Unser Vaterland war in seiner Gestaltung nach den Freiheitskriegen nicht

dazu geeignet, eine so neue und großartige Einrichtung, wie Stephenson

sie geschaffen hatte, rasch aufzunehmen und bei sich zu entwickeln. Ein

Großgewerbe gab es damals in deutschen Landen überhaupt noch nicht; der

Ackerbau war vorherrschend.

Niemals hatte die Kleinstaaterei in üppigerer Blüte gestanden. Jedes der

kleinen und kleinsten Ländchen schloß sich gegen das andere ab, wollte

sich großtun, wollte ein Mittelpunkt sein. Gegen alle Vernunft und

selbst gegen den eigenen Nutzen wurde in jedem Ländle ein

Verkehrsschwerpunkt hochgezüchtet, der eigentlich gar keiner war, und

durch diese künstliche Stauung konnte ein natürliches Fließen der

Verkehrsgegenstände überhaupt nicht eintreten.

Zu dieser Mißgestalt des wirtschaftlichen Lebens gesellten sich die

kümmerlichen politischen Zustände. Es war die Zeit des schärfsten

Rückschritts in Deutschland. Der Geist Metternichs und der Heiligen

Allianz erdrückte jede freiheitliche Regung. Die Regierungen waren

ängstlich darum besorgt, das Selbstherrschertum gegen das immer

dringendere Begehren des Volks nach Mitwirkung bei der Lenkung des

Staats zu schützen, und sie wandten sich voller Scheu von jeder frischen

Neuerung ab, weil der damals herrschende Geist nur in dumpfen Stuben zu

gedeihen vermochte.

Der Eisenbahngedanke aber bedarf, um sich entwickeln zu können,

eines weiten Wirkungsfelds, einer großen, geschlossenen

Wirtschaftsgemeinschaft und zukunftsfreudiger Seelen. So ist es denn

kein Wunder, daß die Anlage der ersten Schienenwege in Deutschland ohne

rechten Plan erfolgte und daß die einzelnen Glieder vorerst gar keinen

Zusammenhang miteinander hatten. Ganz ließ sich trotz der redlichen

Bemühungen aller rückschrittlich Gesinnten die große neue Erfindung

nicht fernhalten. Denn auch in dem damaligen Deutschland lebten Männer,

die im Innersten ihres Herzens fühlten, daß durch die Einführung des

neuen Verkehrsmittels eine große, vaterländische Aufgabe zu lösen war.

Zwei Gestalten insbesondere sind es, die aus der damaligen Zeit bis

heute hinüberleuchten: Friedrich _Harkort_ und Friedrich _List_. Sie

sind die Begründer der deutschen Eisenbahnen.

Mit tiefer Achtung, ja ehrfurchtsvoll werden die Namen der beiden Männer

heute bei uns ausgesprochen. Aber zu der Zeit, als sie gegen unerhörte

Widerwärtigkeiten und rücksichtsloseste Angriffe wirkten, ward ihnen nur

wenig Vertrauen entgegengebracht. Beider Lebensschicksale sind

erschütternd. Der eine, Harkort, sah wohl, als er in hohem Alter starb,

Deutschland schon von Eisenbahnlinien erfüllt, aber keine einzige der

Strecken ist schließlich durch seine unmittelbare Einwirkung entstanden.

List gar schied als ein Verkannter, Verdammter durch eigene

Entschließung aus dem Leben. Der endlich hervorbrechende volle Strom des

deutschen Eisenbahnverkehrs ging über die beiden Männer hinweg, deren

Lebensarbeit es gewesen war, die hindernden Felsblöcke aus seinem Bett

hinwegzuräumen.

Im Eröffnungsjahr der Stockton-Darlington-Bahn, im März 1825, erschien

in der westfälischen Zeitung „Hermann“ ein Aufsatz, der zum erstenmal

die deutsche Öffentlichkeit auf die Bedeutung der Eisenbahnen

aufmerksam machte. Sein Verfasser war Friedrich Harkort. Der Aufsatz

hatte folgenden Wortlaut:

_Eisenbahnen_ (Railroads).

