Die Spitze des Zugs, also dasjenige Ende, an dem sich jetzt keine

Lokomotive befindet, steht dicht vor dem Ablaufberg. Es ist dies ein

Sandhügel, zu dem das Gleis an der einen Seite sanft hinaufführt,

während es drüben steil hinunterfällt. In einiger Entfernung von dem

Berg spaltet sich das Ablaufgleis alsdann in eine größere Zahl von

Richtungsgeleisen, die wie die Saiten einer Harfe nebeneinanderliegen.

Am Verzweigungspunkt liegt ein Stellwerk, durch dessen Hebel die Weichen

zum wechselnden Einlaß in die verschiedenen Richtungsgeleise gestellt

werden können.

Am Fuß des Ablaufbergs ist ein Wärter aufgestellt, der neben sich einen

Befehlsapparat hat, ähnlich dem des Schiffskapitäns auf der

Kommandobrücke. Durch Drehen einer Kurbel kann er den Zeiger eines

Zifferblatts auf verschiedene Zahlen einstellen, die den Nummern der

Richtungsgeleise entsprechen. Im Stellwerk ist ein ebensolches

Zifferblatt angebracht, auf dem der Zeiger in gleicher Weise einspielt.

Auf diese Art vermag der Wärter am Ablaufberg dem Stellwerkswärter die

Einstellung bestimmter Fahrstraßen zu befehlen.

Der Mann am Ablaufberg stellt das dicht vor diesen gesetzte,

eigentümlich geformte Signal (Bild 272) auf rasche Fahrt, das heißt

senkrecht nach unten, worauf die Verschiebelokomotive geschwind den Zug

so weit vordrückt, daß der erste Wagen schon den Fuß des Ablaufbergs

berührt. Sobald die Hebung beginnt, drücken sich die Puffer der beiden

ersten Wagen etwas zusammen, die Kupplung wird ganz schlaff und kann nun

durch einen hölzernen Hebel von der Seite her leicht vom Haken

abgeworfen werden. Darauf geht das Ablauf-Signal in schräge Stellung,

was langsame Fahrt bedeutet, und vorsichtig steigt der erste Wagen bis

zur Spitze des Hügels empor. Währenddessen liest der Wärter die mit

Kreide seitlich angeschriebene Nummer des Richtungsgleises, in das der

Wagen laufen soll, und teilt diese Nummer mit Hilfe des elektrischen

Meldeapparats dem Stellwerk mit. Dieses richtet die Weichen demgemäß.

Vom Hügel fährt nun der erste Wagen mit ziemlicher Geschwindigkeit

hinunter und in sein Richtungsgleis ein.

Die Schiebelokomotive drückt in ganz langsamer, aber ununterbrochener

Fahrt -- und das ist ein großer Vorzug des Ablaufbergbetriebs -- einen

Wagen nach dem andern auf die Kuppe des Hügels; jedesmal wird vorher die

Kupplung abgeworfen, die Gleisnummer gemeldet, die Weichenlage richtig

besorgt. Es ist ein prachtvoller Anblick, die mächtigen Fahrzeuge nach

allen Seiten in die große Harfe einlaufen zu sehen. Bald rennt ein Wagen

nach rechts hinüber, bald nach links, bald in ein Zwischengleis, überall

sieht man ein lebhaftes Treiben rollender Fahrzeuge; die Weichen werden

unausgesetzt umgestellt, und schon nach wenigen Minuten ist ein langer

Güterzug zerlegt. Sogleich kommt ein zweiter daran, und so läuft der

Betrieb auf einem großen Verschiebebahnhof ununterbrochen den ganzen

Tag. Es vergehen, solange es hell ist, oft aber auch in der Nacht, kaum

ein paar Minuten, ohne daß sich ein Wagen auf dem Berg von seinem

Genossen ablöst und eine Sonderfahrt in sein Richtungsgleis antritt.

