Aus all diesen Gründen eben versieht man jeden Zug mit einem kräftig

wirkenden Zügel. Der Zeitpunkt und die Stärke seiner Anwendung werden

allein von dem Mann bestimmt, der am ehesten den Zustand der Strecke zu

überschauen vermag, der pflichtgemäß über die Sicherheit des Zugs zu

wachen hat: vom Lokomotivführer. Erst dadurch, daß er nicht nur die

Peitsche, in Form des Reglerhebels, sondern auch den Zügel, nämlich die

_Bremse_, zur Hand hat, wird er zum wirklichen Beherrscher des Zugs.

Freilich kann der Führer keine unumschränkte Herrschaft ausüben. Seine

Regierungsmaßnahmen sind vielmehr abhängig von der Verfassung, welche

die Natur dem Schienenreich gegeben hat. Der Zügel mag noch so kräftig,

seine Wirkung so rasch wie nur irgend möglich sein, er darf nicht in

einer Weise angezogen werden, die ein augenblickliches Anhalten des mit

voller Geschwindigkeit laufenden Zugs bewirkt. Denn in diesem wohnt die

lebendige Kraft. Sie kann, je nach ihrer Stärke, nur nach Ablauf einer

längeren oder kürzeren Zeit zum Verschwinden gebracht werden, wenn der

Zug nicht schwer gefährdet werden soll.

Die lebendige Kraft, die einem Schnellzug unserer Tage eigen ist,

gleicht der eines Geschosses, das aus weitem Rohr abgefeuert ist. Trifft

ein solches mitten auf seinem Weg ein festes Ziel, etwa einen

Schiffspanzer, der seine Bewegung plötzlich aufhebt, so wird sein Mantel

innerhalb des Bruchteils einer Sekunde rotglühend. Die lebendige Kraft

kann eben nach dem Gesetz über ihre Erhaltung, das wir durch Julius

Robert Mayer und Helmholtz kennen, auf keine Weise restlos vernichtet

werden. Mit Vorliebe wandelt sie sich in Wärme um. Alle Teile eines in

rascher Bewegung befindlichen, jählings gehemmten Körpers aber, die

nicht unverrückbar festgehalten werden, setzen mit außerordentlicher

Kraft die Bewegung fort. Gelänge es also auch, die Wagen eines

Schnellzugs so machtvoll zu zügeln, daß sie auf der Stelle stehen

blieben, so würde doch alles, was sich in den Abteilen befindet, mit

ungeheurem Stoß gegen die Vorderwand geschleudert werden. Die

Gepäckstücke würden wie Kanonenkugeln durch die Luft sausen, die

Menschen mit fürchterlicher Gewalt von den Sitzen geschleudert werden.

Alle Erscheinungen eines Eisenbahnzusammenstoßes würden auftreten, denn

dessen zerstörende Wirkung entsteht ja durch nichts anderes, als eben

durch die plötzliche Abdrosselung der lebendigen Kraft des Zugs.

Aus diesem Grund sind die Bemühungen all der zahllosen Erfinder

unsinnig, die sich immer von neuem damit abquälen, Vorrichtungen zum

augenblicklichen Anhalten von Schnellzügen zu erdenken. Was sie durch

ihre Erfindung verhindern wollen, die Folgen eines urplötzlichen Stoßes,

würde gerade durch diese Art der Zügelung herbeigeführt werden.

Es kann sich also nicht darum handeln, zur Hemmung der Züge etwa Pfähle

von der Lokomotive oder den Wagen aus senkrecht in die Bettung zu

stoßen, sondern man muß für die Beendigung der Zugbewegung ein Mittel

anwenden, das zwar rasch wirkt, aber die lebendige Kraft doch nur

allmählich vernichtet. Man muß ihr unbedingt eine gewisse Zeit lassen,

eines natürlichen Todes zu sterben. So will es die Allmeisterin Natur,

gegen deren Verfügungen es keine Berufung gibt.

Als bestes Mittel zum Anhalten der Züge in dieser Art hat sich das

Andrücken von Bremsklötzen gegen die Laufkränze der Räder erwiesen.

