Festlegung der Tunnelrichtung durch trigonometrische Aufnahme im

Gelände]

Wir wollen, um ein Beispiel zu geben, annehmen, daß aus der nächsten

Umgebung des Punkts, an dem das eine Tunneltor errichtet werden soll,

eine Landstraße mit vielen Windungen in die Nähe des andren Tors

hinüberführt, wie das auf Bild 110 der Fall ist. Man kann alsdann diese

Landstraße genau abmessen, die Länge jeder gradlinigen Erstreckung

festlegen und mit Hilfe der trigonometrischen Hilfsmittel auch ganz

genau den Winkel bestimmen, den jede geänderte Richtung zu der

vorhergehenden bildet. Nach Beendigung dieser Arbeit ist man imstande,

die Landstraße mit vollkommener Genauigkeit in eine Karte einzuzeichnen.

Verbindet man nun die beiden Anfangspunkte des Tunnels durch eine gerade

Linie und verlängert diese so weit nach beiden Seiten, bis sie die

eingezeichnete Landstraße schneidet, so kann man auf der Karte den

Winkel abmessen, den die Tunnelachse zu den geschnittenen

Landstraßenstücken diesseits und jenseits bilden muß. Damit liegt die

Richtung genau fest, und es kommt jetzt nur darauf an, sie auch im

Gelände abzustecken und beim Bau aufs genaueste innezuhalten.

Zu diesem Zweck wird zunächst auf jeder Seite der von der Karte

entnommene Winkel zwischen dem letzten Straßenstück und der Tunnelachse

abgemessen, und es werden zwei starke Pfosten in der genauen

Tunnelrichtung in die Erde gesetzt. Auf ihnen werden die

Richtungs-Festpunkte angebracht. Alsdann wird hinter dem ersten Pfosten

ein Fernrohr aufgestellt, in dem ein senkrechter und ein wagerechter

Faden, das Fadenkreuz, so angebracht sind, daß sie einander genau in der

Mittelachse des Fernrohrs kreuzen. Man richtet das Fernrohr so, daß

seine Mittelachse genau in der Richtung der Verbindungslinie liegt, die

von dem Festpunkt des ersten Pfostens zum zweiten führt.

Wenn man nun an der Bergwand eine kleine Lampe derartig aufhängt, daß

sie beim Schauen durch das so eingestellte Fernrohr gerade im

Kreuzungspunkt der beiden Fäden erscheint, dann ist damit der Anfang der

Tunnelachse bestimmt. Sobald der Richtstollen ein kleines Stückchen

vorgetrieben ist, läßt man von der Decke wiederum ein Lämpchen

hinunterhängen und verschiebt es so lange, bis der durch das Fernrohr

Blickende es in gerader Linie hinter den beiden Pfostenmarken und der

ersten Lampe liegen sieht. So wird allmählich Lampe hinter Lampe

gehängt, neue mit vollkommenster Genauigkeit festgelegte Pfostenmarken

werden auch im Tunnel in gewissen Abständen immer wieder geschaffen, und

auf diese Weise ist man imstande, von beiden Seiten aus die Achsrichtung

innezuhalten.

Die Genauigkeit der Richtungshaltung hängt natürlich von der

Vollkommenheit der verwendeten Winkelmessungswerkzeuge ab. Bei dem vor

kurzem von der deutschen Firma Julius Berger in der Schweiz gebauten

neuen Hauenstein-Tunnel, der 8200 Meter lang ist, betrug beim

Durchschlag die Achsabweichung der beiden Bauseiten nicht mehr als zwei

Zentimeter; selbst bei dem 20 Kilometer langen Simplontunnel waren es

nur 20 Zentimeter. Der Meßtechnik kann kein glänzenderes Zeugnis

ausgestellt werden als durch diese eindrucksvollen Tatsachen.