[Abbildung:

Bauart Siemens & Halske in Berlin-Siemensstadt

271. _Elektrische Gleismelde-Anlage am Ablaufberg_

Oben: Geber am Fuß des Bergs. Unten: Empfänger im Weichenstellwerk]

So vorzüglich die Einrichtung des Ablaufbergs wirkt, ist sie dennoch

nicht ohne besondere Schutzvorkehrungen zu benutzen. Die Wucht, mit der

die Wagen ablaufen, ist durchaus nicht immer die gleiche. Sie ist

vielmehr in starkem Maße abhängig von der Witterung, ferner von der

Bauart der Wagen und von dem Gewicht ihrer Ladung. Im Sommer, wenn die

Geleise blank und sauber sind, wird ein Wagen mit größerer

Geschwindigkeit hinunterlaufen als im Winter, wenn Eis und Schnee auf

den Schienen liegen und die Schmiermittel durch die Kälte weniger

wirksam sind. Weht der Wind der Ablaufrichtung entgegen, so hält er die

Wagen in ihrem Lauf auf; im entgegengesetzten Fall beflügelt er sie. Ein

bedeckter Wagen wird vom Wind weit mehr beeinflußt als ein offener; ein

schwer beladener Wagen läuft mit größerer Geschwindigkeit ab als ein

leerer.

[Abbildung:

Bauart Jüdel & Co. in Braunschweig

272. _Ablaufsignal_

~a~) Halt! ~b~) Langsam abdrücken! ~c~) Mäßig schnell abdrücken!]

Die Vorschrift sagt, daß die Wagen in den Richtungsgeleisen nur so weit

laufen sollen, daß sie etwa ein Meter vor dem ersten darin bereits

stehenden Wagen zum Halten kommen. Das Anstoßen, das die Wagenbauten und

auch die Ladungen so stark erschüttert, soll vermieden werden. Aus

diesem Grund steht neben jedem Richtungsgleis ein Wärter, der in

genügender Entfernung von dem ersten feststehenden Wagen einen Hemmschuh

auf das Gleis legt. Der anrollende Wagen läuft auf diesen auf und kommt

nach kurzem Schleifen des Hemmschuhs über die Schiene zum Stehen. Je

mehr Wagen abgelaufen sind, desto kürzer wird die freie Fahrstrecke in

jedem Richtungsgleis, und desto mehr müssen die Hemmschuhe vorgerückt

werden. Die Geschwindigkeit, mit der die Wagen in die Richtungsgeleise

laufen, muß jedoch einigermaßen gleichmäßig sein, damit die Hemmschuhe

richtig wirken. All das zusammen macht es notwendig, eine Vorrichtung

anzubringen, welche gestattet, die Ablaufgeschwindigkeit vom Berg her

für jeden einzelnen Wagen zu regeln.

Auf die grundverschiedenen Verhältnisse, die im Sommer und im Winter

herrschen, wird an vielen Stellen dadurch Rücksicht genommen, daß man

nebeneinander einen Sommerberg und einen Winterberg aufbaut. Der letzte

ist etwas höher, so daß bei seiner Benutzung die Grundgeschwindigkeiten

größer werden; hierdurch wird den durch Schnee und Verdickung der

Schmiermittel eintretenden Hemmungen entgegengewirkt.

Eine Einzelregelung aber kann naturgemäß hierdurch nicht herbeigeführt

werden. Diese tritt erst durch das Anbringen der Gleisbremse auf dem

Gleisstück ein, das zwischen dem Ablaufberg und der Spitze der ersten

Verteilungsweiche liegt.

Diese Bremsung wird gleichfalls durch einen Schuh hervorgerufen, den man

auf eine Schiene legt. Da es sich hier jedoch nicht, wie am Ende des

freien Raums in den Richtungsgeleisen, um das Festhalten von Wagen,

sondern nur um eine Geschwindigkeitsregelung handelt, so muß dafür

gesorgt werden, daß der Schuh nur für kurze Zeit den Umlauf der vorderen

Achse hemmt, alsdann jedoch diese selbsttätig wieder freigibt. Die

Schiene, auf welcher der Schuh schleift, ist deshalb an einer Stelle

nach außen abgebogen. Unter Einhaltung eines schmalen Zwischenraums

setzt an der Ausbiegungsstelle ein der Weichenzunge ähnliches, aber

festliegendes Stück an, das in das gerade Gleis weiterführt. An der

gegenüberliegenden Schiene ist an dieser Stelle ein Radlenker

angebracht. Die ganze Vorrichtung wirkt nun so, daß beim Vorbeigehen an

der Zungenspitze der Wagen im geraden Gleis bleibt, der Schuh aber

selbsttätig auf der Ausbiegung weggeschleudert wird. Fortab läuft der

Wagen ohne Hemmschuh weiter, bis er im Richtungsgleis angehalten wird.

