Der unmittelbare Urheber des Eisenbahnbaus war der Nürnberger Bürger

Johannes _Scharrer_, der neunzehn Jahre nach dem Vorschlag Baaders mit

großer Tatkraft daran ging, eine Schienenverbindung zwischen den

Nachbarorten zu schaffen. Vom 20. Januar 1833 ab wurde, um die nötigen

Anhaltspunkte zu schaffen, vierzig Tage lang eine Zählung der Fußgänger,

Wagen und Reiter veranstaltet, die sich auf der Landstraße zwischen

Nürnberg und Fürth bewegten. Es stellte sich heraus, daß

durchschnittlich 1720 Personen täglich den Weg zwischen den beiden

Städten zurücklegten. Das schien genügend, um ein Bahnunternehmen mit

der Hoffnung auf guten Erfolg zu begründen. An eine Güterbeförderung

wurde überhaupt nicht gedacht, und sie ist auch erst in späterer Zeit

aufgenommen worden.

Am 14. Mai 1833 erschien die Aufforderung zur Zeichnung des

Aktienkapitals von 132 000 Florin = 224 000 Mark. Es wurde in Aussicht

gestellt, daß jeder Aktienbesitzer zwölf vom Hundert an Zinsen erhalten

sollte. Trotzdem nahm man die Aufforderung keineswegs mit Begeisterung

auf. Es dauerte ein paar Monate, bis die erforderliche Summe beisammen

war. Die bayerische Staatsregierung stellte sich dem Unternehmen zwar

nicht entgegen, aber sie tat auch herzlich wenig zu seiner Förderung.

Der Staat übernahm nur zwei Aktien zu je 100 Florin; es kostete die

leitenden Männer sogar noch einige Mühe, diese kleine Summe wirklich aus

der Staatskasse zu erhalten. Als endlich doch das Geld in der

gewünschten Höhe beisammen war, gestattete König Ludwig ~I.~, daß das

Eisenbahnunternehmen seinen Namen erhielt.

An Feinden hat es auch der Ludwigs-Bahn nicht gefehlt. Die Zöpfe

wackelten auch in Bayern gewaltig ob dieser Neuerung, und selbst die

hohe Wissenschaft glaubte, sich der neuen Verkehrsgattung

entgegenstellen zu sollen, obgleich doch schon seit Jahren öffentliche

Bahnen in England bestanden, ohne daß die Welt deswegen aus den Fugen

gegangen oder die Erde entvölkert worden wäre. In der Werdezeit der

Nürnberg-Fürther Bahn war es, als das bayerische Obermedizinalkollegium

sein kulturgeschichtlich unvergeßliches Gutachten abgab:

„Die schnelle Bewegung muß bei den Reisenden unfehlbar eine

Gehirnkrankheit, eine besondere Art des ~delirium furiosum~ erzeugen.

