Die Zwischengerade bei Gegenkrümmungen soll nach Möglichkeit so lang

gemacht werden, daß sie die Anläufe für die beiden Überhöhungsrampen

aufnehmen kann, die ja in solchem Fall zuerst unter der einen, dann

unter der andern Schiene liegen müssen.

Allmähliche Übergänge müssen auch bei Neigungswechseln vorgesehen

werden. Würde man eine Steigung unmittelbar an ein fallendes Gleis

anschließen, so müßten die Mittelachsen langer Fahrzeuge sich am

Brechpunkt vom Gleis abheben (Bild 129). Daher sind an solchen Stellen

Ausrundungen vorgeschrieben.

Damit bei Gleisumbauten alle vom Üblichen abweichenden Gleislagen aufs

genaueste wiederhergestellt werden können, ohne daß man erst in den

Plänen nachzusehen braucht, sind die Abweichungen durch dauerhafte

Angaben auf der Strecke angezeichnet. Am Beginn und am Ende einer jeden

Krümmung steht ein Täfelchen, auf dem der Halbmesser, die Bogenlänge,

die Überhöhung und die Spurerweiterung angegeben sind. Bei jedem

Neigungswechsel ist ein Pfahl mit zwei Armen aufgestellt, die nach

rechts und links deuten. Wenn eine Steigung folgt, ist der betreffende

Arm nach oben gerichtet, bei beginnender Senkung abwärts. Jeder Arm gibt

das Neigungsverhältnis und die Länge der Neigung an. Also z. B.: auf 180

Meter 1 : 190. Bei wagerechter Strecke liegt auch der Neigungszeiger

wagerecht und trägt die Aufschrift: 1 : ∞ (unendlich).

Nachdem wir uns -- vielleicht etwas mühselig -- durch die Fülle der

Gegenstände hindurchgearbeitet haben, welche für die dauerhafte

Verlegung des stählernen Pfads notwendig sind, können wir nun daran

gehen, der Erbauung einer neuen Strecke selbst beizuwohnen.

Sobald die Auslegung der Schienen vor sich gehen soll, bevölkert sich

der Landstrich, der oft bis dahin ganz still dagelegen hat, plötzlich

mit einem Heer von Werkleuten.

In langsamerem, ruhigen Schaffen ist schon vorher der Unterbau

fertiggestellt und eingeebnet, die Bettung bis fünf Zentimeter unter die

Schwellenunterkanten aufgetragen worden. Nun erfolgt durch Meßbeamte ein

äußerst genaues Abstecken der Gleisrichtung und der wechselnden

Höhenlagen der Schienenoberkanten. Richtung und Höhen werden durch

Einschlagen von Pfählen festgelegt, bleibende Merkpfosten aus Stein

errichtet. Bei zweigeleisigen Bahnen steckt man so die Bahnmittellinie

ab, bei eingeleisiger Strecke eine Linie, die sich seitlich in einem

Abstand von zwei Metern von der Mittellinie des Gleises befindet. In den

Geraden werden die Pfähle in einem Abstand von 100 Metern eingeschlagen,

bei den Krümmungen beträgt die Entfernung der Pfähle nur 25 Meter, und

außerdem wird an jedem Anfangs- und Endpunkt eines Bogens, sowie bei

jedem Neigungswechsel ein Pfahl eingeschlagen. Die Oberfläche des

Pfostens liegt genau in der Höhe der künftigen Schienenoberkante. Ein

Sägeschnitt, der künftigen Gleiserstreckung gleichgerichtet, bezeichnet

die Stelle, von der aus in der Wagerechten gemessen werden soll.

Die Baustoffe waren bereits vorher an geeigneter Stelle angeliefert. Sie

wurden sorgfältig und luftig gelagert, so daß die Schwellen nicht

faulen, die Schienen nicht rosten konnten. Bei der Lagerung der Schienen

war auf die Schaffung einer guten glatten Unterlage geachtet worden,

damit sich die einzelne Schiene nicht durch das Gewicht des

darüberliegenden Stapels verbiegen konnte.

