50. _Ältere Formen hölzerner Querschwellen_]

Als die Bahnen sich immer weiter ausbreiteten, kam der Augenblick, in

dem man mit Schrecken überdachte, ob nicht der außerordentlich starke

Verbrauch von Holz, den die immer weitergehende Vermehrung der

Schwellen erforderte, allmählich alle Wälder auf der Erde aufzehren

würde. Nach Haarmann heißt es in einer Besprechung dieser

volkswirtschaftlichen Frage vom Jahre 1876:

„Den wundesten Punkt bildet der immer riesiger werdende Bedarf an

Eisenbahnschwellen. Hier kann man mit Recht fragen: ‚Wo will das

hinaus?‘ Auf der ganzen Erde wächst nur ein Bruchteil von dem Eichenholz

hinzu, das alljährlich unter unsere Schienen gebettet wird, um dort

trotz aller Präparierung in wenigen Jahrzehnten zu verfaulen. Es ist nur

zu gewiß, daß die zweite, höchstens die dritte Generation, von uns an

gerechnet, vor der Unmöglichkeit stehen wird, Bahnen mit Eichenschwellen

zu bauen, und wenn man sie mit Gold aufwiegen wollte! Auch die Schwellen

aus anderen Holzarten werden bei ihrer viel kürzeren Dauer immer teurer

und seltener werden und zuletzt nicht mehr zu beschaffen sein.“

Diese schwarzseherische Voraussage ist nicht in Erfüllung gegangen, da

der in der Tat sehr starke Holzbedarf der Eisenbahnen ziemlich in allen

Ländern durch sorgsame Forstwirtschaft wieder ausgeglichen wird. Dennoch

blieb der Wunsch rege, Schwellen aus einem anderen Stoff benutzen zu

können, und auch hierzu bot sich als selbstverständlich das Eisen an.

Die Befürchtung, die man im Anfang hegte, daß man auf Geleisen mit

Eisenschwellen härter fahren würde als auf solchen mit hölzernen

Querschwellen und daß der Rost die eisernen Unterlagen zu schnell

zerstören würde, haben sich als grundlos erwiesen.

Gußeiserne Schwellen freilich bewährten sich wegen ihrer leichten

Zerbrechlichkeit ebensowenig wie das gußeiserne Gleis, und auch mit den

ersten Formen der aus Schmiedeisen gewalzten Schwellen erhielt man nicht

sogleich gute Ergebnisse. Man dachte zuerst, daß es genüge, den

Schwellen die Form der (Doppel-~T~-)Träger zu geben. Das war jedoch

verfehlt, da die Hauptaufgabe der Schwelle nicht ist, die Schienen zu

tragen, sondern vor allem, die Beanspruchung der Fahrbahn durch die

Fahrzeuge möglichst vollständig auf die Bettung zu übertragen und sie

dort zu verteilen. Diese Aufgabe erfüllte schon bis zu einem gewissen

Grade die schmiedeiserne Schwelle von _Le Crenier_ aus dem Jahre 1858,

aber ihre Wandstärke war noch zu gering. Die beabsichtigte Wirkung trat

erst vollständig ein, als man kräftige Schwellen walzte und sie mit

Endverschlüssen versah, so daß ein bedeutender Teil der Bettung

vollkommen von der trogförmigen Schwelle umschlossen wurde. Heute

besteht die Eisenschwelle vollberechtigt neben der Holzschwelle; beide

haben Vorteile und Nachteile, aber keine der beiden Schwellenarten

vermag die andere ganz zu verdrängen.

Die Befestigung der Schienen auf den Schwellen fand zu Beginn nur an den

Enden der kurzen Schienenstücke statt. Erst als die schmiedeisernen

Schienen die Herstellung größerer Längen gestatteten, wurden auch

dazwischenliegende Verbindungen mit den Schwellen hergestellt.