Hierbei tritt eine Umwandelung der lebendigen Kraft des Zugs in Wärme

ein. Klötze und Radreifen erhitzen sich.

Früher einmal hat man versucht, die Schlittenbremse zu verwenden, bei

der Platten gegen die Schienenköpfe gepreßt wurden. Aber diese Platten

richteten beim Schleifen über Weichenzungen und Herzstücke böse

Zerstörungen im Gleis an, sie entlasteten ferner die Achsen der

Fahrzeuge, so daß Entgleisungsgefahr entstand. Heute ist darum

ausschließlich die Räderbremse in Anwendung.

Mit ihrer Hilfe ist man imstande, selbst die schwersten Schnellzüge aus

der Höchstgeschwindigkeit von 100 Kilometern in der Stunde mit einem

Bremsweg von 500 bis 600 Metern zum Halten zu bringen. Als Bremsweg

bezeichnet man die Strecke, die der Zug vom ersten Anstellen der Bremse

bis zum völligen Stillstand durchläuft. Sie darf keinesfalls um ein

beträchtliches größer sein, als eben angegeben, da sonst die Stellung

der Signale in einer Weise geändert werden müßte, die nicht angängig

ist. Darüber werden wir in Abschnitt 21 noch Näheres hören.

Die bei den heutigen Bremsen unmittelbar wirkenden Teile, die

Bremsklötze, werden aus Gußeisen hergestellt, das mit Stahlabfällen

zusammengeschmolzen ist. Werden ihre Oberflächen gegen die stählernen

Radreifen gepreßt, so ergibt das eine genügend starke Reibung, um die

Geschwindigkeit der Fahrzeuge hinunterzusetzen.

Die Stärke der Bremsung ist abhängig von dem Grad der Reibung zwischen

Klötzen und Rädern. Dessen Größe aber bleibt bei gleichem Bremsdruck

nicht unverändert. Der Wert der Reibung zwischen Klotz und Radreifen

wächst nämlich mit sinkender Geschwindigkeit. Drückt man im Anfang die

Bremsen auch nur sanft an, so entsteht hierdurch, wenn der Zug sich dem

Stillstand nähert, ganz von selbst eine sehr starke Bremskraft. Die

Bremsung darf also nicht zu kräftig einsetzen, was an sich wünschenswert

wäre, da sonst ein ruckendes Anhalten des Zugs stattfinden würde. Und

dies ist um so mehr zu befürchten, als die heute bei uns üblichen

Bremsbauarten ein Verringern des Bremsdrucks innerhalb eines und

desselben Bremsvorgangs nicht gestatten. Schon hieraus geht hervor, daß

das Bedienen der Bremsen keine rein handwerksmäßige Arbeit ist, sondern

eine recht bedeutende Kunstfertigkeit erfordert.

In ganz besonders sorgfältiger Weise muß darauf geachtet werden, daß die

Räder durch die Klötze nicht vollkommen festgestellt werden. Sie müssen

sich, solange der Zug in Bewegung ist, immer noch etwas drehen können.

Die Erfahrung hat nämlich die eigenartige Tatsache gelehrt, daß die

Reibung eines auf der Schiene wenn auch noch so langsam rollenden Rads

weit größer ist als die des nur gleitenden Rads. Die kräftigste Reibung,

also die Vollbremsung, tritt ein, wenn die Räder sich nur noch ganz

sacht drehen. Da gerade am Ende der Bewegung die höchste Bremskraft

ausgeübt werden muß, damit genau an der bestimmten Stelle gehalten

werden kann, müssen die Klötze so eingestellt werden, daß die Rollgrenze

der Räder nicht überschritten wird. Wenn dies der Fall ist, sinkt die

Bremswirkung plötzlich sehr bedeutend. Außerdem würde das Gleiten ein

Unrundwerden der Räder verursachen, das beim Fahren sehr unangenehme

Bewegungen der Fahrzeuge hervorruft, und auch die Schienen würden in

ungünstiger Weise abgenutzt. Hierauf also hat der Lokomotivführer sehr

genau zu achten.

