4. im Gefahrfall muß der höchstmögliche Bremsdruck sofort

hervorgerufen werden können (Schnellbremsung);

5. die angezogenen Bremsen sollen stufenweis lösbar sein;

6. die Bremsen sollen unerschöpfbar, das heißt das Bremsmittel auch

nach noch so vielen Anwendungen stets in genügender Menge vorhanden

und für eine neue Bremsung bereit sein;

7. die Bremse muß selbsttätig sein, also bei Beschädigung der Leitung

oder Zerreißung des Zugs auch ohne Mitwirkung des Führers in Tätigkeit

treten.

Die erste Anforderung versteht sich von selbst. Die zweite ist wegen des

sonst entstehenden Auflaufens der Wagen notwendig, was bereits erörtert

wurde.

Die Abstufbarkeit der Bremsung (Forderung 3) macht den Führer erst

wirklich zum Herrn des Zugs. Er kann hierdurch die Schnelligkeit der

Fahrt nach seinem Belieben abdrosseln, dem Zug eine mäßige

Geschwindigkeit geben, ohne ihn anzuhalten, und auch in langen Gefällen

vermag er ihn vollkommen unter seine Botmäßigkeit zu zwingen.

Die Schnellbremsung (Forderung 4) ist das beste Mittel zur Abwendung

plötzlich auftretender Gefahren, und sie allein gewährt die Möglichkeit,

noch rechtzeitig anzuhalten, wenn ein Signal, das Fahrt Frei zeigt,

kurz bevor die Maschine an ihm vorbeigeht, plötzlich auf Halt gestellt

wird.

Die stufenweise Lösbarkeit (Forderung 5) ist in langen Gefällstrecken

besonders wichtig. Wo sie nicht vorhanden ist, muß der Führer, wenn er

zu stark gebremst hat, so daß der Zug unbeabsichtigt stehen bleibt, die

Bremsen vollständig lösen, ehe er eine neue, schwächere Bremsung

einleiten kann. Während des Lösens kann der nun ungehemmte Zug aber

leicht eine zu große Geschwindigkeit erlangen, so daß Entgleisungsgefahr

entsteht. Auch für die Einfahrt in Bahnhöfe ist die Lösbarkeit sehr

erwünscht, weil sonst bei zu stark verzögerter Einfahrgeschwindigkeit

oder gar bei verfrühtem Anhalten stets die Einleitung einer neuen

Bremsung notwendig ist, die leicht zum Überfahren der vorgeschriebenen

Haltestelle führen kann, da bis zum Eintritt ihrer Wirkung ja stets eine

gewisse Zeit vergehen muß. Auch der starke Luftverbrauch durch das

gänzliche Ablassen der einmal benutzten Bremsluft und die notwendige

Verwendung stets neuer Druckluft kommen in Betracht, da für deren

Bereitung viel Kraft und eine entsprechende Menge Kohle verbraucht wird.

Eine vollkommene Bremse muß stets in voller Bereitschaft sein (Forderung

6). Auch nach Vornahme mehrerer Betriebsbremsungen, ja selbst nach einer

Schnellbremsung, muß immer wieder sofort ein neuer Bremsvorgang möglich

sein, denn jede Sekunde kann neue Gefahren bringen. Die Eigenschaft

steter, unbedingter Bereitschaft kann aber nur eine solche durchgehende

Bremse besitzen, deren Kraftquelle unerschöpfbar ist.

Als ganz besonders wichtig ist Forderung 7, die Selbsttätigkeit der

durchgehenden Bremse, überall anerkannt. Ohne diese Eigenschaft ist jede

Anordnung solcher Art unbrauchbar. Der Führer muß sich ja auf die

Bereitschaft seiner Bremse stets verlassen können. Es wäre schlimm, wenn

diese schon bei jeder in einem Schlauch auftretenden Undichtigkeit

versagte. Die Selbsttätigkeit bringt nun mit sich, daß bei starken

Undichtigkeiten und noch vielmehr beim Zerreißen des Zugs die Bremsen

überall von selbst anschlagen. Abgetrennte Zugteile bleiben von selbst

stehen, da sie festgebremst werden. Sie können also auf Steigungen nicht

rückwärts rollen, was schwerste Gefahren hervorrufen würde. Die

Selbsttätigkeit gibt ferner die Möglichkeit, den Zug von jedem Abteil

aus durch Ziehen an einem Handgriff abzubremsen.