„Durch die rasche und wohlfeile Fortschaffung der Güter wird der

Wohlstand eines Landes bedeutend vermehrt, welches Kanäle, schiffbare

Ströme und gute Landstraßen hinlänglich bewähren.

„Der Staat sollte aus diesem Grunde die Weggelder nicht als eine

Finanzquelle betrachten, sondern nur die Kosten einer vorzüglichen

Unterhaltung erheben.

„Größere Vortheile wie die bisherigen Mittel scheinen Eisenbahnen zu

bieten.

„In England sind bereits zu diesem Behuf über 150 Millionen Preuß.

Thaler gezeichnet: ein Beweis, daß die Unternehmungen die öffentliche

Meinung in einem hohen Grade für sich haben.

„Auch in Deutschland fängt man an, über dergleichen Dinge wenigstens zu

reden, und folgende Bemerkungen liefern vielleicht einige Beiträge dazu.

„Meine Absicht ist nicht, in die Einzelheiten der Sache einzudringen;

vorläufig genügen wohl einige allgemeine Umrisse.

„Die westliche Eisenbahn von London nach Falmouth wird eine Länge von

400 engl. Meilen erhalten.

„Von Manchester nach Liverpool ist eine neue Eisenbahn von 32 engl.

Meilen in Vorschlag gebracht, obgleich eine Wasserverbindung vorhanden.

„Versuche, welche deshalb in Killingworth angestellt wurden, ergaben,

daß eine Maschine von 8 Pferde Kraft ein Gewicht von 48 Tonnen mit einer

Geschwindigkeit von 7 Meilen pro Stunde auf einer Ebene bewegte.

„Denken wir uns nun eine solche Fläche von Elberfeld nach Düsseldorf, so

würden 1000 Zentner in 2-1/2 Stunden von einem Orte zum andern geschafft

werden, mit einem Kohlenaufwande von 5 Scheffel für die Reise.

„Eine Maschine von 8 Pferde Kraft würde innerhalb 3 Stunden 1000

Scheffel Kohlen von Steele nach dem Rheine schaffen, das heißt die

Ruhrschiffahrts-Cassa völlig aufs Trockene setzen.

„Die sämmtlichen Ruhr-Zechen erhielten durch eine Eisenbahn den

unschätzbaren Vortheil eines raschen, regelmäßigen Absatzes unter großen

Frachtersparungen.

„Innerhalb 10 Stunden könnten 1000 Centner von Duisburg nach Arnheim

geschafft werden; die Beurtschiffer liegen allein 8 Tage in Ladung.

„Man macht vielleicht den Einwand, daß nur selten eine Ebene sich

ausmitteln läßt. Dagegen erwidere ich, daß zwar nach Verhältniß des

Steigens mehr Kraft erforderlich ist oder die Geschwindigkeit abnimmt,

die Rückfahrt indessen um so viel rascher von Statten geht und die

mittlere Geschwindigkeit bleibt.

„Die größte Neigung des Weges zu Killingworth war 1 Fuß in 840 und das

höchste Steigen 1 in 327.

„Die Eisenbahnen werden manche Revolutionen in der Handelswelt

hervorbringen. Man verbinde Elberfeld, Köln und Duisburg mit Bremen oder

Emden, und Holland’s Zölle sind nicht mehr!

„Die Rheinisch-Westindische Compagnie darf Elberfeld als einen Hafen

betrachten, sobald der Centner für 10 Silbergroschen binnen 2 Tagen an

Bord des Seeschiffes in Bremen zu legen ist.

„Zu diesem Preise ist es für die Holländer unmöglich, selbst vermittelst

Dampfbooten, die Güter zu übernehmen.

„Wie glänzend würden die Gewerbe von Rheinland-Westfalen bei einer

solchen Verbindung mit dem Meere sich gestalten!

„Möge auch im Vaterlande bald die Zeit kommen, wo der Triumphwagen des

Gewerbefleißes mit rauchenden Kolossen bespannt ist und dem Gemeinsinne

die Wege bahnet!“

Diese Darlegungen erregten großes Aufsehen, aber die Schwerfälligkeit

des deutschen öffentlichen Lebens sorgte dafür, daß sie nicht sogleich

greifbare Folgen nach sich zogen.

