237. _Eiserner Kohlenwagen_

für ein Ladegewicht von 20 000 Kilogramm]

[Abbildung:

Erbaut von van der Zypen & Charlier in Cöln-Deutz

238. _Kübelwagen_

zur Beförderung von schüttbarem Gut, das beim Auf- und Abladen

geschont werden muß]

Man unterscheidet bei den offenen Wagen hochbordige, niederbordige und

bordlose; die letzten besitzen an Stelle der Seitenwände zum Befestigen

der Plantücher oder zum Anbinden häufig einzelne Stangen oder Rungen,

die herausnehmbar sind.

Die Bordwagen sind zur bequemen Entladung gewöhnlich mit doppelten

Flügeltüren an jeder Längswand versehen. Sie werden in außerordentlich

großer Zahl zur Beförderung von Kohle aber auch von Zuckerrüben zu deren

Erntezeit verwendet.

Massengüter, die beim Auf- und Abladen geschont werden sollen, weil

Zerkleinerung ihren Wert beeinträchtigt, werden häufig auf besonderen

Kübelwagen versendet. Die Kübel werden vom Kran bewegt und können sehr

vorsichtig hinauf- und hinabgehoben werden. Das Abstürzen des Guts fällt

hierdurch fort.

Damit man sehr schwere Güter, wie Schienen oder Träger, die ohne

Seitenbefestigung gelagert werden können, leicht auf- und abzuladen

vermag, sind die bordlosen oder Plattform-Wagen vorgesehen. Auf ihnen

werden auch Möbelwagen, Automobile und ähnliche Güter befördert.

Eine besondere Art der Plattformwagen bilden die Geschützrohrfahrzeuge

der Kruppschen Fabrik in Essen. Hier handelt es sich um die Beförderung

einer ganz ungewöhnlich schweren Last, die nicht geteilt werden kann. Es

muß also, damit der Druck auf die einzelne Achse nicht zu hoch wird, ein

Fahrzeug mit sehr vielen Achsen geschaffen werden. Der mächtigste Wagen

dieser Art hat nicht weniger als 32 Räder. Er besteht aus vier

vierachsigen Drehgestellen, von denen je zwei kurz gekuppelt und mit

Zapfen in ein gemeinsames Traggestell eingesetzt sind. Auf die beiden

Traggestelle wiederum ist der eigentliche gewaltige Rohrträger gelegt.

Die Verbindung geschieht auch hier durch Drehzapfen, so daß sich das

lange Gefährt bequem durch alle Gleiskrümmungen hindurchwinden kann.

[Abbildung: 239. _Wagen zur Beförderung schwerer Geschützrohre_

Tragfähigkeit 100 000 Kilogramm]

[Abbildung: 240. _Der kräftigste Lastträger_

Dient zur Beförderung schwerster Geschützrohre der Kruppschen Fabrik.

Tragfähigkeit 140 000 Kilogramm. Der Wagen fährt auf vier

Drehgestellen mit insgesamt 32 Rädern]

[Abbildung:

Erbaut von der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg

241. _Langholz-Wagen mit Drehschemel_

Zur Beförderung langer Hölzer werden zwei solcher Wagen

zusammengekuppelt]

Auch die Versendung von Baumstämmen und anderem Langholz macht besondere

Schwierigkeiten, da das Gut selbst sich ja den Bahnkrümmungen nicht

anzupassen vermag. Um nun für solche leichten Güter nicht besondere

Drehgestellwagen bereithalten zu brauchen, hilft man sich, indem man die

Langhölzer auf zwei miteinander sonst nicht verbundene Plattformwagen

ladet, von denen jeder einzelne einen eisernen Schemel trägt; dieser

kann sich um einen Zapfen im Wagenboden drehen. Das genügt vollständig

für die Einstellung in den Gleisbogen.

