Um möglichst wenig Zeit für das Anlegen der Fährschiffe opfern zu

müssen, macht man sie meist doppelendig, das heißt, man gibt ihnen eine

solche Form, daß sie sowohl von der Spitze wie vom Heck her beladen

werden können. Bei den Saßnitz-Fähren ist das aber nicht der Fall. Diese

besitzen einen gewöhnlichen, hohen Vordersteven und müssen daher vor dem

Einlaufen in das Leitwerk stets gewendet werden. Man ist bei dieser

Linie so vorgegangen, weil man den Schiffen eine möglichst seetüchtige

Form für die lange Fahrt über das offene Meer geben wollte. Ein hoher

Steven ist schon deshalb notwendig, weil das Wasser von der Spitze her

besonders leicht überkommt. Um ein Überspülen des Decks nach Möglichkeit

zu vermeiden, sind darum auch die von beiden Enden her beladbaren

Warnemünder Fähren mit einem hohen Stevenaufsatz versehen. Wenn Wagen

über die Spitze auf das Deck gefahren werden sollen, muß der oberste

Teil des Stevens, der das Deck überragt, aus dem Weg gebracht werden. Er

ist darum beweglich eingerichtet und kann mittels einer Winde so

hochgeklappt werden, daß er senkrecht steht und wie ein Tor die Einfahrt

überwölbt.

Das Deck der Fähren, das ja eine sehr hohe Belastung aufzunehmen hat,

ruht auf eisernen Säulen, die durch den ganzen Schiffsraum hindurchgehen

und sich unten auf die Kielbalken stützen.

Die Eisenbahnfahrzeuge müssen auf den Fährengeleisen festgemacht werden,

damit sie beim unvermeidlichen Schwanken des Schiffs nicht in Bewegung

geraten. Man befestigt zu diesem Zweck an den Puffern Hängeeisen, die

zangenartig um die Schienenköpfe geklemmt werden. Bei besonders

unruhigem Wasser werden noch schräge Ketten angewendet. Durch leichte

Schraubenwinden, die man zwischen Untergestell der Wagen und Deckboden

klemmt, hebt man das Federspiel der Fahrzeuge auf, damit kein

senkrechtes Schwanken der schwer beladenen Wagenkasten eintreten kann.

An den Gleisenden pflegen sich kräftige Prellböcke zu befinden, die

während des Beladens zur Seite fortgeklappt werden können.

Der Reisende hat in begreiflicher Überschätzung seines Ichs meist die

Ansicht, die Eisenbahn sei hauptsächlich eine Einrichtung zur

Personenbeförderung. Der Güterverkehr scheint ihm etwas Nebensächliches,

ein ziemlich bedeutungsloser und stiefmütterlich behandelter Teil des

Eisenbahnbetriebs. Wir wissen aber bereits, daß die Tatsachen in

Wirklichkeit umgekehrt liegen. Betrieblich und geldlich fällt dem

Güterverkehr die bei weitem überragende Rolle zu. Die baulichen

Einrichtungen für den Personenverkehr sind zwar liebenswürdiger

gestaltet, aber räumlich sehr viel beschränkter. Was bedeutet der

Potsdamer Hauptbahnhof in Berlin gegenüber der riesenhaften Güteranlage,

die sich in seinem Rücken dehnt! Wie bescheiden ist die Gesamtzahl der

Personenwagen gegenüber der ungeheuren Ausdehnung des Güterwagenparks!

Wenn auch die Personenbahnhöfe prächtige Eingangshallen und

wohlüberdachte Bahnsteige besitzen, seine stärkste Kraft schöpft der

Eisenbahnverkehr doch aus den karg gestalteten, abseits liegenden

Güterbahnhöfen. Nicht die gepolsterten Bänke der Personenwagen, sondern

die harten Böden der Güterfahrzeuge befördern die Fracht, welche die

größten Einnahmen liefert.

17. Auf Zug und Stoß

Das Vorstellungsvermögen hat vor dem Leser dieses Buchs bereits öfter

das Bild der über die Strecke dahinrollenden Züge erstehen lassen.