Da heutzutage fast jede neue Strecke an einem Bahnhof zu beginnen

pflegt, so wollen auch wir von einem solchen ausgehen. Die Zufuhr der

Baustoffe zur Arbeitsstelle erfolgt in diesem Fall stets durch einen

Arbeitszug. Die Wagen mit den Schienen fahren voraus, dann folgen die

Fahrzeuge mit der Bettung, hieran schließt sich ein Wagen zur

Unterbringung der Mannschaft und meistens auch des Kleineisenzeugs. Die

schiebende Lokomotive bildet den Schluß.

Zuerst werden die Schwellen abgeladen und auf der Bettung so ausgelegt,

daß die Schwellenmitten genau in der Mittellinie des Gleises liegen. Mit

Hilfe eines Bandmaßes, das mit Löchern, entsprechend der beabsichtigten

Schwellenteilung versehen ist, werden die Abstände genau geregelt.

[Abbildung: 132. _Spurmaß_]

Sobald die hölzernen oder eisernen Unterlagen in dieser Weise

ausgerichtet sind, wird eine Schiene vor den Kopf der letzten, bereits

liegenden gebracht, ein Stoßlückenblech eingelegt, und die Lasche mit

vorläufig nur zwei Bolzen angeschlossen. Die Dicke der Lückenbleche muß

entsprechend der Tageswärme ausgewählt werden. Im Winter also werden

starke, im Sommer dünne Bleche verwendet. Zur Vereinfachung des

Arbeitsvorgangs begnügt man sich jedoch mit nur drei verschiedenen

Blechdicken. Damit Irrtümer leicht ausgeschlossen werden können, hat

Launhardt für die Lückenbleche drei verschiedene Farbanstriche

vorgeschlagen:

heiß = weiß

lau = blau

Frost = rost.

Bei dem Anstoßen ruht die Schiene nicht auf den ausgelegten Schwellen,

sondern auf drei Holzklötzen, die in Zwischenräume gestellt sind und die

Schwellendecken etwas überragen. So können die Unterlagen leichter

gerückt werden.

Durch Kreidestriche wird die Schwellenteilung genau auf die Schiene

gezeichnet. Bei Regenwetter geschieht dies in dem geschützten Bezirk der

Stegfläche. Alsdann läßt man die Schwellen hochheben, fest an die

Schiene pressen und bringt die Nägel oder Schrauben ein, so daß eine

innige Verbindung entsteht. Darauf wird die zweite Schiene

herbeigeschafft, in gleicher Weise angestoßen und befestigt. Hierbei ist

auf genaueste Einhaltung des Spurabstands Achtung zu geben. Die

Überwachung geschieht durch das Einlegen von Spurmaßen.

[Abbildung: 133. _Stopfhacke_

zum Unterschlagen von Bettungsstoff unter die Schwellen]

Während die Schwellen auf der einen Seite stets bereits vor dem Auslegen

vorgebohrt sind, werden die Löcher auf der anderen Seite größtenteils

erst während des Auslegens mittels Schnellbohrmaschinen hergestellt,

damit Spurerweiterungen leicht anzubringen sind. Zur Herstellung von

Krümmungen mit einem Halbmesser von mehr als 700 Metern können gerade

Schienen verwendet werden; der Stahl federt genügend durch, um so

geringe Verbiegungen ohne weiteres zu gestatten. Für engere Krümmungen

müssen die Schienen vorher gebogen werden, was durch einfache

Schraubvorrichtungen geschieht.

Wenn auf diese Weise eine längere Gleisstrecke fertiggestellt ist,

werden die fehlenden Laschenbolzen eingezogen, die Holzklötze entfernt.

Das Gleis liegt nun auf der Unterbettung, ohne jedoch schon die genaue

Höhe zu haben. Zu ihrer Herstellung ist eine sehr schwierige und sehr

eigentümliche Arbeit vorzunehmen.

Es wird Bettungsstoff herangebracht und zwischen die Schwellen

geschüttet. Nachdem die Gleisrichtung nach den Weisungspfählen ganz

genau eingestellt ist, werden die Schwellen gestopft. Dies geschieht,

indem man mit besonders geformten Äxten, den Stopfhacken, Bettungsstoff

darunterschlägt.

