Der Linienführung selbst stellten sich große technische Schwierigkeiten

entgegen. Es waren tiefe Einschnitte und viele kleine Höhen zu

überwinden; die Einführung der Linie in die beiden Endstädte erweckte

schwerste Bedenken, obgleich vorläufig noch niemand an einen

Lokomotivbetrieb dachte. Das schlimmste Stück der ganzen Strecke aber

war das große zwischen Liverpool und Manchester liegende Katzenmoor, ein

tiefer Sumpf mit so weichem, nachgiebigem Boden, daß eine

hineingesteckte Eisenstange sofort vollkommen versank.

Diese Umstände ließen es den Leitern der Bahngesellschaft erwünscht

erscheinen, einen besonders tüchtigen Mann als Leiter des Baus zu

gewinnen. Stephensons Name hatte nun doch schon einen gewissen Klang,

und im Jahre 1821, zu einer Zeit also, als die Stockton-Darlington-Bahn

noch im Bau war, begaben sich Abgesandte nach Killingworth, um die

dortigen Anlagen zu besichtigen. Sie bekamen von der Tatkraft und

Leistungsfähigkeit des dortigen Maschinenmeisters den besten Eindruck,

und er wurde einstimmig zum Leiter des großen Bahnbaus zwischen

Manchester und Liverpool berufen.

Es eröffnete sich nun für Georg Stephenson ein großes Wirkungsfeld, auf

dem er denn auch unvergängliche Taten vollbringen sollte.

Sofort setzte er sich aufs stärkste dafür ein, daß die neue Bahnstrecke

so eben wie möglich angelegt werde. Neue Vermessungen wurden notwendig,

und der alte Kampf mit den Anwohnern begann von neuem. Am heftigsten

widersetzten sich den Vermessungen jetzt die Lords Derby und Sefton,

über deren Landgüter die Strecke geführt werden sollte. Desgleichen

wollte die Verwaltung des Bridgewaterkanals auf keinen Fall die

Überbrückung dieses Wasserlaufs gestatten, weil sie sehr mit Recht einen

erfolgreichen Wettbewerb fürchtete. Lord Derbys Leute traten überall den

Messenden in den Weg; Stephenson selbst wurde in Knowsly von den

Parkwächtern vertrieben, und ihm ein tätlicher Angriff in Aussicht

gestellt, falls er sich wieder auf dem Grund und Boden des edlen Lords

sehen lassen würde.

Im Jahre 1825 war trotzdem eine vorläufige Vermessung beendet, und man

beschloß, das Unterhaus um Genehmigung der Linie zu ersuchen. Kaum war

dies bekannt geworden, da rüsteten sich die an den Wasserwegen

beteiligten Gesellschaften zu heftigstem Widerstand.

Zunächst machten sie die Anwohner weiter aufrührerisch, indem sie

erzählten, daß die Bahn vermutlich mit Lokomotiven betrieben werden

würde, was ein schreckliches Unglück bedeuten würde. Die aus dem

Schornstein der Maschine herausfliegenden Funken müßten jedes in der

Nähe stehende Haus anzünden, die Luft würde durch die Rauchwolken

verpestet werden. Die Pferdezucht werde eingehen müssen, und als Folge

davon müßte auch die Landwirtschaft aufhören, weil kein Tier mehr da

sein würde, welches das Heu fräße. Die Dampfkessel der „Reisemaschinen“

würden häufig platzen, so daß kein Mensch in der Nähe der Bahn mehr

seines Lebens sicher sein würde; der bloße Anblick des vorüberdonnernden

Eisenbahnzugs müßte die Tiere zu Tode erschrecken, Menschen wahnsinnig

machen.

Man trug dafür Sorge, daß in den Parlamentsausschuß, der über den Antrag

der Eisenbahngesellschaft auf Genehmigung des Baus zu verhandeln hatte,

die tüchtigsten und redegewandtesten Mitglieder des Unterhauses

abgeordnet wurden, damit sie den Antrag geschickt zu Fall brächten. Aber

auch die Bahngesellschaft traf beste Vorsorge zur Durchführung ihres

Plans, indem sie eine Reihe ausgezeichneter Rechtsanwälte mit ihrer

Vertretung beauftragte. Es entspann sich dementsprechend vor dem

Ausschuß ein Kampf, der lächerlich zu nennen wäre, wenn es sich dabei

nicht um einen so bedeutenden Gegenstand gehandelt hätte.