Technisch aber sind die Fahrzeuge bisher nur als Einzelwesen behandelt

worden. Wir haben die Glieder der Kette betrachtet, aber unsere

Aufmerksamkeit noch nicht den Vorkehrungen zugewendet, welche diese

einzelnen Glieder zu einem Ganzen zusammenfügen und dem Zug, obgleich er

aus starren Stücken besteht, die Geschmeidigkeit einer Schlange

verleihen.

Die in einem Zug vereinigten Fahrzeuge üben zwei verschiedenartige

Kraftwirkungen aufeinander aus: den Zug und den Stoß. Wenn die

Wagenreihe anfährt, reißt der eine Wagen den nächsten hinter sich fort,

beim Bremsen und Anhalten stoßen die Fahrzeuge mehr oder weniger heftig

aufeinander. Die Verbindungen zwischen ihnen müssen daher so gestaltet

sein, daß sie beide Angriffe auszuhalten und so aufzunehmen vermögen,

daß die Wagen selbst möglichst wenig erschüttert werden.

Zur Aufnahme der Stöße dienen die _Puffer_, zur schonenden Übertragung

der Zugkräfte die _Kupplungen_.

Puffer sind als weitest vorspringende Teile zwischen die einzelnen

Fahrzeuge geschaltet. Die Schäfte ihrer Teller setzen sich gegen sehr

kräftige Wickelfedern, die bei jedem Stoß zusammengedrückt werden und so

den Anprall von dem Wagen selbst fernhalten oder ihn doch nur in

verminderter Stärke übertragen. Damit die Puffer in Krümmungen, wenn die

Wagen sich schief gegeneinander einstellen, nicht abbrechen, ist durch

eine besondere Vorschrift bewirkt, daß einem flachen Teller stets ein

gewölbter Pufferkopf gegenübersteht. Dies wird durch die einfache

Anordnung herbeigeführt, daß der beim Anschauen der Stirnseite jedes

Fahrzeugs rechts stehende Puffer stets eben, der linke jedoch gewölbt

sein muß.

Für die schweren ~D~-Wagen genügt die einfache Pufferfederung nicht

mehr. Hier ist hinter der Pufferbohle, die das Untergestell nach vorn

abschließt, noch eine zweite, schwächere Federung eingefügt. Da infolge

der sehr langen Kasten der Drehgestellfahrzeuge die Schiefstellung in

den Krümmungen sehr groß ist, der innen liegende Puffer also sehr

kräftig eingedrückt wird, während der andere fast gänzlich entlastet

ist, sind Ausgleichhebel eingeschaltet; sie übertragen die auf den einen

Puffer ausgeübte Kraft auf den anderen und zwingen ihn zur Mitwirkung.

Auf den deutschen Vollbahnen werden ausschließlich Seitenpuffer

verwendet. Auf Schmalspurstrecken mit ihren leichteren Fahrzeugen trifft

man häufig Mittelpufferung mit nur Einem Pufferkörper an. Diese

Anordnung ist heute in Amerika auch auf den großen Strecken die Regel.

Sehr viel wichtiger noch ist betrieblich die Tätigkeit, welche die

Kupplungen zu leisten haben. Diese sind es ja eigentlich, welche die

Einzelfahrzeuge zu dem Ganzen des Zugs vereinigen.

Die heutige Form der Kupplungen ist mit großer Ausdauer allmählich so

gestaltet worden, daß die Verbindungsglieder durchaus haltbar und

zuverlässig sind. Mit diesen Eigenschaften muß die Kupplung aber auch

rasche Lösbarkeit vereinigen, damit das Anhängen und Absetzen von Wagen

möglichst geschwind vor sich gehen kann. Die Kupplungen dürfen nicht

starr mit den Fahrzeugen verbunden sein, sondern müssen federnd an

diesen angebracht werden, um ein Anziehen ohne Ruck zu ermöglichen.

