Sollen die Bremsen wieder gelöst werden, so legt der Führer seinen Hebel

in die Füll- und Lösestellung. Sofort strömt aus dem Hauptluftbehälter

Druckluft in die Leitung, worauf die Steuerventile so umschalten, daß

die Hilfsbehälter neu aufgeladen werden und die Bremskammern wieder mit

der Außenluft verbunden sind. Sie entleeren sich sogleich, worauf die

Druckfeder die Bremsen löst. Damit das pfeifende Geräusch der aus den

Bremskammern strömenden Luft nicht mehr so laut hörbar wird, wie es

früher der Fall war, ist jetzt von der Ausströmungsöffnung, die nicht am

Bremszylinder selbst liegt, sondern in der Wand des Steuerventilkastens,

ein Rohr zu dem vorderen, offenen Raum des Bremszylinders geführt, der

nun als Schalldämpfer wirkt.

Es geht aus dieser Schilderung hervor, daß ein stufenweises Lösen bei

der Knorr-Bremse so wenig wie bei irgendeiner anderen der bisher

gebräuchlichen Einkammerbremsen möglich ist. Wenn die einmal

hervorgerufene Bremskraft vermindert werden soll, muß stets die gesamte

Druckluft aus der Bremskammer hinausgelassen, und der Zug dann von neuem

angebremst werden. Dabei kann leicht eine Erschöpfung der Bremse

eintreten. Muß der Führer nämlich sofort wieder bremsen, so genügte die

Lösezeit nicht, um den Hilfsluftbehälter wieder richtig aufzufüllen.

Nach mehrmaligem derartigen Bremsen nimmt deshalb der Druck im

Hilfsluftbehälter so stark ab, daß keine ausreichende Bremswirkung mehr

möglich ist. Dies kann besonders in Gefällen schädlich wirken.

Um sich bei der Fahrt über lange Gefällstrecken vor einem Durchgehen des

Zugs möglichst schützen zu können, steht dem Lokomotivführer noch die

Zusatzbremse zur Verfügung. Es ist dies eine Schaltvorrichtung, die

gestattet, ohne Hervorrufen einer Bremsung am Zug nur die Bremsen an

Lokomotive und Tender selbst anzuziehen. Es wird hier in einfachster Art

unmittelbare Wirkung der Druckluft verwendet, so daß stets wieder ganz

schnell gebremst werden kann. Hat der Führer im Gefälle zu stark

gebremst, so daß der Zug stehen zu bleiben droht, muß er wieder lösen,

um von neuem schwächer zu bremsen. Hierbei kann der, wenn auch nur für

kurze Zeit, von jeder Hemmung befreite Zug leicht in zu rasche Bewegung

geraten. Da hilft die Zusatzbremse, die in der gefährlichen Zeit

wenigstens die Räder der Lokomotive und des Tenders gefesselt hält.

Im Zugführerabteil befinden sich ein besonderer Bremshahn und ein

Druckmesser, der ständig den in der Leitung herrschenden Druck kundgibt.

Der Zugführer soll darauf achten, ob dieser auch stets hoch genug ist.

Der Lokomotivführer kann in seinem Stand an zwei Druckmessern die

Pressung im Hauptluftbehälter und in der Hauptleitung erkennen. Oft ist

auch noch ein Druckmesser für den Bremszylinder der Lokomotive

vorgesehen.

Dieselbe Wirkung wie das Führerbremsventil in seiner 6. Stellung bringt

die von einem Fahrgast gezogene Notbremse hervor. Das eiserne Kästchen

über dem Notbremsgriff in jedem Abteil birgt weit weniger geheimnisvolle

Vorkehrungen, als die Fahrgäste oft zu vermuten pflegen. Es ist nämlich

nichts weiter darin, als ein kleiner Kniehebel, an den mittels einer

Klemme ein durch den ganzen Wagen laufendes Drahtseil angeschlossen ist.

Wird durch kräftiges Herunterziehen des Griffs dieses Drahtseil bewegt,

so öffnet es ein Ventil, das sich außen an der einen Stirnseite des

Wagens befindet. Eine große Öffnung der Hauptleitung wird hierdurch

bloßgelegt, und rasches Ausströmen der Leitungsluft tritt ein.