Zur Festhaltung der englischen Doppelkopfschiene war und ist noch heute

das Aufschrauben eines besonderen Schienenstuhls notwendig, in dem die

Schiene durch sehr kräftiges Eintreiben eines hölzernen Keils gehalten

wird. Die Breitfußschiene wurde zunächst durch einfaches Eintreiben von

Hakennägeln in die Schwelle festgehalten. Da jedoch die Nägel sich

leicht lockerten, so gab man ihnen einen widerhakenähnlichen Ansatz, der

beim Eintreiben des Nagels sich einen besonderen Weg in die Schwelle

bahnte und so das Lockerwerden und Herausfallen des Nagels hinderte.

Eine weit innigere Verbindung stellte dann die heute noch in gleicher

Weise gebräuchliche Schienenschraube mit großem Kopf her.

[Abbildung: 51. _Erste Schwelle aus Schmiedeisen_

hergestellt von Le Crenier 1858]

Beim Befahren durch die Lokomotiven und Wagen werden die Schienen,

besonders in den Krümmungen, auch durch seitliche Kräfte beansprucht,

die sie nach außen umzukanten versuchen. Man ist dem schon frühzeitig

dadurch entgegengetreten, daß man die Schienen über jeder Schwelle

mittels eiserner Stangen verband, die durch Löcher in den Stegen gingen

und dort verschraubt waren. Auch besondere Haltenasen, die von außen den

Schienenkopf festhielten, wurden angewendet. Es stellte sich jedoch

schließlich heraus, daß das beste Mittel zur Abwendung des Umkantens die

Einschaltung von Unterlagsscheiben zwischen Schienenfuß und Schwelle

sei.

Durch das ständige senkrechte Hin- und Herschwingen der Schienen unter

dem rasch auftretenden und wieder verschwindenden Druck der Räder fraßen

sich die Schienenfüße bald in die weichen Schwellen ein. Die

Unterlagsplatte vergrößert nun die Auflagefläche zwischen Schiene und

Schwelle sehr bedeutend, so daß das Einfressen geringer wird. Zugleich

gestattet die Unterlagsplatte die Anbringung einer größeren Anzahl von

Schrauben und Nägeln. Dadurch, daß man die Auflagefläche der

Unterlagsplatte auf der Schienenseite nicht wagerecht macht, sondern sie

nach außen hin schräg ansteigen läßt, bewirkt man zugleich eine nach

innen geneigte Schräglage der Schienen. Diese ist vorteilhaft, weil

hierdurch die stets etwas kegelförmig abgedrehten Radkränze, wenn sie

seitlich auflaufen, immer wieder in die günstige Mittellage

zurückgedrängt werden. Da der Schienenkopf in dieser Stellung nach außen

zu immer etwas höher liegt als innen, so muß jedes Rad bei dem Versuch

des seitlichen Auflaufens nach oben klettern, und die Schwerkraft zieht

es dann sofort wieder zurück. Auch diese Schräglegung der Schienen ist

heute wohl auf der ganzen Erde üblich. Näheres über die Unterlagsplatten

ist in Abschnitt 13 zu finden.

[Abbildung: 52. _Eisenschwelle neuzeitlicher Form_]

Dem Eisenbahnbau ist es im Lauf der Jahrzehnte gelungen, unerhörte

Schwierigkeiten zu überwinden. Die viele tausend Kilogramm schweren

Fahrzeuge rollen über unergründliche Moore hinweg, sie fliegen auf

Brücken über grauenhafte Abgründe und haben sich einen Weg durch die

mächtigsten Gebirgsstöcke gebahnt. Die Wüste und das Meer sind

überwunden worden, aber ein Hindernis, das ganz bescheiden aussieht, hat

bis zum heutigen Tag allen Bemühungen widerstanden, mit denen man

versuchte, es unschädlich zu machen.

[Abbildung:

Nach Haarmann: „Das Eisenbahngeleise“.

53. _Englischer Schienenstuhl_

zur Festhaltung der Doppelkopf-Schiene mittels eingetriebenen

Holzkeils]

Wenn man noch jetzt auf der Eisenbahn durch ein lebhaftes Geräusch der

fahrenden Züge und hier und da unter Erschütterungen leidet, so sind

daran weder der Unterbau noch der Oberbau schuld, nicht die Schwellen

und nicht die Schienen an sich verursachen diese Unannehmlichkeit,

sondern ein Bauteil, im einzelnen von geringer Größe aber durch seine

Vielfältigkeit von größter Bedeutung, ist der Unheilstifter. Wie ein

Bazillus haust er im Bahnkörper und hat sich bis jetzt allen

Austreibungsversuchen zu entziehen vermocht.

