Lange Zeit nachdem der Gedanke der frei beweglichen Kuppelachs-Gestelle

bereits vorhanden war, kam es nicht zu einer im Betrieb wirklich

brauchbaren Ausführung, weil man nicht imstande war, die beweglichen

Dampfleitungen genügend dicht zu halten. Hatten sie doch den sehr hohen

Druck der vollen Kesselspannung aufzunehmen. Erst _Mallet_ und

gleichzeitig einem Deutschen, _Rimrott_, gelang die Lösung, da sie aus

einem Grund, den wir alsbald kennen lernen werden, dem beweglichen

Kuppelgestell Dampf niedrigerer Spannung zuführen konnten. Erst die

Mallet-Rimrott-Maschine mit ihren vielen Kuppelachsen hat die

Möglichkeit geschaffen, auch schwerste Züge mit nicht mehr als zwei

Lokomotiven über starke Steigungen zu bringen.

Eine Lokomotive mit acht gekuppelten Achsen und einem Reibungsgewicht

von 122 500 Kilogramm ist schon ein ziemlich gewaltiges Gebilde. Bei uns

ist man vorläufig hierüber nicht hinausgegangen. In Amerika aber, wo man

auch in Eisenbahndingen gern ins Riesenhafte hinausschweift, sind

bereits Maschinen mit zwölf Kuppelachsen gebaut worden. Diese finden

nicht mehr sämtlich unter der eigentlichen Lokomotive Platz, die letzten

liegen vielmehr bereits unter dem Tender, was den Vorteil bringt, daß

auch dessen Reibungsgewicht für die Zugkraft mit ausgenutzt werden kann.

Die Riesen-Lokomotive der Erie-Bahn, welche unser Bild 186 zeigt, wird

von drei getrennten Dampfmaschinen angetrieben, von denen die vorderste

mit ihren Achsen in einem beweglichen Gestell liegt, die hintere ihre

Einstellbarkeit durch die Tender-Kupplung gewinnt.

[Abbildung: 186. _Riesen-Lokomotive der Erie-Bahn in Amerika_

mit sechs Zylindern und drei gesonderten Triebwerken; das hinterste

unter dem Tender. Diese 1 ~D~ + ~D~ + ~D~ 1 Lokomotive hat 28 Räder]

Ein anders gearteter Versuch, um Lokomotiven mit sehr langen Achsständen

durch Krümmungen zu bringen, ist von der Atchison-, Topeca- und Santa

Fé-Eisenbahn gemacht worden. Sämtliche unter dem sehr langen Kessel

verteilte Kuppelachsen liegen hier im Rahmen fest. Dieser selbst aber

und auch der Kessel sind mit einem Gelenk ausgestattet, das also eine

Anschmiegung an die Gleiskrümmung gestattet. Die Anbringung dieses

Gelenks erzwang eine vollständige Änderung des Kesselbaus. Die Heizrohre

reichen nur vom Führerhaus bis zum Gelenk. Der vordere Kesselteil

enthält die ganze Hilfsausrüstung. In Europa hat man sich zu einer

solchen Bauart noch nicht entschließen gekonnt.

Im allgemeinen ist zu sagen, daß alle die schwierigen und oft mit vielem

Aufwand geistiger Arbeit erdachten Vorkehrungen, um die

Lokomotiv-Laufwerke in Krümmungen beweglich zu machen, dem

Eisenbahnbetrieb große Vorteile gebracht haben. Fast noch günstiger aber

wirkt jede Erhöhung des zulässigen Achsdrucks, weil es dadurch möglich

wird, mit weniger Achsen und dementsprechend einfacheren Maschinen die

gleiche Zugkraft zu erreichen. Freilich setzt die leicht aussprechbare

Zahl eines erhöhten Achsdrucks gewaltige Vorarbeiten voraus. Der gesamte

Oberbau, insbesondere auch die Brücken, muß ja für die schwerere

Belastung verläßlich hergerichtet werden.