Stephenson mußte als Bauleiter der Bahn ebenfalls vor dem Ausschuß

erscheinen. Dem wenig redegewandten Mann, der noch dazu die breite

Mundart Northumberlands sprach, war dies durchaus nicht angenehm. Über

den Beginn seiner Vernehmung erzählte er später: „Kaum befand ich mich

in der Vernehmungsbank, da wäre ich gern wieder zu einem Loch

hinausgekrochen. Ich konnte die Worte nicht finden, die für den Ausschuß

und in meinen eigenen Augen überzeugend gewesen wären. Acht bis zehn

Rechtsvertreter stellten mit mir ein Kreuzverhör an in der Absicht, mich

zu verwirren. Ein Ausschußmitglied fragte, ob ich ein Ausländer wäre,

ein anderes gab zu verstehen, daß ich nicht bei gesundem Verstand sei.

Ich aber ließ mich alles dies wenig anfechten und machte fort.“

Stephenson wirkte von Beginn an für den Lokomotivbetrieb auf der

Eisenbahn. Den wichtigsten Beweggrund hierfür, daß nämlich mit der

Lokomotive eine Geschwindigkeit von 30 Kilometern in der Stunde erreicht

werden könnte, durfte er jedoch nicht vorbringen. Seine besten Freunde

lachten ihn aus, wenn er diese Behauptung aufstellte. Alle erklärten,

eine solch unerhörte Schnelligkeit sei überhaupt nicht möglich. Selbst

die ernste Zeitschrift „Quarterly Review“ verspottete, nach Feldhaus,

eine solche Behauptung, indem sie sagte: „Auch wenn man allen

Versicherungen über die Gefahrlosigkeit der Lokomotiven Glauben schenken

wollte, könnte man doch eher glauben, daß die Einwohner von Woolwich

sich mit einer Congreveschen Rakete abfeuern lassen würden, als daß sie

sich einer so schnell fahrenden Maschine anvertrauten.“ So war

Stephenson gezwungen, unter schwerer Selbstüberwindung immer nur von

einer beabsichtigten höchsten Geschwindigkeit von 16 Kilometern zu

sprechen.

Der bedauernswerte Mann hatte es in dem Kreuzverhör vor den Abgeordneten

wirklich nicht leicht. Es wurden die dümmsten Einwände vorgebracht.

„Nehmen wir an,“ sagte ein Ausschußmitglied, „es komme bei einer

Geschwindigkeit von 14 oder 16 Kilometern eine Kuh der Maschine in den

Weg. Glauben Sie nicht, daß das recht peinlich sein würde?“ -- „In der

Tat,“ war die Antwort, „recht peinlich . . . für die Kuh!“

„Werden die Pferde auf der Landstraße nicht scheu werden,“ fragte ein

anderer, „wenn sie den rotglühenden Schornstein sehen?“ -- „Ich hoffe,“

antwortete Stephenson, „die Pferde werden denken, daß der Schornstein

nur rot angestrichen sei und werden ruhig bleiben.“

Der Abgeordnete Harrison meinte, er habe gehört, daß jeder Regen das

Feuer in der Lokomotive auslöschen würde. Man könnte die Maschine ja

zwar, um dies zu verhüten, in Decken einpacken, aber dann würde der Wind

kommen und die Hüllen wieder fortreißen. Jeder Sturm müßte überhaupt die

Lokomotivfahrt verhindern, weil er das Feuer in der Lokomotive so heftig

anblasen würde, daß der Druck im Kessel ansteigen und die Maschine

schließlich zum Platzen bringen müßte.

