Eine gewisse Kühlung, wenn man einen solchen Ausdruck für diese Hölle

überhaupt anwenden kann, erhalten die Überhitzerrohre immerhin solange,

wie sie vom Dampf durchströmt werden. Sobald das Regler-Ventil

geschlossen wird, hört jedoch die Dampfzufuhr auf, und die Wandungen

sind nicht mehr imstande, Wärme abzugeben und fortleiten zu lassen. Aus

diesem Grund wird dafür gesorgt, daß bei geschlossenem Regler-Ventil die

Erhitzung der ~U~-Rohre vermindert wird.

[Abbildung: 193. _Überhitzer-Anordnung in der Rauchkammer_

Aus dem oberen Sammelgefäß gehen die sehr weiten Dampfzuströmungsrohre

für die Zylinder ab]

[Abbildung:

Nach einem Modell im Königlichen Verkehrs- und Bau-Museum zu Berlin

194. _Blick in den Kessel einer Heißdampf-Lokomotive_

Vorn Überhitzer-Anordnung in der Rauchkammer. In den geschnittenen

Rauchröhren doppelte Überhitzerschlangen]

Wenn man eine Heißdampf-Lokomotive von vorn her anschaut, bemerkt man

gleich hinter der Rauchkammer an der rechten Seite des Rund-Kessels

einen kleinen wagerecht liegenden Zylinder. Er ist an der Lokomotive auf

Bild 152 deutlich zu erkennen. In diesem Zylinder ist ein Kolben

untergebracht, der durch hinten eintretenden Dampf aus seiner Ruhelage

verschoben wird, solange das Regler-Ventil offen ist, die Heizrohre also

mit Dampf versorgt sind und die Maschine arbeitet. Sobald Abschluß

erfolgt, kehrt der Kolben in seine Ruhelage zurück. Er verstellt hierbei

mit Hilfe einer Hebelübersetzung eine breite Klappe in der Rauchkammer.

Diese geht aus ihrer wagerechten Lage in die senkrechte über und

verschließt die Ausgangsöffnungen derjenigen Heizrohre, in denen die

Überhitzerröhren liegen. Der Durchzug der heißen Gase durch diese Rohre

wird dadurch stark vermindert, die Erhitzung sinkt.

Im Führerstand ist ein Handrad angebracht, mit dessen Hilfe auch bei

geöffnetem Regler-Ventil die Überhitzerklappe nach Belieben verstellt

werden kann. Hierdurch vermag die Lokomotivmannschaft den Grad der

Überhitzung nach Vorschrift einzustellen. Eine elektrische Vorrichtung

ermöglicht ständig das Ablesen des Hitzegrads auf einem Zifferblatt im

Führerstand.

Um die Entwicklung der Heißdampf-Maschine hat sich die preußische

Staatsbahnverwaltung ein großes Verdienst erworben. Wagemutig, wie sie

stets hoffnungsvollen technischen Neuerungen gegenüber zu sein pflegt,

nahm sie sich dieser Erfindung schon in einer Zeit der Entwicklung an,

als der Ausgang noch nicht abzusehen war. Viele Millionen wurden für

Versuche ausgegeben, die, wie man heute weiß, ganz gewiß nicht umsonst

geopfert worden sind. Tausende von Heißdampf-Lokomotiven sind heute in

Preußen im Betrieb.

[Abbildung: Naßdampflokomotive

Heißdampflokomotive

195. _Erhöhung der Zugkraft durch Dampfüberhitzung_

Vergleichende Darstellung der höchsten Zugleistungen einer Naßdampf-

und einer Heißdampf-Lokomotive bei gleichem Kohlenverbrauch und

gleichem Lokomotiv-Gewicht]

Die Ersparnisse, die sich aus der Benutzung des überhitzten Dampfs

ergeben, sind nicht gering. Man rechnet, daß man hierdurch an Wasser bei

Verbund-Maschinen bis zu 26 vom Hundert, bei Zwillings-Maschinen bis zu

33 vom Hundert erspart, an Kohle bei Verbund-Lokomotiven 12 bis 18 vom

Hundert, bei Zwillings-Lokomotiven 20 bis 25 vom Hundert.