[Abbildung: 187. _Zylinder einer amerikanischen Riesen-Lokomotive_]

[Abbildung: 188. _Große amerikanische Lokomotive mit Gelenkkessel_

Das Gelenk im Kessel und Rahmen ermöglicht der langen Lokomotive das

Durchfahren von Gleiskrümmungen]

Die Lokomotive hat bei ihrem raschen Lauf durch die Lande einen treuen

Begleiter, der ihr unablässig folgt. Nur bei Maschinen, die

ausschließlich kurze Reisen zu erledigen haben, gestattet er sich öfter,

zu Hause zu bleiben. Lokomotiven, die nur für Vorspann- oder

Verschiebedienst bestimmt sind, ferner Stadt- und Vorortbahn-Lokomotiven

besitzen meistens keinen besonderen Tenderwagen. Sie können den

verhältnismäßig geringen Wasser- und Kohlevorrat, den sie brauchen, auf

den eigenen Achsen mitnehmen. Der technische Sprachgebrauch will, daß

man solche Maschinen ohne selbständigen Tender Tender-Lokomotiven nennt.

Alle Maschinen für große Fahrt aber haben Schlepptender. Denn die

bedeutenden Mengen an Wasser und an Kohle, die sie mit auf die Reise

nehmen müssen, sind so schwer, daß die ohnedies stark belasteten

Lokomotivachsen sie nicht mehr zu tragen vermögen. Außerdem ist hierfür

auch infolge der scharfen Raumausnutzung bei solchen Maschinen kein

Platz aufzutreiben. Der Vorrat muß also auf einen besonderen Wagen

geladen werden, der infolge seiner eigenartigen Ausbildung

seinesgleichen in dem mannigfaltigen Fahrzeugpark der Eisenbahnen nicht

hat.

Auch die Tenderachsen werden sehr schwer belastet. Für

Güterzug-Lokomotiven haben die Tender etwa 16 Kubikmeter Wasser und 7000

Kilo Kohle mitzunehmen. Bei Schnellzügen mit ihren langen Lokomotivwegen

wächst die Last auf 30 Kubikmeter Wasser und etwa 10 000 Kilo Kohle an.

Das ist eine Gesamtlast von 40 000 Kilogramm, da jedes Kubikmeter Wasser

bekanntlich 1000 Kilo = 1 Tonne wiegt.

Das Wasser wird im Innern des Tenderkastens untergebracht. Der für seine

Aufnahme bestimmte Behälter ist oben durch ein Deckblech abgeschlossen;

dessen Lage zwischen den senkrechten Wänden des Tenders ist auch von

außen her, beim Blick von der Seite, deutlich durch die gebrochene Linie

zu erkennen, die von den sehr kräftigen Nieten gebildet wird. Das

Deckblech läuft, von hinten angefangen, zuerst wagerecht, alsdann ein

Stück schräg nach unten, um dann noch einmal in eine kurze Wagerechte

überzugehen. Diese Lage gibt man ihm, weil es zugleich die Aufgabe hat,

die Kohlen zu tragen, die nun über die Schräge hinweg stets selbsttätig

nach vorn rutschen, so daß sie von der Schaufel des Heizers stets bequem

erreicht werden können. Um ein Überstürzen des Kohlebergs in den

Führerstand zu verhüten, wird ganz vorn von oben her stets noch eine

Bohle eingeschoben. Der Wasserbehälter hat kräftige Versteifungen und

Querwände, die verhindern, daß durch die Erschütterungen die ganze

Wassermenge in gleichmäßige Bewegung gerät und mit großer Gewalt gegen

die Außenwände schlägt.

Der Kohlekasten reicht auf dem Tenderwagen nicht bis ganz nach hinten,

weil dort noch Platz für eine Öffnung zum Einfüllen des Wassers bleiben

muß. Diese Füllöffnung wird stets so geräumig gemacht, daß ein Mann

hindurchsteigen und den Innenzustand des entleerten Wasserkastens

feststellen, nötigenfalls kleine Nacharbeiten oder eine gründliche

Reinigung ausführen kann. Die Füllöffnung darf nicht höher als

2,75 Meter über der Schienenoberkante liegen, damit die Ausleger

der Wasserkrane noch eingeschwenkt werden können. Mit den

Speisevorrichtungen am Lokomotivkessel ist der Wasserbehälter auf dem

Tender durch bewegliche Rohre oder durch Füllschläuche verbunden.