Das Stopfen kann nur von sehr geschickten und geübten Arbeitern

ausgeführt werden. Muß doch hier mit einem ganz rohen Stoff eine fast

feinmechanische Genauigkeit erzielt werden. Denn die festgelegte Höhe

der Schienen-Oberkante, auch in den Überhöhungen muß durch das Stopfen

ganz scharf erreicht werden.

Das Stopfen erfolgt von beiden Längsseiten der Schwelle zu gleicher

Zeit, wobei sorgfältigstes Zusammenarbeiten von zwei oder vier Mann

notwendig ist, damit der Grund unter jeder Schwelle genügend gefestigt

wird. Man beginnt das Stopfen an den Schwellenköpfen, stopft dann unter

den Schienenfüßen und weniger kräftig unter den Schwellenmitten. Die

Stoßschwellen werden zuerst auf diese Weise in die endgültige Lage

gebracht, darauf eine Schwelle in der Mitte und dann erst die

dazwischenliegenden. Liegt einmal eine Schwelle nach Beendigung der

Stopfarbeit zu hoch, so darf der Überstand keinesfalls durch Aufschlagen

auf die Schwelle wieder beseitigt werden, weil dadurch eine Lockerung

des Stopfgrunds eintreten würde. Die Bettung muß vielmehr mit großer

Vorsicht seitlich abgegraben und dann von neuem untergestopft werden.

Nach Abschluß des Stopfens werden sämtliche Befestigungsmittel noch

einmal genau nachgesehen und darauf die Stoßlückenbleche entfernt. Jetzt

erst darf das Gleis von einer Lokomotive befahren werden, weil vorher

ein Verbiegen der Schienen durch die schwere Auflast hätte stattfinden

können. Wenn die Lokomotive mehrmals über den neu verlegten

Streckenabschnitt gefahren ist, wird durch Vergleich mit den Höhen der

Weisungspfähle festgestellt, ob die angestopfte Höhenlage auch erhalten

geblieben ist. Wo durch Zusammenpressen der Bettung Senkungen

stattgefunden haben, muß nachgestopft werden. Nach Beendigung auch

dieser Arbeit wird das noch fehlende Bettungsmaterial bis zur Höhe der

Schwellen-Oberkanten aufgeschüttet. In der Schwellenmitte wird die

Bettung etwas niedriger gehalten, damit die Streckenläufer bequemer im

Gleis gehen können. Sie vermögen dann von Schwelle zu Schwelle zu

schreiten, ohne die mit scharfen Steinkanten durchsetzte

Bettungsoberfläche mit den Sohlen zu berühren.

Nun ist der Bau der Strecke vollendet. Als ein neues Glied des

gewaltigen Schienennetzes liegt sie in Erwartung des Verkehrs da, dem

sie alsbald zu dienen hat.

Der stählerne Pfad erstreckt sich zwar heute ohne Unterbrechung und in

stets gleicher Art von Memel bis Marseille, von Hamburg bis

Konstantinopel, aber die silbernen Linien der Geleise sind nicht überall

gleichmäßig und glatt, sie laufen nicht kalt und abweisend nebeneinander

her, sondern treten öfter in Verbindung miteinander. Insbesondere vor

und in Bahnhöfen ist hierdurch die Glätte der Schienenfläche zerrissen

und zerschnitten, allerdings nicht in einer Weise, welche die Durchfahrt

der Züge verhindert, sondern vielmehr durch Anordnungen, welche eine

Erhöhung der Fahrmöglichkeiten bringen.

Damit ein wirklicher Eisenbahnbetrieb aufrechterhalten werden kann, ist

es notwendig, die einzelnen Geleise so zusammenzuschließen, daß

Fahrzeuge und ganze Züge von einem auf das andere übergeführt werden

können. Hierfür gibt es drei Mittel: die Schiebebühnen, die Drehscheiben

und die Weichen.

