet worden ist, und er diesem das Signal

für die Einfahrt in die gemeinschaftliche Strecke gezogen hat. Kurz

darauf aber wird ihm von der Dresdner Strecke her ein Eilgüterzug

vorgemeldet, der gleichfalls in Jüterbog nicht hält. Der Wärter hat in

der Fülle seiner Geschäfte vergessen, daß er dem Schnellzug aus Halle

bereits das Signal gezogen hat, und er gibt nun auch dem von Dresden her

kommenden Eilgüterzug die Einfahrt in das gemeinschaftliche Gleis frei.

Wenn das Geschick es nun wollte, daß beide Züge zu gleicher Zeit an der

Zusammenführungsstelle einträfen, so müßte ein schweres Unglück durch

seitliches Anfahren entstehen.

Nach dem, was wir bis jetzt bereits über die Signaleinrichtungen gehört

haben, wird es uns selbstverständlich erscheinen, daß derartige

Vorkommnisse zwangläufig verhindert werden. Wir wollen davon absehen,

daß man schon die Fahrpläne zweier zusammenlaufender Strecken so

einrichtet, daß nicht zu gleicher Zeit zwei Züge aus den verschiedenen

Richtungen an der Einmündungsstelle eintreffen können. Denn dann müßte

ja doch jedesmal einer auf den anderen warten. Durch Verspätung kann

aber immerhin einmal eine solche an sich gefährliche Zuglage eintreten.

Da greift nun aber die Sicherungseinrichtung ein. Hat der Wärter in

Jüterbog das Signal für den Halleschen Zug auf Fahrt Frei gezogen, so

kann er keinesfalls die Einfahrt von Dresden her gleichfalls freigeben.

Ebenso wird das Umgekehrte verhindert. Die beiden Signale, welche die

Einfahrt von zwei Strecken aus in ein gemeinschaftliches Gleis decken,

sind in Abhängigkeit voneinander gebracht. Sie sind „feindliche

Signale“, wie ein sehr treffender Betriebsausdruck lautet. Niemals

können sie gleichzeitig auf Fahrt Frei stehen. Selbst die Blocksicherung

erstreckt sich auf beide. Ist ein Zug von Halle her in das

gemeinschaftliche Gleis eingefahren, so kann auch die Einfahrt von

Dresden in dieses nicht früher freigegeben werden, als bis der Zug die

nächste Signaldeckung erreicht hat.

Aber alle diese vortrefflichen Vorschriften reichen nicht aus, sobald es

sich um die Ausfahrten großer Bahnhöfe handelt. Da hier Übergänge der

Betriebsmittel von jeder Strecke auf jede andere möglich, Verbindungen

aller Geleise miteinander hergestellt sein müssen, dementsprechend

Fahrten herüber und hinüber stattfinden, so gibt es an solchen

Orten gefährliche Zusammenführungen und höhengleiche Kreuzungen in

großer Zahl. Da jedoch in diesen Bezirken die Fahrgeschwindigkeiten

gering sind, so darf man den Signalen hier eine stärkere

Wirksamkeit zuschreiben, und die Einbeziehung der Weichen in die

Signalabhängigkeiten schafft weitere Sicherheit.

Die schützenden Arme stehen in großer Zahl vor und hinter jedem Bahnhof;

oft sieht man ein Dutzend von ihnen auf einer einzigen großen Brücke

beieinander. Um Zugfahrten, die einander gefährden können, auch

innerhalb eines Bahnhofs auszuschließen, müssen die Signale in

vielverschlungene Abhängigkeiten zueinander gebracht werden. Häufig

kommt es vor, daß die für eine bestimmte Zugfahrt erteilte Erlaubnis

sechs andere Zugfahrten und mehr ausschließt. Das Eine gezogene Signal

muß alsdann entsprechend viele andere verriegeln.