[Abbildung: 264. _Bremsklotz_]

Er muß auch unmittelbar vor dem Stillstand des Zugs die Bremsen wieder

lösen. Tut er dies nicht, so schwingen die Wagenkasten, wenn das

Laufwerk bereits stillsteht, auf ihren nachgiebigen Federn noch ein

Stück weiter nach vorn. Alsbald aber reißen die Federn die Kasten wieder

zurück, wodurch der bekanntlich sehr unangenehme Rückstoß beim Anhalten

entsteht. Ein Lokomotivführer, der das Bremshandwerk gut versteht, kann

diesen Stoß vermeiden, indem er durch rechtzeitiges Lösen der Bremsen

einen etwas längeren Auslauf herbeiführt.

Die Klötze werden nicht aus vollem Eisen hergestellt, sondern haben in

ihrem Rücken einen tiefen Einschnitt. Dieser wird angebracht, damit die

Klötze eine möglichst große Oberfläche erhalten. Je ausgedehnter diese

ist, desto rascher können die Eisenstücke die Wärme ausstrahlen, die

ihnen durch die Reibung bei der Bremsung zugeführt wird.

Im gelösten Zustand sollen alle Teile der kreisförmig gebogenen

Klotzoberflächen sich in einem Abstand von etwa einem Zentimeter vom

Radreifen befinden. Da die Klötze sehr stark abgenutzt werden, so müssen

im Bremsgestänge, das die Kraft des Bremsmittels zu den Klötzen

überträgt, Vorrichtungen zum Nachstellen vorhanden sein. Viele Gestänge

sind so eingerichtet, daß diese Nachstellung selbsttätig erfolgt. Wenn

der Verschleiß weit vorgeschritten ist, müssen die Klötze natürlich

ausgewechselt werden. Durch die in den Vorschriften für die Wagen

festgelegten Untersuchungen ist eine genügende Beaufsichtigung unbedingt

gewährleistet. Das Gestänge sorgt dafür, daß sämtliche Bremsklötze eines

Wagens mit gleicher Kraft angedrückt werden. Es steigert den Bremsdruck

um ein Mehrfaches, indem es ihn durch ungleicharmige Hebel auf die

Klötze überträgt.

Man bringt heute an jedem Rad stets zwei Klötze an, die einander in der

Durchmesserlinie gegenüberstehen. Hierdurch wird verhindert, daß ein

einseitiger Druck gegen die Achsen entsteht, wodurch diese verbogen

werden könnten. Auch ein Heißlaufen der Lager durch einseitige

Beanspruchung wäre sonst zu befürchten.

Die Bremswirkung, die auf einen Zug ausgeübt werden kann, hängt ab von

der Zahl der bremsbaren Achsen. Am raschesten wird man ohne Stoß

anhalten können, wenn alle Achsen bremsbar sind. Dies ist daher in

Deutschland für alle rascher fahrenden Züge vorgeschrieben.

Bei gewöhnlichen Güterzügen mit ihrer geringen Fahrgeschwindigkeit wird

die Bremsbarkeit aller Achsen nicht als notwendig erachtet. Damit aber

auch jeder von diesen Zügen mit einem Bremsweg von 600 bis höchstens 700

Metern stets mit Sicherheit zum Stillstand gebracht werden kann, muß

jeder eine bestimmte Zahl bremsbarer Achsen haben. In Bremstafeln, die

auf Grund langer Erfahrungen und wissenschaftlicher Erkenntnis berechnet

sind, ist vorgeschrieben, wieviel Bremsachsen für jede der wechselnden

Gesamtachsenzahlen der Güterzüge notwendig sind. Ferner ist bei dieser

Bestimmung auch die stärkste Neigung in Betracht zu ziehen, die sich auf

der vom Güterzug zu durchfahrenden Strecke befindet. Je stärker die

Strecke abfällt, desto mehr Bremsachsen müssen sich im Zug befinden. Bei

Gebirgsbahnen ist daher auch in Güterzügen stets eine sehr erhebliche

Zahl der Achsen gebremst. Der Güterwagenpark ist in bremsbare und in

nicht bremsbare Wagen geteilt. In Preußen sowohl wie in ganz Deutschland

ist nicht mehr als ein Drittel aller Güterwagen mit Bremsvorrichtungen

versehen.

