Unstet wandernd kam nun List 1819 auf einer Reise durch Süddeutschland

nach Frankfurt a. M. Dort war eine Zahl tüchtiger Kaufleute und

Fabrikanten im Begriff, sich zusammenzuschließen, um eine Aufhebung der

unzähligen Zollgrenzen innerhalb des Deutschen Reichs zu erwirken. List

erschien ihnen als der geborene Führer dieser Vereinigung. Rasch brachte

er den Handelsverein zustande, die Urzelle des deutschen Zollvereins.

„Von diesem“, so schrieb List später, „datiert sich die Wiedergeburt des

deutschen Unternehmungsgeistes, der jahrhundertelang geschlafen hatte.

Von ihm datiert sich die Teilnahme des deutschen Publikums an allen

Nationalangelegenheiten, und erst der Zollverein hat die Deutschen die

Notwendigkeit und die Nützlichkeit der politischen Ausbildung und

Einigung gelehrt.“

Die Stadt Reutlingen hatte indessen ihren bedeutenden Sohn nicht

vergessen. Die Bürger wählten List zum Abgeordneten in die

Ständeversammlung. Diese Stellung benutzte List, wie man es von ihm

erwartet hatte, dazu, durch heftige Angriffe eine Erneuerung des alten,

erstarrten Beamtenstaats anzustreben.

Es währte nicht lange, bis er sich eine Klage wegen „Verleumdung der

bestehenden Staatsverwaltung und dringenden Verdachts eines begangenen

Staatsverbrechens“ zuzog. Der Volksvertreter genoß damals noch nicht das

gleiche Recht der Unverletzlichkeit wie heute, und so erreichte die

Regierung, daß List aus der Kammer ausgeschlossen wurde. Dazu gesellte

sich alsbald eine Verurteilung zu zehnmonatlicher Festungsstrafe „mit

angemessener Beschäftigung innerhalb der Festung“.

Um diese Strafe nicht abbüßen zu müssen, begab sich List nach dem damals

ja noch französischen Straßburg. Aber er hat niemals an einem Ort Ruhe

gefunden, der außerhalb der deutschen Grenze lag. So versuchte er nach

kurzer Zeit, bald in dem einen, bald in dem andern der vielen deutschen

Vaterländer wieder Fuß zu fassen. Doch überall wußte die

württembergische Regierung ihm den Boden heiß zu machen.

Als er es nach Ablauf von drei Jahren gar wagte, nach Württemberg

zurückzukehren, wurde er wider Erwarten sogleich ergriffen und auf dem

Asberg festgesetzt. Die im Urteil ausgesprochene „angemessene

Beschäftigung“ bestand darin, daß der Gefangene dem Platzkommandanten

Abschreiberdienste leisten mußte. Er ward zwar schon mehrere Monate vor

Ablauf der Strafzeit entlassen, aber nur unter der Bedingung, daß er

innerhalb vier Tagen Württemberg verlasse.

Nun sah List ein, daß er in Deutschland kein Wirkungsgebiet mehr habe,

und er siedelte mit seiner Familie nach Amerika über. Erleichtert wurde

ihm dieser Entschluß durch eine Einladung Lafayettes, des alten

Freiheitskämpfers und Freunds Washingtons, den er schon früher einmal in

Paris kennen gelernt hatte. Durch Lafayettes Empfehlung fand List

jenseits des Weltmeers einen sehr freundlichen Empfang. Er siedelte sich

zu Reading, in dem Kohlen- und Eisenbezirk von Pennsylvanien, an. Dort

in dem kühn aufstrebenden Land konnte er nun alle seine

volkswirtschaftlichen Anschauungen zur Reife bringen. Die 1827

erschienenen „Briefe über die kosmopolitische Theorie der Ökonomie“

machten ihn drüben zu einem weithin bekannten und hochangesehenen Mann.

Auch Lists Vermögensverhältnisse sollten sich rasch bessern. Bei einem

Ausflug ins Gebirge entdeckte er zufällig neue, reiche Kohlenlager. Sein

scharfer Blick ließ ihn die Möglichkeiten einer guten Nutzung erkennen,

und rasch gelang es ihm, Geldmänner für den Plan der Anlegung eines

Bergwerks zu gewinnen. Er erweckte das Vertrauen in sein Unternehmen

in der Hauptsache dadurch, daß er sofort daran ging, die

Verkehrsverhältnisse der abgelegenen Gegend auf das gründlichste zu

verbessern.

