„Die Vorbereitung eines allgemeinen deutschen Eisenbahnsystems ist ein

Hauptzweck des Blattes, und die Redaktion wird sich daher besonders

bestreben, richtige Ansichten über den Nutzen der Eisenbahn, über die

zweckmäßigste Bauart derselben und über die Richtung der Hauptrouten zu

vertreten. Sie wird die Verhältnisse der einzelnen Routen mit Rücksicht

auf ihren Verkehr, ihre Lokalität und ihre Anlage- und Transportkosten

und folglich ihre Ertragsfähigkeit beleuchten und denen, die sich für

dergleichen Unternehmungen interessieren, mit gutem Rat beistehen. Auch

wird sie sich angelegen sein lassen, das deutsche Publikum über

Bewegungen und Fortschritte, welche in dieser Beziehung in dem In- und

Ausland stattfinden, in fortlaufender Kenntnis zu erhalten.“

Die uneigennützige Arbeit des unermüdlichen Manns für die ihm so wichtig

erscheinende Ausbreitung der Eisenbahnen geht also fort. Wirklich hat

das Blatt die Gemüter im Listschen Sinn weiter stark beeinflußt und

aufgerüttelt. Das unmittelbare Ergebnis aber war, daß das

„Eisenbahn-Journal“ schon im Jahre 1837 in Österreich, wo es sehr viele

Leser besaß, verboten wurde und deshalb eingehen mußte.

Jetzt verlegte List seine Tätigkeit nach Frankreich. Doch auch hier

konnte er nichts Rechtes erreichen, weil man in Frankreich zu jener Zeit

die Eisenbahnaktien als geeignete Gegenstände für das Börsenspiel ansah,

wodurch der Gegenstand für List nicht mehr verlockend war.

Als er nach Deutschland zurückkehrte, erhielt er davon Kenntnis, daß die

geplante Linie von Halle nach Kassel eine Richtung bekommen sollte, die

sehr dazu geeignet war, das Gedeihen der thüringischen Länder zu

schädigen. Sofort wies er in der ihm eigenen tatkräftigen Art nach, daß

es wichtiger sei, Städte wie Eisenach, Gotha, Erfurt und Weimar zu

berühren, als eine kürzere Linie unter Vermeidung der alten

thüringischen Landesstraße zu schaffen. Wirklich setzte er eine

Abänderung der Linienführung in seinem Sinn durch. Zum Dank erhielt er

nichts als ein Geschenk von 100 Louisdor für diese Tätigkeit, die, wie

man anerkannte, die thüringischen Staaten „von tödlicher Gefahr gerettet

hatte“.

[Abbildung: 72. _Eingangstor des ersten deutschen Eisenbahntunnels bei

Oberau_]

Auch in Bayern, wo man jetzt recht lebhaft an den weiteren Ausbau der

Eisenbahnen ging, bot List seine Dienste an, überall stellte er seine

großen Erfahrungen auf diesem Gebiet zur Verfügung. Er wurde viel

befragt, leistete überall Hilfe, aber nirgends kam es zu einer

Anstellung, die er nun recht gern gehabt hätte.

Es bemächtigt sich Lists allmählich eine tiefe Verstimmung über den

Undank der Welt. Bevor jedoch die Trübsal allzusehr Herr über seinen

Geist werden konnte, schuf er noch sein größtes volkswirtschaftliches

Werk, das „Nationale System der politischen Ökonomie“. Es erschien 1841

und hat ihn als Volkswirtschaftler unsterblich gemacht.

