Zur Erzielung eines ganz besonders ruhigen Laufs haben sämtliche neueren

Schlafwagen sechs Achsen. Desgleichen ruhen die einzigen Saalwagen, die

bei uns im allgemeinen Verkehr zur Verwendung kommen, nämlich die

Speisewagen, meist auf je zwei dreiachsigen Drehgestellen. Auch diese

letztgenannte Wagengattung ist eine Erfindung von Pullmann, der sie in

den siebziger Jahren zuerst einführte. Heute ist der Speisewagen vom

Tages-~D~-Zug untrennbar. Ohne seine Einführung wäre es auch kaum

möglich gewesen, so weite Strecken, wie es heute üblich ist, mit nur

ganz kurzen Aufenthalten zu durchfahren. Die Reisenden, welche nicht

genügend Mundvorrat von Hause mitgebracht haben, müßten sonst Hunger

leiden, denn auf den Bahnhöfen ist zu zweckmäßiger Versorgung meist

keine Zeit.

Für recht beträchtliche Gebühr und unter besonderen Bedingungen kann man

auf den deutschen Bahnen auch saalartig ausgestattete Sonderwagen

mieten. Der Hauptvorzug dieser Fahrzeuge ist die verhältnismäßige

Weiträumigkeit, die sie bei vollständigem Abschluß gegen die übrigen

Teile des Zugs gewähren. Sie pflegen gewöhnlich einen großen Raum zu

enthalten, der mit Sofa, Sesseln und Tisch ausgestattet ist; daran stößt

mindestens ein recht geräumiges Schlafgemach, und alsdann folgen

gewöhnliche Abteile für Begleitung und Dienerschaft. Ein Doppelboden

macht die Schläge der Räder fast ganz unhörbar. Die innere Ausstattung

der älteren Saalwagen kann unseren heutigen Geschmack nicht mehr

befriedigen. Sie ähnelt zu sehr der „vornehmen Zimmer-Einrichtung“ aus

den achtziger Jahren und will in die strengen, zweckmäßigen Linien der

anderen Eisenbahnfahrzeuge nicht mehr recht hineinpassen. In den neueren

Saalwagen ist man von solchen Verirrungen wieder abgekommen.

[Abbildung:

Erbaut von Gebr. Gastell in Mainz-Mombach

219. _Wohnraum im Saalwagen des Großherzogs von Hessen_]

Eine größere Anzahl von Sonderwagen steht ständig zur Verfügung der

höchsten Beamten, der Fürstlichkeiten und der Herrscher. Viele von

diesen besitzen ganze Sonderzüge.

So besteht der Hofzug des deutschen Kaisers aus neun Wagen: zwei

Gepäckwagen, in denen zugleich die Zugbeamten und eine kleine Werkstatt

untergebracht sind, einem Küchenwagen, einem Speisewagen, zwei Wagen für

das Herrengefolge mit einem besonders geräumig ausgebildeten Raum für

den Oberhofmarschall, je einem Saalwagen für den Kaiser und die

Kaiserin, sowie einem Wagen für das Damengefolge. Der Wagen des Kaisers

enthält einen großen Aufenthaltsraum für den Tag, ein Schlafzimmer mit

anschließendem Waschraum sowie zwei große Abteile für den

Flügel-Adjutanten und den Leibdiener.

Um allen Ansprüchen nach Möglichkeit dienen zu können, halten die

deutschen Eisenbahnen ferner Saalwagen für besondere Zwecke bereit. So

gibt es Krankensaal-Wagen mit einer ihrem Benutzungszweck besonders

angepaßten Einrichtung. Sie sind einfach ausgestattet und leicht zu

reinigen. Über dem gewöhnlichen Wagendach ist ein zweites errichtet, das

die Sonnenhitze nach Möglichkeit fernhalten soll. Der Krankenraum hat

eine Tür mit Doppelflügeln, damit die Bahre bequem hineingebracht werden

kann. Außer dem Bett finden zwei Sofas, ein Sessel und mehrere Stühle

darin Platz. Es schließt sich der Waschraum an, der mit der Küche

vereinigt ist. Abteile für Begleiter, Diener und sonstige

Fahrt-Teilnehmer füllen den noch übrigen Teil des Wagens. Der Abort an

einem Fahrzeugende ist durch einen Seitengang zu erreichen.

