In dem Augenblick, als die Walzen den Block faßten, ist plötzlich

lautlose Stille eingetreten. Die gewaltige Maschine ist mit einem Ruck

stehengeblieben, dreitausend Pferdestärken wurden im Bruchteil einer

Sekunde angehalten und vernichtet. Man meint, daß der ungeheure Stoß,

der eine Quadermauer umstürzen würde, auch die Walzmaschine zersprengen

müßte. Doch diese hält mit ihrer wuchtigen Kraft ruhig stand. In drei

Sekunden hat die Zugmaschine auch schon genügend Kraft aufgeholt,

Gebrüll und Getöse erheben sich von neuem, die Walzräder wirbeln, der

Eisenklotz wird durch den Spalt gequetscht, und schon liegt er, gereckt

und immer noch Funken sprühend, auf der andern Seite der Walze.

Wieder ein Augenblick der Stille. Lautlos drehen sich die mächtigen

Schraubenspindeln am Kopf der Walzmaschine und schieben die beiden

langen Walzräder ein wenig enger aneinander, so daß der Spalt zwischen

ihnen niedriger wird. Dann fährt der Rollgang, in umgekehrter Richtung,

von neuem an, der Block saust wieder durch den Spalt, um nun schon als

eine dicke Stange hervorzukommen.

Dieser Vorgang wiederholt sich noch mehrere Male. Bald treiben

dreitausend Pferdestärken die Walzräder rechts herum, bald laufen sie in

umgekehrter Richtung, unsichtbare Hände spielen mit den ungeheuren

Kräften wie Kinder mit ihrem Fangeball. Es ist, als sei der Mensch Herr

jeder Stärke, jeder Kraft, als könne er Berge von ihrem Platz rücken und

Weltenkörper aus ihrer Bahn zwingen. Man sieht hier eine bewundernswerte

Beherrschung des Stoffs, ein freies Schalten mit Kräften, die des

Menschen geringe Muskelstärke so unendlich weit überragen.

Es dauert nicht fünf Minuten, und aus dem kurzen gedrungenen Block ist

eine mehr als dreißig Meter lange, in roter Glut strahlende

Eisenbahnschiene geworden. Der Rollgang, der das fertige Walzerzeugnis

aus der Maschine empfängt, gibt es sofort weiter in die Halle hinein, wo

an einer Stelle schon eine klobige Kreissäge wartet, die von der

glühenden Schienenstange mit Gekreisch und Gesprühe Stücke in der

vorgeschriebenen Länge einer preußischen Staatsbahnschiene abschneidet.“

Bei dieser ersten Bearbeitung der neugeborenen Schiene muß darauf acht

gegeben werden, daß der Stahl jetzt noch heiß ist. Die Abschnitte sind

also so zu bemessen, daß nach dem Erkalten die richtige Schienenlänge

vorhanden ist, das heißt, daß man ein Stück für die Verkürzung beim

Erkalten, das sogenannte Schwindmaß, zugeben muß. Alsdann wird jede

Schiene noch aufs genaueste ausgerichtet, da beim Walzen doch hier und

da Verbiegungen vorkommen. Man bearbeitet sie in noch glühendem Zustand

auf einer großen eisernen Unterlage, dem Warmlager, mit Holzhämmern und

fügt später, wenn es nötig ist, noch ein Kaltrichten hinzu, damit eine

vollkommen gerade Erstreckung unbedingt erreicht wird.

Die Ansprüche, welche eine Schiene für Eisenbahnen zu erfüllen hat, sind

nicht gering. Der Kopf soll, da er fortwährend den gewaltigen Schlägen

der Räder ausgesetzt ist, eine möglichst große Härte besitzen; der Fuß

aber, der auf Biegung beansprucht wird, muß möglichst zäh sein. Beide

einander fast entgegengesetzte Eigenschaften lassen sich in einem

gleichmäßigen Stahlstück natürlich nicht erwirken, und darum muß man den

Schienenstoff so wählen, daß seine Eigenschaften die Mitte zwischen den

beiden begehrten halten. Es gelingt heute, einen Schienenstahl

herzustellen, der Härte und Zähigkeit zugleich besitzt.