In den Fabriken werden häufig Gegenstände geschaffen, die so groß sind,

daß sie beim Verladen auf gewöhnlichen offenen Wagen die

Umgrenzungslinie des lichten Raums nach oben überschreiten würden. Das

ist keinesfalls zulässig. Um aber auch solche Güter mit der Eisenbahn

befördern zu können, wendet man eine besondere Bauart für die hierzu

bestimmten Wagen an. Man nennt derartig hergerichtete Fahrzeuge

Tiefladewagen, weil ihre Plattform, soweit sie zwischen den Achsen

liegt, weit nach unten gezogen ist, so daß eine tiefliegende Tragfläche

entsteht. Auf diese Weise kann man hochragende Gegenstände, wie z. B.

Transformatoren, ohne Überschreitung der Umgrenzungslinien befördern.

Auch Lokomotiven für Rußland und Spanien, die ja auf unserer Spur nicht

laufen können, werden auf solchen Fahrzeugen fertig bis zu den

Grenzbahnhöfen geschafft. Zur Beförderung von großen Spiegelscheiben

stellt man in den Tiefladewagen besondere Bockgerüste auf. Schwungräder

und eiserne Ringe für Schachtauskleidungen, die oft sehr große

Durchmesser haben, werden in gleicher Weise verladen.

Unter den Bahndienstwagen, die hauptsächlich zur Beförderung von

Schienen, Kies, Erde, Steinschlag, Schlacke dienen, muß eine Gattung

besonders erwähnt werden. Sie wird zur Prüfung der Wägevorrichtungen für

Eisenbahnfahrzeuge benutzt. Jedes beladene Fahrzeug muß ja, bevor es zur

Beförderung zugelassen wird, über eine Gleiswage laufen, damit die zu

erhebende Gebühr festgestellt und auch nachgeprüft werden kann, ob das

zulässige Ladegewicht nicht überschritten ist. Wägevorrichtungen müssen

sehr genau zeigen, und ihr Gang wird daher öfter durch Belastung mit

einem Fahrzeug beobachtet, dessen Gewicht vorher auf einer als

verläßlich gehend bekannten Wage festgestellt worden ist. Man schafft

diese Prüfgewichte, indem man einen Plattformwagen mit Altschienen oder

anderem Eisen beladet. Häufig werden hierzu auch alte Tender benutzt.

[Abbildung: 242. _Tiefladewagen_

zur Beförderung besonders hoher Gegenstände. Auf dem Bild ist ein

Riesen-Transformator der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft in

Berlin aufgeladen]

Obgleich die deutschen Bahnen alljährlich eine sehr große Anzahl

Güterwagen neu herstellen lassen, herrscht doch infolge der lebhaften

Tätigkeit im deutschen Gewerbe ein häufiger Wagenmangel. Es ist darum

notwendig, alles zu tun, um die Ruhezeiten der Wagen nach Möglichkeit

abzukürzen, das heißt das Be- und Entladen soweit zu beschleunigen, wie

es irgend möglich ist. In dieser Beziehung ist bei uns noch mancherlei

zu tun.

Für das Beladen werden mechanische Vorrichtungen durchaus noch nicht so

häufig herangezogen, wie es möglich wäre. Das Schleppen und Karren

herrscht noch vor, auch wo es sich um offene Wagen handelt; der Kran ist

auf Bahnhöfen eine noch viel zu seltene Erscheinung. Für schüttbare

Massengüter wie Kohle, Koks, Erze, Steine, Sand, Schlacke, Schotter,

Rüben und Kartoffeln gibt es eine Entladungsart, die außerordentlich

beschleunigend zu wirken vermag. Hierfür müssen die Wagen mit

Selbstentladungseinrichtungen versehen sein.

[Abbildung: 243. _Selbstentlade-Wagen_

Übersichts-Querschnitte von Bauarten der Orenstein & Koppel-Arthur

Koppel-A.-G. in Berlin

~a~) Seiten-Entleerer mit wagerechter Bodenklappe, ~b~)

Trichterförmiger Seiten-Entleerer, ~c~) Boden-Entleerer mit Klappen,

~d~) Boden-Entleerer mit Schiebern, die in Richtung der

Wagenlängsachse aufgezogen werden können, ~e~) Vereinigter Boden- und

Seiten-Entleerer in Trichterform, ~f~) Vereinigter Boden- und

Seiten-Entleerer mit flachem Boden]

Durch besonders eingerichtete Bauart der Wagen kann man bewirken, daß

beim Öffnen von Klappen im Unterteil das ganze Gut sofort selbsttätig

herausfällt. Zu unterscheiden sind hierbei Seitenentleerer und

Bodenentleerer, sowie Fahrzeuge, die zugleich nach unten und nach den

Seiten entleeren können. Die Zusammenstellung auf Bild 243 zeigt einige

Bauarten, die hierfür verwendet werden.