Der Tunnel muß so gebaut werden, daß seine Sohle von beiden Seiten her

gegen die Mitte etwas ansteigt, damit das Wasser, sowohl zugeführtes wie

auch angeschlagenes Gebirgswasser, abfließen kann. Für die

Heranschaffung von Frischluft zur Lüftung und Kühlung muß während der

ganzen Bauzeit in lebhaftester Weise Sorge getragen werden. Sobald der

Durchschlag erfolgt ist, pflegen sich die Tunnel, insbesondere durch die

Mithilfe der fahrenden Züge, selbst zu lüften, da zwischen den beiden

Toren gewöhnlich ein starker Unterschied des Luftdrucks besteht. Wenn

die Selbstlüftung nicht ausreicht, müssen, wie beim Kochemer Tunnel und

auch auf dem Gotthard, künstliche Luftzuführungs-Einrichtungen

geschaffen werden.

Die Tunnelbaukunst ist in den letzten Jahrzehnten lebhaft vervollkommnet

worden. Früher mußte man die zur Aufnahme des Sprengstoffs dienenden

Bohrlöcher mit der Hand herstellen. Ein Arbeiter drehte den Bohrer, eine

mit stählerner Spitze versehene Eisenstange, während ein anderer

daraufschlug. Sehr viel geschwinder arbeiten natürlich Bohrmaschinen,

von denen die ersten beim Mont Cenis-Tunnel verwendet wurden. Heute

besitzt man vorzügliche Einrichtungen dieser Art, die durch Preßwasser,

Druckluft oder Elektrizität betrieben werden können. Auch die

Maschinenbohrer arbeiten sämtlich so, daß die Bohrstange zugleich

gestoßen und gedreht wird. Man vermag heute mehrere Löcher zu gleicher

Zeit herzustellen, und da auch die Wirkung der Sprengstoffs bedeutend

vervollkommnet ist, wodurch man mit einer immer geringeren Zahl von

Löchern auskommen kann, so vollziehen sich die Tunnelbauten immer

rascher. Beim Gotthard-Tunnel vermochte man in den günstigsten Monaten

nur um je 111 Meter vorwärts zu kommen, beim Arlberg-Tunnel brachte man

es schon auf 166 Meter im Monat, und der Simplon-Tunnel wurde in der

gleichen Zeit um je 270 Meter vorgetrieben.

[Abbildung:

Nach einer Tafel im Deutschen Museum zu München

111. _Zahl der Bohrlöcher bei verschiedenen Tunnelbauten_

Durch Verbesserung der Sprengmittel ist die Zahl der für jede

Sprengung notwendigen Bohrlöcher rasch geringer geworden]

Noch deutlicher sprechen die folgenden Zahlen. Für die Herstellung des

im Jahre 1880 durchgeschlagenen, 15 Kilometer langen Gotthard-Tunnels

brauchte man 8 Jahre, für den 1871 vollendeten, um 3 Kilometer kürzeren

Mont Cenis-Tunnel sind 13 Jahre Bauzeit notwendig gewesen. Der 20

Kilometer lange Simplon-Tunnel ist von der Hamburger Firma Brandt,

Brandau & Co. trotz vieler unerwarteter Hindernisse in nur 6-1/2 Jahren

hergestellt worden. Die Gesamtkosten betrugen 78 Millionen Franken.

Welche Schwierigkeiten bei der Führung eines Tunnels durch eine

gewaltige Gebirgsmasse zu überwinden sind, welch furchtbare Kämpfe der

Mensch hierbei mit den unterirdischen Gewalten auszufechten hat, die ihm

immer neue Hindernisse in den Weg stellen, zeigt am besten eine

Schilderung vom Bau des Simplon-Tunnels, den die schweizerischen

Bundesbahnen veröffentlicht haben:

„Bald erhöhte der Berg die Wärme im Innern zu unerträglicher Hitze, bald

schob er heimtückisch weiches, bröckelndes Gestein in die zu erbohrende

Bahn, bald suchte er mit lastender Masse das Gewölbe einzudrücken, und

bald ließ er wieder aus seinem Schoß mächtige kalte und warme Quellen,

wahre Bergbäche, in die mühsam gebauten Stollen einbrechen, Vernichtung

und Untergang drohend.