[Abbildung:

Erbaut von der Hanomag

189. _Tender_]

Es wäre wirtschaftlich nicht richtig, die Abmessungen der Tender über

ein gewisses Maß hinaus zu steigern. Der Wasservorrat, der für jede

einzelne Lokomotive mitgeführt werden kann, ist also in gewissen Grenzen

erschöpfbar. Die Länge der Strecken, welche von Schnellzügen ohne

Aufenthalt durchfahren werden können, wird hierdurch eingeschränkt. In

England und Amerika sucht man auf einigen Bahnen diesem Zwang durch

eigenartige Anordnungen zu entgehen. Man schafft nämlich die

Möglichkeit, den Tender nicht nur bei Stillstand, sondern auch während

der Fahrt füllen zu können. Zu diesem Zweck wird an geeigneter Stelle in

der Gleismitte ein etwa 500 Meter langer Trog eingebaut, der nach seinem

ersten Erbauer _Ramsbottom_scher Fülltrog heißt. Vom Tender hängt ein

Mundstück hinab, das für gewöhnlich frei über die Schwellenoberkanten

hinweggeht. Neben der Erstreckung des Trogs aber sind die Schienen um 8

bis 10 Zentimeter gesenkt, so daß der Füllansatz in das Wasser

hineinreicht, aber auch selbsttätig vor dem Ende des Trogs durch neues

Ansteigen der Schienen wieder herausgehoben wird. Auf diese Weise vermag

der Tender seinen Wasservorrat während der Fahrt in wenigen Sekunden zu

erneuern.

Man hat in Deutschland trotz des auch hier bestehenden lebhaften

Bestrebens, die aufenthaltlos durchfahrenen Schnellzugstrecken zu

verlängern, bisher auf die Anordnung von Fülltrögen verzichtet. Die

Gründe hierfür sind ausreichend genug. In unseren Breiten würde das

Wasser im Trog während mehrerer Monate eines jeden Jahrs gefroren sein.

Besondere Heizeinrichtungen hinzuzufügen, wäre sicherlich zu teuer und

zu umständlich. Außerdem gelangen in das Trogwasser häufig grobe

Unreinlichkeiten, welche leicht die Durchgangsöffnungen der

Speisevorrichtungen an der Maschine verstopfen können. Während des

Speisens bei schneller Fahrt spritzt das Wasser aus dem Trog nach den

Seiten hoch empor, so daß der Tender vollständig in eine Wasserwolke

eingehüllt wird. Das Bewässern aller Teile ist betrieblich recht

unerwünscht.

Damit man die Menge des im Tenderkasten noch vorhandenen Wassers stets

leicht erkennen kann, ist an der vorderen Querwand ein Zeiger

angebracht, der durch einen auf der Wasseroberfläche ruhenden Schwimmer

bewegt wird.

Die Kupplung zwischen Lokomotive und Tender ist in Abschnitt 17

behandelt. Über diese Kurzkupplung hinweg wird eine Brücke aus

geriffeltem Blech gelegt, die an der Lokomotive mit Drehangeln befestigt

ist.

Wie schon öfter angedeutet wurde, haben die letzten Jahrzehnte dem Bau

der Lokomotive, der sich sonst gedanklich immer noch so eng an die

Gestaltung der „Rakete“ anlehnt, hauptsächlich zwei Neuerungen gebracht,

die eine durchgreifende Wirkung geübt haben. Das Ziel beider war die

Herbeiführung einer bedeutenden Kohlenersparnis, die denn auch erreicht

worden ist.

Die eine dieser Neuerungen betrifft die Führung des Dampfs durch die

Maschine, die andere eine nochmalige Bearbeitung des aus dem Wasser

gewonnenen Dampfs im Bereich der Heizrohre; diese ist etwa dem

Durchkneten zu vergleichen, durch das der Bäcker den bereits

fertiggestellten Teig für den Gebrauchszweck geeigneter macht. Die nun

zu besprechenden beiden wichtigsten Errungenschaften des Lokomotivbaus

sind: die Schaffung der Verbund-Maschine und die Erfindung der

Dampfüberhitzung, also der Bau der Heißdampf-Maschine.

