Das bauliche Bild ist hier besonders eindrucksvoll. Bei sämtlichen

älteren Bahnhofsanlagen sind die eisernen Gleishallen unmittelbar an das

Empfangsgebäude herangeführt. Die Stützen sind überall an die steinerne

Abschlußwand gesetzt. Das ergibt immer einen wenig reizvollen Gegensatz

zwischen der ungegliederten Schwere der steinernen Wände und dem daran

geklebten, auseinanderstrebenden Geflecht der Eisenstützen. In Leipzig

wurde dieser schroffe Gegensatz in großartiger Weise vermieden. Der

Querbahnsteig ist mit einer eigenen Halle überwölbt; erst hinter dieser

beginnen die Eisenbauten. Sechs ungeheure Tore schließen den

Querbahnsteig nach der Schienenseite hin ab. Zur Zeit ihrer Errichtung

stellten sie die mächtigsten in Eisenbeton ausgeführten Bauwerke dar.

Die Wölbung und der Torabschluß des Querbahnsteigs ergeben zusammen mit

der Hinterwand des Empfangsgebäudes eine geschlossene Baugruppe von

einheitlicher, sehr starker Wirkung.

Die hinter den Toren beginnenden eisernen Hallen sind ein so zierlich

und leicht gefügtes Gewebe, daß die Dunkelheit aller älteren

Bahnhofswölbungen hier von einer fast blendenden Lichtfülle abgelöst

ist. Die Stützpfeiler scheinen nur ganz leicht auf dem Boden

aufzustehen, alles wuchtig Lastende ist für das Auge verschwunden, man

sieht einen fast lustig bewegten Bau, der dennoch als Ganzes in

machtvoller Ruhe dasteht. Erbauer der Anlage sind die Architekten Lossow

und Kühne in Dresden.

Zur Errichtung des Bahnhofs ist eine geradezu abenteuerliche Menge von

Baustoffen verwendet worden. „Allein an Eisenteilen stecken“, nach einer

Zusammenstellung der ‚Wochenschrift für deutsche Bahnmeister‘, „im

Hauptbahnhof über sieben Millionen Kilogramm oder 144 252 Zentner.

Rechnet man das Ladegewicht eines Eisenbahnwagens zu 200 Zentnern, so

hätte man zur Beförderung der Eisenteile des Hauptbahnhofs einen Zug mit

721 Wagen nötig. Die Glasbedachung der sechs Längsbahnsteighallen -- es

handelt sich um die riesige Fläche von rund 29 000 Quadratmetern -- hat

ein Gewicht von mehr als 12 500 Zentnern; wollte man das Glas in einem

Zug befördern, so wären demnach 63 Bahnwagen dazu nötig.

„Sind das schon Mengen und Gewichtszahlen, die man sich schwerlich

vorzustellen vermag, so erscheinen sie noch als unbedeutend, wenn man

die Menge des zum Hauptbahnhof benötigten Betons betrachtet. Von einer

Anzahl Firmen sind z. B. allein über 15 000 Kubikmeter Zement geliefert

worden. Rechnet man das Kubikmeter Zement zu 45 Zentnern, so ergibt sich

das stattliche Gewicht von 685 710 Zentnern. In Bahnwagen verladen,

erfordert diese Menge eine Zahl von etwa 3400 Wagen. Hierzu kommen aber

nun noch über 22 000 Kubikmeter Sand, Kies und Kleinschlag. Das dürfte

einem Gewicht von rund einer Million Zentnern entsprechen, und man hätte

zu deren Fortbewegung etwa 5000 Eisenbahnwagen nötig.