„Bis zum November 1903 sollte nach der ursprünglichen Berechnung der

Tunnel erbohrt sein. Nach den Fortschritten der ersten Zeit glaubte man

den Durchschlag noch früher ermöglichen zu können. Als man jedoch auf

der Nordseite beim sechsten Kilometer angelangt war, stieg plötzlich die

Gesteinswärme in erschreckender und ganz ungeahnter Weise. Für den

siebenten Kilometer hatte man auf 36-37 Grad gerechnet; statt dessen

fand man aber 45-56 Grad; 500 Meter weiter waren es bereits 53 Grad, und

immer noch schien die Hitze sich steigern zu wollen. Die bloße Zuführung

kalter Luft genügte nicht mehr, um die weiteren Bohrarbeiten zu

ermöglichen; es mußten besondere Vorrichtungen aufgestellt werden, die

durch mächtige Sprühregen von eisigkaltem Wasser die Luft vor Ort so

weit abkühlten, daß die Arbeit wieder aufgenommen und fortgesetzt werden

konnte.

„War es im Nordstollen die Hitze, so waren es im Süden das nachdrückende

Gestein und die gewaltigen Wassereinbrüche, welche die Arbeiten fast

völlig zum Stillstand brachten. Der Druck des Bergs war ungeheuer; er

zersplitterte die stärksten eingebauten Holzstämme und verbog mächtige

Eisenbalken. Erst durch den Einbau gewaltiger Zementblöcke und stärkster

Eisenträger gelang es, der fürchterlich lastenden Wucht dauernden

Widerstand zu leisten. Die einbrechenden kalten und warmen Quellen, die

den Tunnel überschwemmten, mußten mit unendlicher Mühe gefaßt und

abgeleitet werden. Durch die Spalten des Gesteins rinnen jetzt ungefähr

1000 Sekundenliter ins Gewölbe und durch den Parallelstollen ins Freie.

„Das Maximum des Arbeiterstands zeigte die Ziffer von 4000 Mann. Weit

über eine Million Kubikmeter Ausbruchsmaterial mußte aus dem Berginnern

ins Freie geschafft werden. Zu den Sprengungen wurden etwa 1350 Tonnen

Dynamit verwendet; dazu kamen etwa 4 Millionen Sprengkapseln und

ungefähr 5300 Kilometer Zündschnüre. Die Anzahl der erforderlichen

Bohrlöcher betrug rund 4 Millionen.“

Der stärkste der Wassereinbrüche, der plötzlich einsetzte, begrub eine

Anzahl von Arbeitern im nachstürzenden Gestein. An der Stelle, wo sie

gestorben sind, liegen sie noch heute im steinernen Ehrengrab, über dem

sich als das mächtigste aller Denkmäler die gewaltige Masse des Simplon

hoch emporwölbt.

13. Der stählerne Pfad

Tack! Tack! Tack! machen die Räder unseres nach Halle fahrenden

Schnellzugs.

Es ist ein eintöniges, in gleichen Abständen immer wiederkehrendes

Geräusch, das seltsam einschläfernd auf die Nerven wirkt. Die

Gleichmäßigkeit dieses ewig klingenden Tons weckt die Erinnerung an

manche gern gehörte Weise; während der auf seinen Federn sich

schaukelnde Wagen uns langsam einwiegt, scheint es einem jeden, als

sängen die Räder sein Lieblingslied.

Der Zug fliegt über den blanken, stählernen Pfad, über die Schienen, wie

man einfach sagt. Nichts scheint leichter als die Ausstreckung der vier

silberigen Stränge vor der Maschine. Und doch ist die Arbeit von vielen

Geschlechtern, die angestrengte Tätigkeit unzähliger Geister notwendig

gewesen, um nur den heutigen Zustand zu erreichen, der von

Vollkommenheit noch weit entfernt ist.

Die Unterlage für die Fahrbahn haben wir bereits besprochen. Es bleibt

uns übrig, Bettung, Schwellen, Schienen und das zugehörige

Kleineisenzeug in den Arten und Formen, wie sie heutzutage angewendet

werden, erst im einzelnen, dann in ihrem Zusammenhang, also den

_Oberbau_ zu betrachten. Es ist ein weites Feld, wie Effi Briests Vater

in Fontanes Roman zu sagen pflegt.

