Heizer und Lokomotivführer, die ausdrücklich von diesem schweren

Geschäft der Feuerungsreinigung befreit sind, sehen indessen die

Lokomotive in allen ihren Teilen nach, ölen sie ab, ziehen lose

gewordene Schrauben an, prüfen das ganze Gebäude von allen Seiten und

auch von unten her, indem sie in die Grube hinuntersteigen. Darauf darf

die Maschine in den Schuppen fahren, wo der Dienst, wenn sie nur

einfache Besetzung hat, nun für einige Zeit zu Ende ist. Das Feuer

erlischt dann allmählich.

Schon mehrere Stunden vor der neuen Abfahrtszeit wird die Maschine von

Schuppenleuten frisch angeheizt. Mindestens zwei Stunden vor Zugabgang

sind auch Führer und Heizer wieder zur Stelle, um das richtige

Dampfmachen zu überwachen, die letzten Ausbesserungen vorzunehmen. Zu

genau festgesetzter Minute verläßt die Lokomotive den Schuppen und legt

sich vor den Zug, der bereits vorher von einer Verschiebelokomotive an

den Bahnsteig gebracht worden ist. -- --

In ganz anderer Weise, als wir es bei den Personenwagen gesehen haben,

gehen Zugbildung und Zugläufe im Bereich des _Güterverkehrs_ vor sich.

Hier herrschen Verhältnisse, die mit jenen im Bezirk der

Personenbeförderung nur noch wenig Ähnlichkeit haben. Eine einfache

Überlegung schon zeigt, daß im Güterverkehr mit festen Zugbildungsplänen

und Heimatbahnhöfen nichts anzufangen ist.

Die Personenzüge laufen innerhalb eines Fahrplanabschnitts täglich in

gleicher Form. Die Anforderungen, die an sie gestellt werden, sind immer

dieselben, wenn man von einigen Unregelmäßigkeiten absieht, die leicht

zu bewältigen sind. Monatelang können die Personenzüge daher in der ein

für alle Male festgesetzten Form gefahren werden.

Im Güterverkehr aber herrscht ein täglicher Wechsel. Jeder Tag stellt

infolge der ganz unregelmäßig auftretenden Wünsche der Versender andere

Anforderungen an den Wagenpark. Es ändert sich unausgesetzt nicht nur

die Zahl der zur Bewältigung des Verkehrs nötigen Wagen sondern auch

ihre Art. Jede der verschiedenen Gütersorten verlangt anders gebaute,

nur für sie passende Fahrzeuge. Für Massengüter müssen offene, für

Getreide oder Vieh gedeckte, für Papier-, Hohl-, Glas- oder Strohwaren

großräumige, für chemische Erzeugnisse Kesselwagen usw. zur Verfügung

gestellt werden. Gewisse sehr lebhafte Verkehrsarten treten nur zu

bestimmten Jahreszeiten auf, so die Versendung von Kali und Zuckerrüben.

Dann gibt es Gegenden, die weit mehr versenden, als sie empfangen, wie

insbesondere die Kohlenbezirke, und Stellen, bei denen der Empfang

überwiegt, wie die Großstädte. Hierdurch allein schon ist ein

nutzbringendes, einfaches Hin- und Rücklaufen der Wagen ausgeschlossen.

Die Schwierigkeiten der Regelung werden um so größer, als die einzelnen

Verwaltungsbezirke nicht mehr wie bei den Personenwagen in der

Hauptsache ihre eigenen Fahrzeuge benutzen, sondern in sehr viel

größerem Umfang fremde Wagen zu verarbeiten haben. In bezug auf die

Güterwagen besteht heute bereits eine annähernde Reichseinheit, indem

sämtliche deutsche Staatsbahnen sich seit 1909 zum Deutschen

Staatsbahnwagen-Verband zusammengeschlossen haben. Auch ein großer Teil

der Privatbahnen ist durch Einstellen ihrer Wagen in den Park einer

Staatsbahn dem Verband beigetreten. Seitdem wird fast der gesamte

Güterwagenpark Deutschlands -- mit Ausnahme der Spezialwagen -- als

einheitliches Ganzes behandelt.