Um die Verhältnisse klarzulegen, wird vor Inbetriebnahme eines Bahnhofs

ein genauer Verschlußplan aufgestellt. Er dient alsdann zur Grundlage

für die Anbringung der Abhängigkeiten an den Signalhebeln. Die

Wirksamkeit dieser Verschlüsse ist so gründlich, daß man ohne Bedenken

einem Kind das Spielen mit den Signalhebeln erlauben könnte, ohne

hierdurch eine Gefährdung des Verkehrs herbeizuführen. Jedes gegebene

Fahrt Frei-Signal schließt die Freigabe jeder anderen gefährlichen

Zugfahrt aus. Das Kind könnte den Betrieb wohl aufhalten, indem es

Signale unnötigerweise auf Halt stellte, aber es vermöchte keinen

Zusammenstoß durch falsche Signalfreigabe herbeizuführen. Die eiserne

Wehr der Signalriegel versperrt jeden gefährlichen Weg.

Aber mit dem Ziehen der richtigen Signale allein ist es, wie schon

angedeutet, bei der Bahnhofssicherung noch nicht getan. Damit ein

einlaufender oder auslaufender Zug auch wirklich die Gleisabschnitte

befährt, die ihm durch das gezogene Signal als frei bezeichnet worden

sind, ist es notwendig, eine solche Lage sämtlicher von dem Zug

befahrenen Weichen zu erzwingen, daß sie diesen eben in die richtigen

Gleisabschnitte hineinbringen. Zu jedem Signal gehört die hinter ihm

liegende Fahrstraße. Meist muß eine große Zahl von Weichen eine ganz

bestimmte Lage haben, damit die Fahrstraße richtig eingestellt ist.

Erinnern wir uns der Angabe, daß in dem Bezirk des Leipziger

Hauptbahnhofs nicht weniger als 920 Weichen eingebaut sind, so erscheint

die Erfüllung der Forderung, daß in jedem Augenblick eine ganze Reihe

von Fahrstraßen richtig liegen muß, damit die von den Signalen gegebenen

Zeichen überhaupt einen Sinn haben, als eine Aufgabe, deren Lösung

außerordentliche Schwierigkeiten bietet.

Wen hat nicht schon ein jähes Angstgefühl durchzuckt, wenn er, an einem

Fenster in der Abschlußwand des letzten Wagens eines ~D~-Zugs stehend,

hinter dem Zug das Schienengewirr eines Bahnhofs hin- und herspringen

sah, indes der Zug mit voller Geschwindigkeit hindurchraste! Wer hat

sich da nicht schon ängstlich gefragt: werden die zahllosen Weichen auf

den vielen Bahnhöfen, die wir noch zu durchfahren haben, auch sämtlich

richtig liegen? Wird nicht der eine oder andere Wärter eine Weiche in

falscher Stellung liegen gelassen haben? Jeder Reisende ist sich wohl

darüber klar, daß ein einziges solches Versehen ein furchtbares

Schicksal über den Zug heraufbeschwören könnte.

Hinge das Legen der Weichen ausschließlich von der Umsicht und der

Gedächtniskraft der bedienenden Wärter ab, dann wäre diese Furcht voll

gerechtfertigt.

Unter der Brücke, welche die Einfahrsignale z. B. des Bahnhofs

Neudietendorf trägt, läuft jetzt ein Güterzug ein, der zum Güterbahnhof

überzuleiten ist. Bald darauf folgt ein Schnellzug, der, ohne

anzuhalten, gen Eisenach-Frankfurt strebt; der nächste Ankömmling ist

ein anderer Schnellzug, der auf die abzweigende Strecke nach

Oberhof-Kissingen geführt werden muß. Jedesmal ist ein anderes Signal zu

ziehen, um dem Lokomotivführer darzutun, daß die für ihn bestimmte

Fahrstraße richtig gelegt ist. Eine große Zahl von Weichenumlegungen muß

in jedem dieser Fälle während der kurzen Pausen zwischen den

aufeinanderfolgenden Zügen vorgenommen werden. Es wäre wahrlich ein

Wunder, wenn der Wärter nicht einmal eines schönen Tags hierbei einen

Fehler machte und vor einem durchfahrenden Schnellzug die Weichen so

stellte, daß der Zug auf ein scharf gekrümmtes Gütergleis gelenkt würde,

wo er entgleisen müßte!

