Das Zusammenführen vieler Strecken in den Bahnhöfen großer Knotenpunkte

macht außerordentliche bautechnische Schwierigkeiten. Von den

verschiedensten Seiten ziehen die Schienenpfade herbei; sie müssen in

die Hallen in ganz anderer Ordnung eingeführt werden, als sie draußen

zueinander liegen. Das ist besonders deshalb eine schwer zu lösende

Aufgabe, weil höhengleiche Kreuzungen auf offener Strecke unerwünscht

sind, und auch das Zusammenführen von Linien vor dem Bahnhof vermieden

werden muß. Jede Strecke wird heute einzeln bis in den Bahnhof

hineingeleitet, damit seitliches Anfahren ausgeschlossen ist. Die

Kreuzungsstellen draußen erfordern oft umfangreiche Bauten zur

Herbeiführung einer höhenungleichen Überführung der einen Strecke über

die andere. Diese Kreuzungen in verschiedenen Höhenlagen sind nicht nur

aus Sicherheitsgründen unbedingt erforderlich, sie fördern auch die

Schnelligkeit des Zugumlaufs sehr bedeutend. Ist es doch auf diese Weise

nicht nötig, daß der Zug der einen Strecke warten muß, bis der andere

eingelaufen ist; die Fahrpläne der verschiedenen Linien können ohne

Rücksicht aufeinander aufgestellt werden.

Wo zwei Bahnlinien einander kreuzen, da wird man natürlich nach

Möglichkeit auch eine Zusammenführung der Geleise anordnen, um

Zugübergänge zu ermöglichen. Dazu ist aber, nach dem vorher Gesagten,

die Anlage eines Bahnhofs mit seiner Steigerung der Sicherheitsanlagen

und der mit ihm verbundenen erhöhten Aufsicht notwendig. Öfter sind

solche Kreuzungsstellen die Urzellen zur Entstehung ganz neuer Orte

geworden. Als die Ostbahn von Berlin nach Schneidemühl gebaut wurde, da

kreuzte sie die Strecke Stargard-Posen an einer menschenleeren Stelle.

Es entstand die Bahnhofsanlage „Ostbahn-Kreuz“, an deren Stelle heute

der Ort Kreuz liegt.

Die Bahnhöfe werden betriebstechnisch in Haltepunkte, kleine, mittlere

und große Bahnhöfe eingeteilt. Haltepunkte sind Anlagen ohne Weichen. Wo

nur eine einzige Weiche vorhanden ist, spricht man betriebstechnisch

bereits von einem Bahnhof. Die Unterscheidung der einzelnen

Bahnhofsklassen ist nicht scharf umrissen. Im allgemeinen kann man

sagen, daß an kleinen Bahnhöfen weder Schnell- noch Eilzüge anhalten, an

den mittleren Bahnhöfen einige der wichtigeren Durchgangszüge, während

in den großen Bahnhöfen in der Regel alle Züge Aufenthalt nehmen.

Eine Einteilung der Personenbahnhöfe ergibt sich auch aus der Lage der

Geleise in ihnen und der Art des Betriebs, der sich darauf abspielt. Man

unterscheidet:

Endbahnhöfe,

Zwischenbahnhöfe,

Anschlußbahnhöfe,

Kreuzungsbahnhöfe.

Endbahnhöfe entstehen dort, wo eine Eisenbahnlinie endigt, entweder weil

Bodengestaltung oder mangelndes Verkehrsbedürfnis eine Weiterführung

unvorteilhaft erscheinen lassen, weil die Meeresküste oder das Ufer

eines großen Binnenwassers erreicht ist, oder weil eine große Stadt sich

vor die Linie legt. In besonders reicher Zahl findet man Endbahnhöfe in

Berlin, wo sämtliche Fernbahnhöfe, die nicht durch die Stadtbahn

miteinander verbunden sind, dieser Gattung angehören, nämlich der

Anhalter, der Görlitzer, Stettiner, Lehrter und Potsdamer Bahnhof. Hier

endigen sämtliche einlaufenden Züge ohne Ausnahme.