Die älteren Notbremsventile brachten keine ganz so geschwinde Wirkung

hervor. Hierdurch ereignete es sich manchmal, daß der Lokomotivführer

die Notbremsung mit einer plötzlich eingetretenen Undichtigkeit in der

Leitung verwechselte, und ihr durch rasches Aufpumpen der Leitung

entgegenwirkte. Das ist heute ausgeschlossen, da man die Notbremsventile

so ausgestaltet hat, daß sie sich trotz des starken Gegendrucks in der

Leitung, der sie geschlossen hält, schon bei einigermaßen kräftigem Zug

an dem Drahtseil ganz öffnen.

Die älteren Leser werden sich noch des früher auf den deutschen Bahnen

allgemein üblichen Notsignals erinnern. Damals war am ganzen Zug entlang

auf der -- in der Fahrtrichtung gesehen -- rechtsliegenden Außenseite

eine Leine zwischen Dachkante und oberem Fensterrand gezogen. Mit ihrer

Hilfe konnte man, wenn man sie zu erreichen vermochte, die

Lokomotivpfeife zum Ertönen bringen und damit dem Führer das Zeichen zum

Anhalten geben. Mit Recht ist diese Notleine viel bespöttelt worden.

Denn es war in der Tat kaum anzunehmen, daß ein Reisender, den ein

anderer totschlagen wollte, in der kurzen Zeit, die Mörder ihren Opfern

zur Überlegung zu lassen pflegen, imstande sein würde, das Fenster zu

öffnen, hoch nach oben zu greifen und die Leine ein paar Meter lang

herabzuziehen. Die Vorkehrung war mehr ein Beruhigungsmittel für

ängstliche Gemüter als eine wirkliche Sicherheitsvorkehrung. Oft

verwickelte sich die Leine auch in einer der zahlreichen Ösen, durch die

sie hindurchgeführt war, und im Winter konnte sie niemals ordentlich

bewegt werden, weil sie so steif gefroren zu sein pflegte, daß sie einer

Eisenstange glich.

In anderen europäischen Ländern, wie z. B. Österreich und Frankreich, wo

die selbsttätigen Bremsen noch nicht überall durchgeführt sind, benutzt

man heute als Notsignal vielfach elektrische Stromschließer. Bei Zug an

einem Hebel im Abteil ertönt eine Glocke auf der Lokomotive. Auch diese

Vorkehrung kann man so einrichten, daß sie selbsttätig wirkt, also bei

Zugzerreißung von selbst die Notglocke ertönen läßt. Dies ist bei der

Bauart von _Prudhomme_ der Fall. Es sind hier zwei gleich starke

Stromquellen, die sich im ersten und im letzten Zugwagen befinden, so

gegeneinander geschaltet, daß für gewöhnlich kein Strom durch die

Leitung fließt. Sobald jedoch der Zug zerreißt, entstehen zwei getrennte

Stromkreise und, wenn entsprechend vorgesorgt ist, ertönt nun im

vorderen wie im hinteren Zugteil je eine Glocke. Mit der gründlichen

Wirkung der echten Notbremse aber ist die eines solchen Notsignals nicht

zu vergleichen.

Die eben beschriebene Knorr-Bremse ist eine Fortbildung der von dem

Amerikaner George _Westinghouse_ geschaffenen Vorrichtung, die zum

erstenmal die Selbsttätigkeit bei der Druckluftbremse brachte. Noch

heute hat die Westinghouse-Bremse die größte Verbreitung bei uns. Sie

wird aber allmählich immer mehr von der Knorr-Bremse abgelöst, weil

diese eine einfachere Gestaltung des Steuerventils besitzt und auch

sparsamer im Luftverbrauch ist. Im Bereich verschiedener deutscher

Eisenbahnverwaltungen ist die _Schleifer_-Bremse, gleichfalls eine

Einkammerbauart, in Anwendung.