Neben der Kraft der Bremsung, die auf das Einzelfahrzeug ausgeübt wird,

kommt ferner die Art ihres Auftretens im Verlauf des ganzen Zugs in

Betracht. Am besten wird eine solche Bremse wirken, die ihre Kraft ganz

gleichmäßig und gleichzeitig an allen Zugteilen äußert, alle bremsbaren

Fahrzeuge gleichmäßig verlangsamt.

Während der Fahrt hat der Zug eine gestreckte Form. Bei Personenzügen

sind die Pufferfedern fast ganz, bei den lose gekuppelten Güterzügen

vollständig entlastet. Die Kupplungen sind gestrafft. Wenn jetzt eine

Ungleichmäßigkeit beim Bremsen auftritt, z. B. die vorderen Wagen

bereits stark gehemmt sind, während die Bremsung am Zugende gerade erst

einsetzt, dann entsteht ein Zusammendrücken des Zugs, indem die letzten

Wagen auf die vorderen auflaufen. Die gepreßten Pufferfedern üben

alsbald einen Rückstoß aus, und es entsteht so eine hin und her gehende

Bewegung, ein Zucken im Zug, das leicht ein Zerreißen von Kupplungen

herbeiführen kann. Wenn die für den Zug verwendete Bremsart

ungleichmäßiges Abstoppen befürchten läßt, muß langsam gebremst werden.

Der Bremsweg wird hierdurch länger.

Man unterscheidet heute in der Hauptsache drei Arten von Bremsen: die

Einzelbremsen, bei denen die auf jeden Wagen ausübbare Bremskraft

unabhängig von der bei jedem anderen ist, die durchgehenden Bremsen,

die eine zusammenhängende Einwirkung auf den ganzen Zug ermöglichen und

die zwischen diesen beiden Arten liegenden Gruppenbremsen, welche

gestatten, mehrere aufeinanderfolgende Wagen eines Zugs von einer Stelle

aus gleichzeitig zu bremsen; die einzelnen Gruppen sind dann durch nicht

bremsbare Wagen getrennt. Die Gruppenbremse kommt hauptsächlich für

gemischte Züge in Betracht, also für solche, in die Personen- und

Güterwagen durcheinander eingestellt werden.

Es ist selbstverständlich, daß die durchgehende Bremse die

gleichmäßigste Wirkung hat. Werden doch hier von Einer Stelle aus alle

Wagen des Zugs zur selben Zeit gebremst. Die Stelle, von der aus die

Bremsung eingeleitet wird, ist naturgemäß die Lokomotive. Damit aber

auch eine wirklich gleichmäßige Bremsung eintritt, muß das Bremsmittel

so beschaffen sein, daß seine Wirkung überall möglichst zu gleicher Zeit

eintritt. Die auf der Lokomotive eingeleitete Bremsung muß raschest auch

am letzten Wagen zu wirken beginnen. Das ist nur möglich, wenn die

Durchschlagsgeschwindigkeit des Bremsmittels sehr groß ist.

Als Kräfte zur Ausübung der Bremsung werden heute angewendet: die Kraft

des menschlichen Arms, die lebendige Kraft des Zugs, Gewichtsdruck,

Dampf, Druck der atmosphärischen Luft gegen Kolben in Räumen mit

verdünnter Luft (Luftsaugebremse) und gepreßte Luft (Druckluftbremse).

Obgleich die Technik heute bestrebt ist, den Menschen von schwerer

körperlicher Arbeit, soweit es irgend möglich ist, zu entlasten, und

obwohl die Anwendung von Maschinenkräften für die Zugbremsung aufs beste

bewährt ist, herrscht seltsamerweise in Deutschland die von Menschenhand

betätigte Eisenbahnbremse heute noch vor. Wegen der geringen Kraft, die

der Mensch auszuüben vermag, ist die Handbremse nur als Einzelbremse

verwendbar.

Die Betätigung der Handbremse geschieht meistens dadurch, daß der

Bremser eine wagerecht stehende Kurbel im Sinn des Uhrzeigers bewegt.

