Eine Klappbrücke mit ungewöhnlich großen Abmessungen ist von der

Deutschen Maschinenfabrik-Aktiengesellschaft in Duisburg über den Hafen

von Husum zur Überführung der Strecke von Elmshorn nach Tondern gebaut

worden. Für jedes der beiden Geleise ist eine von der andern unabhängige

Klappe vorgesehen. Bei derartig großen, frei in die Luft ragenden

Bauwerken muß der Winddruck sehr aufmerksam als Belastung in Rechnung

gezogen werden. Denn es ist ohne weiteres klar, daß ein Sturm, der gegen

so riesige Platten bläst, auf diese eine starke Kraftäußerung übt. Bei

der Husumer Klappbrücke hat man, abgesehen von den sehr kräftigen

Versteifungen in dem Bau selbst, den Winddruck auch bei der Anordnung

des Hubwerks berücksichtigt. Das Aufklappen kann bei Sturm mit

geringerer Geschwindigkeit vorgenommen werden als bei Windstille. Im

ersten Fall dauert das Öffnen der Brücke zwei Minuten, sonst nur eine

Minute, was bei den anzuhebenden Gewichten gewiß keine geringe Leistung

ist.

Da die Brücke von Schnellzügen befahren wird, so ist auf eine besonders

gute Sicherung derjenigen Stellen Wert gelegt, an denen die auf den

Klappen liegenden Schienen mit den festen Geleisen zusammenstoßen. Vom

Steuerhaus der Brücke aus werden durch ein Hebelwerk sehr kräftige,

keilförmige Laschen an beiden Enden der niedergelegten Brücke gegen die

zusammenstoßenden Schienenenden gepreßt. Selbstverständlich sind die

Signale vor der Brücke so eingerichtet, daß sie nur dann auf Fahrt Frei

gezogen werden können, wenn die Brücke geschlossen und fest verriegelt

ist.

[Abbildung:

Erbaut von der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg

96. _Ein fahrender Brückenbogen_

Einschwimmen des am Land fertiggestellten Mittelteils der Donaubrücke

bei Passau]

In Schweden ist eine sehr große Klappbrücke anderer Form von einer

deutschen Firma erbaut worden. Sie führt über den Trollhätta-Kanal. Man

hat hier besonderen Wert auf rasche und leichte Beweglichkeit der

Brückenbahn gelegt, da sowohl Wasserlauf wie Eisenbahn lebhaften Verkehr

haben. Es ist darum am Ende der Klappe ein Gegengewicht angebracht, das

der Brücke die Form einer Wippe gibt. Das Gegengewicht bildet mit den

Brückenbalken ein verschiebliches Parallelogramm. Die Gewichte sind so

ausgeglichen, daß bei jeder Bewegung immer nur der Reibungswiderstand zu

überwinden ist. Dadurch wird bei dem hier notwendigen, sehr häufigen

Öffnen der schweren Brücke sehr viel an Betriebskosten gespart, und die

Bewegung vollzieht sich rasch. Diese Wippbrücke hat eine Länge von 42

Metern. Die Firma Gollnow & Sohn in Stettin hat sie in den Jahren

1914-16 trotz aller Schwierigkeiten, die der Krieg verursachte,

rechtzeitig fertiggestellt.

Ein ganz besonders eindrucksvolles Werk deutscher Brückenbaukunst im

Ausland ist die Eisenbahnbrücke auf der Strecke Amsterdam-Zaandam, die

über den vom Amsterdamer Hafen zur Nordsee laufenden großen Seekanal

führt. Die Unterkante der Brücke liegt zwölf Meter über dem

Wasserspiegel, so daß kleine Dampfer ohne weiteres hindurchfahren

können. Das Öffnen erfolgt durch Drehen des 128 Meter langen

Mittelteils. Er ist 150 000 Kilogramm schwer, kann aber trotzdem in

einer Minute um 90 Grad gedreht werden.

Den Antrieb besorgen Elektromotoren, die sich über dem gewaltigen, einem

Turm gleichen Mittelpfeiler befinden. Ein Zahngetriebe greift zum

Hervorrufen der Bewegung in einen Zahnkranz ein. Die Drehbrücke ruht

nicht auf einem Spurlager, sondern sie steht auf 48 Stahlrollen, die in

einem kreisförmigen Rahmen gelagert sind. Diese größte Drehbrücke auf

dem europäischen Festland ist von der Firma August Klönne in Dortmund

hergestellt worden.