Man sieht aus diesen sieben Forderungen, daß es keineswegs leicht ist,

eine wirklich brauchbare durchgehende Bremse zu bauen. Die Bremsarten,

die heute überhaupt noch in Betracht kommen können, dürfen allenfalls

die Forderungen 5 und 6 (stufenweise Lösbarkeit und Unerschöpfbarkeit)

unerfüllt lassen. Allen übrigen aber muß restlos entsprochen werden.

Wenn man Druckluft als Bremsmittel verwendet, so wäre die folgende

Bauart am einfachsten:

Auf der Lokomotive befindet sich eine dampfangetriebene Pumpe, die

gepreßte Luft in einem Behälter speichert. Unter Einschaltung eines

durch den Führer steuerbaren Ventils geht von diesem Behälter eine

Rohrleitung ab, die den Zug bis zu seinem Ende durchläuft. Unter jedem

Fahrzeug befindet sich eine Abzweigung zu dem an das Untergestell

gehängten Bremszylinder. In diesem ist ein luftdicht eingesetzter Kolben

beweglich angeordnet. Sobald der Führer durch Öffnen des Ventils

Druckluft in die Leitung läßt, wird der Kolben im Zylinder vorgetrieben,

er bewegt das Bremsgestänge und drückt die Klötze an. Durch das gleiche

Führerventil in anderer Stellung kann die Leitung unter Abschluß vom

Behälter mit der Außenluft in Verbindung gebracht werden. Je nach der

Menge der Druckluft, die man hierbei austreten läßt, findet ein

stufenweises Lösen der Bremsen statt. Auch für das Anziehen ist eine

Abstufung ohne weiteres erreichbar, und desgleichen kann eine

Schnellbremsung durch Eröffnung einer weiten Verbindung mit dem

Druckluftbehälter leicht herbeigeführt werden.

Dadurch wird den Forderungen 1, 3, 4, 5 und, bei sehr großem

Speicherbehälter, auch der Forderung 6 entsprochen. Aber das Anziehen

der Bremsen erfolgt nicht gleichzeitig unter allen Fahrzeugen, und die

Vorrichtung ist nicht selbsttätig. Die Forderungen 2 und 7 bleiben also

unerfüllt. Ihre Wichtigkeit ist aber so bedeutend, daß Bremsen der eben

geschilderten Art heute für Vollbahnen nicht mehr in Betracht kommen

können.

Bei der eben beschriebenen Anordnung muß die Luft, um die Bremsung auch

des letzten Wagens herbeizuführen, jedesmal die ganze Leitung von der

Lokomotive an durcheilen und sämtliche Bremsbehälter anfüllen. Hierzu

braucht sie Zeit. Und sind es auch nur wenige Sekunden, so genügen diese

doch schon, um ein schädliches Auflaufen herbeizuführen. Tritt eine

Beschädigung der Leitung ein, so spricht die Bremse nicht mehr an. Eine

Notbremsung von den einzelnen Abteilen aus ist nicht möglich. Auch das

Lösen der Bremsen geht sehr langsam vor sich, da die Luft ja nur eine

einzige Austrittsöffnung im Führerventil hat. Der Verbrauch an Luft ist

außerordentlich groß, was viel Geld kostet.

Aus all diesen Gründen ist man von der an sich einfachen Bauart mit

unmittelbarer Wirkung der Druckluft ganz abgekommen. Alle heute

gebräuchlichen Luftbremsen haben mittelbare Wirkung. Ferner ist

kennzeichnend für sie die Aufspeicherung der Bremskraft unter jedem

Wagen.