Andere europäische Länder haben der Luftsaugebremse, insbesondere in der

von _Hardy_ geschaffenen Form, den Vorzug gegeben. Sie bietet bei voller

Selbsttätigkeit den Vorteil, daß sie nach rückwärts lösbar ist. Für

Gebirgsbahnen ist sie darum ganz besonders geeignet.

Bei der Hardy-Bremse herrscht in der Leitung nicht ein erhöhter, sondern

ein verminderter Luftdruck. Die Bremskolben werden nicht durch Preßluft

gegen den Atmosphärendruck bewegt, sondern die Außenluft selbst hebt die

Kolben an, indem sie diese in einen Raum mit verdünnter Luft

hineinschiebt. Die Hardy-Bremse besitzt zwei wirksame Kammern.

Auf der Lokomotive befindet sich ein mit Dampf betriebener Luftsauger.

Er stellt durch Absaugen eine Luftverdünnung in der Hauptleitung und in

den beiden über und unter dem Bremskolben liegenden Kammern her. Wenn

gebremst werden soll, läßt der Führer nach und nach Außenluft in die

Leitung und in die untere Bremskammer eintreten. Hierdurch wird der

Kolben angehoben und die Bremswirkung hervorgerufen. Durch erneutes

Absaugen kann der Luftdruck beliebig wieder vermindert werden, so daß

ein stufenweises Lösen stattfindet. Beim Zerreißen des Zugs tritt

selbsttätige Bremswirkung ein, Notbremsung ist äußerlich in derselben

Weise möglich wie bei den Druckluftbremsen.

Da der wirksame Druck bei der Hardy-Bremse nur gering ist, nämlich kaum

mehr als eine halbe Atmosphäre, im Gegensatz zu den meist 5 Atmosphären

der Druckluftbremse, so müssen zur Erzielung eines starken Bremsdrucks

die Kolben hier sehr viel größer gemacht werden. Das Gewicht des

Bremsgeschirrs wird also bedeutend höher. Freilich ist das Abdichten der

einzelnen Teile bei dem geringen herrschenden Druck leichter.

Obgleich die Luftsaugebremse in Deutschland nur auf Klein- und

Nebenbahnen Eingang gefunden hat, findet man doch auf den Hauptbahnen

eine große Reihe von Wagen damit ausgerüstet. Es sind dies die für den

durchgehenden Verkehr bestimmten Wagen, welche nach Österreich, Schweden

und Dänemark laufen sollen. Damit sie hier ohne weiteres in Züge

eingestellt werden können, sind sie außer mit Druckluft- auch mit

Saugluftbremsen ausgerüstet. Aus dem gleichen Grund findet man an ihnen

hier und da Notsignaleinrichtungen für nicht selbsttätige Bremsen,

insbesondere die Bauart Prudhomme.

Eine Luftsaugebremse deutscher Bauart ist die _Körting_-Bremse.

Bei der außerordentlichen Wichtigkeit, welche die Bremse für die

Sicherheit des Zugs besitzt, bestehen bei uns sehr genaue Vorschriften

für ihre Prüfung vor der Abfahrt eines jeden Zugs.

Bevor der Fahrdienstleiter auf dem Ursprungsbahnhof das Zeichen zur

Abfahrt gibt, muß an dem fertig gereihten Zug festgestellt sein, ob sich

die Bremsen überall in ordnungsmäßigem und gebrauchsfähigem Zustand

befinden. Zu diesem Zweck werden die wichtigsten Einzelteile

nachgesehen, und als schärfste Untersuchung findet die Bremsprobe statt.

Nach Aufforderung durch den hierfür bestimmten Beamten hat der

Lokomotivführer eine Betriebsbremsung vorzunehmen. Jeder kennt dieses

plötzliche Anschlagen der Bremsen kurz vor der Abfahrt, das, wie wir

gesehen haben, auch die Fahrgäste unseres im Anhalter Bahnhof stehenden

Schnellzugs ein wenig erschreckte. Der Beamte, dem die Beaufsichtigung

der Bremsprobe übertragen ist, sieht nun an sämtlichen Wagen genau nach,

ob auch alle Bremsklötze richtig an den Radreifen liegen. Wenn dies der

Fall ist, so wurde damit zugleich die Feststellung gemacht, daß alle

Abschlußhähne in der Hauptleitung, bis auf den letzten, geöffnet sind.