Durch diese großzügige Vereinbarung ist es möglich geworden, bedeutende

Ersparnisse zu erzielen, indem eine sehr große Anzahl von

Wagenleerläufen fortgefallen ist. Früher mußte jeder beladen

eintreffende Güterwagen einer anderen Verwaltung alsbald in deren Bezirk

zurückgesendet werden, auch wenn keine Ladung für den Rücklauf in dieser

Richtung vorhanden war. Hierdurch wurden nutzlose Beförderungskosten von

bedeutender Höhe verursacht. Desgleichen war ein geradezu

ungeheuerliches Schreibwerk für Abrechnung erforderlich. Heute dürfen --

immer mit Ausnahme der Spezialwagen -- sämtliche Güterwagen der dem

Staatsbahnwagen-Verband angehörigen Verwaltungen von jeder anderen

Verwaltung wie eigene behandelt und nach jeder Richtung hin versendet

werden. Die Abrechnung erfolgt nach Pauschbeträgen im Verhältnis der

Wagenachsbestände bei jeder einzelnen Verwaltung.

Infolge dieses äußerst nutzbringenden Zusammenschlusses erwächst jedoch

nunmehr die fast abenteuerliche Aufgabe, täglich von neuem über den

gesamten deutschen Güterwagenpark -- das sind mehr als 600 000 Fahrzeuge

-- so zu verfügen, daß jedem einzelnen der vielen tausend Bahnhöfe, von

denen aus ein Versand stattfindet, möglichst die von ihm als notwendig

bezeichnete Wagenzahl und auch in der gewünschten Art zur Verfügung

steht. Zu diesem Zweck ist eine Einrichtung geschaffen, die an

Großartigkeit ihresgleichen kaum hat, eine Leitstelle, von der aus

zuletzt eine einzige Hand die täglichen Güterwagenumläufe im ganzen

Deutschen Reich lenkt.

Sämtliche deutschen Bahnhöfe stellen täglich einmal den Bestand fest,

den sie an Güterwagen haben, und den Bedarf, der im Lauf der nächsten 24

Stunden voraussichtlich bei ihnen auftreten wird. Jeder Bahnhof gibt

alsdann eine telegraphische Meldung hierüber auf, überall verstreute

Sammelstellen sichten diese Depeschen, stellen aus ihnen Bestand und

Bedarf ihres Bezirks zusammen und geben diese Meldungen alsdann an eine

ganz geringe Zahl von Amtsstellen weiter. Jede von diesen entwirft nun

ein Bild des Bestands und Bedarfs von noch größerem Umfang. Nachdem die

ursprünglichen Bahnhofstelegramme so zweimal zusammengemahlen und

gemengt worden sind, erhält die oberste Leitstelle telegraphisch die

Gesamtübersicht zugestellt.

Sofort setzt sie mit ihrer allumfassenden Arbeit ein. Nach genauer

Betrachtung des Bedarfs im ganzen Reich, der ihr allein bekannt ist,

gibt die Leitstelle jedem Bezirk bindende Anweisung, wie er seinen

Bestand auszuteilen hat, wieviele und wie geartete Wagen er selbst

behalten darf, wieviele er anderen Bezirken zusenden muß und läßt ihm

Mitteilung darüber zukommen, was ihm von dort wiederum zufließen wird.

Bereits zu einer frühen Nachmittagsstunde jedes Werktags sind alle

Bahnhöfe bis zur letzten Haltestelle mit Güterverkehr darüber

unterrichtet, wie sie ihre Bestände an Güterwagen zu behandeln haben,

und was ihnen innerhalb der nächsten 24 Stunden zur Befriedigung des

eigenen Bedarfs zur Verfügung stehen wird.

Die mächtige Leitstelle, deren Anweisungen den gesamten deutschen

Eisenbahnverkehr täglich bis in die tiefsten Tiefen beeinflussen, ist

das Hauptwagenamt in Berlin, das dem Eisenbahnzentralamt angegliedert

ist. Die Tätigkeit dieser Amtsstelle für den deutschen Eisenbahnkörper

ist etwa mit der des Herzens zu vergleichen. Jeder Güterwagen ist ein

Blutstropfen, der immer wieder zum Herzen fließt und von dort auf die

verschiedenen Blutbahnen verteilt wird. Wenn ein Körperteil besonders

schwer zu arbeiten hat, so wird ihm von dem hochempfindlichen Herzen

mehr Blut zugepreßt; er läßt dann auch entsprechend mehr abfließen. In

gleicher Weise verstärkt das Hauptwagenamt die Ströme nach scharf

beanspruchten Bahnpunkten und läßt sie nach beendeter Arbeit wieder

zurückebben.