Wollen aber dennoch Reisende dieser gräßlichen Gefahr trotzen, so muß

der Staat wenigstens die Zuschauer schützen, denn sonst verfallen diese

beim Anblick des schnell dahinfahrenden Dampfwagens genau derselben

Gehirnkrankheit. Es ist daher notwendig, die Bahnstrecke auf beiden

Seiten mit einem hohen, dichten Bretterzaun einzufassen.“

Am 18. November 1833 wurde dennoch die Gesellschaft der

Ludwigs-Eisenbahn im Rathaussaal zu Nürnberg begründet. 207

Aktienbesitzer waren zugegen. Man nahm sogleich in Aussicht, einen oder

zwei Dampfwagen zu bestellen, aber in der Hauptsache sollte der Betrieb

durch Pferde vollzogen werden. „Nebst der Kostenersparnis“, so hieß es

in dem erstatteten Bericht, „würde hieraus noch der Vorteil hervorgehen,

daß die Fahrt auch zur Nachtzeit im Winter stattfinden könnte (warum?),

und daß auch diejenigen Personen für die Bahn gewonnen werden, welche

aus Besorgnis oder Furcht bei der Dampffahrt zurückblieben, jedenfalls

würde dadurch unsere Unternehmung an Sicherheit und an Rente bedeutend

gewinnen.“

Nachdem alle Vorbedingungen glücklich erfüllt waren, hieß es nun, den

Baumeister für die Strecke zu bestellen. Man wandte sich an Herrn von

Baader, aber dieser hatte vielerlei Bedenken und erklärte endlich, „er

getraue sich’s nicht.“ Da den leitenden Männern in ganz Deutschland kein

Ingenieur bekannt war, so wandte man sich an Stephenson nach Newcastle

und war gerade im Begriff, für schweres Geld einen englischen Bauleiter

kommen zu lassen, als Scharrer durch Zufall mit dem bayerischen

Bezirksingenieur Paul _Denis_ bekannt wurde. Dieser hatte auf seinen

Reisen in England und Amerika den Eisenbahnbau gründlich kennen gelernt

und erklärte sich sofort bereit, die Ausführung zu übernehmen.

Mit der Wahl dieses ersten Eisenbahningenieurs in Deutschland tat die

Verwaltung der Ludwigs-Eisenbahn einen vorzüglichen Griff. Nach kurzer

Zeit hatte Denis bereits alle Pläne aufgestellt, und nach einer Bauzeit

von nur neun Monaten lag die Bahn fertig da.

Sämtliche Teile des Oberbaus stammten aus deutschen Fabriken. Aber das

war nur deshalb der Fall, weil die bayerische Regierung durchaus nicht

den Eingangszoll für englische Schienen erlassen wollte, wie es die

Bahngesellschaft gewünscht hatte. Man hätte gar zu gern die

Schienenbestellung nach England vergeben, da man zu den deutschen

Fabriken gar kein Vertrauen hatte. Trotzdem gelang es der Firma Remy &

Cons. in Rasselstein bei Neuwied, die Schienen zu vollster Zufriedenheit

herzustellen.

[Abbildung:

Aus Scharrer: „Deutschlands erste Eisenbahn mit Dampfkraft“

66. _Das Gleis der ersten deutschen Eisenbahn Nürnberg-Fürth_

Querschnitt durch Schienen, Steinschwellen und Bettung; rechts eine

Bettungsstampfe]

Für den Oberbau hatte man die Bahnlinien Stockton-Darlington und

Manchester-Liverpool zum Vorbild genommen. Die Schienen ruhten auf

steinernen Pfosten, die durch ringsherum gestampfte Steine von

Faustgröße im Boden gehalten wurden. Auf den Steinschwellen waren, dem

englischen Vorbild entsprechend, gußeiserne Stühle mit Hilfe von

eisernen Nägeln in Holzdübeln befestigt und in diese die Schienen mit

Keilen festgeklemmt. Mit Rücksicht auf den Pferdebetrieb hatte man den

Raum zwischen den Schienen gepflastert. Ein Stück der Bahn war jedoch

auch auf Holzquerschwellen verlegt.

[Abbildung:

Aus Scharrer: „Deutschlands erste Eisenbahn mit Dampfkraft“

67. _Schienenbefestigung auf der ersten deutschen Eisenbahn_

Eiserner Schienenstuhl mit Nägeln, Dübeln und Filz-Unterlage auf

Steinschwelle]

Daß die Lokomotive aus Newcastle bezogen werden mußte, war

selbstverständlich. Sie leistete etwa 15 Pferdestärken und kostete

24 000 Mark. Man taufte sie auf den stolzen Namen „Adler“. Zur Bedienung

der Maschine war ein Mechaniker aus England mit hinübergekommen, der

alsbald sehr berühmte erste Lokomotivführer in Deutschland, _Wilson_.

Auf allen Bildern, welche die Nürnberg-Fürther Bahn in ihrer Anfangszeit

darstellen, sieht man ihn mit der steifen Haltung des Stockengländers

auf der Lokomotive stehen. Er muß jedoch ein sehr tüchtiger Mensch

gewesen sein, denn in einer der ersten Generalversammlungen erklärte ein

Mitglied der Bahnleitung, daß man sehr zufrieden wäre, einen so

brauchbaren Mann gefunden zu haben, der sehr nützlich sei, „obgleich es

mit Schwierigkeiten und Kosten verbunden wäre, von seiner Gegenwart den

besten Nutzen zu ziehen, da er kein Wort Deutsch spräche“. Die

Wichtigkeit dieses mit dem geheimnisvollen Bau der Lokomotive vertrauten

Manns drückte sich auch dadurch aus, daß er ein Gehalt von 2250 Mark

bezog, während der Leiter der Bahngesellschaft selbst nur ein Einkommen

von 1360 Mark hatte.