Wir wissen aus Abschnitt 5, daß es die Aufgabe der Bettung ist, für die

Schwellen einen Lagerbezirk zu schaffen, in dem diese fest und möglichst

trocken liegen. Der Bettungsstoff muß daher Wasser sehr leicht

durchlassen und doch fest genug sein, um die sehr großen Kräfte, die von

oben und von den Seiten her gegen die Schienen und Schwellen wirken,

aufnehmen und über eine weite Fläche verteilen zu können. Außerdem muß

die Form der einzelnen Bettungsstücke so beschaffen sein, daß man sie

leicht unter die Schwellen schlagen kann, um deren durch den Betrieb

immer wieder bewirkte Senkung auszugleichen.

Die deutschen Bahnen sind entweder in Kies oder in Steinschlag verlegt.

Die tiefste Lage der Bettung auf dem Unterbau, die nur zu tragen, aber

keine seitlichen Kräfte aufzunehmen hat, wird auch öfter aus gut

zusammengesetzten, größeren Steinen, der sogenannten Packlage, gebildet.

Der Steinschlag besteht bei uns zumeist aus Basalt, Porphyr, Quarzit

oder Grauwacke und zwar in Form von scharfkantigen kleinen Stücken mit

einer Seitenlänge von drei bis vier Zentimetern.

Die Längsschwellen, mit denen der Eisenbahnoberbau einst begann, sind

heute als überlebt zu betrachten. Der Querschwellenbau herrscht vor. Er

wird aus hölzernen oder eisernen Stücken zusammengesetzt, neuerdings hat

man auch Versuche mit Schwellen aus Beton mit Eiseneinlage gemacht. Auch

die Schwellenschiene, das heißt eine Schiene mit sehr breit ausladendem

Fuß, der die Schwelle ersetzt, kommt vor, jedoch nur selten und meist in

Nebengeleisen.

[Abbildung:

Nach Haarmann: „Das Eisenbahngeleise“

112. _Wie Holzschwellen aus einem Stamm geschnitten werden_]

Die Bevorzugung des Querschwellengleises ist leicht begreiflich durch

die großen Vorteile, die es bietet: die sichere Festhaltung der Spur

ohne besondere Vorkehrungen und die leichte Möglichkeit des Erneuerns

einzelner Stücke. Bei dieser Bauart kann man auch in einfacher Weise

eine Verstärkung der Tragfähigkeit des Gleises bewirken, da man in

solchem Fall nur nötig hat, die Zahl der Schwellen für die Längeneinheit

zu erhöhen.

Auf den preußischen Bahnen, deren Verhältnisse auch hier wieder als

Beispiel herangezogen werden sollen, ist der Querschnitt der Schwellen

stets ein Rechteck, meist mit abgeschrägten Kanten an der oberen Fläche.

Bei den Holzschwellen, die wir nun zunächst betrachten, entstehen diese

sogenannten Waldkanten, die man aus Gründen der Holzersparung zuläßt,

meist von selbst; sie ergeben sich für viele Schwellen durch die Art,

wie diese aus dem vollen Baumstamm herausgeschnitten werden. Die beiden

Schwellen oben und unten auf Bild 112 können keinen voll rechteckigen

Querschnitt mehr erhalten.

Die üblichen Abmessungen für die Schwellen sind: Breite 26 Zentimeter,

Höhe 16 Zentimeter, Länge 2,70 Meter. Eine Bearbeitung der Oberfläche

findet heute für gewöhnlich nicht mehr statt, da die seitliche Neigung

der Schienen durch Zwischenlegen von Unterlagsplatten hergestellt wird.

Die Löcher, welche später die Befestigungsmittel für die Schienen, Nägel

oder Schrauben, aufzunehmen haben, werden vor dem Verlegen auf einer

Seite vorgebohrt, auf der anderen Seite geschieht das Bohren erst

während des Auslegens, damit man imstande ist, die häufig vorkommenden,

kleinen Abweichungen von der Regelspur auszuführen.