Die Schiene läßt sich auch auf der Walze nicht als endloses Band

herstellen, und wenn dies möglich wäre, so müßte man sie trotzdem in

verhältnismäßig kurzen Stücken anfertigen, da jedes Gleis stark

wechselnden Wärmegraden ausgesetzt ist. Hierbei verändert das Eisen

fortwährend seine Länge, indem es sich bei Kälte zusammenzieht und bei

Erwärmung wieder ausdehnt. Es ist notwendig, in gewissen, nicht allzu

langen Abständen in die Geleise Lücken einzuschalten, die einen

Ausgleich dieser Längenveränderungen gestatten. Der Schienenstoß ist

also eine Notwendigkeit und wird es immer bleiben, solange Schienen ohne

vollständige Einbettung daliegen.

Während die Räder über die Rücken der Schienen glatt hinweglaufen,

erhalten sie jedesmal einen schweren Schlag, wenn sie am Stoß von einem

Schienenstück auf das andere übergehen. Es ist wohl gelungen, hier

einige Verbesserungen gegen die Anfangszeit zu schaffen, aber im Grund

wirkt der Stoß, wenn man die gesteigerte Geschwindigkeit in Betracht

zieht, heute gerade noch so schädlich wie zu der Zeit, als Stephenson

seine Strecken baute.

[Abbildung:

Nach Haarmann: „Das Eisenbahngeleise“.

54. _Hakennagel mit Sperransatz_

zur Befestigung der ersten Breitfußschienen auf Holzschwellen]

[Abbildung: 55. _Spurstange_

zur Sicherung der Schienen gegen Umkanten]

Über die Vorgänge, die sich am neuzeitlichen Schienenstoß vollziehen,

wird gleichfalls in Abschnitt 13 Näheres mitgeteilt werden. Hier haben

wir nur von der Entwicklung des Schienenstoßes bis in die Nähe seiner

heutigen Form zu sprechen.

[Abbildung: 56. _Haltenase_

zum Verhindern des Schienenumkantens]

Die Reynoldsschen Gußbarren wurden mit je drei Nägeln auf die

Längsbohlen genagelt. Eine besondere Berücksichtigung des Stoßes fand

nicht statt. Jessops Pilzschienen hatten an den Enden Verbreiterungen

zur Aufnahme der Befestigungsnägel. Eine Verbindung der Schienenstücke

untereinander wurde auch hier nicht vorgenommen.

Um 1820 trifft man die ersten Stoßstühle an. Sie waren notwendig

geworden, weil die Jessopschen Verbreiterungen sehr leicht abbrachen. Es

schien darum besser, das Befestigungsmittel von der Schiene selbst zu

trennen. Man hielt die Schienen im Stuhl dadurch fest, daß durch jedes

der beiden Schienenenden ein Bolzen gesteckt wurde.

Es stellte sich bald heraus, daß diese Befestigungsart sehr schädlich

auf die Fahrzeuge einwirkte, welche über die Schienen rollten. Jedesmal

wenn ein Rad von einem Schienenstück auf das andere überging, erhielt es

einen schweren Stoß. Zusammen mit William Losh erfand Georg Stephenson

1816 den ersten Überblattungsstoß. Hierbei stießen nun die Schienen

nicht mehr stumpf zusammen, sondern die Enden waren in ~Z~-Form

ineinandergefügt und im Stuhl durch einen gemeinschaftlichen Bolzen

befestigt. Hierdurch sollte ein gleichmäßigeres Sinken der beiden

Schienenenden unter dem Raddruck herbeigeführt werden, was in der Tat

auch bis zu einem gewissen Grad gelang. Für die Bahn Stockton-Darlington

sind die Schienen, auch die aus Schmiedeisen, mit diesem Stoß verlegt

worden.

