Zu jener Zeit stand der deutsche Bergbau, gefördert durch eine

wissenschaftlich gut begründete Hüttenkunde, in voller Blüte. Die im

Jahre 1544 erschienene „Cosmographia“ des Sebastian Münster schildert

eine Vorrichtung, welche die deutschen Bergleute erfunden hatten, um die

kleinen, mit Erzen beladenen Wagen leichter vorwärtsbringen zu können.

Eine ähnliche Beschreibung findet sich in dem „Bergwerckbuch, durch den

hochgelehrten und weitberühmten Herrn Georgium _Agricolam_, der Artznei

Doktorn / vnd Bürgermeister der Churfürstlichen Statt Kemnitz / erstlich

mit großem Fleiß / Mühe und Arbeit in Latein beschrieben“. Dieses wurde

im Jahre 1557 durch den „hochgelehrten Philippus _Beccius_ / der

löblichen Universität zu Basel Professor“ neu herausgegeben und erlangte

als brauchbares Lehrbuch eine weite Verbreitung. Danach benutzten die

deutschen Bergleute damals zum Befördern der Lasten einen kleinen,

vierrädrigen Wagen, den sie „Hund“ nannten, weil er „so man ihn bewegt /

ein thon gibet daß etliche dunkt er habe ein thon / dem bellen der

Hunden nicht vngleich“.

[Abbildung:

Aus einem deutschen Bergwerkbuch um 1550.

30. _Das älteste Schienengleis_]

Weiter heißt es bei Agricola: „Aber der Hund ist wol halber weiter dann

der Laufkarren / aber vier Werckschuh lang / dritthalben Werckschuh

breit vnd hoch / dieveil er aber gevierdt ist / so wird er auch mit

dreyen gevierdten Blächen vmbgeschlagen / vnd gebunden vnnd vber das

auch mit eysenen Stabeysen befestiget / zu seinem boden seind zwey

eysene Felchin angeschlagen / vmb welcher Köpf zubeyden seiten höltzene

scheiben vmbgehen / welche damit sie nicht aus den Felchin / die vest

seind herab fallen / so verwahrt man das mit kleinen eysenen Neglen /

daß diese so der große Nagel der auch an boden ist geschlagen / kumpff

ist vorden / nicht von dem gebahnten weg / das ist / aus der höle / oder

auß der _gleiß der Trömen_ so gelegt seind abweiche.“

[Abbildung:

Aus dem „Bergwerckbuch“ des Agricola 1557

31. _Das älteste Schienenfahrzeug: Förderhund mit Spurnagel_]

Diese Beschreibung ist so zu verstehen, daß die vier Räder des „Hunds“

auf mehr oder weniger bearbeiteten Baumstämmen rollten, die so dicht

aneinander lagen, daß nur eine schmale Rinne zwischen ihnen blieb. In

diese Rinne tauchte der Spurnagel und verhinderte ein Abgleiten des

„Hunds“ vom Gleis. So also sah die erste Zwangsspur aus.

In dem „Bergbuch“ von Ettenhardi wird dann von sogenannten Reibeisen

berichtet, die in der Länge von je einem Klafter, das ist etwa 1,8

Meter, auf die hölzerne Bahn genagelt wurden, um diese zu schonen.

Hierin hat man häufig bereits den Anfang des eisernen Gleises gesehen.

Es scheint jedoch, daß diese Reibeisen nicht _auf_ die Langhölzer,

sondern seitlich an deren Innenflächen genagelt wurden, um sie vor der

Abnutzung durch den Spurnagel zu schützen.

In der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts wurden die deutschen

Bergleute, nachdem die Bestimmung aufgehoben worden war, daß Ausländer

in den königlichen Werken nicht beschäftigt werden durften, nach England

berufen, um dessen stark zurückgebliebenem Bergbau aufzuhelfen. Sie

brachten den Gedanken der Lastenförderung auf Spurbahnen mit und schufen

so die ersten Geleise in dem Land, das die Wiege der Eisenbahn werden

sollte. Aus der schon von Agricola erwähnten Benennung „gleiß der

Trömen“ soll sich das ja heute noch lebendige englische Wort ~„tram“~

entwickelt haben.

