Die alten Stephenson-Lokomotiven waren richtige Kohlenfresser, weil ihre

Steuerungen nichts weiter taten, als den Dampf im ungefähr richtigen

Augenblick bald vor die eine, bald vor die andere Kolbenseite zu führen.

Die Zylinderräume blieben während des ganzen Hubs mit dem Kessel in

Verbindung, so daß stets der in diesem herrschende, volle Druck auf sie

wirkte. Sie arbeiteten, wie man sagt, mit ganzer Füllung.

Heute bewirkt man durch die Steuerung einen Abschluß vor Beendigung

jedes Kolbenhubs, weil sonst die Dehnungsfähigkeit des Dampfs nicht

ausgenutzt würde. Ist nämlich der Zylinderraum zum Teil mit Dampf

gefüllt, so hat dieser das Bestreben, sich mit großer Kraft auszudehnen.

Es genügt also, wenn man den Zylinder nur während eines Teils des

Kolbenhubs mit dem Kessel in Verbindung läßt. Über den Rest seines Wegs

wird der Kolben dann von der sich dehnenden Dampfmenge geschoben. Es ist

klar, daß man durch diese Voreilung des Schiebers weniger Dampf und

damit auch weniger Kohle verbraucht.

[Abbildung: 175~a~. _Treibachse einer Zweizylinder-Maschine_

mit Hauptkurbel und Antriebskurbel für die Steuerung ~a~) Lagerzapfen,

~b~) Kurbelzapfen]

[Abbildung: 175~b~. _Treibachse einer Dreizylinder-Maschine_]

Den günstigsten Augenblick des Zylinderabschlusses für jede Maschine zu

ermitteln, ist Sache eingehender Berechnungen. Aber der Füllungsgrad hat

sich auch nach den wechselnden Anstrengungen der Lokomotive zu richten.

Auf Steigungen ist der beste Füllungsgrad ein anderer als bei Fahrten in

der Ebene, bei höchster Geschwindigkeit ein anderer als bei langsamer

Fahrt. Aus diesem Grund ist das Schiebergestänge so eingerichtet, daß

die Füllung jederzeit mechanisch geändert werden kann und zwar vom

Führer aus durch die uns bereits bekannte Steuerungskurbel.

Die Verstellung wird dadurch ermöglicht, daß das Ende der Antriebsstange

für den Schieber nicht fest, sondern verschiebbar gelagert ist. Es kann

in der Vorrichtung, von welcher die Bewegung der Stange abgeleitet wird,

der Schwinge, nach oben und unten verschoben werden, wodurch bewirkt

wird, daß die Stange bald längere, bald kürzere Bewegungen vollführt.

Hierdurch wird nicht nur die Füllung verändert, sondern es kann auch

durch vollständige Umstellung der Steuerung Vorwärtsfahrt in

Rückwärtsfahrt umgewandelt werden. An dem verschiebbaren Teil, dem

Schwingenstein, der trotz seiner Benennung natürlich aus Stahl gefertigt

ist, greift die lange, vom Führerstand herkommende Stange an.

[Abbildung: 175~c~. _Treibachse einer Vierzylinder-Maschine_]

Die heute verwendeten Steuerungen weisen eine Fülle der

verschiedenartigsten Bauarten auf.

Wie jede andere Kolben-Dampfmaschine ist auch die Lokomotive eine

Maschine mit totem Punkt. Wenn die Kurbel eines ihrer Triebwerke genau

wagerecht liegt, wenn also Kolbenstange und Schubstange eine gerade

Linie bilden, so ist hier eine Drehwirkung nicht möglich. Bei ortsfesten

Maschinen überwindet man diese bei jedem Kolbenhub zweimal eintretenden

toten Punkte durch das Beharrungsvermögen des Schwungrads. Bei der

Lokomotive, an welcher eine solche Vorrichtung nicht anzubringen ist,

kommt man über die Totlagen dadurch hinweg, daß man bei doppeltem

Triebwerk die Kurbeln um 90 Grad gegeneinander versetzt. Liegt also z.

B. die rechte Kurbel wagerecht, wobei sie keine Drehung hervorzurufen

vermag, so befindet sich die andere gerade in der senkrechten

Mittelstellung, welche die größte Angriffsleistung ermöglicht.

