Kraftvoll und ragend stehen die großen ~D~-Wagen mit ihren einfachen,

angenehmen Formen auf dem Gleis, jeder mit einem Schild versehen,

welches das Endziel seiner Fahrt und die wichtigsten Zwischenbahnhöfe

mitteilt. Die größte Zahl der Wagen geht nach München und bestimmt damit

die Benennung des Zugs. Aber es sind auch andere eingestellt, die viel

weiterliegende Ziele zu erreichen haben. Lindau am Bodensee, Chur, das

Einfallstor für das Engadin, Innsbruck, die Schwelle für so manche

Italienfahrt, Salzburg in den Tiroler Alpen. Fest und schwer gebaut wie

Häuser, scheinen die Wagen jetzt unverrückbar auf dem Gleis verwurzelt.

Wer noch niemals eine Eisenbahn gesehen hat, vermöchte nicht ohne

weiteres zu glauben, daß diese großen Gebäude zur Fortbewegung bestimmt

sind. Am wenigsten könnte er sich wohl vorstellen, daß sie kurze Zeit

später mit atembeklemmender Geschwindigkeit weit, weit über die Lande

dahinfliegen werden. Düster ragen die vom Rauch geschwärzten Wände der

Wagen über den Bahnsteigrand empor, kalt und hart blicken die leeren

Fensteröffnungen, schweigend und einsam liegen die Gänge und Abteile da.

Doch nun wird die Sperre geöffnet. Der Bahnsteigschaffner durchschneidet

mit seiner Zange endgültig die Scheidewand, welche die Reiselustigen

noch von der lockenden Ferne abtrennt. Die freudig erregte Menge ergießt

sich strudelnd wie ein Wildbach in die Wagen. Im Augenblick ist deren

Aussehen verwandelt.

Leichte Röcke rauschen durch die Gänge, schmucke Ledertaschen und derbe,

vollgestopfte Rucksäcke füllen die Gepäcknetze, lachende Kinderköpfe

blicken überall aus den Fenstern. Zwischen den auf dem Bahnsteig

Gebliebenen und den Insassen der Wagen werden lebhafte, schnelle

Gespräche geführt. Hier und da sieht man auch einmal ein betrübtes

Gesicht, das Abschiedsschmerz um einen für lange Zeit Scheidenden

ausdrückt. Meistens aber geht ein fröhliches Geplauder herüber und

hinüber, das angenehme Gefühl des Eisenbahnfiebers vor einer

Vergnügungsreise hat alle ergriffen. Wer vermöchte sich noch

vorzustellen, daß diese reich und heiter bevölkerten Räume derselben

Wagenburg angehören, die eben kalt und einsam am Rand des Bahnsteigs

stand! Die düsteren Wände scheinen verschwunden, alles Scharfkantige der

Nutzbauten ist verwischt, man sieht nur noch ein luftiges Gehäuse zur

Aufnahme fröhlicher Menschenkinder.

Zwischen den hell Gekleideten hindurch drängt sich ein rußiger Gesell.

In der rechten Hand hält er einen langgestielten Hammer, die linke

trieft von Öl. Er mischt in die leichte Heiterkeit um den Zug den Ernst

des technischen Betriebs und schafft einen Gegensatz, der für den

nachdenklich Beobachtenden stets etwas Ergreifendes hat. Den

leichtsinnigen, jauchzenden Seelen dient ernst und mit lastendem

Verantwortungsgefühl eine andere Menschengruppe, die erst durch ihren

Ernst und ihre Arbeit jene vertrauensvolle Heiterkeit möglich macht. Der

Mann mit dem Hammer ist der Wärter, dem die Aufgabe obliegt, jedes Rad

unter den Wagen noch einmal daraufhin zu prüfen, ob es zuverlässig und

in Ordnung ist. Tönt der Hammerschlag hell auf dem Reifen, so ist man

sicher, daß er keinen Sprung hat und nach aller menschlichen Voraussicht

imstande sein wird, das gewaltige Gewicht des Wagens trotz der

furchtbaren Stöße auf den Schienen bis zum Endpunkt der Fahrt zu tragen.