Es scheint jedoch, als wenn der Beginn der Entwicklung, die zum heutigen

Eisenbahngleis führte, nicht unmittelbar auf die Hundsläufe in den

Bergwerken zurückzuführen ist. Es wird vielmehr behauptet, daß der

Gedanke, eine längere vom Bergwerk zur Verschiffungsstelle führende

Straße mit einer hölzernen Bahn zu belegen, ganz selbständig in der

Gegend von Newcastle am Tyne entstanden sei, das später die erste

Lokomotivfabrik auf der Erde sah.

[Abbildung:

Aus Steiner: „Geschichte des Verkehrs“.

32. _Altes englisches Holzgleis_

in einem Bergwerk bei Newcastle]

In der Gegend von Newcastle brachte man die Kohle zu Anfang auf dem

Rücken von Pferden zum Fluß. Als dann die Förderung in Karren aufkam,

waren die schlechten Wege bald so zerfahren, daß sie nicht mehr benutzt

werden konnten. Man belegte sie daher mit zwei Bohlenstreifen, die den

gleichen Abstand voneinander hatten wie die Karrenräder. Das dürfte um

1620 der Fall gewesen sein.

[Abbildung: 33. _Holzgleis mit Spurrändern,_

die das Hinunterrollen der Wagen von den Schienen verhindern sollten.]

Die Last der schweren Karren verdrückte jedoch die Bohlen in dem weichen

Boden so stark, daß sie die Spur nicht mehr einhielten. Da kam im Jahre

1630 ein Kohlengrubenbesitzer in Northumberland, namens _Beaumont_, auf

den Gedanken, die gleichlaufenden Bohlenbahnen durch Querhölzer zu

verbinden, auf denen sie mit Nägeln befestigt wurden. Die so angelegte

Spurbahn sieht schon wie ein richtiges Gleis aus. Sie soll die

Möglichkeit geschaffen haben, durch ein Pferd eine viermal größere Last

zu befördern, als es bis dahin angängig war. Die einzelnen Langhölzer,

die Beaumont benutzte, waren 1-1/2 Meter lang, 11 Zentimeter breit und

3-1/2 Zentimeter hoch. Als die Holzbohlen sich allzu rasch abnutzten,

ging man daran, sie mit eisernen Bändern zu beschlagen.

Es blieb die unangenehme Erscheinung, daß die Karren sehr leicht

seitlich von der Spurbahn hinunterrollten. Um dies zu verhindern, setzte

man an den Außenkanten erhöhte Spurränder an, so daß eine zwangläufige

Führung der Fahrzeuge entstand. Doch auch mit diesem schon ziemlich weit

fortgeschrittenen Zustand war noch nichts endgültig Brauchbares

erreicht. Der dünne Eisenbeschlag wurde von den schweren Karren

verbogen, die Nägel hinausgedrückt, so daß ein glattes Fahren bald

unmöglich wurde. Auch eine Verstärkung der Eisenbänder nutzte nicht

viel.

Da brachte ein Zufall die Entwicklung um ein bedeutendes Stück vorwärts.

Im Jahre 1767 litten die englischen Eisenwerke stark unter einem

Rückgang des Geschäfts. Das aus den Hochöfen kommende Eisen konnte nicht

sogleich verkauft werden. Der Mitbesitzer der Eisenwerke zu

Coalebrookdale, _Reynolds_, beschloß daher, aus dem Eisen dicke Barren

zu gießen und einen Versuch zu machen, ob ein solcher sehr kräftiger

Belag der hölzernen Schienen die Karrenförderung nicht günstig

beeinflussen würde. Er wollte zunächst das Eisen nur vorübergehend für

diesen Zweck zur Verfügung stellen, es nachher, sobald die Geschäfte

wieder besser gingen, wieder umgießen lassen und verkaufen.