Gegenüber solchen Einwänden war Stephenson ziemlich machtlos. Er konnte

in seiner Unbehilflichkeit nicht recht etwas darauf entgegnen und

wiederholte schließlich nur immer wieder den ihn sehr kennzeichnenden

Ausspruch: „_Ich kann’s nicht sagen, aber ich werde es machen!_“

Gegen Schluß des Verhörs nahm der gelehrte Alderson das Wort zu einer

zweitägigen Vernichtungsrede, in der er hauptsächlich auf die

Schwierigkeiten des Bahnbaus einging. „Ich denke, es ist erwiesen,“

sagte er, „daß der Stephensonsche Plan der abgeschmackteste ist, der je

in einem Menschenkopf ausgeheckt wurde. Wer vermag daran zu zweifeln,

der Gelegenheit hatte, den Mann bei seinen Aussagen zu beobachten? Ich

behaupte, daß er nie einen Plan gehabt hat und glaube, daß er gar nicht

fähig ist, einen zu entwerfen. Sein Geist schwankt hilflos in einemfort

zwischen den entgegengesetzten Schwierigkeiten hin und her. Er weiß

weder, ob er über Wege oder Flüsse Brücken bauen soll, noch weiß er, wo

Dämme, Durchstiche oder schiefe Ebenen angebracht werden müßten. Ich

erhebe feierlichen Einwand gegen eine Maßregel, die sich auf nichts

Besseres zu stützen vermag als auf die Aussagen solcher Gewährsmänner

und auf solche Berechnungen.“

Mit diesen letzten Worten waren die unsicheren Ergebnisse der Vermessung

gemeint, die mit Recht vielfach angefochten wurden. Bei der Abstimmung

wurde der Antrag der Bahngesellschaft mit 19 gegen 13 Stimmen abgelehnt.

Zwei Monate lang hatte der Kampf gewährt. Man beschloß, ihn für jetzt

aufzugeben und das nächste Mal besser gerüstet vor das Unterhaus zu

treten.

Es ist recht schmachvoll, daß die Durchbringung des Genehmigungsgesetzes

beim zweiten Antrag schließlich nicht sachlichen Gründen zu verdanken

war, sondern vorher ausgeführten geschickten Maßnahmen und allerhand

Schlichen und Kniffen. Es gelang vor allem, den Marquis von Stafford,

den Hauptbeteiligten am Bridgewaterkanal, den Plan dadurch günstig zu

machen, daß ihm ein ziemlich beträchtlicher Teil der Aktien zugebilligt

wurde. Man veränderte außerdem den Weg der Strecke so, daß Lord Seftons

Güter ganz vermieden und das Schloß Lord Derbys in bedeutender

Entfernung umgangen wurde. Alle Wildgehege vornehmer Herren ließ man mit

größter Sorgfalt unberührt. Und siehe da! Nun war auf einmal fast der

ganze Widerstand gegen die neue Eisenbahn verschwunden.

Zwar gab es immer noch Leute, denen die Angelegenheit nicht paßte, und

Sir Isaac Coffin unternahm es vor dem zweiten Ausschuß noch einmal, alle

die schäbigen Einwände der Leute, die vor dem Neuen zurückbebten, in

anderer Form zu wiederholen.

„Für jeden muß es höchst unangenehm sein,“ führte er aus, „eine

Eisenbahn unter seinem Fenster zu haben. Und was soll, so frage ich, aus

allen jenen werden, die zur Herstellung und Verbesserung der Landstraßen

ihr Geld hergegeben haben? Was aus denen, die auch ferner wie ihre

Vorfahren zu reisen wünschen, das heißt in ihren eigenen oder gemieteten

Wagen, die es bald nicht mehr geben wird? Was aus Sattlern und

Herstellern von Kutschen, aus Wagenbesitzern und Kutschern, Gastwirten,

Pferdezüchtern, Pferdehändlern? Weiß das Haus auch, welchen Rauch,

welches Geräusch, Gezisch und Gerassel die rasch vorübereilenden

Lokomotiven verursachen werden? Weder das auf dem Feld pflügende, noch

das auf den Triften weidende Vieh wird diese Ungeheuer ohne Entsetzen

wahrnehmen. Die Eisenpreise werden sich mindestens verdoppeln, wenn die

Vorräte an diesem Metall, was wahrscheinlich ist, nicht ganz und gar

erschöpft werden. Die Eisenbahn wird der größte Unfug sein, sie wird die

vollständige Störung der Ruhe und des körperlichen sowohl wie des

geistigen Wohlbefindens der Menschen bringen, die jemals der Scharfsinn

zu erfinden vermochte.“

Doch nun half alles nichts mehr. Huskisson und andere bedeutende

Mitglieder unterstützten den Antrag, und er wurde mit einer Mehrheit von

88 gegen 41 Stimmen angenommen.

