Die schöne Frances Anne Kemble, die mit Georg Stephenson auf der

„Rakete“ mitfahren durfte, sprach in dem Brief, den sie über dieses

Erlebnis an ihre Freundin schrieb, und der in Abschnitt 4 mitgeteilt

wurde, von der „kleinen und munteren Maschine“, die nur „aus einem

Kessel, einer Bank und einem Faß dahinter“ bestehe. „Ein einziger

kleiner Stahlhebel,“ so bemerkte sie, „ist zur Lenkung des Ganzen

vorhanden.“ Wer heute eine Fahrt auf der Lokomotive zu beschreiben hat,

kommt mit so einfachen Wendungen den Tatsachen nicht mehr nahe. Die

geistige Arbeit von vielen Geschlechtern der Eisenbahntechniker ist

jetzt in dem Hebelgewirr der Lokomotive vereinigt. Sie ist weder klein

noch munter, sondern riesenhaft gefügt und trägt den tiefen Ernst

nutzbaren und unentbehrlichen Schaffens im Dienst der Menschheit auf dem

kühnen Antlitz, das unsere durch ihren Anblick stark erregte

Vorstellungskraft ihrem Körper anfügt. Die Schilderung ihres Baus und

ihres Arbeitens läßt sich nicht mehr in ein paar Sätzen zusammenfassen.

Bevor wir diese Beschreibung beginnen, wollen wir noch einen Augenblick

bei dem Namen verweilen, den die Maschine heute trägt, der aber zu

Lebzeiten des Fräuleins Kemble noch nicht in der heutigen Art

gebräuchlich war.

Es gibt nur sehr wenige Benennungen, die sich, allen Sprachgrenzen zum

Trotz, so weit über die Erde verbreitet haben, wie das Wort

„Lokomotive“. Es ist aus zwei lateinischen Worten gebildet, dem der

klassischen Zeit entstammenden Wort ~locus~ = Ort und dem

spät-lateinischen ~motivus~ = beweglich. In der Patentschrift, die

Stephenson im Jahre 1815 einlieferte, spricht er von einer

~„construction of locomotive engines“~. Der heutige Name wird hier als

Eigenschaftswort gebraucht. Erst um 1840 fängt dieses, nach einem

Aufsatz von _Metzeltin_ in den „Hanomag-Nachrichten“, an, sich zum

Hauptwort umzuwandeln. Von da an beginnt sein Siegeslauf durch die

Länder zahlreicher Völker, gleichgültig ob sie eine romanische oder eine

germanische Sprache reden. Der Engländer sagt heute ~„the locomotive“~,

der Franzose ~„la locomotive“~, im italienischen heißt es ~„la

locomotiva“~, in Portugal ~„a locomotiva“~; der Rumäne spricht von einer

~„locomotiva“~, der Holländer sagt ~„de locomotief“~, der Däne und

Schwede ~„locomotivet“~. Nur im Spanischen findet sich eine Abweichung;

hier heißt es ~„la locomotora“~.

[Abbildung:

Erbaut von der Hannoverschen Maschinenbau-Aktien-Gesellschaft

(Hanomag) als 8000. Lokomotive

152. _Zwillings-Schnellzug-Lokomotive der oldenburgischen Staatsbahn_

Dienst-Gewicht 72 000 Kilogramm; Achsanordnung 1 ~C~ 1;

Ventil-Steuerung]

Auch wir Deutschen haben uns dem allgemeinen Gebrauch in dieser

Beziehung angeschlossen, was ja bei unserer bedauerlich leichten

Hinneigung zu Fremdworten wahrlich kein Wunder ist. Die Bezeichnung

„Lokomotive“ ist so tief in unseren Sprachschatz eingedrungen, daß bis

zum heutigen Tag ein wirklich deutsches Ersatzwort hierfür fehlt. In

Verdeutschungs-Wörterbüchern findet man wohl „Dampfwagen“ und „Dampfroß“

angegeben. Beide sind für den wirklichen Gebrauch nicht verwendbar. Das

Wort „Dampfwagen“ ist durch die technische Sprachübung für eine

besondere Gattung von Eisenbahnfahrzeugen belegt, nämlich für solche,

bei denen die Dampfmaschine und der zur Aufnahme von Fahrgästen

bestimmte Wagenkasten baulich zu einem untrennbaren Ganzen vereinigt

sind. „Dampfroß“ ist eine ausschließlich in gehobener, dichterischer

Sprache zulässige Wendung, und auch hier ist sie nicht gerade schön,

weil der bildliche Vergleich, den sie ausdrückt, durch allzu häufige

Benutzung bereits stark abgeblaßt ist.