[Abbildung:

Erbaut von der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg

134. _Schiebebühne in einer Eisenbahnwerkstatt_]

[Abbildung: 135. _Versenkte Drehscheibe_]

[Abbildung: 136. _Der Königsstuhl_

Lagerung einer Drehscheibe; Querschnitt durch die Versenkgrube mit

Entwässerungskanal]

Schiebebühnen, die in senkrechter Richtung zur Gleiserstreckung

beweglich sind und Fahrzeugen, die von einem Gleis auf die davorstehende

Bühne gefahren sind, die Möglichkeit geben, auf ein anderes Gleis zu

gelangen, sind fast ausschließlich in Eisenbahnwerkstätten in Gebrauch.

Drehscheiben hingegen werden auf Bahnhöfen in großer Zahl verwendet. Nur

in sehr seltenen Fällen wird man sie benutzen, um mit ihnen

Wagenverschiebungen auszuführen; in der Hauptsache dienen sie dem Wenden

von Lokomotiven und dem Übersetzen der Maschinen auf andere Geleise.

Insbesondere an Stellen, wo von einem Stammgleis her sehr viele

Abzweigungen erreichbar sein müssen, wie vor Lokomotivschuppen, sind die

Drehscheiben sehr brauchbare Hilfsmittel. Sie werden von Hand oder durch

mechanische Antriebe bewegt und sind trotz ihrer schweren Bauart

ziemlich leicht zu drehen, da die Hauptlast nur auf einem Mittelzapfen,

dem sogenannten Königsstuhl, aufruht. In durchgehende Geleise, wie das

früher oft vorkam, dürfen Drehscheiben bei uns heute nicht mehr

eingeschaltet sein. Die Festigkeit ihres Mittellagers und der seitlichen

Auflager, die auf einem Drehkranz laufen, ist nicht so stark, daß man

mit großer Geschwindigkeit über sie hinwegfahren könnte.

Zur Überführung geschlossener Züge von einem Gleis zum anderen und mit

jeder beliebigen Geschwindigkeit sind nur Weichen verwendbar. Sie

gestatten Ablenkungen und das Zusammenführen getrennter Fahrwege in die

gemeinsame Fortsetzung.

Wegen der sehr starken Beanspruchungen, denen die gekrümmten

Weichenstränge ausgesetzt sind, muß der Grund unter ihnen besonders fest

und unerschütterlich gestaltet werden. Hier ist stets bester

Bettungsstoff zu verwenden und sorgfältigstes Stopfen der Schwellen

vorzunehmen. In Preußen werden jetzt unter Weichen fast stets eiserne

Schwellen eingebaut.

[Abbildung: 137. _Rechtsweiche_]

[Abbildung: 138. _Linksweiche_]

[Abbildung: 139. _Doppelweiche_]

Die am häufigsten vorkommende Form der Ablenkung ist die einfache

Weiche. Sie stellt sich, je nach der Richtung des abzweigenden Gleises,

als Rechts- oder Linksweiche dar (gesehen gegen die Spitze). Wegen

Platzmangels ist es in Bahnhöfen oft nicht möglich, zwei aufeinander

folgende Weichen, die also vom Stammgleis in zwei Abzweigungen geleiten,

hintereinander anzuordnen, sondern man muß sie so zusammenschieben, daß

die Spitzen in ganz kurzem Abstand aufeinander folgen. Alsdann entsteht

die verschränkte Doppelweiche. Wenn das Stammgleis nicht gerade, sondern

an der Abzweigungsstelle gleichfalls gekrümmt ist, ergibt sich eine

Anordnung, die man Zweibogenweiche nennt.

An den Stellen, wo zwei Geleise einander in gleicher Höhe kreuzen, sieht

man gern die Möglichkeit des Übergangs von einem zum andern vor. Die

Anbringung von Weichen an solchen Stellen ist jedoch nur möglich, wenn

der Kreuzungswinkel ein gewisses Maß nicht überschreitet. So kann z. B.

eine rechtwinklige Kreuzung nicht ohne Anlage von längeren

Überführungsgeleisen mit Weichen ausgerüstet werden. Wohl aber ist

dieses bei schiefwinkligen Kreuzungen möglich. Hier kann man, je nach

Bedarf, eine einfache oder eine doppelte Kreuzungsweiche einbauen.

Die auf Bild 144 wiedergegebene Kreuzung gestattet selbst nur Fahrten

von ~A~ nach ~B~ und von ~A´~ nach ~B´~, sowie in umgekehrter Richtung.