Am häufigsten von allen Arten findet man die Zwischenbahnhöfe. Sie sind

nichts weiter als Fahrtunterbrechungsstellen, die Gelegenheit zum Aus-

und Einsteigen von Reisenden geben. Anschlußbahnhöfe nennt man Anlagen,

bei denen von einer durchlaufenden Linie eine oder mehrere Strecken

seitlich abschwenken. Kreuzungsbahnhöfe sind Stellen, an denen zwei oder

mehrere Linien einander treffen und überkreuzen, das heißt ebenso

gesondert weiterlaufen, wie sie einzeln herangekommen sind.

Die Endbahnhöfe haben naturgemäß stets Kopfform, das heißt alle Geleise

enden in ihnen stumpf. Bei den Zwischenbahnhöfen herrscht weitaus die

Durchgangsform vor, bei der die an der einen Seite hineinlaufenden

Geleise drüben wieder hinausgeführt sind.

Bei Anschluß- und Kreuzungsbahnhöfen findet man beide Formen. Wenn auch

bei den allermeisten von ihnen die Geleise in geradliniger Erstreckung

durchgehen, so sind doch auch viele mit endigenden Geleisen

durchgebildet. Das ist namentlich dort der Fall, wo sich früher reine

Endbahnhöfe befanden, bei denen sich erst später ein Übergangsverkehr

von einer der einmündenden Linien zur anderen ausgebildet hat. An

solchen Stellen müssen alle durchgehenden Züge gewendet werden, sie

müssen „Kopf machen“. Das ist z. B. der Fall in Leipzig, Frankfurt a.

M., Braunschweig, Wiesbaden, Altona.

Derartige Durchgangsbahnhöfe in Kopfform sind für den Betrieb recht

unbequem. Die Überführung der Züge von dem Ankunftsgleis auf das

Abfahrgleis, das ja notwendigerweise stets ein anderes sein muß, macht

viele höhengleiche Kreuzungen notwendig. Will man nicht an den

Bahnsteigenden, also meist in unmittelbarer Nähe des Empfangsgebäudes,

viele Weichen oder Drehscheiben anordnen, so ist stets Maschinenwechsel

erforderlich. Das Übersetzen der Kurswagen ist gleichfalls beschwerlich.

So ist die Entstehung der meisten Kopfbahnhöfe nur aus der schon

erwähnten geschichtlichen Entwicklung zu verstehen. Hier und da aber

kommt auch einmal eine Neuanlage dieser Art vor, wovon der Leipziger

Hauptbahnhof ja das sprechendste Beispiel ist. Er mußte in Kopfform

durchgebildet werden, weil man ihn tief in die Stadt hineingezogen hat.

Eine in Deutschland nicht sehr häufig vorkommende Mischung von Kopf- und

Durchgangsbahnhof stellt der Dresdner Hauptbahnhof dar. Die endigenden

Züge laufen hier in Straßenhöhe auf Stumpfgeleisen ein, während die

anderen auf erhöhter Fahrbahn durchgeführt werden.

Dort, wo zwei Strecken einander in einem Bahnhof kreuzen, wird meistens

dafür Sorge getragen, die Linien vor dem Bahnhof gleich zu richten und

sie alsdann in Einer Ebene einzuführen. Hierdurch entstehen große

Betriebsbequemlichkeiten, indem die Übergänge ganzer Züge oder einzelner

Wagen von einer Strecke auf die andere aufs einfachste über Weichen

hinweg stattfinden können. An nicht wenigen Stellen aber finden wir in

Deutschland auch heute noch Kreuzungsbahnhöfe, in denen die Strecken in

sehr steilem Winkel zusammentreffen und in verschiedenen Höhen

eingeführt sind.

