Recht sorgfältig wird man bei der Linienfeststellung auch darauf zu

achten haben, wie oft Landstraßen und sonstige bedeutendere Wege

gekreuzt werden müssen. In einem solchen Fall ist jedesmal zu überlegen,

ob Überkreuzung in Schienenhöhe zulässig ist, oder ob die Bahn mit einer

Über- oder Unterführung fortzuleiten ist. Die Sonderbauten an

Wegekreuzungen verursachen jedesmal recht erhebliche Kosten, aber auch

die Kreuzung in Schienenhöhe ist oft nicht billig, weil häufig größere

Verlegungen der alten Wege notwendig sind. Um den Fahrzeugen und

Fußgängern auf der Landstraße das Überblicken der Bahnstrecke zu

erleichtern, dürfen die Wege nicht in scharfem Winkel auf diese

zulaufen. Die Kreuzung hat vielmehr möglichst unter einem rechten Winkel

zu erfolgen. Das macht Geländeerwerbungen sowie manche schwierige

Bauausführung notwendig, und aus allen diesen Gründen kann man darum

auch Wegkreuzungen als abstoßende Pole bezeichnen.

Wo Wasserläufe gekreuzt oder berührt werden, ist die Bahn so zu führen,

daß sie vollkommen hochwasserfrei daliegt. Durch Erkundigungen muß

festgestellt werden, wie die Läufe sich zur Hochwasserzeit verhalten;

danach ist die Höhe der Bahnkrone und die Weite der Durchlässe zu

berechnen. Einen vielfach gekrümmten Wasserlauf, der die Strecke häufig

durchschneidet, überwindet man unter Vermeidung der sonst erforderlichen

zahlreichen Brücken manchmal dadurch, daß man ihn begradigt und ganz an

die eine Seite des Bahnkörpers legt. Das läßt sich häufig aber nicht

ohne weiteres ausführen, da die Vorflutverhältnisse der anliegenden

Ländereien mit in Betracht gezogen werden müssen, das heißt das Recht

der Anlieger, Abfallwässer oder solche aus Trockenlegungsleitungen in

den Lauf hineinzuführen.

Weiter ist bei den Vorarbeiten eine ungemein große Anzahl von Dingen zu

erwägen. In Preußen z. B. wird man auch alle in der Nähe der geplanten

Linie stehenden Gebäude anmerken müssen, die mit Stroh und Schindeln

gedeckt sind. Denn wegen der Gefahr, daß diese Dachbedeckung durch

Funkenflug von der Lokomotive in Brand gesetzt werden kann, müssen

solche Häuser vor Inbetriebnahme der Bahn umgedeckt werden, wenn sie

nicht mindestens im Abstand der anderthalbfachen Dammhöhe vermehrt um 38

Meter von der nächsten Schiene stehen.

Am besten ist es, wenn man die Bahn auf festen, tragfähigen und

trockenen Boden legen kann. Auch die sonstige geologische Beschaffenheit

der Umgebung ist wichtig, weil der Bahnbau sehr verbilligt wird, wenn

die notwendigen Steine und der Baustoff für die Bettung in großer Nähe

gewonnen werden können. Desgleichen müssen in gewissen Abständen Quellen

erschließbar sein, damit das notwendige Wasser für die Speisestellen der

Lokomotiven herangeschafft werden kann.

Als zeichnerische Grundlage für die Darstellung des Ergebnisses der

allgemeinen Vorarbeiten benutzt man die beste Übersichtskarte der

Gegend, die zu haben ist. In Deutschland kommen hierfür hauptsächlich

die sogenannten Meßtischblätter der Generalstabskarten in Betracht, die

im Maßstab von 1 : 25 000 hergestellt sind, also fast jede Einzelheit

enthalten. Sonst muß man sich mit den weniger gründlichen

Generalstabskarten in den Maßstäben von 1 : 50 000 oder 1 : 100 000

begnügen. Selbstverständlich ist durch Berechnungen und Nachmessungen

der augenblickliche Zustand aufs sorgfältigste festzustellen.

