Damit die geraden Wände des Stehkessels hiergegen genügenden Widerstand

leisten können, ist die Einfügung sehr schwieriger Versteifungen

zwischen ihnen notwendig gewesen. Man sorgt dafür, daß beide Wandungen,

die vom pressenden Dampf in entgegengesetzter Richtung beansprucht

werden, sich gegenseitig unterstützen. Diese Hilfshandlung wird erreicht

durch das Einziehen von Stehbolzen an den Seiten, sowie von Decken- und

Querankern unter der Wölbung des Stehkessels.

In geringen Abständen sind die beiden Stehkesselwandungen durchbohrt und

die Löcher mit tiefgängigen Gewinden versehen. Kräftige Stangen, die an

ihren Enden je ein entsprechendes Außengewinde tragen, werden

hindurchgeschraubt und dann außen vernietet, so daß die beiden Wandungen

unverrückbar gegeneinander versteift sind. Die Decken- und Queranker,

die zum Teil noch durch aufgeschraubte Muttern gesichert sind, haben die

gleiche Aufgabe zu erfüllen.

Bis zum Ausbruch des Weltkriegs wurden in Deutschland sowohl die

Feuerkiste wie auch die Stehbolzen aus Kupfer hergestellt. Dieser Stoff

ist bei uns stets sehr teuer gewesen, und man kann sich leicht denken,

daß besonders zwingende Umstände vorgelegen haben müssen, damit man sich

zum Verbrauch so großer Kupfermengen veranlaßt sah. Der Grund hierfür

ist die geringe Empfindlichkeit von Kupfer gegen wechselnde Spannungen

seines Gefüges.

Das Feuer brennt ja unter den Lokomotiven durchaus nicht immer. Zwischen

den Arbeitszeiten, in denen mit aller Macht geheizt wird, liegen immer

wieder Stunden, in denen nur ein schwaches Feuer unterhalten wird, und

es kommen auch Zeiten, in denen dieses ganz erlischt, wie bei langen

Betriebspausen, Untersuchungen und Ausbesserungsarbeiten. Durch die

wechselnde Erhitzung und Abkühlung werden nun die Stoffe, die in

unmittelbarer Nachbarschaft des Feuers liegen, durch die rasch

aufeinanderfolgenden Dehnungen und Zusammenziehungen fortwährend hin und

her gezerrt.

[Abbildung: 164. _Lokomotivkessel-Reihe_

in einer Halle der Hanomag]

Man ist in Amerika schon seit vielen Jahrzehnten der Meinung gewesen,

daß auch Eisen imstande ist, solchen Beanspruchungen genügenden

Widerstand zu leisten, ohne zu reißen. In den Vereinigten Staaten hat

man, obgleich dort Kupfer im eigenen Land reichlich zur Verfügung steht,

schon seit Jahrzehnten eiserne Feuerkisten sowie Stehbolzen aus gleichem

Stoff verwendet und damit gute Erfahrungen gemacht. Der Krieg hat auch

uns dazu gezwungen, auf das Kupfer an dieser Stelle zu verzichten. Ein

abschließendes Urteil über die Bewährung der eisernen Feuerkisten und

Stehbolzen bei uns wird sich erst nach längerer Zeit fällen lassen.

Wenn wir nicht zu dem gleichen günstigen Ergebnis kommen sollten wie die

Amerikaner, so kann das seinen Grund darin haben, daß drüben fast

sämtliche Lokomotiven mit doppelter Mannschaft besetzt sind, sich also

bis zum Eintritt größerer Schäden ununterbrochen im Dienst und demgemäß

in gleicher Wärme befinden. Die Schwankungen sind deshalb im Betrieb der

deutschen Bahnen mit ihrer zum Teil einfachen Lokomotivbesetzung und den

daraus folgenden zahlreichen Ruhepausen der Maschinen sehr viel

häufiger.