Freilich weiß der nervöse Steuerungsapparat des Herzens nichts davon, ob

z. B. eine Fingerspitze besonders starke Zufuhr nötig hat. Wäre der

Hauptleitstelle im menschlichen Körper die Blutumlaufsregelung bis zu

jeder feinsten Verästelung übertragen, so würde sie mit Melde- und

Befehlsleitungen so überlastet sein, daß ein folgerichtiges Arbeiten gar

nicht möglich wäre. Dementsprechend sind auch vor das Hauptwagenamt

zahlreiche andere Ämter geschaltet, denen die Einzelmeldungen zugehen.

Von hier aus werden die Stellen nächsthöherer Ordnung benachrichtigt,

und diese erst lassen dem Hauptwagenamt ihre Meldungen zugehen.

Die Arbeit des täglichen Güterwagenausgleichs in Deutschland vollzieht

sich tatsächlich in folgenden Formen.

Am Vormittag werden sämtliche Geleise jedes Bahnhofs von Beamten

abgeschritten, die jeden vorhandenen Güterwagen aufschreiben. Ferner

wird an Hand von eingegangenen Mitteilungen geschätzt, was im Lauf des

Nachmittags und der Nacht noch an solchen Wagen eintreffen wird, die bis

zum nächsten Mittag entladen, also zur Weiterbenutzung verfügbar sein

werden. Weiter sind die Wagen aufzunehmen, die im Lauf des Tags aus den

Werkstätten und Entseuchungsanlagen kommen werden. Die Gesamtsumme der

Zuflüsse aus allen diesen Quellen bildet den Bestand. Andererseits ist

festzustellen, wieviel Wagen von Gewerbetreibenden bestellt sind,

wieviel für die Abfuhr von Stückgütern, für den inneren Dienst, als

Schutzwagen, Postbeiwagen usw. gebraucht werden. Hieraus ergibt sich der

Bedarf. Bestand und Bedarf sind dann bis zur Mittagsstunde, nach

Wagengattungen geordnet, dem zuständigen Wagenbüro mitzuteilen.

Dies ist die Hauptmeldung.

Eine solche telegraphische Hauptmeldung sieht etwa so aus:

~Bd G 10 00 3 SSl 1 Veg 2~

~Bst N 2 G 1 R HHsz 1 0m 25.~

Hierin bedeutet:

~Bd~ Bedarf,

~G~ zwei- oder dreiachsige bedeckte Güterwagen (von denen 10 vorhanden

sind),

~00~ vierachsige offene Güterwagen mit Wänden von mehr als 0,40 Meter

Höhe,

~SSl~ Schienenwagen mit mehr als 12 Meter Länge der Ladefläche,

~Veg~ bedeckte Viehwagen mit Zwischenboden für Gänsebeförderung,

~Bst~ Bestand,

~N~ bedeckte Güterwagen mit Luftbremse oder Luftleitung, zur Benutzung

in schnellfahrenden Zügen geeignet,

~R~ offene Wagen von mindestens 9,9 Meter Länge der Ladefläche mit

langen, hölzernen Seitenpfosten (Rungen),

~HHsz~ Holzwagenpaar, ausgerüstet mit Kuppelstangen und mit Zinken auf

den Wendeschemeln,

~0m~ offene Güterwagen von mindestens 15 000, aber weniger als 20 000

Kilogramm Ladegewicht.

Jedes Wagenbüro empfängt ein starkes Bündel solcher Hauptmeldungen,

dazu noch eine ganze Reihe von Nebenmeldungen und stellt daraus die

Bedarfs- und Bestandszahlen der einzelnen Wagengattungen schleunigst

zusammen. Es meldet sie für seinen ganzen Bezirk umgehend der

Gruppen-Ausgleichstelle. Dort müssen die Telegramme bis 1-1/4 Uhr

eingetroffen sein.