Die einfache Kreuzungsweiche aber erschließt auch die Möglichkeit, von

~A´~ nach ~B~ zu fahren. Will man nun ferner den vierten Weg, nämlich

den von ~A~ nach ~B´~ eröffnen, so muß eine doppelte Kreuzungsweiche

(Bild 145) eingebaut werden.

Die Ablenkungsvorrichtung selbst besteht an den heutigen Weichen immer

aus zwei beweglichen, gleich langen Zungen, die meist an ihren Wurzeln

drehbar im Zungenstuhl gelagert sind und ihre seitliche Bewegung auf

untergelegten Gleitplatten ausführen können. Statt der Weichen mit

Drehstühlen, die häufiger Nacharbeitung bedürfen, kommen immer mehr

federnde Zungenweichen zur Anwendung; nach Ausschneiden des

Schienenfußes an der Drehstelle federt die in Zungenform gehobelte

Schiene selbst genügend durch, um die notwendige kleine Bewegung zu

gestatten.

Die Zungen sind an den Spitzen miteinander durch eine Stange verbunden

und können durch eine Stellvorrichtung bewegt werden. Wenn die eine

Zunge an ihrer Backenschiene anliegt, muß die andere von der zugehörigen

Backenschiene genügend weit abstehen, damit die Spurkränze der Räder

durch die Lücke hindurchlaufen können.

[Abbildung: 140. _Zweibogenweiche_]

[Abbildung: 141. _Rechtwinklige Kreuzung_]

Diejenige Stelle des Gleises, an der die Abzweigung beginnt, die

Weichenspitze, bedarf einer äußerst sorgfältigen Durcharbeitung. Nach

jahrzehntelangen Versuchen verfährt man in Preußen heute so, daß man zur

gänzlichen Vermeidung von Stößen die Fahrkante der Backenschiene an der

Ablenkungsstelle unverändert durchlaufen läßt. Die Zungen laufen, damit

die Richtungsänderung der Fahrzeuge ganz allmählich eintritt, sehr

schlank aus. Dadurch werden die Zungen an der Spitze stark verschwächt,

so daß sie hier nicht imstande sind, eine Last zu tragen. Um nun ein

Verbiegen zu vermeiden, das gerade an dieser Stelle äußerst gefährlich

wäre, sorgt man dafür, daß die Zunge von dem Raddruck nicht erreicht

werden kann, solange sie nicht genügend tragfähig ist. Darum schlägt die

Zungenspitze nicht in der Höhe der Fahrfläche an die Backenschiene an,

sondern ihre Oberkante senkt sich hier ab, so daß die Zunge

unterschlägt. Von rückwärts gesehen erreicht die Zunge die Höhe der

Fahrebene erst dann, wenn sie eine genügende Breite besitzt, um Lasten

tragen zu können. Die Verschiebung des über die unterschlagende

Weichenspitze gleitenden Fahrzeugs erfolgt dadurch, daß der Spurkranz

durch die sich allmählich verbreiternde Zunge seitlich abgedrängt wird.

[Abbildung: 142. _Weiche mit Herzstück_]

[Abbildung: 143. _Schiefwinklige Kreuzung_]

Bei jeder Abzweigung müssen notwendigerweise die Innenschienen der

beiden Geleise einander durchschneiden. An dieser Stelle muß also

gleichfalls Raum für die Spurkränze geschaffen werden. Es ist daher

notwendig, daß hier die Fahrkanten, von denen die Räder fest geführt

werden, eine Unterbrechung erleiden.

Jede dieser sehr schwierigen Überschneidungs- und Unterbrechungsstellen

wird als besonderer Bauteil ausgebildet. Man nennt ihn das Herzstück.

Jeder seiner Teile muß mit äußerster Sorgfalt hergerichtet werden, weil

hier je ein Rad einer jeden Achse über eine Lücke hinweg muß, bei deren

Überschreitung es die feste Führung auf der Laufschiene verliert.