Sofort nahm man den Bau in Angriff, dessen Oberleiter selbstverständlich

Georg Stephenson wurde. Um dem Feld seiner Tätigkeit möglichst nahe zu

sein, siedelte er jetzt nach Liverpool über.

So große und kostspielige Anlagen, wie sie nun errichtet wurden, hatte

die Welt noch nie gesehen. Galt es doch, zum erstenmal eine wirklich

ebene Bahnstrecke herzustellen. Das Sankeytal mit dem darin liegenden

Kanal mußte durch eine gewaltige Steinbrücke überschritten werden. Der

Irwell war in gleicher Weise zu kreuzen. Im ganzen wurde für die

Bahnlinie die Errichtung von nicht weniger als 63 Brücken notwendig. Man

höhte Senkungen auf und durchstach Felsen. Die Einführung der Strecke in

die Stadt Liverpool konnte nur mit Hilfe eines Tunnels erfolgen. Es

entstand so das erste größere Bauwerk dieser Art auf der Erde.

Nur ein Mann von Stephensons außerordentlicher Kraft vermochte alle

Hindernisse zu überwinden, die hierbei auftraten. Im Tunnelbau hatte man

noch keine Erfahrungen. Es fanden Einbrüche statt, so daß die Arbeiter

wegen der Gefahr nicht mehr in den Schacht wollten. Stephenson hatte

dennoch Gewalt genug über die Werkleute, um sie stets von neuem hinein

zu führen. Das Allerschwierigste aber war die Gründung der Strecke auf

dem Katzenmoor. Schüttungen, die immer von neuem gemacht wurden, sanken

in eine unergründliche Tiefe hinab. Stephenson mußte eine ganz neue

Bauart mit Abzugsgräben und Stichkanälen erfinden, damit er endlich

festen Boden gewann. Oft wollte die Gesellschaft den Bau an dieser

Stelle ganz aufgeben, da sie kein Gelingen mehr erhoffte. Aber der

Baumeister wußte genau, was er tat, und schließlich war das Moor mit

einem Kostenaufwand von 28 000 Pfund Sterling überbrückt, während im

Parlament die Höhe der Kosten auf 270 000 Pfund geschätzt worden war.

Stephenson hatte wegen der Neuheit des ganzen Gegenstands für alles

Erdenkliche zu sorgen. Er zeigte seine glänzende Begabung, alles sorgsam

zu gliedern und in lebendiger Tätigkeit zu erhalten. Die Arbeiter mußten

überall erst angelernt und in einsamer Gegend untergebracht werden. Dann

aber hatte Stephenson auch die Schienenbefestigungen, die Weichen, die

Drehscheiben, die Signale zu erdenken, ja sogar die Wagen zu entwerfen.

Und als all dieses schließlich überwunden war, trat noch eine

grundsätzliche Schwierigkeit auf. Trotz der furchtbaren Kämpfe, die um

die Lokomotive schon geführt worden waren, hatten sich die Leiter der

Bahn doch noch durchaus nicht für dieses Zugmittel entschlossen.

Immerhin war man sich allmählich darüber klar geworden, daß Pferde nicht

in Betracht kämen. Zwar hatten auch diese lebendigen Schlepper ihre

Verteidiger, aber nach Besichtigung von Stephensons Anlagen in

Killingworth, Hetton und auf der Strecke Stockton-Darlington wurde es

doch allen Beteiligten klar, daß der mechanische Antrieb den Vorzug

verdiene, schon weil er keinen so häufigen Wechsel der treibenden Kraft

notwendig machte.