Zugleich hebt der Wärter an jeder Achse den Verschlußdeckel des

Ölbehälters empor, um zu sehen, ob genügend Schmierstoff eingefüllt ist,

so daß keine der Achsen Gefahr läuft, sich unterwegs allzusehr zu

erhitzen.

Kurz hinter ihm schreitet der kräftige, schnurrbärtige Zugführer, mit

der roten Tasche um den soldatisch stramm aufgerichteten Leib, den Zug

entlang und verzeichnet in einem Dienstbuch die Nummern der Wagen, die

seiner Obhut anvertraut sind.

Der Schatten der Bahnhofshalle schneidet mit Messerschärfe in der Mitte

des vorletzten Wagens ab. Der Vorderteil des langen Zugs steht schon

außerhalb der Wölbung in der brennenden Sonne. Noch aber fehlt dem

Ganzen der Kopf. Die Lokomotive ist noch nicht vorgefahren.

Da kommt sie langsam und majestätisch mit dem Tender voran

herbeigerollt. Der Kuppler springt zwischen die Puffer des ersten

Wagens, der Heizer, der sich weit aus dem Fahrstand der Maschine

herausgelehnt hat, gibt dem Lokomotivführer einige Winke, bis dieser

durch wiederholtes geschicktes Öffnen und Schließen des großen

Reglerhebels die Lokomotive gerade so weit an den Zug herangerückt hat,

daß die Puffer des ersten Wagens ein wenig eingepreßt werden. Die

Insassen des Zugs haben von diesem wichtigen Vorgang, der ihnen erst

die Möglichkeit des raschen Davonfliegens erschließt, gar nichts

bemerkt. Rasch wirft der Kuppler die schwere stählerne Öse über den

Haken am Tender, zieht die Kupplungsschraube an, hakt noch einmal zwei

Kettenteile ineinander und schließt endlich den Bremsschlauch der

Lokomotive mit der unter dem ganzen Zug dahinlaufenden Rohrleitung

zusammen.

Prächtig ist der Anblick der nun vor dem Zug liegenden Maschine. Sie ist

der schönste Ausdruck des Zwecks, dem sie dient. Die breite Brust mit

ihrer kühnen Wölbung bedeutet Kraft. Alle die niedrigen, aus ihrem Leib

herausragenden Teile, wie Schornstein, Dampfdom und Sandkasten scheinen

anzuzeigen, daß sie sich zusammengeduckt hat, um möglichst wenig im

Vorwärtsstürmen gehindert zu sein, daß sie alle ihre Fähigkeiten

zusammenfaßt auf das Vorwärtseilen, das alsbald seinen deutlichsten

Ausdruck finden soll durch das verwirrend eilige Umlaufen der blanken

Stangen unten am Triebwerk. Eine Persönlichkeit ist die Lokomotive, wie

sie jetzt mit klopfenden Pulsen, mit dampfenden Flanken dem Augenblick

entgegenharrt, in dem man ihr die Freiheit lassen wird, dahinzustürmen

auf der Bahn, die von ihr allein beherrscht wird.

Nun gibt es in den meisten Wagen einen kleinen Schreck: denn plötzlich

faucht und zischt es am ganzen Zug. Der Lokomotivführer hat das

Bremsventil betätigt, um die Bremsprobe vorzunehmen. Nachdem

festgestellt ist, daß überall die Bremsklötze richtig angezogen haben,

ist der Zug fahrtbereit.

Eines von den vielen Signalen, die kurz vor der Lokomotive auf einer

hohen Brücke stehen, hat seinen Arm schräg aufwärts erhoben. Es

erschallt der Ruf „Bitte, Platz nehmen!“, das bekannte Geräusch der

zufliegenden Türen wird hörbar, die Unterhaltung schwillt zu einem

brausenden Meer der Stimmen an, die Kinder packen ihre Hüte fest, die

Taschentücher werden gelüpft, und mit ernstem Gesicht blickt der

Aufsichtsbeamte mit der roten Mütze noch einmal den ganzen Zug entlang.

Dann hebt er mit einer kurzen Bewegung den Befehlsstab.

Der Lokomotivführer hat das Zeichen wahrgenommen, große Dampfwolken

entströmen der Maschine, langsam setzt der Zug sich in Bewegung. Noch

eine halbe Minute lebhaften Winkens, dann ist er um die nächste Biegung

verschwunden.

