Es hat sich auch bereits die Anschauung Bahn gebrochen, daß die

vielachsigen, schweren Wagen die größte Sicherheit gewähren. In

Deutschland findet man in Schnellzügen daher kaum noch Wagen, die

weniger als vier Achsen haben. Zwei- und dreiachsige Fahrzeuge dürfen

heute mit Vielachsern nicht mehr zusammenlaufen, da es vorgekommen ist,

daß sie dem ganzen Zug Gefahr gebracht haben. Beim Durchfahren von

Krümmungen mit zu hoher Geschwindigkeit pflegen die leichten Fahrzeuge

zuerst aus dem Gleis zu springen und dadurch die anderen mit sich zu

reißen, die sonst vielleicht glatt durch den Bogen hindurchgekommen

wären.

Von Stockert macht ferner auf eine Unfallursache aufmerksam, die noch

viel zu wenig beachtet wird. Es hat sich nämlich in Gegenden, die

besonders heftigen Stürmen ausgesetzt sind, zugetragen, daß Züge oder

Zugteile während der Fahrt durch den Winddruck aus der Bahn gehoben

wurden und umstürzten. Solche Wirkung übt z. B. hier und da der

Nordwestwind Mistral an der Mittelmeerküste Frankreichs. Am 27. Februar

1903 wurde, nach von Stockert, auf der Brücke über den Levenfluß bei

Ulverstone ein Personenzug durch den Sturm umgeworfen. Auf der

russischen Südwestbahn zwischen Birzula und Elisabethgrad stürzten am

11. Juni 1886 in einem langsam fahrenden Güterzug von 45 Wagen 18 Wagen

infolge starken Sturms ab. In Dalmatien wurde im Jahre 1904 ein Zug

durch die Bora über einen acht Meter hohen Damm hinuntergeworfen. Es ist

selbstverständlich, daß Leichtgewichtswagen derartigen Gefahren am

meisten ausgesetzt sind.

[Abbildung:

Van der Zypen & Charlier in Cöln-Deutz

224. _Blick in die Zusammenbauhalle einer Eisenbahnwagen-Fabrik_

Am Laufkran hängt ein eiserner ~D~-Wagen]

Der Eindruck, den ein Personenwagen auf das Empfinden der Reisenden

ausübt, wird hauptsächlich durch die Zahl und Größe seiner Fenster

bestimmt. Diese gleichen den Augen im Gesicht des Menschen. Es gibt

Wagen, die wenige, kleine, bösartig zusammengekniffene Augenöffnungen

haben, wodurch sie uns grimmig und zurückweisend anzublicken scheinen.

Die neuzeitlichen ~D~-Wagen sehen stets helläugig und freundlich aus.

Noch zu Anfang des letzten Viertels des vorigen Jahrhunderts pflegte man

Fenster nur in den Türen der Wagen vorzusehen. Ihre Breite war dadurch

begrenzt. Als sehr bedeutende Verbesserung wurde es begrüßt, als auch

die Wandteile neben den Sitzbänken mit Fensteröffnungen versehen wurden.

Die Scheiben waren früher sämtlich schmal und noch dadurch verengt, daß

sie in breite Holzrahmen gefaßt wurden. Die weit über jedes einst

denkbare Maß hinausgehenden mächtigen Scheiben in den ~D~-Wagen haben

als Rahmen nur schmale Leisten aus Metall, wodurch sie noch größer

geworden sind.

Es muß dafür gesorgt werden, daß die beweglichen Scheiben in

geschlossenem Zustand so in die Türen oder Wände eingesetzt werden

können, daß sie weder Staub noch Regen hindurchlassen. Aus diesem Grund

laufen sie alle heute in tiefen Falzen, die eine seitliche Abdichtung

hervorbringen. Das hochgezogene Fenster wird auf die Brüstung

aufgesetzt, damit auch unten ein dichter Abschluß entsteht. Die immer

mehr steigenden Ansprüche an die Fernhaltung äußerer Witterungseinflüsse

haben zu Einrichtungen geführt, welche die Fenster mit Druck gegen die

Hinterwand des Falzes pressen, in welcher Stellung sie sich auch

befinden mögen. Wo solche beweglichen Druckrahmen angebracht sind,

werden in der Tat, solange die Fenster geschlossen sind, Staub und Ruß

gänzlich vom Wageninnern ferngehalten.