Angesichts des außerordentlich großen Kohlebedarfs der Eisenbahnen, der

durch ihre weitere Ausbreitung immer höher steigt, muß jede Möglichkeit,

die eine Ersparnis erhoffen läßt, ausgenutzt werden. So hat man sich

denn in der letzten Zeit entschlossen, die Lokomotive noch mit einem

weiteren Bauteil zu belasten, das eine solche Wirkung herbeiführt.

Man sorgt jetzt dafür, daß das Wasser, welches aus dem Vorratsraum des

Tenders in den Kessel gepumpt wird, nicht mehr kalt in diesen eintritt,

sondern schon vorher stark angewärmt wird. Wir werden gleich noch hören,

daß die Lokomotive mit zwei Speisevorrichtungen ausgerüstet ist: mit dem

Strahlapparat und der Kolbenpumpe. Beim Strahlapparat tritt eine gewisse

Vorwärmung von selbst ein, da das Wasser beim Hineinwerfen in den Kessel

mit Dampf vermischt wird. Die Benutzung der Kolbenpumpe trat bis vor

kurzem mehr in den Hintergrund, weil diese nur ganz kaltes Wasser

abzugeben vermochte. Jetzt wird sie häufiger benutzt als der immer recht

empfindliche Strahlapparat, weil zwischen sie und den Kessel der

Speisewasser-Vorwärmer geschaltet werden kann.

Dieser besteht aus einem runden oder flachen eisernen Gefäß, in dem ein

Rohrbündel untergebracht ist. Ungefähr den siebenten Teil des Abdampfs,

der aus den Zylindern kommt, leitet man statt zum Blasrohr in den

Vorwärmer, wo er den Raum innerhalb der Wandungen erfüllt. Das von der

Pumpe in den Kessel zu drückende Wasser durchläuft das Rohrbündel, und

zwar mittels ~U~-förmiger Verbindungen eines dieser Rohre nach dem

andern, so daß eine sehr ausgedehnte Berührung mit dem heißen Dampfraum

stattfindet. Der Vorteil, den diese Neu-Einrichtung gebracht hat, ist so

bedeutend, daß man nachträglich auch ältere Maschinen mit Vorwärmern

ausgestattet hat. Die Lokomotiven der Berliner Stadtbahn z. B. tragen

die ziemlich unförmigen Vorwärmerkasten jetzt fast sämtlich auf ihren

runden Rücken.

[Abbildung: 196. _Speisewasser-Vorwärmer_

Bauart Knorr]

[Abbildung: 197. _Rohrbündel im Speisewasser-Vorwärmer_,

durch das Wasser hindurchgepreßt wird]

Zu den besonders beachtenswerten Neuerungen, welche die letzten

Jahrzehnte dem Lokomotivbau gebracht haben, gehören auch die

Vorrichtungen zur Rauchverbrennung oder besser Rauchminderung.

Es ist ja kein Zweifel, daß die Freude am Eisenbahnfahren durch den aus

dem Schornstein der Lokomotive dringenden Rauch und den Ruß, der aus den

schwarzen Wolken herabrieselt, stark herabgesetzt wird. Doch nicht nur

der Reisende empfindet die Rauchplage als Übelstand, sie ist auch ein

Feind des Betriebs. Denn die dem Schornstein entquellenden

Verbrennungsrückstände enthalten schwefligsaure Gase, welche die

Eigenschaft haben, alle lackierten und blanken Flächen anzugreifen. Sie

sind es, welche die Außenwände der Eisenbahnfahrzeuge so rasch

unansehnlich machen, die Hallendächer anfressen und dazu zwingen,

eiserne Brücken häufiger anzustreichen, als es sonst für deren Erhaltung

notwendig wäre.

