Eine weitere Verbesserung, die Stephenson anbrachte, sollte die starken

Stöße auf den Kessel mildern. Er befestigte an dem Rahmen der Maschine

vier senkrechte Stangen, die oben Kolben trugen. Sie tauchten in vier

Zylinder ein, denen aus dem Kessel Dampf zugeführt wurde; dieser sollte

als Stoßdämpfer dienen. Die Bauform war recht verfehlt. Ein Abbremsen

der Stöße trat kaum ein, aber die Dampfpuffer sind doch weiter benutzt

worden, bis die sehr viel besser wirkenden stählernen Blattfedern

erfunden waren.

Trotz all dieser Maßnahmen konnte aber die grundsätzliche Feindschaft

gegen die Lokomotive immer noch nicht besiegt werden. Die Wirksamkeit

der Maschine war in der Hauptsache beschränkt durch die Minderwertigkeit

der gußeisernen Geleise. Stephenson blieb dieser Zusammenhang nicht

verborgen; er erklärte schon damals, Schiene und Rad gehörten zusammen

„wie Mann und Weib“. Deshalb beschäftigte er sich lebhaft mit der

Verbesserung der Geleise, schuf günstigere Schienenformen und erfand

kräftigere Verbindungen der Schienenstücke miteinander. Die gußeisernen

Räder seiner Lokomotive ersetzte er durch schmiedeiserne, wodurch die

Räder zugleich leichter und dauerhafter wurden.

Sein gedanklich immer tieferes Eindringen in das Wesen des

Dampfeisenbahnbetriebs veranlaßte Stephenson im Jahre 1818,

gemeinschaftlich mit _Wood_ Untersuchungen über den Zusammenhang von

Reibung und Schwere vorzunehmen, der ja für den Lokomotivbetrieb auf

glatten Schienen von höchster Wichtigkeit ist. Er bestimmte die Größe

des Widerstands, den Wagen auf Schienen erfahren, erkannte hierbei den

Wert der ebenen Gleisführung und die ungünstige Einwirkung, den jede

stärkere Steigung sofort auf die Zugkraft der Lokomotive ausübt. Diese

Untersuchungen sind grundlegend für den gesamten Eisenbahnbau geblieben.

Fortab verfocht Stephenson mit zähester Beharrlichkeit den Grundsatz,

daß für Eisenbahnbauten aufgewendetes Geld niemals besser angelegt

werden könne, als wenn man es zur Herstellung ebener Geleise verwendete.

In jene Zeit fällt auch eine sehr wichtige Erfindung Stephensons, die

mit dem Eisenbahnwesen nichts zu tun hat, aber die Sinnesart dieses in

jeder Beziehung großen Manns deutlich erkennen läßt. Als er noch Bremser

am Schachtaufzug war, geschah im Jahre 1806 in der Grube, die er zu

bedienen hatte, ein schweres Unglück infolge der Entzündung schlagender

Wetter durch die unzweckmäßigen Lampen der Arbeiter. Zehn Bergleute

wurden hierbei getötet. Drei Jahre darauf ereignete sich ein neues

Unglück aus gleichen Ursachen, das zwölf Opfer forderte, und im Jahre

1812 ließ eine Entzündung schlagender Wetter in einem benachbarten

Bergwerk gar neunzig Männer und Knaben durch Ersticken und Verbrennen

umkommen. Stephensons Herz, das immer für die Not der Menschheit warm

geschlagen hat, wurde durch diese Begebnisse schwer bedrückt. Er nahm

sich vor, für die Bergleute eine Lampe zu schaffen, die nicht wie die

bisherigen eine offen brennende Flamme haben sollte. Ohne alle

wissenschaftliche Kenntnisse kam er auf denselben Gedanken, den fast zu

gleicher Zeit der berühmte Chemiker Humphrey _Davy_ seiner

Sicherheitslampe für Bergleute zugrunde legte.