[Abbildung: 144. _Einfache Kreuzungsweiche_]

Zum leichteren Verständnis der nun folgenden Ausführungen betrachte man

Bild 147. Die an der Lücke fehlende Tragfläche der gewöhnlichen

Laufschiene wird durch die abgebogenen Flügelschienen ersetzt, welche

die Fortsetzung der Laufschienen bilden. Infolge seiner Breite greift

der Radkranz, während er über die Lücke hinweggeht, auf die

Flügelschienen über und wird von ihnen getragen, bis er die

Herzstückspitze überschritten und nun eine neue Auflagefläche erreicht

hat. Wären die Flügelschienen nicht vorhanden, so müßte das Rad an der

Unterbrechungsstelle tief einsinken und mit furchtbarer Gewalt gegen die

Herzstückspitze schlagen. Auch diese ist an ihrer schmalsten Stelle aus

denselben Gründen wie die Zungenspitze etwas nach unten gesenkt.

[Abbildung: 145. _Doppelte Kreuzungsweiche_]

Während die Flügelschienen also die fehlende, gewöhnliche Tragfläche für

das Rad ersetzen, ist der gegenüber jeder Lücke an dem nicht

unterbrochenen Strang angebrachte Radlenker (Bilder 137 und folgende)

diejenige Vorkehrung, welche für die gleichfalls fehlende Führung an der

Fahrkante eintritt. Der Radlenker verhindert durch seitliche Begrenzung

des Spielraums für das äußere Rad, daß das andere führungslose Rad in

unzulässiger Weise seitlich ausweicht. Es entstünde ja ohne diese

Vorkehrung für das über die Herzstücklücke hinweggehende Rad die Gefahr,

sich soweit zu verschieben, daß der Spurkranz gegen die Spitze des

Herzstücks schlüge, oder gar auf dessen falscher Seite anliefe.

[Abbildung: 146. _Schnitt durch eine Weichenspitze mit unterschlagender

Zunge_]

Trotz aller dieser Vorkehrungen ist es aber doch ein Wunder, daß die

Herzstücke von den außerordentlich schweren Lokomotiven, die wir heute

besitzen, mit einer Geschwindigkeit von hundert Kilometern in der Stunde

und mehr durchfahren werden können. Nur eine Edelzucht jedes kleinsten

Bestandteils durch jahrzehntelange geistige Durchdringung der geringsten

Vorgänge, die sich beim Durchfahren der Herzstücke abspielen, und eine

kaum genug zu bewundernde Güte des Baustoffs für diese machen eine

solche Beanspruchung möglich.

Neuerdings bringt man die Herzstücklücken in durchlaufenden

Schnellzuggeleisen dadurch zum Verschwinden, daß man eine der

Flügelschienen beweglich macht. Wir wollen annehmen, daß die wagerecht

liegende Laufschiene auf Bild 147 zu einem solchen Hauptgleis gehört.

Alsdann ist die nach oben ragende Flügelschiene drehbar. Sie wird durch

starke Federn gegen die Herzstückspitze gepreßt. Die Räder, welche über

das durchgehende Gleis laufen, finden alsdann eine glatte,

ununterbrochene Fahrbahn vor. Diejenigen Räder aber, die aus dem

Nebenstrang durch das Herzstück fahren wollen, müssen mit ihren

Spurkränzen die federnde Laufschiene wegdrücken, damit die Spurkränze

hindurchkönnen. Eine solche Vorrichtung kann daher nur an solchen

Stellen angebracht werden, wo das schneidende Nebengleis stets mit

geringer Geschwindigkeit durchfahren wird. Die federnde Laufschiene

trägt sehr viel zum ruhigen Laufen schneller Züge bei.

[Abbildung: 147. _Rad im Herzstück_]

Wo Weichen vorhanden sind, besteht die Möglichkeit, daß ein Fahrzeug,

welches auf dem einen Gleis steht, dem Nebengleis so nahe kommt, daß es

von einem auf diesem laufenden Fahrzeug gestreift werden könnte. Um

diese Gefahr auszuschließen, sind an allen Gleisüberschneidungen weiß

und rot gestrichene Grenz- oder Merkpfähle angebracht, die anzeigen, wie

weit ein Fahrzeug höchstens vorgeschoben werden darf, ohne daß es in die

Umgrenzung des lichten Raums für das Nachbargleis hineinragt.