„An Mauersteinen und Tonklinkersteinen hat eine Firma über 11 Millionen

verwendet, dazu noch gegen 250 000 poröse Mauersteine. Zur Beförderung

der Steine hatte man mehr als 3500 Loren nötig. Der Zementverbrauch

eines Baugeschäfts betrug weit über 40 000 Sack, der in mehr als 200

Wagen ankam. An Kalk verarbeitete man hier 750 Loren oder rund 2800

Kubikmeter. Wenn man allein die Baustoffe von sechs stark beteiligten

Geschäften in einem Bahnzug befördern wollte, so hätte man dazu nicht

weniger als etwa 13 600 Eisenbahnwagen nötig.“

[Abbildung:

Aufnahme von ~Dr.~ Trenkler & Co. in Leipzig

281. _Eisenhallen des Leipziger Hauptbahnhofs_]

Besondere Sorgfalt hat man in dem neuen Leipziger Hauptbahnhof auch der

Sicherung der Gleisenden zugewendet. Hier liegt ja bei allen

Kopfbahnhöfen ein besonders wichtiger und gefährlicher Punkt, weil an

dem Quersteig die Welt der Eisenbahn plötzlich mit einem jähen Schluß zu

Ende geht. Eben noch hat die mächtige, hochräderige Maschine des

einfahrenden Zugs ein unabsehbar scheinendes Stück der glatten, für sie

geschaffenen Schienenbahn vor sich, da, nach der Einfahrt in die Halle,

hört das Gleis plötzlich auf. Der viele hundert Zentner schwere Zug darf

kaum ein Meter weiterfahren, als ihm vorgeschrieben ist, wenn nicht

schweres Unheil entstehen soll.

Aus diesem Grund ist es notwendig, den Kopf eines jeden dieser Bahnhöfe

kräftig zu schützen, ihn mit einer möglichst festen, eisernen Stirn zu

versehen, die nicht so leicht eingestoßen werden kann. Die Züge sollen

mit möglichster Geschwindigkeit ihre Fahrt zu Ende führen; im

Kopfbahnhof müssen sie beinahe auf ein Dezimeter genau abgebremst

werden. Das schließt eine gewisse Gefahr in sich.

Lange vor der Einfahrt in einen Kopfbahnhof schon hat der schwere

Schnellzug seine Geschwindigkeit zu ermäßigen. Die Vorschrift befiehlt,

die lebendige Kraft des Zugs vor der Einfahrt so weit abzubremsen, daß

die Wagen zuletzt nicht mehr von selbst laufen, sondern durch die

Lokomotive geschleppt werden müssen. Die Erfüllung dieser Vorschrift,

die selbstverständlich stets aufs sorgfältigste angestrebt wird, ist

aber nur dann möglich, wenn die Bremse richtig arbeitet.

Geschieht dies aus irgend einem Grund nicht, versagt die Hemmvorrichtung

einmal kurz vor Einfahrt in einen Kopfbahnhof, dann ist ein Überfahren

des Gleisendes unvermeidlich, wenn dieses nicht in besonderer Weise

gesichert ist. Viele Bauarten sind schon früher an dieser Stelle

versucht worden.

Zunächst hat man auf den älteren Kopfbahnhöfen erst einmal dafür

gesorgt, daß die Lokomotive keinesfalls aus ihrem Reich hinaus auf den

Querbahnsteig und von dort in das Bahnhofshaus oder gar auf die Straße

fahren kann. Man läßt darum das letzte Stück des Geleises etwas

ansteigen und schüttet eine dicke Lage Sand darüber. Endlich bringt man

dann noch einen festen Gleisabschluß an, der auch von dem schwersten Zug

vermutlich nicht umgeworfen werden kann. So sind z. B. auf dem Stettiner

Bahnhof in Berlin an den Gleisenden Mauerblöcke errichtet, die eine

Breite von mehreren Metern haben.

[Abbildung: 282. _Eisenbahnunglück auf Bahnhof Dülken_

Entstanden durch Überfahren des Prellbocks am Gleisende, 6. November

1907]

Durch Sandgleis und Puffermauern sind dann die Menschen gesichert,

welche draußen auf den Zug warten. Nicht so die Fahrgäste des Zugs

selbst.

Denn wenn der zu rasch einfahrende Zug in das Sandgleis oder auf die

Mauer läuft, kommt er plötzlich mit einem starken Stoß zum Stehen, und

das ist dann eben ein richtiges Eisenbahnunglück. Man muß immer im Auge

behalten: die verheerende Wirkung eines solchen Ereignisses entsteht

stets dadurch, daß der schwere Körper des fahrenden Zugs von rascher

Fortbewegung plötzlich zu vollkommener Ruhe gezwungen wird.