Hierdurch dreht er eine senkrecht stehende Spindel, die an ihrem Ende

ein kräftiges Gewinde hat. Auf diesem Gewinde wird eine Mutter

emporgeschraubt. An dieser sind Hängeeisen befestigt, welche die

Bewegung der Mutter auf das Bremsgestänge übertragen und so das

Andrücken der Klötze bewirken. Die Anordnung ist auf Bild 266 (am Schluß

des Buchs) oben links zu erkennen.

Auch die Wagen der Personenzüge sind fast sämtlich mit Handbremsen

ausgerüstet, die dann benutzt werden sollen, wenn die durchgehende

Bremse versagt. In den ~D~-Wagen befinden sich keine wagerechten

Kurbeln, sondern es ist zur Ersparung von Platz an der einen Stirnwand

jedes Wagens im durchlaufenden Gang ein senkrecht liegendes Handrad mit

umlegbarem Griff angebracht. Die Drehung wird durch Kegelräder auf die

senkrechten Spindeln übertragen.

Seltener werden Handbremsen durch Gewichtshebel betätigt. Hierbei wirkt

ein auf dem langen Arm eines ungleicharmigen Hebels aufgeschraubtes

Gewicht nach Umlegen des Hebels so, daß es die mit dem Bremsgeschirr

verbundene Stange anhebt. Für Tender in Preußen sind derartige Gewichts-

oder Wurfhebelbremsen vorgeschrieben.

In Deutschland werden heute noch sämtliche Güterzüge, ausgenommen die

Eilgüterzüge, mit Handbremsen gefahren. Eine durchgehende Bremse ließ

sich hier bisher nicht anwenden, weil noch bis vor kurzem keine solche

vorhanden war, deren Durchschlagsgeschwindigkeit für die bei Güterzügen

üblichen, sehr bedeutenden Längen genügte. Eine großartige Änderung

steht aber in diesem Bezirk bevor; wir werden hiervon am Ende dieses

Abschnitts hören.

Die Handbremse hat sehr viele Nachteile. Zunächst verursacht ihre

Bedienung große Kosten, da zu diesem Zweck eine zahlreiche Mannschaft

über den ganzen Zug verteilt sein muß. Auf jedem mit Bremse versehenen

Wagen muß sich ein Mann befinden. Obgleich also bei dieser Anordnung

menschliche Denkkraft über jeder einzelnen Bremse waltet, tritt doch die

Bremswirkung nirgend so unregelmäßig ein wie gerade hier.

Der Befehl zum Anziehen der Bremsen wird durch den Lokomotivführer

gegeben. Nach der Signalordnung für die Eisenbahnen Deutschlands hat er

zunächst mit der Dampfpfeife einen langen Ton abzugeben, der „Achtung!“

bedeutet. Ein darauffolgender kurzer Pfiff befiehlt mäßiges Anziehen der

Bremsen, drei kurze Töne schnell hintereinander fordern zu kräftiger

Bremsung auf. Das Lösen wird durch zwei lange Töne anbefohlen.

Es ist leicht einzusehen, daß ein gleichmäßiges Bremsen auf diese Weise

nicht erwirkt werden kann. Das Pfeifensignal wird nicht überall zu

gleicher Zeit gehört, da mancher Bremser draußen auf der Plattform

steht, während andere in ihren fest verschlossenen Häuschen sitzen. Sehr

häufig verschlingt das Rasseln des Zugs, insbesondere auf eisernen

Brücken und in Tunneln, den Ton der Pfeife vollständig. Nebelige Luft

wird von den Schallwellen nur schwer durchdrungen. So kommt es, daß

schon der Befehl die einzelnen Bremser zu ungleicher Zeit erreicht. Dann

aber ist auch die Geschwindigkeit verschieden, mit welcher der einzelne

Mann sich zur Kurbel begibt. Während der eine rasch heranspringt, wird

der andere sich, insbesondere im Winter, wenn schwere Bekleidung die

Bewegungen hemmt, nur langsam von seinem Sitz erheben und die Kurbel

erst anfassen, wenn andere die Bremse schon fest angezogen haben. Auch

die Geschwindigkeit der Kurbeldrehung ist ungleich. Stöße beim Bremsen

sind daher in Güterzügen ganz unvermeidlich. Darum kann ihre

Geschwindigkeit über 30 bis 40 Kilometer in der Stunde nicht gesteigert

werden. Die Besprechung der neuen Güterzugbremse wird uns noch

Gelegenheit geben, zu erörtern, welchen unliebsamen Einfluß diese

langsamen Güterzugfahrten auf den gesamten Eisenbahnverkehr ausüben. Die

Lokomotiven könnten ohne Schwierigkeiten schwer und stark genug gemacht

werden, um auch mit den längsten Zügen sehr viel schneller zu fahren.