Ein mit Arbeit bis zum Rand angefülltes Leben hatte List nicht zu einem

wohlhabenden Mann gemacht. Die Sorge um seinen Lebensunterhalt wurde

vielmehr immer ärger. Es gesellten sich körperliche Leiden hinzu, die

ihn befürchten ließen, daß er bald überhaupt nicht mehr imstande sein

würde, geistig zu arbeiten. Immer deutlicher sah der rasch Alternde ein,

daß sein Streben für Deutschlands Größe ihm nichts anderes gebracht

hatte, als den Verlust seines Vermögens und die Unmöglichkeit des

Vorwärtskommens. In einem Brief aus jener Zeit macht er eine recht

trübselige Zusammenstellung:

„Als ich im Jahr 1831 aus Amerika zurückkam, hatte ich mir wieder ein

unabhängiges Vermögen erworben. Durch mein Bestreben, den Eisenbahnbau

und eine nationale Handelspolitik emporzubringen, glaubte ich mich um

mein Vaterland verdient zu machen und mich wenigstens bei meinem

Vermögen erhalten zu können. Mein Lohn aber war Verfolgung und der

Verlust eines großen Teils meines Vermögens.

„Jetzt den Sechzigern nahe und von körperlichen Übeln heimgesucht, sehe

ich nur mit Besorgnis in die Zukunft, ja ich traue mir nicht einmal mehr

die Kraft zu, zum zweiten Male nach Nordamerika auszuwandern, wohin mich

meine dortigen Freunde rufen, und wo ich leicht in einigen Jahren mich

wieder erholen könnte.“

Es ist zu einer neuen Übersiedlung nach Amerika wirklich nicht mehr

gekommen. Als List, von Kopfschmerzen und anderen Leiden gequält, eine

Reise nach Meran antrat, gelangte er nur bis Kufstein. Dort brach er

körperlich zusammen, und eines Tags, am 30. November 1846, fand man

seine Leiche halb verweht im Schnee. Er hatte sich erschossen.

Im äußersten Winkel des großen Deutschen Reichs, für das sein Herz sein

Leben lang geschlagen hatte, mußte dieser Mann verlassen und verzweifelt

ein trauriges Ende finden. Er hat einen echten Märtyrertod erlitten.

„Armer Freund,“ so rief ihm Heinrich Laube ins Grab nach, „ein ganzes

Land konntest du beglücken, aber dies Land konnte dir nicht einen Acker

Erde, konnte dir nicht ein warmes Haus geben für die traurige Winterzeit

des Alters! Dieser Fluch des zerrissenen Vaterlands, in welchem man so

kinderleicht heimatlos werden kann, in welchem das Genie selbst niemand

angehören darf, dieser Fluch hat dich im Schneesturme oberhalb Kufsteins

in den Tod gejagt, und unsere Tränen, unsere Lorbeerkränze, was sind sie

deiner verwaisten Familie?!“ -- --

Die Strecke Leipzig-Dresden war nach Lists Fortgang aus seinem

Wirkungsort weiter gebaut worden. Wie schon angedeutet, hatte man die

von dem geistigen Urheber vorgeschlagene Linienführung verworfen und,

nach dem Rat eines englischen Fachmanns, die von dem Oberingenieur Kunz

empfohlene Strecke ausgeführt. Diese erforderte eine schwierige

Überschreitung der Elbe und viele andere Kunstbauten, wodurch sehr große

Ausgaben entstanden. Auch den Rat Lists hatte man verworfen, zunächst

möglichst billig zu bauen, um später, wenn das Unternehmen selbst schon

Ertrag abgeworfen hätte, einen teureren Unterbau auszuführen. So kam es,

daß das Aktienkapital unter großen Schwierigkeiten von 1-1/2 auf 4-1/2

Millionen Mark erhöht, also verdreifacht werden mußte.

Von Leipzig bis Wurzen wurde der Bau mit Flacheisen auf Langschwellen

nach der auf Bild 39 wiedergegebenen Form ausgeführt. Diese Bauart

bewährte sich jedoch so schlecht, daß man bereits für die Fortsetzung zu

schwereren Schienen in der Breitfußform nach Vignoles überging. Auch die

Anfangsstrecke mußte nach 3-1/2 Jahren für diese Schienen umgebaut

werden, da damals bereits alle Langschwellen verfault waren. Die

Hauptkunstbauten auf der Strecke waren der tiefe Einschnitt von Machern,

die Elbbrücke bei Riesa, die Talüberbrückung bei Röderau und der Tunnel

bei Oberau. Dies war der erste Tunnelbau in Deutschland. Seine Länge

betrug nur 500 Meter.

