Über Telfords Brücke lief nur eine Landstraße. Für die verhältnismäßig

geringen Belastungen, die auf solchen Wegen auftreten, waren die

leichten Hängebrücken jener Zeit denn auch sehr gut geeignet. Aber es

zeigte sich doch bald, daß ihre Steifigkeit nicht allzu groß war. Hier

und da kam es vor, daß Brücken solcher Art bei heftigen Stürmen stark

ins Schwanken gerieten und wohl auch einmal abgerissen wurden. Man

konnte daher nicht daran denken, diese Bauform auch für

Eisenbahnüberführungen anzuwenden. Es war der bedeutende Sohn des großen

Georg Stephenson, der das von seinem Vater begonnene Eisenbahnwerk durch

die Schaffung der ersten gewaltigen Eisenbahnbrücke fortsetzte. Robert

Stephenson erbaute in den Jahren 1846-50 seine weltberühmte

Britannia-Brücke, die gleichfalls über die Menai-Straße führt; sie wird

noch heute von der Eisenbahnlinie benutzt, die von Chester nach dem

wichtigen Hafen Holyhead auf Anglesey läuft.

Die Brücke ist 559 Meter lang. Sie stellt technisch nichts anderes dar,

als zwei gleichlaufende gewaltige eiserne Balken, deren Inneres entfernt

ist. Der Querschnitt ist also kastenförmig. Der an zwei Enden

aufgelagerte Balken ist ja die einfachste Form einer Überbrückung, da

sich die bei Belastung in einem solchen Balken auftretenden Kräfte am

leichtesten übersehen lassen. Wird ein Gewicht auf den Balken aufgelegt,

so sucht er sich durchzubiegen. Hierbei erleiden die untersten Fasern

eine Streckung, die obersten werden zusammengedrückt. Dazwischen muß ein

unbeanspruchter Bezirk liegen. Darum kann man auch mit gutem Erfolg

Balken mit ganz schmalem Mittelteil verwenden, wie es heute bei den

Schienen und bei den Doppel-~T~-Trägern geschieht, oder man vermag, wenn

man die Ränder nur kräftig genug ausbildet, das Innere auch ganz

fortzulassen. Diesem Gedanken folgend, schuf Robert Stephenson die

beiden großen Kästen der Britannia-Brücke.

Das Bauwerk erscheint uns heute ungefüge und grob zusammengehauen. Den

Eindruck aber, den es kurz nach seiner Errichtung auf einen

sachverständigen Zeitgenossen machte, kennen wir aus einer Schilderung

Max von Webers:

„Schwindelhoch, turmhoch und in der Tat wie auf Türmen auf schlanken

Pfeilern ruhend, liegt das zweihunderttausend Zentner schwere, gewaltige

Eisenrohr über dem vierzehnhundert Fuß breiten Arm des St. Georg-Kanals,

der die Insel Anglesey von der Westküste von Wales trennt. Selbst wie

eine Schöpfung, die nur der Allmacht gelingen zu können scheint, steht

das Bauwerk ohnegleichen, seiner ungeheueren Gliederung gemäß, mit

feinem Formensinn aus Elementen ägyptischen Stils in hohem Ernst

aufgebaut, an beiden Ufern von riesenmäßigen Sphinxen bewacht, in der

tiefblauen Meeresflut zwischen paradiesischen Küsten. Tief drunten die

tiefazurne, mit weißem Schaum um die Brückenpfeiler brandende Flut, und

auf ihr vor der frischen Morgenbrise hingleitende, sanftgeneigte,

schwellende Segelmassen tragende Schiffe.