Zur Erlangung der endgültigen Genehmigung sind Pläne einzureichen, in

welche die Längs- und die Höhenlage der Bahn aufs genaueste einzutragen

sind. Ferner müssen alle baulichen Anlagen wie Brücken, Durchlässe,

Über- und Unterführungen, Wegeübergänge, Bahnhöfe, Haltestellen usw.

genau angegeben werden. Ein Erläuterungsbericht, eine Denkschrift,

Ertragsberechnung und ein Kostenüberschlag sind beizufügen; der

letzte muß alle Fragen eines feststehenden Musterblatts beantworten,

damit nichts vergessen werden kann. Bevor die Genehmigung erteilt

wird, sind die Wünsche der Verwaltungen von etwa in der Nähe liegenden

Bergwerken, der beteiligten Forstbehörden, der Domänenverwaltungen,

der Moorkulturausschüsse, der Garnisonverwaltungen und der

Festungsbaubehörden zu hören.

Erst wenn die wirkliche Baugenehmigung erteilt ist, beginnen die

ausführlichen Vorarbeiten, die zu einer genauesten Festlegung der

Strecke auf Karten in dem ungeheuren Maßstab von 1 : 2500 führen. Es

werden jetzt die endgültigen Vermessungen vorgenommen, und die Strecke

wird durch Einschlagen von Pfählen in der Mittellinie der künftigen

Bahnkrone in Entfernungen von je hundert Metern genau festgelegt. Im

Anschluß daran können die eigentlichen Bauarbeiten beginnen.

11. Die Erdveste

Auch bei der Fahrt von Berlin nach Halle wird der aufmerksame Reisende

bemerken, daß die Bahnstrecke nur äußerst selten in Einer Ebene mit den

angrenzenden Ländereien liegt.

Das ist hier ebensowenig möglich wie bei irgendeiner andern Linie, da

die Erdoberfläche durch ihre Wellenform ja fortwährend von der Ebene

abweicht, während die Bahn, wie wir wissen, die flache Gestaltung nach

Möglichkeit anzustreben hat. So findet man denn auf jeder

Eisenbahnstrecke eine fast ununterbrochene Folge von Einschnitten und

Anschüttungen; es wechseln, wie der Fachmann sagt, Abtrag und Auftrag

ständig miteinander ab.

Es ist die Aufgabe des _Unterbaus_, die Unebenheiten des Geländes

auszugleichen. Beim Aufsuchen einer neuen Linie wird man auch dies in

Betracht ziehen müssen, denn der Unterbau wird sich dann am billigsten

stellen, wenn Auftrag und Abtrag einander ergänzen, wenn man das an

einem Einschnitt gewonnene Erdreich in geringer Entfernung gleich wieder

zur Errichtung eines Damms verwenden kann. Nicht immer ist solch ein

Massenausgleich möglich, er bleibt jedoch stets erstrebenswert.

Die eigentliche Fahrbahn und ihre Befestigungen ruhen größtenteils auf

einem Erdkörper. Dieser Stoff für den Unterbau ist auch am meisten

erwünscht, da er billig zu haben ist und seine Nachgiebigkeit ein

angenehmes Fahren ermöglicht. Wo sich tiefere Einschnitte im Gelände

befinden, wie bei der Kreuzung von Flußtälern, oder wo sie künstlich

geschaffen werden müssen, wie bei Wegeunterführungen, besteht der

Unterbau aus Stein und Eisen oder ähnlichen haltbaren Baustoffen wie

Beton. Außer auf den Brücken fehlt der Erdkörper meist auch in

Felsdurchstichen und Tunneln, wo dann der Oberbau auf den gewachsenen

Fels aufgelegt wird.

Die Breite der durch den Unterbau herzurichtenden Bahnebene wird durch

die für den Oberbau notwendigen Maße bestimmt, über die ausführlicher in

Abschnitt 13 gesprochen werden wird. Hier seien nur einige wenige

Angaben vorausgenommen.

[Abbildung: 79. _Erdkörper mit Oberbau_

~A B~ Kronenbreite, ~H~ Bettungshöhe, ~C D~ Bahnkrone]

Man bezeichnet die Linie ~A B~ auf unserem Bild 79, das einen Schnitt

durch Oberbau und Erdkörper darstellt, mit Kronenbreite. Sie ist durch

die Unterkante der Schienen bis zum Schnitt mit den verlängert gedachten

Seitenkanten des Unterbaus gezogen. Der Abstand zwischen der Oberkante

des Unterbaus und der Unterkante der Schwellen, ~H~, heißt Bettungshöhe.