Man kommt bei der Bauart der Fenster den Reisenden sogar so weit

entgegen, daß man ihnen die Mühe des Bewegens der oft allerdings sehr

schweren Scheiben möglichst erleichtert. Wenn man eins der großen

Fenstergläser im ~D~-Wagen hinabläßt, so spannt man hierbei entweder

starke Federn an oder zieht Gegengewichte empor. Beide Einrichtungen

helfen alsdann beim Wiederanheben der Scheibe mit, so daß hierfür

keine allzu große Kraftaufwendung nötig ist. Häufig sind die

Hilfsvorrichtungen so ausgebildet, daß sie das Gewicht der Scheibe

gerade ausgleichen. Diese bleibt alsdann in jeder Stellung stehen, ohne

daß es nötig wäre, einen Riemen mit seinem Knopfloch über den dafür

vorgesehenen Halter zu ziehen. Hierdurch sind die sehr beliebten

riemenlosen Fenster entstanden, die noch eine Hebelvorrichtung zum

Abheben des Druckrahmens in den Augenblicken der Fensterbewegung

besitzen.

Damit die Öffnungen, in welche die Scheiben hinuntergleiten, von

hineinfallenden Gegenständen und vom Staub leicht gereinigt werden

können, sind dicht über dem Fußboden durch Klappen verschlossene Zugänge

angebracht. In der gleichen Tiefe pflegen auf einer kräftigen Leiste

Gummipuffer zu stehen, die den Aufprall der Scheibe bei raschem

Hinunterlassen hemmen, so daß diese nicht zerspringt.

Die Fensteröffnungen dienen nicht nur dazu, Tageslicht in die Wagen

einzulassen, sie haben auch in der Hauptsache die Luftzuführung zu

besorgen. Zum großen Schmerz der Eisenbahntechniker sind die Fenster

auch heute noch die wichtigste Lüftungseinrichtung. Denn es ist leider

noch nicht gelungen, Vorrichtungen zu schaffen, die, wie es

wünschenswert wäre, im Sommer kühle und vor allem von Staub- und

Rußteilen befreite, im Winter vorgewärmte Luft in die Wagen schaffen.

Der Betrieb künstlicher Lüftungseinrichtungen in Eisenbahnwagen, wie man

sie heute wohl bauen könnte, würde allzu teuer sein, und man begnügt

sich deshalb damit, die verbrauchte Luft absaugen zu lassen, worauf

infolge des hierdurch entstehenden Unterdrucks Frischluft von draußen

durch die Ritzen an Fenstern und Türen eindringt.

Die Saugvorrichtungen befinden sich auf den Wagendächern. Sie sind meist

schornsteinähnlich und bezwecken nichts weiter, als den durch das Fahren

erzeugten Wind zwischen zwei Flächen hindurchstreichen zu lassen, wobei

er die Luft mitreißt, die sich in dem mit dem Wageninnern verbundenen

Rohr befindet. Bei Fahrzeugen mit Mittelaufbauten sind die

Schornsteinenden mit Öffnungen in den Seitenwänden der Aufsätze

verbunden; diese können, nach dem Belieben der Reisenden, durch Klappen

verengt oder ganz geschlossen werden. Bei Wagen mit gewölbtem Dach

müssen besondere Lüftungsöffnungen in die Wölbung eingebaut werden. Auch

über den Laternen pflegt man meist noch Lüftungsöffnungen anzubringen,

die besonders lebhaft wirken, wenn die Lampe brennt und der aufsteigende

warme Luftstrom die Bewegung in den Schornstein hinein verstärkt.

Es sind bereits Versuche gemacht worden, besondere Frischluftkanäle

anzubringen, in denen die zuströmende Luft durch Filter hindurchgehen

muß. Aber wegen der vielen Unreinlichkeiten, die sich gerade in der Nähe

von fahrenden Zügen in der Luft zu befinden pflegen, verstopfen sich die

feinen Filteröffnungen allzu schnell, so daß sie bald keine Luft mehr

hindurchlassen.