Eine Zeitlang haben die Eisenbahntechniker ihre Aufmerksamkeit der

Ausnutzung der lebendigen Kraft der Züge für die Herbeiführung der

Bremsung zugewendet. Diese lebendige Kraft ist es ja gerade, die beim

Bremsen vernichtet werden soll, sie bietet sich also zur Verwendung für

die Hemmung von selbst an. Stephenson bereits hat das Zusammendrücken

des Zugs bei Verlangsamung der Lokomotivfahrt zum Aufhalten der Wagen

benutzt. Beim Eindrücken der Stoßvorrichtungen wurden die Bremsgestänge

bewegt, und die Klötze dadurch angezogen. Aber da die Wirkung einer

solchen Bremse erst eintritt, wenn das Auflaufen der Wagen bereits

stattgefunden hat, so ergaben sich sehr starke Stöße, die schon bei

geringen Zuggeschwindigkeiten Zerreißungen der Kupplungen herbeiführten.

Diese Bremsart ist deshalb alsbald verlassen worden.

Günstigere Ergebnisse brachte bereits die Anordnung von _Heberlein_

(Bild 265). Hier ist auf eine Achse jedes Bremswagens eine besondere

runde Scheibe geschraubt. Wenn gebremst werden soll, senkt sich eine

Vorrichtung so lange, bis sich eine daran befestigte Rolle gegen die

Scheibe auf der Achse legt. Sobald diese Rolle sich mitdreht, wickelt

sie eine Kette auf, die über eine Übertragung hinweg eine zweite am

Bremsgestänge angreifende Kette anzieht. Auch bei uns ist die

Heberlein-Bremse einstmals ziemlich viel verwendet worden; sie ist noch

heute auf Nebenstrecken bei ganz langsam fahrenden Zügen in Gebrauch.

Zahlreiche Schwächen, die sie besitzt, verhindern jedoch ihre Verwendung

auf Hauptbahnen.

Zunächst ist bei dieser Anordnung die Bremswirkung abhängig von dem

Zustand der Scheiben und Rollen, die sich gegeneinander pressen.

Feuchtigkeit, Eis und Schnee setzen den Reibungswert stark hinunter. Das

Absenken der Bremsvorrichtungen erfolgt durch Nachlassen eines Seils,

das über die Dächer der Wagen hinläuft. Eis macht das Seil steif und

zerstört es schnell. Für das Auf- und Abrollen ist eine Haspel auf der

Lokomotive aufgestellt. Da jedesmal große Seillängen auf- oder

abgewunden werden müssen, so ermüdet häufiges Bremsen die

Lokomotivmannschaft ganz bedeutend. Bei Zügen mit vielen Wagen werden

die Seillängen allzu groß. Die Durchschlagsgeschwindigkeit ist

naturgemäß so gering, daß ein gleichmäßiges Abbremsen solcher Züge

unmöglich wird.

In ähnlicher Weise wirkt die Gewichtsbremse, die in der durch _von

Borries_ geschaffenen Form auf Nebenbahnen heute noch hier und da

verwendet wird. Hier ist gleichfalls ein Seil über die Wagendächer

gespannt. Bei seinem Nachlassen drückt ein hinuntergehendes Gewicht die

Bremsklötze durch unmittelbare Beeinflussung des Gestänges an. Eine

Abhängigkeit der Bremskraft von der Witterung ist hier nicht mehr

vorhanden. Die Haspel wird meist im Gepäckwagen aufgestellt, wo der

Zugführer sie, entsprechend den durch die Pfeife gegebenen Befehlen des

Lokomotivführers, zu bedienen hat. Der Anwendungsbereich der

Gewichtsbremsen wird ebenfalls durch geringe Durchschlagsgeschwindigkeit

und schwere Bedienbarkeit eingeschränkt.