Darauf gibt der Beamte dem Lokomotivführer das Zeichen zum Lösen der

Bremsen. Oft werden, um die für längere Wege notwendige Zeit zu

ersparen, die Befehle „Bremsen anziehen“ und „Bremsen lösen“ durch eine

elektrische Signalleitung gegeben. Die kleinen Einschalttasten, die

meist mit einem besonderen Schlüssel betätigt werden müssen, sind

gewöhnlich in der Mitte des Bahnsteigs angebracht.

Nach Beendigung der Bremsprobe hat der Führer bei Fahrtstellung seines

Ventils den Druckmesser für die Hauptleitung zu beobachten. Der Zeiger

soll jetzt fast genau auf 5 Atmosphären einspielen. Sinkt er allmählich,

so ist das ein Zeichen, daß sich Undichtigkeiten in der Leitung

befinden. Diese müssen unbedingt vor der Abfahrt behoben sein. Ist der

Schaden nicht schnell genug auszubessern, so muß der betreffende Wagen

aus dem Zug genommen werden.

Die Bremsprobe ist auf allen Zwischenbahnhöfen zu wiederholen, in denen

Wagen in den Zug eingestellt oder von diesem abgehängt werden. Die

Untersuchung über das richtige Anliegen der Bremsklötze kann hier jedoch

auf den letzten Wagen beschränkt werden.

Auch die Wagenkuppler haben der Herstellung einer sicheren

Bremsverbindung besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Vor dem

Auseinandernehmen der Kupplungsschläuche zwischen zwei Wagen sind die

Leitungshähne auf beiden Seiten zu schließen. Geschieht dies nicht, so

wird beim Entkuppeln der ganze Zug durch Entleerung der Leitung

abgebremst. Es besteht auch Gefahr, daß die Luftpressung im Innern der

Schläuche die Enden beim Entkuppeln scharf auseinander schleudert, so

daß der Bedienungsmann schwer getroffen werden kann. Nicht gekuppelte

Schläuche sind durch Leerkupplungen, die an jeder Pufferbohle hängen, zu

verschließen, damit nicht Fremdkörper in die Leitung gelangen können.

Wenn an festgebremsten Wagen, die nicht mehr mit einer Lokomotive in

Verbindung stehen, die Bremsen gelöst werden sollen, so kann an jeder

Längsseite des Wagens an einem Griff gezogen werden, der eine Entleerung

des Hilfsluftbehälters und damit Umschalten des Steuerventils auf

Lösestellung herbeiführt.

Es wurde bereits angedeutet, daß die heute benutzten Bremsen für die

erhöhten Zuggeschwindigkeiten nicht mehr genügen werden, die man für die

nahe Zukunft anstrebt. Es darf als erwiesen gelten, daß die

Dampflokomotive auch Stundengeschwindigkeiten von 150 Kilometern

einwandfrei zu leisten vermag. Die Krümmungen unserer Hauptbahnstrecken

sind flach genug, der Oberbau ist genügend kräftig, um derartige

Schnelligkeiten ohne wesentliche Änderungen und Verstärkungen

zuzulassen. Da auch die genügende Maschinenkraft unschwer erzeugt werden

kann, so besteht kein technischer Grund, weshalb man nicht einzelne

Schnellzüge mit 150 Kilometern Stundengeschwindigkeit fahren sollte. Die

Bremsen müssen sich dieser Schnelligkeitssteigerung anpassen.

Die Aufgabe ist deshalb besonders schwer zu lösen, weil die

lebendige Kraft eines fahrenden Zugs nicht entsprechend der

Schnelligkeitssteigerung, sondern unverhältnismäßig viel rascher wächst.