Kessel, Rahmen und Maschine werden vom Laufwerk, den Achsen und Rädern,

getragen. Die Räder dienen gleichzeitig dazu, die Bewegung der Kolben in

Fortbewegung der Lokomotive auf dem Gleis zu verwandeln, indem sie diese

bei ihrer Drehung durch Reibung auf den Schienen vorwärtstreiben.

[Abbildung: 175~d~. _Kuppelachse_]

Die Achsen sind die am höchsten beanspruchten Teile jeder Lokomotive.

Jede von ihnen muß eine sehr schwere Belastung aushalten und

gleichzeitig die schweren Stöße an den Schienenenden ohne nachgiebiges

Zwischenwerk aufnehmen. Dazu kommt noch die hohe Beanspruchung durch die

Kolbendrücke, welche bis zu 40 000 ~kg~ betragen kann. Achsen werden

daher stets aus dem besten, zähesten Stahl in einem Stück geschmiedet.

Der zuverlässigste Baustoff, der überhaupt erlangt werden kann, ist für

sie gerade gut genug.

Bei Zwei-Zylinder-Maschinen sind die Achsen stets gerade, bei Anwendung

einer größeren Zahl von nebeneinanderliegenden Zylindern müssen sie

dagegen gebogen, gekröpft, werden. Eine Kropfachse ist, insbesondere

weil die Genauigkeit der Herstellung sehr groß sein muß, stets ein

äußerst schwieriges Arbeitsstück.

Die Räder bestehen heute immer aus zwei Teilen: dem inneren Stern und

dem diesen umfassenden Laufkranz. Der Stern, ein schmaler Ring mit den

zur Nabe laufenden Speichen, wird meist aus Stahlformguß hergestellt. Er

muß gegenüber den Stößen eine gewisse federnde Nachgiebigkeit haben. Der

Laufkranz oder Reifen dagegen soll hart sein, damit er auf den Schienen

so wenig wie möglich abgenutzt wird. Von der Erhaltung seiner runden

Form ist der ruhige Gang der Maschine in hohem Grad abhängig.

[Abbildung:

Aufnahme von Alice Matzdorff in Berlin

176. _Bei einem Unfall verbogene Lokomotivachse_

Aus dem Königlichen Verkehrs- und Bau-Museum in Berlin]

[Abbildung:

Aufnahme von Alice Matzdorff in Berlin

177. _Achsprobe_

Lokomotivachse, zur Erprobung der Zähigkeit des Stahls kalt

zusammengebogen.

Aus dem Königlichen Verkehrs- und Bau-Museum]

In früheren Zeiten, als auf der Eisenbahn noch geringe Geschwindigkeiten

und bescheidene Lokomotivgewichte üblich waren, stellte man den

Radreifen her, indem man einen stählernen Stab rund bog und die Enden

zusammenschweißte. Eine solche Schweißstelle aber bedeutet immer eine

Verschwächung. Auch bei sorgfältigster Arbeit ist ein vollkommenes

Zusammenfügen der beiden Stabenden nicht möglich. Die Haltbarkeit ist an

der Schweißnaht stets geringer als in dem übrigen, gleichförmig gefügten

Teil. Ein Reifenbruch aber gehört zu den gefährlichsten Erscheinungen im

Eisenbahnbetrieb. Es kommt heute wohl vor, daß ein Rad nach Abspringen

des Laufkranzes auch auf seinem Stern ein kurzes Stück weiterläuft, ohne

zu zerbrechen, aber das ist doch ein Ausnahmefall. Meistenteils pflegt

das Springen des Reifens eine Zerstörung des ganzen Rads und damit einen

schweren Zugunfall nach sich zu ziehen. Bei den heutigen hohen

Geschwindigkeiten und riesigen Achslasten können daher nur noch Reifen

verwendet werden, die ohne jede Schweißnaht aus einem völlig

gleichförmigen Gußstahlstück bestehen.