Die in Deutschland zuerst angewendete durchgehende Bremse mit

mittelbarer Wirkung und Selbsttätigkeit war die in früheren Jahrzehnten

bei uns weit verbreitete Bauart nach _Carpenter_. Es war eine

Zweikammerbremse.

Bei der Fahrt- und Lösestellung der Bremse befand sich der Kolben im

Zylinder in einer Mittelstellung, so daß er den Zylinder in zwei Räume

oder Kammern teilte. Wenn die Leitung unter Druck gesetzt wurde, so

strömte Druckluft unter den Kolben und durch eine schmale Nut in der

Zylinderwandung auch über den Kolben, so daß auf dessen beiden Seiten

gleicher Druck herrschte. In diesem Zustand, wenn also Hauptleitung und

beide Zylinderkammern unter Druck standen, war die Bremse geladen, das

heißt zur Arbeit bereit.

Sobald der Führer bremsen wollte, stellte er sein Bremsventil so, daß

die Hauptleitung mit der Außenluft in Verbindung kam. Alsbald

verminderte sich der Druck in der Hauptleitung und auch in der Kammer

auf der Unterseite des Kolbens, die mit der Leitung in unmittelbarer

Verbindung stand. Hierdurch wurde der Kolben einseitig entlastet. Die in

die obere Kammer gesperrte Druckluft bewegte den Kolben nach unten, und

sogleich entfernte sich dieser aus dem Bereich der kurzen Verbindungsnut

zwischen den beiden Kammern. Fortab war also die Oberkammer luftdicht

abgeschlossen. Je nach dem Grad der Druckverminderung in Hauptleitung

und Unterkammer wurde der Kolben mehr oder weniger weit vorgeschoben,

und die Bremse dementsprechend angezogen. Eine stufenweise Lösbarkeit

war ohne weiteres durch Wiederaufpumpen von Leitung und Unterkammern

möglich.

Obgleich die Carpenter-Bremse also ganz vorzügliche Eigenschaften hatte,

ist sie heute doch von den Vollbahnen gänzlich verschwunden. Um ein

kräftiges Anziehen der Bremsen herbeizuführen, mußte nämlich bei ihr

eine sehr große Luftmenge durch das Führerbremsventil entweichen, da ja

der gesamte Inhalt der Hauptleitung und der Unterkammern durch die

einzige Öffnung im Führerbremsventil hinausgelassen werden mußte.

Naturgemäß entleerten sich die Unterkammern der vorderen Wagen

geschwinder als die der hinteren, wodurch ungleichmäßige Bremsung

eintrat. Diesen Fehler hat man zwar durch Anbringung einer

Hilfseinrichtung, nämlich von Auslaßventilen an den einzelnen Wagen,

schließlich zu beseitigen vermocht, aber der Bremsvorgang in seiner

Gesamtheit ging, insbesondere bei Gefahrfällen, doch nicht schnell genug

vor sich. Bei den heutigen langen und schnellfahrenden Zügen ist aber

eine solche Verzögerung ganz unzulässig, weil sie schwere Gefahren

bringen kann. Auch der Druckluftverbrauch der Zweikammerbremse war sehr

groß, was den Bremsbetrieb verteuerte und erschwerte.

Man ist darum zur Einkammer-Bauart übergegangen, die heute bei uns

alleinherrschend ist.

Auch hierbei befindet sich die durchgehende Hauptleitung stets unter

Druck. Außer dem Bremszylinder, welcher hier an der einen Kolbenseite,

nämlich dort, wo die Stange hinausgeht, offen ist, befindet sich unter

jedem Wagen noch ein Hilfsluftbehälter, in dem die Bremsluft gespeichert

wird. Dieser Behälter kann durch das Steuerventil sowohl mit der

geschlossenen Kammer des Bremszylinders wie mit der Hauptleitung

verbunden werden.