Der Mann, der die Gleisbremse auslegt, kann nun jeden Wagen mehr oder

weniger stark hemmen, je nachdem er den Schuh weit vor die Auswerfstelle

oder dicht vor diese legt. Der Hemmungsgrad wird ihm von dem Wärter am

Ablaufberg anbefohlen, der die langsam hinaufsteigenden Wagen nach ihrer

Art und Ladung zu beurteilen vermag. Demgemäß gibt er mit Hilfe eines

Druckknopfs dem Gleisbremswärter ein, zwei oder drei Klingelzeichen, die

kurze, längere oder besonders lange Hemmung anordnen.

Der Mann, der die Bremse bedient, muß rasch entschlossen und

unerschrocken sein. Wenn er das Klingelzeichen vernimmt, hat der zu

hemmende Wagen gewöhnlich schon die Hügelkuppe überschritten. Er rollt

donnernd und mit furchtbarer Gewalt heran. Unmittelbar vor seine erste

Achse legt der Wärter den Schuh, und kaum hat er seine Hand

zurückgezogen, dann tönt auch schon das gellende Kreischen des auf der

Schiene schleifenden Eisens. Das gehemmte Rad dreht sich noch ein wenig

auf dem Schuh, denn so stark ist die Wucht des von der Erhöhung

herabkommenden Wagens, daß die Achse nicht sofort zum Stillstand kommt.

Sobald das ausbiegende Gleisstück erreicht ist, fliegt der Schuh mit

geschoßähnlicher Geschwindigkeit von der Schiene und schlägt dröhnend in

einen Blechkasten. Der Wagen aber rollt verlangsamt weiter.

In neuerer Zeit hat die Firma Siemens & Halske eine Ablaufanlage

hergestellt, in der die Verteilung der Wagen ohne Mitwirkung eines von

Hand betätigten Stellwerks fast ganz oder auch vollständig selbsttätig

erfolgt. Jeder Wagen stellt bei seinem Lauf die Weichen so um, wie es

für ihn erforderlich ist. Wer die Anordnung nicht genauer kennt,

vermöchte zu glauben, daß der Wagen jedesmal, wenn er sich einer

Weichenzunge nähert, überlegt, ob er sie umstellen oder liegen lassen

muß, um sein vorgeschriebenes Gleis zu erreichen, und dann entsprechend

dieser Überlegung handelt. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als

befände man sich in einem stählernen Zaubergarten.

In Wirklichkeit denkt natürlich nicht der Wagen, sondern der

beaufsichtigende Mensch. Das Stellwerk am Ablaufberg ist verschwunden.

An seiner Stelle befindet sich nur ein einfacher Aufenthaltsraum für den

Wärter. Dieser hat an Stelle des Gleismelders eine Druckknopfreihe zur

Verfügung, die soviel Knöpfe enthält, wie Richtungsgeleise vorhanden

sind. Beim Auftauchen jedes neuen Wagens auf der Hügelkuppe drückt der

Wärter den Knopf nieder, welcher der an dem Fahrzeug angeschriebenen

Gleisnummer entspricht. Beim weiteren Lauf des Wagens stellen sich nun

die mit elektrischem Antrieb ausgerüsteten Weichen selbsttätig stets so

um, daß das vorgeschriebene Gleis erreicht wird.