Eine sanfte Bremsung der zu schnell einfahrenden Züge von außen her,

wenn die eigentliche Zugbremse versagt, mußte also auch an den

Gleisköpfen versucht werden. Aufgabe war, nicht eine unbewegliche

Zyklopenmauer dem Zug in den Weg zu stellen, sondern eine Vorrichtung zu

ersinnen, die ihn aufnimmt und langsam zum Stehen bringt. Man hat eine

solche langsame Abbremsung der Züge durch die Aufstellung von

Wasserprellböcken herbeizuführen gesucht. Diese haben mehrere Meter

lange Puffer, deren Schäfte in Zylinder eintauchen. In diesen befindet

sich Wasser, das zur Vermeidung des Einfrierens mit Glyzerin vermischt

ist. Werden die Puffer eingedrückt, so kann das Wasser durch schmale

Nuten aus dem Zylinder hinausgedrückt werden, wobei es einen Widerstand

ausübt. Dieser wird immer stärker, je tiefer die Puffer hineingeschoben

werden, da die Nuten sich nach hinten zu verengen, so daß der

Austrittsquerschnitt für das Wasser sich verringert. Man will hierdurch

einen langsam ansteigenden Gegendruck bewirken, der den Zug allmählich

zum Stehen bringt. Aber die Pufferlängen sind viel zu kurz, um ein auch

nur einigermaßen stoßloses Aufhalten des Zugs zu ermöglichen.

Sehr gute Wirkungen dieser Art aber haben die neuerdings viel

verwendeten Bremsprellböcke mit Schlepprosten, wie sie in Leipzig an

jedem Gleisende stehen. Durch Versuche ist festgestellt worden, daß sie

selbst sehr schwere Züge ohne Schädigung aufzuhalten vermögen, auch wenn

diese mit recht erheblicher Geschwindigkeit auffahren.

Die Prellböcke dieser Art werden einige Meter vor dem Gleisende

aufgestellt. Sie sind auf dem Gleis selbst verschiebbar. Die Schienen

des Gleises sind von dem letzten vor dem Prellbock liegenden Stoß ab

nicht mehr auf fest eingebetteten Schwellen verlegt, sondern sie ruhen

auf Schwellen, die nur einfach auf den Kiesboden gelegt sind. Die losen

Schwellen sind miteinander und mit dem Prellbockkörper selbst durch

bewegliche Gelenke nach Art der Nürnberger Schere verbunden. Sie bilden

also einen auseinanderziehbaren Rost.

[Abbildung:

Aus: von Stockert: „Eisenbahnunfälle“

283. _Absturz einer Lokomotive_

Der Unfall fand am 23. Oktober 1895 auf dem Bahnhof Mont Parnasse in

Paris durch Überfahren eines Prellbocks statt]

Fährt ein Zug zu rasch in den Bahnhof ein, so stößt die Lokomotive gegen

den Prellbock. Dieser wird nunmehr auf dem Gleis verschoben. Sogleich

beginnt der Schwellenrost sich auszuziehen. Die Vorderachsen der

Lokomotive belasten den Rost. Das Verschieben des Prellbocks kann also

nur unter Überwindung dieser Last geschehen, welche die Reibung der auf

dem Kiesboden rutschenden Schwellen sehr stark erhöht. Ist der Prellbock

etwa ein viertel Meter verschoben, so zieht er schon zwei Schwellen

hinter sich her. Alsbald rücken dann eine dritte, eine vierte ein usw.

Inzwischen aber sind auch weitere Achsen der Lokomotive und, wenn der

Anprall besonders stark war, auch des Tenders oder gar noch eines

folgenden Wagens auf das Schienenstück gekommen, durch welches der

Schlepprost belastet wird.