Solche Turmbahnhöfe sind in der Zeit der Privatbahnen

vielfach entstanden, weil man damals noch nicht an eine

Betriebsmittelgemeinschaft dachte. Jede Strecke wurde als selbständiges

Ganzes betrachtet. Der Turmbahnhof ist für die heutige Zeit, die

allerorten Übergangsmöglichkeiten herbeizuführen sucht, eine sehr

unbequeme Bauart. Wird doch hier der Einbau vieler, für den eigentlichen

Zugbetrieb unnötiger Anlagen erforderlich, weil Wagenübergänge von der

einen Gleislage zur anderen nur durch Einschaltung besonderer

Verbindungsgeleise stattfinden können, die lang genug sind, um ohne

allzu schroffe Steigungen die Überwindung des Höhenunterschieds zu

gestatten. Viele verlorene Fahrten müssen infolge des erschwerten

Übergangs stattfinden. Solche Turmbahnhöfe, wie sie heute nicht mehr

angelegt werden, findet man als Reste ehemaliger Eisenbahnkleinstaaterei

z. B. noch in Küstrin, Osnabrück, Dobrilugk-Kirchhain, Delitzsch.

Für die Ausbildung der Bahnhöfe ist ferner die Lage der Empfangsgebäude

von ausschlaggebender Wichtigkeit. Bei Kopfbahnhöfen wird man das

Gebäude meistens quer vor die stumpfen Gleisenden setzen. Doch ist dies

durchaus nicht immer der Fall. Beim Lehrter Bahnhof in Berlin liegt das

Empfangsgebäude zur Seite. Auf der Abfahrtseite allein ist es geräumiger

durchgebildet, während die Ankunftseite nur mit den notwendigsten

Anlagen versehen ist. In Wiesbaden hat man neuerdings die gleiche Form

gewählt. Die baukünstlerisch großartig ausgestattete Stirnseite ist hier

eigentlich nur noch Baumaske.

Die abschließende Querlage des Empfangsgebäudes wird besonders häufig

bei solchen Kopfbahnhöfen verlassen, die Endbahnhöfe sind. Dies

geschieht in vorsorglicher Weise überall dort, wo man glaubt, daß die

Bahn noch einmal weitergeführt werden könne. Als Beispiel sei Tegernsee

erwähnt, das heute noch einen Endbahnhof hat, bald aber

Durchgangsbahnhof sein wird.

Andererseits kommt auch Kopflage des Empfangshauses bei

Durchgangsbahnhöfen vor, wie z. B. in Hamburg, wo die Geleise des

Hauptbahnhofs tief unter Straßenhöhe in einem Einschnitt liegen, so daß

das Haus quer darübergestellt werden konnte. Lübeck weist die gleiche

Bauart auf.

Die Seitenlage des Empfangsgebäudes ist jedoch durchaus am weitesten

verbreitet. Man legt das Haus dann, wenn irgend möglich, auf diejenige

Seite, von der dem Bahnhof der stärkste Verkehr zufließt. Die

Zugänglichkeit der Bahnsteige ist bei dieser so häufig gewählten

Anlageform eigentlich am unbequemsten. Nur Ein Gleis kann unmittelbar

von der Eingangshalle aus erreicht werden. Alle anderen sind nur dann

ohne weiteres zugänglich, wenn das Überschreiten von Schienen gestattet

ist. Bei kleinen Bahnhöfen mit nur zwei durchgehenden Geleisen wird dies

noch häufig zugelassen. Aber auch hier erwachsen schon besondere

Unbequemlichkeiten, indem dafür gesorgt werden muß, daß nicht ein Zug

auf Gleis 1 einfährt, während auf Gleis 2 bereits ein anderer Zug steht,

zu dem und von dem Verkehr von Reisenden stattfindet. Die Zugläufe auf

den beiden Richtungsgeleisen der Strecke werden dadurch von einander

abhängig, was betrieblich unerwünscht ist.

Nachdem vor etwa drei Jahrzehnten auf dem Bahnhof Steglitz bei Berlin

ein neu einlaufender Zug in die Schar der Reisenden hineingefahren war,

die sich über das Gleis hinweg gerade zu einem dahinter haltenden Zug

begeben wollten, wodurch ein wahres Blutbad angerichtet wurde, hat man

der Beseitigung solcher Gefahren besondere Aufmerksamkeit zugewendet.

Für jeden Bahnhof, bei dem noch höhengleiche Gleisüberschreitungen

zugelassen sind, bestehen genaue Vorschriften, wo derjenige Zug zu

halten hat, der als zweiter einläuft. Die Aufstellung erfolgt stets so,

daß der Weg der zu- und abgehenden Reisenden von dem neu einlaufenden

Zug nicht geschnitten wird.