Überhaupt kann heute keine Ersatzbildung, welche die Worte „Dampf“ oder

auch „Feuer“ in sich schließt, also etwa „Feuerwagen“, mehr in Gebrauch

genommen werden, da sie für die elektrische Lokomotive keinesfalls

passend sein würde. Ob vorgeschlagene Neubildungen wie „Beweger“,

„Treibling“ oder „Treibzeug“ sich jemals die deutsche Sprache werden

erobern können, muß abgewartet werden. Wünschenswert bliebe es

natürlich, daß unsere so überquellend reiche Muttersprache auch an

dieser Stelle den eingedrungenen Fremdling erfolgreich vertriebe.

Bemerkenswert ist noch der Hinweis von Metzeltin, daß einstmals in

Deutschland ein Streit darüber getobt hat, ob man „die Lokomotive“ oder

„das Lokomotiv“ sagen solle. Heute ist dieser Kampf ja vollständig

zugunsten des weiblichen Geschlechts entschieden. Aber an der

Bahnstrecke Salzburg-Hallein gibt es noch immer ein „Gasthaus zum

Lokomotiv“. -- --

[Abbildung:

Erbaut von der Hanomag

153. _Schwere Güterzug-Tender-Lokomotive der javanischen Staatsbahn_

Achsanordnung 1 ~F~ 1]

Wir haben uns die Erlaubnis erwirkt, in den Führerstand der Lokomotive

hinaufsteigen zu dürfen. Sobald wir nach Überwindung der steilen Stufen

auf der eisernen Plattform angelangt sind, blicken wir zuerst durch das

länglich runde Fenster an der rechten Seite der vorderen Abschlußwand

des Führerstands hinaus auf die Strecke.

[Abbildung:

Erbaut von der Hanomag

154. _Mallet-Lokomotive der Arica-La Paz Bahn in Chile_

Dienstgewicht 62 600 Kilogramm; Achsanordnung ~C~ + ~C~]

Wie ganz anders stellt sich uns der Eisenbahnkörper jetzt dar, als wir

ihn gewöhnlich, in unserer Eigenschaft als einfache Reisende, zu sehen

gewohnt sind! Alles heitere gesellschaftliche Treiben, das wir eben noch

am Zug beobachtet haben, ist verschwunden. Kalt und streng recken sich

die Schienen über der mit größter Sauberkeit hingebreiteten Bettung

aus. Man kann zwar, wenn man zur Seite blickt, die Bahnsteige auf der

Ankunftsseite des Anhalter Bahnhofs sehen, aber diese haben plötzlich

die hervortretende Bedeutung, welche sie für jeden Reisenden besitzen,

vollständig verloren. Sie sind bescheidene Auswüchse am endlos sich

ausreckenden Streckenkörper geworden.

Mit haarscharfer Deutlichkeit heben sich die Arme der Signale vom

leuchtenden Sommerhimmel ab. Man begreift plötzlich, welche ungeheure

Bedeutung diesen Zeichengebern innewohnen kann, wenn sie sinnvoll

bedient und in ihren wechselnden Stellungen richtig verstanden werden.

Zu den Füßen der Signalmaste wimmelt, wie das Unterholz im Hochwald, das

Gestrüpp der Weichenlaternen mit ihren weißen Pfeilen, viereckigen und

runden Scheiben. Die sanft geschwungenen Bogen der Weichen selbst

durchschneiden die glatten Schienenstränge in einem tollen

Durcheinander; sie bringen, so scheint es, Verwirrung in die geraden

Geleise, so etwa wie ein ABC-Schütze die Sauberkeit der vorgezogenen

Linien vernichtet, wenn er auf der Seite seines Schreibhefts

Zeichenübungen anstellt. Aber wir wissen schon, daß die Anordnung jeder

dieser vielen Dutzende von Weichenlagen genauester Überlegung

entsprungen ist.