Die heutigen Lokomotiven arbeiten, wie wir bereits gehört haben, längst

nicht mehr mit ganzer Füllung. Der Zylinderraum wird schon vor

Beendigung jedes Kolbenhubs vom Kessel abgesperrt, so daß der Dampf sich

ausdehnen kann. Aber auch hierbei wird er noch nicht völlig entspannt.

Es wohnt ihm, wenn er den Kolben bis ans Ende seines Hubs geführt hat,

immer noch eine ziemlich bedeutende Arbeitskraft inne, die früher

verloren ging. Bei Lokomotiven, an denen die neue Bauart nicht verwendet

wird, hört man denn auch den Dampf mit außerordentlich kräftigem Stoß

durch das Blasrohr entweichen. Dies ist ein Zeichen dafür, daß hier

Kraft verloren geht.

Der Gedanke, die Arbeitsfähigkeit des Dampfs, die er immer noch besitzt,

nachdem er seinen Kolben bis zum Hubende gebracht hat, weiter

auszunutzen, wurde zuerst bei der ortsfesten Maschine angewendet. Man

läßt hier schon seit langem den vom Kessel kommenden Frischdampf nicht

gleichzeitig in beide Zylinder eintreten, sondern gibt nur dem einen von

diesen eine Verbindung mit dem Kessel, während der zweite Zylinder von

dem Auspuffrohr des ersten her gespeist wird. So kann der Dampf also nun

zum zweiten Mal Arbeit leisten. Da auf diese Weise eine Verbindung

zwischen den beiden Zylindern geschaffen wird, nennt man Maschinen mit

solcher Einrichtung Verbund-Maschinen. Nach genügender baulicher

Durchbildung konnte durch diese Einrichtung eine erhebliche

Kohlenersparnis erzielt werden.

Die Übertragung auch auf die bewegliche Dampfmaschine gelang, wie stets,

erst nach vielen Mühen. Infolge ihrer eigenartigen Bauart, des geringen

Raums, der bei ihr zur Verfügung steht, und wegen sonstiger besonderer

Eigenschaften, zwingt die Lokomotive ja stets zu lebhaftestem Aufwand

geistiger Arbeit, wenn eine Neuerung bei ihr eingeführt werden soll. Mit

dem bloßen Gedanken ist es hier noch weniger getan, als auch sonst in

der Technik. Der fachunkundige Erfinder glaubt meistens, schon etwas

Großes geleistet zu haben, wenn der Plan zu einer wünschenswerten

Neuerung in schattenhaften Umrissen seinem Gehirn entsprungen ist. Damit

ist aber noch längst nicht die Neuerung selbst erdacht, sondern

eigentlich nur der Wunsch geboren, daß diese Eigentum der Technik werden

möge. Erst jetzt beginnt die wirkliche Erfindungsarbeit. Die Neuerung

muß so geformt und hergerichtet werden, daß sie allen Ansprüchen der

sehr harten technischen Wirklichkeit zu entsprechen vermag. Hieran

pflegen bei weitem die meisten Erfindungen zu scheitern, wodurch sie

beweisen, daß sie in Wirklichkeit gar keine gewesen sind. Nirgend ist es

schwerer, einen Erfindungsgedanken zu völliger Reife zu bringen, wie

gerade im Eisenbahnbetrieb mit seinen unzähligen, unabweisbaren

Betriebsforderungen. Es ist heute kaum noch denkbar, daß ein

Nichtfachmann auf diesem Gebiet etwas Neues zu schaffen vermag, das

wirklich ersprießlich ist.

Der Gedanke, die Verbund-Anordnung für Lokomotiven anzuwenden, wurde zum

ersten Mal von einem Deutschen ausgesprochen. In einem Patent, das der

deutsche Ingenieur Gerhard Moritz _Roentgen_ im Jahre 1834 in Frankreich

auf eine Verbund-Einrichtung für ortsfeste Dampfmaschinen nahm, heißt

es: „Dieselben Vorteile werden sich auch bei Übertragung dieser

Verbund-Anordnung auf die Eisenbahn-Maschinen ergeben.“ Roentgen hat

dieser Anregung jedoch keine Tat folgen lassen; sein Patent blieb auf

dem Papier stehen, gerade so wie Erfindungen vieler anderer auf diesem

Gebiet.