[Abbildung:

Erbaut von A. Rawin in Osnabrück

284. _Bremsprellbock_

Hält zu schnell einfahrende Züge durch Ausziehen eines beweglichen

Schwellenrosts auf, da hierdurch eine starke und allmählich wachsende

Reibung auf der Bettung entsteht]

Der sich verschiebende Prellbock hat also eine immer schwerer werdende,

langsam sich steigernde Reibungslast zu überwinden. Je mehr Räderpaare

sich auf den Rost stellen, desto schwerer wird es, den Prellbock

vorzurücken. Allmählich bewirkt der immer weiter steigende Druck auf den

Rost, daß der Schlitten zum Stehen kommt, und so wird ein ziemlich

sanftes Anhalten des Zugs herbeigeführt. Der vom Zuggewicht steigend

belastete, gleitende Bremsprellbock wirkt auf den Zug selbst ungefähr

so, wie dessen eigene Druckluftbremse, wenn sie einmal vom

Lokomotivführer bei einer Schnellbremsung sehr scharf angestellt wird.

Der einlaufende Zug wird von diesem Prellbock also nicht jäh

aufgehalten, sondern abgebremst, das Versagen der inneren Bremse wird

durch eine von außen gerade im wichtigsten Augenblick eintretende

Bremsung ausgeglichen. Das bedeutet einen großen Fortschritt. Kein

Wunder, daß man diese Vorrichtung in dem großartigen Bau des Leipziger

Hauptbahnhofs reichlich zur Anwendung gebracht hat.

21. Die schützenden Arme

Wir kehren zu unserem von Berlin nach Halle fahrenden Schnellzug zurück.

Mit sausender Geschwindigkeit sahen wir ihn über die Schienen

dahinstürmen. Mächtig greift die Lokomotive aus, ein Kilometer nach dem

anderen schlingt sie in wenigen Augenblicken in sich hinein. Ungeheuer

ist die Wucht der in raschester Bewegung dahingerissenen Wagenburg;

trotz des trefflich wirkenden Zügels, den der Führer mittels seines

Bremsventils jeden Augenblick anzuziehen vermag, ist sie vor keinem

Fahrthindernis zum Stillstand zu bringen, das in einem Abstand von

weniger als einem halben Kilometer plötzlich auf dem Gleis auftauchen

würde.

Ruhig und gelassen steht der Lokomotivführer auf seiner Maschine. Sein

Herz wird nicht beklemmt durch den Gedanken, daß er die lebendige Kraft

des Zugs hinter seinem Rücken auch bei abgestelltem Dampf und durch

Anziehen der Bremse erst nach Zurücklegung von mehreren hundert Metern

zum Stillstand bringen könnte. Was gibt ihm diese Sicherheit? Das Gleis

gehört doch nicht seinem Zug allein! Woher weiß er, daß der Personenzug,

der eine halbe Stunde vor ihm, der Güterzug, der eine Stunde vor Abfahrt

des Schnellzugs aus Berlin abgegangen ist, nicht plötzlich vor den

Puffern seiner Lokomotive auftauchen wird? Warum fürchtet er keinen

Augenblick, daß irgendeine leer fahrende Schnellzuglokomotive seinen Zug

von hinten her einholt und über den Haufen rennt? Was ermutigt ihn,

durch Bahnhöfe wie Jüterbog und Bitterfeld mit ihren vielen Weichen

hindurchzurasen, ohne die Furcht zu hegen, daß eine Verschiebelokomotive

plötzlich den Pfad seines Zugs kreuzen könnte?

Er ist frei von solchen Bedenken. Scharfen Auges späht er unermüdlich

auf die Strecke hinaus, von der aus er nach kurzen Abständen immer

wieder beruhigende Mitteilungen über den Zustand seines stählernen Pfads

erhält, wo er an seltsam geformten Zeichen erkennen kann, daß sein Zug

nach vorn, nach hinten und gegen die Seitengeleise hin in jedem

Augenblick gedeckt ist.

Könnte ein mit übermenschlicher Sehkraft begabtes Geschöpf sich an einem

wolkenfreien Tag so hoch über die Erde erheben, daß es ganz Deutschland

mit Einem Blick zu überschauen vermöchte, es würde überall zwischen den

Flecken, die menschliche Ansiedelungen darstellen, kleine dunkle Striche

sich bewegen sehen. Tausende und Abertausende von Zügen sind in jedem

Augenblick unterwegs von einem Ort zum anderen. Wie die Perlen auf einer

Schnur sind sie auf den Schienenpfaden hintereinander aufgereiht. Aber

sie befinden sich nicht in Ruhe, sondern rasen einer hinter dem anderen

her. Keine „Sphärenharmonie“ hält ihre Bahnen sorgfältig auseinander,

wie es bei den Himmelskörpern geschieht; einer setzt vielmehr dem

anderen in blinder Wut nach.