Weit mehr noch werden wir verwirrt, wenn wir uns nun im Führerstand

selbst umblicken. Da sind massige und zierliche Hebel zu sehen, große

und kleine Räder, Handgriffe, die hinauf, hinab, nach rechts oder nach

links bewegt werden können, Zifferblätter, Klappen und allerhand

Kurbeln. Nur wenige dieser Vorrichtungen sind bezeichnet, so daß wir uns

vorläufig über ihre Wirksamkeit nicht klar werden können.

Aber jetzt hat der Aufsichtsbeamte draußen auf dem Bahnsteig das Zeichen

zur Abfahrt gegeben, und wir haben nun Gelegenheit, den Lokomotivführer

beim Bedienen einer großen Zahl dieser Hilfswerkzeuge zu beobachten.

Während die Maschine anfährt, gibt er uns einige Erläuterungen.

Zunächst dreht er an einer blanken, mit einem breit gezahnten Rad

versehenen Kurbel, die unter seinem Fenster angebracht ist. Es bewegt

sich draußen eine Stange, die fast bis zur Vorderwand des Kessels

reicht. Sie legt die Dampfsteuerung der Maschine durch Verstellen der

Schieber so um, daß der nun alsbald in die Zylinder tretende Dampf die

Lokomotive zum Vorwärtsfahren bringt. Bis dahin haben die Schieber in

der Mitte, in Abschlußstellung, gestanden. Ein Drehen der Kurbel nach

der anderen Seite hätte Rückwärtsfahrt verursacht. Sobald die richtige

Schieberstellung erreicht ist, fällt ein kräftiger Daumen in eine

Vertiefung des gezahnten Rads und hält Kurbel und Steuerungsstellung

unverrückbar fest.

[Abbildung:

Erbaut von der Hanomag

155. _Güterzug-Lokomotive für Venezuela_

mit Tender auf zwei Drehgestellen. Dienstgewicht 21 300 Kilogramm;

Achsanordnung 1 ~C~. Kessel sehr hoch liegend; Sonnendach am

Führerstand]

[Abbildung:

Erbaut von A. Borsig in Berlin-Tegel

156. _„Zugespitzte“ Lokomotive_

der Paris-Lyon-Mittelmeer-Bahn. Achsanordnung 2 ~C~. Die abgeschrägten

Flächen sollen eine möglichst widerstandslose Durchschneidung der Luft

herbeiführen.]

Durch Zug an einem kleinen Griff öffnet der Führer nun Ventile, die sich

ganz vorn an den Zylindern befinden. Sofort tropft, was wir allerdings

von unserem Stand aus nicht beobachten können, Wasser auf den Bahnkörper

hinunter. Es ist der Niederschlag, der sich in den Zylindern beim

Stillstand der Maschine aus dem erkalteten Dampf gebildet hat; dieser

muß bei den ersten Kolbenhüben einen freien Ausweg finden, damit keine

schädlichen Wasserschläge gegen die Zylinderwände entstehen.

Dann ist der große Augenblick gekommen, in dem der mächtigste, auch für

das Auge stark vortretende, blanke Hebel in der Mitte des Führerstandes

bewegt wird: der Regler. Er gibt dem im Kessel schon ungeduldig

brausenden, hochgespannten Dampf den Weg zu den Zylindern frei. Erst

zischt es aus den immer noch offenen Zylinderhähnen hinaus, dann läuft

die Maschine, deren ungeheures Gewicht bisher wuchtig und anscheinend

unverrückbar auf den Schienen geruht hat, langsam an, die Last der Wagen

unwiderstehlich hinter sich her ziehend. Draußen auf dem Bahnsteig

beginnt das Abschiedswinken, aber hier im Führerstand bemerken wir

nichts davon. Der Führer hält den Reglerhebel fest gepackt und öffnet,

indem er ihn auf einer kleinen kreisförmigen Gleitbahn verschiebt, das

Dampfventil immer weiter. Dann schließt er die Zylinderhähne, das

Zischen dort vorn hört auf, so daß man nun allein das Ausstoßen des von

seiner Arbeit in den Zylindern kommenden Dampfs aus dem Blasrohr unter

dem Schornstein hört. Noch einmal wird an dem Steuerungshebel gedreht,

bis der daran angebrachte Zeiger auf einer Zahleneinteilung eine

bestimmte Ziffer anzeigt. Jetzt ist die Steuerung in jene Stellung

gebracht, die erfahrungsgemäß den geringsten Dampfverbrauch

sicherstellt. Die Maschine befindet sich in voller Fahrt.