In dem Steuerventil finden wir die Seele der gesamten Anordnung

eingeschlossen. Obgleich es mit seinem Gehäuse kaum größer als zwei

Fäuste ist, vermag es doch außerordentliches zu leisten. Nur der aufs

höchste verfeinerten mechanischen Kunst unserer Tage ist es zu

verdanken, daß einem schmächtigen Apparat so viele wechselnde

Verrichtungen überlassen werden können. Die kleinen Kolben der

Steuerventile allein sorgen für die Sicherheit des Zugs. Von ihrer

Verläßlichkeit, die trotz der schweren Erschütterungen aller Fahrzeuge

gewahrt bleiben muß, hängt es ab, ob der Zug dem auferlegten Zügel

gehorcht oder nicht.

In der Fahrt- und Lösestellung sind bei der Einkammerbremse die

Hauptleitung, der Hilfsluftbehälter und das Gehäuse des Steuerventils

mit Druckluft geladen. Die Kammer des Bremszylinders (das heißt immer

die geschlossene Kammer) steht mit der Außenluft in Verbindung. Eine

gegen die andere Seite des Kolbens drückende Feder hält diesen

eingezogen und damit die Bremsklötze in Abstand von den Radkränzen.

Wenn gebremst wird, verbindet der Lokomotivführer durch geeignete

Stellung des Bremsventils wiederum die Hauptleitung mit der freien Luft.

Sobald hierdurch der Druck in der Hauptleitung nachläßt, vermindert er

sich auch im Gehäuse des Steuerventils; dessen Kolben, der nun einseitig

entlastet ist, macht eine kleine Bewegung, wodurch er den

Hilfsluftbehälter von der Hauptleitung abschaltet, die Verbindung der

Kammer des Bremszylinders mit der Außenluft unterbricht und gleichzeitig

eine Verbindung zwischen Hilfsbehälter und Bremskammer herstellt. Die in

ihrem Druck nicht verminderte Luft aus dem Hilfsbehälter tritt darauf in

die Bremskammer über, drückt den Kolben je nach der Höhe der

Druckverminderung, die in der Hauptleitung eingetreten ist, mehr oder

weniger stark vor sich her, wodurch ein entsprechendes Anziehen der

Bremsen stattfindet. Das Lösen erfolgt durch erneute Erhöhung des Drucks

in der Hauptleitung. Hierdurch legt sich das Steuerventil wieder um,

stellt die Verbindung zwischen Bremskammer und Außenluft von neuem her,

so daß die dort hineingelangte Druckluft hinaus kann. Zugleich wird der

Hilfsluftbehälter wieder mit der Hauptleitung verbunden, so daß auch er

von neuem aufgefüllt werden kann.

Die Selbsttätigkeit dieser Bremsbauart ist gewährleistet. Die

Gleichmäßigkeit des Bremsenanzugs ist sehr groß, da durch die Öffnung im

Führerbremsventil ja nur ein Teil der in dem dünnen Hauptleitungsrohr

enthaltenen Luft zu entweichen braucht, dagegen keine Entleerung großer

Kammern mehr stattfinden muß wie bei der Carpenter-Bauart. Rückwärtige

Lösbarkeit aber ist nicht möglich, da die Luft aus den Bremszylindern

nur ganz, aber nicht teilweise hinausgeschafft werden kann.

Nachdem wir uns so über die Wirkungsart der Einkammerbremse im

allgemeinen unterrichtet haben, wollen wir die wichtigsten Einzelheiten

ihres Baus an dem Beispiel der bei uns weitverbreiteten _Knorr_-Bremse

besprechen. (Siehe die Klappblätter am Ende des Buchs.)

Wie bei allen Druckluftbremsen wird die Preßluft auch bei der

Knorr-Bremse durch eine auf der Lokomotive aufgestellte Pumpe bereitet.

Nach dem Öffnen eines Ventils im Führerstand tritt eine kleine,

senkrecht stehende Dampfmaschine in Tätigkeit, deren Kolbenstange nach

unten über den Dampfzylinder hinaus verlängert ist und einen zweiten

Kolben trägt, der sich gleichfalls in einem Zylinder bewegen kann. Durch

das Hin- und Hergehen der Kolben wird Luft in dem zweiten Zylinder

zusammengepreßt und in dem Hauptluftbehälter gespeichert, der unter dem

Kessel der Maschine aufgehängt ist. In diesem Behälter herrscht

gewöhnlich ein Druck von 8 Atmosphären.