Jeder einzelne der Stehbolzen hat eine wichtige Sicherungsaufgabe zu

erfüllen. Sie sind gerade in der Zahl eingezogen, die für die genügende

Befestigung der Feuerkistenwände notwendig ist. Die fortwährenden

Zerrungen bewirken jedoch ein verhältnismäßig nicht allzu seltenes

Brechen der Stehbolzen. Es ist notwendig, daß dieses sofort kenntlich

wird. Aus diesem Grund ist jeder der Stehbolzen in seiner Mittelachse

von vorn und von hinten angebohrt. Tritt ein Bruch ein, der niemals in

der Mitte des Bolzens, sondern stets am Ende der fest eingespannten

Gewindestücke erfolgt, so dringt entweder aus der äußeren oder der

inneren Bohrung sofort ein feiner Wasser- oder Dampfstrahl hervor. Die

Lokomotivmannschaft weiß nun, daß ein neuer Stehbolzen eingezogen werden

muß.

Der bei weitem größte Teil der von der Feuerung entwickelten Hitze wird

aber erst in dem Rundkessel verwendet. An seinen Wandungen geben die

heißen Gase den größten Teil ihrer Wärme ab. Damit die Berührungsflächen

so ausgedehnt wie möglich sind, damit also eine möglichst große

Wasserfläche durch die metallenen Wandungen hindurch von den Heizgasen

erwärmt wird, ist der Wasserraum des Rundkessels von vielen wagerechten

Rohren durchzogen. Jedes von ihnen bildet ein gasdurchströmtes Heizrohr.

Was hier zu höchst wirksamer Verwendung gelangt, ist der alte Boothsche

Gedanke, der schon die „Rakete“ befähigt hat, alle ihre Gegner zu

überwinden.

[Abbildung:

Erbaut von der Hanomag

165. _Blick in die Rauchkammer_

In der Mitte, hinter dem wagerechten Verschlußbalken für die

Rauchkammertür, das Blasrohr, darüber der Funkenfänger. An den Seiten

Dampf-Einströmrohre für die Zylinder. Lokomotive für Java]

Die Heizrohre haben jedoch heute nicht mehr in allen Lagen gleichen

Durchmesser, sondern sie sind bei den meisten der großen Maschinen oben

weiter gehalten als unten; dies geschieht aus einem Grund, den wir noch

kennen lernen werden. Die Rohre werden in senkrechten Reihen

übereinander angeordnet, damit die sich entwickelnden Dampfblasen

überall leicht aufsteigen können.

Auf seinem Rücken hat der Rundkessel noch eine hohe Ausbuchtung, die

nach außen als Dom zutage tritt. An der höchsten Stelle des Doms liegt,

wie wir schon gehört haben, die Dampfentnahmestelle, welche durch den

Reglerhebel geöffnet und geschlossen werden kann. Diese Stellung für die

Ausströmungsöffnung ist gewählt, weil man möglichst trocknen Dampf in

die Zylinder leiten will. Die im ganzen Wasserraum des Kessels an den

Wänden der Heizrohre sich entwickelnden Dampfblasen reißen ja immer

etwas Wasser in feinsten Tröpfchen mit. Der Wasserreichtum des Dampfs

wird immer geringer, je höher dieser aufsteigt. Außerdem sorgt auch ein

in besonderer Weise durchbrochener Abschluß der Domausbuchtung nach

unten zu für reichliche Abscheidung des Wassers.

Dieses will man von den Zylindern möglichst fernhalten, da ja nur der

Dampf Arbeit leisten kann, Wasser jedoch toter Ballast ist. Den

trockensten Dampf liefert eben die Kuppel des Doms. Um möglichst viel

Dampf in geeigneter Form zur Verfügung zu haben, werden manche

Lokomotiven auch mit zwei Domen ausgerüstet, die dann durch ein Rohr

miteinander verbunden sind.

Die großen Rohre, die den Dampf vom Dom zu den Zylindern leiten und ihn

von dort nach geleisteter Arbeit wieder abfließen lassen, führen durch

die Rauchkammer. Diese wird heute breit ausladend und sehr tief gebaut,

damit die glühenden Kohlestückchen, die von den Heizgasen durch die

Kesselrohre mit hindurchgerissen werden, sich an der Vorderwand ablagern

können. Der Schornstein ist aus dem gleichen Grund etwas nach hinten

zurückgesetzt. Er steckt zum großen Teil im Innenraum der Rauchkammer,

nur ein Stumpf seines kegelförmigen, nach oben breiter werdenden Baus

schaut noch heraus, damit die Umgrenzung des lichten Raums nicht

überschritten wird. Hierdurch bekommen unsere neuen großen Maschinen ihr

geducktes Aussehen. Vor die untere Schornsteinmündung ist stets noch ein

Funkenfänger gesetzt.