[Abbildung:

Erbaut von Gebr. Gastell in Mainz-Mombach

220. _Wohnraum in einem Saalwagen der preußisch-hessischen

Gemeinschafts-Direktion Mainz_]

Damit auch minderbemittelte Kranke die Wohltat einer Beförderung

in abgesondertem Raum genießen können, hat die preußische

Eisenbahnverwaltung Abteilwagen dritter Klasse so eingerichtet, daß

durch Herausnehmen einer Wand, die zwei Abteile voneinander trennt, ein

genügend großer Krankenraum hergestellt werden kann. Nach dem Lösen

einiger Schrauben am Boden und an den Seiten können drei Bänke leicht

entfernt werden, worauf ein in sich gefedertes Bahrgestell durch die

gleichfalls doppelflügelige Tür in den Raum geschafft werden kann. Der

eine Türflügel ist bei gewöhnlicher Benutzung des Wagens fest

verriegelt. Es werden in dem Krankenraum ferner ein Lehnstuhl, ein

Klapptisch und ein Waschschrank aufgestellt, die auf dem Heimatbahnhof

des Wagens stets vorrätig sind. Im Abort wird ein Gaskocher angebracht

und mit der Gasleitung verbunden.

Von sonstigen Personenwagen, die besonderen Zwecken dienen, seien noch

erwähnt die Fahrzeuge für Leichenbeförderung, in die ein Kapellenraum

eingebaut ist, und Wagen zur Überführung von Gefangenen mit gewöhnlich

zwölf recht engen Zellen. In Rußland sind Kirchenwagen sehr beliebt; sie

werden an Sonntagen bald hier, bald dort auf Nebengeleisen aufgestellt

und geben Gelegenheit zur Abhaltung von Andachten durch den mitfahrenden

Geistlichen.

Unter den Saalwagen verdient noch besonders einer hervorgehoben zu

werden, der auf der sibirischen Bahn verkehrt. Da die Reisenden, die von

Moskau etwa nach Irkutsk wollen, sich nicht weniger als acht Tage

ununterbrochen im Zug aufhalten müssen, so ist es wirklich kaum noch als

Überfluß zu bezeichnen, wenn man ihnen darin Gelegenheit zu einiger

Abwechslung und körperlicher Bewegung bietet. Der in die lange laufenden

sibirischen Züge eingestellte Saalwagen besitzt ein Aussichts-Abteil mit

sehr großen Fenstern, einen Gesellschaftsraum im Stil Ludwigs ~XVI.~ mit

Bücherei und Klavier, dann folgen ein Turnraum mit verschiedenen Geräten

und einem Zimmer-Fahrrad, eine Barbierstube und ein ausgedehnter

Baderaum.

Es sei hier darauf hingewiesen, daß auch für unsere, über kürzere

Strecken fahrenden Züge der Einbau neuer Einrichtungen angestrebt wird,

die eine Erhöhung der Bequemlichkeit bieten sollen. So haben bereits

verschiedene Handelskammern den Wunsch ausgedrückt, in den großen

Tages-Schnellzügen Wagen mit Geschäfts-Abteilen laufen zu lassen. Es

sollen in diesen ein Schreibtisch mit Ausrüstung, ein bequemer Stuhl und

sonst noch einiges Schreibstubengerät aufgestellt werden, so daß etwa

der Rechtsanwalt oder der Kaufmann imstande sind, hier Akten zu lesen

und zu ordnen, Schriftstücke zu prüfen oder auszufertigen, kurz Arbeiten

zu verrichten, die man im gewöhnlichen Abteil aus Mangel an

Schreibgelegenheit und vor allem wegen der lästigen Beobachtung durch

die Mitreisenden nicht gut erledigen kann.