Eine solche Wirkung zu erzielen wäre noch verhältnismäßig leicht, wenn

beim Druck auf den Knopf alle Weichen ihre richtige Lage zu gleicher

Zeit einnehmen würden. Dies darf jedoch nicht sein. Bei gleichzeitiger

Umstellung aller zehn oder zwölf Weichen, die manchmal zwischen

Ablaufberg und dem zu erreichenden Gleis liegen, müßte jeder folgende

Wagen warten, bis der vorhergehende die ganze Weichenstraße durchlaufen

hat. Die Pausen zwischen den einzelnen Wagenläufen würden sehr groß

werden, die Lokomotive könnte nicht mehr ununterbrochen den Zug über den

Berg drücken, die ganze Verschiebearbeit müßte sich arg verzögern. Da

dies bei den scharfen Ansprüchen an die Ausnutzung der Ablaufanlage auf

großen Bahnhöfen nicht angängig ist, muß die Einrichtung so getroffen

sein, daß der Druck auf den Knopf nur die Einleitung zur Herbeiführung

der richtigen Weichenlagen bildet, das Umlegen oder Liegenlassen der

Zungen an jeder Weiche aber erst dann bewirkt wird, wenn der Wagen sich

kurz davor befindet. Eine sehr fein ausgearbeitete Schaltanlage ist

notwendig, um dieses Ergebnis herbeizuführen.

Schließlich ist es auch möglich, selbst den Wärter am Ablaufberg zu

entbehren. Der Zugführer hat in seinem Buch sämtliche Wagen seines Zugs

und ihre Reiseziele verzeichnet. Mit Hilfe dieser Aufschreibung stellt

er eine Karte her, auf der in senkrechten Linien die Wagen und in

wagerechten Linien die Ablaufgeleise verzeichnet sind. Mit einem

Stanzapparat locht er jede senkrechte Wagenlinie dort, wo sie die Linie

des Geleises schneidet, in das der Wagen auf dem Verschiebebahnhof

hineinlaufen soll. Vor Beginn des Abdrückens wird die Karte in einen

Schaltapparat gesteckt, wo sie jedesmal nach Ablaufen eines Wagens um

eine Reihe vorrückt. Das Ablaufgeschäft kann nun ohne alle menschliche

Mitwirkung erledigt werden, nur die Gleisbremse muß selbstverständlich

weiter in Tätigkeit treten.

Nachdem durch Verarbeitung der angekommenen Fernzüge die

Richtungsgeleise gefüllt sind, befinden sich in jedem von ihnen die

Wagen für einen Nah-Güterzug. Aber sie stehen noch bunt durcheinander.

Um sie bahnhofsweis zu reihen, wie es ja notwendig ist, muß jede

Wagengruppe noch einmal geordnet werden. Dies geschieht mit Hilfe eines

zweiten Ablaufbergs, der am andern Ende der Richtungsgeleise liegt, und

hinter dem sich die Harfe der Bahnhofsgeleise ausbreitet (Bild 270).

Wiederum drückt eine Schiebemaschine die Wagen über den Berg; jeder von

ihnen läuft in ein Bahnhofsgleis. Ist dieses geschehen, dann setzt sich

die Lokomotive vor die Wagen, die für den nächsten Bahnhof bestimmt

sind, zieht sie heraus, holt alsdann die Wagen für den nächsten Bahnhof

usw., bis der Nah-Güterzug fertig ist. Dieser wird alsdann in eins der

Ausfahrgeleise gesetzt, der Packwagen wird davorgestellt, und alsbald

kommt aus dem Schuppen die Lokomotive herbei, die den Zug über die

Strecke zu führen hat. Nachdem das Ausfahrsignal gezogen ist, kann sich

der Nah-Güterzug in Bewegung setzen, um in den einzelnen Bahnhöfen der

Linie Wagen abzusetzen.

[Abbildung:

Erbaut von August Klönne in Dortmund

273. _Wasserturm auf Bahnhof Diez a. d. Lahn_]

Auf den Güterbahnhöfen, die von den Verschiebebahnhöfen wohl zu

unterscheiden sind, an den meisten Stellen jedoch zu einer

zusammenhängenden Gruppe mit diesen vereinigt zu sein pflegen, müssen

Gleisanlagen zur Aufstellung der Wagen vorhanden sein, die zu beladen

und zu entladen sind. Die ankommenden und abgehenden Güter bestehen aus

zwei Hauptarten: den Stückgütern und den Wagenladungsgütern.

Stückgüter werden von der Eisenbahnverwaltung ab- und aufgeladen und in

verschließbaren Schuppen aufbewahrt, bis sie von den Empfängern

abgerufen werden, oder bis nach erfolgter Einlieferung die Wagen für das

Einladen zur Verfügung stehen. Die Wagenladungsgüter werden von den

Empfängern unmittelbar vom Wagen auf Straßenfuhrwerke genommen und in

umgekehrter Weise von den Versendern aufgegeben. Zur Erledigung

derartiger Geschäfte müssen Freiladegeleise vorhanden sein, die an

Freiladestraßen liegen. Mancherlei Vorrichtungen sind hier anzubringen.