Feuerkiste und Rauchkammer stehen durch die Heiz- oder Rauchrohre in

engstem Zusammenhang miteinander. Auf dem Weg zwischen ihnen findet die

Ausnutzung der heißen Gase für die Erwärmung des Wassers statt. Nur

diejenige Wärme ist nutzbar angewendet, welche die Gase vor ihrem

Eintritt in der Rauchkammer abgegeben haben. Bei ordnungsgemäßem

Zusammenarbeiten aller Vorrichtungen dürfen die Gase, die in der

Feuerkiste bis zu 1600 Grad erhitzt waren, in der Rauchkammer nur noch

300 bis 500 Grad haben. Diese Wärme ist ein Rest, der notwendigerweise

verloren gehen muß. Die Lokomotive ist eben auch eine Dampfmaschine und

hat darum letzten Endes ein ebenso geringes Nutzergebnis wie alle

anderen Vorrichtungen dieser Art.

Das Hineinsaugen der Heizgase in die Rauchkammer geschieht durch die

Wirkung des Blasrohrs, dessen Öffnung genau unter der Mitte des

Schornsteins sitzt. Der in gewaltigen Stößen rasch ausströmende Dampf

erzeugt in der Rauchkammer eine Luftverdünnung. Es muß darum Luft

nachströmen, und das kann nur dadurch geschehen, daß sie vom Aschkasten

her durch den Rost und die Feuerung hindurch eintritt, indem sie diese

anfacht.

Das Blasrohr spielt im Wärmehaushalt der Lokomotive eine außerordentlich

große Rolle. Es vermag jedoch naturgemäß nur zu arbeiten, wenn aus den

Zylindern Dampf ausströmt, das heißt also nur dann, wenn die Maschine

sich in Bewegung befindet. Beim Anheizen der Lokomotive und auch beim

Nachfeuern während des Stillstands auf Bahnhöfen möchte man trotzdem

nicht vollständig auf die anfachende Blaswirkung verzichten. Aus diesem

Grund ist über dem Hauptbläser stets noch ein Hilfsbläser angebracht,

dem durch Betätigen eines Hebelzugs im Führerstand Frischdampf

unmittelbar aus dem Kessel zugeführt werden kann.

Der Funkenfänger, welcher, um das Herausfliegen kleiner glühender

Kohlestückchen aus der Rauchkammer zu verhindern, deren Raum gegen den

Schornstein abschließt, darf keine zu geringen Öffnungen haben, denn

dadurch würde die durch die Blasrohrwirkung erzielbare Luftverdünnung in

der Kammer stark herabgesetzt werden. Man bildet die Funkenfänger daher

nicht immer aus engmaschigen Sieben, sondern bringt im oder am

Schornstein auch gebogene Flächen an, die sich dem senkrecht nach oben

gerichteten Funkenstrom entgegenstellen, die Stückchen anprallen lassen,

so daß sie wieder in die Rauchkammer zurückfallen.

Ein ganz besonders wirksames Mittel gegen allzu reichlichen Funkenwurf

befindet sich noch in der Feuerung. Unmittelbar unter dem Ansatz des

Rundkessels ist, von der hinteren Wand der Feuerkiste oder aus deren

unmittelbarer Nähe vorspringend, ein Schirm aus feuerfesten Steinen

aufgemauert. Ein großer Teil der vom Luftstrom hochgerissenen, glühenden

Kohlestückchen wird bereits von dessen Unterfläche zurückgehalten. Der

Feuerschirm hat dazu die noch weit wichtigere Aufgabe, ein allzu rasches

Abströmen der Heizgase in den Rundkessel zu verhüten. Er sorgt dafür,

daß ihre Hitze auch für den Wasserraum im Stehkessel nutzbar wird, indem

er die Gase zwingt, um seine weit vorspringende Vorderkante

herumzustreifen, also etwas länger in der Feuerkiste zu verweilen.