[Abbildung:

Aus Kohl: „Beschreibung der Göltzsch-, Elstertal- und

Britannia-Röhrenbrücke“

86. _Die erste Eisenbahnbrücke: Britannia-Röhrenbrücke_

Erbaut von Robert Stephenson 1846-1850 über die Menai-Meeresstraße. Im

Hintergrund die Kettenbrücke von Telford, die erste schmiedeiserne,

erbaut 1818-1826]

„Wie die Vögel des Himmels schauen wir von der Himmelshöhe der

Brückenröhre hinab auf das schlanke Spierenwerk der darunter

hinrauschenden Dreimaster. Vor uns stehen die zauberisch feinen, streng

geometrischen und doch so unnachahmlich graziösen Linien von des großen

Telford Wunderwerk, der Menai-Kettenbrücke, die, nur eine Viertelmeile

von der Britanniabrücke entfernt, die Chaussee seit dreißig Jahren über

dieselbe Meerenge führt, über welche die Britanniabrücke die Eisenbahn

trägt. Von welch großer, anregender Wirkung ist der Kontrast der Formen

dieser beiden Meisterstücke der neueren Brückenbaukunst, die der Blick

gleichzeitig umfaßt!

„Feenhaft fein, wie aus Sonnenfäden gewebt, bogig, leichtgeschwungen,

scheint die Brücke Telfords über dem Wasser zu schweben, während

Stephensons Bau massig, gewaltig, unerschütterlich in scharfen, geraden

Linien und Kanten darüber her ruht und es mit unermeßlichem Gewichte

bedrückt und beherrscht.“

Der deutsche Ingenieur Max von Weber hatte kurz nach seinem Besuch der

Britanniabrücke Gelegenheit, in Robert Stephensons Haus zu weilen und

hierbei einem Bericht des großen Baumeisters über den wichtigsten und

aufregendsten Augenblick bei der Erbauung der Brücke zu lauschen.

[Abbildung:

Aus Kohl: „Beschreibung der Göltzsch-, Elstertal- und

Britannia-Röhrenbrücke“

87. _Blick in die Britannia-Röhrenbrücke_]

Die beiden hohen Kastenröhren -- für jede Fahrtrichtung eine -- waren

nicht am Ort ihrer endgültigen Aufstellung zusammengenietet, sondern

dicht am Ufer auf Gerüsten hergestellt worden, die über das Wasser

ragten. Um sie zwischen die Pfeiler zu bringen, benutzte Robert

Stephenson ein Verfahren, das noch heute vielfach angewendet wird. Beim

Beginn der Flut wurden zwei kräftige Schiffe mit aufgebauten starken

Stützpfeilern so unter jedes Rohr gestellt, daß sie beim weiteren

Steigen des Wassers schließlich den Brückenteil von den festen Gerüsten

abheben und selbst tragen mußten. Alsdann fuhr man mit den Schiffen so

zwischen die Pfeiler, daß sich die Rohre während der Ebbe auf

vorbereitete Lager aufsetzten, von denen sie später nur noch senkrecht

bis zur vollen Höhe der Pfeiler hinaufgewunden zu werden brauchten. An

Kühnheit läßt dieses Verfahren, insbesondere wenn man das gewaltige

Gewicht der Britannia-Brückenrohre in Betracht zieht, nichts zu wünschen

übrig, und Robert Stephenson war denn auch aufs freudigste ergriffen,

als kurz vor dem Beginn der Arbeit zwei Männer, die gleich ihm damals

der Stolz des technischen England waren, freiwillig ihre Hilfe für das

Einschwimmen der Brücke anboten. Es waren Isambart _Brunel_, der

Schöpfer des ersten Themse-Tunnels, und William _Fairbairn_, der Erbauer

der ersten eisernen Schiffe. Die Schilderung des aufregenden Vorgangs

aus Robert Stephensons Mund gibt Max von Weber so wieder:

„Ich war am Morgen, der um zehn Uhr den Eintritt der verhängnisvollen

Flut bringen sollte, vor Tagesanbruch unten am Ufer des Menai-Kanals. Es

war stürmisch, ich hörte die hohe Brandung durch die Nacht brausen.

Weithin brannten auf beiden Ufern die Wachtfeuer und Fackeln, bei denen

die Nacht über gearbeitet wurde. Mir lag es schwer auf der Seele. Da

rief mich eine helle Stimme durch die Nacht an: ‚~All right! All goes

well! Good morning!~‘, und ich erkannte Brunel, der schon vom Werkplatz

kam. Ich bin nicht poetisch, aber ich muß gestehen, der handfeste,

kleine, große englische Ingenieur erschien mir in diesem Momente wie ein

lichter Engel!