Die ersten Barren wurden in Coalebrookdale am 13. November 1767

gegossen. Kaum waren sie ausgelegt, da zeigten sich die Vorteile dieses

kräftigen Belags der hölzernen Balken so deutlich, daß an ein

Wiederaufnehmen des Eisens niemals mehr gedacht worden ist. Der

Grubenbesitzer ließ vielmehr seine sämtlichen Geleise in solcher Weise

ausstatten, und sein Vorgehen fand alsbald Nachahmung. Auf der nun zum

erstenmal erzeugten wirklich glatten Bahn rollten die Karren sehr viel

leichter, und die unaufhörlichen Ausbesserungsarbeiten hörten infolge

der Widerstandsfähigkeit der Anlage auf. Das ist der Ursprung des

heutigen eisernen Gleises.

Die Entwicklung geht nun rasch weiter.

Reynolds Eisenbarren waren, um die Fahrzeuge in der Spur zu halten, mit

einer schwachen Vertiefung versehen. Da hierdurch Entgleisungen nicht

mit Sicherheit verhindert wurden, schuf Benjamin John _Curr_ in dem

Bergwerk des Herzogs von Norfolk bei Sheffield im Jahre 1776 eine neue

gußeiserne Schienenform, die im Querschnitt einen Winkel darstellte. Der

eine Schenkel dieses Winkels lag auf dem Langholz, der andere ragte

senkrecht etwa fünf Zentimeter empor. Durch diesen hohen Rand war ein

Abweichen von der Spur ausgeschlossen.

Als einige der unter den Winkelschienen liegenden Langhölzer verfaulten,

und man an solchen Stellen neue Auflageflächen mittels Querhölzern

herstellte, die unter dem Gleis hindurchgesteckt wurden, zeigte es sich,

daß die eisernen Schienen fest genug waren, um auch ohne fortlaufende

Unterstützung die Last der Wagen zu tragen. So wurde, wiederum durch

Zufall, das freitragende, nur in gewissen Abständen aufgelagerte eiserne

Querschwellengleis erfunden. Als im Jahre 1800 die Plymouthwerke zu

Merthyr-Tydvil ihre Bahn nach Aberdare-Junction eröffneten, da ruhten

die verstärkten Winkelschienen nur noch auf einzelnen untergesetzten

Steinwürfeln.

Bis jetzt waren die Schienen so gestaltet, daß jeder gewöhnliche

Straßenwagen darauf fahren konnte, sobald nur sein Radabstand zur

Spurweite paßte. Die fahrenden Räder übten jedoch ziemlich rasch einen

zerstörenden Einfluß auf die Currschiene aus. Sie fraßen tiefe Rinnen in

das Gleis, so daß immer noch zu häufige Auswechselungen notwendig

wurden. Da erkannte _Jessop_, daß die Dauerhaftigkeit und zugleich die

Tragfähigkeit der gußeisernen Schiene sehr verbessert würde, wenn man

ihr eine im Querschnitt pilzförmige Gestalt gäbe. Seine Schiene hatte

einen schmalen, senkrechten Steg und darauf einen stark verbreiterten

Kopf. Bei dieser Form konnte die gleiche Tragfähigkeit mit weniger Eisen

erreicht werden. Ein Einschleifen der Räder war hier nicht mehr möglich.

Um jedoch ein Entgleisen der Wagen auf solchen Schienen zu verhindern,

mußten die Räder der Fahrzeuge mit vorstehenden Rändern versehen werden.

Es entstand damals der Spurkranz, der bis heute jedem Eisenbahnfahrzeug

eigentümlich ist. Von nun an ist die Ausgestaltung der für Schienenwege

bestimmten Wagen von denen getrennt, die gebaut werden, um auf

der Landstraße zu fahren. Dies ist für die Entwicklung der

Eisenbahn-Fahrzeuge, die notwendig einen eigenen Verlauf nehmen mußte,

sehr nützlich gewesen.

Die Beanspruchung einer solchen Pilzschiene, die freitragend zwischen je

zwei festen Auflagern ruht, ist nach den Gesetzen der Festigkeitslehre

am stärksten, wenn sich eine Wagenachse gerade in der Mitte der

freitragenden Schiene befindet. Es war darum bei Verwendung des gegen

Durchbiegung wenig widerstandsfähigen Gußeisens wünschenswert, den

Schienen eine Form zu geben, welche die Tragfähigkeit in der Mitte

verstärkte. Dies war am bequemsten dadurch zu erreichen, daß man die

Höhe jeder Schiene von den Enden her nach der Mitte zu wachsen ließ. Auf

diese Weise entstand die Fischbauchform der gußeisernen Schiene, die

lange Zeit sehr weit verbreitet gewesen ist. Die ersten Lokomotiven sind

auf solchen Fischbauchschienen gefahren.