Er erbaute eine Eisenbahnlinie von Tamaqua nach Port Clinton in der Nähe

von Philadelphia, auf der die Kohle bequem zum Schuylkillkanal gelangen

konnte. Die Strecke war 34 Kilometer lang und wurde von einem

Lokomotivzug in 2-1/2 Stunden durchfahren.

Die neue Verkehrsanlage hatte einen ausgezeichneten Erfolg. Das Bergwerk

warf reiche Erträgnisse ab, und auch der Landstrich zu beiden Seiten der

Bahn entwickelte sich zusehends in außerordentlicher Weise. Dort, wo

bisher kein Mensch gewohnt hatte, waren bald vier kleine Städte

entstanden und reich besiedelt. Dieser Vorgang erinnert lebhaft an die

Entstehung von Middlesborough unter dem Einfluß der Bahn

Manchester-Liverpool.

Der überraschende Erfolg seiner kleinen Bahn sollte richtunggebend für

Lists ganzes Leben werden. Es war ihm plötzlich durch ein lebendiges

Beispiel klar geworden, welch ungeheuren Nutzen die Eisenbahn einem

darniederliegenden Land zu bringen vermag. Nicht der persönliche Vorteil

war es, der sein Herz aufs tiefste bewegte, sondern der Gedanke, daß

hier das richtige Mittel zur Weiterentwicklung Deutschlands gefunden

sei.

„Mitten in den Wildnissen der Blauen Berge“, so hat er später

geschrieben, „träumte mir von einem deutschen Eisenbahnsystem; es war

mir klar, daß nur durch ein solches die Handelsvereinigung in volle

Wirksamkeit treten könne. Diese Ideen machten mich mitten im Glück

unglücklich. Notwendig mußte die finanzielle und nationalökonomische

Wirksamkeit in Deutschland um so größer sein, je unvollkommener vorher

die Transportmittel im Verhältnis zu der Kultur, Größe und Industrie der

Nation waren.“

Nachdem List dies erst einmal deutlich erkannt hatte, hielt es ihn,

obgleich er zum erstenmal in seinem Leben in gutem Wohlstand und höchst

angenehm lebte, nicht mehr in Amerika. „Mir gehts“, so sagte er, „mit

meinem Vaterland wie den Müttern mit ihren krüppelhaften Kindern: sie

lieben sie um so stärker, je krüppelhafter sie sind. _Im Hintergrund all

meiner Pläne liegt Deutschland_, die Rückkehr nach Deutschland; es ist

wahr, ich werde mich dort ärgern über die Kleinstädterei und

Kleinstaaterei.“

So erwuchs in der Ferne für Deutschland der große Förderer seiner

Volkswirtschaft in diesem Mann, der im Ausland die Heimat nicht zu

vergessen vermochte. Wer müßte in diesem Zusammenhang nicht an das Wort

eines anderen großen Verbannten denken, an Heines „Denk’ ich an

Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht!“

Bald begann List nun einen Briefwechsel mit Joseph von Baader, den wir

bereits als einen alten Anhänger des Eisenbahngedankens kennen. Häußer

gibt aus einem Brief Lists an Baader unter anderem folgende Stellen

wieder, die erkennen lassen, in welch bewundernswerter Weise Lists Geist

den Eisenbahngedanken von dem bescheidenen Anfang in eine großartige

Zukunft weiterspann. Zunächst weist der Briefschreiber auf die

Segnungen hin, welche die in jener Zeit einzig vorhandene große

Verkehrseinrichtung, die Schiffahrt, der Menschheit gebracht hat:

„New-York brennt die Steinkohlen von New-Castle; die ältesten Häuser von

Albany sind mit holländischen Backsteinen erbaut; der Philadelphier läßt

sich zuweilen die im niedersächsischen Sande gewachsene Kartoffel

wohlschmecken; in Savannah erheben sich Gebäude und Denkmäler von

Steinen, die an der nördlichen Grenze von Neu-England gebrochen worden

sind; der Müller in Pennsylvanien mahlt mit Steinen, die über 3000

Meilen weit herkommen; in England ißt man Äpfel aus der Jersey, und

während ich dieses schreibe, lösche ich den Durst mit italienischen

Limonen, die mich wahrscheinlich nicht so hoch kommen als Sie die

Ihrigen, obschon Sie dem Platz wo sie gewachsen, ungefähr 3000 Meilen

näher sind als ich. Auch trinke ich wohlfeileren Bordeaux als Sie.