„Der Augenblick kam, wo die Flut eintrat. Ich stand auf der zuerst zu

flößenden Röhre, die seit Jahr und Tag, seitdem die Arbeit an ihr

begonnen wurde, bergfest auf ihren Werklagern ruhte, volle zwei

Millionen Pfund schwer. Totenstille auf beiden Ufern, mit ihren

Hunderten von Arbeitern, die, Hand am Griff, vor ihren Ankerwinden

standen, mit Tausenden zugeströmter Zuschauer. Ich sah Fairbairn wie

einen Punkt am Anglesey-Ufer auf seinem Gerüst stehen, unter mir, an der

Hauptwinde des Wales-Ufers, stand Brunel, die klugen Augen nach mir

heraufgerichtet -- alle totenstill -- nur die steigende Flut brodelte um

die Pontons, in deren gewaltigem Zimmerwerk und Rippen es knackte,

knarrte und polterte, je mächtiger das Wasser sie gegen die große Last,

die sie heben sollte, preßte.

„Endlich wurde auch dies Prasseln still -- sie mußten ihre volle Last

haben -- ich sah nach der Uhr und den Wassermassen -- die Flut war fast

auf ihrer Höhe -- die Eisenmasse rührte sich nicht -- mir stand das Herz

fast still -- da plötzlich fühlte ich, wie es wie ein Zittern durch die

kolossale Röhre unter meinen Füßen lief -- der eiserne feste Boden wich

-- und im selben Moment sah ich, wie die Gerüste sich gegen uns

verschoben.

„Die Arbeitermannschaften brachen unaufhaltsam in unermeßliche Cheers

aus, die aus tausend Kehlen weit und breit an den Ufern widerhallten.

Die ungeheure Röhre schwamm! Rasch packte die Flut die Pontons -- ich

gab meine Signale. Meine großen Rivalen folgten dem Wink meiner Hand!

Die Flut spritzte von den angestrafften Tauen und Ketten turmhoch empor

oder brodelte über die erschlafft ins Wasser sinkenden mit einer

Präzision, als belebe ein einziger Wille die Hunderte von Männern hüben

und drüben. -- -- --

[Abbildung: 88. _Gitterbalkenbrücke über die Weichsel bei Dirschau_

Vollendet 1857]

„Ich will Sie nicht mit der Erzählung davon ermüden, es ist bekannt, wie

die Röhre ohne Unfall und mit bewunderungswürdiger Genauigkeit, trotz

Sturm und Stromschnellen zwischen die Pfeiler trieb, und die sinkende

Flut, sie auf ihren Lagern liegen lassend, lustig die davon gelösten

Pontons mit fortnahm, während ich mit Entzücken das Knirschen hörte, mit

dem der Koloß sich sicher auf die Steinunterlage bettete. Aber Sie

werden verstehen, daß ich mich nie so gehoben und so klein zugleich

gefühlt habe, wie damals, als meine Rivalen zu mir auf die Röhre

kletterten und mir die Hand drückten.“

Heute, wo man im beruhigenden Besitz jahrzehntelanger Erfahrungen ist,

werden derartige Arbeiten ohne Erregung und ohne Hochgefühle erledigt.

Das Einschwimmen eines neuzeitlichen Brückenbogens, und zwar auf der

Donau bei Passau, zeigt unser Bild 96.

Die Britannia-Brücke hat den für den Eisenbahnbetrieb recht unangenehmen

Mangel, daß es in ihrem Innern dunkel ist. Bei später errichteten

Balkenbrücken ging man daher vom vollen Balken ab; man löste ihn in

einen Gitterträger auf. Ein schönes Beispiel einer solchen

Gitterbalken-Bauart ist die große Weichselbrücke bei Dirschau, durch

deren Errichtung im Jahre 1857 in Verbindung mit der ganz gleichartig

gestalteten Nogatbrücke bei Marienburg der bis dahin durch die tiefen

Flußtäler unterbrochene Schienenstrang von Königsberg nach Schneidemühl

und Kreuz endlich geschlossen wurde.