Damit ein solches Versehen mit seinen unabsehbaren Folgen niemals

vorkommen kann, ist eine zweite überaus wichtige Vorkehrung in das

Eisenbahnsicherungswesen eingeschlossen. Die Signale sind nicht nur

untereinander abhängig, ihre Stellung wird auch von der Lage der

zugehörigen Weichen beeinflußt.

Jedes Signal deckt eine bestimmte Fahrstraße, die dadurch entsteht, daß

eine ganz bestimmte Anzahl von Weichen sich in einer bestimmten Lage

befindet. Will der Wärter das Signal für eine Fahrstraße ziehen, so muß

er vorher sämtliche Weichen, die bei der Fahrt durch diese hindurch vom

Zug berührt werden, in die vorgeschriebene Lage bringen. Tut er das

nicht, vergißt er auch nur eine einzige Weiche richtig zu legen, so

bleibt der Signalhebel verschlossen. Das Signal kann nicht gezogen

werden. Erst wenn sämtliche Weichen der Fahrstraße, die durch das Signal

gedeckt wird, vorschriftsmäßig liegen, kann dieses auf Fahrt Frei

gezogen werden.

Doch auch eine Beaufsichtigung dieser Art allein genügt noch nicht, um

eine wirklich ausreichende Sicherheit zu gewinnen. Zwischen den

Weichenhebeln und den Weichenzungen befinden sich Übertragungsglieder,

nämlich die Bewegungsvorrichtungen. Auch diese sind Menschenwerk und

deshalb Fehlbarkeiten unterworfen. Es kann selbst bei sorgsamster

Unterhaltung etwas daran in Unordnung geraten, so daß trotz richtiger

Lage des Weichenhebels doch die zugehörigen Weichenzungen in falscher

Lage geblieben sind oder in richtiger Stellung sich nicht ganz dicht an

die Mutterschiene angelegt haben.

Die vorhin besprochene Prüfung erstreckt sich aber nur auf die

Weichen_hebel_. Es findet deshalb noch eine weitere Überprüfung der

Stellungen statt, welche die Weichenzungen tatsächlich einnehmen. Die

Bewegungsvorrichtung, welche vom Signalhebel zum zugehörigen Signal

führt, ist dicht an jeder der zugehörigen Weichen vorübergeführt. Es

befinden sich Glieder besonderer Bauart darin, die nur dann erlauben,

das Signal auf Fahrt Frei zu ziehen, wenn zwei Prüfstangen, deren jede

unmittelbar an einer der Weichenzungen befestigt ist, die richtige Lage

haben. Liegt die Weiche falsch, liegt auch nur eine der beiden Zungen in

unrichtiger Stellung oder hat sie sich nicht ganz fest an die

Mutterschiene gepreßt, so ist der Signalzug gesperrt. Der Arm kann nicht

in die Fahrt Frei-Stellung gezogen werden. Es ist dies eine so

unmittelbare Prüfung der richtigen Weichenlagen, daß in ihrem Bannkreis

gefahrbringende Signalstellungen ganz unmöglich sind.

Es kommt noch ein Weiteres hinzu.

Man kann es nicht als ausreichend erachten, daß durch den Signalzug nur

die Lage derjenigen Weichen geprüft wird, die der Zug tatsächlich

befährt, wenn er durch die Fahrstraße geht. Auch danebenliegende Weichen

können die Sicherheit der Zugfahrt beeinflussen. Ihre Stellung bedarf

daher gleichfalls der Überprüfung.

Nehmen wir an, daß dicht neben dem durchgehenden Schnellzuggleis ein

Verschiebegleis liegt, das in der Mitte des Bahnhofs eine Verbindung mit

dem durchgehenden Gleis hat. Es gibt dann eine Weiche, die den auf dem

Verschiebegleis rollenden Wagen die Möglichkeit eröffnet, entweder auf

dem Verschiebegleis bis zu dessen Ende weiterzulaufen oder, wenn sie

sich in umgekehrter Lage befindet, in das Schnellzuggleis

hineinzugelangen. Wenn nun unmittelbar vor der Durchfahrt des

Schnellzugs eine Verschiebebewegung auf dem Nebengleis stattfindet, wenn

auf diesem etwa Wagen abgestoßen werden, so könnten diese Fahrzeuge,

falls die Weiche auf Abzweigung liegt, gerade in dem Augenblick auf das

Schnellzuggleis gelangen, wenn der Schnellzug den Bahnhof durchrast.