Am unangenehmsten ist die Wirkung des Rauchs in den Tunneln, wo allzu

starke Abströmung von Gasen aus den Lokomotiven sogar eine

Erstickungsgefahr für Reisende und insbesondere für die im Freien

stehende Lokomotivmannschaft bringen kann, wenn die Gewölbe schlecht

gelüftet sind. Im Jahre 1898 ist es tatsächlich vorgekommen, daß in dem

3000 Meter langen, wegen seiner schlechten Lüftungsverhältnisse

berüchtigten Giovi-Tunnel auf der Strecke Turin-Genua Heizer und Führer

eines Personenzugs im Qualm erstickt sind. Der Zug rollte, da er sich

auf einer starken Steigung befand, rückwärts und stieß auf einen

folgenden Güterzug auf. Viele Menschen kamen hierbei um. Auch aus diesem

Unfall, der allerdings sehr seltener Art ist, sieht man, daß die

Rauchverbrennung ein Ziel ist, aufs innigste zu wünschen.

Die Rauchbildung erfolgt dadurch, daß beim Verbrennen des Heizstoffs auf

dem Rost Kohlenwasserstoffe aus diesem ausgetrieben werden. Für

gewöhnlich reicht die Hitze der Feuerung nur aus, um hiervon den leicht

entzündlichen Wasserstoff zu verbrennen. Alsdann scheidet sich reiner

Kohlenstoff in kleinen Stückchen ab, die wir Ruß nennen. Infolge des

Blasrohrzugs gelangen die Rußteilchen trotz der angebrachten

Funkenfänger durch den Schornstein ins Freie, da ja, wie wir wissen, die

Maschen der Funkenfangvorrichtungen nicht allzu eng sein dürfen.

Es gelingt nun, den Kohlenstoff der Feuerungsgase zu einem großen Teil

gleichfalls zu verbrennen, wenn man außer der Luft, die vom Aschkasten

her durch den Rost in die Feuerkiste gelangt, noch über der Feuerung

neue Frischluft zuführt und dafür sorgt, daß diese sich gründlich mit

den ausströmenden Gasen mengt. Die Vorrichtung, welche die beste Wirkung

in dieser Hinsicht erzielt, wird von _Marcotty_ in Berlin gebaut. Sie

ist heute fast an allen größeren preußischen Lokomotiven angebracht.

Marcotty erreicht eine sehr starke Rauchminderung auf folgende Weise:

[Abbildung:

Aus Hanomag-Nachrichten

198. _Ohne Rauch-Verbrennung!_

Güterzug im amerikanischen Felsengebirge]

Durch die dem Führerstand zugekehrte Wand der Feuerkiste sind in zwei

hohle Stehbolzen zwei Düsen gesteckt, aus denen ein Dampfschleier in

Richtung zum Feuerschirm geblasen wird. Dieser Schleier überdeckt die

ganze Feuerung in einiger Höhe über der obersten Kohleschicht. Durch

besondere Öffnungen neben der eigenartig durchgebildeten Feuertür wird

zugleich Oberluft zugeführt, und diese nun durch die Dampfwirbel in dem

Schleier mit den Gasen gemengt. (Bilder 199-201.)

Damit für die oft wechselnden Beanspruchungen der Lokomotive stets die

wirksamste Einstellung der Rauchverbrennungs-Vorrichtungen bewirkt

werden kann, ist eine Reihe von Hebeln am Führerstand vorgesehen, die

eine Regelung des Dampfschleiers sowie eine Erhöhung und Verminderung

des Durchzugs der Oberluft gestatten. Bei sorgfältiger Bedienung tut die

Marcotty-Einrichtung sehr gute Wirkung. Sie soll auch die Ausnutzung des

Heizstoffs verbessern. Das Qualmen der Lokomotiven vermag sie jedenfalls

vollständig zu verhindern.