In unaufhörlicher Folge berühren viele Züge denselben Raumpunkt. Dabei

sind ihre Geschwindigkeiten ganz ungleich. Dem schleichenden Güterzug

folgt der flinke Personenzug, diesem heftet sich der stürmende

Schnellzug an die Fersen. Es scheint ein gefährliches Spiel, wie die

Züge so auf ihrer schmalen Bahn einander jagen. Und es wäre in der Tat

unmöglich, Menschen mit so hohen Geschwindigkeiten, wie es heute

geschieht, über die Erdoberfläche zu befördern, wenn nur die in den

Lokomotiven verkörperten Zugkräfte geschaffen wären, nicht aber auch

Vorkehrungen, mit deren Hilfe Ordnung in das Gewimmel der Renner auf den

Schienen gebracht wird.

[Abbildung:

Aus Klima: „Die Technik im Lichte der Karikatur“

285. _„Patent“ zur Verhütung von Eisenbahnzusammenstößen_

Scherzzeichnung des „Dorfbarbier“ aus dem Jahre 1851]

Schmächtig und bescheiden stehen zur Seite der Geleise die

_Signal_maste. Ihre ausgestreckten Arme berühren die Züge nicht. Sie

winken nur, aber erzwingen die Befolgung ihrer Befehle nicht; sie sind

nach ihrem bei Fernbahnen üblichen Aufbau nicht imstande, den Zug

festzuhalten, wenn er ihren Aufforderungen keine Folge leistet. Dennoch

stellen sie die gewaltigste Schutzmacht im Eisenbahnbetrieb dar. Mit nur

wenig Übertreibung könnte man sagen, daß die Züge allenfalls ohne

Schienen, niemals aber ohne Signale in der heutigen Art zu fahren

vermöchten.

Eine so tiefgreifende Wirksamkeit eines an sich ohnmächtigen

Gegenstands, wie es jedes Signal ist, kann nur in einem hoch

kultivierten Kreis stattfinden. Nichts ist für den Lokomotivführer

leichter, als an einem Signal vorüberzufahren, das seinem Zug Halt

gebietet, denn es wehrt sich in keiner Weise dagegen. Was den Führer an

die Befehle dieses schwächlichen Künders bindet, ist erst eine sittliche

Verpflichtung, die er eingegangen. Das „moralische Gesetz in uns“,

welches Kant ebenso bewunderungswürdig erschien wie der gestirnte Himmel

über uns, läßt den lebendigen Menschen auf der Lokomotive sich

blindlings den Anordnungen des toten, fühllosen, ohnmächtigen Masts

neben der Strecke unterwerfen. Ein Geflecht von eisernen Stangen ist

durch allgemeine Übereinkunft zum Gesetzgeber erhoben, und nun besitzt

es unentrinnbare Macht über jeden, der in seinem Bezirk zu wirken hat.

Unser Berliner Schnellzug fährt durch die Helle eines sommerlichen Tags.

Da heben sich vor den Augen des Lokomotivführers die immer wieder

auftauchenden Signale gegen den blauen Himmel so scharf ab, wie ein

Schattenriß auf weißem Papier. Kilometerweit wird ihre Form oft schon

erkennbar, ihr Aufstellungsort ist mit großer Sorgfalt stets so gewählt,

daß sie dunkel gegen einen hellen Hintergrund stehen. Der

Lokomotivführer weiß nichts von dem Zustand der Welt rings um ihn her,

seitdem er den Anhalter Bahnhof verlassen hat. Die Signale sind die

einzige Verbindung, die er mit der Umgebung hat. An sie klammert er

sich, nach ihnen späht er, an ihnen hängt sein ganzes geistiges Sein.

Doch nun wollen wir uns auf die Lokomotive eines Zugs schwingen, der im

nächtlichen Dunkel dahinfährt.

