Es wird nach Einführung der neuen Bremse die seit langem in den

Fachkreisen bitter genug empfundene Tatsache verschwinden, daß die

langsam fahrenden Güterzüge auf vielen wichtigen Strecken der deutschen

Bahnen die dringend erforderliche Verdichtung des Verkehrs sowohl für

Personen wie für Güter hemmen. Tag und Nacht folgen auf den großen

Linien die Züge einander in engstem Zwischenraum. Überholungsgeleise,

die in immer steigender Zahl angelegt werden, können doch nur mit Mühe

ein Durchbringen der Schnellzüge ermöglichen. Die Schienenpfade sind an

vielen und gerade den wichtigsten Stellen am Ende ihrer betrieblichen

Leistungsfähigkeit angelangt. Darum haben allmählich die Stimmen derer

immer mehr Bedeutung gewonnen, die eine grundsätzliche Trennung des

langsamen Güter- vom schnellen Personenverkehr verlangten. Sicherlich

wäre auf sehr vielen Strecken die Verlegung dritter und vierter Geleise

binnen kurzem unabwendbar geworden, wenn nun nicht die sichere Aussicht

bestünde, durch eine grundsätzliche Beschleunigung des Güterverkehrs

eine durchgreifende Entlastung der Strecken herbeizuführen. Die vielen

Millionen, welche für die neue Bremse ausgegeben werden müssen, lassen

sich also durch Ersparnis der außerordentlich hohen Ausgaben für den

Ankauf neuer Geländestreifen und Anlegung von Erweiterungsgeleisen

wieder einbringen. Um so mehr muß man den Entschluß der preußischen

Eisenbahnverwaltung zu raschem Einbau der neuen Bremse billigen.

Diese führt den Namen Kunze-Knorr-Bremse, da sich der bereits als

Schöpfer der Schnellbahnbremse genannte Geheime Oberbaurat Kunze um ihre

Erschaffung die größten Verdienste erworben hat; auch die

Knorrbremse-Aktien-Gesellschaft ist in hervorragendem Maß hierbei

beteiligt.

Die Kunze-Knorr-Bremse ist eine Einkammerbremse mit einem durch einen

beweglichen Kolben in zwei Kammern geteilten Hilfsluftbehälter. Dieser

geteilte Hilfsluftbehälter gibt dadurch, daß man auf seiner

Steuerkammerseite einen kleinen Überdruck zu erzeugen vermag, die

Möglichkeit, die Bremse auch rückwärts stufenweise zu lösen. Die

Vorrichtung wird dadurch auch unerschöpfbar, so daß sie die erste

Bremse darstellt, die alle auf Seite 313 zusammengestellten sieben

Forderungen vollkommen erfüllt.

Die Bauart des Hilfsluftbehälters gestattet außerdem, ihn nach Erfüllung

seines eigentlichen Zwecks mit zum Bremsen heranzuziehen, d. h. mit

seiner Hilfe die Bremskraft über das bisher übliche Maß zu erhöhen.

Zu diesem Zweck wird nach Erreichung des Druckausgleichs zwischen dem

Hilfsluftbehälter und dem Einkammerzylinder selbsttätig ein Ventil

geöffnet, welches den Rest der im Hilfsluftbehälter eingeschlossenen

Druckluft ins Freie entweichen läßt. Der Kolben im Hilfsluftbehälter

kommt dann unter dem Druck der Steuerkammerseite zum Anliegen an das

Bremsgestänge, so daß auf dieses jetzt zwei Kolben wirken, und die

Bremskraft entsprechend verstärkt wird. Diese zusätzliche Kraft wird an

den Güterwagen benutzt, um auch das Ladegewicht abzubremsen.

Wenn nämlich ein Güterwagen voll beladen ist, so muß, um ihn von voller

Fahrt zum Stillstand zu bringen, natürlich eine weit größere lebendige

Kraft vernichtet werden, als wenn er leer läuft. Eigentlich müßte also

jeder leere Wagen anders abgebremst werden als ein beladener. Das war

nun von den Handbremsern niemals mit genügender Genauigkeit zu

erreichen. Auch keine Luftsauge- oder Druckluftbremsart besaß bisher

diese Veränderlichkeit. Erst die Kunze-Knorr-Bremse gestattet eine

Doppeleinstellung an jedem einzelnen Wagen.