Durch alle die hier geschilderten neuen Errungenschaften des

Lokomotivbaus wird heute im Eisenbahnbetrieb in der Tat eine sehr

bedeutende Kohlenersparnis erzielt. Nach einer Zusammenstellung von

_Hammer_ mußten in Preußen im Jahre 1894 zur Erzeugung jeder

Pferdekraftstunde, d. h. für jede Pferdestärke, die eine Stunde lang

geleistet wird, 2,7 ~kg~ Kohle verbrannt werden. Im Jahre 1909 waren nur

noch 2,2 ~kg~ für dieselbe Leistung notwendig. Das bedeutete, wenn man

die Verlade- und Frachtkosten mitberechnet, die sonst für den

Mehraufwand an Kohle notwendig gewesen wären, eine Ersparnis von 25

Millionen Mark jährlich. Heute ist der Kohlenverbrauch bis auf 1,2 ~kg~

für die Pferdekraftstunde hinabgedrückt. Die Gesamtausgabe für Kohle im

Bereich der preußisch-hessischen Eisenbahnen betrug im Jahre 1913 144

Millionen 751 000 Mark. Ohne den Einbau der sparenden Neuanlagen wären

wohl 200 Millionen für den gleichen Zweck erforderlich gewesen.

Trotz all der Zutaten und Verfeinerungen, mit denen die Lokomotiven

heute ausgerüstet sind, ist ihr Anschaffungspreis, bezogen auf die

Leistungseinheit, doch ganz bedeutend geringer geworden. Nach Matschoß

kostete zu Stephensons Zeiten jede Pferdestärke, welche die Maschine

leisten konnte, bei der Anschaffung 240 Mark; heute sind nur noch 52

Mark dafür zu entrichten.

Nach alledem, was der Leser hier über die Lokomotive gehört hat, wird er

gewiß zugeben, daß diese Maschine einer der kühnsten Wunderbauten ist,

die bisher von der Technik aufgeführt worden sind. Aber es ist nicht die

Aufgabe dieses Baus, in stolzer Ruhe zu prangen. Er muß vielmehr mit

seinen zahlreichen Gemächern und krönenden Zieraten durch die Lande

schweifen. Der Mensch will sich nicht an ihm erfreuen, sondern er soll

ihm schwere Dienste leisten. Um dies tun zu können, verlangt der Bau

wiederum sorgfältigste Wartung und treueste Pflege. So ungeheuer

mannigfaltig wie seine Fügung, so zahlreich sind seine Bedürfnisse.

Unablässig ist in seinem Innern zu räumen und zu schaffen, damit kein

Versagen eintritt.

Einsam zieht die Lokomotive ihre Bahn. Nur vier Augen und vier Hände

sind es, die man ihr zugesellt hat. Es gehört mehr als handwerkliche

Fertigkeit dazu, die große Maschine während einer ununterbrochnen

Schnellzugfahrt von mehr als vier Stunden so zu versehen, daß sie in

jedem Augenblick ihr Bestes hergibt. Die Männer auf dem Führerstand

müssen Künstler in ihrem Fach sein. Sie müssen das ihnen anvertraute

mächtige Werkzeug aufs genaueste kennen, aber zugleich auch Mut und

rasche Entschlußkraft besitzen, wenn sie den sehr hohen Anforderungen

nachkommen wollen, welche die äußerst straff gespannten Fahrplanzeiten

an die Schnellzuglokomotiven stellen. Auch das Gefühl der Pflicht, die

sie gegenüber den Fahrgästen in den wohl abgeschlossenen Wagen hinter

ihnen übernommen haben, muß die Männer auf der Lokomotive stets

beseelen. Die Beamten dürfen nicht gefährliche Handlungen vornehmen, um

eine selbstverschuldete Unregelmäßigkeit zu verdecken, sie dürfen auch

bei bedrohlichen Vorgängen ebensowenig zuerst an sich denken, wie das

der Kapitän eines Schiffs tut. Man darf sagen, daß solche Tugenden von

den Lokomotivmannschaften keines Lands mehr geübt werden als von denen

Deutschlands. Mit Recht hat der deutsche Lokomotivführer ein

ausgeprägtes Standesbewußtsein. Er kennt seine Bedeutung im Rahmen des

Eisenbahnbetriebs, und es gibt keine Verwaltung, die ihn nicht in

entsprechender Weise behandelte.