Sehr viel großartiger sind die Einrichtungen, welche die Warmhaltung der

Wagen in der kalten Jahreszeit besorgen. Eine wirksame Heizung für

Eisenbahnfahrzeuge muß sehr kräftig sein, weil die Wagen außerordentlich

große Abkühlungsflächen besitzen, die noch dazu ständig einem scharfen

Luftzug ausgesetzt sind. Außerdem werden die geheizten Räume durch das

Öffnen der Türen nur allzu häufig mit der kalten Außenluft in

unmittelbare Verbindung gebracht.

In den ersten Jahrzehnten des Eisenbahnwesens behalf man sich damit, den

Reisenden durch das Aufstellen von Wärmkasten auf den Boden der Abteile

wenigstens die Füße zu wärmen. Die Behälter waren entweder mit heißem

Wasser oder mit erhitztem Sand gefüllt. Noch heute begnügt man sich in

Ländern mit milder Witterung, wie in Südfrankreich oder in Italien, mit

diesen Vorrichtungen, die aber auch noch in vielen belgischen Zügen den

Fahrgästen genügen müssen.

[Abbildung:

Bauart Julius Pintsch, A.-G. in Berlin-Fürstenwalde

225. _Anzeige-Vorrichtung für Einstellung der Heizung in ~D~-Wagen_

Das verstellbare Täfelchen befindet sich im Seitengang und steht mit

dem Regelhahn der Heizung in Verbindung]

[Abbildung:

Aus „Eisenbahntechnik der Gegenwart“

226. _Inneres der Anzeige-Vorrichtung für ~D~-Wagen-Heizung_]

Der nächste Schritt geschah durch das Einschieben von Blechkasten mit

glühenden Kohlen unter die Bänke. Es ist selbstverständlich, daß auch

hierdurch keine dauernde Erwärmung herbeigeführt werden konnte, wenn der

Brennstoff nicht in kurzen Abständen erneuert wurde. Außerdem war die

Kohleheizung nicht regelbar, im höchsten Grad feuergefährlich und sehr

umständlich in der Bedienung. Besser ist bereits die Ofenheizung,

die auch heute noch auf Nebenstrecken in großräumigen Fahrzeugen,

wie Wagen der vierten Klasse oder dem Packwagen, üblich ist. Die

Feuergefährlichkeit ist aber auch hier sehr groß.

Von den Einzelheizungen -- im Gegensatz zu den durchlaufenden

Zugheizungen -- vermag den heutigen Ansprüchen nur noch die

Warmwasserheizung zu genügen, wie sie für Schlaf- und Saalwagen

angewendet wird. Sie stellt die bei weitem beste aller

Erwärmungsvorkehrungen für Eisenbahnfahrzeuge dar. Ein Ofen ist auch

hier notwendig. Aber da jeder dieser Öfen einen eigenen Wärter besitzt,

so ist die Feuersgefahr gering, und sie wird noch dazu durch besonders

ausgebildete Füllvorrichtungen gemindert.

In dem über der Feuerung des Ofens angebrachten Rohr steigt das erwärmte

Wasser, das ja infolge der Ausdehnung leichter wird, zu einem Gefäß

empor, das sich unter dem Wagendach befindet. Von hier läuft das heiße

Wasser durch ein Röhrennetz den Heizkörpern in den einzelnen Abteilen

und in den Gängen zu. Das abgekühlte Wasser gelangt wieder in den Ofen

und steigt zu neuem Kreislauf empor. Die Einrichtung gleicht

grundsätzlich den Warmwasser-Heizungen in den Häusern. Sie ist den

herrschenden Witterungsverhältnissen ausgezeichnet anzupassen, da die

Ofenfeuerung, und damit die Wasserwärme, stets entsprechend geregelt

werden kann. Außerdem bewirkt das Verstellen der Hebel an den

Heizkörpern in den Abteilen eine besonders wirksame Abstufung der

Erwärmung.