Es wird sich nach ihrem Einbau an den beiden Längsseiten jedes

Güterwagens je ein besonderer Handgriff befinden. Ist der Wagen

unbeladen, so wird der Hebel nach links, auf Bremsung für den leeren

Wagen, ist das Gefährt belastet, so wird der Griff nach rechts, auf

Bremsung für den beladenen Wagen, eingestellt. Im ersten Fall wirkt nur

der Kolben des Einkammer-Zylinders, im zweiten auch noch derjenige des

Zweikammer-Hilfsluftbehälters auf das Bremsgestänge ein. Der beladene

Wagen wird also weit kräftiger abgebremst als der leere. Freilich wird

durch diese Einrichtung die Abfertigung der Güterzüge mit einer neuen

Verrichtung, nämlich der Einstellung des Bremsgriffs, belastet. Aber das

will herzlich wenig bedeuten gegenüber den außerordentlich großen

Vorteilen, die hierdurch beim Bremsen der Züge entstehen.

Durch ein besonderes Entgegenkommen der preußischen Eisenbahnverwaltung

hatte der Verfasser Gelegenheit, eine der letzten Fahrten zur Ausprobung

der Kunze-Knorr-Bremse mitzumachen. Als Erprobungsstrecke war eine Linie

mit besonders steilen Gefällen, nämlich die Strecke zwischen Arnstadt

und Suhl, gewählt. Über seine Eindrücke bei dieser Fahrt berichtete der

Verfasser in der „Frankfurter Zeitung“:

Am Morgen eines Herbsttags fuhren wir vom Hauptbahnhof des thüringischen

Örtchens Arnstadt aus. Es war für die Versuchsfahrten ein Güterzug von

120 Achsen zusammengestellt, der eine Länge von fast 700 Metern hatte.

Vorn zog eine starke Lokomotive und hinten waren zwei Schiebemaschinen

angesetzt, denn bald hinter Arnstadt, von Gräfenroda ab, steigt die

Strecke im Verhältnis von 1 : 50 an.

Der höchste Punkt der thüringischen Strecke liegt ungefähr in der Mitte

des großen, mehr als drei Kilometer langen Brandleite-Tunnels,

unmittelbar vor dem Bahnhof Oberhof. Von dort ab geht es über Zella-St.

Blasii bis Suhl ebenso steil hinab, und in dem Gefälle zwischen Oberhof

und Suhl, also auf einer für den Bremsbetrieb besonders beschwerlichen

Strecke, sollten die Versuche stattfinden. Es ist selbstverständlich,

daß eine Bremse, die einen schweren Zug in so starkem Gefälle zu

meistern vermag, auch auf den Flachlandstrecken allen Anforderungen

genügen wird.

Als Beobachtungsstelle für die Versuchsfahrten war hinten an den

Güterzug ein Saalwagen gehängt, in dem ein großer Tisch mit

Meßvorrichtungen aufgestellt war. In dem Wagen befanden sich die mit der

Leitung der Versuche beauftragten Beamten des preußischen

Eisenbahnzentralamts, sowie Vertreter anderer deutscher

Eisenbahnverwaltungen. Die Schiebemaschinen blieben vor dem Tunnel

zurück, so daß für die eigentlichen Meßfahrten von Oberhof hinab nach

Suhl nur die eine Lokomotive an der Spitze, die ziehende Lokomotive,

verwendet wurde.

Der letzte Wagen des Zugs war für die Beobachtung und die Messungen am

geeignetsten, weil ja hier allein, im weitesten Abstand vom

Führerbremsventil auf der Lokomotive, die Bremswirkung durch den ganzen

Zug genau festgestellt werden konnte. Jede Bewegung des

Führerbremsventils auf der Maschine, das durch ein Kabel mit dem

Meßtisch verbunden war, verursachte in dem Meßwagen besondere

Kontaktschlüsse, so daß die erreichten Bremswege, die Durchschlagszeiten

der Bremswirkung und die Vorgänge in den Bremszylindern und

Luftbehältern selbsttätig aufgezeichnet wurden. Für die Beobachtungen im

Zug waren noch drei andere Meßwagen auf die ganze Länge des Zugs

gleichmäßig verteilt, die mit Beamten besetzt und an das zwischen dem

letzten Meßwagen und der Lokomotive über die Dächer hinlaufende

Telephonkabel angeschaltet waren; hierdurch konnten bestimmte Versuche

durch Fernspruch nach Belieben angeordnet werden.