„Nun bedenke man, wie unermeßlich die Produktionskräfte von ganz

Deutschland gesteigert würden, wenn eine der Seefracht an Wohlfeilheit

und Schnelligkeit gleichkommende Landfracht stattfände.

„Alle mittel- und norddeutschen Länder würden sich an einen regelmäßigen

Genuß der ordinären Rhein- und Frankenweine gewöhnen; es würde mehr Wein

in der Traube dahin geführt als jetzt im Faß oder in der Bouteille.

Essen wir doch hier Trauben aus Spanien und Portugal zu billigen

Preisen. Regensburger Bier käme in Hamburg nicht teurer zu stehen als

gegenwärtig in Nürnberg . . . Hamburg und Bremen würden bayerisches Brot

essen; die Feinschmecker in München frische Austern und Seekrebse. Wie

würden nur allein die Fischereien jener Seeplätze sich heben, wenn aller

Tran, alle gesalzenen und getrockneten Fische, die jetzt von Holland den

Rhein heraufkommen, von dort bezogen würden.

„Vermittels Eisenbahnen könnte die lothringische und rheinpreußische

Steinkohle und das Holz aus den Gebirgen so wohlfeil ins Rheintal

geschafft werden, daß man nicht mehr nötig hätte, einen bedeutenden Teil

des besten Bodens zur Holzpflanzung zu verwenden. Der Harz, das

Fichtelgebirge, das Erz- und Riesengebirge, würden ihre Erzeugnisse nach

allen Gegenden aufs Wohlfeilste versenden und die Getränke und

Getreidefrüchte der fruchtbaren Gegenden entgegennehmen.“

Bald sollte sich für List eine ausgezeichnete Gelegenheit ergeben, nach

Europa zurückzukehren. Der Präsident der Vereinigten Staaten, Jackson,

war längst auf seine bedeutenden Fähigkeiten aufmerksam geworden und

wollte sie dazu benutzen, eine engere handelspolitische Verbindung

zwischen Amerika und Europa herbeizuführen. Er sandte List deshalb

zunächst nach Frankreich, damit er dort für einen lebhafteren

Güteraustausch mit den Staaten wirke, insbesondere aber für die

Einführung amerikanischer Steinkohle tätig sei. Man versprach ihm, daß

er, sobald diese Aufgabe günstig gelöst wäre, zum amerikanischen Konsul

in Hamburg ernannt werden würde, wodurch dem Verbannten die Rückkehr ins

Vaterland möglich werden konnte. „Mich reizte aber“, so schrieb List

später, „weniger dies Versprechen, als die Hoffnung, dadurch Gelegenheit

zu erhalten, die Eisenbahn auf dem europäischen Kontinent einzuführen,

den Antrag anzunehmen.“

So ging er denn nach Frankreich, kehrte nach zufriedenstellendem Wirken

noch einmal nach Amerika zurück und landete endlich im Jahre 1832 mit

seiner Familie in Hamburg, um nun für immer in dem alten Erdteil zu

bleiben.

Der Rückkehrende war ein anderer Mann als jener, der einst ausgezogen.

Der Gelehrte hatte sich in einen schaffenden Handelspolitiker

verwandelt. Nur die Liebe zum Vaterland war die gleiche geblieben.

Ein Jahr lang lebte List nun in Hamburg und begann schon dort seine

Werbetätigkeit für die Errichtung von Eisenbahnlinien in Deutschland.

Aber man belächelte seinen Eifer und gab ihm kein Gehör. Darum schaute

er sich nach jener Stelle innerhalb der deutschen Grenze um, die wohl am

ehesten und besten zu einer Ausnutzung des neuen Verkehrsmittels

geeignet wäre.