Auch die Dirschauer und Marienburger Brücken von 1857, neben denen heute

schon neue Bauwerke stehen, sehen noch recht schwerfällig aus. Bei ihrem

Anblick hat man nicht das Gefühl, das jede gutgebaute neuzeitliche

Brücke im Beschauer auslöst, nämlich das eines vollständigen

Gleichklangs, die Empfindung, daß all die zahllosen Träger und Stangen

sämtlich dort stehen, wo wirklich Kräfte auftreten, und daß sie

Abmessungen haben, die der Größe dieser Kräfte in jedem Augenblick

entsprechen. Die später geschaffenen Ausleger- und Bogenbrücken sind mit

viel weniger Eisen gebaut, und sie erscheinen dem Auge doch weit

zuverlässiger und fester.

[Abbildung: 89. _Eisenbahnbrücke über den Firth of Forth in Schottland_

Die weitest gespannte Auslegerbrücke]

Die weitest gespannte Auslegerbrücke auf der Erde, zugleich eines

der mächtigsten Eisenbauwerke, das jemals errichtet wurde, ist die

Brücke über den Firth of Forth bei Queensferry in Schottland. Sie

schließt die Hauptstadt Edinburg über die einem Meeresarm gleiche,

weit gedehnte Mündung des Forth-Flusses hinweg an das Eisenbahnnetz

Nordost-Schottlands an.

Die Entstehungsgeschichte der in den Jahren 1883-90 errichteten

Forth-Brücke hängt eng mit der Geschichte einer anderen schottischen

Eisenbahnbrücke zusammen.

Über den etwas weiter nördlich liegenden, schmaleren Firth of Tay war

schon in den siebziger Jahren eine Eisenbahnbrücke gespannt worden. Ihr

damals ob der Kühnheit seines Werks viel bewunderte Erbauer, _Bouch_,

hatte für die Stützpfeiler sehr viel Gußeisen verwenden müssen, das, wie

wir wissen, kein zuverlässiger Brückenbaustoff ist. Ein anderer

englischer Ingenieur, John _Fowler_, warnte häufig davor, diesem Bauwerk

zu trauen. Bevor die Brücke noch irgendeinem andern Mißtrauen einflößte,

hatte dieser kluge Mann ihre Schwäche so genau erkannt, daß er seinen

Familienmitgliedern strengstens verbot, mit der Eisenbahn über den Tay

zu fahren.

Und er sollte nur allzu sehr recht behalten. In der Nacht zum 28.

Dezember 1879 brach Bouchs Brücke bei einem Orkan plötzlich zusammen,

als gerade ein Zug darüber fuhr. Die Mittelbogen stürzten mit dem Zug

ins Wasser. Es ist dies der folgenschwerste Unglücksfall, der sich je

auf einer Eisenbahnstrecke ereignet hat; 200 Menschen kamen dabei ums

Leben.

Das furchtbare Begebnis ist von Theodor Fontane in seinem berühmten

Gedicht „Die Brück’ am Tay“ behandelt worden, und der Dichteringenieur

Max _Eyth_ hat es in seinem schönen Buch „Hinter Pflug und Schraubstock“

unter der Überschrift „Berufstragik“ ausführlich beschrieben. Er erzählt

da, wie er zusammen mit dem alten Brückenwärter in wütendem Sturm und

dunkler Nacht die Brücke abschreitet, nachdem die Vermutung aufgetaucht

war, daß auf dieser ein Unglück geschehen sei:

„Es war kein Kinderspiel, dieser Gang. Zum Glück hatten wir vollauf mit

uns zu tun, so daß wir kaum an das Unglück denken konnten, das uns

vorwärts trieb.

„Knox ging voraus, drehte sich aber um, so oft er ein paar Dutzend

Schritte gemacht hatte, um mir zu leuchten. Ich folgte ihm stetig und

langsam, vor jedem Schritt versuchend, ob ich fest genug stand, um dem

wechselnden Luftdruck Trotz bieten zu können.