Die Strecke hat viele enge Krümmungen, und an einer dieser Biegungen

genoß ich beim Hinaussehen aus einem geöffneten Fenster des

Beobachtungswagens einen Anblick, der höchst neuartig war. Der ganze,

endlos lange Zug war bis zur Maschine vollständig zu überschauen. Wir

fuhren mit einer Geschwindigkeit von etwa 60 Kilometern in der Stunde

bergab, und doch befand sich kein einziger Bremser im ganzen Zug. Mit

einem kleinen Ventilhebel, der so bescheiden aussieht wie ein Türgriff,

beherrschte der Lokomotivführer das riesige Zuggewicht; er vermochte,

den wechselnden telephonischen Befehlen vom letzten Wagen her folgend,

dem Zug trotz des starken Gefälles jede gewünschte Geschwindigkeit zu

geben, ja ihn auf wenige hundert Meter zum Halten zu bringen. Den

Fahrgästen in den auf dem anderen Gleis vorübereilenden Personenzügen

wird unser Probezug nicht als etwas Besonderes aufgefallen sein. In

Wirklichkeit stellte er durch die ausgezeichnete Wirkung der neuen

Bremse über eine Zuglänge von fast 700 Metern ein höchst erstaunliches

technisches Kunstwerk dar.

Wir hatten zu beobachten, ob der Zug mit Hilfe seiner Bremse imstande

sein würde, im Gefälle jede gewünschte Geschwindigkeit innezuhalten und

von jeder Geschwindigkeit aus rasch genug zum Stehen gebracht werden

könnte. Es gelang alles überraschend gut, so daß diese Versuchsfahrt als

eine der letzten angesehen, und die Bauart der neuen Bremse als gelungen

betrachtet werden konnte.

Auf Befehl brachte der Lokomotivführer die Fahrt des Zugs von 60 auf 30

und später auf 10 Kilometer hinunter und fuhr so, während der Zeiger des

Geschwindigkeitsmessers sich beständig auf 10 einspielte, über mehrere

Kilometer den steilen Berg hinab. Das ist angesichts des Zuggewichts und

des Neigungswinkels der Strecke eine richtige technische Kunstleistung.

Bei dieser Regelung und auch bei der Schnellbremsung aus 60 Kilometern

Stundengeschwindigkeit auf Stillstand empfand man im Zug keine

Schwankung, keinen Ruck oder Stoß, was ganz besonders beachtenswert ist.

Niemals noch ist ein Güterzug so weich abgebremst worden.

Später weilte ich bei gleichen Versuchen, die auf der langen

Gefällstrecke von Oberhof nach Gräfenroda stattfanden, auf der

Lokomotive, um die Tätigkeit des Führers bei den Bremsungen beobachten

zu können. Es war eine ganz gewöhnliche Güterzuglokomotive, an deren

Handgriffen nichts geändert worden war. Den telephonischen Anordnungen

folgend, meisterte der Führer den Zug mit größter Sicherheit und

Leichtigkeit. Er war gar nicht anders in Anspruch genommen als sonst,

hatte reichlich Zeit, die Dampfregelungsventile zu betätigen und in Ruhe

die Signale zu beachten. Er äußerte auf meine Frage seine Freude

darüber, daß es dem Lokomotivlenker fortab auch bei Güterzügen möglich

sein würde, den ganzen Zug selbst zu beeinflussen, und daß er nicht mehr

von dem guten Willen der weit entfernten einzelnen Bremser abhängig zu

sein brauchte. Er betrachtete das, gerade wie die Aufsichtsbeamten, als

eine Erleichterung des Dienstes und zugleich als eine starke Erhöhung

der Sicherheit auf der Strecke.