Wer Amsterdam besucht, wird von seinen Freunden stets auch zu dieser

Sehenswürdigkeit geführt, obgleich sie recht weit von der Stadt abliegt.

Es gibt in der Tat wenige Brücken in Europa, die einen so mächtigen

Eindruck machen wie diese ungeheure, um den Kopf eines Turms sich

drehende eiserne Fahrbahn.

Die vollspurigen Eisenbahnen Deutschlands besaßen zwar schon im Jahre

1910 639 _Tunnel_, aber es befindet sich kein einziges Bauwerk darunter,

das im Vergleich zu den großen Alpendurchstichen irgendwie bemerkenswert

genannt werden könnte.

Der längste deutsche Tunnel ist der, mit welchem die Moselbahn das

Randgebirge des Flusses, den sie sonst treu begleitet, bei Kochem

durchstößt. Das Bauwerk ist 4200 Meter lang und hat die Aufgabe, einen

Bogen von 22 Kilometern, den die Mosel an dieser Stelle bildet,

geradlinig abzuschneiden. Vom Eingang bis zum Ausgang des Kochemer

Tunnels fährt die Eisenbahn sechs Minuten; das Dampfschiff braucht für

die gleiche Strecke stromab 1-1/2, stromauf 2-1/2 Stunden. Da die

Rauchgase aus diesem Tunnel sehr schlecht abziehen, befindet sich an

seinem Eingang eine große, durch Maschinen betriebene Lüftungsanlage.

Der zweitgrößte Felsdurchstich in Deutschland ist der neue Tunnel unter

dem Diestelrasen, der seit wenigen Jahren die Spitzkehre von Elm

abschneidet. Der Begriff der Spitzkehre wird alsbald näher erörtert

werden. Unter der Brandleite bei dem bekannten Thüringer Badeort Oberhof

liegt der drittgrößte Tunnel Deutschlands; er ist 3030 Meter lang. Alle

übrigen sind weit kürzer.

Die Anlagen aber, mit deren Hilfe die Eisenbahn große vorgelagerte

Gebirge überschreitet, gehören zu den großartigsten Werken, die jemals

von Menschenhand ausgeführt worden sind. Auch in Europa sind zur

Überschienung der Alpen, die sich in der Schweiz, in einem Teil von

Österreich und beim Vordringen nach Italien der Eisenbahn

entgegenstellen, viele gewaltige Tunnelanlagen mit großartigen

Zufahrtsstraßen hergestellt worden, deren Errichtung die höchste Kunst

der Ingenieure erfordert hat. Der deutsche Boden hat keinen Anteil an

diesen Leistungen, wohl aber der deutsche Geist, da es zu einem großen

Teil Baumeister deutscher Abstammung gewesen sind, welche diese wahrhaft

erhabenen Werke erdacht und ausgeführt haben.

[Abbildung:

Erbaut von der Deutschen Maschinenfabrik-Aktiengesellschaft in

Duisburg

97. _Eine Riesenklappbrücke_

Eisenbahn-Überführung über den Hafen von Husum; Brücke geöffnet]

Noch weniger als im flachen Land kann die Eisenbahn im Gebirge den

kürzesten Weg wählen. Hat sie doch hier fortwährend große

Höhenunterschiede zu überwinden, wobei eine gewisse Weglänge niemals

unterschritten werden darf, damit die Steigungen in zulässigen Größen

bleiben. Geht es allzu steil aufwärts, so versagt die einfache

Reibungsbahn, und man muß zur Anwendung des Zahnrads übergehen. Bei

Benutzung dieser Vorrichtung aber können die Strecken nur mit so

geringer Geschwindigkeit befahren werden, daß ein großer durchgehender

Verkehr darauf nicht mehr zu bewältigen ist. Zur Herbeiführung schneller

Beförderung zieht man daher vor, den Gebirgsbahnen künstliche

Längenentwicklungen zu geben. Wenn diese auch große Umwege in sich

schließen, so kommt man doch immer noch schneller von Punkt zu Punkt,

als auf der kürzeren Strecke mit Zahneinrichtung.