[Abbildung: 255. _Puffer_]

Federnde Kupplungen erleichtern der Lokomotive das Anfahrgeschäft

dadurch, daß nicht sofort der ganze Zug in Bewegung gesetzt zu werden

braucht, sondern infolge des Federspiels ein Wagen nach dem anderen sich

fest an den Zughaken der Maschine hängt. Namentlich bei den schweren

Güterzügen ist dies wichtig. Um hier ein ganz allmähliches Anziehen zu

ermöglichen, werden die Kupplungen an Güterzügen nicht fest angespannt,

man läßt vielmehr einen kleinen Spielraum zwischen den Puffern bestehen,

so daß der Zug beim Anfahren sich streckt, der letzte Wagen erst

angezogen wird, wenn die vordersten sich bereits in Fahrt befinden. Bei

Zügen für Personenbeförderung ist ein gleiches Verfahren nicht möglich,

weil die Wagen bei loser Kupplung leicht in ein Schwanken geraten, das

empfindlichen Reisenden ein der Seekrankheit ähnliches Gefühl

verursachen würde. Allzu kräftiges Anziehen der Kupplung ist jedoch auch

hier zu vermeiden, damit der Zug keinen starren Block bildet.

Wegen der Schiefstellung der Wagenenden in den Krümmungen werden die

Kupplungsköpfe bei langen Wagen meist so angeordnet, daß sie sich in der

wagerechten Ebene um ein Gelenk drehen können. Die Öffnung in der

Pufferbohle, durch welche der Kupplungsschaft hindurchgreift, ist dann

schlitzartig ausgebildet.

In Europa wird heute allgemein die Schraubenkupplung verwendet und zwar

in der Form, wie sie Bild 256 darstellt. Die Vorrichtung ist spannbar,

gestattet also, die Vereinigung der aufeinanderfolgenden Fahrzeuge

verschiedenartig, fest oder lose, zu gestalten. Die an jedem Hakenschaft

aufgehängte Schraubspindel wird mittels eines Bügels mit dem Haken des

nächstfolgenden Fahrzeugs verbunden. Alsdann wird mit Hilfe eines

Schwengels die Schraubspindel gedreht. Sie hat Rechts- und Linksgewinde,

so daß die von beiden Seiten her auf das Gewinde der Spindel gesteckten

Muttern sich gleichzeitig nach der Mitte der Spindel bewegen. Bei Zügen

für Personenbeförderung wird die Kupplung so angespannt, daß die Puffer

eine mäßige Spannung gegeneinander haben.

[Abbildung: 256. _Schraubenkupplung_

mit zusammengefügter Notkupplung]

Da jedoch trotz des vorzüglichen Stoffs, aus dem die Kupplungen gebaut

sind, ein Zerreißen vielmals außerhalb des Bereichs der Möglichkeit

liegt, ist noch eine Hilfskupplung vorgeschrieben. Zu diesem Zweck ist

an jeden festen Haken noch ein lose herabhängender Haken angelenkt. Da

beim Kuppeln zweier Wagen stets ein Schraubengehänge frei ist, so ergibt

dessen Vereinigung mit dem hängenden Haken ohne weiteres die

Doppelkupplung. Sie ist für gewöhnlich ganz lose, strafft sich jedoch

sofort von selbst an, wenn die eigentliche Kupplung reißt.

[Abbildung: 257. _Zugstangen-Federung_

Verbindung der durchgehenden Zugstange mit dem Wagen-Untergestell]

Durch Bügel, die weiter an die Hilfskupplungshaken angehängt sind, kann

auch nach Bruch beider Schraubspindeln noch eine Verbindung hergestellt

werden.

In früheren Jahrzehnten wurde die Hilfskupplung durch zwei Kettenpaare

bewirkt, die unter den Puffern angebracht waren. Es hat sich jedoch

gezeigt, daß die Ketten, sobald sie nach Bruch der Kupplung straff

gezogen wurden, meistens durchrissen. Man ist daher zu der heute

üblichen, weit festeren Hilfskupplung übergegangen.

Wenn die Enden der Kupplungen an den Pufferbohlen befestigt sind, so

müssen notwendigerweise die Untergestelle der Wagen alle auftretenden

Zugkräfte aufnehmen. Das Untergestell des ersten unmittelbar hinter der

Lokomotive laufenden Wagens hat also das gesamte sehr bedeutende

Zuggewicht fortzuziehen. Das ergibt eine Beanspruchung der

Wagenuntergestelle, die diesen nicht günstig ist. Der Verein Deutscher

Eisenbahnverwaltungen hat darum bereits im Jahre 1866 die Anordnung

eines Zwischenglieds eingeführt, das die Untergestelle vollkommen

entlastet. Es ist dies die durchgehende Zugstange.