Seitenentleerung, die meist nach beliebiger Seite geschehen kann, hat

den Vorzug, daß die Schienen nicht beschüttet werden. Nach Möglichkeit

sucht man die Selbstentlader so auszubilden, daß sie flache Böden

besitzen, so daß sie auch für gewöhnliche Stückgüter verwendet werden

können.

[Abbildung:

Erbaut von van der Zypen & Charlier in Cöln-Deutz

244. _Seiten-Entleerer_

Der Wagen kann den ganzen Inhalt beliebig nach der einen oder anderen

Seite des Gleises ausschütten. An der Stirnwand Handräder für die

Klappenbedienung mit Feststell-Vorrichtungen]

[Abbildung:

Erbaut von der Orenstein & Koppel-Arthur Koppel-A.-G. in Berlin

245. _Selbst-Entlader bei der Entleerung_]

[Abbildung:

Erbaut von der Orenstein & Koppel-Arthur Koppel-A.-G. in Berlin

246. _Vierachsiger Selbst-Entlader zur Beförderung von Braunkohle_]

[Abbildung:

Wagen erbaut von der Orenstein & Koppel-Arthur Koppel-A.-G. in Berlin

247. _Selbstentlader-Zug_

der nach Öffnen der Bodenklappen seine Sandladung ausschüttet]

Freilich ist es, damit die Selbstentlader wirklich großen Nutzen bringen

können, notwendig, hochliegende Geleise für sie zu schaffen. Es hat ja

wenig Zweck, das Gut zunächst auf die flache Erde laufen zu lassen und

es dann mühsam auf die Straßenfahrzeuge hinaufzuschaufeln. Die

Eisenbahnwagen werden sehr schnell wieder fahrtbereit, aber der ganze

Umladevorgang wird teurer. Wie man allmählich auf allen Bahnhöfen

Laderampen zum bequemen Einkarren geschaffen hat, wird man nach und nach

auch dazu kommen, hochliegende Absturzgeleise für Selbstentlader

einzuführen, damit ohne weiteres in die Straßenfuhrwerke eingeschüttet

werden kann. Noch besser ist es, unter den Hochgeleisen Bunker

anzubringen, in die das ankommende Gut zunächst eingefüllt wird, und aus

denen es alsdann nach Bedarf entnommen werden kann. Daraus, daß

derartige Anlagen heute noch nicht vorhanden sind, erklärt es sich wohl,

daß die Selbstentladung bei uns noch verhältnismäßig wenig angewendet

wird.

[Abbildung:

Erbaut von der Deutschen Maschinenfabrik-Aktien-Gesellschaft in

Duisburg

248. _Kohlenwagen auf fahrbarem Kipper_

Der Wagen wurde zur Entleerung mittels einer Drahtseilwinde

emporgezogen]

[Abbildung:

Deutsche Maschinenfabrik-Aktien-Gesellschaft in Duisburg

249. _Fahrbarer Kipper in Entlade-Stellung_

Nach Umschwenken des Kipperkopfs kann der Wagen seine Ladung seitlich

ausschütten]

Oberbaurat _Scheibner_ hat berechnet, daß man bei allgemeiner Verwendung

von Selbstentladern für Massengüter auf den deutschen Bahnen 44 000

Arbeiter und 38 Millionen Mark jährlich ersparen könnte. Die Ausnutzung

dieser Möglichkeit ist gewiß ein lockendes Ziel.