Die Zurückgebliebenen schauen ihm immer noch nach, und kaum einer ist

da, dem man nicht das Bedauern darüber ansieht, daß er nicht auch, wie

jene glücklicheren Reisenden, losgelöst von Raum und Zeit, dahinfliegen

kann über die hellen Lande. Einer Trauerversammlung nicht unähnlich

verlassen die Begleiter mit schweren Schritten durch die Sperre hindurch

den Bahnsteig. Das leergewordene Gleis läßt wiederum keine Ahnung mehr

davon aufkommen, welch ein von Menschen wimmelnder, gewaltiger Bau eben

noch auf ihm geruht hat.

Indes hat der Zug schon eine gesteigerte Geschwindigkeit erreicht. Die

Lokomotive jauchzt ob des freigelassenen Zügels, ihre gewaltigen Räder

prasseln über die Schienen, wie spielend zieht sie die ungeheure Last

der Wagen hinter sich her, während über ihrem Haupt triumphierend die

Rauchfahne hoch in die Lüfte flattert.

Der Heizer öffnet die Feuertür und wirft mit geschicktem Schwung eine

gehäufte Schaufel mit Kohlen nach der andern vom Tender in das lodernde

Meer dort drinnen. Er regelt den Wasserstand und hat unausgesetzt an den

zahllosen Hebeln und Handrädern zu drehen.

Indessen späht der Lokomotivführer mit angespanntem Ernst durch das

rechte Fensterchen des Stands hinaus auf die Strecke. Immer wieder nach

wenigen Minuten taucht ein kurzer Pfahl mit vorgesetzter weißer Scheibe

auf, das Vorsignal, dann schneidet der fadendünn erscheinende Gittermast

des gezogenen Hauptsignals tief in die Landschaft ein. Dem Führer zur

Hand liegen der blanke, lange Reglerhebel, die Kurbel für die

Schiebereinstellung und der kurze Griff der wichtigsten

Sicherheitseinrichtung am Zug, der Druckluftbremse. Die Maschine gibt

willig die ganze Kraft her, die in ihr steckt, so daß der

Geschwindigkeitsmesser zwischen den Zahlen 90 und 100 Kilometer in der

Stunde spielt. So kann der Lokomotivführer seine ganze Aufmerksamkeit

der Beobachtung der Signale widmen, den einzigen Zeichen, welche die

einsame Lokomotivmannschaft noch mit der übrigen Welt verbinden. Er

findet sie alle in der Stellung Fahrt Frei.

Das Prasseln der Räder verstärkt sich, denn der Zug rollt durch einen

größeren Bahnhof -- Luckenwalde liest man im Vorbeifliegen --, in dem

das glatte Gleis sich in zahlreiche Schienenstränge auflöst. An der

Zungenspitze einer jeden Weiche gibt es einen verstärkten Schlag, aber

dieser erschreckt den Führer nicht, denn das für ihn geltende gezogene

Signal sagt ihm, daß alle Weichen richtig gestellt sind und die Zungen

mit zuverlässiger Festigkeit anliegen.

Weiter gehts bis Jüterbog. Hier zweigt von der Strecke nach Halle die

große Schnellzuglinie nach Dresden ab. Zwei Signale stehen an der

Trennungsstelle. Mit leichtem Blick erkennt der Lokomotivführer, daß das

für die Richtung Halle geltende auf Fahrt Frei gestellt ist, und

wiederum weiß er hierdurch genau, daß sein Zug in das richtige Gleis

hineinfahren und nicht etwa eine Ablenkung auf den für ihn falschen

Dresdner Strang erfahren wird.

Ernst und streng liegt die Strecke vor dem Auge des Lokomotivlenkers.

Mit ihren geraden mathematischen Linien zieht sie, allen Zufälligkeiten

abhold, durch das lustige Grün der Wiesen, über Bäche und Senkungen

hinweg, durch Hügeleinschnitte hindurch weiter, immer weiter. An dem

klapprigen ländlichen Fuhrwerk, an dem hochbeladenen Düngerwagen vorbei,

die auf den Landstraßen halten, fliegt die vornehme Bildung des Zugs,

von den weißgedeckten Tischen des Speisewagens blicken die Fahrgäste auf

die bescheidenen dörflichen Häuschen, in denen ein stilles karges Leben

auf der festen Scholle sich abspielt.