Er erkannte Leipzig als den geeignetsten Ausgangspunkt für ein großes

Eisenbahnnetz. „Dort lag,“ wie er sich ausdrückte, „die Herzkammer des

deutschen Binnenverkehrs, des Buchhandels und der deutschen

Fabrikindustrie.“ Die zahlreichen Fremden, die alljährlich zweimal durch

die Messe herangezogen wurden, trugen sehr viel zur Belebung des

Menschenaustauschs bei. Auch eine Besserung des Güterverkehrs an dieser

Stelle schien ihm notwendig. „Was leichter Transport vermag und was

schwerer und teurer nicht vermag, darüber können wir,“ so schrieb er

bald darauf, „die Sandsteine von Pirna zu Zeugen aufrufen, die zu Wasser

bis Berlin, Hamburg und Altona, ja, in noch größerer Menge nach

Kopenhagen gegangen sind und noch gehen, während es ihnen nie möglich

war, landwärts nur bis Leipzig vorzudringen. Und doch bedürfte man ihrer

hier sehr, wäre es auch nur, um dieser sonst so schönen Stadt Trottoirs

zu verschaffen.“

Kühn entschlossen zog List nach Leipzig und begann eine ausgedehnte

Werbetätigkeit für eine Eisenbahnstrecke von dort nach Dresden. Er

suchte die Verkehrsverhältnisse zwischen den beiden Städten genau

kennenzulernen, bereiste vielfach die Strecke und machte sich mit den

Bodenverhältnissen bekannt.

Zuerst begegnete List auch bei den Leipzigern kalte Zurückhaltung. Da

aber veröffentlichte er ein hochbedeutsames Werk, das in der Geschichte

der Eisenbahn niemals vergessen werden wird. Es hieß „Über ein

sächsisches Eisenbahnsystem als Grundlage eines allgemeinen deutschen

Eisenbahnsystems“.

Er widerlegte darin zunächst die weitverbreitete Meinung, daß

Eisenbahnen wohl in England und Amerika möglich und nützlich seien, aber

nicht in Deutschland. Daß hier bisher noch keine irgendwie bedeutende

Strecke gebaut worden sei, habe seinen Grund nicht darin, daß die

Verhältnisse dazu nicht geeignet und das nötige Geld nicht vorhanden

sei, es wäre vielmehr allein der mangelnde Unternehmungsgeist, der im

Gegensatz zu drüben von dem großen Werk abhielte. In Sachsen könne man

sogar unter weit günstigeren Umständen Eisenbahnen bauen, da hier die

Löhne niedriger seien und die weiten Ebenen von der Notwendigkeit

entbänden, große Bodenschwierigkeiten zu überwinden.

Es sei auch keinesfalls zu befürchten, daß durch das neue Verkehrsmittel

einzelne Gewerbe und Personen bleibenden Schaden erleiden würden. „Zur

Zeit der Erfindung der Buchdruckerkunst mögen in Leipzig wohl für den

Augenblick über ein Dutzend Abschreiber arbeitslos geworden sein; heute

beschäftigt hier die Presse 5000 Menschen. So gut es Torheit gewesen

wäre, den Fortschritten des Erfindungsgeistes Einhalt zu tun, um jene

Abschreiber in Tätigkeit zu erhalten, so töricht wäre es heute, um

etlicher Gastgeber und Fuhrleute willen auf die unermeßlichen Wohltaten

der Eisenbahn Verzicht zu leisten.“

Es mutet uns heute seltsam an, war aber damals eine dringende

Notwendigkeit, daß List in seiner Schrift darauf hinwies, die

Eisenbahnen würden nicht nur den Verkehr erleichtern, sondern ihn auch

heben. Zugleich müßten sie den Wert des Eigentums steigern und das

Wohlbefinden aller Klassen verbessern. Es wurde von ihm schon darauf

hingedeutet, daß der Staat wohl am ehesten dazu berufen wäre,

Eisenbahnen zu bauen. Große, ertragreiche Strecken könnten zwar von

nichtöffentlichen Gesellschaften ausgeführt werden, aber solche, die an

sich keinen Verdienst abzuwerfen vermöchten, volkswirtschaftlich aber

dennoch von großer Wichtigkeit wären, sollten auf Staatskosten angelegt

werden.