[Abbildung:

Aus „Eisenbahntechnik der Gegenwart“

265. _Heberlein-Bremse_

Durch Seilzug betätigte, durchgehende Bremse für langsam fahrende Züge

(Bilder 266 und 267 am Schluß des Buchs)]

Zur Betätigung einer kräftig wirkenden, durchgehenden Bremse scheint auf

den ersten Blick der Dampf besonders geeignet. Ist er doch im Kessel

stets in großen Mengen vorhanden, seine Leistungsfähigkeit außer

Zweifel. Dennoch wird er für Zugbremsung nirgend angewendet. Der Dampf

hat ja die störende Eigenschaft, durch Erkalten seine Wirksamkeit rasch

zu verlieren und sich zu Wasser niederzuschlagen. Da die Bremsleitungen

nur absatzweise, nach oft sehr langen Pausen, benutzt werden, so würde

bei Anwendung von Dampf sich in ihnen rasch sehr viel schädliches Wasser

bilden, das nicht schnell genug entfernt werden könnte. Für die

Lokomotive selbst werden Dampfbremsen jedoch häufig verwendet, da die

vom Kessel kommenden Leitungen hier nur kurz sind und stets warm

gehalten werden können. In Notfällen kann der Dampf als überaus

kräftige, freilich mit starken Stößen wirkende Bremse dadurch verwendet

werden, daß der Führer die Steuerung der Maschine rasch für die

entgegengesetzte Fahrtrichtung umlegt, also Gegendampf gibt. Alsdann

wirkt der in die Zylinder tretende Dampf der Kolbenbewegung stets

entgegen und verlangsamt sie sehr geschwind.

Durch eine nunmehr in vier Jahrzehnten des Eisenbahnwesens gewonnene

Erfahrung hat sich herausgestellt, daß einzig Luft, gepreßt oder

verdünnt, das geeignete Mittel für die Schaffung einer durchgehenden

Bremse ist. In Deutschland wird fast ausschließlich Preßluft oder

Druckluft angewendet, weshalb wir hier nur die Druckluftanordnungen

ausführlicher besprechen wollen. Es besteht bei uns die Vorschrift, daß

auf Hauptbahnen alle Züge, die mit 60 und mehr, auf Nebenbahnen alle

Züge, die mit mindestens 30 Kilometern Stundengeschwindigkeit fahren,

durchgehende Bremsen haben müssen; diese Anordnung ist tatsächlich

gleichbedeutend mit der Bestimmung, daß alle Züge dieser Art mit

Druckluftbremsen ausgerüstet sein müssen. Wagen, die in solchen Zügen

laufen sollen, müssen entweder Bremsvorrichtungen besitzen oder mit

Rohren und Kupplungsschläuchen zur Fortleitung des Bremsmittels versehen

sein. Sie heißen dann Leitungswagen.

Eine durchgehende Bremse, die allen Anforderungen des neuzeitlichen

Zugbetriebs entsprechen soll, muß viele Bedingungen erfüllen. Eine

Anordnung, die tatsächlich sämtliche erwünschten Fähigkeiten besitzt,

ist im Augenblick noch nicht in Anwendung. Aber auch die bei den

deutschen Bahnen schon heute allgemein verbreiteten Bremsarten sind ganz

vorzüglich. Sie genügen vollständig zur Aufrechterhaltung eines auf

Einhaltung größter Pünktlichkeit gestellten Betriebs und zur Abwendung

vieler Gefahren, soweit dies überhaupt durch eine Bremse möglich ist.

Eine vollkommene durchgehende Bremse müßte den folgenden Ansprüchen

genügen:

1. Die Handhabung muß einfach sein;

2. die Bremswirkung muß an allen Wagen möglichst gleichzeitig

auftreten;

3. die Bremse muß die Möglichkeit geben, den Zug für gewöhnlich durch

stufenweise Erhöhung der Bremskraft langsam und stoßfrei anzuhalten

(Betriebs-Bremsung);

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 34 / 60 段