Die Vorteile, die nach Einführung der neuen Kunze-Knorr-Bremse eintreten

werden, sind, um sie noch einmal zusammenzufassen, folgende:

Die Handbremsen der Güterzüge mußten bis jetzt mit Bremsern besetzt

werden, weil die bisherigen Bauarten durchgehender Bremsen für lange

Züge ungeeignet waren. Die neue Bremse bewirkt dadurch, daß diese

Bremser fortab fehlen können, eine sehr bedeutende Verbilligung des

Güterzugbetriebs. Jede Bremsung kann nach rückwärts abgestuft werden.

Vor allem aber steigt trotz Erhöhung der Geschwindigkeit die

Betriebssicherheit der Güterzugfahrten infolge zuverlässiger und

gleichmäßiger Abbremsung von einer einzigen Stelle aus. Der

Lokomotivführer beherrscht den ganzen Zug mit eigener Hand und trägt die

gesamte Verantwortung für ihn. Die Geschwindigkeit der Güterzüge kann

erheblich gesteigert werden. Daraus folgt eine durchgreifende Entlastung

der Strecken, so daß der Neubau dritter und vierter Geleise an sehr

vielen Stellen überflüssig wird und viele hundert Millionen gespart

werden können. Die freilich auch nicht geringe Ausgabe für den Einbau

der neuen Bremse selbst tritt hiergegen zurück. Güterwagen und

Personenwagen können fortab in gemischten Zügen weiter leichter

durcheinander eingestellt werden. Infolge der durchlaufenden

Bremsleitung kann kein Zerreißen eines Zugs mehr stattfinden, ohne daß

der Lokomotivführer dies durch das selbsttätige Anschlagen der Bremsen

sofort merkt. Es findet gleichmäßig wirkende Bremsung leerer und

beladener Güterwagen durch die Einstellbarkeit der neuen Bremse statt.

Hiernach wird man es verstehen, daß auch die „Zeitung des Vereins

Deutscher Eisenbahnverwaltungen“ die Schaffung der neuen Bremse als den

„für die nächsten Jahrzehnte vielleicht bedeutungsvollsten Fortschritt

zur Erhöhung der Leistungsfähigkeit und Betriebssicherheit der

Eisenbahnen“, als einen „Markstein in der Geschichte des

Eisenbahnwesens“ bezeichnet.

19. Der Ursprung

Wir haben nunmehr sämtliche Teile betrachtet, aus denen unser Schnellzug

Berlin-München zusammengesetzt ist und auch die anderen auf demselben

Gleis rollenden Züge gebildet zu sein pflegen. Auch die Teile der Teile

haben wir uns angesehen, soweit sie einen wesentlichen Einfluß auf die

Zugfahrt zu üben vermögen.

Nunmehr ist es Zeit, den eiligen Läufer als Ganzes ins Auge zu fassen.

Da drängen sich uns zunächst die Fragen auf: Woher kam der Zug, den wir

fertig gebildet aus dem Gleisgewirr des Außenbezirks in die Halle des

Anhalter Bahnhofs einfahren sahen? Wie sieht die Stelle aus, an der er

seinen Ursprung hatte? Welche Handlungen sind notwendig, damit im Lauf

von 24 Stunden alle die unzähligen Züge fertig gebildet in den Bahnhöfen

zur Verfügung stehen?

Zur Beantwortung dieser Fragen müssen wir ein Gebiet betreten, das

abseits der von den Reisenden durchzogenen großen Eisenbahnstraßen

liegt. Es ist dazu verurteilt, den Fahrgästen unbekannt zu bleiben.

Der Ursprung eines jeden Personenzugs ist die _Zugbildungsstelle_.