Über die Signale an den Weichen und über die besonderen, sehr

ausgedehnten Sicherungseinrichtungen an diesen, sowie über den

Zusammenhang zwischen Weichenlage und Signalstellungen wird in Abschnitt

21 ausführlich zu sprechen sein.

[Abbildung: 148. _Herzstück_]

14. Die Lokomotive

Nunmehr haben wir die Straße kennen gelernt, die gebaut sein mußte,

damit unser Schnellzug seine Fahrt vom Anhalter Bahnhof in Berlin nach

München antreten konnte. Denn trotz der außerordentlichen Mühen und

Anstrengungen, die man an die Herrichtung einer Eisenbahnstraße wendet,

ist diese doch kein Selbstzweck. Sie stellt für sich nur ein ruhendes,

nutzloses Gebilde dar. Und doch hat man allmählich die Erde mit einem

dichten Netz dieser dürren, bräunlichen Dammstreifen überzogen -- weil

sie der Schemel sind für die Füße eines höheren.

[Abbildung: 149. _Anfahrender Schnellzug_]

Erst die schnelle Bewegung auf der gebahnten Straße füllt den Begriff

„Eisenbahn“. Das an strotzendem Leben, behender Kraft und

eindrucksvoller Wirkung reichste Gebilde, das je aus Menschenhand

hervorging, ist es, das ganz allein die brausende Bewegung auf dem

stählernen Pfad hervorruft.

Wir haben vorhin den zur Abfahrt fertigen Schnellzug betrachtet. Die

Bahnhofshalle, in der er stand, das Gleis, auf dem seine Räder

aufruhten, die großen ~D~-Wagen selbst, sie alle waren nur unbeseelte

Gebilde aus Holz und Eisen. Die Lokomotive allein ist im Bereich der

Schienenwelt eine Persönlichkeit. Das atmende, pochende Leben erst, das

in ihrem wohlgebildeten Leib eingeschlossen ist, bringt die herrliche

Erscheinung des über die Schienen sausenden Zugs zustande, ihre

Riesenkraft allein macht die lastenden Wagenburgen leicht beweglich.

Winden wir uns nunmehr durch das Gewühl, welches auf dem Steig des

Anhalter Bahnhofs um den zur Fahrt nach Halle bereiten Schnellzug

herrscht, und beschauen wir das ungeheure Pferd, das vor ihn gespannt

ist.

Welch eine andere Maschine sehen wir hier vor uns, als die es gewesen,

welche vor noch nicht 90 Jahren beim Wettkampf zu Rainhill von dem

Meister Stephenson zum Sieg geführt wurde. Die „Rakete“ leistete zehn

Pferdestärken. Unsere Schnellzuglokomotive vermag mehr zu leisten als

1200 Pferde. Im Kessel der „Rakete“ drückte der Dampf mit einer

Pressung von 3,3 Kilogramm auf jedes Quadratzentimeter, und man

fürchtete damals schon ein Zerspringen. Heute ist der Dampf im Kessel

bis zu 16 Atmosphären angespannt. Das Gewicht der Maschinen ist von 8000

Kilogramm auf 120 000 Kilogramm gestiegen. Die Höchstgeschwindigkeit vor

dem Zug, die damals 40 Kilometer in der Stunde betrug, ist auf 120

Kilometer angewachsen.

[Abbildung:

Erbaut von J. A. Maffei in München

150. _Die schnellste Lokomotive_

Diese für die bayerische Staatsbahn erbaute

Vierzylinder-Verbund-Lokomotive erreichte auf ebener Strecke mit einem

daranhängenden Zug von 150 000 Kilogramm Gewicht eine

Stunden-Geschwindigkeit von 155 Kilometern. Dienst-Gewicht 84 000

Kilogramm; Achsanordnung 2 ~B~ 2]

[Abbildung:

Erbaut von J. A. Maffei in München

151. _Vierzylinder-Verbund-Lokomotive der Gotthard-Bahn_

Dienstgewicht 76 400 Kilogramm; Achsanordnung 1 ~D~]

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 20 / 60 段