Wie ganz anders ist eine Eisenbahnfahrt heutigen Tags, so denkt der

Reisende, wenn er einiges aus der Geschichte des Eisenbahnwesens kennt,

als in den ersten Jahrzehnten nach Stephenson. Da saß man, wenn man eine

Fahrkarte dritter Klasse gelöst hatte, in offenen, kaum gefederten

Wagen. Selbst die zweite Klasse bot nur ein Dach gegen den Regen, in der

ersten Klasse allein war man auch durch Seitenwände und Fensterscheiben

geschützt. Die schlossen aber so schlecht und klapperten so

fürchterlich, daß von einem Reisevergnügen keine Rede sein konnte.

Was waren das für Zeiten, als auf den Bahnhöfen noch Brillen und

Gesichtsmasken zum Verkauf feilgehalten wurden! Sie sollten den

Reisenden einigen Schutz vor der durchrußten Luft gewähren, die während

der Fahrt ungehindert gegen sie anströmte. Da dachte noch niemand daran,

die Gleisunebenheiten den Insassen der Wagen möglichst unmerkbar zu

machen, die Sitze so auszugestalten, daß man nicht schon nach einer

Fahrtstunde Schmerzen im Rückgrat empfand, den Fahrgästen

Bewegungsfreiheit innerhalb des ganzen Zugs zu gewähren. Die immer

größer werdende Schnelligkeit der Züge erst zwang dazu, die gewaltigen,

festverschlossenen Kapseln zu schaffen, in denen die Menschen heute auf

den Bahnstrecken befördert werden; die Eisenbahnwissenschaft erst,

genaueste Beobachtung der am meisten störenden Erscheinungen und ihre

Beseitigung durch sorgfältig abgewogene Einrichtungen, ließ die

prachtvollen neuzeitlichen Fahrzeuge entstehen, die in den

zusammenhängenden Saalwagen der Züge auf den großen Weltstrecken mit

vieltägiger Fahrtdauer ihren vorläufigen Gipfelpunkt gefunden haben.

Der Mann in der Fensterecke schmunzelt, wenn er sich des freundlich

wiegenden Laufs bewußt wird, mit dem sein rollendes Haus ihn über das

Gleis trägt, anstatt ihn bei jedem Stoß rauh in die Höhe zu werfen, bei

jeder Krümmung gegen die Seitenwand zu puffen. Gern möchte er wissen,

wodurch dieser ruhige Gang der ~D~-Wagen erzielt worden ist, so daß

diese so angenehm gegen die alten Knochenschüttler abstechen. Wir wollen

ihn aufklären: den größten Einfluß in dieser Richtung hat die

Vergrößerung der Wagenlängen geübt, womit eine Erhöhung des Gewichts und

der Zwang zu besonderer Ausgestaltung des Laufwerks notwendig verbunden

waren.

In den frühen Zeiten des Eisenbahn-Verkehrs, als die Anzahl der zu

befördernden Reisenden noch gering war, bediente man sich kleiner,

leichter Wagen, die auf zwei eng gestellten Achsen ruhten. Als es aber

galt, immer mehr Menschen in einem Zug zu befördern, wurde es

wirtschaftlich notwendig, den Fassungsraum jedes einzelnen Wagens zu

vergrößern. Das konnte nur durch Verlängerung geschehen, denn in den

Breitenmaßen war man ja durch die Umgrenzungslinien des lichten Raums

beschränkt. Zur Unterstützung der schweren Wagen mußte die Zahl der

Achsen gesteigert, vor allem aber der Achsstand vergrößert werden, weil

es sich gezeigt hatte, daß lange, schwere Wagenkasten, deren Enden nur

wenig überhängen, das heißt über die Befestigungsstellen der äußersten

Achsen hinausragen, den angenehmsten Gang aufweisen. Entsprechend dieser

Erkenntnis ist man denn auch in geradezu kühner Weise vorgegangen, hat

die mächtigen Personenwagen von heute geschaffen, die sich das

Schlingern, Dröhnen und Klirren gänzlich abgewöhnt haben. Auf ihren

festgespannten Federn schwanken sie nur leise auf und nieder.