„Wir hatten so den Brückenkopf erreicht. Zwischen seinen monumentalen

Granitblöcken war man etwas geschützt und konnte aufatmen. Dann traten

wir auf die Brücke, indem wir uns mit beiden Händen an dem luftigen

Eisengeländer anklammerten und daran fortarbeiteten. Unser Steg war die

etwa drei Fuß breite Dielung, die nach der Innenseite der Brücke an die

linksseitige Bahnschiene anstieß. Dies war die gefährlichere Seite, denn

zwischen den Schienen und den bloßliegenden Schwellen gähnte der

schwarze Abgrund, und der Wind blies uns mit boshaften Stößen in diese

Richtung. Nach der andern Seite hatten wir wenigstens das Geländer und

den Winddruck zu unserm Schutz.

„Gut war es, daß der Blick nicht in die Tiefe dringen konnte, wo ein

zischender Lärm die hereinbrechende Sturmflut ankündigte. Auf

Augenblicke nur sah man dort unten weiße Flocken blinken, ohne

abschätzen zu können, ob sie sich ganz nahe oder turmtief unter uns

bewegten. Das waren die Schaumkronen der sturmgepeitschten Wellen. Über

uns war die Nacht ein Wühlen und Wallen, ein Sausen und Seufzen, ein

Klatschen und Krachen, als ob der wilde Jäger und der fliegende

Holländer sich in den Haaren lägen. Aber wir kamen vorwärts, Schritt für

Schritt. Die Brücke zitterte fühlbar, aber sie stand noch. Wenn es so

fortging, konnte vielleicht alles gut werden.

„Da nach zwanzig Schritten das Ufer in undurchdringlicher Finsternis

versunken war, und uns das gleiche, bleierne Schwarz entgegenstarrte,

zählte ich die Pfeiler, über die wir kamen, um ungefähr zu wissen, wo

wir uns befanden. Es war dies möglich, obgleich sie nicht zu sehen

waren, weil das Geländer auf jedem Pfeiler von einem höheren,

reichornamentierten Pfosten getragen wurde, der uns sozusagen durch die

Finger ging. So wußte ich, wie langsam wir vorwärts kamen, und nachdem

wir fünf, sechs Pfeiler hinter uns hatten und über einer scheinbar

unendlichen See hingen, die einförmig, unablässig, in schwarzer Wut

unter uns toste, gewöhnte ich mich an unsern krebsartigen Gang und fing

an, mich über meine kalt werdenden Hände zu ärgern, wie wenn es eine

alltägliche Beschäftigung wäre, so in die unergründliche Nacht

hinauszuklettern. Auch ging es nach jedem Pfeiler rascher. Ich glaube,

ich wäre förmlich munter geworden, wenn nicht das leise, unheimliche

Zittern der Brücke mich von Zeit zu Zeit daran erinnert hätte, daß wir

auf einem Todesgang begriffen waren.

„Jetzt hörte man aus weiter Ferne den hartklingenden Schlag eines Eisens

-- jetzt wieder. Dies war unerklärlich, unnatürlich. Ich hielt an und

lauschte, hörte dann aber nur das Pfeifen des Windes und das dumpfe,

summende Zischen des Wassers unter meinen Füßen. Weiter!

„Da plötzlich war die Schattengestalt meines Vordermanns verschwunden.

Das Geländer, das ich jetzt auf dreißig Meter ganz deutlich sehen

konnte, war leer. Er konnte doch nicht abgestürzt sein. Ich schrie laut:

‚Knox! Knox!‘ Keine Antwort. Ich ließ jetzt selbst das Geländer mit der

Rechten los und lief vorwärts, so schnell ich konnte. ‚Knox! Knox!!‘

[Abbildung: 90. _Pfeiler der Forthbrücke im Bau_]

„Nein, er war nicht abgestürzt. Dort saß er auf dem Bretterboden, die

Beine über den Schienen zwischen den Schwellen herabhängend, die Arme

auf den Knien, den Kopf auf den Armen, wie ein Igel, der sich

zusammengerollt hat.

[Abbildung:

Aus Kohl: „Beschreibung der Göltzsch-, Elstertal- und

Britannia-Röhrenbrücke“

91. _Göltzschtalbrücke im sächsischen Vogtland_

auf der Eisenbahnstrecke Leipzig-Hof]

„Er richtete sich ein wenig auf und deutete mit dem linken Arm nach

vorwärts.