So groß nun schon die Verbesserung des Gleises gegenüber der

ursprünglichen Gestalt war, so wissen wir doch aus den Lebensgeschichten

von Trevithick und Stephenson, mit welchen Schwierigkeiten sie ständig

infolge der schlechten Beschaffenheit der Geleise zu kämpfen hatten. Die

Schienen waren sorglos verlegt, so daß die Lokomotiven auf den Geleisen

hüpften wie trabende Pferde, was denn auch den ersten Maschinen

Stephensons in Killingworth den Beinamen ~„iron horses“~ verschaffte.

Das Scheitern von Trevithicks Versuchen ist unmittelbar auf die geringe

Widerstandsfähigkeit des Gußeisens gegen Biegung und Stöße

zurückzuführen. Wir wissen, wie er seine Londoner Versuche aufgab, als

die Lokomotive ~„Catch me who can“~ wieder einmal durch Schienenbruch

entgleist war. Diese Zerbrechlichkeit der gußeisernen Schienen schuf

überall Unannehmlichkeiten und Unsicherheit, so daß der Wunsch nach

einem besseren Baustoff mit größerer Widerstandsfähigkeit sich regte.

Die Verwendung des Schmiedeisens sollte den gewünschten Erfolg in

vollkommenster Weise bringen.

Das erste Schmiedeisengleis wurde von dem Ingenieur _Nixon_ auf der

Wallbottle-Kohlengrube bei Newcastle ausgelegt. Es bestand aus einfachen

quadratischen Stäben von 38 Millimetern Höhe. In Frankreich benutzte man

längere Zeit eine noch schmalere, aber sehr hohe rechteckige Schiene aus

Schmiedeisen.

Wie fast stets bei der ersten Einführung von technischen Neuerungen, die

später große Bedeutung gewinnen, blieben auch hier zunächst Rückschläge

nicht aus. Viele Bahnen wandten sich wieder von den schmiedeisernen

Schienen ab, weil deren scharfe Kanten in die weichen Kränze der

gußeisernen Räder einschnitten und diese rasch zerstörten. Das Gußeisen

behauptete noch längere Zeit weiter das Feld. Dies wurde erst anders,

als durch eine tief eingreifende Verbesserung des Herstellungsverfahrens

die richtige Form für die Schmiedeisenschiene gefunden wurde.

Obgleich das Walzen des Eisens schon recht lange erfunden war, vermochte

man doch bis zum zweiten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts nicht

über die Herstellung von glatten Stäben durch dieses Verfahren

hinauszukommen. Der Leiter der Bedlington-Eisenwerke in Durham,

_Berkinshaw_, jedoch wollte die bei gußeisernen Schienen bereits

erwiesenen Vorteile der Pilzform auch bei der schmiedeisernen Schiene

verwenden. Nach lang andauernden und äußerst mühseligen Versuchen gelang

es ihm endlich, Walzschienen in Pilzform herzustellen.

[Abbildung: 34-45. _Die Entwicklung der eisernen Schiene_

~a~) _Die erste Eisenschiene_, gegossen von Reynolds in Coalebrookdale

am 13. November 1767. -- ~b~) _Currs Winkelschiene_, auf der

gewöhnliche Wagen ohne Spurkranzräder sicher fahren konnten. -- ~c~)

_Jessops Pilzschiene_. Diese Schienenform machte zum erstenmal die

Anwendung von Spurkranzrädern notwendig. -- ~d~) _Fischbauchschiene_,

eine lange Zeit beliebte Form der gußeisernen Schiene. -- ~e~)

_Berkinshaws Walzschiene_. Lange, schmiedeiserne Schiene mit

Fischbauchform. Alle folgenden gleichfalls aus Schmiedeisen. -- ~f~)