Unter häufiger Einsetzung seines Lebens machte Stephenson viele Versuche

in Bergwerken voll gefährlicher Gase, bis er wirklich eine Bauform für

die Lampe gefunden hatte, die volle Sicherheit gegen Entzündung

schlagender Wetter bot. Es erhob sich ein Streit zwischen ihm und Davy

um das Erstrecht an der Erfindung. Der berühmte Gelehrte, der sich auch

später gegenüber dem neu aufkommenden Ruhm Faradays recht wenig edel

benommen hat, ging sehr scharf gegen Stephenson vor. Er behauptete, daß

dieser ihm die Erfindung gestohlen habe. Tatsächlich muß der Ruhm, den

Bergleuten die so außerordentlich wichtige Sicherheitslampe geschenkt zu

haben, heute beiden Männern zugesprochen werden. Durch eine von den

Bergwerkbesitzern in Northumberland veranstaltete Sammlung erhielt

Stephenson damals 20 000 Mark ausgezahlt.

In langsamem, geduldigem Ausbau wurden indessen die zu Killingworth in

immer größerer Zahl arbeitenden Lokomotiven weiter entwickelt. Es hieß,

vielen Schwierigkeiten gegenüber das neue Zugmittel durchzusetzen, aber

Stephenson war doch allmählich so weit gekommen, daß an einen Ersatz der

Dampfwagen durch Pferde nicht mehr gedacht wurde. Die Lokomotiven hatten

sich bewährt, seit Jahren zogen sie in regelmäßiger Arbeit die

schwersten Lasten, und ihr Betrieb war auch schon billiger geworden als

der mit lebenden Zugkräften.

Merkwürdigerweise fanden diese so überaus wichtigen Vorgänge, die sich

in Killingworth vollzogen, an keiner anderen Stelle irgendeine

Beachtung. Die Grube war sehr abgelegen, keine der an der Entwicklung

des Verkehrslebens beteiligten Persönlichkeiten kam dorthin. In der

gleichen Zeit, als die englische Regierung Macadam für seine Erfindungen

auf dem Gebiet des Landstraßenbaus reiche Unterstützungen bis zur Höhe

von 40 000 Pfund Sterling zukommen ließ, blieb Stephenson ohne jede

Hilfe. Auch für die Kunst des Eisenbahnbaus treffen Schillers Worte über

die deutsche Kunst zu:

Sie ward nicht gepflegt vom Ruhme,

Sie entfaltete die Blume

Nicht am Strahl der Fürstengunst.

Selbst erschuf Stephenson ihr den Wert.

Erst sechs Jahre nach dem Beginn der Arbeiten in Killingworth bot sich

ihm wieder eine Gelegenheit zur Einrichtung einer Lokomotiveisenbahn.

Die Besitzer der Grube von Hetton in der Grafschaft Durham beriefen, als

ihnen die Anlage einer solchen wünschenswert erschien, zu Ingenieuren

Georg Stephenson und seinen Sohn Robert, der damals mit 17 Jahren seine

Ausbildung auf der Universität zu Edinburgh beendet hatte.

Alle Schienengeleise, die bis jetzt benutzt worden waren, hatten sich

den Wellenbewegungen des Geländes anpassen müssen. Es war noch nicht

lohnend erschienen, durch Kunstbauten ebene Strecken herzustellen. Auch

die Linie, welche die beiden Stephensons zu Hetton schufen, war noch

keine solche, wie sie heutigen Anschauungen entspricht. Streckenweise

wurde zwar die Bahn eingeebnet, dann aber waren wieder so starke

Steigungen eingeschaltet, daß keine von den fünf Lokomotiven, die für

die Hettoner Grube hergestellt wurden, imstande war, einen Zug

hinaufzuziehen. Es mußten vielmehr an fünf Stellen Seilaufzüge

vorgesehen werden, so daß die Bahn teilweise durch fahrende, teilweise

durch ortsfeste Dampfmaschinen bedient wurde, ein Zustand, der uns heute

fremdartig genug erscheint. Wenn der Zug auf der ebenen Strecke am Fuß

der Steigung angekommen war, wurde die Lokomotive abgekuppelt, das auf

dem Rücken des Hügels über eine Trommel gelegte Seil angeschlossen und

der Zug so hinaufgeschafft. Beim Hinabrollen auf der anderen Seite

pflegten gewöhnlich die beladenen Wagen leere Wagen hinaufzuziehen,

indem das Seil, welches die beiden auf zweigleisiger Bahn fahrenden Züge

verband, oben über die vom Antrieb losgekuppelte Seilscheibe geführt

wurde.