Doch das Verhindern des Schlingerns, der unangenehmsten Bewegung an

laufenden Fahrzeugen, konnte nicht durch die Gewichtssteigerung und

bessere Abfederung allein erreicht werden, sondern wurde erst durch eine

besondere Einrichtung am Laufwerk erzielt, die sich mit zunehmenden

Wagenlängen als unbedingt erforderlich erwies.

Je größer nämlich der Abstand der äußersten Achsen eines Wagens

voneinander wurde, je mehr der Achsstand wuchs, desto größer wurden die

Schwierigkeiten beim Durchfahren enger Gleisbogen. Wir sind dieser

Erscheinung bereits bei der Betrachtung des Lokomotiv-Laufwerks

begegnet. Schon bei Wagen mit nur drei Achsen wurde es notwendig, das

Laufwerk im Gleis schmiegsam zu machen.

Es war ein harter Kampf notwendig, bis die einstellbaren Achsen unter

den Wagen sich durchsetzten. Galt es doch als gefesteter Grundsatz, daß

Wagen, die wirklich sicher laufen sollten, stets genau gleichgerichtete

Achsen haben müßten. In Preußen aber, das ja immer in Eisenbahndingen

mutig vorangegangen ist, machte man schon Anfang der achtziger Jahre

Versuche mit Wagenachsen, die sich in Gleiskrümmungen so einstellen

konnten, wie es für einen ruhigen, von Schlingerbewegungen freien Lauf

am besten ist, nämlich in der Richtung nach dem Mittelpunkt des

Gleisbogens. Doch erst im Jahre 1896 führte der Verein Deutscher

Eisenbahnverwaltungen in seiner damals tagenden Techniker-Versammlung

die einstellbaren Achsen bei allen in ihm zusammengeschlossenen Bahnen

ein. Sie wurden Vereins-Lenkachsen genannt und brachten für den Lauf der

Wagen gerade so durchgehende Verbesserungen wie ihre Genossen unter den

Lokomotiven.

Die für die einstellbaren Achsen maßgeblichen Grundsätze kennen wir

bereits aus dem vorhergehenden Abschnitt (Seite 217). Da die Achsen

unter den Wagen jedoch bei weitem nicht so stark belastet sind wie die

Lokomotiv-Achsen, so kann man hier die Einstellbarkeit durch weit

einfachere Vorkehrungen erzielen. Man gibt ihnen Bewegungsmöglichkeit

durch eine besondere Aufhängung der Blattfedern, mit denen die

Wagenkasten auf die Achsbüchsen gestellt sind. Wenn die Achsbüchsen sich

in den zu diesem Zweck mit einem Spielraum versehenen Achshaltern

seitlich verschieben, so stellen sie die Tragfedern hierdurch etwas

schief ein. Ihre Enden sind nun ungleich belastet, die Winkel, welche

die Aufhängungslaschen zum Gleis bilden, verschieden groß, und dadurch

werden die Achsen sofort wieder zur ursprünglichen Stellung

zurückgezwungen, wenn ein gerades Gleisstück erreicht ist (Bild 213).

[Abbildung: 213. _Vereins-Lenkachse an Personen- und Güterwagen_

Zur Herbeiführung einer Beweglichkeit der Achsen in Gleiskrümmungen

sind die Feder-Enden an drehbaren Laschen aufgehängt. Die Achsen

können sich im Achshalter bewegen und darum in Richtung auf den

Mittelpunkt des Gleis-Bogens einstellen]

Die in solcher Weise mit freien Lenkachsen ausgerüsteten dreiachsigen

Wagen haben sich bis zu Stundengeschwindigkeiten von 90 Kilometern sehr

gut bewährt. In den Schnellzügen trifft man sie heute jedoch fast gar

nicht mehr an. Da das Gewicht, das für den einzelnen Platz aufgewendet

werden muß, in den neuzeitlichen Schnellzug-Wagen sehr groß ist, kommt

man hier auch mit drei Achsen nicht mehr aus, sondern muß vier und mehr

Achsen verwenden. Bei diesen Vielachsern aber läßt sich die

Schmiegsamkeit im Gleis weit besser als mittels einstellbarer Achsen

durch Drehgestelle erreichen. Man faßt je zwei oder drei Achsen in einem

besonderen Rahmen zusammen, schafft so besondere Radwägelchen, die nur

durch einen runden Zapfen mit dem Wagenkasten verbunden sind. Das Wesen

dieser in Amerika erfundenen Drehgestelle haben wir gleichfalls bereits

im vorigen Abschnitt (Seite 218) besprochen.