[Abbildung: 57. _Älteste Stoßverbindung_

Stoßstuhl mit besonderen Bolzen für jedes Schienenende]

[Abbildung: 58. _Überblattungsstoß_

Die Schienenenden werden durch einen gemeinsamen Bolzen

zusammengehalten]

Alle bis jetzt erwähnten Schienenendbefestigungen sind feste Stöße.

Durch ihre unmittelbare Auflagerung auf den Schwellen wirken sie hart

und unnachgiebig auf die Räder, hammerartig auf die Schwellen. Es war

darum eine sehr bedeutende Verbesserung, als Bridges _Adams_ im Jahre

1847 auf die Vorzüge des schwebenden Stoßes aufmerksam machte, der

seitdem überall eingeführt worden ist. Der schwebende Stoß liegt

zwischen den Schwellen. Die Schienenenden sind durch Laschen miteinander

verbunden. Adams legte diese noch ohne besondere Befestigung in die

Stühle ein. Aber schon 1850 verwendete _Ashkroft_ Laschen, die durch je

zwei Schraubenbolzen an den zusammenstoßenden Schienenstücken befestigt

waren. Insbesondere nachdem die Schienen eine solche Form erhalten

hatten, daß die Lasche als feste Stütze zwischen den scharf

unterschnittenen Kopf und Fuß geklemmt werden konnte, bürgerte sich

dieser verlaschte Schienenstoß überall ein, und er ist auch als die

Grundform für die Bauart unseres heutigen Schienenstoßes anzusehen.

[Abbildung: 59. _Schwebender Stoß nach Bridges Adams_

Die Stoßfuge liegt zwischen den Schwellen. Die Laschen sind lose

eingesetzt]

[Abbildung: 60. _Schwebender Stoß von Ashkroft_

mit verschraubten Laschen]

Wichtig ist noch die Lage der Stöße in den Schienen eines Gleises

zueinander. Man kann die Stöße winkelrecht einander gegenüberlegen, oder

man kann sie gegeneinander versetzen. Im ersten Fall spricht man vom

Gleichstoß, die zweite Anordnung nennt man Wechselstoß.

[Abbildung: 61. _Wechselstoß_

Die Stoßfugen liegen im Gleis nicht einander gegenüber]

Beim Wechselstoß schlagen die beiden Räder einer Achse nicht zu gleicher

Zeit gegen die Schienenköpfe; aber dieser Vorzug ist doch sehr rasch als

gering erkannt worden gegenüber dem Nachteil, daß für das Gefühl der

Fahrgäste in den Wagen die Zahl der Stöße sich verdoppelt. So hat der

Wechselstoß auf der geraden Strecke nur wenig Anwendung gefunden. In

Deutschland ist er niemals üblich gewesen. In Krümmungen hat man ihn

früher öfter eingebaut, da bei solcher Schienenlage der vollkommene

Gleichstoß nicht ohne weiteres zu erzielen ist. Im Bogen ist ja die

äußere Schiene länger als die innere. Heute ist bei uns auch im

gekrümmten Gleis der Gleichstoß überall vorgeschrieben, die Unterschiede

in den Schienenlängen werden vor jedem Stoß durch Ausgleichschienen

behoben.

[Abbildung:

Aufgenommen im Königlichen Verkehrs- und Bau-Museum zu Berlin

62. _Knüppelweiche in hölzernem Gleis_

Weichen dieser Art sind heute noch in siebenbürgischen Bergwerken in

Gebrauch]

Die feste Führung der Fahrzeuge auf den Spurbahnen macht es notwendig,

besondere Einrichtungen vorzusehen, damit man die Züge von einem Gleis

auf das andere überführen kann. Wir nennen diese Einrichtungen Weichen.

Eine der ältesten Weichen-Bauarten wird noch heute auf der Apostelgrube

Brad in Siebenbürgen verwendet. Eine solche Weiche ist in der

ausgezeichneten Schienensammlung des Königlichen Verkehrs- und

Baumuseums in Berlin ausgestellt. Diese Sammlung, die ein

unvergleichliches lebendiges Bild von der Entwicklung des Gleises gibt,

ist dem Museum von dem verstorbenen Generaldirektor des

Georg-Marien-Bergwerks- und Hüttenvereins in Osnabrück, _Haarmann_,

gestiftet worden, der sie mit außerordentlichem Fleiß allmählich

zusammengebracht hat. _Haarmann_ ist auch der Verfasser des großen Werks

„Das Eisenbahngeleise“, einer umfassenden geschichtlichen Darstellung

des Gegenstands, dessen Darlegungen hier größtenteils gefolgt wurde.

