„Die Unvergleichliche“ besaß nur ein hin und her gehendes Flammrohr.

Schornstein und Feuerung befanden sich also auf derselben Seite. Ihre

Zulassung zum Wettbewerb machte Schwierigkeiten, da sie etwas schwerer

war, als es den Vorschriften entsprach. Sie wurde aber schließlich doch

angenommen.

Am Tag darauf sollte der eigentliche Wettbewerb beginnen. Er konnte

jedoch nicht stattfinden, da die Blasebälge der „Neuheit“ in Unordnung

geraten waren und auch am Kessel der „Unvergleichlichen“ sich Fehler

gezeigt hatten. Um die versammelten Zuschauer nicht zu sehr zu

enttäuschen, ließ Stephenson wieder seine „Rakete“ vorfahren, hängte

einen Wagen mit 30 Personen daran und durchfuhr die Bahn mit einer

Geschwindigkeit von etwa 40 Kilometern. Der Jubel und das Staunen über

diese Leistung waren außerordentlich.

Der 8. Oktober endlich brachte den wirklichen Beginn des Wettbewerbs.

Die „Rakete“ machte ihre Fahrten. Zwanzigmal durcheilte sie, wie es

vorgeschrieben war, die Bahn, ohne daß sich irgendein Fehler an der

Maschine zeigte. Die höchste erreichte Geschwindigkeit betrug an diesem

Tag 46 Kilometer in der Stunde, was bei den Zuschauern ein geradezu

ungläubiges Staunen erregte. Einer der Leiter der Bahngesellschaft, der

bis dahin stets für die Anwendung ortsfester Maschinen eingetreten war,

hob voll Bewunderung beide Hände in die Höhe und rief aus: „Endlich hat

Georg Stephenson gezeigt, was er kann.“ Er war, wie alle anderen, für

immer zu der Lokomotive bekehrt.

Wider Erwarten konnten die Ausbesserungsarbeiten an der Gebläsemaschine

der „Neuheit“ nicht rechtzeitig beendet werden. Erst am 10. Oktober

vermochte sie zu fahren. Doch gleich als sie das erstemal über die Bahn

ging, brach ein Rohr an der Druckpumpe, so daß die Maschine fortgebracht

werden mußte.

„Die Unvergleichliche“ war gar erst am 13. Oktober bereit, aber auch an

ihr barst alsbald ein Pumpenrohr.

[Abbildung: 20. _Englisches Spottbild auf das Lokomotiv-„Wettrennen“ bei

Rainhill_

Aus späterer Zeit]

„Die Rakete“ fuhr am folgenden Tag noch einmal ohne jede Schwierigkeit,

und nun war man bereit, ihr den Preis zuzuerkennen. Doch die Besitzer

der „Neuheit“ wollten noch einmal Gelegenheit haben, ihre Maschine zu

zeigen. Kaum war diese jedoch auf der Bahn, als wiederum ein Bruch an

einem wichtigen Teil eintrat. Dem Verlangen der „Unvergleichlichen“,

gleichfalls noch einmal zugelassen zu werden, wurde nicht mehr Folge

gegeben, da die Preisrichter nun genug mißlungene Fahrten gesehen

hatten.

[Abbildung:

Aus „Das größte Wunderwerk unserer Zeit“.

21. _Bahnhof Liverpool_

der ersten großen Eisenbahnlinie: Manchester-Liverpool]

Nach dieser ganzen Kette von Unfällen, von denen die anderen Lokomotiven

ereilt wurden, kann man wohl sagen, daß ihr Bau für die gestellten

Anforderungen nicht ausreichend war. Es ist daher keinem Zufall

zuzuschreiben, daß Stephensons Erzeugnis allein sich bewährte.

Nachdem also die „Neuheit“ zum alten Eisen geworfen, und die

„Unvergleichliche“ einem Wrack glich, erhielt die „Rakete“ den Preis von

500 Pfund Sterling. Freudig bewegt ließ Stephenson die Lokomotive nun

nochmals vorfahren und allein, ohne angehängten Wagen, die Bahn

durcheilen. Jetzt wurde die von niemandem erwartete und für die damalige

Zeit ganz unerhörte Geschwindigkeit von 56 Kilometern in der Stunde

erreicht. Damit war der Sieg der Lokomotive für immer entschieden.