Außerdem schützt er auch die Enden der Heizrohre vor allzu scharfem

Angriff durch das Feuer.

Um die im Kessel erzeugte Hitze möglichst wenig nach außen abströmen zu

lassen, ist dieser in seiner ganzen Ausdehnung mit Einschluß des Doms

und der Zylinder, die ja auch noch zum Dampfraum gehören, mit einer

Verkleidung bedeckt. Sie besteht aus dünnen Blechen, die in einem

Abstand von mehreren Zentimetern um die gesamten Außenflächen

herumgeführt sind. Es wird hierdurch um den Dampfraum eine ruhende

Luftschicht gebildet, die bekanntlich ein sehr gutes Wärmeschutzmittel

ist. Die Zylinder werden noch besonders durch zwischengelegte

Asbesttücher geschützt, und das gleiche geschieht an den

Kesselwandungen, die dem Innern des Führerhauses zugekehrt sind, um die

Mannschaft nach Möglichkeit vor der Wärmestrahlung zu schützen.

Während des Kriegs ist man, da Asbest bald nicht mehr zu haben war, zu

einem Ersatz der Wärmeschutzpackung durch Glasgespinst geschritten.

Allerfeinste Glasfäden sind zu watteähnlichen, weichen Tafeln

verarbeitet und mit bestem Gelingen als Wärmeschutztücher verwendet

worden. Diese Glaswolle, neben der auch Gespinste aus Hochofenschlacke

in Anwendung gekommen sind, ist als eine der vielen dauernden

Bereicherungen der Technik zu betrachten, die der Krieg uns gebracht

hat.

Infolge des Wärmeschutzanzugs, den jeder Kessel trägt, kann man von

außen her weder die Stehbolzenköpfe am hinteren Kessel, noch die

Nietnähte an Dom und Rundkessel wahrnehmen.

[Abbildung: 166. _Feuerschirm_

Steinerne Wölbung im hinteren Teil der Feuerkiste. Aus einer

Borsig-Lokomotive]

Mit harter Eckigkeit ragt unter der wohlgerundeten Fügung des Kessels

nach allen Seiten die stählerne Quader hervor, die ihn auf ihrem Rücken

trägt. Der Rahmen, der die Aufgabe hat, wie eine gewaltige Klammer den

Gesamtbau der Lokomotive zusammenzuhalten, der Kessel, Trieb- und

Laufwerk erst zu einem einheitlichen Kraftkörper zusammenfaßt, besteht

entweder aus starken Blechen oder aus schmalen eisernen Trägern, die

zusammengenietet oder geschweißt sind. Im ersten Fall spricht man von

einem Platten-, im anderen von einem Barrenrahmen. Der Rundkessel, der

in Querstützen auf dem Rahmen liegt, ist an ihm nur in der Nähe der

Rauchkammer festgeschraubt. Sonst liegt er frei gleitend auf den Trägern

und ist auch hinten in die Feuerkistenhalter so eingelegt, daß er sich

um ein gewisses Stück nach vorwärts und rückwärts verschieben kann. Das

ist notwendig, um dem langen Kesselbau die Zusammenziehung und

Ausdehnung nach den wechselnden Graden seiner Erwärmung zu ermöglichen.

[Abbildung: 167. _Zusammensetzung der Lokomotiv-Hauptteile_

Kessel mit Führerstand, Dampfdom, Sandkasten und Rauchkammer; Rahmen

mit Zylindern; Laufwerk]

Damit der immerhin zarte Bau des Röhrenkessels und der gleichfalls auf

dem Rahmen erbaute Führerstand vor den argen Stößen geschützt werden,

die durch das Überfahren der Schienenstöße entstehen, ist der Rahmen

nicht fest und unmittelbar mit den Laufachsen verbunden, sondern federnd

auf diese gesetzt. Das Zwischenglied wird durch lange Blattfedern

gebildet, die aus mehreren Lagen kräftiger Stahlbleche zusammengesetzt

sind; die Stahlbleche werden in der Mitte durch einen Bund

zusammengehalten. Die Enden der Federn sind durch verstellbare Gehänge

mit dem Rahmen verbunden, der mittlere Federbund ruht auf dem Gehäuse

des Achslagers oder ist darangehängt.