Das unermüdliche Streben der Eisenbahn-Techniker, das Fahren auf den

Geleisen möglichst angenehm zu machen, hat bei der Ausbildung der

Drehgestelle für Personenwagen zur Anbringung einer geradezu

verschwenderischen Fülle von Abfederungen geführt. Der Drehgestellrahmen

ist natürlich federnd auf seine Radachsen gesetzt. Aber das reicht noch

nicht aus, um dem Wagen einen genügend ruhigen Lauf zu sichern. Aus

diesem Grund legt man noch eine zweite sehr kräftige Abfederung zwischen

den Teller, der das Zapfenlager, also die Aufsatzstelle des

Wagenkastens, trägt, und das Drehgestell. Drei bis vier außerordentlich

große und kräftige Blattfedern tragen auf ihrem Rücken einen frei

beweglichen, wagerechten Balken, in den der Drehteller eingelassen ist.

Da der Balken mit dem eigentlichen Drehgestell nicht ganz fest verbunden

ist, so macht er auch nicht alle seitlichen Schwankungen mit, zu denen

dieses durch das Gleis gezwungen wird. Mit Recht hat man diese Anordnung

„die Wiege“ genannt; sie hält alle harten Bewegungen vom eigentlichen

Wagen fern, teilt ihm nur sanfte Schwankungen mit.

Trotzdem begnügt man sich oft mit der zweifachen Abfederung an den

Achsbüchsen und in der Wiege nicht, sondern fügt noch eine dritte hinzu,

indem man die Enden der eigentlichen Achsfedern nicht unmittelbar am

Drehgestellrahmen angreifen läßt, sondern hier noch einmal einen

Gummipuffer oder eine Schraubenfeder zwischenschaltet.

[Abbildung:

Erbaut von Gebr. Gastell in Mainz-Mombach

214. _Zweiachsiges Drehgestell_

In der Mitte die auf drei Blattfedern ruhende Wiege]

Amerika hat neuerdings eine besondere Form der Drehgestelle geschaffen,

die auch bei uns immer häufiger angewendet wird. Hierbei ruht der

Drehgestellrahmen nicht mehr durch bloße Zwischenschaltung der

Blattfedern auf den Achslagern, sondern er ist auf einen Träger

gestellt, der die Achslager verbindet (Bild 215). Der eigentliche

Tragbalken liegt ziemlich tief, damit die sehr starken Wickelfedern, die

auf ihm ruhen, untergebracht werden können. Die Trägerenden sind dann in

eigentümlich geschwungener Form über die Achsbüchsen hinaufgebogen, was

der ganzen Trageinrichtung den sehr treffenden Namen „Schwanenhals“

verschafft hat. Diesen amerikanischen Drehgestellen wird ein besonders

ruhiger Lauf nachgerühmt.

Da selbst die schwersten Wagen bei weitem nicht so hohe Gewichte haben

wie die Lokomotiven, werden ihre Räder nicht immer aus dem besten,

teuersten Baustoff, nämlich aus Stahl, hergestellt, obgleich das

Stahlrad auch im Wagenbau vorherrscht.

[Abbildung:

Erbaut von Gebr. Gastell in Mainz-Mombach

215. _Amerikanisches Drehgestell_

mit „Schwanenhals“-Träger]

Nicht allzu häufig und meist nur unter Güterwagen, trifft man gußeiserne

Räder an, die keine Speichen haben, sondern in der Seitenansicht eine

volle Scheibe darstellen. Für ihre Bereitung wird das Eisen nicht in

gewöhnlicher Weise gegossen, sondern so behandelt, daß es sehr rasch

erstarrt, wodurch der Rand, auf dem die Scheibe läuft, äußerst hart

wird. Diese Hartgußräder sind die einzigen Vollräder, die in der

Eisenbahn-Technik zur Anwendung kommen, das heißt solche, bei denen der

Laufkranz nicht durch einen besonderen Reifen, sondern durch den

Radkörper selbst gebildet wird.