„Zum erstenmal, seit wir auf dem Wege waren, zerriß das Gewölke unter

der dünnen Mondsichel und ließ einen grellgrünlichen Fleck des Himmels

erscheinen. Man sah mit einemmal ziemlich weit nach allen Seiten. Es

war, als stünde man in der Mitte einer Zauberkugel, tief unter uns in

einem dämmerigen Kreis die schaumbedeckte See, um uns bestimmt und klar

die Schienen, die Schwellen, das Geländer, vor uns, plötzlich scharf

abgeschnitten, das Ende der Brücke, das ins leere Nichts hinausragte.

„Ich ging noch zwanzig Schritte vorwärts, fast ohne zu denken, einem

qualvollen Drange folgend, der mich weitertrieb. Dann klammerte ich mich

wieder mit beiden Händen ans Geländer und sah in das dunstige Blau

hinaus, wo noch vor zwei Stunden die riesigen, tunnelartigen

Gitterbalken begonnen hatten. Sie waren verschwunden, spurlos

weggeblasen.

„In weiter, weiter Ferne sah man die Brücke wieder, das Ende, das vom

Nordufer der Bucht kam, wie einen schlanken senkrechten Pfahl, der hoch

aus dem Wasser emporragte. Zwischen diesem Ende und dem unsern war eine

leere Strecke, fast ein Kilometer breit, über die in ungestörter Kraft

und Freiheit das heraufstürmende Meer hinwogte. Nur eine Reihe weißer

Punkte bezeichnete über die Wasserfläche weg die Linie der einstigen

Brücke. Es war die Brandung, die an den Resten der verschwundenen

Pfeiler aufschäumte.

„Ich zählte sie mechanisch, ohne zu denken. Zwölf! Ich wußte, dies war

die Zahl der großen Pfeiler, auf denen der höhere Teil der Brücke geruht

hatte. Wenn ich träumte, so träumte ich mit entsetzlicher

Folgerichtigkeit. So mußte es gekommen sein. Die ganze Länge der

hochliegenden Gitterbalken war eingestürzt.“

[Abbildung:

Erbaut von der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg

92. _Eisenbahnbrücke über die Isar bei Großhesselohe_

1912 durch ein neues Bauwerk ersetzt]

Derselbe Bouch, dessen Werk unter so erschütternden Umständen vernichtet

wurde, hatte auch einen Entwurf für die Forth-Brücke gemacht, der dann

glücklicherweise nicht zur Ausführung kam. Fowler konnte nachweisen, daß

auch dieser Plan schwere Fehler enthielt. Ihm wurde dann zusammen mit

Benjamin _Baker_ das große Werk der Überquerung des Forth-Busens

übertragen.

Die Gestaltung der Brücke ist höchst eigenartig; sie hat nicht

ihresgleichen auf Erden. Die Mittelstücke der gewaltigen Bogen sind

infolge einer eigenartigen Anordnung der Ausleger ganz schwach

durchgebildet, was einen geradezu abenteuerlichen Eindruck macht. Die

ganze Forth-Brücke ist 2470 Meter lang. Die Spannweiten der beiden

Mittelöffnungen betragen je 541 Meter. Die Schienen liegen etwa 50 Meter

über dem Wasserspiegel. Die Pfeiler erreichen eine Höhe von 100 Metern.

Die Gesamtbaukosten, einschließlich der Anschlüsse an die vorhandenen

Bahnstrecken, haben 3 367 625 Pfund Sterling, das sind 67 352 500 Mark,

betragen. 50 Millionen Kilogramm Eisen sind für das Bauwerk verbraucht

worden.

[Abbildung:

Erbaut von der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg

93. _Ein kühner Brückenbau_

Gerüstfreie Herstellung des Mittelbogens bei der Eisenbahnbrücke über

den Inn bei Königswarth]

Fast alle größeren Eisenbahnbrücken in Deutschland sind in Eisen

ausgeführt. Eine der an Zahl äußerst geringen Ausnahmen macht die

Brücke, welche seit dem Jahre 1851 die Eisenbahnstrecke von Leipzig nach

Hof über das Göltzschtal trägt. Ihre kleinen, in Stockwerken

übereinandergestellten Bogen erinnern an die Wasserleitungsbauten der

Römer. 1500 Arbeiter sind bei ihrer Herstellung fünf Jahre lang tätig

gewesen.