[Abbildung:

Aus „Eisenbahntechnik der Gegenwart“

221. _Vierachsiger Kranken-Saalwagen_

Grundriß eines vermietbaren Wagens der preußisch-hessischen

Staatsbahnen]

Die bei weitem am meisten verbreitete Art von Sonderfahrzeugen wird

durch die Postwagen gebildet. Sie enthalten alle Einrichtungen, die zur

glatten Aufarbeitung der eingeladenen Postsachen notwendig sind. Große

Schränke mit Fächern, Tische zum Ordnen, Behälter für Zeitungen,

Vorrichtungen zum Spannen der Briefbeutel sind darin aufgestellt. Die

Postwagen erhalten weit höhere Oberlicht-Aufbauten als die anderen

Personenwagen, weil die Fenster häufig durch Schränke verstellt werden.

Alle Fensteröffnungen pflegen mit Schutzgittern versehen zu sein, die

verhindern sollen, daß Papiere durch plötzlichen Luftzug hinausgeweht

werden. Die in Amerika hier und da an den Postwagen angebrachten

Einrichtungen zum Aufnehmen von Briefbeuteln während der Fahrt haben

sich nicht bewährt. Wie wir noch im Abschnitt über das Signalwesen hören

werden, ist es stets etwas technisch Unrichtiges, wenn man ruhende

Gegenstände innerhalb des Bruchteils einer Sekunde in schnelle Bewegung

überführen will. Ebensowenig hat sich das Ausladen von Postsachen aus

fahrenden Zügen bewährt, da die Beutel hierbei meist zerrissen wurden

oder unter die Räder gerieten.

Es ist üblich, bei Zügen, in denen der Packwagen aus irgendeinem Grund

nicht an der Spitze des Zugs läuft, den Postwagen unmittelbar hinter der

Lokomotive einzustellen und ihn so als Schutzwagen zu benutzen. Das

bedeutet eine höhere Gefährdung der in dem Fahrzeug beschäftigten

Beamten. Die sorgsam arbeitenden deutschen Verwaltungen sind daher in

den letzten Jahren dazu übergegangen, die Postwagen mit besonderen

Schutzabteilen auszurüsten. An beiden Enden sind schmale, aber sehr fest

gebaute Räume abgetrennt, die zu ständigem Aufenthalt nicht benutzt

werden dürfen. Sie sind entweder ganz leer, oder man bringt allenfalls

die Waschgelegenheit darin unter. Es ist schon hier und da bei

Zusammenstößen vorgekommen, daß diese Schutzabteile die beabsichtigte

günstige Wirkung geübt haben.

Die einzelnen Wagenklassen unterscheiden sich in fast allen Ländern

hauptsächlich durch die verschiedenartige Ausgestaltung der Sitzplätze

voneinander. Die erste und zweite Klasse besitzen bei uns Polsterbänke

in verschiedenen Farben, die dritte Klasse Bänke aus hölzernen Latten,

während in der vierten Klasse nur ganz einfache Bretterbänke aufgestellt

sind. Diese gewähren aber nicht so vielen Personen Platz, wie

vorschriftsmäßig in den Wagen befördert werden dürfen, weshalb noch Raum

für Stehplätze und auch für das Abstellen von Traglasten vorgesehen ist.

Es hat eine Zeit gegeben, in der die Ausrüstung der beiden unteren

Klassen nach dem „Abschreckungs-Verfahren“ hergerichtet war. Die vierte

Klasse hatte gar keine Bänke, die dritte Klasse solche von recht

unbequemer Bauart. Man wollte hierdurch möglichst viele Reisende dazu

veranlassen, eine höhere Klasse zu benutzen, als ihrer Vermögenslage

eigentlich entsprach. Ihr gesunder Sinn und das Empfinden für die

Bedürfnisse des Volks hat die Eisenbahnverwaltungen indessen längst dazu

veranlaßt, von diesem Weg abzugehen. Man ist sich klar darüber geworden,

daß die Fahrgäste aus den verschiedenen nun einmal bestehenden

Besitzklassen, soweit es möglich ist, in gleich entgegenkommender Weise

behandelt werden müssen. Aus diesem Grund ist namentlich die vierte

Klasse durch Einführung von Nichtraucher- und Frauen-Abteilen bedeutend

verbessert worden; die Form der Bänke in der dritten Klasse wurde in

sorgfältiger Weise den Körperformen angepaßt, so daß man auf diesen

heute weit bequemer sitzt als früher.