Mit der Tabakspfeife im Mund steht der Führer hinter seinem Fenster. Der

Blick, der sich ihm von dort auf die Strecke öffnet, ist nicht völlig

frei. Er kann das Gleis erst in einer Entfernung von mehreren Metern

erblicken, denn zunächst streckt sich vor dem Fenster der mächtige Leib

des Kessels aus, der alles unter ihm liegende zudeckt. Die Maschine

wiegt sich bei dem Laufen über die Schienenstöße auf ihren Federn, und

der Beschauer bemerkt auf einmal, wie richtig doch das abgegriffene

Bildwort „Dampfroß“ den Eindruck der laufenden Maschine wiedergibt. Sie

hüpft und springt wirklich wie ein Pferd, die Kesselwölbung gleicht dem

Rücken eines Rosses, und die Mähne wird durch die wehenden, flatternden

Wölkchen gebildet, die aus dem Schornstein dringen.

[Abbildung:

Erbaut von der Maschinenfabrik Eßlingen

157. _Lokomotive mit zwei Dampfdomen_

die durch ein Rohr verbunden sind. Achsanordnung 2 ~B~]

Jetzt sind es einzig die Signale, nach denen der Führer emsig späht. Sie

allein können ihm durch ihre Stellung anzeigen, ob die Strecke für ihn

frei ist, oder ob er anhalten soll. Hier und da nur wirft er einen Blick

auf die Zifferblätter der zahlreichen Druckmesser, die vor seinen Augen

angebracht sind und den Dampfdruck im Kessel, im Schieberkasten, die

Luftpressung in dem großen Bremsbehälter sowie in der Bremsleitung

anzeigen.

[Abbildung:

Erbaut von A. Borsig in Berlin-Tegel

158. _Kran-Lokomotive_]

Für die Aufrechterhaltung des richtigen Kesseldrucks und der sonstigen

für die Maschine vorgeschriebenen Ordnung hat sein Gefährte, der Heizer,

zu sorgen. Dessen Hauptaugenmerk ist der richtigen Unterhaltung der

Feuerung zugewendet. In kurzen Abständen öffnet er die Tür, und der

Blick vermag nun in die lodernde Hölle dort drinnen zu spähen.

Blendende Helligkeit bricht aus der schwarz umrahmten Öffnung heraus.

Ein roter Vorhang ist aufgezogen, der alle Bauformen verdeckt. Schmale,

schwarze Streifen, gebildet von den aus dem Brennstoff dringenden

Dämpfen, ziehen sich hindurch. Knatternd und prasselnd pfeift die durch

den Blasrohrzug von unten her angesaugte Luft durch die glühenden

Kohlen.

In den Pausen aber zwischen den häufigen Versorgungen der Feuerung läßt

der Heizer nicht ab, den Stand des Wassers in dem an den Kessel

geschraubten Glasrohr zu beobachten. Sobald eine bestimmte Höhe

unterschritten ist, setzt er geschwind die Pumpe in Bewegung, die nun

neues Wasser aus dem Vorratsbehälter auf dem Tender in den Kessel wirft.

Ununterbrochen bedient er die verschiedenen Griffe, deren Bedeutung wir

aber erst nach genauerer Kenntnis des Lokomotivkörpers recht werden

verstehen können.

[Abbildung: 159. _Lokomotive am Kran_

in der Zusammenbauhalle der Maschinenfabrik Eßlingen]

Keinen Augenblick läßt die Aufmerksamkeit der beiden Männer nach, welche

die Verantwortung für das Leben der vielen Reisenden dort drinnen in den

Wagen tragen; unablässig ist der eine bemüht, sich von dem Zustand der

Strecke, der andere von dem Wohlbefinden der ihm anvertrauten Maschine

zu überzeugen.