Der Mann, der hier als Vorkämpfer des neuen Verkehrsmittels auftritt,

Friedrich Wilhelm Harkort, war am 22. Februar 1793 auf dem väterlichen

Hof Harkorten in der Grafschaft Mark, unweit Hagen, geboren. Er

entstammte einem alten Geschlecht, das schon viele Menschenalter

hindurch auf eigenem Boden gesessen hatte und in ganz Westfalen ein

großes Ansehen besaß.

Zwischen Hagen und Schwelm erstreckt sich die alte Enneper Straße, die

schon Ernst Moritz Arndt im Auge hatte, als er von der Stätte sprach,

„wo der Märker Eisen reckt“. Dort, wo heute ein Fabrikhaus neben dem

andern liegt, standen damals in kurzen Zwischenräumen die Häuschen der

Eisenschmiede. Reckhämmer nannte man die ungefügen Schläger, durch deren

Aufpochen das Eisen in seinem inneren Gefüge verbessert und in rohe Form

gebracht wurde. Die Wasserkraft des Ennepe-Flusses, der in die Ruhr

fällt, war es, die jene Hämmer in Bewegung setzte. Hier ist die Wiege

des mächtigen rheinisch-westfälischen, ja des deutschen Großgewerbes.

Auch der Vater Friedrichs, Johann Caspar Harkort, betrieb zusammen mit

seinem Bruder vier Hammerwerke an der Enneper Straße. So kamen die

„Harkorter Jungens“ -- Friedrich hatte noch sechs Brüder -- schon früh

mit dem Handwerk in Berührung.

Friedrich, der als ein schöner, kraftvoll gebauter Jüngling geschildert

wird, machte als Leutnant die Feldzüge von 1814 und 15 mit. Er wurde

hierbei mehrfach verwundet, so auch in der Schlacht bei Ligny. Des

öfteren hatte er Gelegenheit, sich als einer der Tapfersten zu erweisen.

Als nach Napoleons Sturz die Heere aufgelöst worden waren, begann rasch

jene Zeit der Unterdrückung aller politischen Freiheiten. Auch Friedrich

Harkort litt schwer darunter und beteiligte sich durch Wort und Schrift

mit großer Tatkraft an dem Kampf. Aber ebensosehr lag es ihm am Herzen,

das gewerbliche Leben in Deutschland zu erwecken. Er kannte die Erfolge

der Engländer auf dem Gebiet der Eisenindustrie, die ihnen insbesondere

durch die Ausnutzung der neuen Wattschen Dampfmaschine möglich geworden

waren. Harkort meinte, daß man es bei genügendem Eifer den Engländern in

Deutschland wohl nachtun könnte.

So gründete er auf der alten Burg Wetter an der Ruhr im Jahre 1818 eine

Maschinenfabrik. Sie ist die Lehrstätte der deutschen Maschinenbauer

geworden. Schon 1820 war die erste in Wetter gebaute Fördermaschine in

Tätigkeit. Die Bezirke von Elberfeld und Barmen, in denen heute so viele

Tausende von Rädern sich drehen, erhielten, nach dem Schilderer von

Harkorts Leben, Berger, die ersten Dampfmaschinen gleichfalls aus

Wetter. Im Jahre 1822 erklärte Beuth, die Harkortsche Fabrik gehöre

„unter die merkwürdigsten und bewundernswerten Anstalten in

Deutschland“. Die Maschinen, die dort erzeugt wurden, seien vollkommen

und könnten sich den besten englischen an die Seite stellen. Auch die

Einführung des für die Eisenaufbereitung so wichtigen Puddelverfahrens

in Deutschland ist Harkorts Werk. So kann man es verstehen, daß in

Westfalen das Sprichwort umging: „Fritz Harkort macht uns das Bett, und

wir andern legen uns hinein“.