Bevor die Ludwigs-Eisenbahn eröffnet wurde, hatte der Vorstand der

Gesellschaft noch Gelegenheit, der Einweihung der Strecke

Brüssel-Mecheln beizuwohnen, wofür eine Einladung der belgischen

Regierung nach Nürnberg gelangt war. Am 5. Mai 1835 begannen die Fahrten

auf dieser Strecke, welche die erste Lokomotivbahn auf dem europäischen

Festland war. Am 7. Dezember desselben Jahrs wurde dann die Linie

Nürnberg-Fürth eröffnet.

Die Betriebsmittel waren zu Beginn eine Lokomotive und elf Pferde. Es

herrschte auch durchaus der Pferdebetrieb vor; im ersten Jahr kamen auf

je drei Lokomotivfahrten immer acht Pferdefahrten.

[Abbildung: 68. _„Der Adler“, Lokomotive der ersten deutschen Eisenbahn_

erbaut in Stephensons Lokomotiv-Fabrik zu Newcastle]

Das Unternehmen entwickelte sich sogleich sehr günstig. In der

Generalversammlung von 1836, also nach einjährigem Betrieb, konnte

Scharrer die erfreuliche Mitteilung machen, daß von der Bahn 450 000

Personen befördert worden und 102 000 Mark eingenommen worden wären. Mit

besonderer Freude betonte Scharrer, daß sich kein einziger Unfall

ereignet hätte. Auch das Gleis liege ausgezeichnet, und es sei fast noch

keine Schienenauswechslung notwendig gewesen. Stephensons Dampfwagen

aber sei ein Meisterstück; er habe während des ganzen Jahrs mit Ausnahme

eines einzigen Tags ununterbrochen im Betrieb gestanden. Scharrer fügte

hinzu:

„Die Wirkung unserer Anstalt beschränkt sich nicht bloß auf die so

wichtige Beförderung des Gewerbsverkehrs der zwei hierin so innig

verwandten Städte; sie ist auch ein neues schönes Glied in der Kette des

geselligen Lebens, ein erfreulicher Vereinigungspunkt aller Klassen und

Stände, ein wohlfeiles Mittel des Vergnügens und der Erholung, eine

Wohltat für die zahlreichen Boten und Lastenträger, welche ehedem in

glühender Hitze oder Kälte auf den Wegen ihre Kräfte erschöpften und nun

Gelegenheit haben, mit wenigen Kosten ihre Kräfte und Gesundheit zu

schonen und einen reicheren Erwerb zu gewinnen.“

Die weitere Voraussage Scharrers, daß das Unternehmen alle Aussicht

habe, sich günstig fortzuentwickeln, ist in Erfüllung gegangen. Keine

Wirklichkeit geworden aber ist ein anderes kühnes Bild, das dem gern ins

Hohe und Große aufsteigenden Geist dieses Manns vorschwebte. Er meinte,

die Ludwigs-Eisenbahn werde dereinst ein Teil des Landverkehrswegs von

England nach Ostindien sein, „weil sie einen Bestandteil der großen

Kommunikationslinie bilde, welche den europäischen Kontinent von Westen

nach Osten durchschneidet und an die Küsten Asiens führt“.

Seltsamerweise ist vielmehr die Ludwigs-Eisenbahn bis zum heutigen Tag

eine vereinsamte kleine Strecke geblieben. Sie hat niemals auch nur den

Anschluß an das bayerische Eisenbahnnetz gefunden. Die große

Schnellzugstrecke München-Nürnberg-Berlin, die auch Fürth berührt, hat

sich einen neuen besonderen Schienenweg geschaffen. Die

Ludwigs-Eisenbahngesellschaft besteht noch jetzt selbständig fort, und

sie betreibt nach wie vor nichts weiter als die sechs Kilometer lange

Strecke zwischen Nürnberg und Fürth.