Es bleibt trotzdem selbstverständlich, daß den Reisenden der ersten und

zweiten Klasse, da sie ja ein höheres Fahrgeld entrichten, immer noch

bedeutend größere Bequemlichkeiten geboten werden. Die Abteile dieser

Klassen sind breiter als die anderen, in der zweiten Klasse wird in den

~D~-Zügen jede Bank nur mit drei, in der ersten Klasse gar nur mit zwei

Reisenden besetzt, während in der dritten Klasse auf derselben Banklänge

vier Personen sich einrichten müssen. Die erste Klasse besitzt gegenüber

der zweiten eine sorgfältiger ausgeführte Polsterung, Rückenlehnen, die

in halber Höhe stark eingezogen sind, so daß man auch mit

Kopfbedeckungen bequem sitzen kann. Bewegliche Kissen ermöglichen das

Anbringen eines Zusatzpolsters an jedem gewünschten Ort. Bis vor einigen

Jahren konnten in den Abteilen erster Klasse durch Zusammenschieben der

einander gegenüberliegenden Sitze und Verstellen der Rückenlehnen

einigermaßen bequeme Schlafplätze hergestellt werden. Heute werden

solche Einrichtungen nicht mehr gebaut, da die inzwischen eingeführten

Schlafwagen ihre Benutzung äußerst selten gemacht haben.

Es wird jetzt vielfach angestrebt, an Stelle der vier Klassen -- in

Bayern und Baden ist allerdings die vierte Klasse bis zum heutigen Tag

nicht eingeführt -- nur zwei Abteilgruppen in sämtlichen Zügen laufen zu

lassen. Es soll nur eine gewöhnliche und eine Polsterklasse geben. Man

rechnet damit, daß die Zuglängen hierdurch bedeutend verringert werden

könnten, da die vorhandenen Plätze besser ausgenutzt würden. Das gesamte

wirtschaftliche Ergebnis des Eisenbahnbetriebs müßte sich dadurch

bessern. Es ist jedoch fraglich, ob die alt eingewurzelten Gewohnheiten

die Abschaffung der ersten und vierten Klasse in absehbarer Zeit

zulassen werden.

In Amerika findet man die Wagen häufig mit Wendelehnen ausgerüstet, das

heißt mit Einrichtungen, welche die Möglichkeit geben, daß alle

Fahrgäste stets in der Fahrtrichtung sitzen. Ohne Zweifel bedeutet diese

Anordnung an sich eine Annehmlichkeit. Aber wenn mehr als zwei Personen

miteinander fahren, können sie sich nicht in so bequemer Weise

zusammensetzen wie bei uns. Die Unterhaltung wird erschwert, und da

diese nun einmal der angenehmste Zeitvertreib auf Reisen ist, so hat man

sich in Deutschland zur Einrichtung von Wagen mit Wendelehnen noch nicht

entschließen können. Sehr vielen Reisenden aber dürfte dies

wünschenswert erscheinen, da das Anstarren vom gegenüberliegenden Platz

fortfällt, und man von allzu gesprächigen mitreisenden Fremden weit

weniger belästigt werden kann.

In seinem technischen Aufbau stellt jeder Personenwagen ein eigenartiges

und unter Berücksichtigung der verschiedensten Gesichtspunkte sorgfältig

zusammengefügtes Gebilde dar. Die Fahrzeuge bestehen, vom Laufwerk

abgesehen, aus dem Untergestell und dem eigentlichen Wagenkasten. Bei

zwei- und dreiachsigen Wagen wird das Untergestell als besonderes

Baustück ausgeführt, bei den Vielachsern ist es ein untrennbarer Teil

des Kastens. Der Unterbau ist stets der am kräftigsten ausgeführte Teil

des Fahrzeugs, da er ja die Last des Kastens sowie der Besetzung

aufzunehmen und auf die Achsen zu übertragen hat. Ferner muß er den

Kräften Widerstand bieten, die von den Stoßvorrichtungen zwischen den

einzelnen Wagen auf ihn ausgeübt werden. Das Untergestell ist daher

stets ein aus schweren eisernen Trägern zusammengesetzter Rahmen, der

mit kräftigen Versteifungen versehen ist.