Bei uns werden in der Hauptsache Eiche, Buche, Fichte, Tanne und Kiefer,

diese letzte in größter Zahl, zu Schwellen verarbeitet. Unter ihnen ist

seltsamerweise das Buchenholz, obgleich es zu den sonst besonders

widerstandsfähigen Harthölzern gehört, am leichtesten vergänglich. Die

Buchenschwellen faulen so rasch, daß sie ohne die Anwendung besonderer

Erhaltungsverfahren gar nicht verwendet werden können. Da es durch

dieses Verfahren gelungen ist, auch die Weichhölzer sehr haltbar zu

machen, so geht der Verbrauch der teuren Eiche allmählich immer weiter

zurück. In neuerer Zeit wird die Brauchbarkeit der Weichholzschwellen

auch dadurch erhöht, daß man die Nägel und Schrauben nicht mehr

unmittelbar in ihren Körper einsetzt, sondern an den in Betracht

kommenden Stellen zunächst sehr starke, in der Mitte durchbohrte Bolzen

aus Hartholz einschraubt. Diese Dübel erst nehmen die eisernen

Befestigungsmittel auf.

[Abbildung: 113. _Hartholzverdübelung_

Verstärkung von Weichholzschwellen durch Einschrauben von

Hartholzdübeln zur Aufnahme der Schraubenlöcher]

Die Holzschwellen verderben im natürlichen Zustand deshalb leicht, weil

der Holzsaft Eiweiß und andere Stoffe enthält, die sich im toten Holz

zersetzen und das Gefüge locker machen. Ferner ist die Schwelle der

Gefahr des Faulens so stark wie kaum ein anderer Baustoff gleicher Art

ausgesetzt, da Trockenheit und Feuchtigkeit im Bahnbett unaufhörlich

miteinander abwechseln. Man macht die Schwellen standhaft gegen diese

schweren Angriffe, indem man sie mit fremden Stoffen vollkommen

durchtränkt. Durch besondere Verfahren wird der Holzsaft ausgesogen, und

an seine Stelle werden unter sehr kräftigem Druck Kreosot, Chlorzink

oder kreosothaltiges Teeröl zwischen die Fasern gepreßt. Die Lebensdauer

der Schwellen steigt dadurch sehr bedeutend. Eichenholz hält roh 14 bis

16 Jahre, getränkt 20 Jahre; bei Buchenholz ist der Unterschied sehr

viel größer, nämlich 3 Jahre gegen 12-18. Die Zahlen für Kiefernholz

lauten 7-8 Jahre gegen 14-18. Die Einführung des Tränkens bedeutet also

eine außerordentlich große Ersparnis bei der Unterhaltung des

Gleisoberbaus und dies um so mehr, als man die Beobachtung gemacht haben

will, daß das Tränken die Schwellen auch widerstandsfähiger gegen äußere

Angriffe macht.

[Abbildung: 114. _Lage der Eisenschwelle in der Bettung_]

Es wurde in dem Abschnitt über die Geschichte des Gleises bereits kurz

angedeutet, daß die eisernen Schwellen erst brauchbar wurden, nachdem

man ihnen eine vollkommen geschlossene, trogförmige Gestalt gegeben

hatte. Sie sind dadurch imstande, einen großen Teil der Bettung

vollkommen zu umgreifen und sich gegen jede Verschiebung zu sichern,

indem sie diesen Bettungsteil zwingen, sich bei Bewegungen auf der

darunter liegenden Fläche zu reiben. Die Eisenschwellen werden heute

sämtlich aus Flußeisen oder Flußstahl gewalzt. Die am meisten

gebräuchlichen Formen zeigt unser Bild 115; die Kreuzschwelle wird

jedoch immer seltener verwendet. Damit man die Befestigungsmittel für

die Schienen durch die Eisenschwellen hindurchstecken kann, müssen diese

an der Decke durchlocht werden. (Siehe auch Bild 52 auf Seite 78.)

