Hierbei wird jede Laufachse mit einer Ziffer, jede Kuppelachse durch

einen Buchstaben bezeichnet. Mit wachsender Achszahl schreiten die

Ziffern und Buchstaben in ihrer üblichen Folge fort. Ziffern und

Buchstaben liegen zueinander wie die Achsgruppen unter der Lokomotive,

von vorn nach hinten gesehen. So bedeutet 1 ~A~ 1 eine Lokomotive, die

hinter dem Schornstein zuerst eine Laufachse, dann die Treibachse, dann

wieder eine Laufachse hat. 2 ~B~ 1 ist eine Maschine mit zwei

Laufachsen, zwei darauf folgenden Kuppelachsen und wieder einer

Laufachse. 2 ~C~ bedeutet zwei Laufachsen, drei Kuppelachsen. ~E~ ist

eine Lokomotive, die ausschließlich fünf gekuppelte Achsen besitzt,

also, wie wir uns leicht denken können, eine schwere Güterzug-Maschine

ist. Die Lokomotive auf Bild 150 ist also eine 2 ~B~ 2-Maschine, Bild

151 stellt eine 1 ~D~-Maschine dar, Bild 152 eine 1 ~C~ 1-Maschine und

Bild 153 eine 1 ~F~ 1-Tender-Lokomotive. Bei solchen Maschinen, die zwei

getrennte Triebwerke besitzen, also z. B. bei der großen Mallet-Maschine

auf dem Bild vor dem Titel dieses Buchs, werden die Achs-Bezeichnungen

für jedes zu einem Triebwerk gehörige Laufwerk gesondert

zusammengestellt, und beide Gruppen durch ein Pluszeichen verbunden. Die

schwerste Lokomotive Europas auf jenem Bild ist also eine

~D~ + ~D~-Maschine.

Die wichtigsten Ziffern, die sonst noch über Lokomotiven angegeben zu

werden pflegen, sind ihr Leergewicht, das heißt also die Zahl der

Kilogramm, die eine Wägung ohne Vorräte ergibt, ferner das

Dienstgewicht, also das Ergebnis der Wägung bei gefüllten

Vorratbehältern, und das Reibungsgewicht, das heißt derjenige Teil des

Gewichts, der auf die gekuppelten Achsen entfällt. Dies allein ist

maßgeblich für die Zugkraft.

Der vielgegliederte Körper der Lokomotive muß ständig unter

sorgfältigster Aufsicht gehalten werden. Nach Beendigung jeder Fahrt

sind alle Teile sorgfältig zu überprüfen und jeder entstandene Schaden

sofort auszubessern, damit die Maschine wieder vollgewappnet den neuen

Dienst antreten kann. Wenn größere Eingriffe am Kessel notwendig sind,

muß freilich erst das Abkühlen abgewartet werden, wodurch es

erforderlich wird, die Maschine für längere Zeit aus dem Betrieb zu

ziehen. Das Ablassen des Dampfs, das nur langsam geschehen darf und

meist durch Öffnen des Heizleitungs-Anschlusses geschieht, dauert

mehrere Stunden.

Die kleinen Gebrechen pflegen sich jedoch weit häufiger als an dem auf

dem Rahmen ruhenden Kesselbau an den bewegten Maschinenteilen

einzustellen, wo sie schneller ausgebessert werden können.

In bestimmten Abständen findet ein Auswaschen des Kessels statt, um ihn

von dem Schlamm zu befreien, der sich stets aus dem Speisewasser

niederschlägt, wenn dieses auch noch so gut vorgereinigt ist. Es muß

hierbei außerdem der Kesselstein entfernt werden, das ist eine stark

kalkhaltige Schicht, die sich insbesondere um die Heizrohre bildet und

die Dampf-Erzeugung mindert. Sie schlägt sich aus dem Wasser dadurch

nieder, daß dessen chemische Beimengungen bei der Dampfbildung

ausgeschieden werden. Beim Auswaschen werden zahlreiche, hierfür

vorgesehene Öffnungen am Kessel freigemacht, warmes Wasser wird unter

starkem Druck eingespritzt und ferner mit besonderen Kratzvorrichtungen

möglichst in alle Ecken und über sämtliche Rohre gefahren.