Die lebendige Kraft setzt sich zusammen aus der bewegten Masse und der

Geschwindigkeit. Sie steigt mit dem Quadrat der Geschwindigkeit an. Ein

Zug, der mit 135 Stundenkilometern dahinfährt, braucht nicht um die

Hälfte mehr Bremskraft als ein gleich schwerer Zug, der 90 Kilometer in

der Stunde zurücklegt, sondern es muß für ihn die doppelte Bremskraft

aufgewendet werden. Bei einer Steigerung von 60 auf 180 Kilometer -- um

noch ein reines Zahlenbeispiel zu nennen -- ist nicht die dreifache,

sondern die neunfache Bremskraft notwendig. Da die Bremswege bei den

schnellfahrenden Zügen der Zukunft aus den schon erwähnten Gründen der

Signalstellung keinesfalls länger ausfallen dürfen, so muß also eine

Bremse vorhanden sein, die sie sehr viel machtvoller hemmt.

Ein gutes Mittel zur Abkürzung der Bremswege ist die regelmäßige

Anwendung des Sandstreuers. Auf gesandetem Gleis kommt ein Zug sehr viel

eher zum Halten als auf glatten Schienen. Aus Sicherheitsgründen aber

ist die Sandstreuvorrichtung immer nur als Zusatzbremse zu verwerten.

Man kann sich allein auf sie nicht verlassen.

Es wäre nun am einfachsten, eine gut wirkende Schnellbahnbremse dadurch

herzustellen, daß man durch Vergrößerung der Gestänge-Übersetzung zu den

Bremsklötzen den auf die Räder ausübbaren Bremsdruck verstärkt. Das geht

aber nicht ohne weiteres.

Wir wissen bereits, daß mit wachsender Geschwindigkeit der Reibungswert

zwischen Bremsklötzen und Radreifen abnimmt. Eine wirksame

Schnellbahnbremse muß deshalb um so mehr mit sehr starkem Druck

einsetzen. Sobald aber die Geschwindigkeit sich ermäßigt, wächst der

Reibungswert rasch an, und bei hohem Anfangsdruck besteht die Gefahr,

daß die Räder vor Anhalten des Zugs festgestellt werden, also auf den

Schienen gleiten, wodurch eine plötzliche, sehr starke Verminderung der

Bremskraft eintreten würde. Mit Hilfe des Führerbremsventils läßt sich

innerhalb desselben Bremsvorgangs eine Minderung des Drucks der

angezogenen Bremsen wegen der mangelnden Lösbarkeit der bei uns

verwendeten Bauarten nicht erreichen. Es muß also versucht werden, diese

Verminderung bei der Schnellbahnbremse auf anderem Weg herbeizuführen.

Geheimer Oberbaurat _Kunze_ hat eine sehr beachtenswerte und auch

bereits mit guter Wirkung ausgeprobte Bauart für Schnellbahnbremsen

angegeben, die eine solche Wirkung hat. Die Bremsklötze sind hierbei

nicht mehr an einer nur in der wagerechten Ebene verschiebbaren Stange

angebracht; der sie tragende Gestängeteil ist vielmehr auch in der

Senkrechten verschiebbar. Sobald bei Verminderung der Zuggeschwindigkeit

die Reibung zwischen Klötzen und Radreifen eine gewisse Stärke

überschreitet, werden die Bremsklötze von den Radreifen bei ihrer

Drehung etwas mitgenommen. Entgegenwirkende Federkräfte werden

überwunden, der eine Bremsklotz rückt etwas nach unten, der andere nach

oben. Hierdurch werden Luftauslaßventile geöffnet, so daß der Bremsdruck

in den Zylindern sinkt.

Durch diese Zwischeneinrichtung wird es möglich, das Bremsen mit sehr

hohen Anfangsdrücken zu beginnen, ohne daß später ein Feststellen der

Räder eintritt. Die Kunzesche Schnellbahnbremse wird zur Erzielung hoher

Anfangsdrücke mit zwei Bremszylindern ausgerüstet. Es ist bereits

möglich gewesen, mit ihrer Hilfe einen Zug, der mit 120

Stundenkilometern fuhr, nach einem Bremsweg von nur 540 Metern stoßlos

anzuhalten, während bei Anwendung der Westinghouse-Bremse der Bremsweg

760 Meter betrug. Die Schnellbahnbremse kann durch jede Lokomotive

bedient werden, die Einrichtung für gewöhnliche Druckluftbremsung hat.