[Abbildung: 98. _Die Riesenklappbrücke über den Hafen von Husum

geschlossen_

Im Vordergrund der in der Bildmitte liegenden Klappe die

Verriegelungs-Vorrichtungen für das Gleis]

Die einfachste Form der künstlichen Längenentwicklung, zugleich aber die

am wenigsten vorteilhafte, ist die Spitzkehre. Ein jeder kennt sie von

den Gebirgsstraßen her, wo sie in der Form der sogenannten Schlangenwege

auftritt. Damit der Wanderer nicht allzu scharf emporzusteigen braucht,

wird die Straße nicht geradlinig an der Berglehne hinaufgeführt, sondern

sie zieht im Zickzack dahin, weicht bald weit nach rechts, bald weit

nach links aus, um sich in spitzem Winkel stets wieder zurückzuwenden,

damit für das Emporklimmen eine größere Zahl von Schritten gemacht

werden kann, bei jedem einzelnen also nur eine geringere Hebung des

Körpers notwendig ist.

Auf diese Weise vermag auch die Eisenbahn an einem steilen Hang

hinaufzuklettern. Freilich kann der Zug an dem spitzen Ende des Umwegs

nicht ohne weiteres umkehren, wie das der Fußgänger vermag. Beim

Befahren von Spitzkehren muß der Zug vielmehr bald vorwärts, bald

rückwärts laufen, indem er jedesmal auf dem Weg zwischen zwei Spitzen

etwas in die Höhe steigt. Es ist also notwendig, bei jeder Spitze

anzuhalten und die Lokomotive an das andere Ende des Zugs zu bringen.

Hierdurch wird ein absatzweises, also sehr langsames Fahren bedingt.

[Abbildung:

Erbaut von J. Gollnow & Sohn in Stettin

99. _Wippbrücke über den Trollhätta-Kanal in Schweden_

Das Öffnen der Klappe ist durch Anbringen eines Gegengewichts

erleichtert]

Von einer solchen Spitzkehren-Anlage macht die Bahn, welche aus der

indischen Ebene zu dem berühmten Badeort Darjeeling im Himalaya

emporführt, einen reichen Gebrauch. Auch in Deutschland sind auf

Bahnstrecken mehrmals Spitzkehren vorhanden. Die Harzbahn

Blankenburg-Tanne besitzt eine solche auf ihrem Bahnhof

Bast-Michaelstein, und ferner waren zwei Spitzkehren bis vor kurzem auch

in die große Schnellzugstrecke Berlin-Bebra-Frankfurt a. M. bei Bebra

und in der Nähe des bereits erwähnten Bahnhofs Elm eingeschaltet. Sie

liegen heute beide in Nebenstrecken.

Die Bahn hat bei Elm die Wasserscheide zwischen dem Main und der Weser

zu übersteigen. Um die Kosten möglichst gering zu halten, suchte man bei

der Anlage der Strecke über die Höhe von 318 Metern dadurch

hinwegzukommen, daß man die Bahn vom Bahnhof Schlüchtern aus,

gleichlaufend mit dem Höhenrücken in einem langen Umweg nach Elm führte,

dort die Zugrichtung umkehrte und wieder an dem Höhenrücken, aber auf

dessen anderer Seite, entlang zurückfuhr, bis bei Flieden die

eigentliche Fahrtrichtung von neuem erreicht war. Die Entwicklung der

Strecke Berlin-Bebra-Frankfurt a. M. zu einer der wichtigsten

Durchgangslinien ließ jedoch diese zeitraubende Höhenüberwindung so

lästig erscheinen, daß man sich vor einigen Jahren entschloß, statt der

weit ausbiegenden Spitzkehre einen Tunnel zwischen Schlüchtern und

Flieden durch den Diestelrasen-Berg anzulegen. Infolge dieser Neuanlage

ist der Weg jetzt um 6,8 Kilometer abgekürzt und die Steigung um 36

Meter vermindert. Jeder Schnellzug gewinnt dadurch 15 Minuten, eine

Zeitersparnis, durch welche allein die sehr bedeutenden Ausgaben für den

Bau des Diestelrasentunnels wohl gerechtfertigt wären, wenn sich nicht

auch noch weitere Vorteile ergäben.