Wie ein gewaltiger Herr, der durch seine Lande reist, wird der Zug

überall dienend empfangen. Kein Kaiser findet seinen Weg so

wohlvorbereitet, so glatt und hindernisfrei wie er. Längst ist sein

Herannahen durch Glockenzeichen gemeldet, jedes Steinchen, fast jedes

Stäubchen ist vor ihm von den Schienen entfernt, alle das Gleis

querenden Straßen sind durch einen Schlagbaum verschlossen. Diensteifrig

steht der Wärter am Übergang und blickt ehrfurchtsvoll, mit

geschulterter Notfahne, zu dem donnernd vorbeistürmenden Zug empor. Aus

den Fenstern der großen Stellwerkstürme vor den mit voller Fahrt

durchsausten Bahnhöfen schauen die diensttuenden Beamten hinab, auf den

Bahnsteigen stehen die Fahrdienstleiter stramm, und die Reisenden,

welche einem der folgenden Personenzüge entgegenharren, drängen sich

hinter den Schranken.

So weit der Zug zu sehen ist, bleibt längs der Strecke bei seinem

Vorüberfahren kein Mensch gleichgültig. Der Kutscher, der auf seinem

Wagen vor der geschlossenen Schranke sitzt, der Kartoffelgräber auf dem

Feld, der pflügende Landmann, der spazierende Städter, sie alle richten

das Gesicht dem Zug entgegen, und für Minuten ist ihr Denken gänzlich

von diesem eindrucksvollsten aller beweglichen Gebilde gefangengenommen.

Auch die Tiere werden aufmerksam. Der Hund bellt, die Pferde springen

erschreckt durch das Gras, selbst die träge wiederkäuenden Kühe hören

für einige Zeit auf, ihre Kinnbacken zu bewegen.

Weiter gehts in glatter Fahrt über die Lande. Auch das tief

eingeschnittene Elbtal bei Wittenberg ist kein Hindernis für die

Hundertkilometergeschwindigkeit des Zugs. Auf langer, eiserner Brücke

wird der Fluß überflogen, als läge gewachsener Boden unter den Rädern.

Beim raschen Durchfahren des Bahnhofs Bitterfeld grüßt die

Dampflokomotive eine neu heraufkommende Zeit, denn dieser Bahnhof ist

überzogen von eisernen Jochen, an denen schwere Porzellanklötze und

Kupferdrähte hängen. Hier nimmt die erste elektrische Vollbahnstrecke in

Preußen Bitterfeld-Dessau ihren Anfang.

Weiter drehen sich die Räder der Lokomotive in tollem Wirbel um und um.

Die Triebstangen fahren wild hin und her, der Dampf zischt aus dem

Blasrohr durch den Schornstein, der Kohlenvorrat des Tenders mindert

sich mehr und mehr, da die gefräßige Feuerung einen Zentner nach dem

andern aufzehrt. Nachdem kaum mehr als zwei Stunden vergangen sind,

nähert sich der Zug seiner ersten Haltestelle, dem Bahnhof Halle. Schon

lange vorher schließt der Lokomotivführer das Reglerventil und sperrt

damit die Dampfzufuhr zu den Zylindern ab. Zur rechten Zeit setzt er die

Bremse in Tätigkeit, langsam sinkt die Geschwindigkeit des Zugs, und,

nachdem er mehr als 160 Kilometer frei durchfahren hat, kommt er fast

auf das Zentimeter genau an der vorgezeichneten Stelle leise und stoßlos

zum Halten.

Während nun die Wagentüren sich wieder öffnen, Fahrgäste aus und ein

steigen, löst sich die Lokomotive vom Zug und fährt in den Schuppen. Sie

hat ihre Pflicht mit wundervoller Tatkraft und Ausdauer erfüllt, nun

wird ihr einige Zeit zum Ausruhen und zur Erholung gegeben. Eine neue,

noch mächtigere Maschine wird angekuppelt. Sie soll den Zug ohne

Aufenthalt durch das halbe Deutschland hindurch in 3-1/2 Stunden bis

nach Nürnberg führen.