Die Brader Weiche hat nur ein einziges bewegliches Stück, in dem die

beiden wichtigsten Teile der Weiche, die Zunge und das Herzstück,

zusammengefaßt sind. Die Weichenzunge hat die Aufgabe, das Rad des über

sie rollenden Fahrzeugs auf die Abzweigung hinüberzudrücken, indem sie

den Spurkranz zur Seite zwingt. Das Herzstück ist diejenige Stelle des

Gleises, in der die dem abzweigenden Strang näher liegende Schiene des

geraden Strangs von der darüber laufenden des abzweigenden Strangs

geschnitten wird. An diesem Punkt muß notwendigerweise eine

Unterbrechung des Gleises stattfinden, damit die Spurkränze der Räder

hindurchlaufen können. Die Brader Weiche, die für ein Gleis von nur 40

Zentimetern Spurweite bestimmt ist und eine sehr scharfe Krümmung hat,

ist so kurz, daß der Drehpunkt der Weichenzunge zugleich das Herzstück

bildet, was im eigentlichen Eisenbahngleis niemals vorkommt. Die Zunge

ist nichts weiter als ein Holzknüppel, der mit dem Fuß verschoben werden

kann.

Schon bei den Weichen, die von Stephenson auf der Bahnstrecke

Stockton-Darlington angewendet wurden, finden wir eine Ausgestaltung,

die sich den heute üblichen Bauarten sehr stark nähert. Zungenteil und

Herzstück sind selbstverständlich getrennt, da auf Lokomotivbahnen ganz

scharfe Knicke niemals angewendet werden konnten, und es findet sich

bereits eine Zunge an jeder der beiden Schienen, was unserer heutigen

Zweizungenweiche entspricht.

Bei manchen der ersten Eisenbahnen, z. B. auch bei der im Jahre 1835

eröffneten Linie Brüssel-Mecheln war die sogenannte Schleppweiche im

Gebrauch. Ihre Bauart, die auf Bild 64 zu erkennen ist, erlaubt eine

sehr einfache Ausgestaltung. Sie hat jedoch den schweren Nachteil, daß

jedes Fahrzeug, welches aus dem Strang kommt, für den die Weiche nicht

gestellt ist, notwendig entgleisen muß. Wegen dieser Gefahr, die sie

bieten, ist die Anwendung von Schleppweichen bei uns jetzt verboten.

Eine ältere Bauart, die wir heute gleichfalls nicht mehr kennen, ist die

Radlenkerweiche (Bild 65). Bei dieser waren zwei miteinander verbundene

Zwangsschienenstücke innerhalb des Gleises beweglich. Das heranrollende

Rad lief, je nach der Stellung der Weiche, gegen die Seitenfläche der

einen oder der anderen Zwangsschiene und wurde so entweder auf das

gerade oder auf das abzweigende Gleis hinübergedrückt -- ein Vorgang,

den man sich bei unseren heutigen Schnellzügen nicht ohne Beängstigung

vorstellen kann.

Dasjenige Bahnmaß, welches den größten Einfluß auf die Gestaltung der

feststehenden und beweglichen Eisenbahnbauten ausübt, ist die Spurweite,

das heißt der Abstand der Schienen eines Gleises, gemessen von

Innenkante zu Innenkante des Kopfs. Von ihr sind die Ausmaße des

Unterbaus und die zulässigen Krümmungen ebenso abhängig, wie die Breiten

der Wagen und Lokomotiven. Um so eigenartiger ist es, daß die heute

vorherrschende sogenannte Regelspur ohne rechte Überlegung mehr zufällig

entstanden ist. Man kann dem blinden Schicksal, das hier obwaltete, kein

Loblied singen. Wenn es denkbar wäre, die Spurweite der Bahnen heute

noch zu ändern, so würde man zum mindesten für die Hauptbahnen einen

breiteren Schienenabstand wählen. Insbesondere die Lokomotivbauer werden

durch den geringen Raum, der ihnen in der Breite zur Verfügung steht,

fortwährend in ihren Entwürfen behindert. Es fällt ihnen immer schwerer,

neue Bauteile auf der Lokomotive unterzubringen.