An der Zahl der Bedienungsmannschaften für Selbstentlader, die schon

ohnedies sehr gering ist, kann man noch weiter sparen, wenn man

geschlossene Selbstentladerzüge mit einer durchlaufenden Druckluftanlage

versieht, durch deren Betätigung alle Klappen zu gleicher Zeit geöffnet

werden.

In Amerika ladet man, nach „Eisenbahntechnik der Gegenwart“, schüttbare

Güter von ganzen Zügen, die aus gewöhnlichen Plattformwagen mit

herausnehmbaren Wänden bestehen, sehr rasch dadurch ab, daß auf dem

letzten Wagen ein schneepflugähnlicher Räumer aufgestellt ist, der nach

Ankunft an der Bestimmungsstelle des Zugs durch Drahtseile mit der

Lokomotive verbunden wird. Diese wird losgekuppelt und zieht den Räumer

zwischen Führungen über die Plattformen sämtlicher Wagen, so daß diese

alsbald freigemacht sind.

In Fabriken und Umschlaghäfen, die täglich zahlreiche Kohlenwagen

zu entladen haben, hilft man sich über den Mangel von

Selbstentladevorrichtungen an den Wagen dadurch hinweg, daß man diese

auf große Kippvorrichtungen stellt. Das ist eine Plattform, die

einseitig mehrere Meter schräg emporgehoben werden kann. Vor dem

Hinunterrollen wird der Wagen dadurch geschützt, daß eine Achse durch

kräftige Haken festgehalten wird. Sobald der Wagen schräg genug gestellt

ist, wird die für diese Zwecke aufklappbar gemachte untere Kopfwand

geöffnet, und die Kohle stürzt in wenigen Augenblicken hinaus.

Um solche Kippvorrichtungen auch an Stellen zur Verfügung haben zu

können, wo sie nur vorübergehend gebraucht werden, sind fahrbare Kipper

gebaut worden. Sie tragen ein Gleis, das schräg von den Fahrschienen

emporsteigt, und besitzen eine Windevorrichtung zum Emporziehen der

Wagen mittels Drahtseils. Das hochgezogene Fahrzeug kann dann noch nach

Belieben rechts oder links hin geschwenkt werden, damit es seinen Inhalt

zur Seite entleert. Der Kipper selbst ist zusammenlegbar, so daß er in

Güterzügen befördert werden kann.

In Europa pflegen täglich sehr viele Güterwagen die Landesgrenzen zu

überfahren. Durch Vorkehrungen für zollsicheren Verschluß, über den

besondere zwischenstaatliche Vereinbarungen bestehen, ist dieser Verkehr

ohne weiteres möglich. Er bringt den außerordentlichen Vorteil, daß die

schweren Lasten an den Grenzen nicht umgeladen zu werden brauchen. Ein

solcher Wagenübergang ist jedoch an Deutschlands Ostgrenze nicht ohne

weiteres möglich. Denn hier beginnt ja die russische Spurweite, die um

89 Millimeter breiter ist als die unsrige. Der Wunsch, deutsche

Güterwagen auch nach Rußland und russische nach Deutschland laufen

lassen zu können, hat zur Erbauung besonderer Einrichtungen geführt, die

auch hier einen Übergang ohne Umladung ermöglichen.

Wagen, die über die russisch-deutsche Grenze hinübergehen können, nennt

man Umsetz- oder -- nach ihrem Erfinder -- _Breidsprechersche_ Wagen.

Über beide Spurweiten zu laufen, werden sie dadurch befähigt, daß man

ihre Radsätze auswechselbar macht.

Wenn ein Wagen, der nach Rußland übergehen soll, etwa in Eydtkuhnen

ankommt, so wird sein Untergestell vorn und hinten so auf je einen

Karren gesetzt, daß die Wagenräder selbst nicht mehr tragen. Die

Achshalter werden nun geöffnet, und der Wagen langsam vorwärts

geschoben. Das Regelspurgleis senkt sich allmählich unter die Höhe der

Karrenfahrbahn, so daß die Achsen von selbst aus den Achshaltern gleiten

und im Regelspurgleis zurückbleiben. Bei Weiterfahrt des auf den Karren

ruhenden Wagens steigt aus der Vertiefung ein Breitspurgleis allmählich

auf. Besondere Fangeisen an den Achshaltern umfassen die auf dem

Breitspurgleis bereit gehaltenen Achsen, und langsam setzt sich der

Wagen auf diese Achsen mit dem breiteren Radstand auf, worauf sie an dem

Untergestell befestigt werden. Alsdann ist nur noch das Bremsgestänge so

zu verstellen, daß die Bremsklötze auf die weiter auseinanderstehenden

Räder auftreffen. Beim Übergang von Rußland nach Deutschland vollzieht

sich derselbe Vorgang in umgekehrter Reihenfolge.