Die spätere Entwicklung ist tatsächlich diesen Weg gegangen.

Ein Entwurf für die Errichtung einer Aktiengesellschaft zur Erbauung

der Eisenbahn Leipzig-Dresden war in der Schrift enthalten. Ganz

neu für Deutschland war auch ein darin ausgesprochener Gedanke,

für den List bereits in Frankreich eingetreten war: daß nämlich

den Bahngesellschaften das Enteignungsrecht verliehen werden müsse,

ohne dessen Besitz sie zur Überwindung größter Schwierigkeiten und

oft zu schädlichen Umwegen gezwungen würden.

[Abbildung: 70. _Friedrich Lists Entwurf für ein deutsches

Eisenbahnnetz_

gezeichnet 1833. Sämtliche Linien sind heute tatsächlich gebaut]

Wenn auch List vorsichtigerweise vorläufig nur für die Erbauung der

Linie Leipzig-Dresden eintrat, so hatte er doch ein großes deutsches

Eisenbahnnetz stets vor Augen. Der Schrift war eine Karte beigefügt,

welche die beste Führung der großen Eisenbahnlinien über ganz

Deutschland andeutete. Nichts spricht deutlicher für die Fähigkeit

dieses großen Geistes, künftige Entwicklungen vorauszusehen, als die

Tatsache, daß schon nach fünfzehn Jahren die sämtlichen von List

vorgezeichneten Eisenbahnlinien ohne seine unmittelbare Einwirkung, nur

hervorgerufen aus dem tatsächlichen Bedürfnis, wirklich vorhanden waren.

Das „National-Transportsystem“ steht immer im Vordergrund von Lists

Handeln. Zollverein und Eisenbahnnetz nennt er die „siamesischen

Zwillinge“.

Stets spricht er mit begeisterten Worten von der großen und allgemeinen

Wirkung der Eisenbahnen, die er wie keiner seiner Zeitgenossen begriffen

und vorausgesehen hat. „Was die Dampfschiffahrt für den See- und

Flußverkehr,“ so schreibt er, „das ist der Eisenbahnwagentransport für

den Landverkehr -- ein Herkules in der Wiege, der die Völker erlösen

wird von der Plage des Krieges, der Teuerung und Hungersnot, des

Nationalhasses und der Arbeitslosigkeit, der Unwissenheit und des

Schlendrians; der ihre Felder befruchten, ihre Werkstätten und Schächte

beleben und auch den Niedrigsten unter ihnen Kraft verleihen wird, sich

durch Besuch fremder Länder zu bilden, in entfernten Gegenden Arbeit, an

fernen Heilquellen und Seegestaden Wiederherstellung ihrer Gesundheit zu

suchen. Ja, durch die neuen Transportmittel wird der Mensch ein

unendlich glücklicheres, vermögenderes und vollkommeneres Wesen, seine

Kraft und Tätigkeit erweitert.“

Er steht nicht an, die Eisenbahn ein Gottesgeschenk zu nennen. Wie er

auf ihre Wirkungen für das Große und Allgemeine hinweist, so gedenkt er

auch ihrer freundlichen Wirkungen auf die Familien- und die

Lebensverhältnisse des einzelnen:

„Wie vieler Kummer wird nicht erspart, wie viele Freuden werden nicht

gewonnen, wenn entfernte Verwandte und Freunde sich mit Blitzesschnelle

von ihren Zuständen und Begebnissen Nachricht geben können und ihnen das

Wiedersehen um so viel leichter erreichbar ist.

„Wie viele Schmerzen werden nicht gestillt, wenn auch der minder

Bemittelte durch Zerstreuung und Luftveränderung, durch die regelmäßige

und sanfte Bewegung der Dampfwagen, durch die Reisen nach einer

Heilquelle oder ins Seebad, durch Versetzung in ein milderes Klima oder

in die frische Bergluft die verlorene Gesundheit, ohne die er seiner

Familie den Lebensunterhalt nicht zu erwerben imstande ist, für eine

Reihe von Jahren wieder restaurieren kann, während er bei den jetzigen

Transportverhältnissen aus Mangel an Mitteln, oder weil er die

Beschwerlichkeiten der Reise, zumal das Nachtfahren, nicht ertragen

kann, mit seiner Familie elendiglich verkümmern muß.