[Abbildung:

Aus „Der Dampfwagenreisende auf der Leipzig-Dresdner Eisenbahn“

73. _Der älteste Bahnhof in Leipzig_

eröffnet 1837]

Am 24. April 1837 war das Teilstück von Leipzig bis Althen

fertiggestellt. Erst am 8. April 1839, später als andere durch sie

veranlaßte deutsche Linien, wurde die ganze Strecke unter lebhafter

Teilnahme der Bevölkerung eröffnet. Sie hatte eine Länge von 115

Kilometern. Im Anfang fuhren täglich nur zwei Personen- und zwei

Güterzüge zwischen Dresden und Leipzig hin und her.

Dennoch trug die Linie zur Belebung des gesamten Verkehrs in

Mitteldeutschland sehr lebhaft bei und zog die Ausführung anderer

Eisenbahnstrecken unmittelbar nach sich. Die Dresdner Gasthöfe, die im

Jahre 1838 nur 7000 Fremde beherbergten, hatten im genannten

Eröffnungsjahr bereits mehr als 40 000 Gäste aufzunehmen. Auch der

Güterverkehr entwickelte sich bald sehr lebhaft.

Die Fahrgäste der dritten Klasse wurden in offenen Wagen befördert, die

der zweiten in solchen mit einem Dach, aber ohne Fenster; nur wer eine

Fahrkarte erster Klasse gelöst hatte, durfte in einem gänzlich

geschlossenen Wagen Platz nehmen. Es kamen auch große offene Güterwagen

zur Verwendung, auf welche die Fuhrleute ohne weiteres mit ihren Pferden

hinauffuhren, ohne diese auszuspannen. So gelang es der Eisenbahn recht

rasch, auch die Lastenförderung auf der Straße an sich zu ziehen, da die

Zeitersparnis außerordentlich war und die Kosten der Fahrt kaum mehr

betrugen als die Abgaben, die beim Vorbeifahren an den vielen

Schlagbäumen zwischen Leipzig und Dresden zu entrichten waren.

[Abbildung:

Aufnahme von ~Dr.~ Trenckler & Co. in Leipzig

74. _Der neue Leipziger Hauptbahnhof_

der größte Bahnhof Europas, vollendet 1915]

[Abbildung: 75. _Zug der Eisenbahn Berlin-Potsdam_

der ersten Eisenbahnstrecke in Preußen; eröffnet 1838]

8. Die Entwicklung des deutschen Netzes

Die Kraft, mit der Friedrich List den Eisenbahnfunken in Deutschland

angeblasen, hat dafür gesorgt, daß er hier niemals wieder zum Erlöschen

gekommen ist. Zunächst entwickelte sich aus ihm eine schmale Flamme,

dann aber breitete diese sich als lodernder Brand nach allen Richtungen

des Reichs aus. Die Eisenbahnbegeisterung erfaßte schließlich jeden, und

mit überraschender Geschwindigkeit wurden die Grundlinien des heutigen

gewaltigen deutschen Eisenbahnnetzes gezogen, deren Verlauf sich so eng

an Lists Grundplan anschließt.

Bevor noch die Strecke Leipzig-Dresden ihren Betrieb eröffnet hatte,

unter der bloßen Einwirkung des vielversprechenden Gründungsvorgangs,

war die erste Eisenbahnlinie in Preußen zustande gekommen.

Dem Justizkommissar _J. C. Robert_ und dem Bankier _L. Arons_ wurde auf

ihre Eingabe an den damaligen Handelsminister, Wirklichen Geheimrat

_Rother_, die Erlaubnis zur Anlegung einer Eisenbahnlinie zwischen

Berlin und Potsdam erteilt. Nach dem ersten Entwurf sollte ein

eingleisiger Schienenweg von der Schafbrücke, der jetzigen Potsdamer

Brücke, zu Berlin in ziemlich gerader Richtung bis in die Gegend der

Langen Brücke bei Potsdam führen. Später aber wurde beschlossen, den

Beginn der Bahn weiter in das Innere von Berlin zu rücken und den

Bahnhof in unmittelbarer Nähe des Potsdamer Tors anzulegen. Der

Schafgraben, der heutige Landwehrkanal, mußte nun durch eine Drehbrücke

überschritten werden.