[Abbildung: 258. _Kupplung zwischen Tender und Lokomotive_

Kurzkupplung mit Seitenpuffern und drei Zugeisen]

Die Kupplungen werden seitdem nicht mehr am vorderen und hinteren

Querträger der Untergestelle angebracht, sondern sie sind durch eine

Stange miteinander verbunden, die unter dem ganzen Wagen durchläuft.

Hierdurch wird über die Einzelkupplungen hinweg eine gesonderte

Zugverbindung vom Tenderhaken bis zum letzten Wagen geschaffen. Die

Einrichtung hat sich als außerordentlich günstig erwiesen.

Selbstverständlich muß jede Zugstange an einer Stelle mit dem

Untergestell ihres Wagens in Verbindung stehen, damit dieser mitgenommen

wird, und diese Verbindung, die sich in der Mitte der Wagenlängsachse

befindet, muß federnd sein. In welcher Form sie ausgeführt wird, zeigt

Bild 257. Die Zugstangen und auch die Kupplungen selbst sind so zu

berechnen, daß jede von ihnen das höchste Zuggewicht zu ziehen vermag,

da ja jeder Wagen imstande sein muß, als erster im Zug zu laufen.

Der Kupplungshaken greift mit einem Vierkant durch die Pufferbohle

hindurch, während die Zugstangen rund sind. Durch den Vierkant wird ein

senkrechter Keil gesteckt, der sich beim Bruch der Zugstange gegen die

Pufferbohle legt und den beschädigten Wagen mit seinem Vorgänger in

Verbindung hält, solange der Kupplungshaken selbst nicht bricht und der

Keil die Belastung aushält. Manche Zugzerreißung, die ja stets von

schweren Folgen begleitet sein kann, ist durch diese kleine

Noteinrichtung bereits verhindert worden.

Das Vorderende der Lokomotive und das Hinterende des Tenders müssen

gleichfalls Kupplungen gewöhnlicher Bauart besitzen. Ganz besonders

geartet aber ist die Verbindung zwischen Lokomotive und Tender. Sie muß

sehr kräftig ausgestaltet sein, damit ein Bruch vollständig

ausgeschlossen ist. Dieser würde ja nicht nur ein Zerreißen des Zugs an

ungünstigster Stelle bewirken, sondern wahrscheinlich auch den Absturz

der Lokomotivmannschaft herbeiführen. Die Kupplung zwischen Maschine und

Tender hat ferner die Aufgabe, die schlingernden Bewegungen, die jede

Lokomotive gern macht, dadurch einzuschränken, daß die Tenderlast fest

an das Ende der Lokomotive gehängt wird.

Aus diesem Grund werden, wie Bild 258 zeigt, Tender und Lokomotive unter

Zwischenschaltung eines federnden Glieds dreifach gegeneinander

verspannt. Die im Querschnitt dreieckigen Kopfplatten der kleinen Puffer

am Tender, die sich gegen entsprechend geformte, aus hartem Stahl

gefertigte Gehäuse an der Lokomotive legen, stehen unter einem Druck von

mindestens 5000 Kilogramm, der von einer gemeinschaftlichen Blattfeder

auf sie ausgeübt wird. In der Längsachse beider Fahrzeuge ist das

Hauptzugeisen befestigt, durch das auf beiden Seiten sehr kräftige

Bolzen gesteckt sind. Rechts und links davon liegt je ein weiteres

Zugeisen als Notkuppelung; diese Verbindungsstücke besitzen auf der

Lokomotivseite längliche Augen, damit die durchgesteckten Bolzen in den

Krümmungen genügendes Spiel haben.

Die Verbindung zwischen Tender und Lokomotive ist eine Kurzkupplung.

Derartige Einrichtungen findet man auf der Berliner Stadtbahn und

zahlreichen Vorortstrecken auch an anderen Stellen der Züge. Hier werden

nämlich je zwei Wagen kurz miteinander gekuppelt, damit die Länge der

Züge geringer ausfällt. Die so verbundenen Wagen bilden betrieblich eine

Einheit, da sie nur in der Werkstatt voneinander getrennt werden können.