Spätestens acht Jahre nach Inbetriebsetzung jeder Lokomotive findet eine

Hauptuntersuchung statt. Hierbei wird die Maschine vollständig

auseinandergenommen, und auch der Kessel wird im Innern untersucht.

Damit man diese Prüfung vornehmen kann, müssen sämtliche Heizrohre

entfernt werden. Eine Wiederholung der Hauptuntersuchung hat alsdann

alle sechs Jahre stattzufinden.

In engem Zusammenhang mit der sorgfältigen Unterhaltung der Lokomotive

steht eine betriebliche Streitfrage, die bis heute noch nicht

entschieden ist. In den Fachzeitschriften finden noch immer

Erörterungen darüber statt, ob es besser ist, jede Lokomotive nur mit

Einer Mannschaft zu besetzen oder der einzelnen mehrere Mannschaften

zuzuordnen. Ist die Lokomotive nur einmal besetzt, so werden die

Ruhepausen, die sie einhalten muß, durch die Grenzen der menschlichen

Leistungsfähigkeit bestimmt. Die Beamten müssen ja nach einer längeren

Zahl von Dienststunden stets Gelegenheit haben, sich eine Zeitlang

auszuruhen. Sie ermüden weit schneller als die Lokomotive.

Wenn eine Schnellzug-Maschine nach langer Fahrt von der Schlacke befreit

worden ist, die sich auf dem Rost gebildet hat, wenn sie nachgesehen,

frisch geschmiert und mit neuen Vorräten versehen worden ist, so kann

sie alsbald wieder auf die Reise gehen. Die Mannschaft aber ist hierzu

nicht immer fähig. Während deren Ruhezeit steht die Lokomotive also für

gewöhnlich unnötigerweise still, die für sie aufgewendete

Anschaffungssumme trägt während dieser Zeit keinen Nutzen. Andererseits

aber bildet sich durch die Besetzung jeder Lokomotive mit nur Einer

Mannschaft ein gewisses Freundschaftsverhältnis zwischen Menschen und

Maschine heraus. Führer und Heizer haben sich nur mit „ihrer“ Lokomotive

zu beschäftigen. Sie kennen deren Eigenheiten sehr genau, wissen, in

welcher Beziehung sie besonders schonungsbedürftig ist, und durch welche

Maßnahmen man das Letzte der Kraft aus ihr herausholen kann. Wenn die

Mannschaften wechseln, wird leicht einmal eine Ausbesserungsarbeit nicht

vorgenommen, weil einer diese gern dem andern überläßt, zumal die

Verantwortlichkeit nachher nicht mehr mit Sicherheit festzustellen ist.

Die Dinge liegen heute so, daß bei jeder deutschen Bahnverwaltung stets

eine große Anzahl von Lokomotiven doppelt oder dreifach besetzt ist. Bei

den meisten Verwaltungen ist die mehrfache Besetzung noch in der

Minderzahl. So waren in Preußen im Jahre 1913 41 vom Hundert aller

Lokomotiven mehrfach besetzt, auf den gesamten deutschen Bahnen 45 vom

Hundert, in Baden allerdings bereits 78 vom Hundert. In Amerika steht

die mehrfache Besetzung weit voran.

Der Dauerbetrieb übt natürlich einen nachteiligen Einfluß auf das Alter

der Lokomotiven aus. Ihre Lebensdauer wird dadurch hinuntergesetzt. Aber

das ist kein durchschlagender Gesichtspunkt für die Beibehaltung

einfacher Besetzung. Denn infolge der heute sehr rasch

aufeinanderfolgenden Neuerungen veralten Lokomotiven meist weit früher

als sie infolge Verfalls ihrer Hauptteile reif zum Abwracken werden. Es

ist deshalb anzunehmen, daß die mehrfache Besetzung noch immer weiter

zunehmen wird.

Schon heute ist das Durchschnittsalter der Lokomotiven sehr gering. In

Preußen beträgt es jetzt nicht mehr als zehn Jahre. Das ist ein

deutliches Zeichen dafür, wie rasch diese Verwaltung alle neuen

Errungenschaften ihrem Maschinenpark dienstbar macht. Das

Durchschnittsalter aller deutschen Lokomotiven ist zwölf Jahre. Es

gibt aber auch unter ihnen sehr ehrwürdige Erscheinungen, deren

Fortleben bis in unsere Tage für die sehr bedeutende Haltbarkeit

und Widerstandsfähigkeit auch der älteren Lokomotivbauten spricht.