_Schiene der Eisenbahnlinie Leipzig-Dresden_. Flache Form auf

hölzernen Langschwellen. -- ~g~) _Doppelkopfschiene_, die noch heute

in England hauptsächlich verwendet wird. -- ~h~) _Stevens’

Breitfußschiene_. Grundform für die heute am weitesten verbreitete

Schienenart. -- ~i~) _Neuzeitliche preußische Staatsbahn-Schiene_. --

Sonderarten: ~k~) _Brück-Schiene_. -- ~l~) _Schwellen-Schiene in

Sattelform_, die das Unterlegen besonderer Schwellen in der Bettung

unnötig macht. -- ~m~) _Schwellen-Schiene in Trägerform_.]

Mit der hierdurch erzielten günstigen Verteilung des Eisens auf den

Querschnitt war zugleich die Möglichkeit verbunden, das einzelne

Schienenstück länger zu machen. Während man bei der gußeisernen Schiene

über Längen von 1 bis höchstens 1-1/2 Meter nicht hinausgekommen war,

hatten Berkinshaws Walzschienen Längen von 4-1/2 Meter. Hierdurch

verringerte sich die Zahl der Schienenstöße außerordentlich, was

insbesondere damals bei den recht schlechten Befestigungsarten sehr

vorteilhaft war.

Georg Stephensons Scharfblick ließ ihn die Vorzüge der langen

Walzschiene sofort erkennen, und er trat lebhaft dafür ein, die

Bahnstrecke von Stockton nach Darlington, die er zu jener Zeit gerade

baute, mit einem solchen Gleis zu versehen. Aber die Liebe zum

Althergebrachten machte es auch damals unmöglich, die Leiter der

Bahngesellschaft von der Nützlichkeit der neuen Bauform durchgreifend zu

überzeugen. Die Linie Stockton-Darlington ist deshalb nur zur Hälfte mit

schmiedeisernen Schienen ausgerüstet worden, die andere Hälfte erhielt

ein gußeisernes Fischbauchgleis.

Diese Sucht der Menschen, beim sogenannten Bewährten zu beharren, der

wir nun schon recht häufig in der Geschichte der Eisenbahn begegnet

sind, behinderte auch in einer anderen recht merkwürdigen Weise das

rasche Durchdringen der so sehr viel besseren Walzschiene. Obgleich

Schmiedeisen gegen Durchbiegung sehr viel widerstandsfähiger ist als

Gußeisen, so daß die Berkinshaw-Schiene ohne weiteres imstande gewesen

wäre, die damals noch üblichen, verhältnismäßig geringen Raddrücke zu

tragen, meinte man doch, auch ihr die Fischbauchform geben zu müssen,

die für einen ganz anderen Baustoff erdacht war. Mit großer Mühe ward

die glatt aus den Walzen kommende Schiene ausgebaucht. Diese schwere und

teure Arbeit, die ganz überflüssig war, verhinderte das Eindringen der

schmiedeisernen Schiene in den Eisenbahnbetrieb lange Zeit.

[Abbildung: 46. _Rechteckige Schiene aus Schmiedeisen_

mit scharfen Kanten]

Als man das Schmiedeisen allgemeiner zu verwenden begann, wurde auch der

Versuch gemacht, Flachschienen auf hölzerne Langschwellen zu verlegen,

was eigentlich ein Rückgreifen auf bereits veraltete Formen bedeutete.

Die erste größere Eisenbahnstrecke in Deutschland, die Linie von Leipzig

nach Dresden, wurde mit solchen Flachschienen ausgerüstet, die jedoch

nicht lange hielten und bald ersetzt werden mußten.