Auch ein solcher Vorgang müßte schlimme Folgen haben.

Man zieht daher eine Weiche, die derartige Bewegungen zu gestatten

vermag, in den Prüfungsbereich des zugehörigen Fahrstraßensignals ein.

Dieses kann nur gezogen werden, wenn die betreffende Weiche in

Schutzstellung liegt, das heißt nur Fahrten innerhalb des

Verschiebegleises gestattet.

Man spricht in einem solchen Fall von einer Schutzweiche.

Verschiebegeleise, die aus betrieblichen Gründen nicht weiter geführt zu

werden brauchten als bis zu ihrem Einlauf in ein durchgehendes Gleis,

werden ausschließlich aus Sicherheitsgründen verlängert, damit eine

Schutzstellung der Weiche möglich wird. Wo dies nicht angängig ist,

werden Gleissperren angebracht. Eine Schiene des Verschiebegleises wird

ein Stück vor dem Einlauf in das durchgehende Gleis dadurch unfahrbar

gemacht, daß vom Stellwerk aus mit Hilfe eines gewöhnlichen

Weichenhebels ein eiserner Schuh darauf gekippt wird; dieser bringt in

seiner Abwehrstellung jedes Fahrzeug, das auf dem Verschiebegleis

weiterlaufen, also in das Hauptgleis hineingleiten will, zum Entgleisen.

Auch die Lage der Gleissperre wird vom zugehörigen Signalzug geprüft;

das Signal, welches die Durchfahrt auf dem Hauptgleis freigibt, ist

nicht zu ziehen, solange die Gleissperre nicht auf der Schiene liegt.

Alle diese Abhängigkeiten der Signale untereinander, sowie zwischen

Signalen und Weichen, Schutzweichen und Gleissperren erzeugen eine

Sicherheit der Zugfahrten, die kaum mehr übertroffen werden kann. Es

wäre ganz unmöglich gewesen, jemals so große Bahnhofsanlagen zu

errichten, wie etwa der Leipziger oder der Frankfurter Hauptbahnhof es

sind, wenn die sichernden Abhängigkeiten nicht vorhanden wären. Kein

Lokomotivführer würde es sonst wagen, in dieses Gleisgestrüpp

hineinzufahren. Nun aber fühlt er sich, wenn sein Signal auf Fahrt Frei

steht, so sicher hindurchgeleitet, als wäre sein Zug das einzig

Bewegliche in dem ganzen Gebiet der Welt auf Schienen.

In den ersten Jahrzehnten des Eisenbahnbetriebs kam man mit sehr

einfachen Bedienungseinrichtungen für die Signale aus. Damals wurden

jedes Signal und jede Weiche einzeln gestellt. Die Vorrichtungen, mit

deren Hilfe man ihre Lage verändern konnte, befanden sich am Fuß jedes

Signalmasts, neben der Spitze jeder Weiche. Zur Herbeiführung der

Abhängigkeiten aber mußte man Fernbedienung von Weichen und Signalen

einführen. Es war notwendig, sämtliche Hebel, die zum Bewegen dieser

Einrichtungen dienen, möglichst nahe zusammenzulegen. So entstanden die

großen Stellwerke, die man heute überall vor und hinter den Bahnhöfen

liegen sieht. In ihnen sind auch die Blockvorrichtungen untergebracht.

Die Stellwerke gestatten zugleich, einen großen Bezirk zu beherrschen,

ohne das fortwährend lange Wege zurückgelegt werden müssen.

Wenn man aus einem fahrenden Zug ein wenig aufmerksam auf die Strecke

blickt, kann man durch die großen Fenster der Stellwerkshäuser die

grünen Blechwände und die blanken Hebel der darin aufgestellten

Vorrichtungen gewahren. Aus jedem der Häuser blickt bei der Vorbeifahrt

des Zugs ein Mann ernsthaften Antlitzes auf die Strecke. Er erfüllt

damit eine Vorschrift, die ihm gebietet, jede Zugfahrt zu beobachten.