Bei der Abnahme durch die Eisenbahnverwaltung werden die Schienen einer

schweren Prüfung durch Schlag-, Biege- und Zerreißproben unterzogen.

Kugeln, die man mit einer bestimmten Kraft gegen den Kopf drückt, dürfen

nicht allzu tief eindringen, kalt gebogene Schienen dürfen bis zu einer

bestimmten Krümmung nicht bersten, und bei den Zerreißproben muß jedes

Quadratmillimeter des Querschnitts einen Zug von 60 bis 70 Kilogramm

aushalten können. Von der vorgeschriebenen Höhe darf keine der Schienen

um mehr als ein halbes Millimeter abweichen. Man sollte meinen, daß eine

solche Genauigkeit bei dem recht groben Verfahren, welches das Walzen

immerhin darstellt, nicht leicht einzuhalten sei; sie gelingt heute

jedoch fast stets.

Die Form des Kopfs der heutigen Schiene ist in engem Zusammenhang mit

der Form des Radreifens durchgebildet. Die Lauffläche ist eben, um dem

Reifen als Auflager zu dienen. Der Übergang zur Seite wird, entsprechend

der Hohlkehle am Rad, abgerundet; die Seitenfläche selbst hat die

Aufgabe, den Spurkranz zu führen. Nicht selten, insbesondere in

Krümmungen, kommt es vor, daß das Rad sich vollständig gegen die Schiene

preßt. Alsdann muß eine überall passende Auflagefläche vorhanden sein,

damit keine Stöße entstehen. Die Übergänge vom Kopf zum Steg und von

dort zum Fuß müssen scharf unterschnitten sein, damit die Lasche am Stoß

sich fest zwischen Kopf und Fuß pressen kann.

An sich scheint es begehrenswert, im Gleis so lange Schienen zu

verlegen, wie sie durch das Walzverfahren nur irgend herzustellen sind.

Denn die Zahl der Stöße wird ja dadurch herabgesetzt. Wir haben aber

eben gehört, daß der aus der Walze hervorgehende Schienenstahl

zerschnitten wird. Diese Kürzung ist um so bedauerlicher, als eine lange

Schiene mit ihren zahlreichen Befestigungen weit besser geeignet wäre,

die sehr starken, auf sie einwirkenden Seitenkräfte aufzunehmen.

Erfahrungsgemäß ist selbst das Niederbeugen des Schienenendes beim

Befahren eines Stoßes bei langen Schienenstücken geringer als bei

kürzeren. Leider aber ist es nicht möglich, in der Schienenlänge über

ein gewisses Maß hinauszugehen. Der Hinderungsgrund sind die

Witterungsverhältnisse und die aus den Wärmeschwankungen folgenden

Längenveränderungen jeder Schiene.

[Abbildung: 117. _Radstand im Gleis_

Den Spurkränzen wird ein Spielraum gelassen]

Die Wärme unter freiem Himmel schwankt in unseren Breiten zwischen etwa

-25 Grad Celsius im kältesten Winter und +60 Grad Celsius bei stärkstem

Sonnenbrand, also um nicht weniger als 85 Grad. Eisen und Stahl

verändern bei wechselnden Wärmegraden wie alle andern Körper ihre

Ausdehnung. Bei einer Erwärmung um 100 Grad dehnt sich ein jeder

Stahlstab um 1/900 seiner Länge aus. Eine 9 Meter lange Schiene würde

also in einem solchen Fall 10 Millimeter länger werden. Da infolge der

eben erwähnten Verhältnisse mit einer Wärmeschwankung von 85 Grad im

Gleis zu rechnen ist, so muß schon bei 9 Metern Länge der Abstand des

einen Schienenendes vom nächsten bei stärkster Kälte mindestens 85/100 ×

10 = 8-1/2 Millimeter betragen. Bei einer Schienenlänge von 18 Metern

müßte die Wärmelücke bereits 19 Millimeter groß sein, und da man für

Ungenauigkeiten in der Bearbeitung des Schienenendes und für Schieflagen

bei Krümmungen stets noch 2 Millimeter zugeben muß, sogar 21 Millimeter.