Niemand sprach mehr von Pferden, Seilbahnen und ähnlichen Dingen. Sie

waren fortab überlebt. Die Aktien der Bahngesellschaft stiegen sofort um

zehn vom Hundert.

Wie die „Rakete“ an den Tagen von Rainhill wirklich ausgesehen hat,

wissen wir leider heute nicht mehr mit Sicherheit. Sie hat sehr lange

auf der Manchester-Liverpool-Bahn Dienste getan und dann noch in einem

Bergwerk Kohlen geschleppt. Während dieser Zeit ist sie oft umgebaut

worden. Die heute im Kensington-Museum zu London stehende „Rakete“, die

unser Titelbild zeigt, dürfte nur noch wenige Bauteile der

ursprünglichen Maschine enthalten.

[Abbildung:

Aus „Das größte Wunderwerk unserer Zeit“.

22. _Der erste Eisenbahntunnel_

Unterirdische Einfahrt in Liverpool]

Die Eröffnung der Bahnstrecke Manchester-Liverpool fand am 15. September

1830 statt. Dieser Tag bedeutet den Anbruch des Verkehrszeitalters. Die

erste Eisenbahnlinie, die auch heutigen Anforderungen gegenüber

einigermaßen bestehen könnte, begann ihren Betrieb. Auch das damalige

England fühlte die Bedeutung dieses Ereignisses. Es wurde als eine Art

Vaterlandsfest begangen. An der ganzen Bahnlinie entlang hatten sich

wiederum Tausende von Zuschauern eingefunden, die durch Soldaten vom

Betreten der Geleise abgehalten werden mußten.

Für die erste Fahrt, die von Liverpool aus stattfand, standen acht von

Stephenson in Newcastle gebaute Lokomotiven zur Verfügung. Acht Züge

wurden fertig gemacht, in denen sich etwa 600 Personen befanden. Viele

bedeutende Persönlichkeiten hatten sich zur ersten Fahrt eingefunden. So

der Nationalheld Herzog Wellington, der damals Ministerpräsident war,

der Staatssekretär Robert Peel und der von den Bewohnern Liverpools in

das Unterhaus gewählte Abgeordnete Huskisson, der ja von Beginn an ein

lebhafter Verteidiger der Bahn im Unterhaus gewesen war.

Der erste Zug wurde von der Lokomotive „Northumbrian“ gezogen. Jeder

Wagen hatte einen eigenen Namen wie „Traveller“, „Chinese“ oder

„Wellington“. Das Gepäck der Reisenden lag auf dem Dach. Die

vornehmsten Fahrgäste hatten ihre eigenen Kutschen auf Plattformwagen

setzen lassen und fuhren auf deren Sitzen teilweise unter freiem Himmel

mit. Die Güterwagen glichen Vogelkäfigen, denn man hatte sie der

größeren Leichtigkeit wegen nur aus Gitterstäben zusammengesetzt. Durch

den Tunnel unter Liverpool konnte keiner der Züge mit der Lokomotive

gefahren werden, da der Qualm die in den offenen Wagen Sitzenden

allzusehr belästigt hätte. So mußten die Züge zu Stephensons großem

Verdruß durch die Felsbohrung an Seilen hinuntergelassen werden, und

dann erst wurden die Lokomotiven vorgespannt.

[Abbildung:

Aus „Das größte Wunderwerk unserer Zeit“.

23. _Fahrzeuge der ersten großen Eisenbahnstrecke_

Lokomotive „Northumbrian“, Personen- und Güterwagen der Linie

Manchester-Liverpool]