Rampen führen in sanftem Anstieg von der Straßenfläche bis zur Höhe der

Wagenböden hinauf, damit die Güter von hier aus ohne Anheben in die

Wagen geschafft werden können. Man unterscheidet Seitenrampen und

Kopframpen. Die letzten werden besonders nutzbringend für das Einladen

von Kraftwagen, Möbelwagen und ähnlichen Gegenständen benutzt, bei denen

eine Seitenbewegung schwierig ist. Um Tiere in die Wagen zu schaffen,

werden häufig fahrbare Rampen vorrätig gehalten, die an einzelne Wagen

angelegt werden können. Rutschen für körnige oder stückige Massengüter

und Krane dienen weiter zur Erleichterung des Ladegeschäfts.

Bei der Behandlung der Außenbahnhöfe ist noch kurz auf den

Verwendungszweck der hohen Bauten hinzuweisen, die man häufig auf ihrem

Gelände emporragen sieht. Es sind dies die Wassertürme. Zu dem in ihrem

höchsten Stockwerk untergebrachten Behälter wird das Wasser

hinaufgepumpt, das die Bahnen fast stets in eigenen Anlagen gewinnen, da

der Bedarf hierfür auf jedem großen Bahnhof recht bedeutend ist. Die

anspruchvollsten Verbraucher sind die Lokomotivkessel, die des Wassers

zu ihrer Speisung bedürfen; dann aber wird es auch zum Auswaschen der

Lokomotiven, zum Reinigen von Wagen, insbesondere von gebrauchten

Viehwagen, zu Feuerlöschzwecken, zum Naßhalten von Kohlenlagerplätzen,

bei denen immer eine gewisse Selbstentzündungsgefahr besteht, ferner in

den Werkstätten und für Trinkzwecke gebraucht.

Der Abstand, in dem Wasserentnahmestellen auf einer Strecke anzulegen

sind, hat sich nach dem Bedarf der Lokomotiven zu richten.

Güterzug-Tender-Lokomotiven, die nur kleine Behälter seitlich des

Kessels besitzen und oft sehr angestrengt arbeiten, müssen ihren

Wasservorrat alle 20 bis 30 Kilometer ergänzen. Das ist für die Abstände

ausschlaggebend, und es nützt nichts, daß Güterzug-Lokomotiven mit

Schlepptender nur etwa alle 60, Schnellzug-Lokomotiven alle 180

Kilometer Wasser zu nehmen brauchen. In der letzten Zeit vor dem Krieg

hat es in Deutschland sogar eine ununterbrochene Schnellzugfahrt von 314

Kilometern Länge, nämlich von Halle nach Nürnberg, gegeben. Die Tender

der für diese Fahrt verwendeten Lokomotiven mußten groß genug

ausgebildet sein, um genügend Wasser fassen zu können.

Da die auf den Wassertürmen untergebrachten Behälter höher liegen als

alle anderen Anlagen des zugehörigen Bahnhofs, so fließt das Wasser aus

ihnen bequem allen Gebrauchsstellen zu. Die Verteilungsleitungen bringen

es unter anderem auch zu den bekannten Schwenkkränen, die zur Füllung

der Tenderbehälter dienen. Wenn sie nicht benutzt werden, stehen ihre

Ausleger gleich gerichtet mit dem Gleis; zum Füllen werden sie

herumgeschwenkt. Nach Öffnen eines Abschlußschiebers stürzt das Wasser

hinaus. Je größer die lichte Weite der Zuführungsrohre gehalten ist,

desto mehr Wasser kann in einer Minute in den Tender gefüllt werden.

Heute pflegen in dem genannten Zeitraum etwa fünf Kubikmeter aus den

Schwenkkränen zu fließen. Eine Schnellzug-Lokomotive kann deshalb ihren

Wasservorrat schon in zwei bis drei Minuten ergänzen.