Bei den Alpenüberquerungen läßt sich auch auf den ganz großen,

durchgehenden Strecken die Anlage von Kehren nicht vermeiden. Man

verbessert sie aber dadurch, daß man an der Stelle, wo die Fahrtrichtung

umkehrt, nicht eine Spitze anordnet, sondern einen sanften Bogen, den

der Zug durchfährt, ohne anzuhalten, und ohne daß die Maschine umgesetzt

zu werden braucht. Es entsteht auf einer solchen Rundkehre also kein

größerer Zeitverlust als er von der unvermeidlichen Durchfahrung des

Umwegs erheischt wird. Man legt, wenn es irgend möglich ist, solche

Rundkehren oder Schleifen in Seitentäler, weil bei solcher Anordnung die

geringste Zahl von Kunstbauten notwendig ist.

[Abbildung: 100. _Die Wippbrücke über den Trollhätta-Kanal geschlossen_

Das Gegengewicht ist emporgehoben]

[Abbildung:

Erbaut von August Klönne in Dortmund

101. _Drehbrücke über den Nordsee-Kanal bei Amsterdam_

Der Mittelteil kann vollständig herumgedreht werden]

[Abbildung: 102. 150 000 _Kilogramm Drehlast_

Tragpfeiler und Drehlager für den beweglichen Mittelteil der

Amsterdamer Kanalbrücke]

Bild 105 stellt eine solche Seitentalschleife dar. Beim geradlinigen

Durchfahren der Strecke zwischen den Höhenlagen +100 und +170 Meter

würde die Bahn eine unzulässige Steigung zu überwinden haben; daher läßt

man sie einen Umweg durch das Seitental machen, das gerade günstig zur

Hand liegt. Hier klettert sie an der Berglehne der einen Talseite

langsam empor, kehrt, immer steigend, am Ende des Tals in einem Bogen um

und klettert langsam weiter, bis die Höhenlage +170 Meter erreicht ist.

Ein schönes Beispiel einer solchen Seitental-Ausfahrung findet sich auf

der Bahn über den Semmering, wo die Bahnhöfe Gloggnitz und Eichberg in

der Luftlinie nahe beieinander liegen, der eine sich jedoch 171 Meter

über dem anderen befindet. Dieser große Höhenunterschied wird durch eine

weit ausholende Schleife im Seitental über Payerbach erstiegen.

[Abbildung: 103. _Wie die Eisenbahn Berghänge erklettert_

Spitzkehre im Himalaya]

[Abbildung: 104. _Spitzkehre bei Elm_

früher in der Schnellzugstrecke Berlin-Bebra-Frankfurt a. M.]

[Abbildung: 105. _Rundkehre im Seitental_

zur Vermeidung zu starker Steigung im Haupttal]

Auch die Strecke über den Brennerpaß besitzt eine Anlage dieser Art.

Hier zeigt die Eisenbahn einmal, daß sie schwerfälliger ist als die

Landstraße. Zu Fuß gelangt man von Schellenberg nach Gossensaß weit

schneller als im Abteil des ~D~-Wagens. Die Landstraße steigt zwischen

den in der Luftlinie nur 1100 Meter voneinander entfernten Orten

ziemlich geradlinig hinunter. Die Bahn aber muß sich, um 176 Meter tief

in das Tal der Eisack zu gelangen, seitlich weit in das Pflerschtal

hineinwenden, da ihr die unmittelbare Überwindung einer Neigung von 1 :

6 versagt ist. Sieben Kilometer werden hier -- vom reinen

Verkehrsstandpunkt betrachtet -- unnötig durchfahren, aber nun beträgt

die größte Neigung auf der ganzen Strecke nur 1 : 45.

Seitentäler sind jedoch nicht immer zur Verfügung. Alsdann muß die

künstliche Längenentwicklung in dem von der Bahn benutzten Haupttal

selbst stattfinden. Dies gibt Anlaß zu den großartigsten und

überraschendsten Bauten, insbesondere dann, wenn doch eine

Seitenentwicklung durch die höchst merkwürdige Anlage von Kehrtunneln

gewaltsam ermöglicht wird.

In diesen Bauarten hat die Bahn über den St. Gotthard zum erstenmal

besonders Hervorragendes geleistet.