Endlich kommen die gewölbten Kuppeln des Bahnhofs Halle in Sicht. Der

Führer faßt einen Griff, an den er bisher noch nicht gerührt hat: das

Führerbremsventil. Mit wohl abgewogenen Bewegungen des schwachen kleinen

Hebels hemmt er langsam die Riesenwucht des mit einer Geschwindigkeit

von hundert Kilometern dahinsausenden Zugs. Noch ein Zischen der

gepreßten Luft, und die Wagenburg ist an der richtigen Stelle zum Halten

gebracht. Die Stimmen vieler Menschen, die man nicht sieht, tönen aus

der Ferne zum Führerstand hinauf, der solange ganz von hartem Dröhnen

erfüllt gewesen ist. Aus der besonderen Welt, in der wir zwei Stunden

lang geweilt haben, sind wir nun dem allgemeinen Leben wiedergegeben.

Wir haben das ruhige, selbstbewußte Arbeiten der Lokomotivmannschaft im

Gewirr der Hebel und Griffe beobachtet, ohne doch noch im entferntesten

den Sinn all dieser Vorrichtungen zu begreifen. Deshalb beschließen wir,

zunächst den Bau der Lokomotive näher kennen zu lernen. Hierzu haben wir

beste Gelegenheit, da unsere Maschine nunmehr vom Zug abgekuppelt wird,

um einer anderen mit noch unverbrauchter Kraft Platz zu machen.

Nachdem unsere Lokomotive auf ihrem Ruheplatz angelangt ist, umschreiten

wir ihren Körper, um zunächst einmal dessen äußere Formen näher kennen

zu lernen.

Fünf Hauptbauteile sind es, die das Auge eines sorgsamen Beobachters an

der Lokomotive ohne große Mühe unterscheiden kann. Recht deutlich heben

sich voneinander ab: der Kessel, der Rahmen, das Triebwerk, das Laufwerk

und der Tender.

Wie eine große Kuppel einen mächtigen Hallenbau krönt und ihm seinen

Ausdruck verleiht, so beherrscht der langgestreckte Rundkessel den

Körper der Lokomotive. Neben seiner Größe verschwinden fast die

Anbauten, die sich ihm vorn und hinten gesellen und heute untrennbar zu

ihm gehören. Den hinteren Abschluß des Rundkessels bildet ein kleinerer,

oben gleichfalls gerundeter, aber an seinem Fußende eckiger Kessel, in

dem sich die Feuerkiste befindet. Vorn erblickt man eine Erweiterung der

Rundung. Es ist die Rauchkammer, aus deren Wölbung der Schornstein nur

noch zu einem kargen Teil heraussieht.

Nicht ohne Erstaunen wird man inne, daß die Kesselform heute noch ganz

die gleiche ist wie bei Stephensons „Rakete“. Und das nicht nur im

äußeren, sondern auch in dem ganzen inneren Aufbau. Neu hinzugekommen

ist nur die Rauchkammer, die jener Ahne der Lokomotive noch gefehlt hat.

Auf dem Rücken des Rundkessels erblicken wir den Dampfdom, in welchem

die Dampfzuführungsrohre für die Zylinder ihren Anfang nehmen, und eine

zweite Erhebung: den Sandkasten.

Kantig springt unter dem Rundkessel die Grundveste hervor, die ihn trägt

und unterstützt. Es ist dies der breit und wuchtig gefügte

Lokomotivrahmen; er verleiht dem Ganzen Festigkeit und hartes

Widerstandsvermögen.

An ihn gehängt ist das Triebwerk, bestehend aus den Zylindern und einem

Gewimmel blanker Stangen. Die Zahl der Zylinder können wir von außen

nicht mit Sicherheit erkennen. Nur zwei von ihnen werden ganz vorn als

wohlgerundete, seitliche Schwellungen sichtbar. Wenn die Lokomotive noch

mehr Zylinder besitzt, was bei den großen Schnellzugmaschinen heute

stets der Fall ist, so bleiben diese dem Auge des Beschauers verborgen,

da sie durch den Rahmen verdeckt werden.