Bei allen größeren deutschen Bahnhöfen aber ist heute bereits das

Überschreiten der Geleise durchaus verboten. Die Reisenden werden von

dem Hauptbahnsteig, der unmittelbar am Empfangsgebäude liegt, zu den

Zwischenbahnsteigen durch Brücken oder Tunnel geleitet.

Es ist dies eine ausgezeichnete und durchgreifende Sicherheitsmaßregel.

Trotzdem läßt sich nicht verkennen, daß sie eine große Unbequemlichkeit

bedeutet. Muß doch der umsteigende und auch der einsteigende Reisende,

wenn der Zug nicht gerade am Hauptbahnsteig hält, auf jedem Weg zwei

Treppenläufe überwinden. Er muß einmal hinab und wieder hinauf, was für

gebrechliche Personen und alle, die viele Gepäckstücke in den Händen

tragen, reichlich unangenehm ist. Da jedoch die Sicherheit von Leib und

Leben der Reisenden jeder anderen Rücksicht voranzugehen hat, so bleibt

trotzdem der weitere Ausbau dieser Anlagen, die außerordentliche

geldliche Aufwendungen nötig machen, wünschenswert.

Brücken zum höhenungleichen Überschreiten der Geleise pflegen sich

billiger zu stellen als Tunnel. Dennoch werden sie selten gebaut, weil

die Umgrenzung des lichten Raums bei Hochlage des Verbindungswegs und

nicht erhöhten Bahnsteigen längere Treppenläufe notwendig macht. Ferner

stören die Brücken leicht die Übersichtlichkeit der Bahnanlage, indem

sie Signale und sonstige Merkzeichen verdecken. Am bequemsten wird die

Zugänglichkeit, wenn das Empfangsgebäude höher oder tiefer liegt als die

Geleise. Alsdann kommt man, mit Ausnahme des Umsteigeverkehrs, bei jedem

Weg mit Einer Treppe aus.

Ist die Gleisanlage durch die Errichtung vieler Zwischenbahnsteige sehr

breit, dann wachsen bei Seitenlage des Empfangshauses die Entfernungen

zu den letzten Steigen oft allzu stark an. Die Wege vom und zum Zug

werden sehr weit. Die Reisenden müssen aus den Wartesälen schon sehr

frühzeitig aufbrechen, um den Zug zu erreichen. Bei kurzen Aufenthalten

wird ihnen das Aufsuchen der Warteräume unmöglich gemacht, da sie für

den Hin- und Rückweg allzu viel Zeit gebrauchen. Das ist nicht

unwichtig, wenn man an die sehr große Schar der Reisenden denkt, die

mit Personenzügen fahren; in diesen laufen ja keine Speisewagen. Um hier

eine Besserung zu schaffen, wird das Haus zwischen die Geleise gesetzt.

Es erhält Insellage. Hierdurch entsteht aber wieder der Nachteil, daß

die Halle, in der sich Fahrkartenschalter, Gepäckabfertigung und

Warteräume befinden, von der Straße aus nur unter Überwindung von

Treppen erreicht werden kann. Das ist z. B. in Konitz, Schneidemühl,

Gießen der Fall. Kann der Hauptflur des Gebäudes über oder unter die

Geleise gesetzt werden, dann entsteht auch bei Insellage eine besonders

günstige Anordnung.

[Abbildung:

Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg

276. _Probeaufbau einer Bahnhofshalle im Werkhof_

Teil der Bahnhofshalle, die jetzt in der siamesischen Hauptstadt

Bangkok aufgestellt ist]

[Abbildung: 277. _Der neue Bahnhof zu Basel im Bau_]

Wenn zwei Bahnlinien in spitzem Winkel zueinander in den Bahnhof

eingeführt werden müssen, dann setzt man das Gebäude gern in den

Zwickel. Es entsteht alsdann ein Bahnhof in Keilform, die eine

Sonderausführungsart der Insellage ist. Man gelangt zur Keilform meist

nur dann, wenn in den Bahnhof zwei Linien von ziemlich gleicher

Verkehrsbedeutung hineinlaufen.