[Abbildung: 199. _Marcottysche Rauchverbrennung_

Wagerechter Schnitt durch Stehkessel und Feuerkiste. ~e~: in zwei

hohle Stehbolzen eingesetzte Düsen, aus denen ein Dampfschleier über

die Feuerung geblasen wird]

Wir haben die Lokomotivbesatzung schon bei einem kurzen Besuch am Werk

gesehen. Nun aber, nachdem wir den Bau der Lokomotive selbst besser

kennen gelernt haben, wollen wir ihr Wirken etwas näher betrachten; wir

wollen uns, soweit sie nicht bereits behandelt wurden, die

Ausrüstungsteile der Maschine, die ihrer Instandhaltung und Beflügelung

dienen, nun genauer ansehen.

Die über den Wunderbau der Lokomotive gesetzten Wächter sind im

Führerstand untergebracht. Es wird heute von den deutschen Verwaltungen

großer Wert darauf gelegt, der Mannschaft den Aufenthalt auf der

Maschine so angenehm und bequem wie nur möglich zu machen. Man will

hierdurch eine rasche Ermüdung vermeiden und glaubt, daß persönliches

Wohlbefinden das beste Mittel sei, um die Aufmerksamkeit der Männer

stets wach zu erhalten.

Solche Meinung hat nicht zu allen Zeiten geherrscht. Die Lokomotiven der

ersten Eisenbahnen hatten nur Plattformen für die Mannschaft, aber

keinerlei darumgebaute Schutzwände. Die Besatzung war hier allen

Unbilden der Witterung ausgesetzt. Solange die schwerfälligen

Lokomotiven der Anfangszeit noch langsam dahinfuhren, waren die

Beschwerden nicht allzu groß. Aber man blieb bei den offenen

Führerständen auch, als die Geschwindigkeiten bereits stark zugenommen

hatten. Man glaubte nämlich, daß die Lokomotivmannschaft nicht mehr

sorgsam auf die Strecke achten würde, wenn man ihren Aufenthaltsort mit

schützenden Wänden umgäbe. Die damals sehr rücksichtslosen

Bahnverwaltungen trugen keinerlei Bedenken, derartig gegen die

Gesundheit ihrer Angestellten zu freveln.

Max v. Weber, der, wie man von ihm gesagt hat, die „Poesie der Schiene“

entdeckte, war auch der erste, der ein offenes Auge und ein Mitempfinden

für die Leiden der Eisenbahnangestellten besaß. In seinem Aufsatz „Eine

Winternacht auf der Lokomotive“ schildert er die qualvolle Arbeit, die

zu seiner Zeit von der Lokomotivmannschaft im Winter bei Sturm und

Schneegestöber verrichtet werden mußte. Man findet darin die folgende

ergreifende Schilderung:

„Pfeifen! Und hinaus geht es unaufhaltsam in die eiskalte

Schneesturmnacht, die mit 15 Grad kalter, schneidender Zugluft die

schweißgetränkten Haare der Männer auf der Maschine in wenig Sekunden in

starrende Eisnadeln verwandelt.

„Vorwärts! Vorwärts!

„Der Sturm hat aufgefrischt. Von unten nach oben stürzenden Katarakten

ähnlich, treibt er von den großen Flächen der Dammböschungen den

staubartigen, feinen, kalten Schnee empor, der auf der Fläche der Bahn

wie in wilden Wogen dahinjagt, deren Brandungen an die eilende Maschine

anschlagen und, hoch über ihren Schornstein hinwirbelnd, die stillen

Männer mit immer neuen Fluten von stechenden Eisnadeln überströmen oder

sich an windstillen Orten heimtückisch zu lockeren Windwehen

zusammenlagern. Im voraneilenden Licht der Lokomotivlaternen prallen

diese plötzlich, wie weiße, über der Bahn liegende Mauern gespenstisch

aus der Nacht empor und jagen dem beherztesten Führer jedesmal, wenn er

mit seiner Lokomotive in die weiche unheimliche Masse hineinstürmt,

einen Schauder durch die Seele. Hoch bäumen sie sich vor der

wilddurchbrechenden Maschine auf, sie mit solchen Schneemassen

überschüttend, daß die Männer auf dieser sich am Geländer festhalten

müssen, um nicht durch den wuchtigen Schlag herabgeschleudert zu werden.