1835 erfand nach den einen Robert Stephenson, nach den andern Georg

Stephensons Schüler John _Locke_ die doppelköpfige Schiene. Es war dies

nichts anderes als eine doppelte Pilzschiene mit gleichgeformten

Verdickungen am Kopf wie am Fuß. Man versprach sich hiervon den Vorteil,

jede Schiene zweimal benutzen zu können, indem man sie nach Verschleiß

des einen Kopfs einfach umdrehte. Bald jedoch zeigte es sich, daß der

untere Teil der Schiene an den Auflagestellen rasch so stark verdrückt

wurde, daß beim Wenden eine glatte Fahrbahn nicht mehr erzielt werden

konnte. Auf das Umkehren der Schiene mußte daher von Beginn an

verzichtet werden. Dennoch ist die Doppelkopfschiene in England bis zum

heutigen Tag die am meisten verwendete Schienenform geblieben. Sie hat

nur eine Änderung durch Umgestaltung zur sogenannten Bullenkopfschiene

erfahren, indem man den Fahrkopf jetzt sehr viel stärker macht als die

Verdickung am Fuß.

Die Befestigung der bis dahin gebräuchlichen Schienenformen an den

Auflagestellen machte, wie noch näher darzulegen sein wird, große

Schwierigkeiten, da stets besondere Einrichtungen zum Festhalten

notwendig waren. Diese Not brachte den Amerikaner Robert _Stevens_ auf

den Gedanken, eine Schienenform zu schaffen, die eine Befestigung ohne

zwischengeschaltete Hilfsmittel ermöglichen sollte. Er erfand die

Breitfußschiene, die, wenn auch in etwas abgeänderter Form, in

Deutschland und den meisten anderen Ländern der Erde noch heute in

allgemeinster Anwendung ist. Zum erstenmal wurde sie bei der

Camden-Amboybahn in Amerika verlegt. Stevens verbreiterte den Fuß

besonders stark an den Auflagestellen, während bei der heutigen

Breitfußschiene ein gleichmäßiger Querschnitt üblich ist.

Der verstärkte Fuß zusammen mit dem pilzförmig verdickten Kopf hat

zugleich der Schiene die beste Tragform gegeben. Stellt sie doch im

Querschnitt nichts anderes dar als einen Doppel-~T~-Träger, wie man ihn

zur Aufnahme schwerer Lasten überall verwendet. Wird ein solcher Träger,

der an seinen Endpunkten unterstützt ist, in der Mitte belastet, so

tritt eine Beanspruchung auf Durchbiegung ein. Denkt man sich nun, daß

der Träger dieser Beanspruchung nachgibt, so werden die Fasern an seinem

Kopf etwas zusammengedrückt, während die Fasern am Fuß gereckt werden.

Zwischen der Stauchung und der Streckung muß notwendig ein Abschnitt

liegen, in dem die Fasern weder gestreckt noch gestaucht werden, also

unbeteiligt bleiben. Diese Erkenntnis hat dazu geführt, das Eisen am

Kopf und Fuß der Träger in breiten Flanschen anzuhäufen und für die

Mitte nur einen dünnen Steg auszubilden. Die Schiene wird, wenn man sich

ein Rad in der Mitte eines auf zwei Schwellen aufruhenden Schienenstücks

denkt, in gleicher Weise beansprucht, und darum ist auch für sie die

Trägerform am zweckmäßigsten. Das Walzen dieser Breitfußschiene machte

erst außerordentliche Mühe, gelang aber alsbald zur Zufriedenheit.

Im Jahre 1836 führte _Vignoles_ die Breitfußschiene, freilich mit

sehr niedrigem Steg, in England ein. In Deutschland ist sie bei dem

späteren Ausbau der Strecke Leipzig-Dresden zum erstenmal verlegt

worden, und seit der Technikerversammlung des Vereins Deutscher

Eisenbahnverwaltungen im Jahre 1850 ist sie bei uns die allgemein

gebräuchliche Schienenform.

Eine andere eigenartige Schienenart wurde, gleichfalls in Amerika, von

_Strickland_ erfunden. Es war die hohle, sogenannte Brückschiene, die in

den verschiedensten Querschnittformen gleichfalls weite Verbreitung

gefunden hat. Auch in Deutschland ist sie häufig angewendet worden und

wohl auch heute noch hier und da zu finden.

_Barlow_ entwickelte später aus der Brückschiene die Sattelschiene,

welche die Ausgangsform für die Schwellenschienen wurde. Es ist dies

eine Schienengattung, die ohne Schwellen in die Bettung verlegt werden

kann, weil ihre Form ihr gestattet, die Aufgabe der Schwellen, nämlich

die Übertragung der auftretenden Kräfte auf die Bettung, selbst zu

übernehmen. Eine andere Form der Schwellenschiene ist die 1854 von

_Adams_ erdachte Trägerschiene.