Die erste Verbund-Lokomotive ist erst im Jahre 1876 von dem

schweizerischen Ingenieur Anatole Mallet gebaut worden. Sie wurde von

der Firma Schneider & Co. in Creusot für die Bahn Bayonne-Biarritz in

Frankreich hergestellt. Seit dem Jahre 1880 hat sich dann der damalige

Maschinen-Inspektor bei der Eisenbahn-Direktion Hannover, August _von

Borries_, große Verdienste um die Durchbildung der Verbund-Maschine

erworben. Die erste Lokomotive dieser Art für die preußische Bahn wurde

im gleichen Jahr von Schichau in Elbing gebaut. Seitdem sind die

Verbund-Maschinen im Bereich der preußischen Bahnverwaltung in immer

größerer Zahl zur Verwendung gelangt.

Die heutige Verbund-Maschine gewährt eine Kohlenersparnis von etwa 20

vom Hundert. Um die Anordnung wirklich nutzbar verwerten zu können, war

der Einbau einer ganzen Anzahl besonderer Vorrichtungen auf der

Lokomotive notwendig.

Die Spannung des Dampfs ist, wenn dieser durch den ersten Zylinder

hindurchgegangen, natürlich hinabgesetzt, der Druck, den er auf jedes

Quadratzentimeter Kolbenfläche nun noch auszuüben vermag, also geringer.

Da man jedoch auf beiden Seiten der Lokomotive die gleiche

Arbeitsleistung haben will, so muß diese Druckminderung ausgeglichen

werden. Dies geschieht durch eine Vergrößerung des Kolbens und damit des

Zylinders auf derjenigen Lokomotivseite, die den Dampf aus zweiter Hand

empfängt. Das Ergebnis der Rechnung Dampfdruck × Kolbenfläche, welches

die Leistung ergibt, muß auf der Hochdruck- wie auf der Niederdruckseite

das gleiche sein.

Es ist ferner nicht möglich, die beiden Zylinder nur durch ein einfaches

Rohr miteinander zu verbinden. Denn der Hochdruck-Zylinder sendet dem

Niederdruck-Zylinder den Dampf durchaus nicht immer in dem Augenblick

zu, in welchem dieser ihn am meisten benötigt. Wenn der Hochdruckkolben

am Ende eines Hubs angelangt ist, steht der Niederdruckkolben wegen der

Versetzung der Kurbeln um 90 Grad gerade in der Mitte. Dies ist der

Augenblick höchsten Dampfbedarfs bei ihm; der Hochdruck-Zylinder kann

aber gerade jetzt fast nichts abgeben. Aus diesem Grund schaltet man

zwischen die beiden Zylinder einen ziemlich geräumigen Behälter ein, aus

dem die Niederdruckseite sich unabhängig von der Kolbenstellung drüben

versorgen kann.

Die größte Kraftleistung hat die Lokomotive stets beim Anfahren zu

vollbringen. Jeder Körper ist ja leichter in Bewegung zu erhalten, als

zu dieser zu bringen. Wie eine Beharrung der Bewegung gibt es auch eine

Beharrung der Ruhe. Niemals empfindet die Lokomotive die Last des

angehängten Zugs so stark, wie wenn sie, nach gegebenem Abfahrtzeichen,

anfahren muß. In diesem schwierigsten Augenblick versagt aber die

Verbund-Maschine manchmal. Da der Dampf ja erst den Hochdruck-Zylinder

durchlaufen muß, um zur Niederdruckseite zu gelangen, so können beim

Anfahren nicht beide Maschinen wirken. Aus dem Zwischenbehälter kann der

Niederdruck-Zylinder in diesem Augenblick gleichfalls nicht schöpfen,

weil sich darin bei Beginn des Anfahrens überhaupt kein Dampf befindet.

Man hat aus diesem Grund dazu schreiten müssen, ein Steuer-Ventil

anzubringen, das dem Führer gestattet, die Verbundwirkung während des

Anfahrens aufzuheben. Nach Öffnung dieses Ventils erhalten beide

Zylinder Frischdampf, so daß die Maschine nicht mit Verbund-, sondern

mit Zwillingswirkung arbeitet.