„‚Es schneit stark!‘ sagen die Passagiere, die im Wagen einen Augenblick

erwachen und, sich streckend, ein Fenster, an das sie den Schnee

knisternd anschlagen hören, mit der Wagenquaste zu säubern versuchen.

‚Wir fahren schlecht,‘ fügen sie, gähnend nach der Uhr sehend, hinzu,

‚verflucht beschwerlich das Nachtreisen im Winter!‘ -- -- wickeln sich

in die weichen Pelze und drücken die Köpfe in die weichen Wagenecken. --

„Vorwärts! Vorwärts!

„Die Teile der Lokomotive tropfen, aus dem Schornstein, von den

Sicherheitsventilen, der Pfeife, den Pumpen spritzt Wasser fein zerteilt

ab, das hier an der Maschine herabrieselt und an ihren außenliegenden

Organen gefriert oder vom Sturm weggeblasen wird, dort aber Pelz und

Mütze und Gesicht der Männer übersprüht, die schweigend auf dem

Trittbrett stehen.

„Nach und nach behängt sich die Maschine mit schweren Eiszapfen, dicke

Eisbuckel wachsen selbst an ihren schnellstgedrehten, am raschesten

schwingenden Organen, alle Zwischenräume füllen sich mit hartgefrorenem

Schnee, und der Blick in die Teile der Maschine wird schwieriger und

unsicherer.

„‚Ich glaube, die Pumpen frieren zu bei dem Wetter‘, sagt Zimmermann

(der Führer). ‚Wir wollen sie ein wenig spielen lassen.‘

„Er will die Hand nach den Griffen ausstrecken, den Kopf dahin wenden,

fühlt aber die kräftige Faust am Körper festgehalten und empfindlichen

Schmerz am Kinn. Die nasse Kleidung der Männer hat sich in einen starren

Eispanzer verwandelt, Bart und Pelz sind in eine Eismasse

zusammengeronnen, die dicke Pelzmütze ist zu einem drückenden Helm

geworden, an den Augenwimpern hängende Eiskügelchen lassen die Lichter

der auftauchenden zweiten Station in tausend Farben spielen. Sie reißen

die am Rock festgefrornen Ärmel los, strecken prasselnd und knisternd

die Glieder, sie tauen die am Lippenbarte hängenden Eiszapfen im Munde

auf, der, selbst halb erstarrt, nur schwierig Worte artikuliert.“

[Abbildung: 200. _Kipp-Feuertür_

Anordnung nach Marcotty. Die Tür schlägt nach innen auf. Zu beiden

Seiten Ansätze zur Einführung von Oberluft in die Feuerkiste. Die

Zuströmungs-Querschnitte können durch Hebel verändert werden, die an

Platten angreifen]

Weber, der so lebhaft mit den Männern auf der Lokomotive fühlte, ist es

denn auch gewesen, der die Bahnverwaltungen schließlich zur Errichtung

von Schutzhäusern veranlaßt hat. Die Einrichtung geschah hauptsächlich

infolge seiner 1862 erschienenen Schrift: „Die Gefährdung des Personals

beim Maschinen- und Fahrdienst.“

Heute ist durch möglichst vollständigen Abschluß des Führerstands durch

Vorderwand und Seitenwände ein guter Schutz der Mannschaft erreicht. Bei

Geschwindigkeiten von 100 Kilometern und darüber wäre auch sonst ein

Bedienen der Lokomotive nicht möglich.