Der nahtlose Reifen für Eisenbahnräder ist eine Erfindung Alfred

_Krupps_. Man kann sagen, daß er hierdurch das Eisenbahnwesen geradezu

gerettet hat. Die Entwicklung hätte ohne den vollkommen zuverlässigen

Reifen nicht weiterkommen können.

[Abbildung:

Aufnahme von Alice Matzdorff in Berlin

178. _Ein widerstandsfähiger Radstern_

Dieser Radstern einer Lokomotivachse ist nach Bruch und Abspringen des

Reifens noch 70 Kilometer gelaufen, ohne zu brechen. Aus dem

Königlichen Verkehrs- und Bau-Museum in Berlin]

Was Alfred Krupp der Eisenbahn so schenkte, hat diese ihm reichlich

zurückgezahlt. Denn seltsamerweise verdankt der spätere Kanonenkönig den

Aufstieg seiner Fabrik diesem Friedenswerk. Die großen Summen, die er in

den fünfziger und sechziger Jahren für Ausprobung und Verbesserung der

Geschützrohre ausgeben mußte, hatte er nur dadurch zur Verfügung, daß er

bedeutende Einkünfte aus dem Verkauf der nahtlosen Radreifen zog. Das

heutige riesenhafte Vermögen der Familie Krupp hat hier seine Wurzel.

Noch heute sind drei ineinander gesteckte Radreifen das Fabrikzeichen

der Firma Fried. Krupp in Essen.

[Abbildung: 179. _Fabrikzeichen der Firma Fried. Krupp in Essen_

Drei nahtlose Eisenbahn-Radreifen]

Die Herstellung der Reifen geschieht nach dem Kruppschen Verfahren auf

folgende Weise. Einer der viereckigen Stahlklötze, wie sie aus der

Gießgrube kommen, wird rund vorgeschmiedet und darauf von ihm ein Stück

von genügender Dicke abgeschlagen. Die volle, stählerne Scheibe kommt

nunmehr unter eine Wasserpresse, die mit ungeheuren Kräften ausgestattet

ist. Der mit furchtbarer Gewalt niedergehende Stempel der Presse drückt

aus der Scheibe einen Pfropfen heraus, so daß diese in ihrer Mitte

nunmehr eine runde Öffnung hat. Alfred Krupp selbst, dem Pressen von

genügender Stärke noch nicht zur Verfügung standen, mußte die Öffnung in

der Stahlscheibe weit mühsamer schaffen. Mit Meißeln wurde ein Spalt in

der Scheibe erzeugt und dieser dann langsam zu einem kreisförmigen Loch

erweitert.

Die gelochte Stahlscheibe wird darauf zum Reifenwalzwerk gebracht. Sie

wird zwischen zwei Walzen hindurchgedreht, von denen die eine in der

Mittelöffnung steckt, die andere von außen gegen den Reifen gepreßt

wird. Beim Durchgang zwischen den Walzen, die allmählich enger gestellt

werden, wird die Dicke des Reifens immer geringer, während der

Durchmesser wächst. Eine Ausdrehung in der äußeren Walze bewirkt, daß

der Reifen zugleich in roher Form den richtigen Querschnitt mit

Spurkranz erhält. Nach dem Walzen wird der Reifen auf der Drehbank

weiter bearbeitet.

Da die Lauffläche des Kranzes ganz glatt und unbeschädigt bleiben muß,

so kann dieser nun nicht etwa mittels hindurchgesteckter Schrauben mit

dem Stern verbunden werden. Solche Schraubenverbindungen, ja selbst

Vernietungen, würden auch bei den starken Erschütterungen, denen jedes

Rad ausgesetzt ist, nicht halten. Die Verbindung von Kranz und Stern

wird darum auf eine andere Weise hergestellt, die das Naturgesetz der

Wärmedehnung in schönster Weise ausnutzt.