In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war schließlich die

Anzahl der üblichen Schienenformen verwirrend groß geworden. Jeder

wählte nach Gutdünken die Gattung aus, welche ihm paßte, ohne sich recht

darüber klar zu werden, welche Vorteile er dadurch erringen konnte.

Schließlich aber setzten sich die Doppelkopf- und die Breitfußschiene so

weit durch, daß sie heute auf der ganzen Erde fast alleinherrschend

sind.

[Abbildung:

Aus Steiner: „Geschichte des Verkehrs“.

47. _Kohlenwagen zu Newcastle auf Langschwellen-Gleis 1765_]

Nicht weniger wichtig als die Schiene ist für die Standfestigkeit und

Dauerhaftigkeit eines Gleises die Form und Art der Unterlage, auf der

die Schienen ruhen. Die Schwellen, wie die Einzelteile dieser Unterlage

genannt werden, haben gleichfalls recht verschiedenartige

Entwicklungsabschnitte durchgemacht.

[Abbildung: 48. _Gleis der Bahn Manchester-Liverpool_

Verlegung auf Steinwürfeln. Die Bettung ist der besseren Übersicht

wegen fortgelassen]

Die Schwelle war, wenn man es recht betrachtet, früher vorhanden als das

Gleis, denn bei den ersten Spurbahnen fuhren die Wagenräder, wie wir

gesehen haben, auf Langschwellen. Daraus folgte, daß auch die ersten

richtigen Schienen, die nur zur Erhöhung der Dauerhaftigkeit über die

Holzspur gelegt wurden, auf Langschwellen ruhten. Die Schienen hatten so

eine fortlaufende, ununterbrochene Unterlage, wie sie an nicht allzu

wenigen Stellen noch heute üblich ist.

[Abbildung:

Nach Haarmann: „Das Eisenbahngeleise“.

49. _Rammpfähle als Schwellen_

auf der Bahn Camden-Amboy in Amerika]

Den schärfsten Gegensatz zu den Langschwellen bilden die

Einzelunterlagen aus Stein oder aus Holz. Auf Steinwürfeln ruhten die

Schienen der Bahn Manchester-Liverpool und ebenso der Eisenpfad der

ersten deutschen Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth. Auch Holz ist einst

in Form von eingerammten Pfählen als Einzelunterlage verwendet worden,

so z. B. bei der Bahn von Camden nach Amboy in Amerika.

Doch beide Arten der Unterlage für die Schienen zeigten große Mängel.

Die einzelnen Steinwürfel oder Holzpfähle veränderten allzu leicht ihre

Lage gegeneinander, so daß die Spur nicht genau innegehalten wurde. Bei

den Langschwellen zeigten sich bald große Schwierigkeiten bei der

Entwässerung des Bettungsstücks, das zwischen den Schwellen lag.

Notwendigerweise muß ja die Bahnbettung möglichst trocken gehalten

werden, weshalb sie, wie wir später bei der Darstellung des

neuzeitlichen Oberbaus hören werden, aus besonderen Stoffen hergestellt

wird. Da die zusammenhängenden Langschwellen das auf die Bettung

fallende Oberflächenwasser am seitlichen Fortfließen behindern, so

bleibt der Boden zwischen ihnen sehr lange feucht, und rasches Verfaulen

des Holzes ist die Folge. Wir haben ja schon gehört, daß man wegen

dieses Anfaulens der Langschwellen durch Zufall auf den Querschwellenbau

gekommen ist, der heute am weitesten verbreitet ist. Seit dem Jahre 1876

ist diese Bauform für die deutschen Bahnen als die beste erkannt und

festgesetzt.

Die Holzquerschwellen hatten früher wechselnde Querschnittformen. So

waren die halbrunde, die dreieckige und die trapezförmige Schwelle im

Gebrauch. Heute wird ziemlich überall die rechteckige Form bevorzugt.

[Abbildung:

Nach Haarmann: „Das Eisenbahngeleise“.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 8 / 60 段