Aber auch damit kam man noch nicht unmittelbar zur Lokomotive. Viele

Ingenieure traten dafür ein, daß man auch auf dieser ebenen Strecke

ortsfeste Maschinen aufstelle, die durch Aufwickeln von Seilen die Züge

bewegen sollten. Es berührt uns heute höchst eigenartig, daß längere

Zeit tatsächlich der Plan erwogen wurde, die Strecke in neunzehn

Abschnitte zu teilen und jedem von diesen eine feststehende

Dampfmaschine zuzuordnen, die den Zug am Seil schleppen sollte. Es wäre

dann also notwendig gewesen, bei jeder Fahrt von Manchester bis

Liverpool oder umgekehrt neunzehnmal Seile abzukuppeln und wieder am Zug

zu befestigen. Welch eine Reisegeschwindigkeit man mit einer solchen

Betriebsart erreicht hätte, ist leicht jedem klar.

Andere Techniker wieder schlugen vor, die Züge durch Wasserkraft

antreiben zu lassen oder auch durch gepreßte Kohlensäure. Es war auch

noch nicht in allen Köpfen der Irrtum ausgerottet, daß die

Lokomotivräder auf den glatten Schienen gleiten müßten. So konnte ein

Vorschlag entstehen, eine dritte Schiene in die Mitte der Geleise zu

verlegen und durch zwei seitlich hieran gepreßte Scheiben eine genügend

kräftige Reibung herzustellen.

Die leitenden Männer der Bahngesellschaft wußten gegenüber allen diesen

Vorschlägen bald nicht mehr aus noch ein. Nichts war erprobt, und Großes

stand durch ihre Entscheidung auf dem Spiel. Es schien ihnen schließlich

am zweckmäßigsten, durch ein Preisausschreiben die Leistungsfähigkeit

von Lokomotiven mit einfachen Reibungsrädern festzustellen.

Der Wettbewerb wurde ausgeschrieben, und er führte zu dem weltberühmt

gewordenen Wettkampf bei Rainhill.

Die wichtigsten Forderungen in dem Preisausschreiben lauteten:

Die Maschine muß ihren Rauch selbst verzehren. Sie muß imstande sein,

einen Zug von 20 000 Kilogramm Gewicht mit einer Geschwindigkeit von 16

Kilometern in der Stunde zu ziehen. Der Dampfdruck im Kessel darf 3-1/2

Atmosphären nicht übersteigen; der Kessel muß zwei Sicherheitsventile

haben, von denen eins der Einwirkung des Maschinenwärters gänzlich

entzogen sein muß. Maschine und Kessel müssen durch Federn getragen

werden. Die Maschine darf mit gefülltem Kessel nicht mehr als 6000

Kilogramm wiegen. Sie muß am 1. Oktober 1829 vollständig fertig und in

einem zur Erprobung geeigneten Zustand am Liverpooler Ende der Eisenbahn

aufgestellt sein. Die Lokomotive darf nicht mehr als 550 Pfund Sterling

kosten.

Georg Stephenson beschloß sofort, in seiner Fabrik zu Newcastle an die

Herstellung einer Preislokomotive zu gehen. Er unterschätzte keinen

Augenblick die Bedeutung der Angelegenheit und die Schwierigkeiten, die

zur guten Erledigung der Aufgabe zu überwinden waren. Er berief darum

seinen Sohn Robert, der zur Ausführung von Bauten in Südamerika weilte,

zurück. Es war bei dieser Rückfahrt, als Robert Stephenson in Cartagena

mit Trevithick in der bereits geschilderten Weise zusammentraf. Als er

in Newcastle angekommen war, zeigte es sich, daß Vater und Sohn einander

vorzüglich verstanden und ergänzten. Von Zeitgenossen wird berichtet,

daß nun zwei mächtige Geister zusammenarbeiteten, die sich gegenseitig

anfeuerten.

Das stärkste Reizmittel zu großen Taten ist die Unzufriedenheit. Wer

bewundernd vor seinen eigenen Leistungen steht und sie für das beste

hält, das überhaupt vollbracht werden kann, der hört auf zu streben und

vermag keine Leistungen mehr zu vollbringen. Georg Stephenson gehörte

nicht zu den Menschen solcher Art. Seine Lokomotiven liefen nun schon

seit Jahren auf vielen Strecken. Sie waren die besten, die es gab. Aber

dennoch kannte er genau ihre Schwächen. Für den Wettbewerb wollte er

etwas Höherentwickeltes hervorbringen.