Da sind die Signalmaste und ihre Arme verschwunden. Sie sind hinter dem

schwarzen Vorhang untergetaucht, der überall dort in schweren Falten um

die Maschine hängt, wo die Leuchtkraft der beiden Stirnlaternen nicht

hinreicht. An ihre Stelle sind farbige Lichter getreten. Während alles

ringsum dunkel ist, taucht gleich einem gespenstischen Auge hier und da

ein rotes, grünes oder gelbes Leuchten empor. Die Lichter scheinen frei

in der Luft zu hängen, gleich den Sternen ohne Stützen im Raum zu

schweben. Nun ist die Sicherheit des Zugs allein von dem dünnen Leuchten

ihrer Farben abhängig.

Die Kleinheit allen Menschenwerks wird uns plötzlich bewußt. Wir haben

das Riesengetriebe des Eisenbahnverkehrs geschaffen, die unabsehbaren

Kilometer der Schienen ausgelegt, die riesenhaften Gefüge der Lokomotive

errichtet, und nun, während wir im Zug weilen, ist unser eigenes Leben

abhängig von diesen bescheidenen Lichtchen.

Eine elende Glasscheibe ist es, o Mensch, an der gar oft dein Dasein

hängt! Von der grünen oder roten Farbe eines Klümpchens Glasfluß wird es

bestimmt, ob du morgen noch deine Frau und deine Kinder wiedersehen,

deine vielleicht heiß gehegten Pläne zur Ausführung bringen können oder

mit zerschmetterten Gliedern auf dem Feld neben dem Eisenbahndamm liegen

wirst! Du hast Großes und Bewundernswertes auch mit der Einrichtung der

Eisenbahnsignale geschaffen, aber sie sind doch nicht mehr als

Menschenwerk, deine eigene Fehlbarkeit ist in deine Schöpfung mit

hineingebaut, und sie vermag jeden Augenblick die Grenzen deines Könnens

dir selbst in furchtbarer Weise zu offenbaren.

Wenn man das Bürgerliche Gesetzbuch aufschlägt, findet man es in

Abschnitte eingeteilt. Jede einzelne dieser Abteilungen sagt etwas

Wichtiges und Unentbehrliches aus. Aber ihr Wirkungsbereich ist

bescheiden. Erst die Summe aller Abschnitte, ihre Verbindung

untereinander, die Ergänzung und Erweiterung, die jeder seinem Nachbarn

gibt, machen das Buch zu einem mächtig wirkenden Ganzen. So ist auch das

einzelne Signal nur ein Machthaber in schmal begrenztem Bezirk. Dadurch

erst, daß wir die Arme geistig miteinander verbunden, den einen in

Abhängigkeit von einem oder mehreren anderen gebracht haben, werden sie

zu weit wirkenden Herrschern.

Solange jedes einzelne Signal ohne Rücksicht auf alle anderen gestellt

werden konnte, gab es keine wirkliche Sicherheit im Eisenbahnbetrieb.

Niemals wäre es ohne Einführung der Signalabhängigkeiten möglich

gewesen, den heutigen Zugverkehr durchzuführen. Das einzelne Signal

mußte seine Unabhängigkeit aufgeben, damit ein lastender Zwang vom

Eisenbahnverkehr abfallen konnte. So hat auch hier die Aufgabe der

Freiheit im einzelnen dem Ganzen erst die Freiheit gebracht.

Das Ziel der gesamten ungeheuer umfangreichen und vielgestaltigen

Signaleinrichtungen ist, jeden fahrenden oder stillstehenden Zug davor

zu bewahren, daß ein anderer mit zerstörender Wucht gegen ihn stößt.