Das Gefüge des Hartgusses kann jedoch seiner ganzen Natur nach nicht so

gleichmäßig sein, wie der durchgeschmiedete und durchgewalzte Gußstahl,

aus dem die aufgesetzten Radreifen gefertigt werden, und daher zeigen

die Hartgußräder eine Neigung, beim Laufen rasch unrund zu werden, indem

die weniger festen Teile sich schneller abnutzen. In Deutschland dürfen

sie nur bei Wagen benutzt werden, die in Zügen mit höchstens 50

Kilometern Stundengeschwindigkeit laufen; auch dürfen sie nicht gebremst

werden, da es sich gezeigt hat, daß sie durch die bei wiederholtem

Bremsen auftretende Erhitzung leicht Sprünge bekommen. In Amerika, wo

man ja leichtsinniger vorzugehen pflegt, sind hierdurch einige Male

Unfälle hervorgerufen worden.

Die englischen Eisenbahnwagenbauer haben eine lebhafte Vorliebe für

hölzerne Räder. Man rühmt diesen nach, daß sie durch ihre Nachgiebigkeit

das rollende Geräusch verringern und das Springen der Reifen verhindern.

Sie bestehen aus keilförmigen Holzstücken, die so aneinandergefügt sind

wie Tortenstücke, und werden durch den umlaufenden Stahlreifen

zusammengehalten. Auf den Vereinsbahnen sind sie nicht zugelassen. Ihre

Dauerhaftigkeit ist nicht sehr groß, da das Holz sich zusammenzieht, und

alle Schrauben und Verbindungen hierdurch rasch lose werden.

Daß es auch Eisenbahnräder aus Papier gibt, kann nur dem seltsam

erscheinen, der nicht weiß, daß stark zusammengepreßtes Papier eine

außerordentliche Härte und Widerstandsfähigkeit erlangt. Man liebt Räder

aus solchem Baustoff namentlich in Amerika. Sie werden hergestellt,

indem man etwa 50 dünne Pappscheiben zusammenleimt, sehr gründlich

trocknet und alsdann mit gewaltigem Druck preßt. Die Scheibe ist nun so

fest, daß sie gleich dem Eisen auf der Drehbank bearbeitet werden kann.

Mittels vorn und hinten aufgelegter Bleche werden die Papierscheiben

zwischen den stählernen Naben und Reifen befestigt. Die Bolzenlöcher muß

man unter dem Dampfhammer hindurchtreiben.

Durch die Bauart ihrer Kasten werden die Personenfahrzeuge in zwei große

Gruppen geschieden: in Abteil-Wagen und Durchgangs-Wagen.

Die Abteil-Wagen sind gleich zu Beginn des Eisenbahnwesens in England

entstanden. Sie haben ihren Ursprung in dem Absonderungs-Bedürfnis der

einzelnen Bevölkerungsklassen, das jenseits des Kanals und ja auch bei

uns recht stark ausgeprägt ist. Dadurch, daß man die Wagenkasten mittels

Querwänden in viele einzelne Rechtecke teilt, wird eine strenge

Sonderung der verschiedenen Gruppen von Reisenden erzielt. Die Insassen

des einzelnen Abteils bilden eine kleine Gemeinschaft für sich und haben

nicht nötig, an dem Leben in den übrigen Räumen des Zugs teilzunehmen.

Die Abteil-Wagen ermöglichen aber auch infolge der vielen Türen, die sie

besitzen, ein sehr rasches Ein- und Aussteigen, weshalb sie auf Stadt-

und Vorortbahnen mit kurzen Haltezeiten sehr beliebt sind.