Eine so große Lücke im Gleis ist jedoch bereits nicht mehr zulässig. Um

ein Einsinken der Räder in die Wärmelücke zu verhüten, darf diese 15

bis 18 Millimeter keinesfalls überschreiten. Demzufolge können bei uns

Schienen von 18 Metern Länge nur in Tunneln oder unter Bahnhofshallen

verwendet werden, wo die Wärmeschwankungen nicht so groß sind. Auf

freier Strecke sind 9 oder 12, höchstens 15 Meter zulässig. Würde man

eine genügende Wärmelücke nicht offen lassen, so daß im Sommer die

Schienenenden fest aneinander stießen, bevor die ganze Dehnung

ausgeführt ist, dann wären die Züge größten Gefahren ausgesetzt, da

durch Werfen der Schienen Spurerweiterungen oder Spurverengungen

eintreten würden, die beide gleich bedrohlich sind.

Die Kraft der Wärmespannung in einem Körper ist außerordentlich groß.

Wir haben kein Mittel, ihre Wirkung in einem offen daliegenden Gleis

anders aufzuheben, als daß wir ihr durch Fugen freies Spiel lassen.

Anders liegen die Verhältnisse bei ganz eingebetteten Geleisen, wie z.

B. denen der Straßenbahnen. Diese sind dem Sonnenbrand zum größten Teil

entzogen, da nur der Kopf frei liegt, und außerdem verhindert die

allseitig fest anliegende Straßenbettung auch die Verwerfung.

Straßenbahnschienen können darum zu einem einheitlichen Strang

zusammengeschweißt werden, was leider beim Eisenbahngleis unmöglich ist.

So ist nicht darauf zu rechnen, daß hier der Stoß, dieser böse Feind,

jemals verschwinden wird.

Die Verbindung der Schienen mit den Schwellen durch Befestigungsmittel,

auch Kleineisenzeug genannt, erfolgt heute nicht mehr, wie zu Beginn,

nur am Stoß, sondern wird bei jeder Schwelle sorgfältig vorgenommen. Das

Einschieben von Unterlagsplatten zwischen Schiene und Schwelle ist heute

in Deutschland allgemein üblich. Durch Abschrägung der eisernen

Plattenoberfläche wird in bequemster Weise die Neigung der Schiene nach

innen mit einem Abfall der Kopffläche von 1 : 20, entsprechend der

kegelförmigen Abdrehung des Radkranzes, hergestellt. Die feste Platte

bewirkt ferner dadurch, daß alle in die Schwelle zu treibenden

Befestigungsmittel durch sie hindurchgehen, deren Zusammenwirken gegen

Verschiebungen durch die auftretenden Kräfte. Ferner wird durch die

Unterlagsplatte die Auflagefläche der Schiene auf der Schwelle

vergrößert, und so das Einpressen des Schienenfußes am wirksamsten

verhindert. In Frankreich, wo man Unterlagsplatten weniger gern

verwendet, müssen die Schwellen unter dem Schienenfuß ausgearbeitet,

gedechselt, werden, was erfahrungsgemäß ihre Lebensdauer durch

Begünstigung der Fäulnis verkürzt.

Durch Versuche von Sarrazin ist festgestellt worden, daß innerhalb sechs

Jahren von Schwellen mit Unterlagsplatten 91,8 vom Hundert wegen

mechanischer Zerstörung und nur 8,2 vom Hundert wegen fortgeschrittener

Fäulnis ausgewechselt werden mußten. Durch die Anwendung der Platten

erhöhte sich die Lebensdauer der Eichenschwellen von 10,3 auf 16,6

Jahre, der Kiefernschwellen von 12,8 auf 15,5 Jahre.

[Abbildung: 118. _Ausgearbeitete (gedechselte) Schwelle in einem Gleis

ohne Unterlagsplatten_]

Auf Stoßwellen verwendet man in Preußen heute stets Hakenplatten, bei

denen der außen um den Schienenstoß greifende Haken die sonst

notwendigen anderen Befestigungsmittel ersetzt. Bei Mittelschwellen

kommen noch häufig offene Unterlagsplatten zur Verwendung.