Die Fläche ~C D~ heißt die Bahnkrone. Die Neigungen der unter ~A~ und

~B~ den Unterbau begrenzenden Flächen gegen die Wagerechte zu ihren

Füßen wird der Böschungswinkel genannt. Der Abstand der Schnittpunkte

~A~ und ~B~ von der Mitte der nächsten Geleise hat bei Hauptbahnen

mindestens zwei Meter zu betragen, damit die Bettung noch mindestens 50

Zentimeter über die Schwellenenden hinausgeführt werden kann. Für

scharfe Krümmungen und hohe Dämme wird von der Bauordnung eine

Verbreiterung der Bahnkrone empfohlen. Die Bettungshöhe ~H~ hat bei

Hauptbahnen mindestens 20 Zentimeter zu betragen.

Aus diesen Zahlen läßt sich die Kronenbreite für eingeleisige Bahnen

ohne weiteres ermitteln. Für mehrgeleisige Strecken sind noch einige

weitere Angaben notwendig. Der Abstand der Mitten zweier benachbarter

Geleise auf freier Strecke muß bei Hauptbahnen mindestens 3,50 Meter

betragen. Dies Maß gilt jedoch nur für zwei zusammengehörige Geleise.

Sobald noch ein weiteres oder mehrere hinzukommen, ist der nächste

Abstand der Gleismitten nicht unter 4 Metern zu bemessen. Auf Bahnhöfen

und Haltestellen ist ein Gleismittenabstand von 4,50 Meter

vorgeschrieben; dort, wo Bahnsteige eingelegt werden, muß dieses Maß

mindestens 6 Meter betragen.

Die Grundlage für diese letzten Bestimmungen bildet die festgelegte

„Umgrenzung des lichten Raums“, das heißt derjenige gedachte Querschnitt

durch den Luftraum über der Schienenoberkante, der unbedingt überall

freigehalten werden muß. Eine Verkörperung dieses nur gedachten

Querschnitts hat jeder Reisende schon einmal gesehen. Auf jedem

Güterbahnhof steht über einem der Geleise ein rechteckiges eisernes Tor,

von dessen oberster Kante Kugeln an verschieden langen Ketten oder ein

vielfach gekrümmter Bügel hinunterhängen. Dieser leicht bewegliche Bügel

oder die gebrochene Linie, durch die man sich die untersten Punkte der

Kugeln verbunden denken kann, stellen die Umgrenzung des lichten Raums

in seinem oberen Teil dar. Hochbepackte Güterwagen, von denen man

fürchtet, daß ihre Ladung an irgendeiner Stelle über die

Umgrenzungslinien hinausragen könnte, werden durch diese Tore

hindurchgefahren, um zu sehen, ob hierbei das Joch oder eine der Kugeln

ins Schwanken gerät. Wenn das der Fall ist, muß die Form der Ladung

geändert werden, damit diese bei der Fahrt nicht an Brückenträger oder

Tunnelwände anstoßen kann, die oft vom Gleis nicht weiter abstehen, als

eben die Umgrenzung des lichten Raums vorschreibt.

Der Abstand der Gleismitten ist so groß gewählt, damit ein verderblicher

Anprall auch dann nicht stattfinden kann, wenn zwei Züge einander auf

freier Strecke begegnen, während vielleicht gerade eine Tür offensteht.

Bei den ~D~-Wagen, die zur Unterbringung des Gangs breiter sind als die

andern Eisenbahnfahrzeuge, sind die Türöffnungen in der bekannten

eigentümlichen Weise etwas eingezogen, weil sonst die erwähnte

gefährliche Berührung doch stattfinden könnte.