Die Ausgaben für die Unterhaltung der Kupplungen sind bei allen

Eisenbahnverwaltungen sehr groß. Wie Steinbiß im „Deutschen

Eisenbahnwesen der Gegenwart“ mitteilt, haben die preußisch-hessischen

Staatseisenbahnen in dem Betriebsjahr 1908-1909 rund 300 000

Ersatzkupplungen verbraucht. Für deren Beschaffung und Anbringung wurden

rund drei Millionen Mark ausgegeben. Unter Hinzurechnung der Kosten für

die in den Werkstätten ausgebesserten Kupplungen schätzt Steinbiß den

jährlichen Gesamtaufwand für Kupplungsunterhaltung im Bereich der

preußisch-hessischen Staatsbahnen auf mindestens fünf Millionen Mark.

Keine Arbeit ist im Bezirk der Schienenwelt so häufig vorzunehmen, wie

das Kuppeln. Milliardenfach wiederholt sich alljährlich das Verbinden

und Lösen der Wagen. Leider stellt diese Einrichtung zugleich eine der

gefährlichsten Handhabungen dar. Die größte Zahl der im Betrieb

Verunglückten kommt auf die Wagenkuppler. Sind sie doch gezwungen,

zwischen Fahrzeuge zu treten, die sich in Bewegung befinden, wobei ihnen

besonders die weit vorspringenden Seitenpuffer Gefahr bringen. Man ist

daher bereits seit Jahrzehnten bestrebt, die heute bei uns noch

ausschließlich vorhandene Zug- und Stoßverbindung mit Seitenpuffern und

gesonderter Mittelkupplung durch Vereinigung beider Glieder einfacher

und durch Selbsttätigkeit der Kupplungen vollkommen gefahrlos zu

gestalten.

[Abbildung: 259. _Selbsttätige Krupp-Kupplung_

in Verbindung mit Schraubenkupplung für die Übergangszeit. Klaue

geschlossen]

[Abbildung: 260. _Selbsttätige Krupp-Kupplung in Kuppelstellung_]

In den Vereinigten Staaten von Nordamerika ist bereits vor mehr als 20

Jahren eine selbsttätige Kupplung mit Mittelpuffer zwangsweise auf allen

Bahnen eingeführt worden. Die öffentliche Meinung war damals über die

vielen Unfälle, von denen die Wagenkuppler getroffen wurden, so erregt,

daß die Gesetzgebung sich der Angelegenheit bemächtigte. Nun ist es

leicht, die Einführung einer technischen Anordnung durch Gesetz zu

befehlen, schwerer aber, eine wirklich brauchbare Ausführungsform zu

finden. Trotz der großen Sorgfalt, welche die deutschen Eisenbahnen dem

Wohlergehen ihrer Beamten zuwenden, haben sie sich dennoch bis zum

heutigen Tag zur Einführung der amerikanischen selbsttätigen Kupplung

nicht entschließen können, da diese gar zu viele technische Mängel

zeigt. Das Bestreben aber, hier etwas wirklich Brauchbares zu finden,

ist nach wie vor sehr lebhaft und wird sicherlich in absehbarer Zeit zum

Erfolg führen.

Eine selbsttätige Kupplung muß nicht nur die in ihrem Namen liegende

Eigenschaft besitzen, das heißt, eine Verbindung der Wagen ohne

menschliche Mitwirkung herstellen, sie muß auch von der Seite her lösbar

sein, so daß das Treten zwischen die Wagen ganz fortfällt. Ferner aber

hat sie die Aufgabe, ein wirklich verläßliches Bindeglied darzustellen.

Sie muß außerdem so gestaltet sein, daß sich jede Kupplung nach der

Lostrennung in einer solchen Stellung befindet, daß eine neue

Zusammenkupplung ohne weiteres vollzogen werden kann.

[Abbildung: 261. _Lösekurbel für die Kruppkupplung_]

Bereits im Jahre 1873 erließ der Verein Deutscher Eisenbahnverwaltungen

ein Preisausschreiben für eine selbsttätige Mittelpufferkupplung.