Das Vertrauen seiner Mitbürger berief später den kühn schaffenden Mann

in die Preußische Nationalversammlung von 1848. Er hat dem Norddeutschen

und auch noch dem ersten Deutschen Reichstag angehört.

Es ist ganz selbstverständlich, daß ein Mann solcher Art die in seiner

Umgebung bestehenden Verkehrsübelstände scharf empfinden mußte. Harkort

sah, wie die Holländer, welche sich seit dem Wiener Kongreß im Besitz

der Rheinmündungen befanden, den deutschen Überseehandel gewaltsam

niederhielten, indem sie unmäßig hohe Ausgangszölle erhoben. In seinem

Aufsatz im „Hermann“ betonte er darum, daß eine Verbindung der

Rheinnebenflüsse mit der Ems oder der Weser durch eine Eisenbahn die

Möglichkeit schaffen würde, beim Ausgang der Handelsschiffe ins Meer

Holland ganz zu vermeiden und Bremen oder Emden an die Stelle von

Rotterdam zu setzen.

Bei dem schlechten Zustand der damaligen Landstraßen waren ja die Flüsse

die einzigen verhältnismäßig bequemen Verkehrswege, die zur Verfügung

standen. Vorläufig konnte noch nicht weiter gedacht werden, als die

Eisenbahn nur zur Überbrückung solcher Gebiete zu benutzen, die nicht

von einem schiffbaren Wasserlauf durchzogen wurden. Harkort erhoffte

insbesondere viel von der Errichtung einer Eisenbahn zwischen Minden an

der Weser und Lippstadt an der Lippe, einem Nebenfluß des Rheins, durch

die ein Güteraustausch zwischen den beiden großen voneinander getrennten

Flußnetzen möglich werden sollte.

Obgleich das Nützliche dieses Gedankens jedem einleuchten mußte, und

obwohl, wie schon angedeutet, der Aufsatz Harkorts im „Hermann“ viel

beachtet wurde, fand er doch keinen Widerklang in den Kreisen, die dem

Werk wirklich hätten förderlich sein können. Mit Recht wies, wie Berger

mitteilt, eine Zuschrift im „Hermann“ auf die für die damalige Zeit

geltende Wahrheit hin, „daß in unserem Vaterland nützliche Erfindungen

gewöhnlich erst dann in Anwendung gebracht werden, wenn uns das Ausland

den besten Teil der Vorteile, die dadurch zu erreichen gewesen sein

würden, vorweggenommen hat“.

Aber Harkort war von der Bedeutung der Eisenbahnen so fest überzeugt,

daß er sich nicht mit Worten allein begnügte. Er schritt, seiner ganzen

Natur entsprechend, sogleich zu einer Tat. Im Jahre 1826 erbaute er im

Garten der Museumsgesellschaft zu Elberfeld eine Probebahnstrecke.

Leider wählte er hierfür nicht die in England bereits vielfältig

bewährte Bauart der zweischienigen Standbahn, sondern benutzte als

Vorbild eine von Palmer ersonnene, etwas seltsame Bahngattung. Es wurden

Baumstämme in die Erde gerammt, hierüber eine hoch über dem Boden

schwebende Schiene befestigt und die Wagen zu beiden Seiten an darüber

gelegte Querstangen gehängt. Es war also eine Art Schwebebahn, wenn auch

ganz verschieden von der heute gerade in Elberfeld benutzten Bauart.

Große Erfolge ließen sich mit einer solchen Bahnstrecke nicht erzielen.

Dennoch wurde allen, die den Bau sahen, klar, daß man wirklich auf einer

eisernen Schiene Gefährte weit leichter fortbewegen könne als auf der

Straße, und darauf kam es Harkort an. Die Art des Antriebs schien ihm

gleichgültig. In jener Zeit war die Lokomotive noch nicht viel mehr als

ein fremdartiges Tier. Der Begriff „Eisenbahn“ bedeutete nichts weiter

als einen Schienenweg, auf dem Wagen durch irgendein Zugmittel, meistens

durch Pferde, fortbewegt wurden.