Ausschlaggebend für die Stärke des Oberbaus ist die Schwellenteilung,

das heißt der im allgemeinen stets gleichmäßige Abstand der einen

Schwellenmitte von der anderen. Bei stark befahrenen Hauptbahnen pflegen

in Preußen auf einem Kilometer 1675 Schwellen zu liegen. Nur am Stoß

werden die Schwellen näher zusammengelegt, als der gewöhnliche Abstand

beträgt. Auch die drei nächsten Schwellen werden noch etwas

herangerückt. Bei Eisenschwellen bildet man am Stoß eine

zusammenhängende Doppelschwelle aus.

[Abbildung: 115. _Querschnitte von Eisenschwellen_]

Alle die bisher erwähnten Vorkehrungen im Unterbau und Oberbau haben

doch zuletzt nur den Zweck, die Schienen unverrückbar festzuhalten.

Diese selbst werden heute ausschließlich aus Flußstahl bereitet. Zur

Herstellung dieses Stoffs wird das aus dem Hochofen gewonnene Roheisen

im Siemens-Martin-Ofen oder in der Thomasbirne von dem zu starken

Kohlenstoffgehalt befreit. Es ist ein prächtiges Schauspiel, dem

Arbeiten von Thomasbirnen in einem großen Eisenwerk zuzuschauen. In

seinem Buch „Das Reich der Kraft“ schreibt der Verfasser über die

Eindrücke, die er bei dem Besuch einer Schienenfabrik empfing:

Die unter dem hochgewölbten Dach einer großen Halle aufgehängten Birnen

für die Stahlbereitung werden von außen nicht geheizt. Denn das Eisen

wird in flüssigem Zustand eingefüllt und Preßluft hindurchgedrückt, so

daß drinnen eine rasende Glut entsteht. Von Zeit zu Zeit räuspert sich

eines der Ungeheuer und bläst einen Klumpen flüssigen Feuers hinaus,

der, von einem Funkenregen begleitet, dumpf zur Erde niederfällt. Dann

schlägt die Lohe mit erneuter Kraft aus dem glühenden Maul und ein

rollendes Geräusch dringt hervor.

Wenn der Vulkan dort drinnen ein paar Stunden lang getobt hat, wird

durch elektrische Kraft ein großer Bottich hinzugefahren. Mit einem

plötzlichen Ruck senkt das flammengekrönte Haupt sich abwärts, und das

Ungeheuer speit seine ganze Flammenseele aus. Weithin wird alles von

einem blendenden Licht übergossen. Eine schwere, breite, mächtig

flutende Feuerwelle gleitet in den Bottich, ein Schwarm blendend weißer

Funkensterne fliegt weit hinaus. Minutenlang rinnt das Feuer in

kräftigem Strom und verbreitet eine kaum zu ertragende Hitze, ein Licht,

heller als tausend Bogenlampen. Dann endlich hört die ungeheure Birne

auf zu speien und zu brausen, richtet sich langsam und stolz wieder in

die Höhe, und der mit dem feuerflüssigen Eisen bis an den Rand gefüllte

Bottich fährt, ächzend unter seiner Last, davon. Sein Inhalt wird in

eiserne Gefäße gegossen; es entstehen mehrere Walzblöcke, die darauf von

kleinen Lokomotiven auf einer Feldeisenbahn dem großen Kran in der

Walzhalle zugeführt werden.

Wir folgen solch einem Block, aus dessen Leib Eisenbahnschienen

hergestellt werden sollen, auf seinem Weg und haben nun Gelegenheit,

einem Vorgang beizuwohnen, der an Pracht und Großartigkeit von wenigen

auf Erden übertroffen wird.

Im Sonnenglanz dunkelt die mächtige, nach allen Seiten hin weit

geöffnete Halle. Unter dem großen Wellblechdach ist alles Leuchten des

Tags erloschen. Man steht in einer silbergrauen Wolke, die leicht auf

und ab wallt und den Blick einschließt. Doch das Auge gewöhnt sich rasch

an den feinen Nebel und vermag ihn zu durchdringen.