Ungefähr auf halbem Weg, beim Bahnhof Parkside, wurde halt gemacht, weil

hier die Lokomotiven Wasser nehmen mußten. Leider sollte sich an dieser

Stelle gleich das erste Eisenbahnunglück zutragen. Der Abgeordnete

Huskisson hatte seinen Platz verlassen und stand neben einem der Züge

auf dem Nachbargleis. Plötzlich brauste hier die „Rakete“, die,

losgekuppelt, noch einmal ihre volle Geschwindigkeit zeigen wollte,

heran. Es gelang Huskisson nicht mehr, rechtzeitig fortzuspringen. Er

wurde von der Maschine erfaßt, die ihm ein Bein zermalmte. Er rief noch

aus: „Ich muß sterben!“ und wurde dann ohnmächtig. Seine Worte sollten

in Erfüllung gehen; noch am Abend desselben Tags verschied er. In ganz

England wurde damals weit mehr als von dem traurigen Ereignis von der

Tatsache gesprochen, daß die Maschine „Northumbrian“ mit dem

schwerverletzten Huskisson in 25 Minuten eine Strecke von 24 Kilometer

durcheilt hatte, um ihn zu einem Arzt zu bringen.

Das war eine Stundengeschwindigkeit von fast 58 Kilometern, die mit

Recht als ein großes Wunder angestaunt wurde.

[Abbildung:

Aus „Das größte Wunderwerk unserer Zeit“.

24. _Die Stätte des ersten Eisenbahn-Unfalls_

Wasserfüllstelle Parkside auf der Strecke Manchester-Liverpool, wo bei

der Eröffnungsfahrt der Abgeordnete Huskisson überfahren wurde]

In die für den Eröffnungstag aufgestellte Festordnung brachte dieser

Unglücksfall eine schwere Störung. Wellington und Peel wollten sogleich

ihren Zug verlassen und nicht bis nach Manchester mitfahren. Man stellte

ihnen jedoch die Enttäuschung der vielen Tausende vor, die in jener

Stadt warteten, und so ließen sie sich bewegen, bis zu Ende im Zug zu

bleiben. An den Festlichkeiten nahmen sie jedoch nicht teil. Doch dies

war nur eine Beeinträchtigung der Äußerlichkeiten, das große Werk war

glücklich zur Vollendung geführt.

Die Person Stephensons und sein Werk begeisterten damals jedermann. Der

Ruhm des großen Eisenbahnbaumeisters verdunkelte fast den Namen

Wellingtons. Jeder, der irgend Gelegenheit hatte, mit Stephenson in

Berührung zu kommen, drängte sich dazu, ihn und seine Feuermaschinen

kennenzulernen. In Liverpool hielt sich zu jener Zeit ein Schauspieler

namens Kemble mit seiner Tochter auf. Frances Anne Kemble, ein sehr

schönes junges Mädchen, war wie ihr Vater ein bedeutendes

darstellerisches Talent. Von allen großen Dingen leicht begeistert,

bemühte sie sich um die Erlaubnis, mit dem ersten Eisenbahnzug fahren zu

dürfen. Stephenson sah sie, und ihrer Anmut gelang es, ihn zu bewegen,

sie sogar bei einer Probefahrt mitzunehmen. Über ihre Erlebnisse hierbei

hat Frances Anne, die einen lebhaften Geist besaß und gut beobachten

konnte, in einem Brief an ihre Freundin sehr beachtenswerte Angaben

gemacht; sie geben ein gutes Bild von dem Eindruck, den die Lokomotive

und ihr großer Vorkämpfer auf die Zeitgenossen machten. Nach der

Übersetzung Max von Webers hieß es in dem Brief des Fräulein Kemble:

„Wir wurden der kleinen, munteren Maschine vorgestellt, die uns die

Schienen entlang ziehen sollte. Sie (denn der zärtliche Sprachgebrauch

macht die kuriosen, lieben kleinen Feuerrosse alle zu Stuten) besteht

aus einem Kessel, einem Ofen, einer Bank und hinter der Bank einem Fasse

mit genug Wasser, um ihren Durst während eines Rennens von fünfzehn

Meilen zu stillen -- das Ganze ist nicht größer als eine gewöhnliche

Feuerspritze.

[Abbildung:

Aus „Das größte Wunderwerk unserer Zeit“.

25. _Felseinschnitt bei Olive Mount_

auf der Strecke Manchester-Liverpool]

„Sie wandert auf zwei Rädern, die ihre Füße sind, und diese werden durch

glänzende Stahlbeine bewegt, die sie Kolben nennen.