Es tauchte alsbald die Absicht auf, von Steele an der Ruhr eine

Eisenbahn nach Elberfeld zu bauen, um die Ruhrkohle leichter dorthin

schaffen zu können. Aber ehe noch der Antrag zur Genehmigung dieser

Bahnstrecke bei der Staatsregierung gestellt war, erwachten auch in

Westfalen jene Geister, die wir schon in England beim Auftauchen der

ersten Eisenbahnentwürfe bei ihrer neuerungsfeindlichen Tätigkeit

gesehen haben. Es ertönte das gleiche Geschrei wie jenseits des Kanals:

daß die Einnahmen aus den Landstraßengeldern zum Schaden der

Allgemeinheit fortfallen, daß die Kohlenfuhrleute wie die Wagenbauer

zugrunde gehen müßten, wenn der Staat derartige unsinnige Unternehmungen

begünstigte.

Die mit lauter Stimme vorgebrachten Einwendungen hatten Erfolg, und am

31. Oktober 1826 wurde den Antragstellern in der Tat die Genehmigung zur

Ausführung der Strecke versagt. Es ist das die erste Äußerung der

preußischen Staatsregierung zur Eisenbahnfrage. Die Ergebnislosigkeit

dieses ersten Vorstoßes ist vielleicht nicht so sehr zu bedauern, da die

von Harkort erkorene Einschienenbahn kaum zu günstiger Entwicklung hätte

gelangen können. Er ging denn auch bald von dieser Bauart ab.

Indessen mehrte sich der Unwille gegen die Willkürherrschaft der

Holländer an den Rheinmündungen weiter. Immer größere Kreise erkannten

die Wichtigkeit einer Eisenbahnverbindung zwischen Weser und Lippe, das

heißt unter Benutzung der Ruhr mit dem Rhein. Man lenkte die

Aufmerksamkeit des weitblickenden preußischen Finanzministers von Motz

darauf, und dieser griff den Gedanken mit Lebhaftigkeit auf. Im Jahre

1828 schrieb er in dem Hauptverwaltungsbericht, den er dem König

erstattete:

„Noch wichtiger (nämlich als der Ausbau der großen schlesischen

Landstraße) ist es -- womöglich mit einer Eisenbahn von Minden bis

Lippstadt und damit zugleich einer Verbindung auf der schiffbaren Lippe

mit dem Rhein -- eine ganz neue gewisse Richtung für den Verkehr von

Bremen nach dem westlichen und südlichen Deutschland innerhalb der

eigenen Grenze Ew. Königlichen Majestät Staaten hervorzurufen.“

Mit den letzten Worten deutete Motz darauf hin, daß die Eisenbahn nicht

nur die Umgehung Hollands bringen, sondern auch einen ganz in Preußen

verlaufenden Verkehrsweg von der See nach Süddeutschland erschließen

würde, auf dem man Hannover und Kurhessen, also das „Ausland“ vermeiden

könnte, was bei Benutzung der Flußläufe nicht möglich war.

Trotzdem geschah auch jetzt nichts von seiten des Staats zur Förderung

der Angelegenheit. Da der allgewaltige Finanzminister sich für die

Förderung des Eisenbahngedankens ausgesprochen hatte, so standen diesem

nun allerdings die Beamten in Westfalen nicht mehr so feindlich

gegenüber wie vorher. Auch die Holländer bekamen einen heilsamen Schreck

und ermäßigten ihre Zölle. So hat hier die Eisenbahn schon allein in

gedanklicher Form verkehrsfördernd gewirkt.

Immerhin wurden in den nächsten Jahren bereits ein paar kleine

Schienenwege für Pferdebetrieb in Westfalen gebaut, von denen der

wichtigste die Prinz Wilhelm-Eisenbahn von Steele nach Vohwinkel war. Zu

ihrer Errichtung war auf Harkorts Veranlassung ein Aktienverein gebildet

worden, die erste Eisenbahngesellschaft in Deutschland. Der damalige

Generalgouverneur von Rheinland-Westfalen, Prinz Wilhelm, der spätere

erste deutsche Kaiser, besichtigte die Bahnstrecke im Jahre 1831 und gab

die Erlaubnis, ihr seinen Namen beizulegen.