Die Bedeutung, die erste Lokomotiveisenbahn in Deutschland gewesen zu

sein, bleibt der kleinen Strecke trotzdem erhalten. Wie stark die

Gemüter damals durch das Ereignis der Bahneröffnung bewegt wurden, zeigt

am besten ein Bericht des „Stuttgarter Morgenblatts“, der hier, nach

Vogtländers Quellenbüchern, wiedergegeben sei:

„Am 7. Dezember morgens um neun Uhr fand die feierliche Eröffnung der

Ludwigs-Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth auf dem eingehegten Platze

statt, welcher zu dem Verwaltungslokal der Eisenbahngesellschaft gehört.

„Die freudigste und nicht zu erschöpfende Aufmerksamkeit widmete man dem

Dampfwagen selbst, an welchem jeder so viel Ungewöhnliches, Rätselhaftes

zu bemerken hat, den aber in seiner speziellen Struktur nach äußerem

Ansehen selbst ein Kenner nicht zu enträtseln vermag.

„Auf den Achsen von Vorder- und Hinterrädern wie ein anderer Wagen

ruhend, hat er mitten zwischen diesen zwei größere Räder, und diese sind

es, welche von der Maschine eigentlich in Bewegung gesetzt werden (Die

Treibräder). Wie? läßt sich zwar ahnen, aber nicht sehen.

„Zwischen den Vorderrädern erhebt sich, wie aus einem verschlossenen

Rauchfang, eine Säule von ungefähr 15 Fuß Höhe, aus welcher der Dampf

sich entladet. Zwischen den Vorder- und Mittelrädern erstreckt sich ein

gewaltiger Zylinder nach den Hinterrädern, wo der Herd und Dampfkessel

sich befindet, welcher von einem zweiten, vierrädrigen angehängten Wagen

aus mit Wasser gespeist wird. Dieser hintere Wagen nämlich, auf welchem

der Platz für das Brennmaterial ist, hat auch einen Wasserbehälter, aus

welchem Schläuche das Wasser in die Kanäle des eigentlichen Dampfwagens

leiten. Außerdem bemerkt man eine Anzahl von Röhren, Hähnen, Schrauben,

Ventilen, Federn, die alle wahrzunehmen mehr Zeit erfordert, als uns

vergönnt war.

„Überdies nahm das ruhige, umsichtige, Zutrauen erweckende Benehmen des

englischen Wagenlenkers uns ebenso in Anspruch. Wer möchte in einem

solchen Mann nicht den ganzen Unterschied der modernen und der alten,

wie der mittleren Zeit personifiziert erblicken! Jedes körperliche

Geschick, welches gleichwohl nicht fehlen darf, tritt bei ihm in den

Hintergrund, in den Dienst der verständigen Beachtung auch des

Kleinsten, als eines für das Ganze Wichtigen. Jede Schaufel Steinkohlen,

die er nachlegte, brachte er mit Erwägung des rechten Maßes, des rechten

Zeitpunktes, der gehörigen Verteilung auf den Herd. Keinen Augenblick

müßig, auf alles achtend, die Minute berechnend, da er den Wagen in

Bewegung zu setzen habe, erschien er als der regierende Geist der

Maschine und der in ihr zu der ungeheuren Kraftwirkung vereinigten

Elemente.

„Als der Dampf sich stark zu entwickeln begann, regnete es aus der sich

augenblicklich bildenden Wolke durch die etwas rauhe Morgenluft auf uns

herab; ja, der Gegensatz der glühenden Dämpfe und der Atmosphäre machte,

daß zugleich ein Hagelstaub niederfiel.

„Als darauf auch der nach einer Heideloffschen Zeichnung gefertigte,

sehr einfache Denkstein mit der einfachen Inschrift: „Deutschlands erste

Eisenbahn mit Dampfkraft. 1835“ enthüllt war, wurde Sr. Maj. dem König

ein Lebehoch gebracht. -- Hierauf begann die erste Fahrt in den mit

Fahnen geschmückten Wagen; ein Kanonenschuß verkündete den Abgang des

ersten Zuges. Alle neun Wagen waren angefüllt und mochten etwa 200

Personen fassen.