Der innere Durchmesser des Radreifens wird um ein Tausendstel seiner

Länge kleiner gehalten als der äußere Durchmesser des Sterns. Der

Reifen ist also nicht ohne weiteres darüber zu schieben. Damit dies aber

doch möglich wird, bringt man ihn in ein Rundfeuer, das den Laufkranz

von allen Seiten her gleichmäßig erwärmt. Er dehnt sich aus und kann nun

leicht über den Stern gelegt werden. Vorläufig ist die Verbindung noch

äußerst locker. Sobald der Reifen aber erkaltet, zieht er sich mit

außerordentlicher Kraft zusammen und preßt sich derartig um den Stern,

daß er mit diesem geradezu ein einheitliches Ganzes bildet. Eine

Trennung kann nur noch erfolgen, wenn der Reifen an einer Stelle

springt. Um in einem solchen Fall, falls er einmal während des Rollen

des Rads auf den Schienen eintreten sollte, ein vollständiges Loslösen

des Reifens zu verhindern, wird an der Stelle, wo der Kranz auf dem

Stern aufliegt, seitlich ein sogenannter Sprengring eingefügt, der wie

eine Klammer Kranz und Stern am ganzen Umfang umfaßt und zusammenhält

(Bild 181).

[Abbildung: 180. _Entstehung eines nahtlosen Radreifens_

~a~) Abgehauener Stahlblock, rund geschmiedet. ~b~) Stahlblock

gelocht. ~c~) Aufgewalzter Reifen. ~d~) Fertig gedrehter Radreifen]

Auch der lichte Durchmesser der Radnabe wird etwas geringer gehalten als

der Durchmesser des Achszapfens, auf den das Rad aufgesetzt werden soll.

Die Vereinigung erfolgt hier durch kaltes Aufpressen mit einem Druck

von 120 000 bis 150 000 Kilogramm. Damit die Radnabe diese gewaltsame

Einwirkung gut übersteht, muß sie sehr starkwandig sein. Das Rad sitzt

dann aber auch ohne Keil oder sonstige Verbindung unverrückbar auf der

Achse.

An die Radsterne werden in der Nähe des Kranzes Gegengewichte

angegossen, welche die Aufgabe haben, die beim Laufen der Maschine

wechselnd auf die Achsen einwirkenden lebendigen Kräfte der sich

ungleichförmig drehenden und hin und her gehenden Teile des Triebwerks

nach Möglichkeit auszugleichen.

[Abbildung: 181. _Sprengring_

Hält Rad-Reifen und -Stern so zusammen, daß der Reifen nach einem

Bruch nicht abfliegen kann]

[Abbildung: 182. _Treibradstern einer Schnellzug-Lokomotive_

Aus dem Königlichen Verkehrs- und Bau-Museum in Berlin]

Man unterscheidet an der Lokomotive drei Arten von Achsen: Trieb-,

Kuppel- und Laufachsen. Diejenige Achse, an der die Maschinenkraft

angreift, an deren Kurbel also die von Kolbenstange und Kreuzkopf

herkommende Schubstange angelenkt ist, heißt die Treibachse. Alle mit

der Hauptkurbel durch Stangen verbundenen Achsen nennt man Kuppelachsen.

Die Summe von Treibachse und Kuppelachsen ergibt die Zahl der

angetriebenen Achsen. Der Rest sind vom Antrieb freie Laufachsen.

Der Durchmesser der auf den angetriebenen Achsen sitzenden Räder ist

entsprechend der Geschwindigkeit zu bemessen, die man mit der Maschine

erzielen will. Bei jedem vollen Gang des Kolbens, also bei jeder Vor-

und Rückwärtsbewegung, drehen sich die an den angetriebenen Achsen

befestigten Räder einmal herum. Ist ihr Durchmesser groß, so wird

hierbei ein langer Weg zurückgelegt, bei kleinem Durchmesser ein

entsprechend kürzerer. Schnellzug-Lokomotiven haben daher stets große

Räder, Güterzug-Lokomotiven kleine.

Bei diesen Maschinen steht damit zugleich größere Zugkraft zur

Verfügung. Denn die vom Dampfdruck durch Bewegen des Kolbens erzeugte

Arbeit läßt sich, wie jede andere, in die beiden Bestandteile Kraft und

Weg auflösen. Das physikalische Gesetz lautet: Arbeit = Kraft × Weg.

Wird bei einem Kolbenhub nur ein kurzer Weg zurückgelegt, so ist die zur

Verfügung stehende Zugkraft um so größer. Für die ja stets sehr schweren

Güterzüge wird diese notwendigst gebraucht und wirkt vermindernd auf die

Geschwindigkeit ein.