„Wie vieler Sorgen werden nicht die Eltern überhoben, wenn ihnen

nun ein so weiter Kreis eröffnet ist, um den Kindern die ihren

Vermögensumständen und Wünschen und den Anlagen und Neigungen der Kinder

entsprechenden Bestimmungen zu geben.

„Um wieviel leichter werden diejenigen, die in ihrer Heimat kein

zureichendes Auskommen finden und die hier dem gemeinen Wesen zur Last

fallen, sich und ihre Familien in andere Gegenden, Länder und Weltteile

versetzen, um dort eine neue und glücklichere Existenz zu gründen.“

Mit einer Sicherheit, die gerade heute für uns verblüffend ist, macht

List auf die militärische Bedeutung der Eisenbahnen aufmerksam: „Ein

vollständiges Eisenbahnsystem wird das ganze Territorium einer Nation

_in eine große Festung verwandeln_, die von der ganzen streitbaren

Mannschaft der angegriffenen Nation mit der größten Leichtigkeit, mit

dem geringsten Kostenaufwand und den geringsten Nachteilen für das Land

verteidigt werden kann.“

Von der Schrift über das sächsische Eisenbahnsystem, in der er

vorsichtigerweise von der Voraussetzung ausgeht, daß täglich nur 120

Personen zwischen Leipzig und Dresden hin und her reisen würden, ließ

List 500 Drucke an alle wichtigen sächsischen Behördestellen, an die

Kammern und maßgebenden Persönlichkeiten Sachsens verteilen.

Die Wirkung war außerordentlich. Mit der Veröffentlichung dieser

Listschen Schrift beginnt das Verständnis für den Eisenbahngedanken sich

in Deutschland zu verbreiten. Die sächsische Regierung, die beiden

Kammern und die Leipziger Stadtverordneten sandten List

Danksagungsschreiben.

Es wurde alsbald die Gründung eines Ausschusses beschlossen, der die

Vorbedingungen für den Bau der Strecke Leipzig-Dresden ausarbeiten

sollte. Die tätigsten Mitglieder in diesem Ausschuß waren, außer List,

die Herren Dufour-Féronce, Lange, Seiffert und Gustav Harkort, ein

Bruder Friedrichs, der in Leipzig ein großes Ausfuhrgeschäft betrieb.

Wiederum entfaltete List eine außerordentliche Tätigkeit, bis alle

Punkte geklärt waren. Als dann aber mit Genehmigung der sächsischen

Regierung ein endgültiger Arbeitsausschuß von zwölf Männern gewählt

wurde, zu denen auch List gehören sollte, da wurde die Gültigkeit seiner

Wahl nicht anerkannt, weil er nicht Leipziger Bürger war. Es ist dies

der Beginn des Unheils, das fortab List wiederum auf allen seinen

Lebenswegen verfolgen sollte.

Am Tag der Ausschreibung wurde das gesamte Aktienkapital von 1-1/2

Millionen Mark sofort voll gezeichnet. Nach vier Tagen zahlte man für

die Papiere bereits ein Aufgeld von 22-1/2 vom Hundert. Auch dieser

Vorgang verlieh dem weiteren Vordringen der Eisenbahnen in Deutschland

einen kräftigen Schwung.

Obgleich es keinem Zweifel unterliegen konnte, daß Lists Raten und Taten

die ausschließliche Ursache dieses glänzenden Erfolgs war, begann man

doch von jetzt ab, ihn planmäßig beiseite zu schieben. Die kühne, harte

und heißblütige Art des großen Manns behagte den Durchschnittsbürgern im

Ausschuß nicht. Es kam in den Versammlungen zu sehr häßlichen

Auftritten. Man unterbrach List bei seinen Vorträgen, man lud ihn

schließlich zu den Beratungen überhaupt nicht mehr ein und fand es

unerklärlich, „daß ein Schwabe, der ohne allen Beruf ins Land gekommen

und offenbar nur oberflächliche Kenntnisse über die Sache besitze, sich

mehr zutrauen wolle als den Koryphäen des Leipziger Handelsstandes“.