[Abbildung:

Deutsche Maschinenfabrik-Aktien-Gesellschaft in Duisburg

250. _Fahrbarer Kipper, zusammengelegt, im Güterzug_]

Personenwagen mit Umsetzvorrichtungen gibt es im gewöhnlichen Verkehr

nicht, da die menschliche Last sich ja weit leichter selbst in andere

Wagen verfrachten kann. Das einstige russische Kaiserhaus besaß jedoch

eine ganze Reihe umsetzbarer Saalwagen für Fahrten durch das übrige

Europa.

Besondere Vorkehrungen für Wagenübergang sind auch da notwendig, wo

Güter, die in Vollspurwagen geladen sind, nach Orten geschafft werden

sollen, zu denen nur eine Schmalspurbahn führt. Man hilft sich hier

dadurch, daß man die Vollspurwagen rittlings auf andere Fahrzeuge

aufsetzt, die für das Schmalspurgleis gebaut sind. Man nennt sie

Rollböcke. Es sind zweiachsige Wägelchen mit sehr kurzem Achsstand, auf

denen sich je ein Drehschemel befindet. Zwei an dessen Enden angebrachte

Halter nehmen je eine Achse des Vollspurfahrzeugs auf.

Das Überladen auf die Rollböcke erfolgt in besonderen Gruben. Das

Vollspurgleis läuft an deren Rand glatt durch. Die Rollböcke stehen

unten auf einem ansteigenden Gleis. Es wird nun ganz ähnlich verfahren

wie bei den Breidsprecherschen Wagen. Die Fangeisen der Rollböcke werden

zunächst lose an den Achsen des Vollbahnwagens befestigt. Alsdann wird

dieser solange auf seinem Gleis verschoben, bis die Achsen fest in den

Gabeln der aufsteigenden Rollböcke liegen. Nach dem Verschließen der

Gabeln werden die Rollböcke ganz aus der Grube gezogen, so daß der Wagen

nunmehr mit freien Rädern auf ihnen schwebt. Es werden auch Rollböcke

gebaut, auf denen nicht die Achsen, sondern die Räder des Vollbahnwagens

aufruhen. Die Rollbockgruppen unter den einzelnen Wagen werden bei

Herstellung der Züge durch steife Kupplungen miteinander verbunden.

Da die Tragschemel der Rollböcke drehbar sind, so gestatten diese

infolge ihres sehr kurzen Achsstands das Durchfahren der sehr engen

Krümmungen von Schmalspurgeleisen mit jedem Vollbahnwagen. Deren

Achsstand spielt gar keine Rolle mehr. Es findet auch eine vorzügliche

Verteilung des Achsdrucks auf das schwächere Schmalspurgleis dadurch

statt, daß die doppelachsigen Rollböcke an die Stelle jeder einzelnen

Vollspurachse zwei schmalspurige setzen. Diese unscheinbaren

Vorrichtungen stellen darum eine sehr wichtige, neuere Errungenschaft

des Eisenbahnverkehrs dar.