Im allgemeinen Zugverkehr herrscht heute die für alle Wagen

gemeinschaftliche, durchlaufende Dampfheizung vor. Der Betriebsstoff

wird aus dem Lokomotivkessel entnommen, der eine reiche Quelle hierfür

ist. Bei sehr langen Zügen und an besonders kalten Tagen werden häufig

noch Heizkessel-Wagen an den Enden der Züge eingestellt, damit die

Lokomotive nicht allzuviel Dampf abzugeben braucht. Bei sehr scharfem

Frost kommt es sonst auch vor, daß die lange Leitung einfriert. Die

Heizwagen enthalten nichts weiter als einen Kessel mit Feuerung und den

notwendigsten Regel-Einrichtungen. Eine besondere Bedienung ist

freilich notwendig, was diese Zusatzheizung, abgesehen von der

Vermehrung der Zugachsen, recht teuer macht.

Die Dampfheizung erfordert eine Rohrleitung, die von der Lokomotive aus

unter allen Wagen hindurchgeht. Die Rohrstücke werden an den Wagenenden

durch Schläuche miteinander verbunden. Für die Zugbildung ist dies recht

lästig, da ja in der kalten Jahreszeit stets eine besondere

Heizverbindung zwischen den einzelnen Wagen hergestellt werden muß. Die

Schlauchkupplungen, die zugleich die tiefsten Stellen der Heizleitung

darstellen, enthalten kleine Öffnungen, aus denen das Niederschlagwasser

abtropfen kann.

Man unterscheidet drei Arten der Dampfheizung: Hochdruck-, Niederdruck-

sowie vereinigte Hoch- und Niederdruck-Heizung.

Am einfachsten ist die Hochdruck-Heizung. Hier tritt der Dampf in

walzenförmige Körper mit dem vollen Druck von drei bis vier Atmosphären

ein, der in der Hauptleitung herrscht. Die der Leitung abgewendeten

Enden der Körper liegen etwas höher, so daß das Niederschlagwasser in

die Leitung ablaufen kann. Die Regelung des Wärmegrads im Abteil erfolgt

durch die Reisenden, indem sie mittels eines Hebels Teile der Heizkörper

von der Dampfzufuhr absperren. Die Wirkung der Hochdruck-Heizung ist

nicht sehr angenehm, da die einzelnen Körper sehr heiß werden und die

Insassen der Abteile durch strahlende Wärme belästigen. Außerdem

verbrennt der auf ihnen lagernde Staub und erzeugt die im Halse kratzend

wirkende Atmungsluft, die für gewöhnlich als „zu trocken“ bezeichnet

wird. Das Anheizen geht ferner bei dieser Anordnung recht langsam vor

sich, da die in den Körpern vorhandene Luft nur ganz allmählich durch

den eindringenden Dampf hinausgedrückt wird.

Diese Nachteile fallen bei der Niederdruck-Heizung zum größten Teil

fort. Mit Hilfe eines Druckminderungs-Ventils tritt der Dampf in die

hierfür angeordneten, mehrfach gewundenen Heizschlangen nur mit einem

kaum meßbaren Druck ein. Die Erhitzung der einzelnen Flächenteile wird

dadurch geringer, so daß die lästige strahlende Wärme fortfällt. Die

Enden der Niederdruck-Heizschlangen sind offen; sie laufen in zwei Rohre

aus, von denen das eine unter den Boden hinab, das andere zum Dach des

Wagens emporgeführt ist. Unten tropft das Niederschlagwasser ab, oben

pflegt ein leichter Dampfhauch zu entweichen. In jedem Abteil sind zwei

Heizschlangen von verschiedener Größe vorgesehen, so daß mit Hilfe des

Regelhebels drei verschiedene Wärmegrade eingestellt werden können,

indem entweder nur die große, nur die kleine oder beide Schlangen

geöffnet werden.

Für die hochgestellten Ansprüche in den ~D~-Wagen genügt aber auch diese

Regelung nach Dritteln der Heizfläche noch nicht. Man baut darum hier

eine in feineren Stufen regelbare Heizung ein, die eine Vereinigung der

beiden eben beschriebenen Arten darstellt.