An solcher Stelle wird auf dem Bahnhof stets ein Linienbetrieb

stattfinden. Auf den beiden zu jeder Seite des Hauses liegenden Geleisen

verkehren die Züge einer Linie; es finden auf ihnen also Fahrten in den

beiden entgegengesetzten Richtungen statt.

Bei reiner Insellage ist häufig Richtungsbetrieb eingerichtet, wobei die

Geleise gleicher Fahrtrichtung nebeneinander gelegt, die Einzelgeleise

jeder Linie also getrennt eingeführt sind.

Die Empfangsgebäude müssen so angelegt sein, daß sie den besonderen

Verhältnissen entsprechen, die auf einem Bahnhof vorliegen. Die

Fahrgäste befinden sich hier ja meist in Hast und Unruhe, und es muß

auch immer im Auge behalten werden, daß dem größten Teil von ihnen die

Örtlichkeit unbekannt ist. Die wichtigsten Anlagen sind daher

zusammenzufassen und so unterzubringen, daß sie leicht aufgefunden

werden können. Das ist vor allem für Fahrkartenschalter,

Gepäckabfertigung, Wartesäle und Abortanlagen notwendig. Wo es möglich

ist, sollen die Ströme der ankommenden und der abfahrenden Reisenden

getrennt geführt werden, damit kein lästiges Gegeneinanderlaufen

stattfindet.

Man hört heute oft die verwunderte Frage, warum denn das Einsteigen in

die Züge nicht allgemein dadurch erleichtert wird, daß sämtliche

Bahnsteige grundsätzlich in die Höhe der Wagenfußböden gelegt werden. Es

ist kein Zweifel, daß das Besteigen und Verlassen der Wagen hierdurch

außerordentlich erleichtert wird, wie jeder bestätigen kann, der einmal

die Berliner Hoch- und Untergrundbahn benutzt hat. Leider ist jedoch

eine solche Anlage, die auch die Zugabfertigung in sehr wünschenswerter

Weise beschleunigen würde, auf den meisten Fernbahnhöfen nicht möglich,

da auf ihnen ein dienstlicher Querverkehr von Post- und Gepäckkarren

stattfinden muß, der nicht fortwährend große Höhenunterschiede

überwinden kann.

Wollte man das Anheben der Bahnsteige bis zu der recht bedeutenden Höhe

der Wagenfußböden grundsätzlich überall durchführen, so würden dadurch

ganz unverhältnismäßig hohe Kosten entstehen. Ist aber nur ein einziger

Bahnhof vorhanden, auf dem die Steige tief liegen, so ist der Nutzen

aller übrigen erhöhten Anlagen recht zweifelhaft. Denn es müssen ja in

diesem Fall sämtliche Wagen mit den bekannten zwei Trittstufen versehen

sein, die weit vorspringen. Hochliegende Steige sind jedoch nur dann

gefahrlos, wenn sie ganz dicht an die Ränder der Wagenkasten gesetzt

werden können. Das wird aber durch die Trittstufen unmöglich gemacht.

Auf der Berliner Stadtbahn, wo erhöhte Steige vorhanden sind, tritt dies

sehr deutlich in Erscheinung, da bei den hier verkehrenden Zügen, die

auch weit draußen liegende Vororte anlaufen, die Trittstufen bisher noch

nicht beseitigt werden konnten. Trotzdem findet man heute auch schon auf

zahlreichen Fernbahnhöfen erhöhte Steige, wie z. B. in Hamburg und in

Breslau.

Sollte im Lauf der Jahre die Zahl dieser Anlagen sich vermehren, so ist

jedenfalls aufs strengste darauf zu achten, daß ein Gleis nicht auf

beiden Seiten von hohen Bahnsteigen eingesäumt wird. Alsdann wäre

nämlich das Untersuchen von Radreifen, von Achslagern, sowie von Brems-

und Heizleitungen an den auf solchem Gleis haltenden Zügen nicht mehr

möglich.