Die älteste Lokomotive, die bei Kriegsbeginn vorhanden war, stammte

erstaunlicherweise aus dem Jahre 1862. Sie gehörte der sächsischen

Staatsbahn. Die badischen Staatsbahnen besitzen eine Maschine, die 1863

das Licht der Schienenwelt erblickte, ferner zwei aus dem Jahre 1864.

Das gleiche Geburtsjahr haben drei heute noch in Betrieb befindliche

württembergische Lokomotiven. Die ältesten bayerischen Maschinen, fünf

an der Zahl, wurden 1866 gebaut, die älteste preußische stammt aus dem

Jahre 1873.

Aus den Angaben, die in diesem Abschnitt gemacht worden sind, geht wohl

deutlich hervor, welch ein großartiger Bau eine neuzeitliche Lokomotive

ist. Was hier an tatsächlichen Leistungen und an wirtschaftlicher

Ausnutzung des Brennstoffs geleistet wird, muß um so mehr in Erstaunen

setzen, als gerade die Lokomotiv-Maschine gezwungen ist, unter den

ungünstigsten Umständen zu arbeiten. Die ortsfesten Dampfmaschinen sind

größtenteils in schmucken Häusern untergebracht, sie ruhen auf riesigen,

unerschütterlichen Grundvesten und befinden sich unter ständiger

fachmännischer Aufsicht. Jeder ihrer Pulsschläge wird in jedem

Augenblick behorcht, stets ist der Wärter bereit, bei eintretender

Unregelmäßigkeit des Laufs sofort einzugreifen. Die Lokomotiv-Maschine

muß dagegen stundenlang fahren, ohne daß sie für eine menschliche Hand

zugänglich ist. Sie ist allen Unbilden des Wetters ausgesetzt, sie muß

durch Staub und Schmutz hindurch, grausame Stöße erschüttern fortwährend

ihren Leib. Dabei ist es notwendig, alle die zahlreichen Bauteile auf

geringstem Raum unterzubringen und sie so weit zu verfeinern, daß ein

engbegrenztes Gesamtgewicht nicht überschritten wird.

Man muß das wirtschaftlich verhältnismäßig günstige Arbeiten der

Lokomotiven aber noch mehr bestaunen, wenn man weiß, daß ihnen eine

Einrichtung vollständig fehlt, die jede ortsfeste Dampfmaschine zur

Erleichterung ihrer Arbeit besitzt.

Schon James Watt hatte erkannt, daß die Wirkung des Dampfdrucks auf die

eine Kolbenseite dadurch vermindert wird, daß, wenn besondere

Vorrichtungen fehlen, die andere Kolbenseite dem Gegendruck der

Außenluft in Höhe von 1 Atmosphäre ausgesetzt ist. Läßt man den Dampf,

nachdem er im Zylinder tätig gewesen, ohne weiteres in die Luft

entweichen, arbeitet die Maschine also mit Auspuff, so ist dieser

Gegendruck der Atmosphäre stets vorhanden. Man kann ihn aber

fortschaffen, wenn man den benutzten Dampf zu besonderen Gefäßen leitet,

in denen er mit kalten Wänden in Berührung kommt und sogleich

niedergeschlagen wird. Der Raum, den er einnimmt, wird dadurch stark

verkleinert. Wenn in den Kondensator, wie man die Einrichtung zum

Niederschlagen des Dampfs technisch benennt, keine Luft nachströmen

kann, so muß sich in diesem ein Unterdruck ausbilden. Dieser Unterdruck

hilft nun dem auf der anderen Kolbenseite arbeitenden Dampf, indem er

eine saugende Wirkung auf den Kolben ausübt.

Die Einrichtung an den ortsfesten Maschinen ist so getroffen, daß jede

Zylinderseite durch den Schieber wechselnd bald mit dem Kessel, bald mit

dem Niederschlagsraum in Verbindung gebracht wird. Zur Kühlung verwendet

man Wasser, das entweder in das Abdampfgefäß eingespritzt wird oder es

durchzieht, indem es durch zahlreiche Röhren läuft. Hierbei erwärmt sich

das Wasser und muß, da man es aus wirtschaftlichen Gründen gern stets

von neuem verwendet, gekühlt werden. Man leitet das Wasser zu diesem

Zweck in Türme, auf deren Höhe es hinaufgepumpt wird, um dann in

Tropfenform über zahlreiche quergestellte Bretter wieder hinabzufließen,

wobei es reichlich Gelegenheit hat, seine Wärme an die Außenluft

abzugeben. Für jede große, ortsfeste Dampfmaschinen-Anlage sind heute

die oft ganz gewaltigen, hölzernen Kühltürme ein besonderes Kennzeichen.