Solcher Gruppen-Ausgleichstellen gibt es im ganzen Deutschen Reich nur

zehn:

=============+==============================+=========================

Bezeichnung | Ausgleichgebiet | Ausgleichstelle

| (Verwaltungsbezirke) |

=============+==============================+=========================

Gruppe ~I~ | Breslau, Posen, Kattowitz | Wagenbüro Breslau

Gruppe ~II~ | Bromberg, Danzig, Königsberg | Wagenbüro Bromberg

| i. Pr. |

Gruppe ~III~ | Berlin, Stettin, Magdeburg, | Hauptwagenamt

|Halle a. S., Erfurt, Mecklen- |

| burg |

Gruppe ~IV~ | Hannover, Altona, Münster i. | Wagenbüro Hannover

| W., Oldenburg |

Gruppe ~V~ | Frankfurt a. M., Cassel |Wagenbüro Frankfurt a. M.

Gruppe ~VI~ |Cöln, Essen a. d. Ruhr, Elber-| Wagenbüro Cöln

| feld |

Gruppe ~VII~ | Reichseisenbahnen in Elsaß- |Wagenbüro Straßburg i. E.

| Lothringen, Ludwigshafen, |

| Saarbrücken |

Gruppe ~VIII~| Baden, Mainz, Württemberg | Wagenbüro Karlsruhe

Gruppe ~IX~ | Augsburg, München, Nürnberg, | Wagenbüro München-Laim

| Regensburg, Würzburg |

Gruppe ~X~ | Sachsen | Wagenbüro Dresden

Aus dieser Zusammenstellung ersieht man, in welcher Weise große Gebiete

immer in einer Ausgleichstelle zusammengefaßt sind. Das Hauptwagenamt in

Berlin ist gleichzeitig Ausgleichstelle für Gruppe ~III~, die den

besonders wichtigen Bezirk Berlin umfaßt. Hierdurch wird seine Übersicht

über das Ganze wesentlich erleichtert.

Nachdem die Gruppen-Ausgleichstellen die von den Wagenbüros

zusammengestellten Meldungen erhalten haben, fertigen sie nunmehr eine

Übersicht über ihren ganzen Ausgleichbezirk an und übermitteln diesen

telegraphisch dem Hauptwagenamt. Dort treffen die Meldungen bis 2 Uhr

ein.

Das Hauptwagenamt behandelt die ihm zugeflossenen zehn Meldungen

zusammen mit den Nachrichten, die bei ihm sonst über den Verkehrszustand

und die Verkehrsanforderungen eingetroffen sind, so, daß es einen

möglichst klaren Überblick erhält, welche Gegenden besonders gründlich

zu versorgen sind, woher viel entnommen werden kann usw. usw. Den

einzelnen Gruppenausgleichstellen werden dann die Wagen so zugeteilt,

daß ein möglichst glatter Umlauf entsteht. Oft ist es in Rücksichtnahme

auf das höhere Ganze notwendig, einer Ausgleichstelle „trotz eigenen

Bedarfs“ Wagen für eine andere fortzunehmen. Das Hauptwagenamt hat eben

in jedem Augenblick die wichtigsten Verkehrsarten besonders zu bedenken,

und nur diese Stelle allein kann das tun, da ausschließlich sie es ist,

die das Ganze überschaut.

Nachdem der Hauptausgleich vorgenommen ist, drahtet das Hauptwagenamt

die Wagenabnahmen und -zuweisungen an die Gruppen-Ausgleichstellen. Jede

von diesen nimmt demzufolge den endgültigen Ausgleich für den Bereich

jedes ihr unterstellten Wagenbüros vor und teilt diesen Stellen das

Ergebnis bis 3-3/4 Uhr mit. Am frühen Nachmittag sind bereits alle

Bahnhöfe unterrichtet, und sofort kann damit begonnen werden, die leeren

Wagen in der angeordneten Weise in Bewegung zu setzen.