Es war um so leichter, List aus seiner eigenen Schöpfung

hinauszudrängen, als dieser mit der ganzen Sorglosigkeit des

schöpferischen Geists und eines von seiner Sache tief durchdrungenen

Manns sich kein bestimmtes Entgelt für seine Tätigkeit ausbedungen

hatte. Er begnügte sich damit, daß ihm in unverbindlichen Besprechungen

in Aussicht gestellt worden war, er werde in späterer Zeit, wenn das

Unternehmen schon guten Ertrag abwerfe, zwei vom Hundert der sämtlichen

Aktien zum Ausgabekurs zeichnen dürfen. Da es List nur um die Sache und

gar nicht um seine Person zu tun war, sah er von einer festen Abmachung

um so eher ab, als er fürchten mußte, daß die Öffentlichkeit sonst

leicht der Meinung hätte sein können, daß er nur zu seinem eigenen

Nutzen so warm für das Eisenbahnunternehmen eingetreten wäre.

Sein unbedingter Glaube an die Ehrlichkeit der ihm von hervorragenden

Bürgern gemachten Zusagen sollte ihn jedoch aufs bitterste enttäuschen.

Man glaubte, genug zu tun, wenn man ihm ein Ehrengeschenk von 2000

Talern anbot, im übrigen aber nur leere Dankesworte spendete. Für die

persönliche Lage des so Verratenen waren diese Ereignisse um so

schlimmer, als er sein in Amerika erworbenes und drüben untergebrachtes

Vermögen durch eine Änderung in der Handelspolitik der dortigen

Regierung inzwischen wieder verloren hatte.

Das Ende von Lists aufopfernder und fast beispiellos erfolgreicher

Tätigkeit für das Zustandekommen der ersten großen Eisenbahnlinie in

Deutschland war, daß er endlich vollkommen verdrängt wurde, daß man

einen anderen Streckenzug wählte, als er vorgeschlagen hatte, und daß

bei der Eröffnung der Bahn niemand mehr an ihn dachte. Die

Auszeichnungen und öffentlichen Belobigungen erhielten andere

Ausschußmitglieder; List war schon an diesen Festtagen in Leipzig völlig

vergessen.

Welch eine große Seele man hier schmachvoll mißhandelt hat, zeigt am

besten die Tatsache, daß List trotzdem nicht davon abstand, weiter für

den Ausbau von Eisenbahnen in Deutschland zu wirken, weil er sie als

notwendig für sein Vaterland erachtete. Er ging zunächst nach Berlin, um

vom König von Preußen die Genehmigung für eine Bahn von dort nach

Magdeburg und nach Leipzig zu erlangen. Es kam zu keinem Ergebnis,

insbesondere weil auch in Berlin, wo man List zunächst sehr freundlich

aufgenommen hatte, bald eine Erkaltung der Gefühle ihm gegenüber

eintrat. Man hatte sich in Leipzig nach seiner Person erkundigt, und

Gustav Harkort stand nicht an, den Mann, der ihn bei der

Eisenbahngesellschaft doch erst in den Sattel gesetzt hatte, zu

verleumden, ihn als phantastisch und unzuverlässig zu bezeichnen, von

den „extravaganten Plänen des Herrn List“ zu sprechen.

[Abbildung: 71. _Vom Bau des ersten deutschen Eisenbahntunnels_

für die Strecke Leipzig-Dresden]

Diesen beschäftigte nach dem neuen Mißerfolg die Anlage einer großen

Eisenbahnstrecke von Frankfurt nach Basel, wobei er jedoch auch nichts

zu erreichen vermochte, da die beteiligten Staaten die Linie selbst

anzulegen gedachten.

All das konnte auch jetzt noch Lists eifrigste Tätigkeit für die

Ausbreitung des Eisenbahngedankens nicht hemmen. Im Jahre 1835 gründete

er eine eigene Zeitschrift, das „Eisenbahn-Journal“, dessen Zweck er

selbst folgendermaßen darstellte:

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 12 / 60 段