[Abbildung: 80. _Eisenbahndamm im Einschnitt mit Sickerkanal für das

Niederschlagswasser_]

[Abbildung: 81. _Verdrückungen im Erdkörper_

hervorgerufen durch Schwellenpressung auf wasserundurchlässigem Boden]

Jeder Unterbau ist so hoch auszuführen, daß die Bahnkrone wenigstens 60

Zentimeter über dem höchsten, erfahrungsgemäß jemals zu erwartenden

Hochwasserstand liegt. Die Festigkeit der Strecke wird jedoch nicht nur

durch das auf dem Boden ruhende oder fließende Wasser bedroht, sondern

auch von den Niederschlägen. Damit die hölzernen oder eisernen Schwellen

eine möglichst lange Lebensdauer haben, ist es notwendig, ihre Umgebung

so trocken wie nur irgend möglich zu halten. Aus diesem Grund werden sie

stets in eine wasserdurchlässige Schicht, in die Bettung aus kleinen

Steinen oder Kies, gelegt. Das niedergehende Wasser dringt sofort durch

diese hindurch und fällt auf die Oberfläche des Unterbaus. Hier muß es

stets leicht abfließen können. Deshalb darf diese Fläche niemals

muldenförmig oder auch nur wagerecht gestaltet sein, sondern sie muß

Neigungen nach beiden Seiten haben.

[Abbildung:

Aus „Eisenbahntechnik der Gegenwart“

82. _Bettung mit Packlage, hergestellt_ 1879]

[Abbildung:

Aus „Eisenbahntechnik der Gegenwart“

83. _Derselbe Bettungskörper im Jahre_ 1888

Der Erdkörper ist verdrückt; die Packlage hat sich in der Bettung

verstreut]

Durch solche Abdachungen sind ein- und zweigeleisige Strecken auf Dämmen

ziemlich leicht zu entwässern. Liegt die Bahn jedoch in einem

Einschnitt, wo das Wasser nicht zur Seite abfließen kann, oder ist die

Dammkrone sehr breit, weil sie mehrere Geleise zu tragen hat, so kommt

man mit den einfachen Abdachungen nicht mehr aus. Es müssen vielmehr

besondere Entwässerungseinrichtungen geschaffen werden, z. B. ein

Sickerkanal in der Mitte, dem alles durch die Bettung dringende Wasser

zufließt und der mit einer Neigung in der Bahnrichtung bis zum Ende des

Einschnitts geführt ist; dort kann das Wasser nun zur Seite ablaufen.

Auf Bahnhöfen sind oft sehr umfangreiche Entwässerungsanlagen zum

gleichen Zweck notwendig. Zum Auffangen des von der Bahnkrone

ablaufenden Wassers ist jede Strecke fast stets auf beiden Seiten von

Abzugsgräben begleitet.

Die Böschungen tiefer Einschnitte können sehr leicht durch

herabstürzendes Wasser beschädigt werden. Aus diesem Grund legt man

meist droben an der Böschungskante einen Graben an, der wenigstens das

vom angrenzenden Land zufließende Wasser auffängt und verhindert, daß

auch dieses über die Böschungswände hinunterläuft.

[Abbildung: 84. _Frostsichere Bettung_

Sehr hoher Bettungskörper zur Verhütung von Frosteinwirkung auf die

Bahnkrone]

Besonders gefährlich wird das Wasser bei solchen Unterbauten, die nicht

aus durchlässigem Sand, sondern aus Lehm oder Ton bestehen; dieser

quillt beim Feuchtwerden leicht auf und wird dann locker. Ein solcher

aufgeweichter Boden gibt dem Druck der über ihm liegenden Schwellen

allmählich nach, und es bilden sich unter diesen in der zuerst ganz

glatten Dammkrone muldenförmige Vertiefungen. Wenn diese Eindrückungen

anfangs auch nur klein sind, so wachsen sie doch verhältnismäßig rasch

an, weil sie sogleich Sammelbecken für das Wasser bilden, das fortab

noch gründlicher seine schädliche Einwirkung üben kann.