Die Zylinder sind die Erzeuger der Antriebskraft für die ganze Maschine.

Von hier geht der Antrieb für das Laufwerk aus, der durch die

Triebstangen dorthin übermittelt wird.

In jedem der sorgfältig ausgebohrten Zylinder steckt ein genau

abschließender, scheibenförmiger Kolben. Durch die beim Laufen der

Maschine selbsttätig eintretende Bewegung der Steuerungsteile wird

bewirkt, daß der Dampf bald vor, bald hinter die Kolbenscheibe tritt, so

daß diese hin und her bewegt wird. Die gleiche Bewegung macht die

Kolbenstange. Von ihrem in einer Geradführung gelagerten Ende geht die

auch in der senkrechten Ebene bewegliche Pleuel- oder Schubstange aus,

die mittels einer Kurbel an einer der Radachsen angreift. Auf diese

Weise wird die hin und her gehende Bewegung der Kolben in eine drehende

verwandelt.

[Abbildung:

Erbaut von der Hanomag

160. _Lokomotiv-Kessel_

Rechts, an der Führerstandseite, der Stehkessel mit Stehbolzenköpfen,

daran anschließend Rundkessel mit Öffnungen für die Heizrohre an der

Rauchkammerseite. Die oberste große Öffnung ist zum Durchlaß für das

Dampf-Zuführungsrohr zu den Zylindern vorgesehen. Die oberen Heizrohre

sind zur Unterbringung der Überhitzer-Einrichtung weiter gehalten]

Die Hauptkurbel ist durch weitere Stangen mit kleineren Kurbeln an jenen

Achsen verbunden, die ferner noch angetrieben werden sollen. Dieses

Gestänge zusammen mit dem vielfach gegliederten Antrieb der Steuerung

bildet auf jeder Seite der Maschine die blanke Mannigfaltigkeit des

Triebwerks.

Gleich den Zylindern sind auch die Achsen der Lokomotive in den Rahmen

eingesetzt. Ihre Zahl wechselt bei den verschiedenen Maschinen-Gattungen

sehr lebhaft. Auch die Größe der auf die Achsen gesteckten Räder ist

außerordentlich mannigfaltig. Neben den angetriebenen Achsen findet man

noch solche, an die keine Kuppelstangen angelenkt sind. Man nennt sie

Laufachsen.

Der letzte der Hauptbauteile gehört nicht eigentlich mehr zum

Lokomotivkörper selbst. Es ist ein selbständiges Fahrzeug, das durch

eine schwere, sehr kurze Kupplung mit dem Maschinenwagen verbunden ist.

Der Tender trägt den Mundvorrat für den immer gefräßigen Kessel: das

Wasser in einem geschlossenen Behälter, die Kohle hoch aufgetürmt

darüber. Der Kohlenvorrat ist durch eine zwischen Führerhaus und

Tenderplattform gelegte Brücke für den Heizer ohne weiteres zugänglich,

das Wasser wird durch bewegliche Rohre oder biegsame Schläuche

hinübergesaugt.

Damit haben wir das Äußere der Lokomotive aufmerksamen Auges überblickt.

Wir haben aber von ihrer Fügung jetzt noch nicht mehr erfahren als etwa

von der des menschlichen Körpers, wenn wir nur die auf der Straße

vorübergehenden, wohl angekleideten Bürger betrachten. Selbst viele

wichtige Einzelheiten, die auch nach außen hervortreten, sind uns

entgangen, und gar nichts wissen wir von den inneren Teilen.

Um zu erkennen, wie es möglich ist, daß auf so kargem Raum, wie er bei

der Lokomotive trotz ihrer Riesenhaftigkeit nur zur Verfügung steht, so

viel Kraft vereinigt sein kann, wie man imstande ist, die fast

unzähligen Hilfsmittel für ihre ordnungsgemäße Unterhaltung so

unterzubringen, daß auch die während der Fahrt nicht zugänglichen

Maschinenteile ständig beeinflußt werden können, wie vier Hände von

einem schmalen Bezirk aus die ganze gewaltige Bildung zu bändigen und

den zahllosen Anforderungen entsprechend zu beeinflussen vermögen -- um

das zu erkennen, müssen wir auch in das Innere der Maschine

hineinschauen. Das aber vermögen wir weder in der Bahnhofshalle, noch im

Lokomotivschuppen zu tun; zu diesem Zweck müssen wir uns in die Fabrik

begeben, wo der Bau aus seinen einzelnen Teilen langsam aufgeführt wird.