[Abbildung: 116. _Eiserne Doppelschwelle für Stoßunterstützung_]

Menschen mit ledernen Panzern, große spitze Eisenstangen, abenteuerlich

geformte Zangen gleich Waffen in den Händen, bewegen sich lautlos und

mit seltsamen Gebärden um ein hochragendes schwarzes Gerüst, das in

erhabener Größe dasteht.

Ein dumpfes Rollen ertönt.

Langsam heranbewegt, erscheint hoch droben, dicht unter dem Hallendach,

der glühende, funkensprühende Eisenblock. Der Kran, der ihn vom Wagen

genommen hat, fährt leicht auf hochliegendem Gleis; sein Gerüst biegt

sich nicht unter der Last der zweitausend Kilogramm. Der Block ist

dunkelrot. Man merkt, daß sein Bau, der eben erst aus flüssigem Eisen

gefügt wurde, sich noch nicht bei sich selbst zu Hause fühlt. Knisternd

springen Funken auf, hier und da zischt eine kleine Feuergarbe an ihm

empor. Wechselnde Farbenschattierungen laufen über die Eisenmasse. Es

ist als fröre sie in der kalten Welt; man könnte denken, der mächtige

Klotz atme. Eine ungeheure Glut entströmt ihm. Noch in weiter Entfernung

glaubt man die Augen versengt, man weiß nicht ob von der Hitze oder von

der Flut des hereinströmenden Lichts. Es dringt durch den Dunst der

Halle und macht tausend Einzelheiten deutlich. Eine neue künstliche

Sonne ist hier drinnen unter dem Wellblechdach aufgegangen.

Aber sie hat keine Ewigkeit. Sie bleibt nicht lange droben an dem

wellblechenen Himmel.

Der Kran ist an den mächtigen dunklen Eisenbau herangefahren, vor dem

die Arbeiter mit ihren Werkzeugen wartend stehen, wie die Priester vor

dem Hochaltar, um das Opfer in Empfang zu nehmen. Langsam steigt die

Krankette nieder. Der rote, frierende Eisenblock wird sanft und fast

geräuschlos niedergelegt. Von selbst lösen sich die Klemmbacken, die

Kette rollt in die Höhe, der Kran zieht sich ruhig und langsam, wie er

gekommen, zurück, ganz ungerührt davon, daß er eben um eine Riesenlast

erleichtert worden ist. Leise sprühen kleine weiße Funken vom roten

Block.

Plötzlich ein dumpfes Dröhnen. Aus der breiten eisernen Brücke, die von

dem Ruheplatz des Blocks zur Walze führt, ragen in kurzen Zwischenräumen

die Rücken kräftiger stählerner Rollen um wenige Zentimeter heraus.

Diese Rollen haben sich in Bewegung gesetzt, und sie schieben nun, indem

eine ihn der andern zuführt, den schweren Block mit einer Schnelligkeit

und spielenden Leichtigkeit vorwärts, die aufs höchste überrascht. Von

Rolle zu Rolle tanzend, stürzt der Block rasend wie ein wildes Tier

vorwärts.

Da läßt ein donnerndes Getöse den Boden und die Halle erbeben. Jenes

hohe schwarze Gerüst beginnt zu leben. Die Walze hat sich in Bewegung

gesetzt. Eine Dampfmaschine von dreitausend Pferdestärken dreht mit

großer Geschwindigkeit die schweren, stählernen Walzenräder, zwischen

denen der Eisenblock hindurchgetrieben werden soll, um an Dicke zu

verlieren, an Länge und innerer Festigkeit zu gewinnen. In tollem Lauf

wirbeln die Massen an der Walze um und um, der rotglühende Block faucht

und prasselt über den Rollgang, die Erde bebt, das Hallendach zittert.

Jetzt hat der Block die Walze erreicht, er fährt gegen die beiden

Walzenräder, die zwischen sich einen Spalt offen lassen, niedriger als

die Höhe des Blocks. Dieser will sich hineinzwängen, die Walzenräder

packen ihn -- und nun kommt ein Augenblick, der dem Zuschauer den Atem

stocken läßt, wo er mit aufgerissenen Augen erwartet, daß ein

verheerendes Unglück eintritt.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 18 / 60 段