Es braucht nicht gesagt zu werden, daß an der Lokomotive Kühltürme nicht

angebracht werden können, ja es fehlt selbst jede Möglichkeit, an ihr

einen Niederschlagsraum vorzusehen, weil dieser nur einen Zweck hat,

wenn er räumlich sehr ausgedehnt ist. Die Lokomotive ist also eine

Dampfmaschine, die ohne Kondensation, das heißt gegen den

Atmosphärendruck arbeiten muß, was ihre Tätigkeit lebhaft erschwert.

Um so mehr ist das, was mit dieser in ihren Einzelteilen eng

zusammengeballten und sozusagen verkrüppelten Dampfmaschine erreicht

wird, als eine Meistertat der Technik zu bezeichnen.

Der immer weiter herabgeminderte Kohlenverbrauch für die

Pferdekraftstunde wurde schon erwähnt. Die höchste

Schnelligkeitsleistung in Europa vollbrachte am 2. Juli 1907 die auf

Bild 150 dargestellte 2 ~B~ 2-Lokomotive von J. A. Maffei in München auf

der Strecke München-Augsburg. Sie entfaltete hierbei während einiger

Minuten eine Stunden-Geschwindigkeit von fast 155 Kilometern. Man hatte

geglaubt, daß die Dampflokomotive mit ihren hin und her gehenden Teilen

eine so bedeutende Schnelligkeit nicht würde entfalten können. Durch

diesen Versuch wurde aber bewiesen, daß diese Maschine noch lange

imstande sein wird, allen Geschwindigkeits-Anforderungen, die man an sie

stellt, zu entsprechen.

Stundengeschwindigkeiten von 120 bis 125 Kilometern während längerer

Zeit kommen heute schon häufig vor. Garbe sagt, es müsse als

bald erreichbares Ziel betrachtet werden, daß mittelschwere Züge

im Flachland mit einer Durchschnitts-Geschwindigkeit von 100

Kilometern sicher gefahren werden können. Hierzu sind vorübergehende

Stundengeschwindigkeiten von 110 bis 120 Kilometern erforderlich. Auch

von Stockert ist der Meinung, daß die Dampflokomotive hierfür durchaus

geeignet sei.

Die Dampflokomotiv-Fabriken sind, getrieben insbesondere durch den immer

stärkeren Wettbewerb der elektrischen Lokomotiven, heute aufs

lebhafteste bemüht, das Letzte aus den von ihnen erbauten Maschinen

herauszuholen. Jeder Monat bringt neue Verbesserungsvorschläge.

Die Durchführung einer sehr gründlichen Maßnahme, durch die

man mit verhältnismäßig einfachen Maschinen-Anordnungen große

Leistungssteigerungen erreichen kann, hängt jedoch nicht von den

Fabriken ab. Es ist die Erhöhung des zulässigen Achsdrucks. In Amerika

ist man hierbei heute bereits bis auf 30 000 Kilogramm hinaufgegangen,

gegen 18 000 Kilogramm bei uns, die erst in neuester Zeit zugelassen

sind.

Hochgetürmte Lokomotiven werden durch Vergrößerung des Achsdrucks

ausführbar. Aber auch die Länge, und damit die Achszahl, wächst in

Amerika unausgesetzt. Notwendig muß eine Vergrößerung der

Feuerungsfläche hiermit Hand in Hand gehen; wegen der engen Spurweite

kann diese nicht nach den Seiten, sondern nur in Richtung der Längsachse

stattfinden. Schon ist man drüben zu so langen Rosten gelangt, daß deren

Versorgung mit Kohle von Hand nicht mehr möglich ist. Der Heizer kann

durch seinen Schaufelwurf die hinteren Rostteile nicht mehr sorgfältig

versehen. Die Amerikaner sind mit ihrer raschen Entschlossenheit

nicht davor zurückgeschreckt, nun sogleich mechanische

Beschickungsvorrichtungen einzuführen. Man hat sich in Europa zu dieser

Beschwerung der Lokomotive mit einem neuen Bauteil noch nicht

entschlossen und dürfte das auch in absehbarer Zeit nicht tun.