Die Beanspruchung jedes auf zwei Pfeilern liegenden Brückenteils durch

die Belastung ist in der Mitte am stärksten. Der gerade durchgeführte

Gitterbalken entspricht darum nicht den tatsächlichen Verhältnissen.

Weit mehr kommt diesen ein Balken mit gekrümmten Gurtungen nahe, wie ihn

unter den Ersten die Erbauer der Isarbrücke bei Großhesselohe für die

Eisenbahnstrecke München-Holzkirchen angewendet haben.

Dieses Bauwerk, das schon sehr feine, dem Auge wohlgefällige Linien

aufwies, ist im Auftrag der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg im Jahre

1857 von _Pauli_ errichtet worden. Die Bauaufsicht führte damals

Heinrich _Gerber_, der Erfinder des nach ihm benannten, für den

Brückenbau noch heute wichtigen Gerberbalkens. Als die Tragfähigkeit

dieser Brücke für die stark gestiegenen Zuggewichte nicht mehr

ausreichte, wurde sie im Jahre 1912 abgebrochen und durch eine neue

ersetzt. Die geschichtliche Wichtigkeit dieses hervorragenden deutschen

Bauwerks ist dadurch geehrt worden, daß einzelne Teile aus den eisernen

Bogen herausgeschnitten und im Deutschen Museum für Meisterwerke der

Naturwissenschaft und Technik in München aufgestellt worden sind.

Kühner noch als das Einschwimmen fertiger Brückenteile ist das

heutzutage nicht selten angewendete Freibauverfahren. Es ist an manchen

Stellen nicht möglich, Stützgerüste für die Brücken aufzubauen. Die

Träger müssen alsdann von den Seiten frei vorgestreckt werden, und sie

schweben während dieser Zeit, bis die beiden Teilstücke einander

getroffen haben und verbunden sind, in geradezu beängstigender Weise

frei in der Luft. Nur eine ganz genaue Beherrschung des Baustoffs und

eindringliche Kenntnisse der auftretenden Beanspruchungen ermöglichen

diese kühne Bauweise.

Sie ist auch bei der Errichtung des mächtigsten deutschen

Eisenbahnbauwerks, der Kaiser Wilhelm-Brücke über das Wuppertal bei

Müngsten, im Zuge der Strecke Solingen-Remscheid, angewendet worden. Der

Mittelbogen hat hier eine Spannweite von 170 Metern, der Scheitel des

Bogens liegt nicht weniger als 107 Meter über dem tief eingeschnittenen

Flußtal. Als die Brücke 1897 fertig war, stellte sie die weitest

gespannte Bogenbrücke auf dem europäischen Festland dar. Die

Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg hatte durch ihre Herstellung der

deutschen Eisenbaukunst ein besonders glänzendes Zeugnis ausgestellt.

Heute führt über den Viaurfluß in Frankreich eine Brücke, deren

Mittelbogen 230 Meter weit gespannt ist.

Wenn eine Brücke so tief über das Wasser gelegt werden muß, daß der

Schiffsverkehr darunter nicht unbehindert stattfinden kann, so ist es

notwendig, das Bauwerk beweglich zu machen. Man muß imstande sein, den

Schiffen jederzeit eine Durchfahrt von ausreichender Breite freizugeben.

Es kann dies durch drei verschiedene Verfahren geschehen. Die Brücke

wird entweder in ihrer ganzen Erstreckung wagerecht emporgehoben, also

gleich einer Hebebühne bewegt; sie wird aufgeklappt, indem die Fahrbahn

um eines der Endlager schwingt, oder sie wird auf einem Mittelpfeiler

gedreht, so daß zu dessen beiden Seiten Durchfahrten frei werden.

[Abbildung:

Erbaut von der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg

94. _Die weitest gespannte Bogenbrücke in Deutschland_

Kaiser Wilhelm-Brücke über das Wuppertal bei Müngsten]

[Abbildung: 95. _Freibau an einem Bogen der Müngstener

Eisenbahnbrücke_]

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 16 / 60 段