Durch das Zusammenpressen auf so hohen Druck wird die Luft im

Pumpenzylinder sehr stark erhitzt, was das Arbeiten der Vorrichtung

ungünstig beeinflußt. Man ist daher neuerdings dazu übergegangen, die

Pressung bis zur Höhe von 8 Atmosphären nicht in Einem Arbeitsvorgang

stattfinden zu lassen, sondern die Druckerhöhung in zwei Stufen zu

zerlegen. Die Luftpumpe hat dann zwei Luftzylinder, die untereinander

liegen. Die Außenwandungen der Zylinder sind mit Rippen versehen, damit

sie bei der Fahrt möglichst stark abgekühlt werden. Der zweite, kleinere

Zylinder ist bei manchen Luftpumpen von außen her nicht ohne weiteres zu

sehen, da er oft schon in und unter dem Rahmen der Lokomotive liegt.

Das Anstellen der Pumpe bei zu tiefem Sinken des Drucks im

Hauptluftbehälter findet entweder von Hand statt oder vollzieht sich

mittels eines Regelventils selbsttätig; in gleicher Weise kann die

Abschaltung bei genügend hohem Druck herbeigeführt werden. Der Abdampf

der Luftpumpe wird durch ein Rohr in den Schornstein geleitet, wo er mit

einem stöhnenden Geräusch zu entweichen pflegt. Man hört dieses

taktmäßige Stöhnen regelmäßig an Maschinen, die abfahrtbereit vor einem

Zug liegen.

Vom Hauptluftbehälter geht die Hauptleitung ab, die unter allen

Fahrzeugen des Zugs durchläuft. Sie wird zunächst zum Führerbremsventil

geführt.

Dieses ist wiederum eine höchst verwickelt gebaute Vorrichtung, ein

feinmechanisches Kunstwerk wie das Steuerventil. Der Führer ist

imstande, den Bremshebel sechs verschiedene Stellungen einnehmen zu

lassen.

1. Füllen und Lösen;

2. Fahrtstellung;

3. Mittelstellung;

4. Abschlußstellung;

5. Betriebsbremsung;

6. Schnellbremsung.

Wenn der Bremshebel sich in Stellung 1 befindet, ist der

Hauptluftbehälter mit der Hauptleitung verbunden. Durch den hierbei

infolge des hohen Hauptbehälterdrucks von 8 Atmosphären in der

Bremsleitung erzeugten Druckstoßes wird ein rasches Auffüllen der

Leitung, der Hilfsluftbehälter und der Steuerventilkästen bewirkt.

Der Führer darf den Hebel aber nicht lange in Stellung 1 lassen, da der

Betriebsdruck in der Leitung und in den Hilfsluftbehältern nicht mehr

als 5 Atmosphären betragen darf. Er muß deshalb den Hebel rechtzeitig in

Stellung 2 bewegen, bei der die unmittelbare Verbindung zwischen

Hauptluftbehälter und Leitung aufgehoben ist.

Auch während der Fahrt nimmt der Hebel diese Stellung ein. In ihr ist

die Hauptleitung mit dem Hauptluftbehälter nur noch über ein

selbsttätiges Druckminderungsventil verbunden, das in der Hauptleitung

den vorgeschriebenen Betriebsdruck von 5 Atmosphären aufrecht erhält.

Beim Sinken des Drucks in der Hauptleitung unter den Betriebsdruck, das

durch kleine Undichtigkeiten hervorgerufen werden kann, läßt dies Ventil

genügend Druckluft aus dem Hauptluftbehälter selbsttätig nachströmen.