Die hier geschilderte Art der Verteilung bezieht sich jedoch in der

Hauptsache nur auf bedeckte Wagen. Die offenen Güterwagen für Kohle- und

Koksbeförderung nehmen eine Ausnahmestellung ein. Sie werden in

außerordentlich großer Zahl ständig in den Hauptkohlebezirken, also in

Oberschlesien, Niederschlesien, im Ruhr- und Saargebiet gebraucht. Da

also nach dorthin ständig Rückläufe leerer Wagen stattfinden müssen, so

besteht für bestimmte Bezirke, nach denen die Kohle regelmäßig in großen

Mengen versendet wird, allgemein die Anordnung, die entladenen

Kohlenwagen an bestimmte Orte in den genannten Bezirken zurücklaufen zu

lassen. Diese selbsttätig arbeitenden „Zuführungsgebiete“ sind scharf

umrissen, so daß man in Schlesien, an der Ruhr und an der Saar täglich

auf eine sehr große Zahl eingehender Leerwagen rechnen kann.

Es gibt eine ganze Reihe von Güterwagen, die besondere Formen und

Vorrichtungen besitzen. Diese sind gewöhnlich den Bedürfnissen eines

bestimmten Bezirks angepaßt, und hier besteht immer ein besonderer

Wunsch, sie ladebereit zur Hand zu haben. So hat z. B. eine Gegend, in

der viele Fabriken für Hohlglaswaren sich befinden, einen starken Bedarf

an großräumigen Wagen, Bezirke mit einem ausgedehnten chemischen Gewerbe

brauchen viele Kesselwagen, andere in reichem Maß Fahrzeuge für

Kalkbeförderung usw. Viele der in besonderer Weise ausgebildeten Wagen

tragen darum die Bezeichnung „Spezialwagen“.

Derartige Fahrzeuge dürfen an ihrer Ankunftsstelle nur dann neu beladen

werden, wenn die Waren nach dem Heimatbezirk eines solchen Wagens oder

nach einem Ort bestimmt sind, der in der Richtung zu diesem Heimatbezirk

liegt. Ist keine geeignete neue Ladung vorhanden, so müssen Spezialwagen

leer zurückgesendet werden. Das gleiche gilt sinngemäß für die

„Stationswagen“, die auf einem bestimmten Bahnhof mit Sonderbedürfnis

beheimatet sind.

Durch diese Anordnung wird die Zahl der Leerläufe erhöht, und es besteht

das Bestreben, die Zahl der Spezialwagen immer mehr zu vermindern. Je

ausgedehnter der Wagenpark der deutschen Bahnen wird, je mehr Wagen

jeder Gattung also vorhanden sind, um so geringer darf die Zahl der

nicht ganz freizügigen Spezialwagen werden.

Die Schwankungen im Güterverkehr der deutschen Eisenbahnen sind

außerordentlich groß. Im Frühjahr und Herbst werden oft stoßweis

außerordentliche Mengen von Wagen aller Art angefordert, im Sommer

dagegen stehen zuzeiten 60 000 bis 80 000 Wagen unbenutzt da, so daß

sich trotz der ausgedehnten Vorkehrungen ein Mangel an Aufstellgeleisen

bemerkbar macht. Will man unter diesen Umständen ein wirtschaftliches

Ergebnis aus dem Güterwagenumlauf erzielen, was ja auch bei den

Staatsbahnen als den Hauptstützen der Staatshaushalte notwendig ist, so

kann der Wagenpark nicht gut so weit vermehrt werden, daß er dem

höchsten Tagesbedarf, der vielleicht nur sieben- oder achtmal im Jahr

eintritt, zu genügen vermag. Wenn so viele Wagen tatsächlich vorhanden

wären, wie an solchen Tagen gebraucht werden, so würde während eines

großen Teils des Jahrs eine gewaltige Geldsumme ungenutzt bleiben.

Es ist daher nicht gut möglich, das Gespenst des Wagenmangels

vollständig zu bannen. Immerhin betrachten es die deutschen Bahnen als

ihre Aufgabe, den Wagenpark ständig so weit zu vermehren, daß

Schädigungen einzelner Gewerbe durch länger andauernden Wagenmangel

vermieden werden. Meistens handelt es sich bei Wagenausfällen nur um

kürzere, zeitliche Verschiebungen. Die Fahrzeuge, die heute nicht zur

Verfügung stehen, sind in zwei oder drei Tagen meistens schon zur

Stelle. Die großen Gewerbe, in deren Natur ein stoßweis anschwellendes

Versandbedürfnis liegt, könnten freilich den Bahnverwaltungen auch

dadurch mehr entgegenkommen, daß sie eine bessere zeitliche Verteilung

ihres Warenversands vornähmen, als dieses bis heute geschieht.