Die Federn haben nicht allein die Aufgabe, die Stöße zu mildern, sie

werden auch gleichzeitig dazu benutzt, einen Ausgleich zu schaffen, wenn

zwei benachbarte Achsen der Lokomotive infolge von Erschütterungen

verschiedenartig belastet werden. Zu diesem Zweck sind die Enden

benachbarter Federn durch Ausgleichhebel miteinander verbunden. Wird die

eine der Federn durch die senkrecht über ihr aufgestellte Last stark

niedergedrückt und gespannt, so zieht sie auch die andere an, so daß

durch verstärkten Druck des Federbunds auch die Nachbarachse an der

Belastung mitträgt. Ein solcher Ausgleichhebel ist zwischen Mittel- und

Hinterachse des auf Bild 189 dargestellten Tenders deutlich zu erkennen.

Der Kessel liegt heute oft recht hoch über dem Rahmen und damit auch in

ziemlich beträchtlicher Höhe über der Schienenoberkante. Man gibt ihm

diese Stellung, weil man den Durchmesser der Rundung gern größer macht,

als der Raum zwischen den oft sehr hohen Rädern es ermöglicht. Ein

geräumiger Kessel ist dringend nötig, um die für den heutigen scharfen

Betrieb erforderlichen großen Dampfmengen stets zur Verfügung zu haben.

[Abbildung: 168. _Blattfeder_]

Die Entwicklung der Lokomotive ist eine Zeitlang dadurch aufgehalten

worden, daß man sich fürchtete, den Schwerpunkt des Kessels hochzulegen.

Man glaubte, daß die Maschine dann beim Fahren allzu stark schwanken

würde oder gar in Krümmungen kippen könnte. _Crampton_ schuf nur aus

diesem Grund im Jahre 1846 eine heute recht seltsam aussehende

Lokomotive mit nur einer Treibachse, die weit hinter dem Kessel

angebracht war, damit er diesen recht tief legen und doch ziemlich

geräumig ausgestalten konnte. Die Cramptonsche Lokomotive hat lange auch

bei uns in Deutschland eine recht große Rolle gespielt, da sie als

einzige den begehrten großen Dampfraum besaß. Wogegen Crampton mit

seinem eigenartigen Bau ankämpfte, war die allzu große Schmalheit der

Regelspur, wie wir sie ja noch heute besitzen. Für Brunel wurde die

Schwierigkeit der Kesselvergrößerung auf der Regelspur der Grund, beim

Bau der Großen West-Eisenbahn in England die Breitspur einzuführen. Denn

hierbei konnte er die Räder weiter auseinander legen, also ohne

Schwierigkeit einen größeren Kessel einbauen und so die ganze Bahn

leistungsfähiger machen. Hierüber ist auch bereits auf Seite 84

gesprochen worden.

Heute ist die Furcht vor einer hohen Kessellage überwunden. Man hat

vielmehr eingesehen, daß ein Emporschieben des Schwerpunkts die Stöße

des Fahrzeugs gegen das Gleis mildert, dieses schont und rückwirkend

auch die Maschine selbst. Manchmal geht man hierin jetzt sogar über das

unbedingt notwendige hinaus, nur um nebensächliche Vorteile zu erringen.

So zeigt die von der Hannoverschen Maschinenbau-Aktiengesellschaft für

eine Bahnstrecke in Venezuela erbaute, auf Bild 155 dargestellte

Lokomotive eine besonders hohe Kessellage, durch die das innen liegende

Triebwerk sehr bequem zugänglich wird.

[Abbildung:

Von einer Hanomag-Lokomotive

169. _Kolbenschieber_

einer Vierzylinder-Verbund-Maschine; steuert die Dampf-Zuführung für

je einen Hochdruck- und Niederdruck-Zylinder]

Lokomotiven mit hochliegenden Kesseln sind dem Auge nicht wohlgefällig.