Die Böden der eigentlichen Wagenkasten bestehen aus einer Reihe starker

hölzerner Schwellen, die mit dem Unterbau verbunden sind. Darauf sind

meist zwei sorgfältig gefügte Bretterböden gelegt, zwischen die zur

Minderung des Geräuschs Seegras, Kokosfaser oder Korkmasse gestopft

wird. Die Wände sind im allgemeinen in Holz-Fachwerk ausgeführt, das

durch kräftige Verbindungen und Benutzung harter Hölzer möglichst

widerstandsfähig gemacht ist. Bei uns werden die Wände außen stets mit

Blech verkleidet, ausländische Bahnverwaltungen bevorzugen häufig

hölzerne Verschalung.

Die Dächer haben entweder eine durchgehende Wölbung oder sie tragen in

der Mitte einen Aufbau mit seitlichen Fenstern. Preußen bevorzugt diese

letzte Bauart, weil die Lüftungs-Einrichtungen hier sehr bequem

unterzubringen sind. Der Aufsatz macht die Wagen jedoch etwas schwerer,

und das Dach wird weniger widerstandsfähig, da die Dachspriegel nicht

ohne Unterbrechung durchlaufen können. Manche süddeutsche Verwaltungen

erzielen auch mit gewölbten Dächern Räume, die genügend hoch erscheinen,

aber die Wagen sehen nicht so hübsch aus, wie die mit Aufbau. Am

wenigsten ist dies bei ~D~-Wagen der Fall, wenn der Scheitel der Wölbung

in der Mitte des Wagens liegt. Das Dach steht dann schief über jedem

Abteil, da ja der eine Abstieg zum Teil über dem Seitengang liegt. Hier

und da ist denn auch bereits eine zweite, innere Wölbung eingebaut

worden, die ihren Scheitel in der Längsmitte der Abteile hat.

Die Längswände sind bei den Abteilwagen nicht senkrecht bis zum

Untergestell hinabgeführt, sondern werden unten stark eingezogen.

Hierdurch entsteht die den Abteilwagen eigentümliche, nach unten

verjüngte Querschnittform. Der Einzug ist notwendig, damit man bequeme

Eintrittstufen anbringen kann und trotzdem mit der äußersten Kante des

untersten Trittbretts noch in den Umgrenzungslinien des lichten Raums

bleibt. ~D~-Wagen haben wegen der besonderen Anordnung der Eingänge

rechteckige Querschnitte.

Die Breite der Wagen ist so zu bemessen, daß alle ihre Teile, in welcher

Lage sie sich auch befinden mögen, innerhalb der Umgrenzungslinien

bleiben. Das muß auch bei den Türen der Fall sein, wenn sie sich in

ungünstigster Stellung, das heißt im rechten Winkel zur Längswand,

befinden. Durchgangswagen können daher breiter sein, denn ihre Eingänge

sind zur Anbringung bequemer Trittstufen tief eingezogen.

Doch auch die Länge der Wagen ist begrenzt und zwar deshalb, weil die

steifen Kasten sich in den Krümmungen schief zum Gleis einstellen. Bei

allzu großer Länge könnte die Schiefstellung so bedeutend werden, daß

der Wagen mit seinen Endkanten über die Umgrenzungslinien hinausgerät.

Diese Gefahr ist besonders groß, wenn die Wagenenden weit über die

äußersten Achsen oder Drehzapfen hinausragen. Alsdann kann die

Entfernung aus der Gleismitte auch so bedeutend werden, daß die Puffer

nicht mehr aufeinanderstoßen. Eine solche Verschiebung würde natürlich,

wenn sie am fahrenden Zug stattfindet, eine schwere Gefahr für diesen

bedeuten.