[Abbildung: 119. _Unterlagsplatte ohne Haken_]

[Abbildung: 120. _Unterlagsplatte mit Haken_]

Die eigentliche Verbindung zwischen Schienen und Schwellen geschieht

durch eingetriebene Hakennägel oder durch Schrauben. In durchgehenden

Geleisen werden jetzt ausschließlich Schrauben verwendet, bei leichterem

Oberbau in Nebengeleisen überwiegen mehr die Nägel. Diese können

natürlich durch die unvermeidliche Auf- und Abwärtsbewegung der Schiene

beim Befahren leichter ausgezogen werden als Schrauben, da ihre

Verbindung mit dem Schwellenholz weniger innig ist. Man gibt den Nägeln

am Kopf seitliche, über den Schaft hinausragende Verbreiterungen, damit

sie mit einfachen Klauen bequem ausgezogen werden können. Der heutige

Schienennagel hat keine Spitze, sondern besitzt eine Schneide, die mit

der Schienenerstreckung gleichgerichtet ist. Sie durchschneidet beim

Einschlagen die Holzfasern, ohne ein Spalten der Schwelle zu bewirken,

was als das vorteilhafteste erkannt ist.

Die Schwellenschrauben haben am Kopf einen quadratischen oder

rechteckigen Aufsatz, auf den der Schlüssel für das Eindrehen gesteckt

werden kann. Über dem Aufsatz befindet sich eine Spitze, manchmal auch

ein Buchstabe, deren Beschaffenheit nach fertig eingezogener Schraube

deutlich erkennen läßt, ob diese nicht etwa aus Bequemlichkeit mit

Hammerschlägen eingetrieben worden ist. Das darf natürlich nicht

geschehen, weil das für die Festigkeit so wichtige Einlagern des

Gewindes in das Schwellenholz sonst nicht stattfinden würde. Damit die

Schrauben nicht nur einseitig auf dem Schienenfuß aufsitzen, damit also

die Unterfläche des Kopfs ein vollständiges Auflager findet, werden

häufig noch Klemmplatten auf die Unterlagsscheibe gelegt. Auf diese

Weise wird ein Verbiegen des Schraubenschafts verhindert.

[Abbildung: 121. _Hakennagel_]

[Abbildung: 122. _Schwellenschraube_]

Die Zahl der Verbindungsmittel bei eisernen Schwellen ist durch eine

Erfindung von Haarmann stark verringert worden. Er schuf eine

Unterlagsplatte mit einem Haken an der Unterfläche, der unter die Decke

der eisernen Schwelle greift und jede weitere Befestigung der Schiene an

der Außenseite unnötig macht. Innen wird die Schiene durch einen Bolzen

mit Mutter festgemacht, dessen rechteckiges Schaftende durch eine

gleichfalls rechteckige Öffnung in der Schwellendecke hindurchgesteckt

und dann um 90 Grad gedreht wird, so daß die breite Ausladung des

Schafts nunmehr über die schmale Erstreckung der Öffnung hinübergreift

und sich gegen die Unterseite der Schwellendecke legt. Die Muttern

müssen gegen das Losrütteln durch besondere Mittel gesichert werden.

[Abbildung: 123. _Hakenplatte für eiserne Schwellen mit Bolzen_]

Die Ausrüstung des Stoßes selbst beruht heute auf dem Gedanken, die an

dieser Stelle unterbrochene Schiene durch einen anderen Träger zu

ersetzen. Nach vielerlei Versuchen hat sich als die am wenigsten

schlechte Bauart das kräftige Einklemmen von Laschen zwischen Kopf und

Fuß, ohne Berührung des Stegs auf beiden Seiten der Schiene erwiesen.

Eine wirkliche Lösung dieser so wichtigen Aufgabe wird, wie wir ja alle

an unserm eigenen Körper oft genug erfahren haben, auch hierdurch nicht

erreicht. Es ist nun einmal nicht zu verhindern, daß die Schiene, von

der das Rad beim Fahren abläuft, etwas nach unten sinkt. Der Kopf der

Auflaufschiene ragt dadurch etwas höher empor, und ein geradezu

furchtbarer Schlag eines jeden Rads gegen den Kopf der Auflaufschiene

ist, insbesondere bei schnell fahrenden Zügen, unvermeidlich. Hierbei

wird die Auflaufschiene nicht nur wie durch einen Hammer jählings nach

unten geschlagen, sondern sie erhält auch einen Stoß in wagerechter

Richtung, der sie vorwärts treiben will. Dadurch entsteht das so

gefürchtete Wandern der Schienen in der Fahrtrichtung, das aber auch

durch die Bewegung der Räder auf der glatten Lauffläche verursacht wird,

insbesondere an Stellen, wo häufig gebremst werden muß.