Heute strebt man bei uns danach, die vollständig gegen ihre Nachbarräume

abgeschlossenen Abteile allmählich ganz zu beseitigen, weil hier und da

vorgekommene Überfälle auf Reisende gezeigt haben, daß sie eine

Minderung der Reisesicherheit bedeuten. Bei sehr stark besetzten Zügen

verhindern die vollständig von einer Seitenwand zur andern

durchlaufenden Querwände auch einen Ausgleich der Besetzung innerhalb

eines Wagens. Jeder ist gezwungen, in dem Abteil zu bleiben, in das er

zufällig eingestiegen ist, und muß hier stehen, während vielleicht im

Nebenabteil noch Plätze frei sind. Die Berliner Stadtbahn besitzt heute

Abteile, bei denen die Querwände gekürzt sind, so daß an einer Seite von

einem Abteil ins andere hinübergegangen werden kann. Die Abteile in

Fernzug-Wagen sind, um den Abort von mehreren Räumen aus zugänglich zu

machen, oft durch Türen miteinander verbunden.

Die ersten Eisenbahnfahrzeuge, in denen an Stelle dieser stets sehr

schmalen Verbindungen ein bequemer und freier Durchgang von einer

Stirnwand zur anderen möglich war, erschienen in Deutschland in den

sechziger Jahren. Der Gang lag in der Mitte des Wagens, wie das noch

heute bei sehr vielen Fahrzeugen in Süddeutschland und den fremden

Nachbarländern üblich ist. Es wird hierdurch bewirkt, daß das

Zugpersonal seine überwachende Tätigkeit leichter ausüben kann und auch

den Reisenden für Fragen und Beschwerden während der Fahrt zur Verfügung

ist. Bis dahin, insbesondere vor Einführung der Bahnsteigsperre, mußten

die Schaffner, um die Karten der Reisenden nachzusehen, während der

Fahrt auf den äußeren Trittbrettern an den Wagen entlangklettern. Viele

Unfälle wurden dadurch hervorgerufen, bis endlich Preußen mit der

Prüfung der Fahrkarten an den Bahnhofseingängen vorging und das Begehen

der Trittbretter während der Fahrt verbot. Die Einrichtung des für die

Fahrgäste freigegebenen Durchgangs bewirkt auch eine bequemere

Unterbringung der Aborte. In Norddeutschland sind jedoch die Wagen mit

Mittelgang niemals beliebt gewesen. Man kann auch in der Tat nicht

leugnen, daß bei dieser Anordnung jeder Reisende, der durch den Wagen

geht, die anderen stört, was namentlich nachts sehr unangenehm empfunden

wird. Es wurde darum lebhaft begrüßt, als die preußische

Eisenbahnverwaltung daranging, in freiem Anschluß an amerikanische

Bauarten die Durchgangs-Wagen so auszubilden, daß sie die Vorteile von

Abteil-Wagen in sich schließen.

Man fühlt sich heute auf seinem Platz im Schnellzug doppelt wohl, weil

man weiß, daß man nicht für die ganze, viele Stunden dauernde Fahrt an

seinen Platz gebannt ist. Man kann, wenn man will, aufstehen und den

ganzen Zug durchschreiten. Trotzdem wird man in seiner Beschaulichkeit

nicht fortwährend durch vorüberlaufende Kinder gestört, denn man

befindet sich in einem geschlossenen Abteil. Diese Wirkung wird dadurch

hervorgebracht, daß in den Fahrzeugen, die wir heute als ~D~-Wagen

bezeichnen, der Durchgang an der Seite liegt. Die Vorteile, welche

Einzelabteile bieten, bleiben hierdurch erhalten, und diese Fahrzeuge

sind daher als ein besonders treffliches Mittel zur angenehmen

Gestaltung weiter Reisen zu begrüßen. In den ersten ~D~-Wagen waren die

Abteile nach dem Seitengang hin offen, jetzt können sie durch Türen von

diesem abgeschlossen werden, was die Heimelichkeit des einzelnen Abteils

bedeutend erhöht. Die Übergänge von Wagen zu Wagen werden durch eiserne

Brücken ermöglicht, die allseitig von Faltenbälgen umschlossen sind.