Die Durchmesser aller angetriebenen Räder einer Lokomotive müssen stets

gleich sein. Die Laufräder dagegen können verschiedene Größen haben.

Die Gesamt-Achszahl der Lokomotive ist abhängig von ihrem Gewicht. Der

Druck eines Rads auf die Schiene darf bei Hauptbahnen, wie wir wissen,

9000 Kilogramm nicht überschreiten, der Achsdruck darf also keinesfalls

größer sein als 18 000 Kilogramm. Eine Maschine, die 85 000 Kilogramm

wiegt, muß also mindestens fünf Achsen haben.

Die Zahl der gekuppelten Achsen wird bestimmt durch die Zugkraft, welche

die Maschine entfalten soll. Damit die Lokomotive überhaupt eine Last

ziehen kann, müssen die Räder, an denen die Maschinenkraft angreift, mit

einem gewissen Druck gegen die Schienen gepreßt werden. Wir wissen, daß

man früher ein Gleiten der Räder auf den glatten Schienen befürchtete,

wenn an den Zughaken der Lokomotive eine Last gehängt würde. Darum

bauten ja Blenkinsop, Brunton, Chapman und andere ihre eigenartigen

Dampfwagen. Die Furcht vor dem Drehen der Räder auf der Stelle war

jedoch weit übertrieben. Ein Gleiten tritt, wie wir heute wissen, unter

gewöhnlichen Umständen nur ein, wenn man von der Maschine mehr als 1/6

der Kilogramm an Zugkraft verlangt, die das Reibungsgewicht beträgt. Hat

man eine mit dem höchsten zulässigen Gewicht von 18 000 Kilogramm

belastete Achse, so kann man also durch diese, eine genügende Leistung

der Antriebsmaschine vorausgesetzt, getrost 3000 Kilogramm ziehen

lassen. Will man 12 000 Kilogramm Zugkraft haben, so muß man mindestens

drei angetriebene Achsen nehmen usw. Güterzug-Lokomotiven, die sehr

schwere Züge zu befördern haben, müssen also mehr gekuppelte Achsen

erhalten als Schnellzug-Maschinen.

Um aber eine genügend leistungsfähige Maschine zur Verfügung zu haben,

ist es notwendig, den Kessel, insbesondere bei den Schnellzug-Maschinen

mit ihren wenigen Kuppelachsen, so schwer zu machen, daß diese allein

das Gewicht des hoch belasteten Rahmens nicht zu tragen vermögen. Dann

muß man eben noch eine entsprechende Zahl von Laufachsen hinzufügen.

Die hohen Gewichte der heutigen Lokomotiven bringen es mit sich, daß ihr

Gesamtachsstand, das heißt die Entfernung der Mitte der ersten Achse von

der Mitte der letzten, zehn und mehr Meter beträgt. (Es sei hier

nochmals darauf hingewiesen, daß in diesem Buch für die Entfernung der

Achsen voneinander der Ausdruck Achsstand gebraucht wird, im Gegensatz

zu der in Deutschland üblichen amtlichen Bezeichnung Radstand, die weit

weniger treffend ist.) Solche langen Achsstände erschweren aber den

Lokomotiven außerordentlich das Durchfahren von Gleisbogen, ja dies

würde selbst bei den sanften, auf den deutschen Hauptbahnen üblichen

Krümmungen unmöglich sein, wenn man nicht an dem Laufwerk besondere

Vorkehrungen für die Fahrt durch Gleisbogen getroffen hätte.

Der Rahmen der Lokomotive ist ein starres, gerades Stück. Die Räder der

an ihm fest angebrachten Achsen stehen also immer in einer vollkommen

geraden Linie hintereinander. Das Gleis aber bildet in der Krümmung eine

Bogenlinie, weshalb die Räder imstande sein müssen, dieser sich

anzuschmiegen, wenn sie nicht entgleisen sollen. Es muß also mit

anderen Worten dafür gesorgt werden, daß bei Lokomotiven mit langen

Achsständen die Verbindungslinie der Achsmitten aus einer geraden Linie

sich so weit wie irgend möglich in eine Bogenlinie verwandeln kann.