Es wurde bereits gesagt, daß die Einführung der ~D~-Wagen durch die

preußische Staatsbahn-Verwaltung das Reisen sehr viel angenehmer und

bequemer gemacht hat. Wie alle wirklich guten technischen Dinge schließt

diese Bauform aber auch noch einen weiteren, sehr bedeutenden Vorzug in

sich. Der Reisende fährt in den ~D~-Wagen nicht nur bequemer, sondern

auch sehr viel sicherer. Es ist dies eine Tatsache, die kaum einem der

Reisenden jemals zum Bewußtsein kommt.

Bei den ~D~-Wagen sind ja die Längswände nicht durch Türen unterbrochen.

Aus diesem Grund ist es möglich, die Wandgerippe aus durchlaufenden

Balken herzustellen. Ja man ist soweit gekommen, unter den Fenstern

richtige schwere Brückenträger auszubilden. Eine derartige Bauform ist

selbstverständlich geeignet, bei Unfällen einer Zusammendrückung des

Wagens sehr viel stärkeren Widerstand entgegenzusetzen. Häufig genug war

bei Unfällen schon zu beobachten, daß ein ~D~-Wagen seine Form noch

einigermaßen bewahrte, wo ein Abteilwagen vollkommen zermalmt worden

wäre. Die Bauart der Durchgangswagen ist daher auch aus diesem

Gesichtspunkt als ein großer Gewinn des Eisenbahnwesens zu betrachten,

und man nimmt gern den in Fernzügen nicht allzuwichtigen Nachteil in

Kauf, daß die Entleerung der Fahrzeuge weniger schnell stattfinden kann,

da sie ja nur an den Enden Türen besitzen. Es ist als gedanklich falsch

zu bezeichnen, wenn Eisenbahnverwaltungen in anderen Ländern, wie

Frankreich und Holland, in den Seitengängen Türen anbringen, um das Aus-

und Einsteigen zu beschleunigen. Dann geht eben der Vorzug der

durchlaufenden Längswand-Bauten verloren.

In der ersten Zeit nach ihrer Einführung wurde den ~D~-Wagen gegenüber

der Vorwurf erhoben, daß man bei Unfällen aus ihnen schwerer entkommen

könne als aus vieltürigen Fahrzeugen. Ein solches schnelles Entweichen

ist, abgesehen von dem aus seelischen Beweggründen entstehenden

Bestreben jedes Reisenden, einen umgestürzten Wagen möglichst rasch zu

verlassen, auch deshalb stets wünschenswert, weil ja durch die meist

noch unter den Wagen aufgehängten Gasbehälter nach Unfällen häufig

Brände entstehen. In der Tat war die Behauptung, daß man in ~D~-Wagen

der ersten Bauart ziemlich hilflos eingekerkert blieb, sobald die

Wagenenden nicht mehr erreicht werden konnten, oder die dort

befindlichen Türen nicht mehr zu öffnen waren, nicht unberechtigt. Die

deutschen Regierungen beschlossen darum alsbald besondere Maßnahmen zur

Erhöhung der Sicherheit in Durchgangswagen, deren Einführung im Jahre

1901 allen Eisenbahnverwaltungen aufgegeben wurde. Der Einbau von

Nottüren in den Gängen und Abteilen wurde aus dem bereits erwähnten

Grund verworfen, zumal alsdann auch die Wagenbreite hätte eingeschränkt

werden müssen. Hingegen wurden die Fenster so ausgebildet, daß sie sich

fortab zum Entkommen besonders eignen.

[Abbildung:

Van der Zypen & Charlier in Cöln-Deutz

222. _Eiserner ~D~-Wagen im Bau_

Zur Erzielung größerer Rammsicherheit ist der Wagen vollständig aus

Eisen hergestellt]

[Abbildung: 223. _Kastengerippe des eisernen ~D~-Wagens_]

Es wird seitdem dafür gesorgt, daß die hinablaßbaren Fensterscheiben so

weit hinuntergehen können, daß sie gänzlich in der Brüstung

verschwinden. Die freien Fensteröffnungen werden außerordentlich groß

bemessen, so daß man sehr bequem hindurchschlüpfen kann. Die häufig an

den Fenstern angebrachten Schutzstangen sind so angelegt, daß sie

jederzeit leicht und ohne Anwendung von Gewalt entfernt werden können.