Immerhin ist auch jetzt noch der Dienst im Winter nicht ganz leicht,

weil ein jeder Schritt vorwärts oder rückwärts die Lokomotivmannschaft

in Bezirke mit sehr verschiedenen Wärmegraden bringt. Wenn der Heizer

eben bei offener Feuertür den Rost gereinigt hat und dann zum Tender

hinübertreten muß, so kommt er zur Winterszeit aus einer kochenden Hölle

sofort in grimmige Kälte. Im Sommer wiederum ist das Arbeiten in den

ganz geschlossenen Tenderlokomotiven infolge der Ausstrahlungen des

Kessels sehr anstrengend. Die Lokomotivbauer sind fortwährend darauf

bedacht, durch gute Kühlung den Fahrbeamten auf solchen Maschinen

Erleichterung zu verschaffen. Man baut Führerstände mit doppelten

Dächern, in deren Zwischenräumen die Luft sich fängt und in das

Führerhaus gepreßt wird. Verstellbare Einrichtungen sorgen dafür, daß

sowohl bei Vorwärts- wie bei Rückwärtsfahrt möglichst viel frische Luft

eingefangen werden kann. Das Dach des Führerhauses wird allmählich auch

immer weiter nach hinten verlängert, damit auf Strecken, die von Süden

nach Norden laufen, die Sonne den beiden Männern nicht ungehindert auf

Rücken und Genick brennen kann. Sogar Sitzgelegenheiten sind heute im

Führerstand vorgesehen. Man hat nicht gehört, daß durch alle diese

Vorkehrungen die Zahl der Eisenbahnunfälle sich vermehrt hätte.

[Abbildung: 201. _Kipptür in Mittelstellung_,

die beim Durcharbeiten der Feuerung zum besseren Schutz des Heizers

gegen die Hitze benutzt wird]

Wie alle anderen Vorrichtungen an der Lokomotive, bei deren Formgebung

ja stets eine ganze Reihe von Gesichtspunkten berücksichtigt werden muß,

weil bei dieser Maschine alles gar so eng bei einander wohnt, ist auch

die Feuertür heute nicht mehr ein ganz einfaches Ding. Die Öffnung,

durch welche die Kohle in die Feuerkiste geworfen wird, wird auf großen

Maschinen nicht mehr durch eine bloße Klappe verschlossen, die sich in

ihren Angeln dreht. Bei derartigen Türen besteht nämlich die Gefahr, daß

sie beim Bersten eines Heizrohrs, wenn Dampf mit starkem Druck in die

Feuerung strömt, aufspringt, so daß nun Massen glühender Kohle in den

Führerstand geblasen werden können.

Marcotty hat darum zusammen mit seiner Rauchverbrennungseinrichtung eine

nach innen aufschlagende Tür eingeführt, die in solchen Gefahrfällen

durch den Druck gegen die Feuerkiste fest zugeworfen wird. Diese

Türanordnung hat den zweiten Vorteil, daß sie in geöffnetem Zustand

keinen Platz in dem engen Führerstand wegnimmt. Sie braucht auch nicht

immer ganz geöffnet zu werden, sondern man kann sie in eine

Zwischenstellung bringen. Diese benutzt der Heizer häufig, wenn er mit

dem langen Haken den Rost bearbeitet. Das dauert oft eine ziemlich lange

Zeit, und bei ganz geöffneter Tür würde allzuviel kalte Luft in den

Feuerraum gelangen. Ähnliche Vorteile bieten auch die Schiebetüren, die

jetzt wieder häufiger angewendet werden; auch sie springen beim Öffnen

nicht in den Führerstand vor und gestatten zahlreiche Abstufungen in der

Öffnungsbreite. Beide Teile einer Schiebetür werden durch denselben

Hebel bedient.

Wenn man den Heizer beim Feuern genauer beobachtet, sieht man sogleich,

daß er nicht einfach eine Schaufel Kohle nach der andern durch das

Feuerloch hindurchwirft. Er muß das Feuer vielmehr in sehr überlegter

Weise unterhalten, wenn die Spannung im Kessel nicht sinken soll. Vor

allem ist dafür zu sorgen, daß der Rost stets mit einer gleichmäßigen

Kohleschicht bedeckt ist. Es dürfen sich nicht vorn Berge anhäufen,

während am hinteren Ende des Rosts leere Flächen vorhanden sind. Die

durch den Blasrohrzug eingesaugte Luft würde in solchen Fällen die

Heizrohre stark abkühlen und ein wahres Gestöber von Funken in die

Rauchkammer und zum Teil auch in den Schornstein jagen. Der Heizer

bringt also bedächtig jede Schaufel Kohlen am rechten Ort unter, so daß

überall in der Feuerkiste eine möglichst gleichmäßige Wärme herrscht.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 25 / 60 段