Die Stoßausrüstung hat also eine doppelte Aufgabe: sie muß den Übergang

von einem Schienenstück zum andern möglichst glatt gestalten und das

Wandern der Schienen verhindern, das leicht zu Spurveränderungen und zu

einer gefährlichen Aufhebung der Wärmelücken führen kann. In den Laschen

selbst sind die Löcher zur Aufnahme der Bolzen länglich geformt, damit

die Wärmeausdehnung der Schienen ohne Verbiegung der Bolzen stattfinden

kann.

Daß heute allgemein der schwebende Stoß, also eine Lage der Stoßlücke

zwischen zwei Schwellen, nicht auf einer von diesen, üblich ist, wurde

bereits in Abschnitt 5 erwähnt. Die Vorzüge dieser Anordnung gegenüber

dem ruhenden Stoß sind folgende. Bei guter Laschenverbindung wird die

Last durch zwei Schwellen auf die Bettung übertragen statt durch eine.

Das hammerartige Niederschlagen des Kopfs der Auflaufschiene trifft

keine Schwelle unmittelbar. Die Laschenverbindung kann wegen der

größeren wirksamen Längserstreckung weit kräftiger ausgebildet werden.

Um die sehr unangenehmen Wirkungen des Stoßes zu verringern, hat man

auch versucht, der Fuge selbst eine andere Form zu geben als die, welche

bisher ausschließlich erwähnt worden ist. So hat die preußische

Staatsbahn eine Zeitlang den Versuch gemacht, den stumpfen Stoß durch

den Blattstoß zu ersetzen. Hierbei ist jedes Schienenende rechteckig

ausgeklinkt, und die eine Schiene überblattet die andere um ein mehr

oder weniger langes Stück (Bild 127). Dieser von Haarmann im Anschluß

an einen Gedanken Stephensons erfundene Blattstoß, der lange Zeit auf

der Berliner Stadtbahn lag, wo es ganz besonders auf Verminderung des

Geräuschs der fahrenden Züge ankommt, hat sich jedoch, wie alle

ähnlichen Bauarten, im Betrieb nicht bewährt. Zunächst scheint es

bestechend, daß das Rad bereits von der Auflaufschiene getragen wird,

während es noch auf der Ablaufschiene ruht. Eine günstige Wirkung trat

jedoch nur bei neuen Stößen und bei nicht abgenutzten Radreifen ein.

Später zeigten sich Sprünge in der Längsfuge, die das Schlagen der Räder

noch verstärkten.

[Abbildung: 124. _Schienenstoß der preußisch-hessischen Staatsbahnen_

Querschnitt]

Auch die Stoßfanglasche hat zu keinem durchgreifenden Erfolg geführt.

Hierbei wird die Schiene an der Außenseite rechteckig ausgeklinkt, und

der Laschenkopf steigt bis zur Fahrhöhe auf, so daß er das Rad über die

Stoßfuge hinwegleiten kann. Trotz mancherlei Ausbildungsarten haben sich

wesentliche Vorteile nicht ergeben.

Der untere Teil der auf Bild 125 dargestellten Lasche ist das wirksamste

Mittel zur Verhinderung des Schienenwanderns. Die Bewegung der Schienen

wird dadurch, daß die Lasche die Klemmplatten umfaßt, auf die

Unterlagsplatten und Schwellen übertragen und durch diese unter

Zuhilfenahme der Bettung aufgehalten. Damit möglichst viele Schwellen

bei der Verhinderung des Wanderns mitwirken, stellt man hier und da

Längsverbindungen zwischen mehreren Schwellen durch darüber genagelte

Hölzer oder eiserne Bänder her. Da, wo ein besonders starkes Wandern der

Schienen zu befürchten ist wie bei Gefällen, die mit stark gebremsten

Rädern befahren werden, befestigt man auch an anderen Stellen der

Schienen als am Stoß besondere Stemmlaschen, die an den Schienensteg

geschraubt sind und die Klemmplatten oder die Haken der Unterlagsplatten

umschließen. Ferner gelangen Keilklemmen zur Anwendung, die sich unter

dem Schienenfuß gegen die Schwellen legen.