In den Abteilen der ~D~-Wagen befinden sich drei Heizkörper: eine große

Niederdruck-Schlange, die 4/7, eine kleine, die 2/7 und ein

Hochdruck-Heizkörper, der 1/7 der Heizfläche ausmacht. Die Wärme in dem

Hochdruckkörper kann von den Reisenden durch Drehen des bekannten Hebels

geregelt werden, wodurch Wärmeänderungen bis zu 5 Grad hervorgerufen

werden können. Die Niederdruckheizung bildet einen durch den ganzen

Wagen hindurchlaufenden Rohrstrang, dessen Wärmegrad vom Wagenwärter

eingestellt wird. Dieser ist imstande, durch die Regelung des

Druckminderungs-Ventils, indem er es ganz schließt, oder für drei

verschiedene Drücke einstellt, vier Wärmeabstufungen herbeizuführen. Die

Regelvorrichtung befindet sich im Gang und ist mit einem verschiebbaren

Täfelchen versehen, an dem die Reisenden ohne weiteres ablesen können,

für welche Außenwärme die Wagenheizung eingestellt ist. In dem

Seitengang ist eine besondere Niederdruckheizung angebracht.

Gleich jedem ordentlichen festen Haus müssen auch die rollenden Häuser

Vorrichtungen zu ihrer Beleuchtung besitzen.

Die Anschauung, daß in den Personenwagen während der Dunkelheit Lampen

brennen müssen, hat nicht immer geherrscht. In dem ersten Jahrzehnt

ihres Bestehens sträubten sich die deutschen Eisenbahngesellschaften

überhaupt dagegen, Nachtzüge fahren zu lassen, da ihnen dies infolge der

mangelhaften Sicherheits-Einrichtungen zu gewagt schien. Als der immer

mehr sich steigernde Verkehr sie jedoch schließlich hierzu zwang,

wollten sie die Mehrausgaben für Beleuchtung gern vermeiden. In Preußen

mußte diese notwendige und wohltätige Einrichtung erst durch Eingreifen

des Königs Friedrich Wilhelm ~IV.~ erzwungen werden.

Der Kabinetts-Minister von Bodelschwingh sah sich auf Geheiß des Königs

veranlaßt, am 11. November 1844 das folgende Schreiben an die Minister

des Innern und der Finanzen zu richten: „Des Königs Majestät halten es

der Sicherheit und des Anstands wegen für wünschenswert, daß die

Eisenbahnwagen während der nächtlichen Züge erleuchtet werden und haben

mir aufgetragen, Eure Exzellenzen auf diesen Gegenstand unter dem

Ersuchen aufmerksam zu machen, entweder Anordnungen in diesem Sinn zu

treffen oder sich gegen Seine Majestät über die etwaigen Hindernisse

äußern zu wollen.“ Solche Hindernisse traten in der Tat noch auf, und

einige Verwaltungen konnten erst durch Ordnungsstrafen zur Einführung

der Beleuchtung in den Personenwagen gezwungen werden.

In dem Buchteil über die Geschichte der Eisenbahn haben wir bereits

gehört, daß die erste Eisenbahn-Beleuchtung aus einer Kerze bestand, die

ein mildherziger Beamter der Stockton-Darlington-Bahn in einem von

Pferden gezogenen Wagen auf den darin aufgestellten Tisch klebte. Auch

in Deutschland wurden im Anfang Kerzen benutzt, die nicht lange nachher

durch Rüböl-Lampen ersetzt wurden. Petroleum wurde als zu gefährlich

angesehen und fand keine größere Verwendung.

Die neuzeitliche Eisenbahnwagen-Beleuchtung beginnt erst mit den

Arbeiten des deutschen Ingenieurs Julius _Pintsch_, der sich ein

außerordentliches Verdienst um diesen Gegenstand erworben hat. Die

Erzeugnisse der großen, von ihm begründeten Berliner Fabrik werden

heute in aller Herren Länder in größter Zahl verwendet. Pintsch führte

die Gasbeleuchtung in den Eisenbahnbetrieb ein.