Mit dieser Bauart also ist wiederum ein Tor geöffnet, das in die Zukunft

führt.

Weit großartigere Hoffnungen noch eröffnet eine allerneueste

Bremsbauart, die äußerlich in bescheidenem Gewand auftritt, aber

geeignet ist, geradezu eine Umwälzung im Eisenbahnverkehr

herbeizuführen.

Trotz der vorzüglich wirkenden Bauarten durchgehender Druckluftbremsen,

die wir besitzen, herrscht die höchst unzeitgemäße Handbremsung auf den

deutschen Bahnen immer noch vor. Der Grund für diesen wenig

wünschenswerten Zustand ist einzig und allein die Tatsache, daß die

Durchschlagsgeschwindigkeiten der Druckluftbremsen bisher für lange

Güterzüge nicht groß genug waren. Die Einwirkungen der ungleichmäßigen

und darum höchst mangelhaften Bremsung der Güterzüge auf den gesamten

Eisenbahnverkehr sind zahlreich und äußerst hinderlich.

Die gewöhnlichen langen Güterzüge können nicht mit größeren

Geschwindigkeiten als 30 bis höchstens 45 Kilometer in der Stunde

gefahren werden. Sie halten also die Strecken übermäßig lange besetzt.

Fortwährend müssen Überholungen durch schneller fahrende Personenzüge

stattfinden, was weiter zeitraubend wirkt. Ein Heer von Bremsern muß

sich ständig auf den Güterzügen befinden, wodurch unter hohen

Gehaltsaufwendungen ein nicht mehr zeitgemäßer Dienstzweig erhalten

bleibt, der schwerste Anforderungen an die Beamten stellt und wenig

begehrenswert ist.

Von jeher ist der Bremser eine von niemandem beneidete Erscheinung im

Eisenbahnbetrieb gewesen. Mit lebhaftestem Bedauern sah man vor

Jahrzehnten, wenn man sich vielleicht gerade im Dämmer eines kalten,

schneedurchwehten Winterabends auf einem Bahnhof befand, auf den offenen

Dachsitzen der Wagen eines ausfahrenden Güterzugs zusammengekauerte

Männer sitzen, die unförmige, turbanartige Mützen tief über den Kopf

gezogen, dicke, haarige Mäntel um sich geschlagen, die Hände in die

Ärmel gesteckt hatten und dennoch erbärmlich in dem schneidenden Wind

froren, der durch die Vorwärtsbewegung in der eisigen Winterluft

entstand. Wenn ein Maler menschliche Trostlosigkeit veranschaulichen

wollte, könnte er keinen besseren Gegenstand wählen, als die Darstellung

eines Bremsers auf einem solchen Dienstplatz, wo er allen Unbilden eines

unbarmherzigen Wetters preisgegeben ist.

Heute sind die offenen Bremsersitze längst verschwunden. Die Verwaltung

der preußisch-hessischen Staatsbahnen hat in ihrem Machtbereich auf

allen Wagen, die Handbremsen besitzen, kleine Häuschen erbauen lassen,

die den Bremsern Unterkunft während der Fahrt gewähren. Aber wenn die

Männer auf den Güterwagen nun auch gegen die ärgsten Sturmgewalten

geschützt sind, so ist ihre Arbeit während des langen Winters doch kaum

angenehmer geworden. Stundenlang haben sie in engem, immer noch

eiskalten Raum zu sitzen, oft müssen sie bei völliger Finsternis

hinaustreten auf die schmale, beeiste Plattform, immer muß ihre

Aufmerksamkeit gespannt sein, damit sie nicht das Pfeifensignal der

Lokomotive überhören, das ein Anziehen der Bremse befiehlt. Während all

ihrer vielen Dienststunden sind sie von jeglichem Verkehr mit ihren

Mitmenschen abgeschnitten, an einen rauhen, höchst unwirtlichen Ort

gebannt.