Die unter den Fenstern dahinlaufende Heizvorrichtung wird als Trittstufe

ausgebildet; die Vorhangstangen über den Fenstern sind aus kräftigem

Eisen gefertigt, so daß man sich zum Hinausschwingen an ihnen

emporziehen kann. An den Außenwänden der Wagen laufen unter den

Fenstern Griffstangen. Am Kastenboden ist eine, wenn auch wegen der Nähe

der Umgrenzungslinie sehr schmale, Trittstufe angebracht. Unter jedem

Wagen hängen Leitern, die im Notfall gegen die Fensterbrüstungen gelehnt

werden können. In jedem Seitengang ist ein kleiner Glaskasten

angebracht, der ein Beil und eine Säge enthält, mit deren Hilfe man

Bauteile, die sich in den Weg stellen, möglichst rasch entfernen kann.

Das Bestreben zur Herbeiführung größter Sicherheit für die Reisenden,

von dem alle Eisenbahn-Verwaltungen beseelt sind, wenn auch meist in

Formen, die den nichtfachmännischen Fahrgästen verborgen bleiben, hat

sich mit diesen Einrichtungen nicht begnügt. Um die ~D~-Wagen in noch

weit höherer Weise rammsicher zu gestalten, geht man unter dem

Vorantritt Amerikas jetzt dazu über, Fahrzeuge zu bauen, die ganz aus

Stahl bestehen. Es wird durch solche Bauart nicht nur die

Stauchfestigkeit der Fahrzeuge erhöht, sie erlangen auch eine

vollständige Feuersicherheit. Ferner fällt das Splittern des Holzes

fort, das schon häufig schwere Verletzungen herbeigeführt hat. Das

Verbiegen der Eisenteile bei einem Unfall ist weit weniger gefährlich.

Die Aufgabe, stählerne Personenwagen zu bauen, war nicht leicht lösbar,

da die Fahrzeuge ein gewisses Gewicht keinesfalls überschreiten und beim

Lauf kein dröhnendes Geräusch hervorrufen dürfen. Jetzt aber sind

geeignete Bauarten bereits vorhanden, und es kann keinem Zweifel

unterliegen, daß ihnen die Zukunft gehört. Auch in Deutschland laufen

heute bereits zahlreiche ~D~-Züge, die mit Ausnahme der

Innen-Einrichtung keinen hölzernen Bauteil mehr besitzen. Ihre Formen

gleichen den bekannten so sehr, daß die Neuerung den Reisenden verborgen

bleibt.

Der Präsident der Pennsylvania-Bahn, Cassatt, hat, nach der

„Eisenbahntechnik der Gegenwart“, die folgenden allgemein giltigen

Gesichtspunkte für den Bau von stählernen Personenwagen aufgestellt:

1. Der Wagen soll unbedingt feuersicher sein.

2. Er muß Stöße auf die Stoß-Vorrichtung bis zu 180 000 Kilogramm

aufnehmen können, ohne irgendwie nachzugeben oder Formveränderungen zu

erleiden.

3. Das Kastengerippe soll so widerstandsfähig sein, daß der Wagen ohne

Schaden über einen Damm hinuntergerollt werden kann.

4. Die Verbindung des Wagenkastens mit dem Untergestell soll an den

Stirnseiten so kräftig sein, daß das Abstreifen des Kastens vom

Untergestell durch einen aufsteigenden anderen Wagen ausgeschlossen

ist.

5. Der fertige Wagen soll so leicht sein, wie es sich mit den

vorstehenden Bedingungen vereinbaren läßt.

Von Stockert fordert, daß man dazu übergehen solle, sehr schnell

fahrende Züge aus wenigen, äußerst widerstandsfähigen Wagen

zusammenzusetzen.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 29 / 60 段