Schon bei der Anlage der ersten Bahnhofsbauten wurde der kleine

Begräbnisplatz der Dreifaltigkeitskirche an der Hirschel-, der heutigen

Königgrätzer Straße, als recht störend empfunden. Dieser Friedhof

besteht bekanntlich heute noch. Damals forderte die Kirchenbehörde die

Einfriedigung durch eine feste, acht Fuß hohe Mauer, die gleichfalls

noch heute vorhanden ist. Außerdem mußte die Bahngesellschaft für den

der Kirchenkasse erwachsenden Einnahmeausfall durch die vermeintliche

Wertverminderung des Friedhofgeländes eine jährliche Entschädigung von

40 Talern zahlen. In Wirklichkeit ist eine außerordentliche

Wertsteigerung des Grundstücks eingetreten, das heute vor dem später in

seiner jetzigen, endgültigen Gestalt errichteten Gebäude des Potsdamer

Bahnhofs an der wichtigsten Stelle der Stadt liegt.

[Abbildung:

Nach einem Stahlstich

76. _Ältester Bahnhof der Berlin-Potsdamer Eisenbahn zu Berlin_

Der Potsdamer Platz ist im Hintergrund des Bilds zu denken]

[Abbildung:

Aufnahme von Alice Matzdorff in Berlin

77. _Der heutige Potsdamer Bahnhof zu Berlin_

Links im Vordergrund der alte Friedhof der Dreifaltigkeits-Gemeinde]

Am 22. September 1838 wurde der Betrieb auf der Strecke

Zehlendorf-Potsdam, am 29. Oktober desselben Jahrs auf der ganzen Linie

eröffnet. Als Zugmittel waren sechs aus Newcastle bezogene „Dampfwagen

bester Qualität“ und 45 Pferde vorhanden.

Die Begeisterung der Berliner bei diesem Anlaß war nicht gering. Der

damalige Kronprinz, der spätere König Friedrich Wilhelm ~IV.~, sprach

bei der Einweihung die voraussagenden Worte: „Diesen Karren, der durch

die Welt rollt, hält kein Menschenarm mehr auf.“ Aber es gab auch in der

preußischen Hauptstadt Leute, die anders dachten. „Als der erste

Eisenbahnzug von Potsdam her Berlins Einwohner in Raserei versetzte,“ so

erzählt ein Zeitgenosse, „habe ich selbst in der Böhmeschen Kirche einer

Predigt des alten Gosner angewohnt, worin die Schäflein inständigst

gewarnt wurden, sich ja von dem höllischen Drachen, dem Dampfwagen, um

ihrer Seligkeit willen fernzuhalten.“ Weniger Gewissensangst als ganz

gewöhnliche Furcht vor dem Ungewöhnlichen hielt denn auch noch lange

genug manchen Berliner von einer Eisenbahnfahrt zurück.

Obgleich in andern Teilen des Reichs alsbald größere Eisenbahnstrecken

gebaut wurden, erweiterte Berlin seinen Bahnanschluß vorläufig nicht.

Erst im Jahre 1841 wurde das Teilstück der Anhalter Bahn von Berlin über

Wittenberg nach Cöthen hergestellt, so daß man nun auf einem Umweg

Magdeburg erreichen konnte, das inzwischen mit Leipzig verbunden worden

war, und ebenso Dresden. Im Jahre 1842 folgten die ersten Bahnen nach

dem Osten, Berlin-Angermünde in Richtung auf Stettin und

Berlin-Frankfurt a. O. Das Jahr 1846 brachte die Verbindung mit Hamburg

und die Verlängerung der Berlin-Potsdamer Bahn bis Magdeburg.