[Abbildung: 274. _Ablaufberg mit Verteilungsweichen_]

Das für die Speisung der Lokomotivkessel verwendete Wasser muß von

Verunreinigungen frei sein und möglichst wenig Kalk und andere Salze in

Auflösung enthalten, weil diese sich beim Verdampfen auf den Röhren

niederschlagen und Bildung von Kesselstein herbeiführen. Es ist darum

meist notwendig, das Wasser vor dem Einpumpen in den Hochbehälter

mechanisch und oft auch chemisch zu reinigen.

Bei der baulichen Ausgestaltung der Wassertürme ist früher sehr viel

gesündigt worden. Es gibt heute noch Bauten dieser Art, die wahre

Ungetüme darstellen. Manchmal sehen sie wie große Luftballons von Blech

aus, die durch eiserne Stangen am Boden festgehalten werden. Oft sind es

Wellblechgehäuse mit Formen, die in keinen Stil hineinpassen. Das ist um

so schlimmer, als solch ein Wasserturm meist schon aus weiter Entfernung

zu sehen ist und die Landschaft beherrscht. Heute nimmt man durch

Ausbildung wohlgefälliger Steinbauten hierauf Rücksicht. An manchen

Orten bilden die Eisenbahnwassertürme deshalb Wahrzeichen, welche die

Gegend nicht mehr verschandeln, sondern zu ihrem Schmuck beitragen,

indem sie sich den ortseingesessenen Bauformen anpassen.

[Abbildung:

Erbaut von August Klönne in Dortmund

275. _Wasserturm des Betriebsbahnhofs Grunewald bei Berlin_]

20. Die gastlichen Hallen

Einige der in Abschnitt 1 genannten Zahlen haben uns bereits darüber

belehrt, daß der Güterumlauf auf den Eisenbahnen eine sehr viel

wichtigere Rolle spielt als der Personenverkehr. Die Gewinne, welche die

Staaten oder die Eisenbahngesellschaften aus der Güterbeförderung

ziehen, sind weit größer als die Überschüsse, die sich aus den

Personengeld-Einnahmen ergeben. Auch die Zahl der Güterzugläufe und der

vorhandenen Güterwagen überragt die entsprechenden Aufwendungen für den

Personenverkehr ganz bedeutend, und dementsprechend sind auch die

Bahnhofsanlagen, die dem Güterverkehr dienen, sehr viel weiter gedehnt.

Trotzdem wird der äußere Eindruck, den jede Bahnlinie macht, unbedingt

von dem Aussehen der _Bahnhöfe für Personenverkehr_ beherrscht. Diese

sind zugleich die einzigen Stätten, an denen der nicht im Bahnbetrieb

Beschäftigte aufs innigste mit diesem in Berührung kommt. Hier sieht er

Züge in nächster Nähe aus- und einfahren, er darf sich an den Rändern

der Geleise tummeln, was ihm sonst streng verboten ist, hier allein kann

sich der Fremde inmitten des Bahnbetriebs bewegen, ohne in die vier

Wände eines Wagenkastens fest eingeschlossen zu sein.

Die auffallende Gestaltung der Personenbahnhöfe, ihre Ausstattung mit

mächtigen Häusern, die besondere Sorgfalt, welche man ihrer Durchbildung

im Gegensatz zu den sehr viel einfacher gestalteten Güteranlagen zuteil

werden läßt, erklärt sich aus dem Umstand, daß hier ein Gut besonderer

Art zu behandeln ist: nämlich Menschen. Diese lassen sich nicht so

bequem und willenlos in die Wagen schaffen, wie die toten Gegenstände in

den Güterschuppen und auf den Ladestraßen. Sie verlangen, eigene Wege

machen zu dürfen, wollen aber doch durch die ganze Anlage so geführt

werden, daß sie keinen Schaden an Leib und Leben erleiden. Ferner aber

wünschen die hier zu befördernden Edelgüter, im Bereich der Eisenbahn

möglichst freundliche Aufenthaltsorte zu finden; sie wollen auf dem Weg

vom und zum Zug oder beim Umsteigen vom schlechten Wetter nicht

belästigt werden -- kurz, sie sind sich durchaus nicht bewußt, daß sie

wegen der geringeren Einnahmen, die sie den Eisenbahnen gewähren,

eigentlich weit bescheidener auftreten müßten als die gewöhnlichen

Güter. Sie sind unendlich viel anspruchsvoller als diese.