Wir sind sicher, daß sie gleichfalls ihre Pflicht pünktlich auf die

Minute erfüllen wird. Auch keiner der Fahrgäste zweifelt daran, daß er

zur vorgeschriebenen Zeit das Endziel seiner Fahrt erreichen wird. Und

das um so weniger, als sicherlich kein einziger von ihnen überhaupt

seine Gedanken auf den Eisenbahnbetrieb richtet, der ihm eine so schöne

glatte Reise ermöglicht.

Was ist jedoch alles notwendig, damit der Zug wirklich in der

geschilderten Weise auch nur von Berlin bis Halle gelangen konnte!

Welche außerordentlichen Vorkehrungen mußten in der Vergangenheit

getroffen, welch eine Unzahl von Verrichtungen während der Fahrt

vollführt werden, damit Menschen die Entfernung von Berlin bis Halle in

zwei Stunden zu überwinden vermochten! Es ist die Aufgabe der folgenden

Abschnitte, zu zeigen, welche Mittel vorhanden sein und angewendet

werden müssen, um eine Eisenbahnfahrt unserer Tage zu ermöglichen.

10. Die neue Linie

Auch dort, wo heute die Strecke Berlin-Halle durch die Lande zieht,

lagen einst Feld, Wald und Wiese in unberührtem Grün. Da erschienen

eines Tags die Männer mit bunten Pfählen, Fernrohren und Merkbüchern,

maßen und schrieben eifrig, und nicht lange nachher ward gegraben und

gerodet, das freundliche Grün beseitigt, der Wald gefällt, das Wasser

mit schweren Jochen überdeckt, bis schließlich ein unfruchtbarer, grauer

Pfad dalag, auf dem ein neues, donnerndes Leben anhub. Zwar ist es schon

viele Jahrzehnte her, daß diese Vorgänge sich zwischen Berlin und Halle

abspielten, doch sehr viel anders dürften die Geschehnisse auch damals

nicht gewesen sein, als sie heute vor sich gehen, wenn eine neue

Eisenbahnlinie angelegt werden soll.

Sobald der Entschluß gefaßt ist, zwei bestimmte Punkte durch eine

Eisenbahn zu verbinden, muß man sich zunächst darüber klar werden,

welche Bahngattung gewählt werden soll. Man hat die Auswahl zwischen

Hauptbahn, Nebenbahn und Kleinbahn. Ausschlaggebend für den Entschluß

sind die Stärke des Verkehrs, der zwischen Anfangs- und Endpunkt der

Bahn zu erwarten ist, die Länge der Strecke und das Gelände, welches

durchzogen werden soll.

Heutzutage wird in Preußen, dessen Verhältnisse wir hier hauptsächlich

im Auge haben, der Anfang einer neuen Bahn fast stets ein Bahnhof sein,

der Endpunkt zum größten Teil ebenfalls. Läuft die Bahn tot aus, so

kommt nur örtlicher Verkehr für sie in Betracht, und dann wird man

einfachere Bahngestaltung vorziehen. Beim Lauf der neuen Strecke von

einem Eisenbahnknotenpunkt zum andern aber ist darauf zu achten, ob die

Linie dem großen Durchgangsverkehr der Gegend einen abkürzenden Weg

bietet. In solchem Fall ist es unwichtig, ob der Ortsverkehr gering ist

oder nicht, man wird dann stets eine voll gerüstete Hauptbahn zur

Ausführung bringen, auf der die Schnellzüge mit der größten

Geschwindigkeit fahren können. Hierdurch ist man verpflichtet, die Bahn

mit sehr geringen Neigungen auszuführen, die Halbmesser der Krümmungen

sehr groß zu nehmen und den Oberbau so kräftig zu gestalten, daß er den

vorgeschriebenen höchsten Raddrücken zu widerstehen vermag.