„Der Wagenlenker ließ die Kraft des Dampfes nach und nach in Wirksamkeit

treten. Aus dem Schlot fuhren nun die Dampfwolken in gewaltigen Stößen,

die sich mit dem schnaubenden Ausatmen eines riesenhaften

antediluvianischen Stieres vergleichen lassen. Die Wagen waren dicht

aneinandergekettet und fingen an, sich langsam zu bewegen; bald aber

wiederholten sich die Ausatmungen des Schlotes immer schneller, und die

Wagen rollten dahin, daß sie in wenigen Augenblicken den Augen der

Nachschauenden entschwunden waren. Auch die Dampfwolke, welche lange

noch den Weg, den jene genommen, bezeichnete, sank immer tiefer, bis sie

auf dem Boden zu ruhen schien; die erste Festfahrt war in neun Minuten

vollendet, und somit eine Strecke von 20 000 Fuß (6 Kilometer)

zurückgelegt.

„Die Fahrt wurde an diesem Tage noch zweimal wiederholt. Das zweitemal

bin auch ich mitgefahren, und ich kann versichern, daß die Bewegung

durchaus angenehm, ja wohltuend ist. Wer zum Schwindel geneigt ist, muß

es freilich vermeiden, die vorüberfliegenden, nähergelegenen Gegenstände

ins Auge zu fassen.

„Es war eine unvergeßliche Menschenmenge vorhanden, und sie jauchzte und

jubelte zum Teil den Vorüberfahrenden zu; in der Tat, es gewährt der

Anblick des vorüberdrängenden Wagenzuges fast ein größeres Vergnügen,

als das Selbstfahren. Wenigstens drängt sich uns das Gefühl der

gewaltigen, wundersam wirkenden Kraft bei jenem Anblick weit mehr auf;

es imponiert, wenn man den Wagenzug mit seinen 200 Personen wie von

selbst, wenn auch nicht pfeilgeschwind, doch gegen alle bisherige

Erfahrung schnell, unaufhaltsam heran-, vorüber- und in die Ferne

dringen sieht.

„Das Schnauben und Qualmen des ausgestoßenen Dampfes, der sich sogleich

als Wolke in die Höhe zieht, verfehlt auch seine Wirkung nicht. Pferde

auf der nahen Chaussee sind daher beim Herannahen des Ungetüms scheu

geworden, Kinder haben zu weinen angefangen, und manche Menschen, die

nicht alle zu den ungebildeten gerechnet werden dürfen, haben ein leises

Beben nicht unterdrücken können. Ja, es möchte wohl keiner, der nicht

völlig phantasielos ist, ganz ruhigen Gemütes und ohne Staunen beim

ersten Anblick des wunderwürdigen Phänomens geblieben sein.“

[Abbildung:

Nach dem Wandgemälde von Professor Heinrich Heim im Treppenhaus des

Deutschen Museums zu München

69. _Eröffnung der ersten deutschen Eisenbahnstrecke Nürnberg-Fürth_ am

7. Dezember 1835

Bürgermeister Binder bringt das Hoch aus, Direktor Scharrer spricht

mit dem Regierungsvertreter, Regierungspräsidenten von Stichauer (in

Uniform). Hinter ihnen der Erbauer der Strecke, Denis. Auf der

Lokomotive der englische Führer Wilson]

7. Ein Märtyrer

Nun war der Augenblick gekommen, da der deutsche Eisenbahnfrühling in

die fruchtbringende Zeit übergehen konnte. Doch der freundlichere

Sonnenglanz, der fortab auf die schienenreifen Gefilde unseres Landes

herniederstrahlte, ward verdüstert durch den Schatten eines

Menschenschicksals, dessen Träger zu leuchtenden Taten berufen war, aber

im Dunkeln enden sollte.