[Abbildung: 161. _Stehkessel mit innerer Feuerkiste_

beim Zusammenbau. Stehbolzenlöcher in den Wänden noch nicht gebohrt]

[Abbildung:

Hanomag

162. _Schnitt durch Stehkessel und Feuerkiste_

Der Raum zwischen den kräftig gezeichneten Wänden wird mit Wasser

gefüllt]

[Abbildung: 163. _Stehbolzen_

Verschraubungsstellen in den Kesselwandungen geschnitten]

Der Stoff, welcher in der Lokomotiv-Maschine Arbeit leistet, wird in dem

Dampfkessel erzeugt. Es sind für diesen Zweck der hintere Stehkessel mit

der darin liegenden eigentlichen Feuerkiste und der daran sich

anschließende Rundkessel zur Verfügung, durch den die heißen Feuergase

ziehen. Die Gesamtheit der von diesen bestrichenen Flächen nennt man die

Heizfläche; von ihrer Größe ist die Menge des in jeder Minute erzeugten

Dampfs abhängig.

Die Ausgangsstelle für die Wärme, die notwendig ist, um das in den

Kessel gefüllte Wasser in Dampf zu verwandeln, ist die Feuerung. Durch

eine Öffnung in der hinteren Wand der Feuerkiste, die Feuertür, wird

Kohle auf einen in den Boden der Feuerkiste eingesetzten Rost geworfen.

Das Glühen der Kohlenschicht wird durch immer neue zwischen den

Roststäben eintretende Luft unterhalten. Die Feuerung entwickelt eine

Hitze von 1500 bis 1600 Grad.

Über die eigentliche Feuerkiste ist mit einem schmalen Abstand aller

Wandungen eine zweite, an den Seiten gleichfalls ebene, oben jedoch

gewölbte Schale gestülpt. Sie bildet die äußeren Wandungen des

Stehkessels. Unten sind innerer Kistenkörper und Außenschale durch einen

wagerechten Bodenring vereinigt. An diesem hängt der Aschkasten, in dem

auch die durch den Rost fallenden glühenden Kohlestückchen aufgefangen

werden, damit sie nicht auf die Strecke gelangen und die hölzernen

Schwellen in Brand setzen. Der Aschkasten ist an den Seiten geschlossen,

nach vorn und hinten dagegen offen. Durch Klappen, die vom Führerstand

her zu bedienen sind, kann er nach Belieben auch hier abgeschlossen

werden.

In dem Raum zwischen den inneren und äußeren Wänden des Stehkessels, der

die Feuerung umschließt, befindet sich Wasser, damit auch schon hier die

Hitze der entwickelten Feuergase ausgenutzt werden kann. Doch die

Wassermenge, die man an dieser Stelle unterzubringen vermag, ist gering.

Sie spielt im Gesamthaushalt des Kessels nur eine bescheidene Rolle.

Es ist sehr merkwürdig, daß sich die viereckige Form des Feuerungsraums,

die Stephenson bei der „Rakete“ anwendete, bis zum heutigen Tag

unverändert erhalten hat. Die Benennung „Feuerkiste“ ist sehr treffend,

denn der Querschnitt ergibt ein richtiges, wenn auch an den Ecken

abgerundetes Rechteck. Man hat bis jetzt für diesen Kesselteil keine

bessere Form finden können, die Raum für den tiefliegenden Rost gewährt

und zugleich den Übergang zu dem anstoßenden Rundkessel gestattet. Die

geradwandige Kiste ist jedoch ziemlich die ungünstigste Form, um so

hohen Kesseldrucken zu widerstehen, wie sie heute angewendet werden.

Gehen wir doch bis zu Dampfpressungen von 16 Atmosphären hinauf, das

heißt jedes Quadratzentimeter der Wände wird so stark gepreßt, als wenn

es mit einem Gewicht von 16 Kilogramm belastet wäre.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 21 / 60 段