[Abbildung: 125. _Schienenstoß_

von der Seite gesehen]

Das Gleis muß imstande sein, die schwerste vorkommende Belastung zu

ertragen, ohne schnell der Zerstörung anheimzufallen. Vollständig aber

lassen sich die schädlichen Einflüsse des Betriebs auf das Gleis nicht

hintanhalten, so daß ständige Unterhaltungsarbeiten notwendig sind, die

sehr große Ausgaben verursachen. Darüber wird noch später zu sprechen

sein. In Preußen ist der höchste zulässige Raddruck auf 9000 Kilogramm

festgesetzt, das heißt, keine Fahrzeugachse darf mit mehr als 18 000

Kilogramm belastet werden. Bei der Berechnung des Gleises ist jedoch in

Betracht zu ziehen, daß infolge der raschen Bewegung die Kraftwirkung

etwa das Doppelte des ruhenden Raddrucks erreichen kann.

Die Regelspurweite beträgt bei uns, wie wir bereits wissen, 1,435 Meter,

gemessen zwischen den Innenkanten der Schienenköpfe. Damit ein Klemmen

der Räder zwischen den Schienen unbedingt vermieden wird, macht man den

Abstand zwischen den Spurkränzen der Räder auf einer Achse kleiner als

die Spurweite. Der Radstand, wie wir dieses Maß, abweichend von der

amtlichen Gewohnheit, nennen wollen, darf, ein Zentimeter unter der

Lauffläche gemessen, nicht mehr als 1,425, aber auch nicht weniger als

1,415 Meter betragen. Es entsteht hierdurch ein Spielraum im Gleis, der

infolge des Schwankens der Fahrzeuge selbst auf glatter Strecke

notwendig ist. (Siehe Bild 117, Seite 171.)

[Abbildung: 126. _Die Ursache des Räderschlagens auf den Schienen_

Stoß unter der Last eines Wagenrads]

[Abbildung: 127. _Blattstoß von Haarmann_]

Aber dieser Spielraum genügt nicht mehr, wenn Krümmungen mit einem

geringeren Halbmesser als 1000 Meter durchfahren werden. Bei

mehrachsigen Fahrzeugen müssen sich die Räder in den Krümmungen

notwendigerweise schief zur Gleisrichtung einstellen. Die Achsen liegen

nicht in der Richtung des Halbmessers, sondern hiergegen verschoben.

Damit auch jetzt kein Klemmen der Spurkränze zwischen den Schienenkanten

eintritt, muß an solchen Stellen die Spur erweitert werden. Da die

Lauffläche der Radkränze ja eine ziemliche Breite besitzt, 13 bis 15

Zentimeter, so braucht man mit dieser Spurerweiterung, die

außerordentlich viel zum ruhigen Fahren beiträgt, nicht allzu ängstlich

zu sein. Sie kann bei uns auf Hauptbahnen bis zu drei Zentimetern

betragen. Bei einem Krümmungshalbmesser von 400 Metern ist die

Spurerweiterung auf 1,5 Zentimeter festgesetzt, bei einem Halbmesser von

200 Metern auf 2,4 Zentimeter. In Betracht zu ziehen ist bei der

Bemessung der Spurerweiterung auch der Achsstand der Fahrzeuge, von

denen die Strecke befahren wird. Je weiter solche Achsen voneinander

abstehen, die unverrückbar am Fahrzeug befestigt sind, desto stärker

wird die Schiefstellung im Gleis.

Es sei hier bemerkt, daß der Abstand der Achsen eines Fahrzeugs

voneinander amtlich Radstand genannt wird. Diese Bezeichnung ist jedoch

wenig glücklich, und im Anschluß an die in vielen Fachwerken heute

bereits bestehende Üblichkeit wollen wir stets das deutlichere Wort

Achsstand hierfür anwenden.