Die Neigung der freien Strecken auf preußischen Hauptbahnen darf für

gewöhnlich das Maß von 1 : 80 nicht überschreiten. Das heißt auf einer

Länge von 80 Metern darf die Bahn nicht um mehr als ein Meter steigen

oder fallen. Man drückt die Neigung auch in Tausendteilen aus; 12,5‰

bedeutet dasselbe wie 1 : 80, 25‰ dasselbe wie 1 : 40. Bis zur Anwendung

eines Neigungswinkels von 1 : 40 darf in besonders schwierigen Fällen

mit Erlaubnis der Landesaufsichtsbehörden gegangen werden, doch wendet

man in Preußen im allgemeinen keine stärkeren Neigungen als 1 : 150 an.

Der kleinste zulässige Krümmungshalbmesser für Hauptbahnen ist 300

Meter, mit besonderer Genehmigung 180 Meter, aber ein geringerer

Halbmesser als 1000 Meter kommt in Wirklichkeit wenig in Betracht.

Hierdurch und wegen der Flachheit der allgemein bei ihnen üblichen

Neigungen gehören die preußischen und auch die übrigen deutschen Bahnen

zu den bestgebauten auf der ganzen Erde.

Jeder Punkt des Oberbaus einer Hauptbahn muß imstande sein, eine Last

von 8000 bis 9000 Kilogramm zu tragen. Bei der Berechnung des Oberbaus

ist jedoch zu bedenken, daß es sich bei seiner Beanspruchung nicht um

ruhende Lasten, sondern um ständig wechselnde Belastungen handelt, die

mit harten Stößen anzugreifen pflegen. Das Gleis muß also sehr kräftig

durchgebildet werden.

Aus den angegebenen Gründen vermag eine Hauptbahn am wenigsten sich den

Geländeverhältnissen anzuschmiegen, ihr Bau wird darum am teuersten.

Die Länge der Strecke hat insofern einen Einfluß auf die Wahl der

Bahngattung, als bei einer kurzen Linie die Entwicklung einer

bedeutenden Geschwindigkeit keine allzu große Rolle spielt. Auf

preußischen Hauptbahnen dürfen zur Personenbeförderung bestimmte Züge,

die eine durchgehende Bremse besitzen, mit einer Höchstgeschwindigkeit

von 100 Kilometern in der Stunde fahren. Auf Nebenbahnen sind nur 40 bis

allerhöchstens 50 Kilometer Höchstgeschwindigkeit zulässig. Dieser

Unterschied hat einen großen Einfluß auf die Reisedauer, wenn lange

Strecken zurückzulegen sind, bei kürzeren Entfernungen aber ist ein

Zeitverlust bei geringerer Fahrgeschwindigkeit wenig bemerkbar. Man kann

sich also in einem solchen Fall mit einer Nebenbahn, auch bei nicht

allzu wichtigen Durchgangsstrecken, begnügen, wodurch große Summen

gespart werden, weil nun die Neigungen größer, die Krümmungen schärfer

werden dürfen, man also mit weit mehr Rücksicht auf das Gelände bauen

kann.

Wenn die Bahn nicht eine Ebene durchschneidet, sondern über stark

gewellten oder gar gebirgigen Boden geführt werden muß, so bestimmt

diese Bodengestaltung über alle anderen Gesichtspunkte hinaus die Wahl

der Bahngattung. Bei ständiger Anwendung der höchsten zulässigen Neigung

können Züge auch über eine Hauptbahn nur mit geringer Geschwindigkeit

fahren, und darum macht es wenig Unterschied für den Verkehr, wenn man

hier nur Nebenbahnausgestaltung anwendet. Die Schmalspur mit ihrer

großen Schmiegsamkeit ist in solchen Fällen am allergünstigsten und

gestattet oft die Vermeidung vieler Brücken- und Tunnelbauten.

Wenn die Bahngattung gewählt ist, beginnt man mit den „allgemeinen

Vorarbeiten“. Sie dienen bei Privatbahnen als Unterlage bei der

Einholung der staatlichen Genehmigung, bei Staatsbahnen zur Bildung

eines endgültigen Urteils darüber, ob die Strecke bauwürdig ist und zu

Mitteilungen an den Landtag beim Ansuchen um die Genehmigung der

notwendigen Bausumme.