Die dritte Stellung, Mittelstellung, wird nur verwendet, wenn die

Maschine bei Vorspann als zweite Lokomotive fährt, von der aus der Zug

nicht gebremst wird. Alsdann ist das Führerbremsventil nur ein Teil der

bis zur ersten Lokomotive durchlaufenden Hauptleitung.

Nach jeder Betriebsbremsung wird der Hebel des Führerventils in die

vierte, die Abschlußstellung, gebracht. Alsdann bleibt in der Leitung

die durch die Betriebsbremsung herbeigeführte Druckverminderung

bestehen, die gewollte Bremsstufe erhalten.

Bei Betriebsbremsung wird in Stellung 5 gegangen. Je nach der Länge der

Zeit, während welcher der Führer den Hebel hier dauern läßt, entweicht

mehr oder weniger Luft aus der Leitung, und es tritt eine entsprechende

Bremsstufe ein. Die Hauptleitung wird bei diesem Vorgang jedoch nicht

unmittelbar mit der Außenluft in Verbindung gebracht, das

Führerbremsventil läßt vielmehr nur Luft aus einem Ausgleichbehälter

abströmen. Erst ein zwischen diesen Behälter und die Hauptleitung

geschaltetes Ausgleich-Ventil verbindet dann die Hauptleitung solange

mit der Außenluft, bis Druckausgleich zwischen Hauptleitung und

Ausgleichbehälter stattgefunden hat.

Dieser zunächst merkwürdig erscheinende Umweg ist eine ganz besondere

Feinheit der Bremsanordnung. Würde das Führerbremsventil der Luft in der

Hauptleitung ohne weiteres den Ausweg eröffnen, so müßte der Führer, um

bei verschiedenen Zügen die gleiche Bremsstufe herbeizuführen, den

wechselnden Zuglängen entsprechend jedesmal anders bremsen. Damit in

einem Zwölfwagenzug die gleiche Druckverminderung in der Leitung

entsteht wie bei einem Sechswagenzug, muß natürlich mehr Luft abgelassen

werden, was länger dauert. Eine solche wechselnde Anpassung der

Betriebsbremsung an die verschiedenen Zuglängen wäre aber zu schwierig.

Das Bremsen, das schon ohnedies eine Kunst ist, würde alsdann niemals

mehr mit der notwendigen Genauigkeit ausgeführt werden können. Der

Ausgleichbehälter aber, aus dem der Führer durch sein Ventil die

Druckluft unmittelbar abströmen läßt, verändert seine Größe niemals. Der

Führer hat gelernt, das Bremsen ein für allemal der Größe des Behälters

entsprechend auszuführen. Der in diesem hervorgerufene Unterdruck

besorgt das verschieden lange Offenhalten des Auslaßventils für die

Leitung alsdann von selbst, sowie es den wechselnden Zuglängen

entspricht.

Die 6. und letzte Stellung des Hebels am Führerbremsventil führt eine

Schnellbremsung herbei. Dies geschieht dadurch, daß ein sehr weiter

Auslaß der Hauptleitung ohne weiteres geöffnet wird, so daß eine sehr

rasche, sturzartige Entleerung der Leitung stattfindet. Selbst in langen

Personenzügen schlagen die Bremsen bei diesem Vorgang so gut wie

gleichzeitig überall sehr kräftig an, es wird der kürzeste Bremsweg ohne

Zerrungen im Zug erzielt, zumal das Steuerventil in solchem Fall, wie

wir noch hören werden, einen besonders kräftigen Bremsdruck entstehen

läßt.

Die Bremsen an Lokomotive und Tender sind für unmittelbare Wirkung der

Druckluft eingerichtet. Sie brauchen ja nicht selbsttätig zu sein, da

ein Abreißen des Tenders von der Lokomotive unmöglich zu geschehen

vermag, ohne daß der Führer es bemerkt, und weil das Führerbremsventil

hier auch als Notbremse verwendet werden kann. Bei den Lokomotiven sind

meist senkrecht stehende Bremszylinder üblich, während diese an den

Wagen wagerecht zu liegen pflegen. Ein besonderer Lösehebel gestattet

alleiniges Lösen der Bremse an Lokomotive und Tender, während die Wagen

gebremst bleiben.