Der Verfasser hat in seinem Buch „Das Reich der Kraft“ den Eindruck

wiedergegeben, den er bei seinem ersten Besuch in einem Stellwerk

empfing. Einiges aus dieser Schilderung sei hier mitgeteilt.

„Droben auf seinem Turm steht in reiner, einsamer Höhe der

Stellwerkswärter. Durch die Fenster seines Arbeitsraums überblickt er

weithin sein Herrschaftsgebiet.

Aus blauer Ferne laufen die von nimmermüden Zugachsen schimmernd

polierten Silberbänder von vier Schienenpaaren heran, um sich wieder in

blaue Ferne zu verlieren. Bevor aber die acht reinen Linien, die von

Süden herangekommen sind, im Norden wieder in gleicher Zahl und Klarheit

davonziehen, haben sie sich, wie ein Fluß im Bruchgebiet, in ein

Geflecht kleiner Arme aufgelöst, die herüber und hinüber fließen,

durcheinanderschießen, sich kreuzen, überschneiden, das Schienengewirr

eines großen Bahnhofs bilden.

Das ist das Herrschaftsgebiet des Manns dort oben auf dem

Stellwerksturm. Seine Hand, dieses schwächliche Gebilde aus Fleisch und

Bein, führt die ungeheuren Schnellzugmaschinen, die mit ihren

zwölfhundert Pferdestärken und der Last eines ganzen ~D~-Zugs am Fuß

seines Turms ohne Halten vorbeistürmen, auf ihrer Bahn, sie zwingt den

hundert Achsen langen Güterzug an einer bestimmten Stelle unter zornigem

Dampfpusten und unwilligem Bremsenknirschen haltzumachen, sie erteilt

durch eine gnädige Bewegung dem vollbesetzten Personenzug die Erlaubnis,

die sehnsüchtigen Menschen aus der dunklen Bahnhofshalle hinauszutragen

in den Sonnenschein und in die Welt dort weit, weit hinter dem Saum des

Walds, der die silbernen Schienenbänder in sein Dunkel aufnimmt.

Es sind vier enge Wände, zwischen denen der Stellwerksmann haust, aber

sie umschließen das Schicksal Unzähliger. In dem schmalen Raum wird

über das Leben all derer gewacht, die vertrauensvoll und ohne Kenntnis

der für sie getroffenen Sicherheitsmaßregeln am Turm vorbeifahren.

Mit einer Geschwindigkeit von neunzig Kilometern in der Stunde stürmt

der ~D~-Zug heran. Die Fenster des Turms erbeben unter dem Gewicht der

bewegten Massen. Gen Norden drängt die ungeheure Lokomotive. Da -- der

Herzschlag stockt dem eines solchen Anblicks ungewohnten Besucher des

Stellwerks -- kommt von Norden her eine im Verschiebedienst tätige

Lokomotive auf einem Gleis angekeucht, das in die Schnellzugsbahn

einmündet. Wenn beide sich an der Kreuzungsstelle träfen! Welch ein

unabsehbares Unglück! Und schon ist der Schnellzug heran und auch schon

wieder weit weg. Es ist ihm nichts geschehen. Der Mann im Stellwerk hat

die Verschiebe-Lokomotive durch ein auf Halt stehendes Signal

rechtzeitig zurückgehalten, ja er hat auf das Verschiebegleis sogar

einen schweren, feuerrot angestrichenen Eisenschuh geklappt, der die

Verschiebe-Lokomotive zur Entgleisung gebracht hätte, wenn sie sich dem

Schnellzugsgleis trotz des warnenden Signals allzuweit genähert haben

würde.