Lagerstellen an zerstreut im Reich liegenden Orten, die vorzeitig

versorgt werden könnten, sind noch in viel zu geringer Zahl vorhanden.

Ihre weitere Ausbildung würde den Wagenumlauf und damit die Verzinsung

der in den Eisenbahnmitteln untergebrachten öffentlichen Gelder sehr

günstig beeinflussen.

Nach Maßgabe der geschilderten großzügigen Verteilung rollen täglich die

zahllosen Güterzüge über die deutschen Bahnen. Die Zusammensetzung jedes

einzelnen ist stets eine andere, eine immer wiederkehrende Erscheinung

ist meist nur der Packwagen, der auch in allen Güterzügen läuft. Er

dient hier jedoch nicht mehr zur Aufnahme von Ladung, sondern zum

Unterbringen der begleitenden Mannschaft, des Zugführers und der

Packmeister. Gewöhnlich steht der Wagen ganz vorn im Zug, damit der

Zugführer und die Lokomotivmannschaft sich beim Anhalten des Zugs rasch

miteinander verständigen können.

Um den Verkehr der beladenen und leeren Güterwagen möglichst bequem und

leichtflüssig zu machen, werden drei Arten von Güterzügen unterschieden:

Fern-Güterzüge, Durchgangs-Güterzüge und Nah-Güterzüge.

Die Fern-Güterzüge dienen insbesondere der Beförderung von Massengütern,

wie Kohle, Erz, chemische Erzeugnisse, und dem Rücklauf leerer Wagen.

Sie durchfahren sehr weite Strecken, ohne ihren Bestand zu ändern. Aus

diesem Grund können die Wagen ohne besondere Ordnung in sie eingestellt

werden; sie laufen „bunt“, wie der Fachmann sagt. Am Zielbahnhof werden

die Fern-Güterzüge aufgelöst, und die von ihnen mitgebrachten Wagen

dienen, soweit sie nicht für den Zielbahnhof selbst bestimmt sind, nun

zur Bildung von Durchgangs- und Nah-Güterzügen.

Die Durchgangs-Güterzüge haben die Aufgabe, den Verkehr zwischen den

großen Bahnhöfen eines Bezirks, insbesondere den Hauptknotenpunkten, zu

vermitteln. Sie pflegen deshalb auch nur dort anzuhalten und dann ihren

Bestand gruppenweis zu ändern. Die kleinen Bahnhöfe schließlich werden

von Nah-Güterzügen versorgt, die überall anhalten, an allen Orten

einzelne Wagen ein- und aussetzen.

Damit dieses Geschäft rasch und unter möglichst geringer Vergeudung von

Lokomotivkraft erledigt werden kann, werden die Wagen in den

Nah-Güterzügen gleich am Abgangsbahnhof in bestimmter Ordnung

eingestellt. Hinter die Lokomotive kommt zuerst der Packwagen, dann

folgen die Wagen für den nächsten Bahnhof, darauf die für den

zweitnächsten und so fort bis zum Schluß, wo die für den Zielbahnhof

bestimmten Wagen stehen. Die Züge sind „bahnhofsweis geordnet“. Kommt

der Zug auf einem Zwischenbahnhof an, so bringt die Lokomotive die

vordersten Wagen auf ein Nebengleis, setzt neu einzustellende Wagen, die

meist bis zum nächsten Knotenpunkt und darüber hinaus zu laufen haben,

an das Ende des Zugs, worauf dieser dann weiterfahren kann.

Fast gar kein Wagenwechsel findet bei Stückgüterzügen statt, die keine

geschlossenen Wagenladungen zu befördern haben. Sie führen

Einzelsendungen, die in den Wagen gestapelt sind. Die einzelnen Ballen,

Kisten usw. werden auf den angegebenen Bestimmungsorten in Schuppen oder

in bereitstehende Bahnhofswagen ausgeladen.