In der Nähe des Pfaffensprungs steigt das hier sehr schmale, beiderseits

von ragenden Felsen eingeschlossene Tal der Reuß weit rascher auf, als

daß die Bahn der Talhebung ohne weiteres zu folgen vermöchte. Es ist

hier auch keine Gelegenheit, irgendwohin ohne weiteres auszubiegen, und

so mußte eine Seitenausladung dadurch erzwungen werden, daß man in den

Berg selbst einen eigenartig geformten Tunnel hineintrieb, der nun also

die ansteigende Seitentalschleife zu ersetzen hat. In dem rückkehrenden

Tunnel muß daher eine allmähliche Hebung der Bahn stattfinden, so daß

dieser die Form einer Schraubenlinie mit Einer Windung erhält. Bei der

Einfahrt in den Pfaffensprung-Berg liegt die Bahn 774 Meter hoch, bei

der Ausfahrt hat sie 809 Meter erreicht, so daß sie im Berg um 35 Meter

gestiegen ist.

Solcher großen Kehrtunnel, in denen die Bahn steigend ihre Fahrtrichtung

einmal umkehrt, besitzt die Gotthardbahn jenseits des großen

Scheiteltunnels noch vier, von denen die zwei in der Biaschina-Schlucht

liegenden einander fast berühren. Dies schon ist ein besonders

deutliches Zeichen dafür, welche außerordentlichen Umwege einer

Gebirgsbahn mit gewöhnlichem Anhaftungsgleis zugemutet werden dürfen,

ohne daß dessen Vorteile gegenüber dem Zahngleis verloren gehen.

Der größte Umweg, den die Gotthardstrecke macht, befindet sich jedoch

bei dem Ort Wasen, bald hinter dem Pfaffensprung. Hier sind die nicht

ganz geschlossenen Kehrtunnelschlingen als Enden zweier langer Schleifen

in dem breiten Haupttal ausgebildet. In drei Stockwerken liegen die

Bahnabschnitte in kühnstem Bau übereinander. Da die Umkehr der

Fahrtrichtung an den Enden der beiden Schleifen in verdeckten Kehren,

nämlich im Wattinger und Leggistein-Tunnel stattfindet, so daß sie mit

dem Auge nicht verfolgt werden kann, vermag der Reisende, der keine

Karte zur Hand hat, sich keine Vorstellung von dem Weg der Bahn zu

machen. Welche Verwirrung die dreimalige Rückkehr zu dem gleichen Punkt

in manchem Kopf anzustiften vermag, zeigt eine bekannte Anekdote, deren

Schauplatz die Wasener Schleifenstrecke ist.

[Abbildung: 106. _Kehrtunnel_

Bahnsteigung in einem Berg]

[Abbildung: 107~a~. _Kehren der Gotthardbahn bei Faido und Dazio

Grande_]

[Abbildung: 107~b~. _Doppelkehre der Gotthardbahn in der

Biaschina-Schlucht_]

Ein Reisender, der des Landes unkundig ist, fährt zusammen mit einem

Schweizer in einem Abteil des Gotthardzugs. Nachdem der

Pfaffensprung-Kehrtunnel verlassen ist, fragt der Reisende den

Schweizer, indem er zum rechtsliegenden Fenster hinausdeutet. „Was ist

das für ein Bauwerk da oben?“ -- „Das ist die Kirche von Wasen,“ lautet

die Antwort. Es vergeht etwa eine Viertelstunde, und der Fremde sieht

ein Gebäude dicht neben sich. „Und was ist dies?“ fragt er wieder. „Das

ist die Kirche von Wasen,“ sagt der Schweizer. Der Fremde glaubt nicht

recht gehört zu haben, denn dieselbe Antwort hatte er ja schon vor einer

Viertelstunde erhalten, und damals lag die Kirche hoch über der Bahn.

Stumm blickt er weiter hinaus, bis er plötzlich wiederum einen Turm weit

unter sich, und zwar auf der linken Seite, erblickt. „Und diese Kirche

dort, wie heißt sie?“ spricht er den Mitreisenden von neuem an. „Das ist

die Kirche von Wasen,“ lautet die Antwort. Nun aber wird der Reisende

wütend, er blickt den Schweizer zornig an, weil er glaubt, daß dieser

ihn zum Narren halten wolle, und richtet während der ganzen Zeit, in der

sie noch zusammen im Abteil sitzen, kein Wort mehr an ihn.