Deutschland hatte das Glück, daß der erste Denker auf der Erde, welcher

ein wahres und tiefes Verständnis für die umfassende Wirkung und

weitestgreifende Bedeutung der Eisenbahn hatte, auf seinem Boden geboren

wurde und wirkte. Während in allen anderen Ländern, selbst in England,

immer noch planlos Linien von nur örtlicher Bedeutung ins Leben gerufen

wurden, hat jener Mann als erster ein Eisenbahnnetz als Ganzes deutlich

vor seinem geistigen Auge gesehen.

Die Alten, wenn sie zum Himmel blickten, dachten, daß jeder der Sterne

ohne Zusammenwirken mit den andern und ohne von ihnen beeinflußt zu

werden, seine Kreise am Himmel zöge. Aber es traten Männer wie

Kopernikus auf, die lehrten, daß da droben jede der Sternenbahnen mit

den anderen eng verwoben sei, daß die „Harmonie der Sphären“ nur deshalb

bestehe, weil eins mit dem anderen wirke und lebe. Auch die Eisenbahn

hat ihren Kopernikus gehabt, und er ist gleichfalls ein Deutscher

gewesen.

Die tief eindringenden Gedanken dieses Manns machten nicht bei der

Erkenntnis halt, daß es für das Wohl der Eisenbahn selbst notwendig sei,

von vornherein nicht einzelne Strecken, sondern sogleich große,

zusammenhängende Netze zu entwerfen. Denn seinem für das Vaterland

glühenden Herzen war selbst das Riesengebilde der vielen eisernen

Verkehrswege, die er vor Augen hatte, nichts anderes als ein Werkzeug

zur Erhöhung Deutschlands. Er sah in ihnen das beste Mittel, die

Entwicklung seines Vaterlands zu fördern, es durch immer engere

Verkettung der einzelnen politischen Mittelpunkte aus seiner

jammervollen Zerrissenheit emporzuheben zu größerer Einheit. Er glaubte

fest an das geeinte große Deutsche Reich, das er selbst niemals sehen

sollte, er opferte sein Dasein diesem größten Ziel, dem er am ehesten

durch Förderung des Eisenbahngedankens im größten Maßstab sich nähern zu

können glaubte.

Den Schöpfer der ersten deutschen Eisenbahnlinie von wirklicher

verkehrspolitischer Bedeutung, den Gründer des Handelsvereins, aus dem

dann der große deutsche Zollverein hervorging, Friedrich _List_, nennen

wir heute einen Vorläufer Bismarcks. Die Zeitgenossen aber hatten für

diesen großen Sohn deutscher Erde nichts übrig als Kränkungen und

Verachtung. Man verfolgte ihn ob seines vorwärtsdrängenden Wirkens, man

trieb ihn aus dem Vaterland und endlich in die Verzweiflung.

Lists Wirken für die Eisenbahn blieb nicht so ohne tatsächliche Erfolge

wie das Streben Friedrich Harkorts. Er hat wirklich die rasch

dahinrollende Lokomotive vor die Masse der schwer zu bewegenden Geister

gespannt. Aber während der stämmige Westfale trotz der Ergebnislosigkeit

seiner Kämpfe ein ruhiges Alter erreichte, mußte List an der Flamme

seines Geistes, die draußen nicht genug Nahrung fand, endlich selbst

verbrennen. Er sah die erste von ihm geschaffene Eisenbahnlinie, die

Strecke Leipzig-Dresden, aufblühen und gedeihen, er erblickte die

segensreichen Folgen, welche an dieses Werk sich schlossen, indem

Deutschland sich mehr und mehr mit Schienenwegen überzog, aber man hatte

ihn selbst von dem Arbeitsplatz fortgestoßen, auf dem er den ersten

Hammerschlag für das große Werk getan, und so mußte sein heißes Herz im

Alpenschnee verbluten.

Treffend hat Treitschke das Auftreten und Wirken Lists mit folgenden

Worten umrissen:

„Alle die wohlgemeinten Entwürfe früherer Eisenbahnlinien waren doch nur

auf das Wohl einzelner Städte oder Ländereien berechnet, und fast schien

es, als sollten die Deutschen durch den Fluch ihres Partikularismus

verhindert werden, die große Erfindung mit großem Sinne zu benutzen. Da

trat Friedrich List hervor mit dem Plan eines zusammenhängenden, ganz

Deutschland umfassenden Eisenbahnnetzes und zeigte durch die Tat, durch

die glückliche Vollendung einer großen Bahnlinie, daß sein, dem

Durchschnittsmenschen fast unfaßbares Ideal sich verwirklichen ließ.