In der Hauptsache lag ihm daran, die Lokomotive zu stärkerer

Dampferzeugung zu befähigen. Die immer noch geringen Geschwindigkeiten

führte er mit Recht auf den zu kleinen Dampfvorrat zurück, den der

Kessel in jedem Augenblick barg. Mancherlei Mittel hatte er schon

versucht, um durch stärkere Anfachung des Feuers hier Besserung zu

schaffen. Daß er die vortreffliche Wirkung des Blasrohrs schon früh

ausnutzte, wissen wir bereits. Bei einer Lokomotive für die

Stockton-Darlington-Bahn war er, um einen noch kräftigeren Durchzug von

Frischluft durch die Feuerung hervorzubringen, sogar so weit gegangen,

die Maschine mit zwei Schornsteinen und zwei Blasrohren auszurüsten.

Aber der Nutzen dieser Maßnahmen entsprach nicht den Erwartungen. Ein

wirklicher Erfolg konnte nur durch eine Vergrößerung der Heizfläche

erreicht werden.

Es ist nun sehr merkwürdig, daß der Gedanke, der Stephensons Lokomotive

zum endlichen Sieg führte und dem Lokomotivkessel die bis zum

heutigen Tag auf der ganzen Erde übliche Form gab, dem Gehirn

eines Nichtfachmanns entsprang. Der Geschäftsführer der Bahn

Manchester-Liverpool, Henry _Booth_, mit dem Stephenson schon früher

manches Jahr zusammengearbeitet hatte, war es, der ihm empfahl, von der

hinteren Kesselwand zur vorderen eine große Anzahl dünner Röhren zu

führen, durch welche die heißen Gase bei ihrem Weg von der Feuerung zum

Schornstein hindurchstreichen mußten. Die Fläche, auf der die Heizgase

mit dem Wasser in Berührung kamen, wurde hierdurch außerordentlich

vergrößert.

Versuche ähnlicher Art waren schon früher gemacht worden, aber hierbei

waren die Röhren entweder senkrecht gestellt, oder man füllte sie mit

Wasser, während die Heizgase die Außenwände der Röhren umspülten. Es

waren also Siederohrkessel gebaut worden, während Booth den vielrohrigen

Flammrohrkessel empfahl, der sich fortab als die geeignetste Bauform für

die Lokomotive erwiesen hat. Unabhängig von Booth erfand Séguin in

Frankreich gleichzeitig dieselbe Bauform.

Stephenson erkannte die Vorzüge des Boothschen Gedankens sogleich und

nahm ihn für den Bau seiner Preislokomotive auf. Die Tatsache, daß er

hier dem Vorschlag eines anderen folgte, mildert Stephensons Verdienst

in keiner Weise. Denn nur er vermochte durch die großartigen

Einrichtungen seiner Fabrik und die Erfahrungen, die er im Lokomotivbau

hatte, den Gedanken zur Ausführung zu bringen. Hätte Booth seinen

Vorschlag einem weniger tüchtigen Mann gemacht, so würde sich wieder

einmal das Schauspiel begeben haben, daß der Weise dem Stein der Weisen

gemangelt hätte.

Ganz aus eigener Erwägung fügte Stephenson der Lokomotive noch manchen

neu gestalteten Bauteil an. So wurden die Zylinder schräg gestellt und

die Austrittsöffnung des Blasrohrs verengt, wodurch eine bedeutende

Steigerung der Dampfgeschwindigkeit und demgemäß eine Erhöhung des

Luftzugs durch die Feuerung eintrat. Als die Maschine ihre erste

Probefahrt machte, war der Erbauer selbst aufs höchste über ihre

Leistungsfähigkeit erstaunt, die alles bis dahin vorhandene weit in den

Schatten stellte. Robert Stephenson erklärte in späteren Jahren, als die

Eisenbahn schon ein allgemein übliches Verkehrsmittel war: „Zwar hat

seit dem Tage, da unsere Maschine auf der Manchester-Liverpool-Bahn

aufgestellt wurde, die Lokomotive viele kleinere Verbesserungen

erfahren, und man ist seitdem insbesondere bemüht gewesen, ihre

verschiedenen Teile möglichst sorgfältig herzustellen; dennoch

unterscheidet sich die heutige Lokomotive in keinem wesentlichen Punkt

von jener.“ Das gilt auch noch für die Jetztzeit.