„Zügel, Gebiß und Trense, mit denen dies wundervolle kleine Tier

geritten wird, bestehen zusammen aus einem kleinen Stahlhebel, der den

Dampf auf die Beine (oder Kolben) wirken läßt oder ihn davon ablenkt.

Ein Kind könnte ihn handhaben.

[Abbildung:

Aus „Das größte Wunderwerk unserer Zeit“.

26. _Brücke über das Sankey-Tal_

zwischen Manchester und Liverpool]

„Dieses schnarchende, kleine Tier, das ich mich immer versucht fühlte zu

tätscheln, wurde nun vor unseren Wagen gespannt, und nachdem mich Mr.

Stephenson zu sich auf die Bank genommen hatte, fuhren wir ungefähr mit

zehn Meilen in der Stunde ab.

„Du hast keinen Begriff davon, was das Durchschneiden der Luft für ein

Gefühl war. Und dabei ist die Bewegung so sanft wie möglich. Ich hätte

lesen oder schreiben können. Ich stand auf, nahm den Hut ab und trank

die Luft vor mir. Der Wind war stark, oder war es unser Anfliegen gegen

ihn, er drückte mir unwiderstehlich die Augen zu.

„Als ich sie geschlossen hatte, war das Gefühl des Fliegens ganz

zauberisch und sonderbar über jede Beschreibung -- aber trotzdem hatte

ich das Gefühl vollkommener Sicherheit und nicht die geringste Furcht.

„An einer Stelle ließ Mr. Stephenson, um die Kraft seiner Maschine zu

zeigen, einen anderen Dampfwagen, der ohne Feuer und Wasser vor uns

stand, am Vorderteil unserer Maschine befestigen, einen mit Bauholz

beladenen Lastwagen aber hinter unseren mit Personen schwer besetzten

Wagen bringen -- und mit alledem flog unser braver, kleiner Sie-Drache

davon! Noch weiterhin fanden wir drei Erdwagen, die ebenfalls vor unsere

Maschine gebracht wurden, und auch diese schob sie ohne Zögern und

Schwierigkeit vor sich her.

„Wenn ich hinzufüge, daß die scharmante, kleine Kreatur ebenso behende

rückwärts wie vorwärts läuft, glaube ich, Dir einen vollständigen

Bericht über ihre Fähigkeiten gegeben zu haben.

[Abbildung:

Aus „Das größte Wunderwerk unserer Zeit“.

27. _Die erste Moor-Überschienung_

Stephensons Kunstbau über das Katzenmoor bei Manchester]

„Nun noch ein Wort über den Meister all der Wunder. Ich bin in ihn ganz

verzweifelt verliebt! Er ist ein Mann, fünfzig oder fünfundfünfzig Jahre

alt; sein Gesicht ist edel, obwohl von Sorgen gefurcht und trägt den

Ausdruck tiefer Gedankenarbeit. Die Art, seine Ideen darzulegen, ist

eigentümlich und sehr originell, treffend und eindringlich, und obwohl

seine Sprache deutlich seine nordgrafschaftliche Abkunft bekundet, ist

sie doch fern von jeder Gemeinheit oder Plumpheit. Er hat mir in der Tat

gänzlich den Kopf verdreht! Vier Jahre haben genügt, sein großes

Unternehmen zu vollenden. Die Eisenbahn soll am 15. nächsten Monats

eröffnet werden. Der Herzog von Wellington wird herkommen, um dabei

gegenwärtig zu sein, und ich denke, daß das bei der Masse der

zusammenströmenden Zuschauer und der Neuheit des Schauspiels eine Szene

von nie vorher dagewesenem Interesse geben wird.“

Ein männlicher Augenzeuge schrieb, gleichfalls nach Weber, über seinen

Eindruck bei der Eröffnung der Eisenbahn:

„Man mag vom Pol zum Äquator, von der Straße von Malakka bis zum Isthmus

von Darien reisen und wird nichts so Bewundernswürdiges sehen wie diese

Eisenbahn. Die Donner der Ausbrüche des Vesuv und Ätna, die Konvulsionen

der Natur bei einem Hochgewitter erschüttern durch ihre Größe, drücken

aber den Stolz des Menschen tief darnieder, während die Szenen, die wir

hier vor uns sehen und die sich in ihrer Macht nicht würdig beschreiben

lassen, ein hohes Selbstgefühl und eine Bewunderung für die Geisteskraft

des Menschen entwickeln, intensiver und lebendiger als alle Produkte der

Poeten, der Maler und Philosophen.