Aus dem Bahnhof am Fuß des Stellwerks ist eben ein Personenzug nach dem

nächsten Bahnhof abgelassen worden. Der Signalflügel war vom Stellwerk

aus auf Fahrt Frei gezogen worden, und über ein halbes Dutzend Weichen

hinweg hatte der Zug glücklich seinen Weg in die Ferne gefunden. Jetzt

steht an derselben Stelle im Bahnhof ein anderer Zug, dessen Fahrt hier

zu Ende ist, der auf ein Abstellgleis übergeführt werden soll. Dorthin

geht es nur durch ein stählernes Gestrüpp, durch eine Wirrnis von

Schienen. Das ungeübte Auge vermag die Anzahl der Weichen gar nicht zu

übersehen, die umgestellt werden müssen, damit die Fahrt ohne Unfall von

statten gehen kann. Werden sie auch alle richtig liegen? fragt man sich

nicht ohne Bangen.

Ein zweiflügeliges Signal steigt empor, und der Leerzug fährt ab. Mit

größter Sicherheit rollen die Achsen quer über zehn Stränge hinüber,

gleiten in Anschlüsse hinein, wieder aus ihnen hinaus, bis der Zug

glücklich das Abstellgleis erreicht hat. All die beweglichen

Schienenstücke, alle Weichenzünglein haben richtig gelegen, der Mann im

Stellwerk verdient ein Lob.

Der _Mann_ im Stellwerk? Er ist es nicht so sehr, der das Lob

beanspruchen darf, wie das Stellwerk selbst und die in Verbindung mit

ihm aufgestellte Blockeinrichtung. Eine große Zahl elektrischer

Stromschließknöpfe ist daran angebracht, und in langen Reihen liegen die

Hebel griffbereit da.

Was wir hier vor uns sehen, ist das Gehirn des Bahnhofs.

Die Hand des Wärters kann viel bewirken: Signale stellen, Weichen

verschieben, Scheiben und Laternen drehen auf einem Gebiet, so weit das

Auge reicht -- sie kann nur eins nicht, nämlich einen Fehler machen.

Hinter den grünen Wänden der Block- und Stelleinrichtung wacht mit

hellen Augen ein Geist, der sich durch kein Lokomotivengebraus, kein

Knacken und Klingeln beirren läßt, wie es vielfach bei den Meldungen

ertönt. Wenn der Wärter einen falschen Griff tun will, wird seine Hand

sofort aufgehalten, damit sie nicht Unheil schafft. In das ungeheure

Wirrsal des Bahnhofs wird von diesem Ort aus Ordnung gebracht; soweit

menschliche Künste gehen, ist hier zuverlässigste Sicherheit geschaffen.

Zu den Obliegenheiten eines Stellwerks gehört aber nicht allein die

Besorgung des eigenen Bahnhofs, es steht auch mit der davor- und

dahinterliegenden Strecke in ständiger Verbindung. Der rückliegende

Bahnhof meldet den eben abgelassenen Zug vor, damit der Blockwärter

seine Fahrstraße für den zu erwartenden, ihm seiner Art nach durch den

Fahrplan bekannten Zug richtig und rechtzeitig zusammenstellen kann, so

daß kein unnötiger Aufenthalt entsteht. Der angekommene Zug ist

zurückzumelden, denn der rückliegende Bahnhof kann sein Ausfahrsignal

erst dann wieder ziehen, wenn diese Benachrichtigung eingetroffen, die

Strecke also frei ist.

Nun muß man aber nicht etwa glauben, daß die Züge selbst bei allen

diesen Vorgängen nur eine leidende Rolle spielen. O nein! Es ist ihnen

reichlich Gelegenheit gegeben, ihre Gegenwart und ihr Davongehen dem

Stellwerk ganz unmittelbar auf elektrischem Weg kundzutun. An bestimmten

Stellen befinden sich unter den Schienen Stromschließer, die durch das

Gewicht des hinüberfahrenden Zugs betätigt werden. Im Stellwerk werden

dadurch hörbare und sichtbare Signale ausgelöst, es werden auch auf

diesem Weg durch die Zugachsen Weichen und Signalverriegelungen

aufgehoben oder hervorgerufen, ja die Züge legen oft von selbst ihre

Signale hinter sich auf Halt und lösen ihre Fahrstraßen auf, was dann

dem Stellwerk wieder durch ein Signal kund wird.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 43 / 60 段