In Amerika und vielen europäischen Ländern legt man auf Abteil-Sonderung

gar keinen Wert. Dort haben die Wagen meistens nur einen einzigen

zusammenhängenden Raum, in dem Bänke aufgestellt sind. Wer von uns in

solchen Wagen gereist ist, wird jedoch wahrgenommen haben, daß sie einen

sonderlich angenehmen Eindruck nicht gewähren. Es ist kein erfrischender

Anblick, zu gleicher Zeit viele Menschen in bequemen Stellungen zu

schauen oder sie mitgebrachte Eßwaren aus Papieren verzehren zu sehen.

Namentlich an heißen Sommertagen, wenn man sichs ein wenig bequem

gemacht hat, und ganz besonders während der Nacht, erblickt man Gruppen,

die weit weniger unangenehm auffallen, wenn sie zwischen enge

Abteilwände gebannt sind. Es wirkt recht wenig schön, wenn man

gleichzeitig ein halbes Dutzend Damen erblickt, die ihre Köpfe

schlummernd an die Brust ihres Ehegemahls gebettet haben.

[Abbildung:

Aus „Eisenbahntechnik der Gegenwart“

216. _Pullmann-Wagen_

Inneres eines amerikanischen Schnellzug-Wagens für Tag- und

Nachtaufenthalt. Die Lager sind während des Tags an die Decke

geklappt; nachts werden sie in der im Bild angedeuteten Weise

wagerecht auf die Sitzlehnen gestellt.]

In Europa hat jeder einzelne Personenwagen stets nur eine

verhältnismäßig kurze Strecke zu durchfahren. Es genügt uns hier

vorläufig, wenn dafür ein gepolsterter Sitz zur Verfügung steht. Anders

liegen die Dinge in Amerika, wo die riesigen Entfernungen

ununterbrochene Fahrten durch mehrere Tage notwendig machen. Man begann

darum drüben schon frühzeitig, besonders bequem und prächtig

ausgestattete Wagen zu schaffen, um die langen Eisenbahnfahrten

erträglicher zu gestalten und möglichst zu einem Vergnügen zu machen.

Die Entwicklung ist dort auch bis zum heutigen Tag emsig in dieser

Richtung fortgeschritten, da der Wettbewerb zwischen den einzelnen

Privatbahnen, die Reisende zwischen den gleichen Städten befördern,

antreibend wirkt.

Die Einrichtung von Eisenbahnwagen, die eine Ausstattung über die

notwendigsten Bedürfnisse hinaus besitzen, knüpft an den Namen

_Pullmann_ an. Er war es, der im Jahre 1858 die ersten Prachtwagen auf

der Strecke Chicago-Buffalo einführte. Deutschland kann sich eines

Anteils auch an dieser Errungenschaft rühmen, da Pullmann von hier aus

nach Amerika eingewandert war.

Die auch bei uns sehr berühmt, ja sprichwörtlich gewordenen

Pullmann-Wagen sind Fahrzeuge, die sowohl für Tag- wie für

Nachtaufenthalt eingerichtet sind. Ein geräumiger, prächtig

ausgestatteter Saal ist mit Sitzbänken versehen. Die Schlaflager sind

während des Tags gegen die Decke geklappt, und auf ihnen liegen auch in

dieser Zeit die Matratzen, Decken und Kissen (Bild 216). Wenn der Abend

hereinbricht, werden die Klappen mittels Stützen, die auf die

Seitenlehnen der Bänke aufsetzen, wagerecht gestellt, die Betten

hergerichtet, und jede der Lagerstätten durch Vorhänge gegen den Gang

und gegen die Nachbarn abgeschlossen. Das Entkleiden ist nur möglich,

während man auf dem Bett liegt, denn zwischen den Vorhängen und diesem

steht kein Raum zur Verfügung. Es ist auch selbstverständlich, daß die

Vorhänge niemals ganz dicht schließen, so daß in einem solchen

amerikanischen Schlafwagen keine vollständige Sonderung der Schlafenden

voneinander und von denen, welche den Gang durchschreiten, erzielt wird.

Während des Tags bieten zudem die hochgeklappten, schrägen Lager keinen

sonderlich hübschen Anblick, und sie verengen dazu den Luftraum im

Wagen.