[Abbildung:

Erbaut von Julius Pintsch A.-G. in Berlin-Fürstenwalde

227. _Gasbehälter-Wagen_

Dient zur Überführung des Beleuchtungs-Gases von der Erzeugungsstelle

zu den Zügen]

Die Aufgabe war deshalb schwer zu lösen, weil erst ein Gas geschaffen

werden mußte, das sich kräftig zusammenpressen ließ, ohne dadurch an

Leuchtkraft zu verlieren. Denn die Gasbehälter, die unter den Wagen

angebracht werden können, müssen klein sein, weshalb sie einen

genügenden Vorrat von Gas nur mitzunehmen vermögen, wenn dieses in

zusammengepreßtem Zustand eingefüllt wird.

Pintsch erfand im Jahre 1867 das Fettgas, welches alle für die

Wagenbeleuchtung erwünschten Eigenschaften besitzt. Es wird aus

flüssigen Fettstoffen, aus Petroleumrückständen oder Paraffinöl, in

Deutschland zumeist aus den bei Vergasung der Braunkohle

zurückbleibenden Teerölen gewonnen. Seit dem Jahre 1870 begann der

Siegeslauf der Fettgasbeleuchtung. Man führt den Brennstoff den

Behältern unter den Wagenkasten entweder von festen Füllstellen her zu

oder bringt ihn in besonderen fahrbaren Gasbehältern auf solche

Bahnhöfe, die keine eigenen Erzeugungsanstalten besitzen. Diese Gaswagen

mit ihren meist drei sehr großen, walzenförmigen Behältern sind überall

auf den Bahnhöfen zu sehen.

[Abbildung: 228. _Gasdruck-Regler_

Sorgt für immer gleichen Gasdruck in den Brennern]

Der kleine Gasbehälter, der unter jedem Wagen mit Gasbeleuchtung

zwischen den Achsen angebracht ist, nimmt Brennstoff für 30 bis 40

Leuchtstunden auf. In den Lampen selbst kann das Gas mit dem

Behälterdruck von 6 Atmosphären nicht verwendet werden. Es ist

notwendig, die Pressung zu vermindern, und das gibt gleichzeitig

Gelegenheit, ein gleichmäßiges Brennen der Flammen trotz der allmählich

eintretenden Entspannung im Behälter herbeizuführen. Es ist das große

Verdienst von Pintsch, einen Druckregler für diesen Zweck geschaffen zu

haben, der den Gasstrom zu den Flammen auf immer gleichen Druck bringt

und trotz seiner aufs feinste wirkenden Teile gegen die starken bei

Eisenbahnwagen auftretenden Erschütterungen ganz unempfindlich ist.

Dieser Druckregler, den unser Bild 228 darstellt, ist folgendermaßen

gebaut. Er besteht aus einem gußeisernen Topf, von dem die Gasleitung zu

den Lampen abgeht, und der oben mit einer Lederhaut abgeschlossen ist.

Diese wird gegen äußere Angriffe durch einen übergelegten eisernen

Deckel geschützt. An der Lederhaut ~A~ ist die Stange ~B~ angebracht,

die einen unter Druck der Feder ~D~ stehenden Hebel ~C~ bewegen kann.

Dieser Hebel ~C~ wirkt durch seine Bewegung auf ein Ventil ein, das den

Zufluß des Gases aus dem Hauptbehälter in den Reglertopf beeinflußt.

Wenn in dem Topf der Gasdruck herrscht, der für die Lampen der

geeignetste ist, so wird die Lederhaut ~A~ etwas nach oben gedrückt, die

Stange ~B~ zieht an, und der Hebel ~C~ verschließt das Zuflußventil.

Sinkt der Druck im Reglertopf, so läßt ~C~ mittels seines Ventils ein

wenig Gas aus dem Behälter nachströmen. Auf diese Weise herrscht in der

Leitung zu den Lampen stets der gleiche Druck, wenn sich die Pressung im

Behälter auch stark mindert.

Als das Azetylen erfunden war, mischte man dieses dem Fettgas bei. Vom

Jahre 1900 ab wurde dieses Mischgas überall verwendet und mit ihm eine

15mal größere Leuchtkraft in den gleichen Brennern erzielt, wie sie für

das Fettgas verwendet wurden. Der Preis für die Kerzenstunde sank auf

die Hälfte.