Die Vorzüge der Verbund-Maschine verschwinden also bei solchen

Lokomotiven, die häufig anfahren müssen, wie Verschiebe-, Güterzug- und

Stadtbahn-Lokomotiven. Die preußische Eisenbahn-Verwaltung baut darum

Maschinen dieser Art stets mit Zwillingswirkung, während Lokomotiven für

Schnellzüge und Eil-Güterzüge heute allermeist mit Verbundwirkung

versehen sind.

Bei Maschinen mit vier Zylindern werden zwei für Hoch- und zwei für

Niederdruck verwendet. Jedem Hochdruck- wird ein Niederdruck-Zylinder

zugeordnet. Hierbei ergibt sich nun ein besonderer Vorteil für solche

Maschinen, die zum bequemen Durchfahren von Krümmungen ein frei

bewegliches Triebwerk haben. Mallet und Rimrott kamen auf den Gedanken,

hierbei die beiden Niederdruck-Zylinder an dem beweglichen

Triebwerk-Rahmen anzubringen. Die biegsamen Dampfleitungen brauchten nun

also nicht mehr den Hochdruck des Kessels aufzunehmen, sondern nur noch

gegen den weit geringeren Niederdruck abgedichtet zu werden. Auf diese

Weise gelang es also zum ersten Mal, wirklich brauchbare Maschinen mit

einstellbaren Kuppelachsen auszurüsten. In Deutschland ist die erste

Mallet-Rimrott-Maschine bei J. A. Maffei in München hergestellt worden.

Noch weit wichtiger als die Ausnutzung der Verbundwirkung ist für den

Lokomotivbau die Einführung des überhitzten oder Heißdampfs geworden.

Der aus dem Wasser des Kessels erzeugte Dampf enthält stets noch Wasser

in Form mitgerissener, feinster Tröpfchen. Diese sind für die Wirkung

der Maschine sehr schädlich, wenn sie in die Zylinder gelangen, weil sie

dort keinerlei Wirkung auszuüben vermögen, jedoch dem arbeitsfreudigen

Dampf den Platz fortnehmen. Schon in früheren Jahrzehnten hat man sich

deshalb damit beschäftigt, den Dampf vor seinem Eintritt in die Zylinder

zu trocknen, indem man ihn so lange im Bereich der Heizung ließ, bis das

mitgerissene Wasser gleichfalls verdampft war.

Große Vorteile ergaben sich aber erst, als man mit der Erhitzung des

Dampfs weit über den Wärmegrad hinausging, der zur Trocknung notwendig

ist. Wenn nämlich auch völlig trockener Dampf in den Zylinder eintritt,

so schlägt sich ein Teil davon stets sofort zu Wasser nieder, weil seine

Wärme durch Berührung mit den verhältnismäßig kalten Zylinderwänden,

aber auch durch die Ausdehnung beim Vorschieben des Kolbens sogleich

hinabgesetzt wird. Wieder erhält man so im Zylinder totes, schädliches

Wasser. Überhitzter Dampf jedoch, das heißt solcher, der bis zu einer

Wärme von etwa 360 Grad gebracht ist, kann eine Abkühlung wohl

vertragen, ohne sich niederzuschlagen. Er behält noch lange die

Eigenschaft eines ausdehnungsfähigen Gases. Durch die Überhitzung kann

man also eine weit bessere Ausnutzung des Dampfs erzielen, indem alle

seine Teile zum Arbeiten gelangen, anstatt als Wasser ungenutzt verloren

zu gehen.

Die Erkenntnis von der Nützlichkeit des überhitzten Dampfs ist nicht

neu, aber eine verwendbare Ausführung von Heißdampf-Lokomotiven war

lange Zeit hindurch nicht möglich. Mußten doch alle Vorkehrungen, die

notwendig sind, um den Naßdampf von 100 Grad auf 360 Grad zu bringen, so

beschaffen sein, daß sie sich am Lokomotivkessel anbringen ließen, ohne

daß dessen bewährter Bau grundsätzlich verändert zu werden brauchte.

Eine äußerste Anpassung an räumlich beschränkte Verhältnisse war hierbei

erforderlich.