Man beschaue die auf Bild 150 dargestellte Lokomotive. Sie zeigt einen

schönen Zusammenklang aller Einzelformen, befriedigt aber doch das

künstlerische Gefühl nicht so wie die andere Maffei-Lokomotive, die auf

dem Bild vor dem Titel wiedergegeben wird. Da diese eine

Güterzugmaschine mit niedrigen Rädern ist, so konnte der Kessel hier

sehr viel tiefer gelegt werden. Unser Schönheitsempfinden nimmt für

diesen Fall seinen Maßstab wahrscheinlich vom Bau der Tiere her. Niemals

finden wir in der heutigen Tierwelt massige Leiber auf lange, dünne

Beine gestellt, wie dies bei unseren großen Schnellzug-Maschinen der

Fall zu sein scheint. Sie sehen so aus, als wenn ihr Unterbau für die

darauf ruhende Last nicht genügend kräftig wäre, und das verhindert die

Auslösung eines Gefühls voller Befriedigung bei ihrem Anblick.

Die Zylinder sind unter gewöhnlichen Umständen heute stets vorn am

Rahmen aufgehängt. Über ihrer Wölbung liegt der Schieberkasten, in dem

sich die Vorrichtung für die Steuerung des Dampfs hin und her bewegen

kann. Die Schieber sind entweder flache Teller oder runde Kolben, die

den aus den Zuströmungsrohren kommenden Dampf bald vor die eine, bald

vor die andere Seite des Kolbens treten lassen. Auch Steuerung durch

Ventile, wie sie bei den ortsfesten Maschinen schon längst mit bestem

Erfolg in Gebrauch sind, wird heute bisweilen bei großen Lokomotiven

angewendet.

[Abbildung: 170. _Zylinder-Gußstück_

vom Kran aus der Gießgrube gehoben]

Die Zylinderkörper selbst bestehen aus Gußeisen und stellen oft recht

gewaltige Gußstücke dar. Der scheibenförmige Kolben gleitet in dem mit

äußerster Genauigkeit ausgebohrten Gehäuse und ist durch eingesetzte,

federnde Ringe aus Gußeisen abgedichtet.

Um den Lokomotiven für die sehr schnell fahrenden Züge, welche der

Personenbeförderung dienen, und für das Schleppen der immer schwerer

werdenden Güterzüge genügend Kräfte zu verleihen, ist es notwendig,

möglichst große Kolbenflächen zu schaffen, auf die der Dampf wirken

kann. Das erheischt zugleich eine Vergrößerung der Zylinder. Aber wegen

der schmalen Begrenzung des lichten Raums ist man mit den Durchmessern

der einzelnen Zylinder in ziemlich enge Grenzen gebannt. Wenn man

trotzdem große Kolbenflächen zur Verfügung haben will, bleibt nichts

übrig, als die Zahl der Zylinder zu vermehren.

In der Tat gibt es heute weit weniger Lokomotiven mit nur zwei

Zylindern, als der Nichtfachmann auf Grund seiner rein äußerlichen

Betrachtungen annimmt. Er sieht stets nur die beiden außenliegenden

Dampfbehälter, dazwischen sind aber bei den großen Maschinen meist noch

ein oder zwei weitere Zylinder untergebracht. Aus besonderen Gründen ist

es auch öfter notwendig, die vier Zylinder so anzuordnen, daß zwei Paare

hintereinander liegen. Ja es sind in Amerika bereits Maschinen mit drei

Zylinderpaaren gebaut worden. Die Führung des Dampfs zu und zwischen

diesen vielen Zylindern, von denen oft zwei durch denselben Schieber

gesteuert werden, ist sehr vielfältig durchgebildet und macht oft sehr

große Schwierigkeiten. Davon werden wir noch zu sprechen haben.

[Abbildung:

Hanomag

171. _Kraftkörper einer Vierzylinder-Maschine_

Oben Schiebergehäuse, unten die beiden kleinen Hochdruck- und die zwei

größeren Niederdruck-Zylinder. Zwei große Gußstücke]

Die Übertragung der durch den Dampfdruck auf den Kolben hervorgerufenen

Bewegung auf das Laufwerk geschieht durch das Triebgestänge. Dieses,

einschließlich des Kolbens, trägt die Hauptschuld an dem trotz aller

Bemühungen immer noch merkbaren nickenden und zuckenden Gang der

Lokomotiven. Denn das Triebwerk ist nicht in gleichförmiger Bewegung.