Man vermag dies annähernd zu erreichen, indem man einzelne Achsen

seitlich verschiebbar macht, ihnen ein Seitenspiel gibt. Solche

verschiebbaren Achsen vermögen, je nach der Lage der Gleiskrümmung,

etwas nach rechts oder links auszuweichen, so daß sie sanft und ohne

Stöße durch die Krümmung rollen. Besondere Vorkehrungen sind notwendig,

um, trotz der Verschieblichkeit, eine feste Lagerung der Achsen zu

erzielen. Damit ein Hin- und Herschieben in den Lagern während der Fahrt

durch gerade Strecken vermieden wird, werden die verschiebbaren Achsen

meist durch kräftige Federn in der Mittellage festgehalten. Erst beim

Anlaufen des Spurkranzes am äußeren Rad gegen den Kopf der gekrümmten

Schiene tritt die Seitenverschiebung ein. Die Verschiebbarkeit darf

natürlich wenige Zentimeter nicht überschreiten.

[Abbildung: 183. _Beweglichkeit der Lokomotivachsen im Gleis_

1. Steife Achsen. 2. Vorderachse verschiebbar. 3. Vorderachse

einstellbar (in der Richtung des Krümmungshalbmessers)]

Durch den Einbau von verschiebbaren Achsen wird für die Ruhe und

Sicherheit des Lokomotiv-Gangs schon recht viel erreicht. Die hiermit

ausgestatteten Lokomotiven durchfahren Krümmungen um so leichter, als ja

der Radstand, der etwas schmaler ist als die Spurweite, den Achsen

ohnedies ein gewisses Spiel läßt. Aber die Stellung der verschiebbaren

Achsen im gekrümmten Gleis ist doch nicht die am meisten erwünschte.

In den Geraden stehen die Achsen immer senkrecht zur

Schienenerstreckung. Nur bei dieser Stellung liegt die Lauffläche

richtig auf dem Schienenkopf, und der Spurkranz hat keine Neigung,

hinaufzulaufen. In den Krümmungen aber stehen steife Achsen wie

verschiebbare Achsen, stets schief im Gleis. Am weichsten würde man

durch Krümmungen fahren, wenn jede Achse sich stets in der Richtung der

vom gedachten Mittelpunkt des Krümmungsbogens zum Gleis gezogenen Linie,

also gleichgerichtet mit dem Halbmesser, einstellen würde. Solche

Verschiebungen gegen die Lokomotivlängsachse sind nun bei gekuppelten

Achsen nicht möglich, da die Zapfenmitten der aufgesteckten Kurbeln

stets den gleichen, durch das Triebgestänge festgelegten Abstand

voneinander und von der Kreuzkopfmitte haben müssen. Wohl aber ist

Einstellbarkeit bei freien Laufachsen denkbar und auch ausgeführt.

Es war um so wünschenswerter, gerade den Laufachsen große Beweglichkeit

im Gleis zu geben, als diese ja an den äußersten Enden des Achsstands

zu liegen pflegen, also am meisten der Schmiegsamkeit bedürfen. Im

großen unterscheidet man zwei verschiedene Anordnungen zur Herbeiführung

der Einstellbarkeit von Achsen: solche für Laufachsenpaare und für

Einzelachsen.

[Abbildung: 184. _Adamsachse_

Lokomotiv-Laufachse, die sich in Gleiskrümmungen in Richtung des

Halbmessers einstellen kann. 1. Adamsachse im graden Gleis, 2.

Adamsachse im gekrümmten Gleis, um 80 Millimeter ausgeschlagen]

Ein Laufachsenpaar kann man in einem Drehgestell zusammenfassen. Es wird

ein besonderer, selbständiger, kleiner Wagen aus einem Rahmen und den

hieran befestigten beiden Achsen gebildet. Der kleine Rahmen ist nur

durch einen senkrechten, runden Zapfen, der am Hauptrahmen befestigt ist

und in ein entsprechendes Lager im kleinen Rahmen eingreift, mit dem

Gesamtbau der Lokomotive verbunden; das Gestell kann sich also bequem in

der wagerechten Ebene drehen. Die Achsen solcher Drehgestelle, die man

in mannigfachster Weise baut, werden sich stets in Richtung des

Halbmessers einstellen. Sie führen ein besonders weiches, stoßloses

Durchfahren der Krümmungen herbei. Auch hier wird die Mittellage durch

kräftige Federn sichergestellt. Auf die Drehgestellbauarten wird näher

bei Besprechung der Laufwerke an Personenwagen eingegangen.