Es ist begreiflich, daß die Einführung solcher Pullmann-Wagen bei uns

von den wirklichen Kennern der Verhältnisse niemals für erstrebenswert

gehalten wurde. Auch in Amerika pflegen besonders zahlungskräftige

Fahrgäste vollkommen geschlossene Abteile zu mieten, die sich an den

Wagenenden befinden. Die Entwicklung konnte in Deutschland von

vornherein einen anderen Lauf nehmen, da hier eine Doppelform der Wagen

für Tag- und Nachtfahrten nicht nötig ist. Mit Ausnahme der wenigen

zwischenstaatlichen Züge kommt es bei uns recht selten vor, daß man

länger als zwölf Stunden in demselben Wagen sitzt. Es erwies sich daher

als günstiger, eine Wagenform auszubilden, die ausschließlich

Schlaflager enthält.

[Abbildung:

Erbaut von van der Zypen & Charlier in Cöln-Deutz

217. _Dreiachsiger Saalwagen_]

[Abbildung: 218. _Ein fahrender Saal_

Großer Aufenthaltsraum in dem auf dem vorhergehenden Bild

dargestellten Wagen]

Die preußischen Schlafwagen sind ~D~-Wagen mit streng geschlossenen

Abteilen. Jedes von diesen enthält zwei Schlaflager. Für die wenigen

Stunden, die man am Abend oder am Morgen vor oder nach Benutzung des

Schlaflagers in dem Abteil sich aufzuhalten hat, ist in diesem durch

Herunterklappen des oberen Lagers eine sehr bequeme, gepolsterte

Sitzbank zur Verfügung.

Die beiden Lager werden durch Ausziehen des Sitzes und Hochklappen der

Sitzbanklehne bis in wagerechte Stellung hergerichtet. Eine Leiter zum

Besteigen des oberen Lagers befindet sich im Abteil. Desgleichen birgt

es einen Spiegelschrank, in dem sich Wasserkaraffe und Gläser befinden,

sowie einen aufklappbaren Waschtisch mit Becken aus Nickelblech, dem man

nach Belieben frisches Wasser zufließen lassen kann. In neuerer Zeit

werden die Abteile größer gemacht. Insbesondere ist der bisher recht

schmale Raum zwischen Waschtisch und Bett dadurch vergrößert worden, daß

die Wand, welche zwei benachbarte Abteile voneinander trennt, nicht mehr

senkrecht zur Wagenachse steht, sondern schräg gestellt ist. Für

Reisende erster Klasse, die ein ganzes Abteil für sich allein

beanspruchen können, wird die Annehmlichkeit auch dadurch erhöht, daß in

den Wagen dieser neueren Bauart die Rückenlehne nicht mehr emporgeklappt

zu werden braucht. Das ist in den älteren Wagen trotz der Nichtbenutzung

des oberen Lagers notwendig, weil das untere bei senkrechter Stellung

der Lehne zu schmal werden würde.

Man ist in solchen neu angeordneten Abteilen vorzüglich gebettet, hat,

wenn man den Fahrpreis für die erste Klasse entrichtet, den ganzen Raum

bis zur Decke des Wagens frei über sich und kann sich sogar in ein

richtiges Schlafzimmer versetzt glauben, wenn man mit einem Angehörigen

zusammen zwei nebeneinanderliegende Abteile mietet und die sehr breiten

Zwischentüren aufklappt. Diese neuen preußischen Schlafwagen sind um ein

Meter länger als die älteren. Sie entsprechen hierdurch nicht mehr den

zwischenstaatlichen technischen Vereinbarungen und dürfen daher auf

ausländische Strecken nicht übergehen. Das ist wiederum ein deutliches

Zeichen für die besondere Raschheit des Fortschritts im Bereich der

preußischen Eisenbahnverwaltung.

In Schweden ist man uns allerdings mit der Einrichtung von Schlafwagen

dritter Klasse voraus. Ihre Einführung dürfte aber auch bei uns jetzt

nicht mehr lange auf sich warten lassen. Da der Preis für ein

Schlaflager dieser Art nicht zu hoch bemessen werden darf, wird es

notwendig sein, drei Lager übereinander in einem Abteil einzurichten.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 28 / 60 段