Recht lästig wird das Hin- und Herfahren von Post- und Gepäckkarren auf

den dem Personenverkehr dienenden Bahnsteigen empfunden. Bei neueren

größeren Bahnhofsanlagen geht man daher immer mehr dazu über, besondere

Gepäckbahnsteige einzurichten, auf denen sich der Karrenverkehr

ausschließlich abspielt. Es wechseln dann immer ein Personen- und ein

Gepäckbahnsteig miteinander ab, wie das in Wiesbaden, Leipzig, Frankfurt

a. M. grundsätzlich durchgeführt ist. Die Karren werden in solchem Fall

meist durch Fahrstühle zu den Steigen befördert. Der Querverkehr findet

darunter oder darüber in besonderen Quertunneln oder auf Querbrücken

statt.

Zum Schutz der Reisenden gegen Witterungsunbill werden die Bahnsteige

überdacht. Man errichtet entweder eine einzige Halle über sämtlichen

Geleise, oder man wendet Einzel-, häufig auch Gruppenüberdachung an.

Große, einschiffige Hallen sind selbstverständlich baulich am

eindrucksvollsten. Sie stellen sich jedoch sehr teuer und sind schwer zu

unterhalten. Die Ausbesserungsarbeiten, die in großen Höhen vorgenommen

werden müssen, sind recht unbequem und kostspielig, was insbesondere

darum ins Gewicht fällt, weil sie sehr häufig notwendig werden. Die aus

den Lokomotivschornsteinen strömenden Rauchgase greifen infolge ihres

Säuregehalts die Eisenteile sehr stark an, so daß fortwährende

Untersuchungen und Instandhaltungen erforderlich sind. Man wird daher

große Hallen nur dort errichten, wo ein ausdrucksvoller baulicher

Eindruck des Bahnhofs erwünscht ist.

Wie der Brücken- und Tunnelbau, so ist auch der Hallenbau durch die

Eisenbahn sehr bedeutend gefördert worden. Wurden doch den Baukünstlern

hier so bedeutende Aufgaben gestellt, wie kaum an anderer Stelle. Die

Technik des Hallenbaus ist hieran zu ihrer heutigen, viel bewunderten

Höhe erstarkt.

Die größte Scheitelhöhe und zugleich die größte Stützweite aller

Bahnhofshallen in Deutschland besitzt der Hamburger Hauptbahnhof. Die

Halle ist 36 Meter hoch und 72 Meter breit. Es folgt der Anhalter

Bahnhof in Berlin mit seiner 34,2 Meter hohen, 60,7 Meter breiten Halle.

Bei diesem Bahnhof sind die drei Bogen, welche das Haus nach der

Ausfahrseite zu abschließen, baulich sehr beachtenswert. Sie haben eine

wundervolle Linie und gewähren dem ruhig beschauenden Auge besonders

dann ein starkes Ergötzen, wenn durch ihre Öffnungen hindurch heller

Sommersonnenschein in die dunklere Halle fällt. Die größte überwölbte

Fläche aber besitzt der Bahnhof Leipzig, unter dessen Halle 66 000

Quadratmeter Bodenfläche liegen. Es folgt dann Frankfurt mit 31 000

Quadratmetern (ohne die Erweiterung) und Dresden mit fast 29 000

Quadratmetern.

Bei dem Bau der über jedem Bahnsteig getrennt errichteten Bedachungen

geht man, besonders im Bereich der preußisch-hessischen Staatsbahnen,

immer mehr von der zweistieligen Stützanordnung zur einstieligen über.

Wo die Dächer von Stützen in Jochform getragen werden, müssen die

Pfosten notwendigerweise dicht an den Bahnsteigkanten stehen, also

gerade dort, wo der Platz am meisten gebraucht wird. Sie stören auch die

Übersicht über die haltenden Züge recht empfindlich. Die Einzelstützen

stehen in der Mitte, wo sie am wenigsten hinderlich sind. Man ist bei

der Ausbildung dieser Dacharten zu Formen gekommen, die in ihrer

Einfachheit sehr schöne Wirkungen ergeben.