Güter, für die eine besonders rasche Beförderung vorgeschrieben oder

notwendig ist, so unter anderem auch Wagen mit lebendem Vieh, werden in

Eilgüterzügen befördert. Diese haben eine sehr viel geringere Wagenzahl,

sind mit durchgehenden Bremsen ausgerüstet und können mit annähernder

Personenzug-Geschwindigkeit gefahren werden. Dienen Züge außer zur

Güter- auch zur Personenbeförderung, indem geeignete Wagen in sie

eingestellt werden, so nennt man sie gemischte Züge.

Zur Bildung der Güterzüge sind an den großen Knotenpunkten umfangreiche

Anlagen notwendig. Äußerst zahlreiche Verschiebe-Bewegungen müssen

ausgeführt werden, bis die Wagen in jedem einzelnen Zug richtig gereiht

sind. Damit dieses vielgestaltige Geschäft möglichst ungestört durch

andere Dienste vor sich gehen kann, sind besondere Verschiebebahnhöfe

angelegt, in denen nichts anderes vorgenommen wird als nur das Reihen

der Güterzüge. Das Bewegen der Wagen wird an solchen Orten heute fast

ausnahmslos unter Zuhilfenahme der Schwerkraft ausgeführt.

Früher geschah das Verschieben der Wagen ausschließlich durch Hin- und

Herfahren der Lokomotiven und Abstoßen. Wenn die Wagen eines ankommenden

Zugs auf verschiedene Geleise verteilt werden mußten, so wurden sie

nacheinander von der hinter den Zug gesetzten Verschiebelokomotive dort

hineingestoßen. Das fortgesetzte Hin- und Herfahren und immer

wiederkehrende plötzliche Bremsen nutzte die Wagen stark ab, die

Kupplungen wurden oft zerrissen, Puffer verbogen und das Bremsgestänge

übermäßig in Anspruch genommen. Auch die Ladungen litten unter den

stoßweisen Bewegungen. Ferner gingen durch das häufige Hin- und

Zurückfahren auch viel Zeit und Kraft unnötig verloren.

An vereinzelten Stellen ist man dann dazu übergegangen, ganze

Verschiebebahnhöfe in Gefälle zu legen, so daß die Wagen von den

hochliegenden Einfahrgeleisen aus selbsttätig in die Einzelgeleise

ablaufen. Diese Anordnung wird jetzt seltener ausgeführt, da jeder im

Bahnhof stehende Wagen festgehalten werden muß und Verschiebe-Bewegungen

in der Gegenrichtung äußerst unbequem sind. Als vorzügliches Mittel hat

sich jedoch der Ablaufberg oder Eselsrücken bewährt.

Um die neuzeitliche Verschiebearbeit mit Benutzung des Ablaufbergs

kennenzulernen, begeben wir uns auf einen großen Bahnhof, der damit

ausgerüstet ist. Er möge eine Anordnung haben, wie sie auf Bild 270

dargestellt ist. Wir nehmen an, daß auf den Strecken ~a~, ~b~, ~c~ und

~d~ Fern-Güterzüge ankommen; sie bringen von weither Wagen für die

verschiedenen Bahnhöfe, die im Nahbereich der hier dargestellten

Verschiebeanlage liegen. Die Fernzüge sind also aufzulösen, und es

müssen aus ihnen Nah-Güterzüge mit Bahnhofsordnung gebildet werden. Bei

unserer Ankunft laufen nacheinander in den Einfahrgeleisen vier

Fern-Güterzüge ein. Sogleich wird von jedem Zug die Lokomotive

abgekuppelt, und jede Maschine fährt über das Lokomotivgleis zu ihrem

Schuppen. Alsbald kommt eine Verschiebelokomotive herbei und setzt sich

hinter einen der angekommenen Züge.

In der Zwischenzeit ist bereits ein Beamter an diesem Zug entlang

gegangen, hat von dem jedem Wagen aufgeklebten Zettel seinen

Bestimmungsort abgelesen und eine entsprechende Nummer mit Kreide an

eine Seitenwand geschrieben. Es ist dies die Nummer des

Richtungsgeleises, in das der Wagen eingelassen werden soll. Zugleich

werden sämtliche Kupplungen zwischen den Wagen lose geschraubt, aber

nicht von den Haken gelöst.

[Abbildung: 270. _Verschiebe-Bahnhof_

Neuzeitliche Anordnung mit Ablaufbergen und Harfengeleisen]

[Abbildung]

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 39 / 60 段