Seitdem sind auf diesem Gebiet zahllose Erfindungen gemacht worden. Ein

Wettbewerb, der im Jahre 1909 ausgeschrieben wurde, brachte allein den

Einlauf von mehr als 2000 Entwürfen. Als wirklich brauchbar hat sich

keiner von diesen erwiesen. Es kommt hinzu, daß die europäischen

Eisenbahnverwaltungen hier nur gemeinsam vorgehen können. Die

zwischenstaatlichen Vereinbarungen schreiben die Kupplungsform für alle

Staaten vor, über deren Grenzen Wagen hinweggehen sollen. Die Ausgaben

bei Einführung einer neuen Kupplung sind außerordentlich hoch. In der

Übergangszeit werden sich nicht unbedeutende Schwierigkeiten ergeben, da

ja nicht alle Wagen gleichzeitig mit der neuen Vorrichtung versehen

werden können; diese muß vielmehr imstande sein, auch mit der alten

Schraubenkupplung zusammenzuarbeiten. Aus all diesem ergibt sich, daß

ernstlich an die Einführung einer selbsttätigen Kupplung erst

herangegangen werden kann, wenn eine große Eisenbahnverwaltung

nach langer Erprobung eine Form gefunden hat, die auch nach

Meinung der anderen beteiligten Verwaltungen -- und das sind die

Eisenbahngesellschaften in fast allen Ländern Europas -- unbedingt

einwandfrei, zuverlässig und allen billigen Anforderungen gewachsen ist.

[Abbildung:

Erbaut von der Maschinenfabrik L. Steinfurth in Königsberg

262. _Selbsttätige Scharfenberg-Kupplung_

Vor dem Kuppeln; während des Kuppelns; gekuppelt]

Augenblicklich werden in Preußen hauptsächlich zwei selbsttätige

Kupplungen erprobt, deren Einrichtungen hier kurz geschildert sein

mögen. Es sind die Kruppsche Kupplung und die Scharfenberg-Kupplung, die

von der Eisenbahnwagenfabrik Steinfurt in Königsberg gebaut wird.

[Abbildung: 263. _Selbsttätige Scharfenberg-Kupplung am Wagen_]

Die Krupp-Kupplung schließt sich eng an die amerikanische Bauart nach

Janney an. Ihre Form zeigt Bild 259. Die Klauen sind beweglich. Sobald

die an ihnen angebrachten seitlichen Vorsprünge nach innen gestoßen

werden, was beim Aufeinanderprallen der Wagen geschieht, schließen sich

die Klauen, und die Vorsprünge werden durch Bolzen, hinter die sie

geglitten sind, festgehalten. Nunmehr liegt eine Klaue fest in der

anderen, die Kupplung ist vollzogen. Die Lösung kann von der Seite her

leicht durch Anheben des Festhaltebolzens mittels einer durch Kurbel

drehbaren Stange geschehen. Der Kupplungskopf stellt gleichzeitig den

Mittelpuffer dar. Die Seitenpuffer sind dann also nicht mehr notwendig.

Die Bilder 259 und 260 zeigen den Einbau während der Übergangszeit,

wobei der Kupplungskopf schwenkbar angeordnet ist, so daß nach seiner

Umlegung zur Seite die nun vorn liegende Schraubenkupplung benutzt

werden kann.

Sehr viel beachtet wird die Scharfenberg-Kupplung. Sie besteht aus

einem eigentümlichen, trichterförmigen Gehäuse, in dem ein drehbares,

rundes Herzstück befestigt ist. Dieses hat an der einen Seite einen

Haken, an der anderen einen hinausragenden Bügel. Stoßen zwei

Scharfenberg-Kupplungen aufeinander, so dreht jeder der beiden Bügel

sein Herzstück herum, weil er von dem gegenüberliegenden in den Trichter

gepreßt wird, und hierbei spannt sich zugleich eine kräftige Zugfeder an

(Bild 262). Nach genügender Drehung der Herzstücke fallen die Bügel in

die Haken, die Herzstücke schnellen zurück, und nun sind die Wagen

gekuppelt. Die Verbindung wirkt sehr zuverlässig, weil jedes Herzstück

jetzt von beiden Seiten mit gleicher Kraft gezogen wird, also keine

Drehung mehr vollführen kann. Das Lösen der Kupplung geschieht dadurch,

daß von der Seite her ein Herzstück so lange nach außen gedreht wird,

bis beide Bügel gleichzeitig aus den Haken springen. Alsdann zieht die

Zugfeder die Herzstücke wieder in die Kuppelstellung zurück. Auch die

Scharfenberg-Kupplung besitzt einen Schwenkkopf für die Übergangszeit.