Vielfältig sind auch die Maßnahmen, die dem Führer der Lokomotive seine

Arbeit dadurch erleichtern wollen, daß sie ihm einen günstigeren

Aufstellungsort geben, als er ihn bis heute für gewöhnlich hat. Der

Blick auf Strecke und Signale aus dem kleinen Führerhausfenster ist

bereits jetzt sehr beengt. Die Blickbegrenzung wird immer störender, je

höher die Kessel sich emporwölben. Die kurzen Schornsteine lassen Rauch

und Dampf allzusehr in das Gesichtsfeld des Führers dringen. Man strebt

darum eine grundsätzliche Neuanordnung des Führerstands an, indem man

ihn nach vorn hin verlegt.

Es gibt bereits hier und da Lokomotiven, auf denen sich der Platz

des Führers vor dem Schornstein über der vordersten Pufferbohle

befindet. Der Blick des Beamten kann von dorther, unbehindert durch

den sonst so störenden Vorbau des Kessels, die Strecke nah und

fern vollkommen umfassen. Notwendig muß man dem Führer auf seinen

neuen Posten die Haupthebel für die Regelung der Geschwindigkeit

mitgeben, also wenigstens den Regler, die Schiebersteuerung und das

Führer-Brems-Ventil, wodurch in Rücksicht auf die unbedingte Sicherheit

bei der Bedienung technisch nicht ganz einfach zu bewältigende

Neuanordnungen notwendig werden. Unerläßlich ist ferner die Möglichkeit

einer Verständigung mit dem Heizer, der ja den Platz vor der Feuertür

nicht verlassen darf. Es zeigt sich hierbei rasch, daß die

Dampflokomotive in der freien Beweglichkeit der Mannschafts-Aufstellung

gegenüber der elektrischen Lokomotive ganz bedeutend im Nachteil ist.

[Abbildung: 207. _Dampflokomotive mit vorn liegendem Führerstand_

Die ganze Maschine ist von Schutzwänden umschlossen. Der Führerstand

kann vom Zug aus durch einen Seitengang erreicht werden]

Die Aufstellung des Führers im Vorderteil der Lokomotive bringt es auch

mit sich, daß der Beamte sich dort allein befindet, was als unzulässig

bezeichnet werden muß. Man kann die Führung des Zugs nicht Einem

Menschen ausschließlich anvertrauen, da dieser körperlichen

Zufälligkeiten ausgesetzt ist, die seine Entschluß- und Handlungskraft

zu mindern imstande sind. Es ist darum eine Dampflokomotive

durchgebildet worden, die einen Verbindungsgang zum vorderen Führerstand

besitzt, dem Zugführer also die Möglichkeit gibt, den Lokomotivleiter

während der Fahrt häufig aufzusuchen. Diese Lokomotive ähnelt in ihren

äußeren Formen schon sehr der elektrischen, sie gewährt dem Führer einen

angenehmen Aufenthalt in vollständig geschlossenem Haus.

Auf italienischen Bahnen sind Lokomotiven im Gebrauch, die ständig

rückwärts fahren und gleichfalls einen völlig geschlossenen Führerstand

mit verglaster Vorderwand besitzen. Die Kohlen sind, wie bei den

Tender-Lokomotiven, in Taschen rings um den Stand untergebracht, der an

der Schornsteinseite angehängte Tender ist nur noch Wasserwagen und

demgemäß als runder Behälter ausgebildet.

Es sind nun noch einige Lokomotiv-Abarten zu erwähnen, die besonderen

Zwecken dienen.

Häufiger müssen Geleise in Bezirken befahren werden, für deren Bereich

die Anwendung offenen Feuers unzulässig ist. In Betracht kommen hierfür

große Lagerschuppen, in die beladene Eisenbahnwagen mit Lokomotivkraft

gebracht werden, Schiffsanlegeplätze mit hölzernen Bollwerken,

Fabrikgrundstücke und ähnliches. Lokomotiven gewöhnlicher Art können

hier nicht verwendet werden, da sie ja die geborenen Brandstifter sind.