„Die Erscheinung der Züge in den Tunnels und ihr Durchflug durch diese

hat etwas Elektrisierendes. Das Donnergeprassel bei der Einfahrt, das

plötzliche Versinken in tiefe Nacht und das Wiederdröhnen des

Maschinengetöses in so engem Raum vereinigen sich, um einen momentanen

Schauder, eine Ahnung der Vernichtung hervorzurufen -- welches beim

Wiederaustritt aus dem Tunnel an das Licht einem Gefühl von Erlösung und

Erheiterung Platz macht.

„Kaum weniger nervenerregend als die Durchfahrten durch Tunnels sind die

Begegnungen der mit voller Geschwindigkeit auf offener Bahn aneinander

vorüberfliegenden Züge. Die fast planetarische Schnelligkeit ihres

Laufs, die erschreckende Nähe, ja anscheinende Identität der eisernen

Bahnen, in denen sich diese Meteore zu bewegen scheinen, führen die

Möglichkeit eines Zusammenstoßes mit allen seinen entsetzlichen

Konsequenzen in erschreckender Weise vor Augen. Diese Furcht dauert aber

nur einen Augenblick. Erblicken des entgegenkommenden Zugs, aneinander

vorbeifliegen und wieder fern voneinander sein, ist nur Sache eines

Moments.“

[Abbildung: 28. _Das Eisenbahnfieber in England_

Spottbild aus einem Witzblatt]

In Deutschland erschien bereits im Jahre 1832 ein Buch mit dem Titel

„Das größte Wunderwerk unserer Zeit oder die Eisenbahn für Dampfwagen

zwischen Liverpool und Manchester in England“. Der Titel dieses bei

Friedrich Campe in Nürnberg gedruckten und mit prächtigen Kupferstichen

gezierten Werks zeigt deutlich das Verständnis, das man auch bei uns dem

Begebnis in England entgegenbrachte. Die hier wiedergegebenen

Abbildungen von der Manchester-Liverpool-Bahn sind zu einem großen Teil

diesem Buch entnommen.

Der Erfolg der Bahnstrecke überstieg rasch alle Erwartungen. Wenn auch

der Güterverkehr nicht sofort mit voller Stärke einsetzte, so machte

sich doch alsbald ein Sinken der Steinkohlenpreise in jener Gegend

bemerkbar. Eine Hebung der gesamten Gewerbtätigkeit schloß sich daran.

Der Gewinn, den die Bahn selbst abwarf, ging über die gehegten nicht

geringen Erwartungen schon bald um 20 000 Pfund Sterling jährlich

hinaus.

Für Ländereien, die in der Nähe der Bahn lagen, wurden sogleich weit

höhere Preise gezahlt als bisher, was ja einer später in allen Teilen

der Erde bemerkbaren Einwirkung der Eisenbahnen entspricht. Die stolzen

Lords, die sich so feindselig gegenüber dem neuen Verkehrsmittel

verhalten hatten, bedauerten nun lebhaft, daß der Schienenweg fern ab

von ihren Besitztümern lag. Lord Derby und Lord Sefton bemühten sich

nicht viel später lebhaft darum, eine zweite Eisenbahnverbindung

zwischen Manchester und Liverpool zustande zu bringen aber nur unter der

Bedingung, daß die Geleise diesmal durch ihre Güter geführt würden.

Eisenbahnvermessungsbeamte sind fortab nirgends mehr mit Steinen

beworfen worden.