Das beste Zeugnis für die große Wichtigkeit, die man gleich nach

Inbetriebsetzung der ersten Strecke nunmehr dem Eisenbahnwesen in

Preußen beimaß, ist der Erlaß eines Eisenbahngesetzes bereits am 3.

November 1838. Es war das erste Gesetz dieser Art in Deutschland und hat

mit seinen zum größten Teil sehr einsichtsvollen Anordnungen und durch

die einheitliche Ordnung, die es schuf, der Entwicklung lebhaften Nutzen

gebracht.

Das Gesetz enthält eine Reihe durchaus neuzeitlich anmutender

Bestimmungen. So die Möglichkeit der Verleihung des Enteignungsrechts an

Eisenbahngesellschaften; Ersatzpflicht für jeden Schaden, der nicht

durch nachgewiesene Schuld des Beschädigten oder durch unabwendbaren

äußeren Zufall bewirkt worden ist; die Verpflichtung für jede

Eisenbahngesellschaft, den Anschluß anderer Linien zu gestatten und den

Vorbehalt, daß der Staat nach Ablauf einer gewissen Zeit berechtigt sein

solle, jede Bahnstrecke anzukaufen. Merkwürdig berührt, besonders in der

Nachbarschaft solcher guten Gedanken, die im Absatz 27 den

Gesellschaften auferlegte Verpflichtung, auch anderen gegen Entrichtung

des Bahngelds die Benutzung des Schienenwegs zu gestatten. Es ist dies

die schon früher kurz gestreifte Forderung des „freien Wettbewerbs auf

der Schiene“. Tatsächlich hat er infolge der technischen Unmöglichkeit

in Deutschland niemals stattgefunden.

Am 1. Dezember 1838 war auch die erste Staatsbahn in Deutschland

eröffnet worden, die Strecke von Braunschweig nach Wolfenbüttel und

Harzburg. Diese Linie ist besonders bemerkenswert auch dadurch, daß sie

im Jahre 1869 an eine Aktiengesellschaft verkauft wurde, was der einzige

Fall des Übergangs einer deutschen Staatsbahn in nicht öffentlichen

Besitz geblieben ist.

Im Jahre 1845 waren in Deutschland bereits 2162 Eisenbahnkilometer

vorhanden. Überall wurden jetzt Schienenwege gebaut. Auch die

Kleinstaaten blieben vom Eisenbahnfieber nicht verschont. Sogar der

Herzog Alexander von Anhalt-Bernburg, fühlte sich zu dem Ausruf

veranlaßt: „Ich muß eine Eisenbahn in meinem Land haben, und wenn sie

mich tausend Taler kosten sollte!“

Doch trotz der immer wachsenden Ausbreitung fehlte dem Netz noch jede

Geschlossenheit. „Von Berlin konnte man“, nach von Mühlenfels, „im

Norden nur Stettin, im Osten nur Frankfurt a. O., im Süden Dresden,

Leipzig, Werdau erreichen. Nach Westen gelangte man über Magdeburg bis

Halberstadt, über Oschersleben nach Braunschweig, Harzburg und Hannover.