[Abbildung: 190. _Eine seltsame Lokomotive_

Erbaut von Petiet im Jahre 1864 zur Heißdampferzeugung]

Um dem Heißdampf wirklich freie Bahn zu eröffnen, durfte man nicht

solche Lokomotiven bauen, wie _Petiet_ in Frankreich es tat, der

hierbei, wie Bild 190 zeigt, so ziemlich alle äußeren Formen des Kessels

veränderte.

Es war auch notwendig, darauf zu achten, daß die Heißdampf-Ausrüstung

das Gewicht der Lokomotive nicht allzu sehr steigerte. Die einzelnen

Vorrichtungen mußten leicht anzubringen sein, und endlich war es noch

erforderlich, alle Maschinenteile wie Kolbenringe, Schieber,

Stopfbüchsen, Dichtungen und insbesondere das Schmieröl so herzurichten,

daß sie imstande waren, den außerordentlichen Hitzegraden zu

widerstehen, welchen sie fortab ausgesetzt werden mußten.

Die wirklich brauchbare Ausführung der Heißdampf-Lokomotive, die alsbald

einen fast beispiellosen Siegeszug durch alle Länder der Erde angetreten

hat, gelang als erstem dem deutschen Ingenieur Wilhelm _Schmidt_ in

Cassel zu Anfang dieses Jahrhunderts. Er überwand alle Schwierigkeiten

und hat durch seine Arbeit einen erneuten Beweis dafür geliefert, daß

der deutsche Techniker auf Grund seiner wissenschaftlichen Schulung zu

den größten Taten fähig ist.

Nachdem Schmidt zuerst einige andere Bauarten versucht hatte, so z. B.

den Rauchkammer-Überhitzer, ist heute allgemein der Heiz- oder

Rauchröhren-Überhitzer in Gebrauch. Die Überhitzung des Dampfs geschieht

hier dadurch, daß dieser nach Durchströmen des geöffneten Reglerventils

im Dom auf einem langen Weg mit den heißen Feuerungsgasen in engste

Berührung gebracht und dann erst den Zylindern zugeführt wird.

Zur Aufnahme der Überhitzer-Einrichtung sind die Heiz- oder Rauchröhren

in den Reihen, die im oberen Teil des Kessels liegen, weiter gehalten

als die anderen. In jede Röhre taucht ein Überhitzer-Teilstück ein, ein

Rohrstrang, der von einem vor der vorderen Querwand des Kessels, also

in der Rauchkammer, liegenden Sammelgefäß für den Naßdampf herkommt und

mit seinem Ende an das Sammelgefäß für Heißdampf angeschlossen ist.

[Abbildung:

Schmidtsche Heißdampf-Gesellschaft in Cassel

191. _Heißdampf-Erzeugung_

Längsschnitt durch eine Lokomotive zur Veranschaulichung der Lage der

Überhitzerröhren in den Heizrohren]

Jedes Überhitzer-Teilstück ist ein zweifaches, ~U~-förmig gebogenes

Rohr. Der Dampf durchläuft erst die eine Schleife, dann die andere, wird

also in jedem Rauchrohr zweimal hin und zurück geführt, wobei er von den

Heizgasen, welche die ~U~-Rohre von außen umspülen, bis auf 360 Grad

erhitzt wird.

[Abbildung: 192. _Rauchröhren-Überhitzer nach Wilhelm Schmidt_

Sammelgefäß in der Rauchkammer und Überhitzerröhren. Die Röhrenenden

sind verstärkt]

Es ist erstaunlich, daß man vermocht hat, gezogene Stahlrohre

herzustellen, die in der außerordentlichen sie umgebenden Hitze nicht

durchbrennen. Die Heizrohre werden zwar in gleicher Weise erwärmt, aber

das Wasser, welches sie ständig umspült, verursacht eine gründliche

Kühlung. Diese fällt bei den dampferfüllten Überhitzerrohren fort. Die

größten Schwierigkeiten machte es, die Endstellen haltbar zu machen, an

denen die ~U~-Rohre umgebogen sind, weil diese dem vollen Ansturm der

heißen Gase ganz besonders ausgesetzt sind. Heute ist durch das

Aufschweißen einer verstärkenden Kappe auf die Rohrenden auch hier eine

genügende Haltbarkeit erreicht.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 24 / 60 段