Wenn man trotzdem in solchen Bereichen auf ihre straffe Kraftwirkung

nicht verzichten will, dann bedient man sich einer Sonderart: der

feuerlosen Lokomotive.

[Abbildung:

Erbaut von der Hanomag

208. _Feuerlose Lokomotive_

Erneuerung des Dampfs am Füllstand]

Dies sind Dampfmaschinen ohne eigene Feuerung. Ihr Dampfkessel weicht in

seinem Bau von der gewöhnlichen Art ab, was auch schon äußerlich dadurch

erkennbar wird, daß der Schornstein fehlt. Der zum Antrieb der Kolben

erforderliche Dampf wird aus einem ortsfesten Erzeuger fertig

eingefüllt. Wir haben also hier eine Dampfmaschine zweiter Art vor uns,

eine Speicher-Einrichtung, vergleichbar den elektrischen, durch

Stromerzeuger gespeisten Batterien. Die Abhängigkeit von einem fremden

Dampferzeuger bringt es mit sich, daß der Fahrbereich der feuerlosen

Lokomotiven beschränkt ist. Sie können nicht über ungezählte Kilometer

hinwegrollen, sondern müssen immer rechtzeitig zur Versorgungsstelle

zurückkehren können.

Alle vom Dampf berührten Flächen sind bei dieser Lokomotivart besonders

gründlich geschützt, weil hier die einmal verlorene Wärme bei derselben

Füllung nicht mehr erneuert werden kann. Die Zylinder sind darum häufig

im Innern des Rahmens zwischen den Rädern angebracht, wo sie von der

kalten Außenluft schwerer erreicht werden können. Der Kessel, der nichts

anderes ist als ein einziges weites Rohr, wird, wie bei den eigentlichen

Lokomotiven, mit einem Blechmantel zur Erzeugung einer schützenden,

ruhenden Luftschicht umgeben, darauf wird aber noch eine Filzlage

gepackt und ein neues Umhüllungsblech über das Ganze gelegt. Auf diese

Weise hat der Kessel der feuerlosen Maschine ein warmes Kleid an, und

dieses umhüllt ihn so gut, daß abends eingefüllter Dampf am nächsten

Morgen häufig noch eine Spannung von mehreren Atmosphären hat.

Wo kein Dampf für die Füllung zur Verfügung steht, oder wo leicht

entflammbare Gase die Anwendung von Maschinen mit heißen Flächen

verbieten, wie z. B. in Bergwerken mit Schlagwettergefahr, verwendet man

kalte Lokomotiven. Der Antrieb der Kolben erfolgt hier durch Luft, die

in große Stahlflaschen gepreßt ist. Auch hier ist eine Erneuerung des

Antriebsmittels nach einer gewissen Zeit notwendig, wenngleich die

großen Behälter in dem ohnehin beschränkten Gebiet einer Grube eine

recht lange Nutzung gestatten.

Es gibt aber auch feuerlose Lokomotiven, die über unbegrenzte Strecken

zu fahren vermögen. Ihr Antrieb schöpft aus der gleichen Quelle wie die

Maschine des Kraftwagens. Es sind Lokomotiven mit Verbrennungsmotoren.

Die Motor-Lokomotive hat sich zwar nicht die Vollbahn erobert, obgleich

Versuche mit großen, durch Diesel-Motore angetriebenen Maschinen -- ganz

abgesehen von den noch zu behandelnden Triebwagen -- bereits gemacht

worden sind. Aber in Bergwerken, auf Waldbahnen, im Verschiebedienst und

auch auf Kleinbahnen mit Personenbeförderung bieten sie viele Vorteile.

Die Motor-Lokomotiven sind von einer bestimmten Füllstelle unabhängig,

da der im Behälter mitgeführte Betriebsstoff sehr lange ausreicht und an

vielen Orten erneuert werden kann, sie stehen jederzeit betriebsfertig

da, bedürfen, weil ihre Wartung sehr einfach ist, nur Eines Manns zur

Bedienung und brauchen nicht die Last großer Vorräte mitzuschleppen.

[Abbildung:

Erbaut von A. Borsig in Berlin-Tegel

209. _Druckluft-Lokomotive_

für niedrige Bergwerkstollen]

Das neueste Triebmittel im Bereich der Welt auf Schienen und zugleich

dasjenige, dem sich die größte Zukunft eröffnet, ist die elektrische

Lokomotive. An sie knüpfen sich alle Hoffnungen für eine grundsätzliche

Weiterbildung des Eisenbahnwesens. Wir werden die großartigen

Eigenschaften dieser neuen Maschine später in einem besonderen Abschnitt

unseres Buchs ausführlich zu behandeln haben.