Wenn einer privaten Gesellschaft die Erlaubnis zur Vornahme der

„allgemeinen Vorarbeiten“ erteilt ist, so erhält sie damit zugleich das

Recht, fremdes Eigentum in dem notwendigen Umfang betreten und dieses

gegen Ersatz beschädigen zu dürfen. Jedoch gibt diese Vorerlaubnis noch

keinen Anspruch auf wirkliche Genehmigung des Baus. Diese steht in

Preußen allein dem König zu, in anderen Ländern ist ein Gesetz

notwendig.

Längst nicht alle Linien, die geplant werden, kommen zur Ausführung.

Denn manchmal zeigen schon die Vorarbeiten, daß der zu erwartende

Verkehr anfänglich überschätzt worden ist oder daß die Baukosten infolge

ungünstiger Bodenverhältnisse zu hoch werden. Darum ist auch die

Aufnahme der Vorarbeiten an eine Genehmigung geknüpft. Denn durch diese

wird stets eine gewisse Beunruhigung bei den Bewohnern der angrenzenden

Ländereien hervorgerufen, indem Hoffnungen auf Landverkäufe oder

Wertsteigerungen des Bodens erweckt werden, die nachher nicht in

Erfüllung gehen.

Am besten wäre es natürlich, wenn man den Anfangs- und Endpunkt

der neuen Bahn durch eine gerade Linie verbinden könnte. Das wird

jedoch nur in den allerseltensten Fällen möglich sein. Falsch wäre

es jedoch, bei den Vorarbeiten nun diejenige Streckengestaltung

heraussuchen zu wollen, welche die geringsten Baukosten erfordert,

das heißt sich bei der Linienführung nur danach zu richten, daß man

möglichst wenig Einschnitte zu machen, Dammaufschüttungen herzustellen

oder andere Kunstbauten auszuführen hat, wenn auch Neigungs- und

Krümmungsverhältnisse dadurch arg verschlechtert werden und große Umwege

zu machen sind. Es müssen vielmehr von vornherein auch die künftigen

Bahnunterhaltungs- und Betriebskosten in Betracht gezogen werden. Jede

stärkere Steigung, jede schärfere Krümmung erfordern größere Zugkräfte

und sind daher im Betrieb teurer. Die einmalige Ausgabe für einen

Durchstich oder eine Brücke darf deshalb nicht gescheut werden, wenn man

dadurch eine günstigere Bahngestaltung erreicht, welche die späteren

ständigen Kosten mindert. Zwischen diesen beiden Gegensätzen ist es oft

schwer, die richtige Mitte zu finden, und es gibt so manche Strecke in

Deutschland und in anderen Ländern, die durchaus nicht so günstig gebaut

ist, wie man es nachher gern gesehen hätte.

Man muß stets, bis man auch nur zur vorläufigen Festlegung der

Bahnführung gelangt, vielerlei Möglichkeiten gedanklich und zeichnerisch

erwägen. Es gibt stets zahlreiche Punkte, an welche die Bahn unbedingt

herangeführt werden muß, und andere, die sie ängstlich zu fliehen hat.

Sehr treffend sagt Blum, daß die Streckengestaltung von anziehenden und

abstoßenden Magnetpolen beeinflußt werde. Unbedingt anziehend wirken

große Städte oder tiefe Einsattelungen in Gebirgszügen, die zu

überschreiten sind, wie z. B. die Westfälische Pforte. Das sind

Zwangspunkte, die unter allen Umständen angegangen werden müssen. Als

abstoßende Pole sind große, tiefe Seen, weite Moore, sumpfige Ufer

breiter Flüsse zu betrachten.

Die Lage der Bahnhöfe ist mit besonderer Sorgfalt zu bestimmen, denn

diese bilden ja die einzige Einnahmequelle der künftigen Strecke. Wenn

die Linie hauptsächlich auf Ortsverkehr angewiesen ist, so wird sie

keiner größeren Siedelung aus dem Weg gehen können. Kleinbahnen machen

Umwege fast wegen eines jeden Dorfs. Eine ganz große durchgehende

Schnellzugstrecke kann jedoch auch einmal einen sehr bedeutenden Ort

seitlich liegen lassen, um eine allzu starke Abweichung von der geraden

Linie zu vermeiden. So geht die Strecke Frankfurt a. M.-Basel bei Oos

vorbei, ohne in das benachbarte Tal einzubiegen, in dem Baden-Baden

liegt.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 14 / 60 段