Auch der Frost wirkt auf einen solchen Unterbau in zerstörender Weise

ein, indem das häufig gefrierende Wasser den Boden auflockert. Man hat

versucht, durch Packlagen aus Steinen solche schädlichen Einwirkungen zu

vermeiden, aber das ist nicht gelungen. Bild 82 zeigt, nach der

„Eisenbahntechnik der Gegenwart“, eine zweigeleisige, mit eisernen

Langschwellen ausgerüstete Bahnstrecke in einem Toneinschnitt, die im

Jahre 1879 mit solcher Packlage versehen wurde. Schon neun Jahre später

hatte sich die Krone arg verdrückt, und die Steine waren infolge der

wechselnden schweren Stöße der über die Schienen rollenden Fahrzeuge

durch die ganze Bettung verstreut. Weit besser wirkt die Anbringung

einer sehr kräftigen Bettung, die oft über einen Meter hoch wird, aber

nun den Tonboden vor Angriffen des Frosts sichert und das Wasser nur so

langsam hindurchlaufen läßt, daß es Zeit hat, über die Abdachungen nach

den Seiten abzufließen.

Die Gestaltung der Dammquerschnitte und ebenso der

Einschnitt-Umgrenzungen ist abhängig von der Art des aufgehöhten oder

angeschnittenen Bodens. Die Böschungswinkel können bei lehmfreiem Sand

oder Kies steiler sein als bei Tonboden oder Lehm. Die Größe der

Böschungswinkel spielt keine geringe Rolle für die Anlagesumme einer

Bahn, da bei sehr breit ausladenden Böschungen weit mehr Gelände

erworben werden muß, als wenn man steil hinab- oder hinaufgehen kann.

Darum schreitet man bei allzu wenig haltbarem Boden oft dazu, die

Erdböschungen durch Mauern zu ersetzen. Der Augenblick hierfür ist

gekommen, wenn die Kosten, die durch das Aufführen der Mauern entstehen,

übertroffen werden von den Ersparnissen beim Landerwerb, oder wenn gar

das Abbrechen von nahe am Bahnkörper stehenden Häusern hierdurch

vermieden werden kann. Erdböschungen werden stets sofort besät, damit

das wachsende Gras oder Buschwerk Abspülungen verhindert.

Dem Unterbau zuzurechnen sind auch die Anlagen zum Schutz des der Bahn

naheliegenden Geländes gegen Feuer und der Bahn selbst gegen

Schneebedeckungen.

Die aus dem Schornstein der Lokomotive trotz mancher Vorkehrungen doch

immer wieder hinausgeschleuderten glühenden Kohleteilchen bilden eine

ständige Gefahr. Daß mit Stroh oder Schindeln bedeckte Häuser in Preußen

nicht in der Nähe einer Bahnstrecke stehen dürfen, wurde bereits

erwähnt. Arg bedroht sind aber auch die Wälder. Erfahrungsgemäß

entsteht ein Waldbrand fast stets dadurch, daß die trockene

Bodenbedeckung zu brennen beginnt, woraus sich dann ein geschwind

vordringendes Lauffeuer entwickelt. Die Baumkronen werden fast niemals

zuerst vom Feuer ergriffen. Es ist deshalb vorgeschrieben, daß überall

dort, wo die Bahn durch Wald, Heide oder trockenes Moor gelegt ist, ein

Streifen zu beiden Seiten der Strecke wund, das heißt von

Bodenbewachsung freigehalten werden muß. Um die Ausbreitung eines

trotzdem immer noch möglichen Brands zu verhüten, werden durch Wälder,

in denen brennbares, geschlagenes Holz lagert, vertiefte Wundstreifen

gezogen, die von den Flammen nur schwer überschritten werden können.

Der Funkenwurf der Lokomotive ist besonders lebhaft, wenn die Feuerung

neu beschickt wird. Bei der Fahrt durch Wälder und an sonstigen

besonders gefährdeten Stellen ist das Nachfeuern darum möglichst zu

unterlassen. An solchen Streckenabschnitten sind die Telegraphenstangen

mit breiten weißen Bändern bemalt, die dem Heizer sagen, daß er hier nur

mit Vorsicht Kohle aufwerfen darf.

In unmittelbarer Nähe der Strecke sind die Wälder so weit zu roden, daß

nicht vom Wind umgebrochene Äste auf die Geleise fallen können.