Unter den etwa 13 000 Haltepunkten und Bahnhöfen, die es heute in

Deutschland gibt, verdient eine Anlage besondere Beachtung, die

diesseits des Weltmeers ihresgleichen nicht hat. In Leipzig, wo die

älteste größere Bahnlinie in Deutschland ihren Ursprung hatte, ist an

demselben Ort, wo die erste bescheidene Haltestelle stand, heute der

größte Bahnhof Europas errichtet. Die günstige Lage der Stadt, die schon

Friedrich List dazu veranlaßte, hier seine Eisenbahnpläne zur Ausführung

zu bringen, hat dazu geführt, daß heute nicht weniger als elf Linien in

der zweiten Hauptstadt Sachsens zusammenlaufen. Sie gehören teils der

preußischen, teils der sächsischen Staatsbahnverwaltung.

Die Privatbahnwirtschaft der früheren Jahrzehnte hatte dazu geführt, daß

jede Linie in Leipzig einen eigenen Bahnhof besaß. Nachdem sich ein

sehr reger Übergangsverkehr ausgebildet hatte, führte dies allmählich zu

unhaltbaren Zuständen. Schon gegen Ende der achtziger Jahre tauchte der

Gedanke auf, alle diese Anlagen zu einem einzigen großen Bahnhof

zusammenzufassen. Aber mehr als ein Vierteljahrhundert mußte vergehen,

bis die beispiellos großartige Verbesserung ausgeführt war. Vierzehn

Jahre lang ist in und bei Leipzig gebaut worden, wahre Sandgebirge

mußten durcheinandergewühlt werden, um die Einführung der vielen Geleise

in zweckmäßigen Lagen zu ermöglichen. Man kann sagen, daß das ganze

weite Gebiet, in dem heute die zum Hauptbahnhof führenden Schienenpfade

liegen, durch die Bauarbeiten geographisch vollständig verändert worden

ist. Hügel sind an die Stellen von Tälern getreten, Ebenen dort

entstanden, wo kleine Bergkuppen sich emporwölbten. Endlich, im Dezember

1915, während des Kriegs, konnte das gewaltige Werk durch eine

feierliche Einweihung seinen Abschluß erhalten.

[Abbildung: 278. _Der größte Bahnhof in Europa_

Grundriß des Leipziger Hauptbahnhofs mit 26 Geleisen und 27

Bahnsteigen. (Vorderansicht auf Bild 74, Seite 112).]

Im Gebiet des Leipziger Hauptpersonen- und des anschließenden

Güterbahnhofs, die sich über eine Strecke von zwei Kilometern ausdehnen,

liegen heute 150 Kilometer Gleis, was der Entfernung Leipzig-Berlin

entspricht. 920 Weichen sind eingebaut, 26 Geleise liegen unter den

sechs Hallen des Empfangsgebäudes, daneben und dazwischen 27 Bahnsteige,

die abwechselnd dem Personen- und dem Gepäck- sowie Postverkehr dienen.

Nach dem gewöhnlichen Fahrplan verkehren in dem Bahnhof täglich etwa 500

Züge, so daß also dort alle drei Minuten ein Zug abgefertigt wird. Die

mittlere Längsachse des Bahnhofs trennt den preußischen vom sächsischen

Teil.

[Abbildung:

Aufnahme von ~Dr.~ Trenkler & Co. in Leipzig

279. _Eingangshalle des Leipziger Hauptbahnhofs_

Preußische Seite]

[Abbildung:

Aufnahme von ~Dr.~ Trenkler & Co. in Leipzig

280. _Querbahnsteig im Leipziger Hauptbahnhof_

Rechts die großen Eisenbetonbogen, hinter denen die Überdachung der

Zungenbahnsteige beginnt]

Entsprechend der großen Zahl der zu umfassenden Geleise hat das

Empfangsgebäude die außerordentliche Breite von 300 Metern. Die

Fahrgäste gelangen nach Durchschreiten der Eingangstore zunächst in

zwei mächtige, gewölbte Hallen, von denen eine die preußischen, die

andere die sächsischen Fahrkartenschalter, Gepäckabfertigungen usw.

birgt. Alles ist so weitläufig gehalten, daß niemals ein Gedränge

entstehen kann. Über ein paar Stufen je einer sehr breiten Treppe hinweg

geht es dann auf den Querbahnsteig, wo die einzelstaatliche Teilung

nicht mehr besteht. Von einer glatten, 25 Meter breiten Straße gehen

sämtliche Zungenbahnsteige aus.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 41 / 60 段