Wichtigste Vorgänge vollziehen sich hier, von denen keine Kunde nach

außen dringt. Es gibt noch manche andere solcher geheimnisvollen Stätten

im Eisenbahnbetrieb, und daher erscheint dieser dem Außenstehenden sehr

viel einfacher als er in Wirklichkeit ist. Der Fahrgast sieht nur den

scharf geregelten, glatten Ablauf des Verkehrs und ist bei

oberflächlicher Betrachtung leicht der Meinung, daß dieser sich ohne

sonderliche Bemühungen abzuspielen vermag. Aber gerade damit eine

störungsfreie Abwicklung der Zugfahrten möglich wird, sind

außerordentliche Veranstaltungen abseits von jenen Stätten notwendig,

die von den Reisenden und auch von den Auflieferern der Güter betreten

werden.

Es geht in der Welt auf Schienen ähnlich zu wie in der Welt des

Theaters. Wenn der Vorhang sich hebt, steht der Schauplatz fertig da,

die Schauspieler treten, wie selbstverständlich, zur rechten Zeit auf,

die Musik setzt im gegebenen Augenblick ein, es wird zur richtigen Zeit

hell oder dunkel auf der Bühne, und auch das Gewitter läßt keinesfalls

auf sich warten, wenn es nach des Dichters Vorschrift sich abspielen

muß. Aber hier weiß selbst der unbefangenste Zuschauer, daß sich vorher

hinter den Kulissen eine rege Arbeitstätigkeit abgespielt hat, daß

Anordnungen und Verabredungen vielfältiger Art haben vorangehen müssen,

damit die Aufzüge glatt heruntergespielt werden können.

Solche Tätigkeiten „hinter den Kulissen“ gibt es auch bei der Eisenbahn

in sehr großer Zahl. Die Voraussicht der Spielleiter muß aber hier sehr

viel weitergehend sein als auf der Bühne, denn in diesem Bereich handelt

es sich nicht um Scheinvorführungen, sondern um hartes Leben, nicht

darum, den Schauplatz für ein Dichtwerk zu bereiten, sondern die

stürmischen Erscheinungen der Züge glatt und stoßlos über weite

Landstrecken zu führen.

Man kann den Eisenbahnverkehr auch mit einem Riesenuhrwerk vergleichen,

bei dem die Zähne aller Räder genau ineinander greifen. Es genügt aber

nicht, daß die oberste Leitung diese gewaltige Uhr einfach aufzieht, die

Arbeit der einzelnen Teile muß in jedem Augenblick sorgfältig überwacht

und immer wieder aufs genaueste in zwangläufige Übereinstimmung gebracht

werden.

Auch bei der Bildung der Personen- und Güterzüge ist stets nach fest

umrissenen Vorschriften zu handeln. Diese sind das Ergebnis sehr

eingehender, oft langwieriger Erwägungen und Verhandlungen im Schoß der

leitenden Behörde. Die Fahrpläne bilden die Grundlage der Vorschriften

für die Zusammenfügung der einzelnen Wagen zu Zügen, deren regelmäßiger

Lauf ja der Zweck all der ungeheuren Einrichtungen ist.

Über die Fahrplanrücksichten hinaus unterliegt die Länge der Züge einer

Begrenzung aus einem uns bereits bekannten, rein technischen Grund. Die

Bremsen besitzen nur eine bestimmte höchste Durchschlagsgeschwindigkeit,

weshalb die Wagen nicht in willkürlicher Zahl aneinandergereiht werden

dürfen. Die „Fahrdienstvorschriften“ setzen die Stärke der Züge nach

verschiedenen Gattungen und Geschwindigkeiten fest. Da die Länge der

Wagenkasten sehr stark wechselt, so werden nicht Meterzahlen, sondern

Achszahlen angegeben, die einen gleichmäßigeren Maßstab darstellen.

In dem Abschnitt „Bildung der Züge“ sagen die Fahrdienstvorschriften,

daß Personenzüge auf Hauptbahnen bei Geschwindigkeiten

bis zu 50 Kilometern nicht über 80 Wagenachsen

bis zu 60 Kilometern nicht über 60 Wagenachsen

bis zu 80 Kilometern nicht über 52 Wagenachsen

darüber hinaus nicht mehr als 44 Wagenachsen

stark sein dürfen. In Schnellzügen, die sechsachsige Wagen führen,

dürfen diese Achszahlen für jeden solcher Wagen um zwei Achsen

überschritten werden, jedoch nur bis zur Höchstzahl von 60 und 52 Achsen

in den beiden letztgenannten Fällen.