Eine weitere, sehr bedeutende Verbesserung der Gasbeleuchtung in

Eisenbahnwagen brachte die Einführung des Glühlichts, nachdem es

gelungen war, die von Auer von Welsbach erfundenen Glühstrümpfe so

haltbar zu machen, daß sie starke Erschütterungen auszuhalten vermögen.

Zunächst verwendete man stehende Glühlichtbrenner; sie gewährten jedoch

wegen des starken Schattens, den die Brennerarme nach unten warfen,

keine volle Befriedigung. Die heutige vorzügliche Gasbeleuchtung in

Eisenbahnwagen ist erst vorhanden, seit geeignete Bauarten hängender

Glühlichtkörper erfunden sind. Bei Verwendung von Glühkörpern ist zur

Erzielung einer bedeutenden Lichtstärke die Beimischung des teuren

Azetylens zum Fettgas nicht mehr notwendig. Seit 1909 sind denn auch im

Bereich der preußischen Eisenbahnverwaltung die Betriebe der

Mischgas-Anstalten eingestellt worden; man ist seitdem wieder zum reinen

Fettgas zurückgekehrt. Trotzdem ist seither die Lichtstärke in allen

Wagenklassen, ohne Erhöhung der Betriebskosten, wiederum etwa auf das

doppelte gestiegen.

Diese kurze Betrachtung über die geschichtliche Entwicklung der

Gasbeleuchtung zeigt deutlich, wie rasch die Technik unserer Tage

arbeitet. Die eine Verbesserung wird schon nach kurzer Zeit von der

folgenden überholt. Wie wenige andere technische Verwaltungen sind die

Eisenbahnbetriebe gezwungen, allen auftretenden Neuerungen Beachtung

zuzuwenden. Sie müssen sie aufs genaueste prüfen und dürfen selbst vor

sehr hohen Umänderungskosten nicht zurückscheuen, sobald die Neuerung

erfolgversprechend erscheint. Die Ausgaben, welche durch Einbau der

immer neu gestalteten Gasbeleuchtungsarten entstanden, haben sich durch

Betriebsersparnisse mehrfach bezahlt gemacht.

Seit mehr als einem Jahrzehnt ist nun der Gasbeleuchtung in allen ihren

Formen ein neuer Mitbewerber in Gestalt der elektrischen Beleuchtung

erstanden. Das Gas herrscht heute in den Eisenbahnwagen noch vor, und es

ist keineswegs schon jetzt abzusehen, wann sein Gegner die Überhand

gewinnen wird. Die elektrische Beleuchtung für Eisenbahnwagen ist heute

noch bedeutend weniger einfach, als die Anordnungen für die ältere

Lichtart. Die Kosten für die Kerzenstunde sind noch nicht geringer, die

Ausgaben für die notwendigen Einrichtungen an jedem einzelnen Wagen

bedeutend höher. Doch auch auf diesem Gebiet werden wir sicher rasch

vorwärtskommen, und einstens wird der Tag oder, richtiger, der Abend da

sein, an dem die elektrische Beleuchtung als Siegerin dastehen wird.

So ausgezeichnete Dienste das Gaslicht bei der Eisenbahn geleistet hat

und noch heute in weitestem Maß leistet, ist dennoch seine Ersetzung

durch elektrisches Licht aus verschiedenen Gründen wünschenswert.

Insbesondere würde die Feuersicherheit in den Wagen bedeutend erhöht

werden. Die Brände, welche häufig nach Unfällen ausbrechen und die

zwischen den Wagentrümmern eingeklemmten, manchmal gänzlich

unbeschädigten Reisenden aufs schwerste gefährden, haben ihre Ursache

häufig in der Entzündung des mitgeführten Leuchtgases, in das beim

Ausströmen aus den beschädigten Behältern ein Funke fällt. Der

elektrische Strom kann in dieser unheilvollen Weise nicht wirken. Zwar

bergen elektrische Anlagen stets die bekannte Kurzschlußgefahr in sich.

Aber gerade bei der Eisenbahnwagenbeleuchtung ist diese am

allerwenigsten zu fürchten, da infolge der sehr kurzen Entfernung von

der Erzeugungsstelle mit einer sehr niedrigen Spannung -- gewöhnlich 32

Volt -- gearbeitet werden kann.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 30 / 60 段