Man muß hoffen, daß auf die eine oder die andere Weise recht bald eine

Lösung der Kupplungsfrage in zufriedenstellender Weise gelingt. Das

Leben vieler arbeitsamer Männer würde hierdurch geschont werden. Die

Zahl der Betriebsunfälle auf den Bahnen würde sich bedeutend vermindern,

ein dunkler Fleck auf dem blanken Schild des Eisenbahnwesens damit

verschwinden.

18. Der Zügel

Der Zweck einer jeden Zugfahrt ist Beförderung. Der Zug hat die Aufgabe,

Menschen oder Güter möglichst rasch von Ort zu Ort zu bringen. Zu diesem

Ende muß er geschwinde Fahrt machen können, aber er muß ebenso in der

Lage sein, genau am vorausbestimmten Ort anzuhalten. Wenn die Züge nur

Vorkehrungen besäßen, die gestatten, sie in Bewegung zu setzen und diese

Bewegung nach Willkür zu beschleunigen, nicht aber Einrichtungen hätten,

um die erreichte Geschwindigkeit nach Belieben abzudrosseln und genau am

gewollten Ort ganz aufzuheben, dann wäre die Eisenbahn nicht in der

Lage, ihre Aufgabe zu erfüllen. Das vermag sie nur, wenn ebenso wie der

Beginn jeder Fahrt auch deren Ende an bestimmter Stelle des Zielbahnhofs

gesichert ist. Ebenso muß unterwegs nach freiem Entschluß des Führers

jederzeit angehalten werden können.

Nicht weniger wichtig als die Lokomotive, die den Zug vorwärts bringt,

sind also die Vorrichtungen, die seinen Lauf hemmen. Wo ein Sporn ist,

da muß auch ein Zügel sein.

Ein ~D~-Zug mit 40 Achsen stürmt über die Schienen. Da plötzlich nimmt

der Lokomotivführer ganz hinten am Ende seines Gesichtsfelds ein Signal

wahr, das auf Halt liegt. Er ist noch eine beträchtliche Strecke, etwa

800 Meter, von dem warnenden Arm entfernt, hinter dessen Aufstellungsort

dem Zug Gefahr droht. Wenn der Führer nun nichts weiter tun könnte, als

den Dampf abstellen, so würde die Wagenreihe, deren physikalisch

kleinste Teilchen ganz mit der ungeheuren Geschwindigkeit von 100

Kilometern in der Stunde durchtränkt sind, trotzdem weiter und weiter

rollen, lange über das Signal hinaus, wahrscheinlich bis zum Aufstoßen

auf das Hindernis, vor dem gewarnt wurde. Ein ungehemmter Schnellzug

unserer Tage läuft nach Aufhebung der Zugkraft auf ebener Strecke noch

zwei bis drei Kilometer weit. Höchst selten nur kann der Lokomotivführer

die Strecke so weit übersehen. Ein rechtzeitiges Abstoppen bei Gefahr

wäre also unter solchen Umständen unmöglich.

Man bedenke ferner, in welcher Art ein Zug ohne Anwendung von

Hemmungsvorrichtungen zum Stehen kommen würde.

Nach Abstellen des Dampfs sinkt die Geschwindigkeit ganz allmählich.

Beim Beginn des letzten halben Kilometers ist sie bereits

außerordentlich gering geworden. Der Zug schleppt sich ganz langsam über

die Strecke, aber er steht noch nicht still. Er verbraucht eine sehr

lange Zeit für das Geschäft des Anhaltens. Die Folge ist eine durchaus

unstatthafte Verzögerung des gesamten Verkehrs. Die Strecke bleibt durch

jeden Zug während einer unverhältnismäßig langen Zeit besetzt, der

nächstfolgende muß eine kleine Ewigkeit warten, bis er nachfolgen kann.

Der neuzeitliche Eisenbahnbetrieb würde auch hierdurch unmöglich

gemacht.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 33 / 60 段