Die Kunde von dem Lokomotivwettkampf zu Rainhill erregte bald darauf

alle fortschrittlichen Geister in Deutschland. Immer klarer traten der

Nutzen und die große Bedeutung der Eisenbahnen hervor. Harkort bewirkte,

daß der Westfälische Provinziallandtag die Ausführung der Bahnstrecke

Minden-Lippstadt zur Versorgung des Wuppertals mit Ruhrkohle beschloß

und zwar als eine Anlage, die von den Provinziallandständen mit

staatlicher Beihilfe gebaut werden sollte. Es ist bemerkenswert, daß in

diesem Beschluß ausgedrückt wurde, die Bahn solle „einer Chaussee

gleichen, welche ein jeder unter Wahrnehmung allgemeiner

Polizeivorschriften gegen Erlegung des Wegegelds befahren könne“. Man

war also auch hier der Meinung, daß einheitlicher Betrieb auf einer

Bahnstrecke nicht unbedingt notwendig sei. Es wurde eine Bittschrift an

den König aufgesetzt, die in der Hauptsache von Harkort verfaßt war und

mit den Worten schloß:

„Ew. Majestät gnädige Gesinnungen lassen uns hoffen, daß ein so

großartiges und für unsere Provinz so rühmliches und nützliches

Unternehmen durch Allerhöchstdero Huld auf das baldigste ins Leben

gerufen werden möge.“

Diese Hoffnung sollte jedoch nicht in Erfüllung gehen. Die Eingabe des

Landtags blieb zunächst einmal 1-1/2 Jahre lang unbeantwortet. Dann

erging im Juli 1832 der Bescheid, daß die Regierung „einer zu gründenden

Aktiengesellschaft möglichstes Entgegenkommen bezeugen wolle, daß sie

sich auch zur Übernahme von Aktien verstehen werde, aber weiter zu

gehen, sei nicht angemessen, weil das jetzige Kommunikationsbedürfnis

durch die Chaussee gesichert sei und die künftige kommerzielle

Wichtigkeit der Anlage auf unsicheren Voraussetzungen beruhe“. Da die

Regierung hiermit ausgedrückt hatte, daß sie Eisenbahnen für überflüssig

und nicht entwicklungsfähig halte, so wurde trotz der in dem Bescheid

gewährten Zugeständnisse die Entwicklung durch diese Antwort weiter

verzögert.

Noch einmal entschloß sich Friedrich Harkort zu einem Vorstoß. Im Jahre

1833 veröffentlichte er seine Schrift „Die Eisenbahn von Minden nach

Köln“, die also, nachdem der Lippstädter Plan gescheitert war, für eine

größere Linie unmittelbar zum Rhein eintrat. Wie klar sein Blick in die

Zukunft schaute, beweisen die Worte, die er in dieser Schrift über die

militärische Bedeutung der Eisenbahnen äußerte:

„Die Kunst der Feldherren neuerer Zeit besteht darin, rasch große

Streitmassen nach einem Punkte zu bewegen.

„Während ein preußisches Korps sich von Magdeburg auf Minden oder Kassel

begibt, erreicht in derselben Zeit ein französisches Heer von Straßburg

aus Mainz, von Metz aus Coblenz, von Brüssel aus Aachen; wir verlieren

also zehn Tagemärsche, welche oft einen Feldzug entscheiden.

„Diesen Nachteil würde die Eisenbahn heben, indem 150 Wagen eine ganze

Brigade in einem Tage von Minden nach Köln schafften, wo die Leute wohl

ausgeruht mit Munition und Gepäck einträfen. -- --

„Denken wir uns eine Eisenbahn mit Telegraphen auf dem rechten Rheinufer

von Mainz nach Wesel. Ein Rheinübergang der Franzosen dürfte dann kaum

möglich sein, denn bevor der Angriff sich entwickelte, wäre eine

stärkere Verteidigung an Ort und Stelle.