[Abbildung:

Erbaut von der Aktien-Gesellschaft für Fabrikation von

Eisenbahnmaterial zu Görlitz

251. _Rollbock ohne Bremse_

Dient zum Befördern von Vollspur-Wagen auf Schmalspur-Strecken]

Der Übergang der Güterwagen von Strecke zu Strecke wird naturgemäß ganz

besonders schwierig an solchen Stellen, wo große Seen oder gar Meere

trennend dazwischentreten. Die außerordentliche Kraft, die dem

Eisenbahnbetrieb innewohnt, die unerschrockene Tatenlust der Ingenieure

haben jedoch auch solche Gewässer zu überwinden gewußt, denen selbst mit

gewaltigsten Brückenbauten nicht beizukommen ist. Der Eisenbahnverkehr

macht in unseren Tagen weder an den Ufern großer Binnenseen, noch an den

Küsten der Meere halt. Er ist heute gewohnt, sich solcher Werkzeuge zu

bedienen, die noch vor hundert Jahren als märchenhaft galten. Es ist

seine Art, mit Tausend-Zentner-Gewichten Fangeball zu spielen, lächelnd

selbst die größten Schwierigkeiten beiseite zu stoßen, die für jeden

anderen Betrieb unüberwindlich wären.

Das Wasser, welches die Eisenbahn nicht auf einer Brücke über- oder in

einem Tunnel unterschreiten kann, vermag nur mit Schiffen überwunden zu

werden. Ein Eisenbahnzug auf dem Schiff, das ist wirklich ein

abenteuerlicher Gedanke! Es ist kaum etwas anderes, als wenn man etwa

ein Pferd auf dem Rücken eines Elefanten oder den elektrischen Funken

mittels der Rohrpost befördern wollte. Eigentümlich genug nimmt sich

denn auch der flinke Renner Eisenbahn auf einem schweren breitbauchigen

Fährschiff aus; die selbständige Beweglichkeit seiner schnellen Füße ist

hier unmöglich, vom Beförderer wird er zum Beförderten. Der stählerne

Pfad, das ewig Ruhende im sonst rastlosen Bezirk der Eisenbahn, wird

hier plötzlich mit bewegt, der Unterbau ist keine Erdfeste mehr, sondern

ein schwankendes Schiffsdeck.

[Abbildung:

Erbaut von der Maschinenfabrik Eßlingen

252. _Rollbock mit Bremse_]

Aber wenn auch die Beförderung durch das widerstehende Wasser mit

ungewohnter Bedächtigkeit vor sich geht, so sind doch die Fähren sehr

nützliche Mitglieder des Eisenbahnbetriebs geworden. Ohne sie würde die

Eisenbahn nicht nur die Beförderung der Güter über das Wasser selbst

verlieren, auch die Zufahrtgleise zu den Ufer- und Küstenorten würden

weit weniger benutzt werden, da sonst wegen des zweimaligen Umladens auf

die zwischengeschalteten gewöhnlichen Schiffe und von diesen wieder auf

die Bahnwagen die Verfrachtung gewisser Güter auf Eisenbahnlinien

überhaupt vermieden werden würde. Der Handel würde das Schiff schon

möglichst am Beginn der Frachtstrecke bevorzugen.

Der Reisende staunt am Ausgangspunkt einer Fährstrecke oft darüber, daß

eine so gewaltige Einrichtung geschaffen ist, nur um ihm die recht

geringe Unbequemlichkeit des Umsteigens von der Bahn zum Schiff und

umgekehrt aus dem Weg zu räumen. In Wirklichkeit aber wird der

Personenverkehr auf den Fähren nur gerade geduldet. Niemals hätte man

für ihn allein so umfangreiche Veranstaltungen getroffen. Die Fähren

sind infolge der schwereren Beweglichkeit der Lasten entstanden; sie

haben nebenbei die Liebenswürdigkeit, auch lebende Fracht zusammen mit

ihren Aufenthaltshäusern, den Personenwagen, mitzunehmen. Die

Annehmlichkeit, die den Reisenden hieraus erwächst, ist immerhin nicht

zu unterschätzen; und es kommt noch hinzu, daß auf bewegtem Wasser das

Gespenst der Seekrankheit fast völlig verbannt ist, wenn man sich auf

einem stark belasteten, schwer beweglichen Fährschiff befindet, statt

ein sehr viel kleineres Dampfboot zu benutzen.

Die erste Eisenbahnfähre wurde im Jahre 1851 zwischen den Orten Granton

und Burntisland am Firth of Forth in Schottland benutzt, in der Nähe

jener Stelle, wo heute die gewaltige Forth-Brücke über den Fluß führt.