Die Einführung der durchgehenden Güterzugbremse würde also nicht nur

betrieblich durch die dann mögliche Beschleunigung der Güterzüge einen

außerordentlichen Fortschritt herbeiführen, sie würde auch einem ganzen

Heer von Menschen Befreiung von einem Dienst bringen, der von einer Art

ist, wie man sie heute den Menschen möglichst nicht mehr zumutet. Ein

Heer von Beamten würde für andere Dienste frei, und das ist gerade im

jetzigen Augenblick von höchstem Wert, wo durch den Krieg so viele

dienstkräftige Menschenleben ausgelöscht sind, so daß auch auf den

Eisenbahnen überall ein Beamtenmangel sich fühlbar macht.

Um so mehr ist es zu begrüßen, daß die große, höchst bedeutsame Frage

der Herstellung einer durchgehenden Güterzugbremse während des Kriegs

gelöst worden ist. Seit dem Ende des Jahres 1916 ist diese Bremse

vorhanden.

Ihre Schaffung hat einen ganz ungewöhnlichen Aufwand von Kosten, sowie

technischer und wissenschaftlicher Arbeit erfordert. Ist es doch, wie

immer von neuem betont werden muß, im Eisenbahnbetrieb noch weniger als

in allen anderen technischen Bezirken damit abgetan, daß in jemandes

Gehirn der Grundgedanke für eine Erfindung aufblitzt. Der Herausbildung

des wirklich brauchbaren Gegenstands türmen sich stets ungeheure

Hindernisse entgegen, der praktische Betrieb stellt Forderungen an ihn,

die unbedingt erfüllt werden müssen, obgleich sie außerhalb des engeren

Bereichs der Erfindung liegen. Nur nach Bewährung im eigentlichen

Eisenbahnbetrieb kann eine Erfindung als wirklich anwendbar bezeichnet

werden. Darum ist es so sehr bedauerlich, daß immer wieder sogenannte

Erfinder, die dem Eisenbahnbetrieb vollkommen fernstehen, ihre Zeit und

ihr Geld an die Schaffung von Neuerungen wenden, die nachher meist aus

irgendeinem dem Nichtfachmann verborgenen, aber dennoch durchgreifenden

Grund nicht verwendbar sind.

Die Versuche, die endlich zur Herstellung der durchgehenden

Güterzugbremse führten, haben nicht weniger als zwölf Jahre gewährt. Der

Verein Deutscher Eisenbahnverwaltungen, der sich ja so zahlreiche und

große Verdienste um die Fortentwicklung des gesamten Eisenbahnwesens

auf der Erde erworben hat, gab auch hierzu die Anregung, mehrere

der in ihm vereinigten deutschen Staatsbahnverwaltungen, sowie

auch die österreichischen und ungarischen Staatsbahnen haben sich

um die Entwicklung der neuen Güterzugbremse lebhaft bemüht. Das

größte Verdienst aber kommt wiederum der preußisch-hessischen

Staatsbahnverwaltung zu, die denn auch schließlich die endgültige Bauart

geschaffen hat. Diese ist heute bereits von sämtlichen deutschen

Staatsbahnverwaltungen für den Einbau in Güterzüge angenommen worden,

desgleichen haben Österreich und Ungarn die Einführung beschlossen.

Inmitten des Kriegs ist so im Schoß der schwer bedrängten Mittelmächte

ein in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug einzuschätzender

Kulturfortschritt emporgewachsen. Trotz der ungeheuren, eine hohe Zahl

von Millionen fordernden Ausgaben, welche die Einführung der neuen

Bremse verursachen wird, ist mit ihrem Einbau bereits begonnen worden,

und nach wenigen Jahren wird der Handbremser im Bereich der Mittelmächte

gänzlich verschwunden sein. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die

angrenzenden Staaten in nicht allzu ferner Zeit die Bremse gleichfalls

annehmen werden.

Sie hat neben ihrer Wirkung auf den Güterzugverkehr noch den Vorteil,

daß sie auch an Personenwagen in gleicher Bauart verwendet werden kann.

In Zukunft werden wir also eine Einheitsbremse besitzen, so daß man

alsdann Personen- und Güterwagen in beliebiger Weise und ohne

Schnelligkeitsverminderung der Züge durcheinander in diese wird

einstellen können.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 36 / 60 段