Ein gefährlicher Feind des regelmäßigen Bahnbetriebs im Winter ist der

Schnee. Nicht die niederfallenden Flocken wirken störend, denn die ganz

vorn an den Lokomotiven angebrachten Bahnräumer können selbst eine 15

Zentimeter hohe Schneedecke bequem von den Schienen fegen. Es müssen

schon größere Massen auf den Geleisen liegen, bis die gewaltige Kraft

der vorwärtsstürmenden Lokomotive von ihnen so weit vernichtet wird, daß

der Zug stecken bleibt.

Die Stürme sind es, welche leicht wahre Schneemauern auf den Geleisen

auftürmen können. Sie raffen die auf den Feldern liegenden weißen Massen

von weit her zusammen und werfen sie in den Einschnitt. Darum ist die

Bahn dort am allermeisten gefährdet, wo der Wind über große, leere

Flächen streichen kann. In Wäldern kommen Schneetreiben nicht vor.

Bei der Anlage von Eisenbahnstrecken nimmt man von vornherein auf den

Schneeschutz sorgsam Bedacht. Man verläßt sich nicht darauf, daß nach

einem Schneetreiben Arbeitergruppen die Strecke wieder freischaufeln,

sondern man schafft Maßregeln, die nach Möglichkeit ein Verwehen der

Strecke von vornherein verhüten.

Die Schneewehe muß aufgehalten werden, bevor sie die Bahn erreicht. Das

geschieht am besten durch das Anbringen einer Schutzwehr, also von

durcheinandergepflanzten hohen und niedrigen Nadelbäumen, durch Erddämme

oder durch Zäune. Die Schutzwehr darf jedoch niemals unmittelbar an den

Rand des Einschnitts gesetzt werden. Denn gerade dicht hinter dieser

pflegen sich die Schneemassen am stärksten anzuhäufen.

Die Gewalt des Sturms wird nämlich an der Schutzwehr gebrochen, und

hinter ihr entsteht ein windstiller Streifen. Dadurch hat der Schnee

Gelegenheit niederzugehen. Es muß also ein Lagerungsabschnitt zwischen

der Schutzwehr und der Einschnittkante vorgesehen sein. Die Ermittlung

der günstigsten Höhe für die Wehr ist Aufgabe sorgfältiger Berechnungen.

Es sind recht schwierige mathematische Formeln, die hier in Anwendung

gebracht werden müssen.

Man hat auch versucht, an Stelle der Schutzwehren geneigte Leitbahnen an

den Seiten der Bahn anzubringen, die der herannahenden Schneewehe eine

solche Richtung geben sollen, daß sie unschädlich über die Geleise

hinweggeht. Die hiermit angestellten Versuche sind jedoch nicht

gelungen.

Die am häufigsten zur Schneeabwehr benutzten Zäune werden aus alten

Schwellen hergestellt, die entweder senkrecht in den Boden eingelassen

oder wagerecht übereinander zwischen geeigneten Haltern angebracht

werden. Vielfach sind auch Brettertafeln in Gebrauch, die nicht ständig

zwischen den für sie vorgesehenen Pfosten stecken, sondern, da sie

leicht zu bewegen sind, erst eingesetzt werden, wenn ein Schneetreiben

zu erwarten ist. Ihre Anwendung ist darum billig, weil man immer nur, je

nach der Richtung des Winds, die eine oder die andere Seite der Bahn

abzudecken braucht, so daß nur halbsoviel Bretterwände vorzuhalten sind

wie bei festen Zäunen. Die Einsteckpfosten müssen selbstverständlich auf

beiden Seiten vorgerichtet werden. An Stelle der Holzwehren verwendet

man auch Geflechte aus Binsen oder Weidenruten. Manche Verwaltungen

halten frei aufstellbare Bockzäune bereit.

Ein Schutz der deutschen Bahnen gegen Lawinengefahr ist nur im südlichen

Bayern notwendig. In Gebirgsländern sind zu diesem Zweck aber häufig

recht große Bauten ausgeführt, die entweder Abstürze von der Strecke

fernhalten sollen oder dafür sorgen, daß die Lawinen über die

Bahnstrecke hinübergehen. Die Bernina-Bahn z. B., die St. Moritz mit

Tirano in Italien verbindet, besitzt sehr viele solcher

Lawinen-Leitanlagen.