Aber zwischen Frankfurt a. O. und Bunzlau, zwischen Werdau und Nürnberg,

Halle und Frankfurt a. M., zwischen Hannover und dem Rheinland klafften

große Lücken. Im Südosten bestand nur die Linie Bunzlau, Liegnitz,

Breslau, Oppeln und Schwientochlowitz, in Bayern waren, außer der

Ludwigs-Bahn, Nürnberg-Magdeburg, Augsburg-Donauwörth und

München-Augsburg fertig. Frankfurt a. M. und Nassau hatten nur die

Taunusbahn, dann die Strecke von Mannheim bis Freiburg, am Rhein war

Köln mit Bonn und Aachen, Deutz mit Düsseldorf, Aachen mit Herbestal,

Elberfeld mit Düsseldorf verbunden. In Württemberg, das im Jahre 1843

ein Gesetz über den Bau von Eisenbahnen erließ, eröffneten 1845 die

Staatsbahnen ihre erste Strecke von Cannstatt nach Eßlingen. Im Norden

waren Altona-Kiel und Neumünster-Rendsburg im Betrieb.“

Fortab machte sich dann der Wunsch nach einem planmäßigen Ausbau

geltend. Sehr viel hierzu beigetragen hat ein Zusammenschluß

verschiedener Verwaltungen, dessen Folgen segensreich bis zum heutigen

Tag fortwirken. Auf Einladung der Privatbahngesellschaft Berlin-Stettin

traten am 10. November 1846 zehn Verwaltungen zur Beratung

gemeinschaftlicher Maßnahmen zusammen. Es wurde ein dauernder Verband

der preußischen Eisenbahnen errichtet, aus dem schließlich der heute

noch bestehende _Verein deutscher Eisenbahnverwaltungen_ hervorging. Im

Jahre 1910 umfaßte diese Vereinigung 63 Verwaltungen und zwar 40

deutsche, 15 österreichisch-ungarische, 4 niederländische, eine

luxemburgische, eine belgische, eine rumänische und eine russische. Fast

ein Drittel aller europäischen Bahnstrecken war bereits in diesem Jahr

angeschlossen. Die Vereinstätigkeit hat sich auf die Herbeiführung

gleichmäßiger Beförderungseinrichtungen, Aufstellung wichtiger

technischer Grundsätze und gemeinschaftliche Wagenbenutzung erstreckt.

Die Allgemeinheit hat den größten Nutzen aus diesem Wirken gezogen, das

in den folgenden Abschnitten noch sehr häufig zu erwähnen sein wird.

Für die Herbeiführung eines geschlossenen deutschen Eisenbahnnetzes

waren ferner die Überbrückungen der großen deutschen Ströme sehr

wichtig. In den Jahren 1856 bis 1865 wurden der Rhein bei Köln, Mannheim

und Kehl, die Weichsel bei Dirschau, die Nogat bei Marienburg mit

eisernen Jochen überspannt.

Nachdem in Preußen lange die Privatbahnen allein geherrscht hatten und

der Staat sich nur in loserer Form an den Unternehmungen beteiligt

hatte, brachte das Jahr 1879 durch das zielbewußte Vorgehen des

Eisenbahnministers _von Maybach_ den Übergang zum Staatsbahnsystem. In

den folgenden dreißig Jahren wurden in Preußen nicht weniger als 16 200

Kilometer Privatbahnen im Wert von 4-1/2 Milliarden Mark verstaatlicht.

Da zu gleicher Zeit auch der Staat selbst viele neue eigene Linien

baute, so entstand allmählich das größte Erwerbsunternehmen, das es

heute auf der Erde gibt: die preußische Staatsbahn.

Als die Verstaatlichung der hessischen Ludwigs-Bahn notwendig erschien,

deren Linien zum Teil auf preußischem, zum Teil auf hessischem Gebiet

lagen, kam ein Staatsvertrag zwischen den zwei Ländern über die

gemeinschaftliche Verwaltung des beiderseitigen Eisenbahnbesitzes

zustande. Seit 1896 besteht demzufolge die preußisch-hessische

Eisenbahn. Man glaubte damals, daß auch andere deutsche Bundesstaaten

dem Beispiel Hessens folgen und sich an Preußen unmittelbar anschließen

würden. Diese Hoffnung ist nicht in Erfüllung gegangen, eine

einheitliche deutsche Reichseisenbahn besteht bis zum heutigen Tag

nicht.

Seit 1908 ist der deutsche Staatsbahnwagenverband errichtet, der die

freie Benutzung aller deutschen Güterwagen ohne Berücksichtigung des

Eigentumsrechts der einzelnen Verwaltungen gestattet. Dadurch ist eine

sehr bedeutende Ersparnis infolge Verringerung der Leerläufe erreicht

worden. Die Güterwagenverteilung für ganz Deutschland erfolgt seitdem

durch das beim Eisenbahnzentralamt in Berlin errichtete Hauptwagenamt.

Auch über diese beispiellos großartige Verkehrsvermittlungsstelle wird

noch ausführlich zu sprechen sein.