„Als der Bahnbrecher des deutschen Eisenbahnwesens erwarb er sich sein

größtes Verdienst um die Nation, seine Stellung in der vaterländischen

Geschichte. Als er vor Jahren für die deutsche Zolleinheit gearbeitet,

hatte er doch nur mutig ausgesprochen, was die Mehrzahl der Zeitgenossen

schon ersehnte und in der Wahl der Mittel vielfach fehlgegriffen. Jetzt

aber mit seinen Eisenbahnplänen eilte er allen Landsleuten weit vor und

bewährte überall die geniale Sicherheit seines Seherblickes. Wenig

gelehrt, aber reich gebildet und im Leben erfahren, überragte er alle

damaligen volkswirtschaftlichen Publizisten.“

Friedrich List wurde im Jahre 1789 in Reutlingen als der Sohn eines

Weißgerbers geboren. Von Beginn an ging er einen unregelmäßigen Weg.

„Seine Bildung wird ihm,“ so sagt der erste Schilderer seines Lebens,

Ludwig Häußer, „nicht auf dem gewohnten Wege zugeführt; seine Erfahrung

muß er sich im bittersten Kampfe mit äußeren Verhältnissen erringen, und

seiner Lebenstätigkeit überall unter entmutigenden Hindernissen und

Opfern neue Bahnen zu brechen suchen. Das Autodidaktische in der

geistigen Erziehung des Mannes, das Energievolle und Selbständige in

seinem Charakter, das Kampffertige und Rührige in seinem öffentlichen

Tun wird von früher Zeit vorbereitet -- denn es ist ein bitteres,

vielbewegtes Leben, das ihn von Anfang an in die harte Zucht nimmt und

seinen Geist und Charakter zu jenem seltenen Grade von Selbständigkeit

und schöpferischer Rührigkeit heranbildet, die Lists hervorragendes

Verdienst, aber auch die Quelle seiner Verkennungen war. Wie das Ziel

seines Wirkens eigentümlich war und in der Geschichte literarischer

Persönlichkeiten einen ganz neuen Abschnitt für Deutschland bezeichnete,

wie der Ausgang seines Lebens ein ungemeines tragisches Interesse

weckte, so waren auch die Wege nicht gewöhnlich, auf denen das Schicksal

diese kostbare Fülle von Kräften prüfte und stählte.“

Nachdem er eine einfache Schule besucht hatte, ward List schon früh auf

den Kampf hingewiesen, den er sein ganzes Leben hindurch geführt hat:

das Ringen gegen willkürliche, dem Leben abgewandte Beamtenherrschaft,

wie sie zum Schaden des Vaterlands damals blühte. Eine seltsame

Verkettung von Umständen fügte es, daß der Tod seiner Mutter und seines

Bruders mittelbar durch harte Eingriffe der Behörden in die

Familienverhältnisse herbeigeführt wurde. Dennoch war List gezwungen,

Schreiber im Dienst der württembergischen Regierung zu werden.

In Ulm begann er widerwillig diese Laufbahn. Seine bedeutenden

Fähigkeiten führten ihn jedoch alsbald in höhere Stufen. Er legte die

Prüfung für das obere Verwaltungsfach ab und kam als Rechnungsrat ins

Ministerium. Hier wurde der freisinnige Minister von Wangenheim auf die

außerordentliche Bildung aufmerksam, die der junge Mann sich selbst

angeeignet hatte, und schon mit 28 Jahren saß Friedrich List auf dem

Lehrstuhl für Staatskunde an der Universität zu Tübingen.

Doch nicht lange sollte er sich dieser ehrenvollen Stellung erfreuen.

Die sehr tatkräftigen württembergischen „Altrechtler“ stürzten seinen

Gönner Wangenheim, und damit verschwand die starke Stütze, die der

junge, den Fortschritt lehrende Professor besaß. Nach einem Jahr bereits

schied er aus Tübingen.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 11 / 60 段