Die Maschine erhielt wegen der großen Geschwindigkeit, die sie zu

entwickeln vermochte, den Namen „Rakete“. (Siehe das Bild vor dem

Titel.)

Der für den Austrag des Wettbewerbs festgesetzte Tag rückte indessen

heran. Der Ausgang wurde in ganz England mit höchster Spannung erwartet.

Viele ahnten, daß hier ein höchst wichtiges Ergebnis sich zutragen

würde. Nach englischer Art, die damals so war, wie sie noch heute ist,

glaubte eine englische Zeitschrift die Bedeutung des Kampfs nicht besser

kennzeichnen zu können, als indem sie erklärte, daß auch die vornehme

Welt dem Vorgang gegenüber soviel Teilnahme zeige, als wenn es sich um

das St. Leger, das bedeutendste aller Pferderennen, handle. Eine große

Menschenmenge strömte herbei, um das eigenartige Schauspiel mit

anzusehen. Als „Schlachtfeld“ war eine 35 Kilometer lange, ganz ebene

Strecke auf der Bahnlinie Manchester-Liverpool in der Nähe von Rainhill

ausersehen.

Folgende Lokomotiven wurden zum Wettbewerb angemeldet:

1. „The Novelty“ („Die Neuheit“) von Braithwaite und Ericsson;

2. „Le Sans Pareil“ („Die Unvergleichliche“) von Hackworth;

3. „The Perseverance“ („Die Ausdauer“) von Burstall;

4. „The Rocket“ („Die Rakete“) von Stephenson.

Noch eine fünfte Maschine wollte mitfahren: der „Zyklopenfuß“ von

Brandreth. Sie wurde durch ein im Innern ihres Gehäuses aufgestelltes --

Pferd fortbewegt. Da dies dem Sinn des Preisausschreibens nicht

entsprach, das nur Dampflokomotiven in Betracht zog, so mußte sie

abgewiesen werden. Bei der „Ausdauer“ zeigte es sich alsbald, daß sie

die vorgeschriebene Geschwindigkeit nicht würde erreichen können, und

sie trat daher gleichfalls von dem eigentlichen Wettbewerb zurück. An

diesem nahmen also tatsächlich nur drei Maschinen teil.

Am 6. Oktober 1829 fand die Vorprüfung der Maschinen statt.

Es entspricht Stephensons ganzer Art, daß seine Lokomotive, obgleich sie

bestimmungsgemäß nicht als erste fahren sollte, doch zuerst fertig war.

Aus diesem Grund gestattete man ihr, außer dem Wettbewerb eine erste

Versuchsfahrt zu machen. Sie legte hierbei unter des Erbauers eigener

Führung 19 Kilometer in 53 Minuten zurück.

[Abbildung]

[Abbildung]

[Abbildung:

Nach einer Tafel im Deutschen Museum zu München

19. _Die Teilnehmer am Lokomotiv-Wettkampf von Rainhill 1829._

Oben: Stephensons „Rakete“; in der Mitte: Braithwaites und Ericssons

„Neuheit“; unten: Hackworth’ „Unvergleichliche“.]

Darauf fuhr die „Neuheit“ vor. Ihr Verdampfungsraum lag senkrecht über

der Feuerbüchse, von dort lief ein zweifach gekrümmtes Flammrohr durch

einen zylindrischen, wagerecht liegenden Kesselteil. Gleich hinter dem

Schornstein war ein besonderes Gebläse aufgebaut, das der Feuerung

Frischluft zudrückte. Die Maschine hatte keinen Tender, sondern trug den

Kohlevorrat auf dem Rücken des Kessels; der Behälter für das

Speisewasser befand sich darunter.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 6 / 60 段