Ganz besonders lebhaft aber war der Zustrom von Fahrgästen zu der

Eisenbahn. Jedermann wunderte sich, wo denn plötzlich die zahllosen

Fahrlustigen herkamen. Die Erklärung ist recht einfach: das großartige,

bequeme Verkehrsmittel hatte den Verkehr hervorgerufen. Zwar gab es

immer noch genug Menschen, die sich vor dem rasselnden und

feuerspeienden Ungeheuer auf den Schienen fürchteten, doch ihre Zahl

wurde rasch geringer. Zwei Ingenieure aus Edinburgh, Greinger und

Buchanan, welche die neue Eisenbahn besichtigten, konnten sich, nach

Smiles, gar nicht genug darüber wundern, daß man hier angenehmer und

bequemer fahre als auf der Landstraße. Voll Erstaunen sagten sie in

ihrem Bericht: „Selbst als die Geschwindigkeit volle 40 Kilometer in der

Stunde erreicht hatte, konnten wir sehen, wie die Reisenden, unter denen

sich viele Damen befanden, mit größter Kaltblütigkeit sich

unterhielten.“

Der außerordentliche Erfolg der „Rakete“ genügte Stephenson noch nicht.

Sein lebhaft strebender Geist dachte an kein Ausruhen. Kraftvoll und

rastlos widmete er sich der weiteren Ausbildung der Lokomotive in seiner

immer mehr aufblühenden Fabrik zu Newcastle. Jede Maschine, die das Werk

verließ, trug eine neue Verbesserung, so daß der Lokomotivbetrieb immer

sicherer und zuverlässiger wurde.

[Abbildung: 29. _Eisenbahn durch die Westminster-Abtei_

Englisches Spottbild auf das rasche Vordringen der Eisenbahnen]

Dieses und der geldliche Erfolg der Manchester-Liverpool-Bahn bewirkten,

daß sich nun in England allenthalben Aktiengesellschaften zur Errichtung

und zum Betrieb von Eisenbahnen bildeten. Jede von ihnen suchte

Stephenson als Mitarbeiter zu gewinnen. Es brach ein wahres

Eisenbahnfieber in dem Inselreich aus. Jede größere Stadt wollte die

Wohltaten des Schienenwegs sich zunutze machen. Manchester, das ja allen

um einen wichtigen Schritt voraus war, wurde alsbald der Mittelpunkt

eines ganzen Schienennetzes.

Als die Hauptstadt London daran ging, ihre erste Bahn zu bauen, die nach

Birmingham lief, wurden Georg und Robert Stephenson auch hierhin als

leitende Ingenieure berufen. Es war für sie eine ehrenvolle Aufgabe, die

aber auch viele neue Schwierigkeiten brachte. War doch für diese Strecke

der Bau einer ganzen Reihe von Tunneln notwendig. Dabei kamen den

Stephensons ihre Erfahrungen auf den Steinkohlengruben in Northumberland

lebhaft zustatten.

Als man die ersten längeren Tunnel zu bauen begann, gab es wiederum

vielerlei ängstliche Bedenken. Selbst bedeutende Ärzte meinten, der

furchtbare Lärm, die von Rauch erfüllte Luft und der plötzliche Wechsel

von hell und dunkel müßten die Gesundheit der Reisenden arg gefährden.

Die Tatsachen haben dann bald auch diese Einwände widerlegt.

Als die Herstellung neuer Bahnlinien immer lebhafter betrieben wurde,

begründete Stephenson in London eine Niederlassung, in der Rat erteilt

und Pläne angefertigt wurden. Sehr viel große Eisenbahnbauten sind von

hier aus entworfen und ausgeführt worden. Bis zum Jahre 1836 war in

England die Bauerlaubnis für Eisenbahnen im Wert von 80 Millionen Pfund

Sterling erteilt. 1856 waren 14 000 Kilometer in Betrieb.

Im Jahre 1835 berief König Leopold ~I.~ von Belgien den großen

Eisenbahningenieur in sein Land, um ihn für die Erbauung von Bahnen in

dem Königreich zu Rate zu ziehen. Zehn Jahre darauf reiste Stephenson

nach Spanien, das ebenfalls mit dem Bau von Bahnen beginnen wollte. Von

dort her kam er leidend zurück und hat sich nie wieder ganz erholt.

In den letzten Jahren seines Lebens zog sich Stephenson daher von allen

Geschäften zurück und lebte ruhig auf seinem Besitztum Taptonhouse.