Den Eisenbahnen ist nichts anderes übriggeblieben, als diesen Wünschen

der menschlichen Fracht zu entsprechen. Namentlich in den letzten

Jahrzehnten sind in Deutschland viele gewaltige Bauten für

Personenbahnhöfe entstanden, deren künstlerische Schönheit leider

manchmal zweifelhaft ist, die aber an stolzer Pracht und vornehmer

Weiträumigkeit kaum etwas zu wünschen übriglassen. In den großen Städten

empfangen unsere Eisenbahnen heute ihre Gäste in wahren Schlössern und

mit einer Freudigkeit, an die man früher nicht zu denken wagte.

Noch stehen deutlich in unserer Erinnerung die alten Bahnhofsbauten in

Hamburg und in Leipzig. Sie waren infolge des langsamen Entstehens der

sehr ausgedehnten Neubauten gewissermaßen als Denkmäler einer längst

vergangenen Zeit bis in unsere Tage stehen geblieben. Wenn man einen

dieser Bahnhöfe berühren mußte, hatte man das Gefühl, daß in keiner

anderen deutschen Stadt so wenig gereist werden müßte wie in Hamburg

und in Leipzig. Solche Bahnhofshäuser wären, so meinte man, wohl

geeignet, selbst den Reiselustigsten von dem Antritt einer Fahrt

zurückzuhalten. Diese grauschwarzen Mauern mit den spärlich

eingesetzten, kläglich bunten Fensterchen, diese niedrigen, düsteren

Hallen, die Engbrüstigkeit der Bahnsteige, die jämmerlich kleinen und

kaum auffindbaren Anlagen für Fahrkartenentnahme und Gepäckbeförderung

wirkten zusammen, um einen geradezu niederschlagenden Eindruck

hervorzubringen. Man hätte meinen können, daß sich niemand in dieses

traurige Gemäuer hineinbegäbe, der hierzu nicht unbedingt gezwungen

wäre.

Wie anders sieht es heute auf den neuen Bahnhöfen dieser Städte aus! Da

sind heiter geschmückte Stirnwände, prunkende Vorräume von großartiger

Weiträumigkeit; mächtig sich emporwölbende Hallen überspannen die

Geleise, das Licht flutet voll herab auf die breiten, wohlgeordneten

Bahnsteige, alles lockt und ladet dazu ein, das großartige

Verkehrswerkzeug zu benutzen, das hier seine Empfangsstelle hat. Es gibt

keine Zahlenaufstellung, die den Einfluß von Bahnhofsbauten auf die

Reisefreudigkeit erkennen läßt. Doch ist es nicht zweifelhaft, daß die

prachtvollen Bauten neuerer Zeit anfeuernd hierauf einwirken.

Der beherrschende Eindruck, den die Personenbahnhöfe auf das Angesicht

der ganzen Strecke ausüben, wird dadurch verstärkt, daß sie den

Städten immer sehr nahe liegen, möglichst sogar tief in diese

hineingerückt sind, während man die übrigen Anlagen, namentlich

wenn sie sehr ausgedehnt sind, gern weiter draußen ansiedelt. Reine

Betriebseinrichtungen, wie Abstell- und Verschiebebahnhöfe, befinden

sich oft weit entfernt in sonst unbewohnten Gegenden, die Güterbahnhöfe

pflegt man meist nicht so weit abzurücken, um die Wege für die

Frachtfuhrwerke nicht allzu lang zu machen.

In den Personenbahnhöfen lösen sich die ganz wenigen von der Strecke

hineinlaufenden Schienenpfade in eine große Zahl von Geleisen auf. Mit

mehr oder weniger scharfen Krümmungen erstrecken sie sich gleich

Mündungsarmen eines großen Flusses nach rechts und nach links. Es ist

jedoch streng darauf zu achten, daß die Hauptgeleise glatt und möglichst

gerade durch die ganze Anlage durchgeführt werden. Sie heißen

durchgehende Geleise und heischen das Vermeiden scharfer Krümmungen und

allzuvieler Überkreuzungen, damit der durchgehende Verkehr sich

möglichst hemmungslos abspielen kann, nichthaltende Schnellzüge mit kaum

verminderter Geschwindigkeit durchzufahren vermögen.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 40 / 60 段