Am Schluß dieses Rückblicks auf die Geschichte der Eisenbahn möge eine

Zusammenstellung der Eröffnungszeiten einiger geschichtlich besonders

wichtiger Strecken Platz finden:

Stockton-Darlington: 1825

Manchester-Liverpool: 1830

Brüssel-Mecheln (erste Lokomotivbahn auf dem Festland): 1835

Nürnberg-Fürth (erste Eisenbahnstrecke in Deutschland): 1835

Berlin-Potsdam (erste Strecke in Preußen): 1838

Braunschweig-Wolfenbüttel (erste deutsche Staatsbahn): 1838

Leipzig-Dresden: 1839.

[Abbildung: 78. _Sicherheitstrachten für Eisenbahnreisende_

Spottbild auf ängstliche Fahrgäste der Berlin-Potsdamer Eisenbahn]

Die Gegenwart

9. Eine Fahrt von Berlin nach Halle

An einem sonnenhellen Julitag im Anhalter Bahnhof zu Berlin.

In der großen Vorhalle drängt sich um die Schalter eine dichte Menge in

fröhlichster Ferienstimmung. Kaum zwanzig Schritt vom Berliner

Innenverkehr getrennt, sind die Geister bereits vollkommen der Stadt

abgewendet. In dem Augenblick, da das Eingangstor des Bahnhofs

durchschritten ist, fühlt sich ein jeder losgelöst von der Gegenwart,

getrennt von dem Ort, an dem er sich befindet. Was eben noch fernab lag,

ist plötzlich näher gerückt, das oft viele hundert Kilometer entfernte

Reiseziel scheint bereits in greifbarer Nähe zu liegen; denn jeder der

Reiselustigen sieht mit dem geistigen Auge vor sich den glatten,

hindernisfreien, stählernen Weg, der vom Anhalter Bahnhof bis zu jenem

Ort hinführt.

So rasch es geht, macht jeder Reiselustige den Schienenpfad zu seinem

Diener, indem er eine ganz einfache Handlung vollzieht: das Lösen der

Fahrkarte. Hinter den Schalterfenstern treten die Beamten unausgesetzt

an die weit gedehnten Schränke, entnehmen ihnen mit schnellem Griff die

Fahrkarten, drücken einen Preßstempel darauf und häufen die entrichteten

Beträge in den Kassen an. An manchen Ausgabestellen sind keine Schränke

mehr vorhanden, an ihrer Stelle steht eine langgestreckte Maschine, auf

der fortwährend ein Schlitten geschoben und eine vielfach beschriebene

Walze gedreht wird. Hierauf werden die geforderten Fahrkarten stets

frisch gedruckt.

Droben in der eigentlichen Bahnhofshalle hängt am Kopfende des letzten

Ausfahrgleises eine Tafel mit der Aufschrift: „Schnellzug (~D~-Zug,

zuschlagpflichtig) nach München über Halle, Nürnberg“. Das Gleis selbst

ist noch leer, die Sperre geschlossen. Vor der schmalen Pforte stellen

sich allmählich immer mehr und mehr mit Karten versehene Fahrgäste auf.

Sie stehen im tiefen Schatten des schweren Hallendachs und blicken

sehnsüchtig durch die drei schön gewölbten Endbogen des Bahnhofs hinaus

in den hellen Sonnenschein, der auf den blanken Schienen funkelnde

Lichter hervorruft, auf diesen Schienen, die einen ununterbrochenen,

verbindenden Strang mit dem Reiseziel herstellen.

Nun fällt ein Schatten auch auf die Schienen. Still und langsam wird der

Zug in die Halle geschoben. Unsichtbar für die vor der Sperre Wartenden

liegt vor ihm eine kleine, pustende Verschiebelokomotive, welche die

Wagen geschickt und vorsichtig bis in die Nähe des Endprellbocks drückt.

Nachdem dies geschehen ist, wird die Kupplung des ersten Wagens von der

Maschine gelöst, und diese fährt eifrig puffend davon.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 13 / 60 段