Neben der Leitung seiner Kohlengruben und Kalkbrennereien widmete er

sich hier ausschließlich dem Gartenbau. Insbesondere war die Zucht von

Südfrüchten seine größte Leidenschaft. Er besaß riesige Treibhäuser, in

denen er große Ananas und Ähnliches zog. Fast rührend ist es, den

Überwältiger ungeheurer Hindernisse bei der Bemühung zu sehen, Gurken zu

einem geraden Wuchs zu veranlassen. Wenn ihm das durch mancherlei

Maßnahmen einmal gelang, so hatte er seine größte Freude daran.

Georg Stephenson starb, 67 Jahre alt, am 12. August 1848. Er wurde in

der Dreifaltigkeitskirche zu Chesterfield beigesetzt. Das Donnern der

Eisenbahnzüge durch viele Länder, dieses Tönen, das der Menschheit so

viel Heil gebracht hat, war seine Grabmusik.

5. Geschichte des Gleises

Erst die Vereinigung von Lokomotive und eisernem Gleis ergibt die

Eisenbahn. Keines der beiden vermag ohne das andere allzuviel Nutzen zu

bringen. Das bloße Gleis ist nicht mehr als eine Vorrichtung zur

Erleichterung des Fahrens ohne die Befähigung, Schnelligkeit zu

verleihen. Die Lokomotive auf der Landstraße gleicht einem Schwimmvogel,

der, auf das Land gesetzt, unbeholfene Bewegungen vollführt. Beide

Bestandteile zusammengebracht aber verwandeln sich zu einem völlig neuen

Ganzen mit großartigen Eigenschaften. Dies ist ein Vorgang, der jenem in

der Chemie gleicht, wenn das giftige Chlor und das bei Berührung mit

Feuchtigkeit brennende Natrium zum Kochsalz sich vereinigen, das für den

Menschen unentbehrlich ist.

Gerade wie der Jüngling und das Mädchen, die später ein Paar werden

sollen, heranwachsen, ohne einander zu kennen, so haben sich auch das

Schienengleis und die Lokomotive getrennt voneinander entwickelt, sie,

die doch schließlich, nach Stephensons bereits erwähntem Ausspruch „Mann

und Weib“ geworden sind. Liebevoll wurden sie an verschiedenen Orten

gehegt und gefördert, und erst als man glaubte, daß jedes von ihnen eine

genügende Reife erlangt hätte, tat man sie zusammen. Aber auch hier gab

es, wie das ja bei den Menschen gleichfalls manchmal vorkommen soll,

einige Zeit nach der Hochzeit mancherlei Verdrießlichkeiten, was uns aus

der Schilderung von Trevithicks Wirken bereits bekannt ist. Erst nach

längerer Zeit, als beide gesetzter geworden waren, gewöhnten sich die

Gatten aneinander; und als sie um die letzte Jahrhundertwende die

eiserne Hochzeit begehen konnten, da vermochten sie auf ein

gemeinschaftliches Lebenswerk von unerhörter Großartigkeit

zurückzublicken.

Nachdem wir in den vorhergehenden Abschnitten die Entwicklung der

Lokomotive bis zum Sieg der „Rakete“ beim Wettkampf zu Rainhill verfolgt

haben, liegt es nun ob, den Werdegang des Gleises zu betrachten. Hierbei

werden wir ein Stück weiter in das neunzehnte Jahrhundert vordringen

müssen, da das Gleis um ein beträchtliches später seiner heutigen Form

sich näherte als die Lokomotive.

Häufig wird angenommen, daß bereits die Griechen zur klassischen Zeit

Geleise gekannt haben. Es ist aber unsicher, ob die Rillen, die sich

tatsächlich auf den steinernen Wegen für die Opferfahrzeuge befunden

haben, nicht unbeabsichtigt durch die schleifende Wirkung der Räder

entstanden sind. Bestenfalls könnte es sich hier immer nur um eine

vertiefte Spur handeln, die mit dem heutigen Gleis wohl den

Grundgedanken, nicht aber die Ausführungsform gemeinsam hat. Wir legen

ja überall, wo nicht ein querender Verkehr es anders verlangt, die

Schienen nicht _in_ Wege, sondern auf diese.

Mit Sicherheit ist das Vorhandensein von Geleisen für das zweite Drittel

des sechzehnten Jahrhunderts festgestellt. Danach ist der Ursprung der

Spurbahn in Deutschland zu suchen.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 7 / 60 段