Die unter den Wagen durchlaufende Hauptleitung besteht aus einem fest

angebrachten, eisernen Rohr. Die Verbindung von Wagen zu Wagen wird

durch Gummischläuche hergestellt. Diese werden durch Bremskupplungen

miteinander verbunden. Beim Zusammenfügen der Kupplungen werden durch

einfache Drehung der Kupplungsköpfe Gummiringe so fest aufeinander

gepreßt, daß eine luftdichte Verbindung entsteht. Vor jedem

Schlauchansatz befindet sich ein Hahn, mit dem die feste Wagenleitung

abgeschlossen werden kann. An einem Zug, der sich in Bremsbereitschaft

befindet, sind sämtliche Hähne geöffnet, bis auf den letzten, der sich

in Abschlußstellung befindet.

Wir wissen bereits, daß sich unter jedem Wagen ein Bremszylinder, ein

Hilfsluftbehälter und ein Steuerventil in seinem Gehäuse befinden. Die

beiden erstgenannten sind meist in einem einzigen Baustück vereinigt.

Der Hilfsluftbehälter ist nichts weiter als ein leerer Kasten zur

Luftspeicherung. Das Steuerventil, das die Verbindung zwischen

Hilfsluftbehälter und Bremskammer zu beeinflussen hat, ist baulich nicht

zwischen beide gesetzt, sondern an der Rückwand des Hilfsluftbehälters

angebracht. Da der Übertritt der Luft vom Hilfsbehälter zur Bremskammer

durch die Steuervorrichtung hindurch erfolgen muß, so ist ein

Verbindungsrohr zwischen Steuerventil und Bremskammer quer durch den

Hilfsbehälter hindurchgeführt, dessen Innenraum also erst auf diesem

Umweg mit der baulich unmittelbar anstoßenden Bremskammer verbunden ist.

Während der Fahrt sind Leitung, Hilfsluftbehälter und Steuerventilkasten

mit Preßluft von 5 Atmosphären Druck gefüllt. Die sonst geschlossene

Kammer des Bremszylinders steht durch eine Öffnung im Steuerventil in

Verbindung mit der Außenluft. Der Bremskolben ist durch die Druckfeder

zurückgepreßt.

Bei einer Betriebsbremsung geht folgendes vor sich.

Der Druck in der Hauptleitung und im Steuerventilkasten sinkt. Der

Steuerventilkolben verschiebt sich, verschließt die Verbindung des

Bremszylinders mit der freien Luft und des Hilfsluftbehälters mit der

Leitung. Zugleich wird der Hilfsluftbehälter durch das querende Rohr mit

der Bremskammer verbunden, und in diese tritt Druckluft ein. Das

Steuerventil wirkt hierbei als Druckminderungsventil, das je nach der

Menge der Luft, die der Führer aus der Leitung hat entweichen lassen

mehr oder weniger Druck aus dem Hilfsluftbehälter in die Bremskammer

läßt. Hierdurch kann der Führer ein stufenweises Bremsen herbeiführen.

Wird aber der Hebel des Führerbremsventils in die Schnellbremsstellung

gelegt, dann vermindert sich der Druck in der Hauptleitung sehr rasch.

Die Steuerventile schlagen sämtlich sogleich in ihre Endstellung zurück,

wodurch nicht nur das Übertreten von Druckluft aus den Hilfsbehältern,

sondern auch unmittelbar aus der Hauptleitung in die Bremszylinder

bewirkt wird. Das hat einen doppelten Vorteil. Die Hauptleitung wird

rasch leer, weil nicht mehr ihr gesamter Inhalt allein durch das

Führerbremsventil hinaus muß, so daß eine große Gleichmäßigkeit im

Anziehen der Bremsen eintritt, und die Klötze werden weit kräftiger

angedrückt als sonst, da ja der volle Leitungsdruck sich dem Druck aus

den Hilfsluftbehältern noch zugesellt.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 35 / 60 段