[Abbildung: 108~a~) _Doppelschleife der Gotthardbahn bei Wasen_]

[Abbildung: 108~b~) _Blick auf Wasen mit den drei übereinanderliegenden

Eisenbahnlinien_ (×)]

In der Wasener Doppelschleife, deren Anfangs- und Endpunkte in der

Geraden nur drei Kilometer voneinander entfernt sind, steigt die Bahn um

256 Meter.

Der Zweck all dieser Kehren und Schleifen ist die Erreichung des

eigentlichen Gebirgsdurchbruchs, des großen, meist ganz gerade durch die

Gebirgsmasse hindurchführenden Tunnels. Man muß diese Bauten

notgedrungen in eine gewisse Höhe legen, da sie näher am Fuß des

Gebirges zu lang werden würden und auch der Druck des übergelagerten

Gebirges beim Bau kaum zu bewältigen wäre. Bis zu welcher Höhe man

jedesmal hinaufgehen soll, ist Sache oft sehr langer und beschwerlicher

Erwägungen. Die großen Gebirgstunnel liegen denn auch in sehr

verschiedenen Höhen.

Am höchsten von allen Bahnlinien klettert die Peruanische Zentralbahn

Callao-Lima-Oroya hinauf. Der Galera-Tunnel, in dem sie die

südamerikanischen Anden durchfährt, liegt 4774 Meter über dem

Meeresspiegel. Das ist fast die Höhe des Mont Blanc, dessen Gipfel 4810

Meter emporragt. Man vermag in Peru die Geleise so hoch hinaufzuführen,

weil dort, nicht allzuweit vom Äquator, die Grenze des ewigen Schnees in

einer Höhe von 5000 Metern liegt, während die Alpen schon von 2800

Metern ab vereist sind.

Eine Fahrt mit der Peruanischen Andenbahn wird als ein besonderer

Naturgenuß gerühmt. Es ist jedoch keine reine Freude, die man hierbei

genießt. Denn schon in einer Höhe von 4000 Metern beginnt die

Bergkrankheit sich bemerkbar zu machen. Die Eisenbahn klettert trotz

aller Umwege viel zu schnell empor, als daß der menschliche Körper Zeit

hätte, sich langsam an den verminderten Luftdruck zu gewöhnen. So

stellen sich denn, ehe noch der Galera-Tunnel erreicht ist, bei den

meisten Reisenden Atemnot, Herzklopfen und eine sehr unangenehme

Mattigkeit in den Gliedern ein. Wenn der Zug in Oroya angelangt ist,

füllt sich das dortige Hotel meist rasch mit Kranken, die einige Stunden

brauchen, um sich wieder zu erholen. So nehmen die Gewalten, welche das

heutige Antlitz der Erde schufen, dem Menschen einen großen Teil des

Genusses wieder fort, den der Anblick der ungeheuren Gebirgsbildungen

ihm zu gewähren vermag.

Die höchste Lage von allen Eisenbahnen in Europa -- abgesehen von den

eigentlichen Bergstrecken -- erreicht die Brennerbahn mit 1367 Metern

über dem Meeresspiegel. Über den Brenner läuft der älteste Verkehrsweg

zwischen Nordeuropa und Italien, weil hier die tiefste Alpeneinsattelung

liegt. Aus demselben Grund wurde an dieser Stelle auch der erste

Schienenweg über das gewaltige Gebirge gelegt. Die Brennerbahn ist die

einzige von allen Alpenüberschienungen, die keinen großen

Durchbruchstunnel besitzt. Die Paßhöhe wird vielmehr in einem offenen

Einschnitt überschritten. Dies bedeutet einen großen Vorzug der

Brennerbahn, sowohl was die Baukosten, als was die Annehmlichkeiten für

die Reisenden bedeutet. Die Vermeidung eines Tunnelbaus ist jedoch nur

möglich, wenn die Schienenoberkante, wie hier, nicht tiefer als 15 Meter

unter den Bergrücken gelegt werden muß. Von da ab würde die Herstellung

eines Einschnitts zu teuer werden.

Die weltberühmten großen Alpendurchstiche haben folgende Höhenlagen:

Arlberg (Schweiz-Österreich) 1320 Meter

Mont Cenis (Schweiz-Frankreich) 1294 Meter

Lötschberg (Nordwest-Schweiz-Italien) 1245 Meter

Gotthard (Nordost-Schweiz-Italien) 1154 Meter

Simplon (Südwest-Schweiz-Italien) 704 Meter.

Durch diese gewaltigen Bauten hat die Schweiz ihr Land an die großen

zwischenstaatlichen Verkehrswege angeschlossen.