Nachdem im achtzehnten Jahrhundert bei den mit Pferden betriebenen

Kohlenbahnen Spurweiten von einem halben Meter und weniger üblich

gewesen, wurde für die im Jahre 1800 eröffnete Merthyr-Tydvil-Bahn in

England eine Spur von 5 Fuß = 1,524 Meter gewählt; dieses Maß bedeutet

hier den Abstand der Innenflächen, der an den Currschen Winkelschienen

außen angeordneten Spurränder. Es wurde mit Rücksicht auf die

Radabstände der in Nordengland damals gebräuchlichen Straßenfuhrwerke

gewählt, denen die Möglichkeit gegeben werden sollte, die Bahn zu

benutzen. Der Betrieb auf der Strecke mit dieser Spur muß sich wohl als

recht günstig erwiesen haben, denn der gleiche Schienenabstand wurde

beibehalten, als durch die Einführung der Jessopschen Pilzschiene Wagen

mit Spurkranzrädern notwendig wurden, so daß ein Befahren der Geleise

durch Straßenfuhrwerk nicht mehr möglich war. Stephenson wendete bei

seinen ersten mit Lokomotiven befahrenen Bahnen die gleiche Spurweite

an, deren Maß, das jetzt nicht mehr zwischen außen angeordneten

Spurrändern, sondern zwischen Schieneninnenkanten anzulegen ist, 4 Fuß

6 Zoll = 1,372 Meter betrug. Als der Meister sich dann aber später beim

Bau seiner Lokomotiven in der Fabrik zu Newcastle in dem Raum zur

Unterbringung der Dampfzylinder sehr beengt sah, erweiterte er, nach

Haarmann, die Spur der von ihm zu erbauenden Bahnen, so auch bereits bei

der Strecke Stockton-Darlington, um 2-1/2 Zoll. Auf diese Weise entstand

die heutige Regelspur von 4 Fuß 8-1/2 Zoll = 1,435 Meter. Ihre

Ausbreitung von England über viele andere Länder, zu denen auch

Deutschland gehörte, geschah dadurch, daß in der Anfangszeit des

Eisenbahnbaus fast sämtliche Lokomotiven aus Newcastle bezogen wurden.

[Abbildung:

Nach Haarmann: „Das Eisenbahngeleise“

63. _Älteste Zweizungen-Weiche_

benutzt auf der Bahn Stockton-Darlington]

Ganz ohne Kampf aber konnte sich die Regelspur doch nicht durchsetzen.

Der berühmte Erbauer des ersten Tunnels unter der Themse, Isambart

Kingdom Brunel, befürwortete im Jahre 1833 bei der Erbauung der Großen

Westbahn dringend eine größere Spurweite, weil er hoffte, daß man auf

dem breiteren Gleis mit den hierauf möglichen geräumigeren

Lokomotivkesseln eine höhere Geschwindigkeit würde erreichen können.

Stephenson sprach sich in einem Gutachten dagegen aus. Dennoch wurde die

Große Westbahn mit einer Spur von 7 Fuß = 2,135 Meter angelegt.

[Abbildung: 64. _Schleppweiche_

Ältere, sehr einfache aber betriebsgefährliche Weichenform, deren

Anwendung in Deutschland verboten ist]

Diesem Beispiel folgten drei andere Bahnen in England und Irland. Und

bald griff das böse Beispiel so weit um sich, daß, nach Launhardt,

schließlich in Großbritannien 70 verschiedene Spurweiten vorhanden

waren. Die Abmessungen bewegten sich zwischen der 59 Zentimeter breiten

Spur der Bahn von Festiniog nach Port Madoc und der Spur von 2,135 Meter

auf der Großen Westbahn. Es wurde schließlich notwendig, dem immer

fühlbarer werdenden Übel durch die Gesetzgebung ein Ende zu machen. Der

Spur-Ausschuß des Parlaments setzte fest, daß in England und Schottland

keine Bahn mehr mit einer anderen als der Regelspur gebaut werden dürfe.