12. Über Täler und Berge

Die Schaffung des Eisenbahnunterbaus, die vielfach zu eintöniger

Maulwurfsarbeit zwingt, gibt an einzelnen Stellen auch Anlaß zur

Herstellung kunstvoller Bauten. Die Überführung von Strecken über tief

eingeschnittene Täler hat Werke entstehen lassen, die zu den

großartigsten Leistungen der Technik gehören. Die Kunst des

_Brückenbaus_ wäre niemals zu so hoher Vollendung gelangt, wenn die

Eisenbahn nicht die Bewältigung größter Gewichte gefordert hätte. Die

Beherrschung der Baustoffe ist hierdurch in außerordentlicher Weise

gefördert worden. Und infolge der tief eindringenden wissenschaftlichen

Erkenntnis über die wirklichen Beanspruchungen von Bauteilen schwerer

Brücken ist man dazu gelangt, auch an andern Stellen, wie bei der

Herstellung großer Hallen, Leistungen von oft schwindelerregender

Kühnheit zu vollbringen.

Auch Deutschland, das infolge seiner meist ebenen Gestaltung an ragenden

Eisenbahnbauten nicht gerade reich ist, weist eine Reihe höchst

eindrucksvoller Brücken auf. Im Jahre 1910 waren für die vollspurigen

Eisenbahnen in Deutschland 534 Brücken mit einer Gesamtlänge von

annähernd 74 Kilometern errichtet.

Die technische Kraft, durch welche es gelang, die heutigen großen

Eisenbahnbrücken in aller Welt zu schaffen, hat ihre Wurzeln so sehr in

den Anfängen der Brückenbaukunst, daß es zum besseren Verständnis der

nun erreichten Leistungen notwendig ist, den Blick ein wenig rückwärts

zu wenden.

In älteren Zeiten waren Holz und Steine die einzigen Baustoffe, die für

Brücken verwendet werden konnten. Die erste eiserne Brücke entstand in

den Jahren 1776 bis 1779 auf englischem Boden in der Nähe der Grube von

Coalebrookdale, wo zehn Jahre vorher Reynolds die ersten Schienen

gegossen hatte. Die Brücke hatte eine Spannweite von nur 31 Metern und

war aus Gußeisen gefertigt. Auf dem Festland wurde die erste eiserne

Brücke in Deutschland errichtet und zwar im Jahre 1796 in Schlesien, wo

sie heute noch das Striegauer Wasser überspannt.

Gußeisen ist jedoch für Brückenbauten ein wenig zweckmäßiger Baustoff.

Es besitzt zwar eine sehr große Druckfestigkeit, jedoch kann es Zug- und

Biegungskräften nur in geringem Maß Widerstand leisten. Als man daher

breitere Wasserläufe überbrücken wollte, wurde es notwendig, eine

Eisensorte zu benutzen, die Beanspruchungen aller Art auszuhalten

vermag.

1818-1826 baute _Telford_ die erste schmiedeiserne Brücke. Sie

überschreitet den schmalen Meeresarm zwischen der Westküste von Wales

und der Insel Anglesey, die Menai-Straße. Telford schuf hier mit einer

für die damalige Zeit außerordentlichen Kühnheit eine weitgespannte

Hängebrücke. Er mußte bei den Abmessungen der einzelnen Teile meist nach

dem Gefühl arbeiten, da zuverlässige Zahlen über die Haltbarkeit des

Eisens und Formeln zur Berechnung der Beanspruchungen noch nicht

vorhanden waren. Es wird erzählt, daß sich der Bauleiter, als das

Stützgerüst unter der Brücke weggeschlagen wurde, in das Brückenhäuschen

zurückzog, dessen Fensterläden geschlossen waren, um dort zu beten. Es

ging jedoch alles gut. Diese erste Hängebrücke der Welt bewährte sich

vortrefflich, weil sie von einem hochbefähigten Mann mit sicherem Gefühl

geschaffen worden war.

[Abbildung: 85. _Die erste eiserne Brücke_

entworfen von Abraham Darby; in Gußeisen erbaut bei Coalebrookdale in

England 1776-1779]

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 15 / 60 段