Güterzüge dürfen auf Hauptbahnen bei Geschwindigkeiten

bis zu 45 Kilometern nicht über 120 Wagenachsen

bis zu 50 Kilometern nicht über 100 Wagenachsen

bis zu 55 Kilometern nicht über 80 Wagenachsen

bis zu 60 Kilometern nicht über 60 Wagenachsen

stark sein. Auf Strecken, die besonders günstige Neigungs- und

Krümmungsverhältnisse, sowie genügend ausgedehnte Bahnhofsanlagen

besitzen, kann die Eisenbahndirektion mit Genehmigung der

Landesaufsichtsbehörde für Güterzüge mit Geschwindigkeiten bis zu 45

Kilometern 150 Wagenachsen als Höchstzahl zulassen.

Wagen mit Gegenständen, die leicht Feuer fangen, dürfen nicht in

unmittelbare Nähe der Lokomotive oder von Wagen mit Ofenheizung gestellt

werden. Ganz besondere Vorsichtsmaßregeln sind bei solchen Wagen

anzuwenden, die Sprengstoffladung enthalten.

Da die Erfahrung gezeigt hat, daß bei Unfällen der erste hinter der

Lokomotive laufende Wagen gewöhnlich die schwersten Beschädigungen

erleidet, so ist vorgeschrieben, daß in allen zur Personenbeförderung

bestimmten Zügen, die eine größere Stundengeschwindigkeit als 50

Kilometer haben, der erste Wagen mit Reisenden nicht besetzt werden

darf, sondern als Schutzwagen laufen muß. Wo ein Packwagen im Zug ist,

wird dieser als Schutzwagen eingestellt. Die Postwagen sollen diesem

Zweck nur dienen, wenn es unvermeidbar ist. Diese Notwendigkeit tritt z.

B. ein, wenn ein Zug unterwegs in einem Kopfbahnhof gewendet wird. Es

ist in solchem Fall meistens weder Zeit noch Gelegenheit, den Packwagen

an das andere Ende des Zugs zu bringen. Der Postwagen läuft alsdann bis

zur Wendestelle als letzter Wagen, von hier an als erster. Um die

Beamten der Fahrpost nach Möglichkeit zu sichern, werden, wie bereits

erwähnt wurde, in den neueren Postwagen an beiden Stirnseiten besonders

widerstandsfähig ausgebildete Abteile eingerichtet, die unbesetzt

bleiben müssen.

Es ist uns gleichfalls bereits bekannt, daß in Schnellzüge zweiachsige

Wagen nicht oder doch nur auf ganz besondere Anordnung eingestellt

werden dürfen. Ferner dürfen zwischen Wagen mit Drehgestellen Wagen

anderer Bauart nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Eisenbahndirektion

laufen. Die Verwendung dreiachsiger Wagen in Schnell- und Eilzügen ist

gleichfalls beschränkt; sie dürfen hierzu nur benutzt werden, wenn sie

einen Achsstand von mindestens sechs Metern und 16 000 Kilogramm

Eigengewicht haben.

Für die Anordnung der Abteile gilt folgendes.

In den Personenzügen ist die Hälfte der Abteile erster, zweiter und

dritter Klasse, ohne Einrechnung der Frauenabteile, für Nichtraucher zu

bestimmen. Nichtraucherabteile dürfen innerhalb der vorgeschriebenen

Zahl nicht zu Raucherabteilen umgewandelt werden, auch wenn die

Raucherabteile nicht ausreichen. Bei Schnell- und Eilzügen soll von

jedem Abteil aus ein Abort zugänglich sein. Ein Abteil erster oder

zweiter Klasse darf, auch wenn der Zug nur diese Klassen führt, nicht

als Dienstabteil für die Zugbegleitbeamten eingerichtet werden.