Eine Anordnung, die man besonders häufig anwendet, um Einzelachsen

einstellbar zu machen, ist die Adamsachse. Hierbei sind die Achslager

nicht mehr mit geraden Führungen in den Rahmen gelegt, sondern mit

solchen, deren Flächen nach einem Kreisbogen gekrümmt sind (Bild 184).

Die Achse selbst geht selbstverständlich nach wie vor in vollkommenster

Geradheit durch; nur die Außenflächen der Lagerbüchsen sind gekrümmt.

Sobald durch Anlaufen eines Spurkranzes gegen eine gekrümmte

Außenschiene Seitenverschiebung eintritt, weicht die Adamsachse nicht

geradlinig seitlich aus, sondern macht eine Drehung, als wäre sie mit

einer Deichsel in dem Mittelpunkt des Kreises befestigt, nach dem die

Lagerachsen gekrümmt sind; sie stellt sich also schräg ein. Hierbei

sucht die Achse die ihr bequemste Stellung zu erreichen, und das ist die

in Richtung des Halbmessers vom durchfahrenen Gleisbogen. Die

Rückstellung erfolgt auch hier durch Federn.

Es wurde bereits gesagt, daß Einstellbarkeit bei Kuppelachsen nicht

möglich ist. Doch auch mit der seitlichen Verschiebbarkeit allein kommt

man unter Mitwirkung des Spielraums, der durch den Längenunterschied

zwischen Radstand und Spurweite entsteht, beim Durchfahren von

Krümmungen noch aus, wenn die Maschine nicht mehr als fünf oder sechs

gekuppelte Achsen hat. Bei schwersten Güterzug-Maschinen aber,

insbesondere wenn sie über Steigungen zu fahren haben, ist es oft

notwendig, über diese Kuppelachszahl noch hinauszugehen. Acht, zehn, ja

zwölf Kuppelachsen sind hier manchmal notwendig. Da kann nun der bloß

durch seitliche Verschiebbarkeit geminderte feste Achsstand nicht mehr

beibehalten werden. Um überhaupt den Bau von Lokomotiven mit so hohem

Reibungsgewicht und entsprechender Zugkraft zu ermöglichen, hat man sich

zu ganz besonders kunstvollen Bauarten und zu einer tief eingreifenden

Änderung in der Anlage des Lauf- und Triebwerks entschließen müssen.

[Abbildung: 185. _Einstellbarkeit von Treibachsen_

Laufwerk einer ~C~ + ~C~-Mallet-Lokomotive. Der hintere Laufwerkrahmen

ist mit dem Hauptrahmen starr verbunden, der vordere Laufwerkrahmen

ist beweglich]

Um eine Lokomotive mit sehr vielen Kuppelachsen, wie sie z. B. Bild 2

zeigt, in Krümmungen genügend beweglich zu machen, ist man davon

abgegangen, sämtliche Achsen von einer einzigen Maschine antreiben zu

lassen. Man legt vielmehr unter den Kessel zwei Dampfmaschinen, von

denen jede eine gleiche Zahl Kuppelachsen antreibt. Die vier Zylinder

liegen jetzt nicht mehr nebeneinander, sondern sind paarweis

hintereinander angebracht. Hierdurch gewinnt man die Möglichkeit, eine

kleine Zahl von Kuppelachsen in einen den Drehgestellen ähnlichen

Sonderwagen zu legen, in dem sie sich, obgleich starr gegeneinander, zu

den übrigen in verschiedenen Winkeln einstellen können. Die beiden

vorderen Zylinder drehen sich hierbei mit. Um dies zu ermöglichen, muß

die Dampfzuführung zu diesen Zylindern durch eine bewegliche Leitung

erfolgen.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 23 / 60 段