Als die Eisenbahnen noch jung waren, fuhren die Züge im Zeitabstand

hintereinander her. Wenn ein Zug den Bahnhof verlassen hatte und man

meinte, daß genügend lange Zeit verstrichen sei, der Zug also eine

beträchtliche Anzahl von Kilometern zurückgelegt haben müsse, ließ man

den nächsten Zug nachfolgen. Eine wirkliche Sicherheit konnte durch

diese einfache Maßnahme natürlich nicht erreicht werden. Es mußte, damit

der vorher abgegangene Zug nicht plötzlich vor dem nachfolgenden

auftauchte, immer die Voraussetzung erfüllt sein, daß der Vorzug seine

Strecke ständig mit der ihm vorgeschriebenen Geschwindigkeit durchfahren

hatte. Es gibt ja aber genug Vorkommnisse, die einen Zug dazu zwingen

können, auf offener Strecke liegen zu bleiben. In solchem Fall entstand

stets die dringende Gefahr eines Zusammenstoßes. Denn Vorkehrungen, wie

sie ein witziger Zeichner auf unserem Bild 285 dargestellt hat, solche

nämlich, die es möglich machen, daß ein Zug gefahrlos über einen anderen

hinwegfahren kann, wären selbst bei den damaligen geringen

Geschwindigkeiten nicht gut ausführbar gewesen.

Später ging man dazu über, vom nächsten Bahnhof her den angekommenen Zug

dem Abfahrtbahnhof durch ein telegraphisches Zeichen zurückzumelden.

Diese Benachrichtigung mußte abgewartet werden, bis wieder ein Zug

abgelassen werden durfte. Wie leicht aber konnte ein Irrtum über das

Eintreffen des Rückmeldezeichens entstehen! Bei der heutigen raschen

Folge von Zügen, bei der großen Zahl von Strecken, die häufig von Einem

Bahnhof ausgehen, wäre es ganz unmöglich, von den Beamten zu verlangen,

daß sie sich das Einlaufen der Rückmeldesignale stets genau merkten oder

ständig im Eintragebuch nachsähen. Und ein Gedächtnisfehler könnte von

furchtbaren Folgen sein.

Ein wirklicher Schutz entsteht erst dann, wenn durch unentrinnbare

Zwangsmaßregeln bewirkt wird, daß jeder über die Strecke fahrende Zug

ein auf Halt liegendes Signal hinter sich hat. Diesem erwächst nun

dieselbe Aufgabe wie der Nachhut eines vor dem Feind abziehenden Heers.

Es hat eine unbedingte Rückendeckung zu bewirken.

Man muß bedenken, daß es überhaupt kein anderes Mittel gibt, um einen

fahrenden Zug zum Stehen zu bringen, als die Haltstellung eines Signals.

Es ist daher unausweichliche Notwendigkeit, daß sich zwischen zwei

hintereinander herfahrenden Zügen stets mindestens Ein solcher

Zeichengeber befindet. Muß der Vorzug plötzlich halten, so trifft der

folgende Zug, bevor er ihn erreicht, auf der Strecke immer ein Signal

an, durch das er rechtzeitig gestellt werden kann. Schafft man nun

Vorkehrungen, die bewirken, daß ein hinter dem ausgefahrenen Zug auf

Halt gelegtes Signal erst dann wieder auf Fahrt Frei gezogen werden

kann, nachdem dieser Zug hinter dem nächsten auf Halt gelegten Signal in

Deckung gegangen ist, so hat man eine genügende Sicherung erreicht.

Es erwächst hieraus der Hauptgrundsatz der Signalordnung: Ein Zug darf

erst dann in einen von zwei Signalen begrenzten Streckenabschnitt

einfahren, wenn der Vorzug diesen verlassen hat. Oder mit anderen

Worten: Zwischen zwei Signalen darf sich stets nur Ein Zug befinden. Nur

auf diese Weise ist eine ordentliche Signaldeckung auf großen,

vielbefahrenen Strecken zu erreichen.

Die Durchführung dieses Grundsatzes wird zwangläufig durch die

Blockeinrichtung erwirkt.

Das englische ~to block~ bedeutet sperren. Wir haben dieses Wort,

wie so manches andere, aus dem Ursprungsland der Eisenbahn übernommen.

Die auf den deutschen Bahnen heute ausschließlich verbreiteten

Blockeinrichtungen, die als die besten auf der ganzen Erde gelten

dürfen, sind jedoch auf Grund einer in Deutschland gemachten Erfindung

erbaut. Noch heute ist der im Jahre 1870 entstandene Erfindungsgedanke

frisch lebendig. Die Zugsicherung auf der allergrößten Zahl der

deutschen Bahnen wird heute noch auf Grund der damals erdachten

Vorrichtungen ausgeübt, wenn diese inzwischen auch sehr bedeutend

verbessert und erweitert worden sind.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 42 / 60 段