Um bei den sehr langen Achsständen, die heute an Lokomotiven und Wagen

vorkommen, die Spurerweiterung nicht allzu weit treiben zu müssen, sind

statt der steifen, im Gleis bewegliche Achsen eingeführt worden. Näheres

darüber wird bei der Behandlung der Lokomotiven und Wagen gesagt werden.

[Abbildung: 128. _Radgestell in einer Gleiskrümmung_

Die Achsen stehen schief im Gleis, denn ihre Richtung weicht von der

(gestrichelten) Halbmesserlinie ab]

Die Spurerweiterung wird stets durch Verschieben der in der Krümmung

innen liegenden Schiene herbeigeführt. Die äußere Schiene läßt man

unverändert durchlaufen, weil sie ja infolge der Abdrängung der bewegten

Masse vom Krümmungs-Mittelpunkt, welche durch die Fliehkraft verursacht

wird, die Fahrzeuge zu führen hat. Es ist darauf zu achten, daß die

Erweiterung sich aus dem Gleis mit gewöhnlicher Spurweite ganz langsam

entwickelt. Man läßt sie gewöhnlich von 10 zu 10 Schwellen um je drei

Millimeter anwachsen. Wenn zwei Krümmungen entgegengesetzter Richtung

aufeinander folgen, darf die eine nicht ohne weiteres in die andere

übergehen, weil der plötzliche Richtungswechsel die Fahrzeuge allzu sehr

erschüttern würde. Es ist dann stets eine Zwischengerade ins Gleis

einzulegen.

In Krümmungen zeigen die Spurkränze der Räder leicht eine Neigung, auf

die Außenschiene hinaufzuklettern. Dadurch entsteht eine starke

Entgleisungsgefahr. Um sie zu beseitigen, setzt man neben die

Innenschiene, gleichgerichtet mit dieser und in kurzem Abstand, eine

Schutzschiene, die das auf der Innenschiene laufende Rad seitlich führt.

Diese Schutzschiene dient zugleich auch zur Entlastung der Außenschiene,

die ja sehr starken seitlichen Pressungen ausgesetzt ist.

Ein sehr viel wirksameres Mittel gegen Entgleisungsgefahr und

Fliehkraftdruck ist jedoch die für schärfere Krümmungen überall

vorgeschriebene Überhöhung des Gleises.

Um die Fahrzeuge möglichst kräftig nach dem Mittelpunkt der Krümmung zu

drängen, hebt man die Außenschiene an. Die Berechnung der günstigsten

Überhöhung ist deshalb besonders schwierig, weil sie von zwei Umständen

abhängt: einmal von dem Halbmesser der Krümmung, dann von der

Geschwindigkeit, mit der die Züge hindurchfahren. Diese ist dazu noch

bei den Zügen verschiedener Gattung nicht gleich. Es ist leicht

einzusehen, daß eine Überhöhung, die einen Schnellzug sehr glatt durch

die Krümmung hindurchbringt, für den langsameren Güterzug zu hoch sein

muß. Dieser wird infolge der geringeren Fliehkraft bei allzu hoher Rampe

stark gegen die Innenschiene absinken, so daß die Spurkränze seiner

Räder kräftig an dieser schleifen. Man muß also bei der Anlegung der

Überhöhungen einen Mittelweg einschlagen.

[Abbildung: 129. _Die Gefahren der Neigungswechsel_

Wagen beim Überfahren eines Neigungswechsels ohne Ausrundung]

[Abbildung: 130. _Krümmungs-Täfelchen_

Gibt Halbmesser, Bogenlänge, Überhöhung und Spurerweiterung für die

Krümmung an]

Im allgemeinen beträgt die Überhöhung bei einem Krümmungshalbmesser von

1000 Metern und einer höchsten Fahrgeschwindigkeit der Züge von 60

Kilometern in der Stunde 3 Zentimeter, bei 100 Kilometern

Stundengeschwindigkeit 5 Zentimeter.

[Abbildung: 131. _Neigungszeiger_

Nach links wagerechtes, nach rechts ansteigendes Gleis]

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 19 / 60 段