[Abbildung:

~Simplon-Tunnel erbaut von 1898 bis 1905

für die Eisenbahn Genua-Genf

Längster Tunnel der Erde~

~St Gotthard-Tunnel, erbaut von 1872 bis 1881

für die Eisenbahn Mailand-Zürich.~

~Lötschberg-Tunnel, erbaut von 1906 bis 1912

für die Eisenbahn Genua-Basel~

~Mont Cenis-Tunnel, erbaut von 1857 bis 1871

für die Eisenbahn Turin-Lyon~

~Arlberg-Tunnel erbaut von 1880 bis 1884

für die Eisenbahn Innsbruck-Bregenz~

~Kaiser Wilhelm-Tunnel bei Kochem

erbaut von 1874 bis 1878

für die Eisenbahn Koblenz-Trier

Längster Tunnel in Deutschland~

~Hauenstein-Tunnel

erbaut von 1853 bis 1857

für die Eisenbahn Basel-Olten~

~Semmering-Tunnel

erbaut von 1849 bis 1852

für die Eisenbahn Wien-Triest~

Nach einer Tafel im Deutschen Museum zu München

109. _Vergleichende Angaben über die wichtigsten Tunnelbauten_]

In diesem Zusammenhang muß noch der Bahn über den Semmering besondere

Erwähnung getan werden, da sie in den Jahren 1848-1854 als erste große

Gebirgsbahn des europäischen Festlands erbaut wurde. Sie dient der

Verbindung zwischen Wien und dem großen Adriahafen Triest. Alle

Gebirgsbahnbauer auf der Erde haben aus dieser Anlage gelernt; was hier

geschaffen war, wurde unmittelbar zum Vorbild für die Überschienung des

Schwarzwalds und alsdann der Alpen.

Infolge ihrer verschiedenen Höhenlagen haben die großen Alpentunnel auch

verschiedene Längen. Außer beim Mont Cenis-Durchstich wächst die Länge

mit abnehmender Höhenlage. Die Längen betragen in abgerundeten Zahlen:

beim Arlberg-Tunnel 10 Kilometer

beim Mont Cenis-Tunnel 12 Kilometer

beim Lötschberg-Tunnel 14 Kilometer

beim Gotthard-Tunnel 15 Kilometer

beim Simplon-Tunnel 20 Kilometer.

Dieser letzte ist der bei weitem längste Tunnel auf der Erde.

Der Bau eines Tunnels wird stets mit einem sogenannten Richtstollen

begonnen. Es ist dies ein schmaler, niedriger Durchbruch in der

gewählten Richtung, der nur gerade so viel Raum bietet, daß man darin

arbeiten und das geförderte Gestein hinausschaffen kann. Vom

Richtstollen aus wird dann die Ausweitung nach allen Seiten hin

vorgenommen. Der endgültige Querschnitt muß so groß sein, daß

jederzeit, ohne Beeinträchtigung des Bahnverkehrs, ein Gerüst für

Ausbesserungsarbeiten im Tunnel aufgeschlagen werden kann.

Der Bau wird, damit man nicht allzuviel Zeit aufzuwenden braucht, stets

von beiden Seiten zugleich begonnen. Dies setzt eine allergenaueste

Feststellung der Richtung voraus, da die beiden Stollen ja in der Mitte

zusammentreffen müssen. Mit Recht ist diese Richtungs-Festlegung eine

der am meisten bewunderten Leistungen menschlichen Geistes. Ihre

Grundlagen seien ganz kurz angegeben.

Die beiden Tunneltore liegen bei den großen Bauten stets so, daß man von

dem einen aus weder das andere, noch irgendeinen Punkt von dessen

Umgebung wahrzunehmen vermag. Man kann auch nicht eine Vermessungslinie

über den Bergrücken legen und von dort etwa Bohrlöcher hinuntertreiben,

da deren Länge viel zu groß werden würde und furchtbare Abgründe, sowie

die Vergletscherung das Betreten des zwischenliegenden Bergrückens an

vielen Stellen unmöglich machen. Es muß daher eine mittelbare Verbindung

hergestellt werden. Deren Ziel ist, auf beiden Seiten den Winkel

festzulegen, den die gewählte Tunnelrichtung mit je einer bekannten

Linie im Gelände bilden muß.

[Abbildung: 110. _Messungen vor Beginn eines großen Tunnelbaus von

beiden Seiten_

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 17 / 60 段