[Abbildung:

Erbaut von der Gasmotoren-Fabrik Deutz in Cöln-Deutz

210. _Benzinmotor-Lokomotive_

mit doppelseitiger Anordnung. Die kleinen Schornsteine dienen zur

Abführung der geringen Dampfmengen, die sich durch die Motorhitze aus

dem Kühlwasser bilden]

[Abbildung:

Erbaut von Gebr. Gastell in Mainz-Mombach

211. _Personenwagen aus dem Jahre 1847_]

15. Die rollenden Häuser

Die Lokomotive des gen Halle brausenden Schnellzugs zieht hinter sich

die lange Kette der Wagen einher. Es ist ein prächtiges Schauspiel, zu

sehen, wie der Zug durch alle Krümmungen des Gleises geschmeidig

hindurchgleitet, wie er wirklich gleich einer Kette mit Leichtigkeit

sich hin- und herbiegen kann. Und dies geschieht, obwohl jedes der

Kettenglieder ungefähr 20 Meter lang ist und etwa 35 000 Kilogramm

wiegt.

Während wir beim Blick in den Führerstand der Lokomotive ernste Arbeit

und angestrengte Tätigkeit beobachtet haben, sehen wir in den

_Personenwagen_ sorgloses, fröhliches Treiben. Nicht allein die

Hoffnung, ein ersehntes Ziel zu erreichen, macht die Menschen dort

drinnen heiter, es ist auch, den meisten freilich unbewußt, die Lust an

der raschen Fortbewegung, die Freude an dem leichtbeflügelten Sausen

durch den Raum, das die Gesichter leuchten läßt. Dabei fühlt man sich

wohlgeborgen in einem Haus, in einem verzauberten freilich, denn es

steht nicht auf ruhenden Pfosten, sondern fliegt mit seinen kräftigen

vier Wänden und seinem stark gefügten Dach eilig dahin.

Fassen wir einen Reisenden genauer ins Auge, der in der Fensterecke

eines Abteils zweiter Klasse sitzt. Sein Körper ist in einen bequemen

Sessel gebettet, wie er in einem wohleingerichteten wirklichen Haus

nicht besser geboten werden kann. Ein mächtiges Fenster läßt die

Helligkeit des sonnigen Julitags voll und klar in das hochgewölbte,

freundliche und geräumige Abteil einfallen. Die Augen des Reisenden, die

durch das Fenster schweifen, nehmen nichts wahr als lachende Fluren,

freundliche Häuschen, Menschen, die von der Feldarbeit sehnsüchtig dem

vorübereilenden Zug nachblicken, hier und da ihm sogar freundliche Winke

zusenden. Nichts wird dem beschaulich am Fenster sitzenden Fahrgast von

den außerordentlichen Veranstaltungen bewußt, die getroffen werden

mußten, damit er in so angenehmer Weise mit einer Geschwindigkeit von

hundert Kilometern in der Stunde seinem Reiseziel zustreben kann. Die

Erdveste und der stählerne Pfad, welche die Räder tragen, sind verdeckt,

die fauchende und zischende Lokomotive ist nicht zu sehen, und man hört

auch nichts von ihrer Arbeit. Nur der regelmäßige Takt, den das

Schlagen der Räder an den Schienenstößen erzeugt, erinnert daran, daß

man nicht, von geheimnisvollen Kräften gezogen, durch die Luft fliegt.

[Abbildung:

Vergleich eines älteren und neueren Personenwagens.

Personenwagen III. Klasse der bayer. Sts. Eisenb. aus d. J. 1843.

40 Personen im Wagen, 4000 kg Wagengewicht, 14 qm Bodenfläche im

Wagen--d.s. 0,35 qm pro Person.

Personenwagen III. Klasse der bayer. Sts. Eisenb. aus d. J. 1910.

64 Personen im Wagen, 38000 kg Wagengewicht, 51 qm Bodenfläche im

Wagen--d.s. ca 0,8 qm pro Person.

Nach einer Tafel im Deutschen Museum zu München

212]

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 27 / 60 段