„Dergleichen Dinge klingen jetzt noch seltsam, allein im Schoße der

Zeiten schlummert der Keim so großer Entwicklung der Eisenbahnen, daß

wir die Resultate nicht zu ahnen vermögen!“

Der Westfälische Provinziallandtag entschloß sich von neuem zu einem

Genehmigungsgesuch bei der Regierung. Aber schon im Rheinischen Landtag

dachte man anders über die Angelegenheit. Dort sagte der Abgeordnete

Schuchart:

„Aber, meine Herren, mir schaudert vor der furchtbaren Umwälzung, wenn

ich mir denke, daß Deutschland, mit den schönsten Kunststraßen übersäet,

nach allen Richtungen mit guten Verbindungswegen versehen, plötzlich mit

einer Eisenbahn durchschnitten werden sollte!“

Dieser Meinung schloß sich das preußische Ministerium an, indem es

erklärte, die gewünschte Zinssicherung für die Bahn nicht gewähren zu

können, da es die Gelder vorschriftsmäßig nur „zum allgemeinen Besten“

verwenden dürfe, hier aber -- bei einer so bedeutenden Eisenbahnstrecke!

-- kein öffentliches, sondern nur ein örtliches Interesse vorliege.

Damit enden die Bemühungen, Westfalen zum Ursprungsbezirk des deutschen

Eisenbahnnetzes zu machen. Harkort hörte, durch eigene Sorgen, durch die

Tätigkeit für seine Maschinenfabrik und anderes in Anspruch genommen,

fortab auf, weiter für seinen Lieblingsgedanken zu kämpfen. Im Jahre

1835 klagte er einem Freund:

„Heute sind es zehn Jahre geworden, als ich im ‚Hermann‘ zum erstenmal

über Eisenbahnen schrieb. Großes hätte man in Preußen erreichen, alles

mit einem Schlag voranbringen können, wenn die Sache damals energisch

angegriffen würde. Stattdessen ist nichts geschehen; wir haben noch

nicht eine Meile Bahn, und unsere Nachbarn, das junge Belgien voraus,

schöpfen das Fett von der Suppe. Pfui über unsere unüberwindliche

deutsche Schlafmützigkeit!“

Der Mißerfolg seines Lebenswerks hat Friedrich Harkort nicht das Herz

gebrochen. In der allgemeinen Politik blieb er weiter tätig. Daß er so

getrost im öffentlichen Leben fortwirken konnte, nachdem in späteren

Jahren in Westfalen eine Eisenbahnstrecke nach der andern ohne sein

Zutun gebaut wurde, erklärt sich vielleicht aus einem Ausspruch, den er

über sich selbst getan hat: „Mich hat die Natur zum Anregen geschaffen,

nicht zum Ausbeuten; das muß ich anderen überlassen!“ Seine Tätigkeit

als Anreger bleibt denn auch in der Geschichte der deutschen Eisenbahnen

unvergessen. Sicherlich wären die tatsächlichen Anfänge, die an anderen

Stellen erfolgten, ohne sein Wirken erst weit später zutage getreten.

Friedrich Harkort ist, 87 Jahre alt, im Jahre 1880 auf seinem Gut

Hombruch bei Dortmund gestorben.

Vor dem ersten „Anreger“ Harkort hat es in Deutschland noch

einen allerersten gegeben. Es war dies der bayerische Oberbergrat

Ritter Joseph von _Baader_, der schon im Jahre 1814 darauf

hingewiesen hatte, daß die benachbarte Lage der Städte Nürnberg

und Fürth, sowie der rege Personenverkehr zwischen den beiden Orten

die Anlage eines Schienengleises als notwendig erscheinen lasse.

Obgleich nun Baader, im Gegensatz zu Harkort, nicht in einen Kampf

für seinen Gedanken eintrat, sollte er doch dessen Verwirklichung

sehen. An der Stelle, auf die Baader aufmerksam gemacht hatte, wurde

die erste Lokomotiv-Eisenbahnstrecke in Deutschland eröffnet.

Allerdings war die Linie nicht sehr bedeutend, denn sie hatte nur

eine Länge von sechs Kilometern.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 10 / 60 段