In Deutschland waren es die württembergischen Bahnen, die sich zuerst

des Fährbetriebs bedienten; im Jahre 1868 fuhr die erste Eisenbahnfähre

über den Bodensee, der ja als eines der größten europäischen

Binnengewässer heute von zahlreichen Linien solcher Art durchzogen wird.

Ganz besonders viel angewendet wird der Fährbetrieb in Dänemark, das

durch seine Lage auf einer großen Zahl von Inseln hierzu beste

Gelegenheit bietet. Über die großen amerikanischen Seen werden öfter

ganze Schnellzüge geschlossen hinübergefahren.

Deutschland besitzt eine kleine und zwei sehr große Fährstrecken über

das Meer. Von Stralsund aus gelangen Personen und Güter nach Altefähre

auf Rügen, indem der drei Kilometer breite, dazwischenliegende Meeresarm

mittels einer Fähre übersetzt wird. Von Warnemünde aus fahren solche

Schiffe 45 Kilometer weit über die Ostsee nach Gjedser in Dänemark und

von Saßnitz aus gar über eine 107 Kilometer lange Meeresstrecke nach

Trelleborg in Schweden. Diese Schweden-Fähren sind ganz besonders

geräumig. Jede von ihnen kann 18 beladene Güterwagen auf einmal

mitnehmen.

Für den Übergang der Wagen von der festen Eisenbahnstrecke zu den

Gleisstücken auf dem Fährschiff sind besondere Vorkehrungen notwendig.

Zunächst müssen die Schiffe beim Landen stets sehr genau an die gleiche

Stelle geleitet werden, damit Land- und Schiffsgleis eine durchlaufende

knicklose Linie bilden. Man läßt die Fähren beim Anlegen keine

Seitendrehung machen, sie fahren vielmehr mit der Spitze gegen das Land.

Zur Herbeiführung der genauen Lage werden sie unmittelbar vor Ende ihres

Laufs durch Leitwerke oder Fährbetten aufgenommen. Diese haben die Form

des vorderen Schiffskörpers. Um den Stoß beim Auffangen des Schiffs im

Leitwerk möglichst zu mildern, sind dessen Bohlen federnd an Rammpfählen

oder Betonpfeilern befestigt. Die Fähren werden mit schweren Trossen am

Land festgehalten. Bei unruhigem Wasser läßt man wohl auch die

Schiffsschraube ständig langsam vorwärts arbeiten, damit die Spitze des

Fahrzeugs stets fest anliegt.

Die Verbindung zwischen Landgleis und Fährgleis wird durch eine

bewegliche Brücke hergestellt, die am Land ein festes Drehgelenk

besitzt und mit ihrem anderen Ende auf dem Fährdeck aufliegt. Die Brücke

muß eine Beweglichkeit in der senkrechten Ebene besitzen, um den

verschiedenen Höhenlagen folgen zu können, die das Schiff bei

wechselndem Wasserstand und je nach der Stärke seiner Beladung einnimmt.

Es ist aber auch notwendig, der Brücke eine gewisse seitliche

Beweglichkeit zu geben. Denn auf den großen Fähren liegen stets mehrere

Geleise nebeneinander, die nicht zu gleicher Zeit beladen werden können;

infolge der ungleichmäßigen Belastung beider Längshälften tritt häufig

eine schiefe Seitenlage der Fähre, die sogenannte Krängung, ein. Wenn

diese Krängung auch bei Abfahrt des Schiffs noch vorhanden ist, wird sie

durch Einlassen von Wasser in hierzu vorgesehene Ballasträume

ausgeglichen.

[Abbildung:

Van der Zypen & Charlier in Cöln-Deutz

253. _Vollspurzug auf Schmalspur-Gleis_

Rollböcke mit Räderfesthaltung]

[Abbildung:

Aus „Eisenbahntechnik der Gegenwart“

254. _Eisenbahn-Fähre in der Landungs-Vorrichtung_

Querschnitt durch das Fährbett]

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 32 / 60 段