Die in den Personenzügen laufenden Wagen werden unterschieden in

Stammwagen, das heißt solche Wagen, die ständig auf der ganzen, vom Zug

durchfahrenen Strecke laufen und über diese Strecke nicht hinausgehen;

Kurswagen, die auf eine Anschlußstrecke übergehen oder von einer solchen

herankommen; Verstärkungswagen, die außer dem Stamm des Zugs nur an

bestimmten Tagen oder nur auf einer Teilstrecke laufen;

Bereitschaftswagen, die zur außergewöhnlichen Verstärkung der Züge oder

als Ersatz für schadhafte und untersuchungspflichtige Wagen

bereitgehalten werden.

Um den Reisenden das Aufsuchen der Plätze zu erleichtern, pflegt man die

Wagen mit Abteilen gleicher Klasse möglichst zusammenzustellen. Das ist

aber vollkommen nur innerhalb des Stamms der Züge durchzuführen.

Kurswagen müssen so eingestellt werden, daß sie auf einfachste Weise vom

Zug losgelöst werden können; sie werden also meist am Ende laufen, so

daß oft Abteile erster und zweiter Klasse hinter einer ganzen Reihe von

Wagen mit dritter Klasse neu auftauchen.

Den Zugbildungsstellen stehen ständig so viele Wagen zur Verfügung, wie

sie für das Zusammenfügen der abgehenden Züge brauchen. Ferner sind

ihnen Verstärkungs- und Bereitschaftswagen in genügender Zahl zugeteilt.

Damit die Zugbildungsstellen die notwendigen Wagen stets zur Hand haben,

müssen sie ständig und ununterbrochen damit versorgt werden. Es findet

ein fortwährendes Abfließen nach der Strecke hin statt, dem ein

Nachschub in umgekehrter Richtung entgegenwirken muß. Denn die Quelle

der Wagen ist ja nicht die Werkstatt, aus der immer neue Fahrzeuge

ausgespien werden, sondern die Wagen kehren aus dem vollen Leben der

Strecke stets von neuem in die verhältnismäßige Einsamkeit der

Zugbildungsstelle zurück. Diese oder ihre nächste Nachbarschaft dient

zugleich als Abstellbahnhof für die Züge, deren Lauf beendet ist, und

hier werden die Wagen auch gereinigt und nachgesehen.

Niemand wird zweifeln, daß besonders klug erdachte, sorgfältig erwogene

und haarscharf mit den tatsächlichen Verhältnissen übereinstimmende

Vorschriften erlassen sein müssen, damit auf allen Zugbildungsstellen in

jedem Augenblick die erforderlichen Wagen vorhanden sind. Da die

Fahrdienstvorschriften soweit gehen, daß sie für jeden Zug nicht nur die

Zahl seiner Wagen, sondern auch die Art der Abteile angeben, die er

enthalten muß, so würde es nicht genügen, wenn die Zugbildungsstellen

fortwährend einen neuen Wust von Wagen erhielten, aus denen sie sich

nun die am besten brauchbaren heraussuchen müßten. Es ist vielmehr dafür

zu sorgen, daß zu bestimmten Stunden immer wieder ganz bestimmte Wagen

eintreffen.

Wenn man nun bedenkt, wie groß die Zahl der Züge ist, die ständig in

Deutschland durcheinander fahren, wenn man im Auge behält, daß manche

Züge nur über ganz kurze Strecken rollen, andere zwölf und mehr Stunden

bis zur Ankunft am Bestimmungsort brauchen, wenn man in Betracht zieht,

daß zahllose Züge unterwegs zerlegt werden, Teile sogar über die

Reichsgrenzen hinausgehen, so muß es fast unmöglich dünken, daß der

einzelne Wagen ständig in seinem Lauf verfolgt werden, daß in jedem

Augenblick sein Aufenthaltsort festgestellt werden kann. Die Aufgabe

scheint einer solchen zu gleichen, die verlangt, daß aus einem

durcheinanderquirlenden Ameisenhaufen eine ganz bestimmte Ameise

herausgesucht werden soll.

Dennoch steht jeder Wagen genau zur vorgeschriebenen Zeit stets von

neuem zur Verfügung. Dies wird hauptsächlich durch eine grundlegende

Festsetzung bewirkt: ein jeder Personenwagen hat einen ganz bestimmten

Heimatbahnhof, zu dem er immer wieder zurückkehrt.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 37 / 60 段