Seine schweren Gewichte wechseln unaufhörlich ihre Geschwindigkeit, ja

sogar die Richtung ihrer Bewegung. Trotz vieler Maßnahmen gelingt es bis

heute niemals ganz, diese hin und her gehenden Massen abzugleichen. Am

ehesten gelangt man noch zu einem vollständig ruhigen Gang bei

Vierzylinder-Lokomotiven, weil hier die Bewegungen der Triebwerke so

gegeneinander verschoben werden können, daß die hergehenden Massen stets

den hingehenden entgegenarbeiten.

An dem Kolben ist die Kolbenstange befestigt, die durch eine Stopfbüchse

aus dem hinteren Deckel des Zylinders ins Freie tritt. Diese Stopfbüchse

sowohl wie alle anderen Abschlüsse an Stellen, wo bewegte Teile aus dem

Dampfraum der Lokomotive hervortreten, sind hohe technische Kunstwerke.

Müssen sie doch gleichzeitig eine spielend leichte Bewegung der Stangen

gestatten und dem hochgespannten Dampf den Weg nach außen versperren.

Durch die Packung in den Stopfbüchsen wird tatsächlich eine fast

vollkommene Abdichtung erreicht. Die Kolbenstange selbst ist so fein

geschliffen, daß ihr Durchmesser nicht um mehr als den hundertsten Teil

eines Millimeters von der vorgeschriebenen Größe nach oben oder unten

abweicht.

[Abbildung: 172. _Dampfkolben_

Die gußeisernen Dichtungsringe, welche in die ausgedrehten Nuten

eingesetzt werden, sind der Deutlichkeit wegen an die Kolbenstange

gehängt]

[Abbildung:

A. Borsig, Berlin-Tegel

173. _Steuerkurbel_

zum Verstellen der Steuerung vom Führerstand aus: 1. Kurbelgriff, 2.

Festhalte-Klinke, 3. Zahleneinteilung zum Ablesen der

Steuerungsstellung, 4. Steuerspindel, 5. Steuerstange]

Das dem Zylinder abgekehrte Ende der Kolbenstange ruht in einer

Geradführung, die nach einem aus dem Englischen stammenden Wort der

Kreuzkopf heißt. Dieser bewegt sich auf einer feinst vorgerichteten

Gleitbahn. Vom Kreuzkopf zu der mächtigen Hauptkurbel führt die

Schubstange. Von der Hauptkurbel wiederum wird durch eine Kuppelstange

der Antrieb für das nächste Kuppelrad abgeleitet, und von dessen Kurbel

geht es, falls dies notwendig ist, auf die gleiche Weise weiter zu den

anderen Kuppelrädern. Neben der Hauptkurbel ist dann noch eine kleinere

Kurbel angebracht, mit deren Hilfe die Bewegung eines besonderen Teils

des Steuerungsgestänges, der Schwinge, hervorgerufen wird; ein zweiter

Antrieb der Steuerung erfolgt gewöhnlich vom Kreuzkopf aus.

[Abbildung:

Hanomag

174. _Triebwerk_

1. Kolbenstange, 2. Kreuzkopf, 3. Gleitbahn, 4. Schubstange, 5.

Hauptkurbel, 6., 7., 8. Kuppelstangen, 9. Voreilhebel der Steuerung,

10. Antrieb für die Schwinge (zur Steuerung gehörig), 11. Schwinge,

12. Gleitbahn für den Schwingenstein, 13. Steuerungszugstange und

Angriffshebel der Steuerkurbel im Führerstand, 14. Umsteuerungsstange]

Diese doppelte Anlenkung der Steuerung läßt schon erkennen, daß dieser

Triebwerksteil recht verwickelte Bewegungen auszuführen hat. Sie sind

notwendig, weil von der Anordnung und den Verschiebungen der

Steuerungswerkzeuge die Güte der ganzen Maschine in hohem Grad abhängig

ist. Gute oder schlechte Steuerungen können den Verbrauch von viel oder

wenig Kohle herbeiführen, denn sie bestimmen hauptsächlich den

Dampfverbrauch.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 22 / 60 段