Jede Gesellschaft, die eine andere Spurweite anwende, habe eine Strafe

von 125 Mark für jedes Kilometer und für jeden Tag ihres Bestehens zu

bezahlen. Ja, der Staat erhielt das Recht, solche Eisenbahnen einfach

beseitigen zu lassen. Für die Insel Irland wurde die Spur von 1,6 Meter

vorgeschrieben, wie sie dort noch heute besteht.

[Abbildung:

Nach Haarmann: „Das Eisenbahngeleise“

65. _Radlenker-Weiche_

mit verschiebbaren Zwangsstücken für die Räder]

Seltsamerweise durfte aber die Große Westbahn ihre breitere Spur noch

beibehalten. Sie sah sich zwar schließlich genötigt, eine dritte Schiene

zur Ermöglichung des Durchgangsverkehrs einzulegen, beseitigte jedoch

die letzte Breitspurstrecke erst im Jahre 1892.

In Amerika versuchte man gleichfalls hier und da die Breitspur. Sie

hatte dort jedoch keinen großen Erfolg. Überall wurde der breitere

Schienenabstand bald wieder zur Regelspur umgebaut. Im Jahre 1871

brachte eine kanadische Bahn das echt amerikanische Kunststück fertig,

ihre 547 Kilometer lange Strecke durch ein Arbeiterheer von 2720 Mann an

einem einzigen Tag umzulegen.

Deutschland blieb von dem Kampf der Spurweiten glücklicherweise fast

völlig verschont. Die badischen Bahnen, die Anfang der dreißiger Jahre

ein Spurmaß von 1,8 Meter hatten, fügten sich bald dem üblichen ein.

Breitspur haben heute in Europa nur die Bahnen in Rußland (1,524 Meter)

und in Spanien und Portugal (1,676 Meter).

Bei der Entwicklung des Eisenbahngleises ist von den Ingenieuren kühne

und rasche Arbeit geleistet worden. Mit Fleiß und Ausdauer wurde immer

von neuem versucht, die vorhandenen Fehler zu beseitigen, jeder neue

Gedanke ward erprobt und, wenn er irgend brauchbar war, ausgestaltet.

Trotz alledem ist die eigentümliche Tatsache zu beobachten, daß der an

sich so einfache technische Gegenstand, den das Eisenbahngleis

darstellt, noch heute, nach mehr als neun Jahrzehnten der Entwicklung,

von der Vollkommenheit sehr weit entfernt ist. Eigentlich probt und

bastelt man an den verschiedenen Bauarten heute noch geradeso herum wie

zu Stephensons Lebzeiten.

Das Gleis ist ja eigentlich nichts anderes als eine Brücke mit sehr

engen Jochen. Während aber bei den großen, weit gespannten Brücken über

Flüsse oder Täler vollkommen zufriedenstellende Festigkeitsergebnisse

erreicht sind, ist das bei der Gleisbrücke nicht der Fall. Der Grund

liegt darin, daß die Kräfte, durch welche die Brückenpfeiler beansprucht

werden, der Berechnung verhältnismäßig leicht zugänglich sind. Das Gleis

aber liegt nicht fest auf seiner Unterlage, sondern in nachgiebiger

Bettung; die Joche erhalten an den Schienenstößen fortwährend furchtbare

Schläge, deren Kraft man nicht kennt, so daß hier immer wieder nur die

nackte Erfahrung maßgeblich ist. Die Hoffnung, zu einer endgültigen Form

des Eisenbahngleises zu gelangen, ist auch heute noch sehr gering. Das

hat aber nicht den ungeheuren Fortschritt gehindert, den das Stellen der

Fahrzeuge auf die eiserne Bahn der Menschheit gebracht hat.

6. Eisenbahnfrühling in Deutschland

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 9 / 60 段