Bei dieser eigenartigen Anordnung war Gelegenheit, das Arbeiten der

fahrenden und der ortsfesten Maschinen auf Eisenbahnstrecken zu

vergleichen. Dies war besonders wichtig darum, weil zu jener Zeit

vielfach der Plan gehegt wurde, Züge auf Geleisen ganz durch Seilzug zu

befördern. Ja mehrere Strecken mit Anlagen solcher Art sind zur

Ausführung gelangt. In Hetton zeigte es sich, daß die Lokomotiven

vorteilhafter arbeiteten als die festen Maschinen, was sehr dazu

beitrug, den Gedanken der Lokomotiveisenbahn zu fördern.

Seltsamerweise ist man in unseren Tagen zu der genau entgegengesetzten

Anschauung gekommen. Ein Hauptantrieb für die Einrichtung elektrischer

Fernbahnstrecken ist der Umstand, daß auf so betriebenen Linien nicht

mehr viele hundert Feuer unter den einzelnen Lokomotivkesseln zu brennen

brauchen, sondern ein einziges großes Feuer in dem Kraftwerk genügt. Die

dort aufgestellten gewaltigen ortsfesten Maschinen vermögen die

Krafteinheit billiger zu liefern als die Lokomotiven. Freilich kann dies

nur unter Ausnutzung minderwertigen Brennstoffs, wie aschereicher

Braunkohle, geschehen, die für Lokomotivfeuerung nicht zu verwenden ist.

[Abbildung:

Aus Steiner: „Geschichte des Verkehrs“.

16. _Schiefe Ebene der Bahn Stockton-Darlington_

Zugförderung durch ortsfeste Dampfmaschine mit Seilzug]

Im Jahre 1821 genehmigte die englische Volksvertretung die Anlage eines

Schienengleises in dem bedeutenden Kohlenbezirk des nördlichen Englands,

dessen Mittelpunkt die Stadt Darlington ist. Es war bestimmt, die großen

in dem Bishop Auckland-Tal oberhalb Darlington gewonnenen Kohlenmengen

dem Verladeplatz Stockton in der Nähe der Mündung des Teesflusses in die

Nordsee zuzuführen. Dies war die erste Bahn, die wirklich fern

voneinander liegende Orte verbinden sollte. Trotzdem dürften die

Mitglieder des Unterhauses, als sie jene Genehmigung erteilten,

keineswegs geahnt haben, daß sie damit den Grundstein für eine

unabsehbare Entwicklung legten. Denn wenn man die etwas später gebaute

Bahn von Manchester nach Liverpool als die Wurzel der Eisenbahn

bezeichnet, so darf die Strecke Stockton-Darlington wohl das Samenkorn

genannt werden.

Zur Beförderung der Züge waren auch hier Pferde in Aussicht genommen.

Bevor jedoch der Bahnbau begann, erschien vor dem Leiter der

Gesellschaft, _Pease_, ein bescheidener Mann, der sich erbot,

Lokomotiven zur Herbeiführung eines weit vorteilhafteren Betriebs

herzustellen. Da Pease von dem Wirken Stephensons in Hetton bereits

gehört hatte, faßte er Vertrauen zu ihm. „Stephenson sah,“ so erzählte

Pease später, „so ehrlich, so verständig und zugleich so bescheiden

aus. Er sprach die stark northumbrische Mundart seiner Gegend und

erklärte bloß, daß er der Maschinenmacher von Killingworth sei.“ Zum

großen Erstaunen des Bahnleiters behauptete Stephenson, daß eine

Lokomotive ebensoviel zu leisten vermöge wie 50 Pferde. „Kommen Sie

einmal nach Killingworth,“ setzte er hinzu, „und überzeugen Sie sich von

den Leistungen meines ‚Blücher‘. Was das Auge sieht, das glaubt das

Herz, Herr.“

[Abbildung:

Nach einem Bild im Deutschen Museum zu München

17. _Stephensons Lokomotive „Locomotion“_

erbaut 1825 für die Bahn Stockton-Darlington; erste Anwendung der

Kuppelstange zur Verbindung der Treibräder]

Pease ging wirklich nach Killingworth, sah dort Stephensons Schaffen,

und dieser wurde alsbald zum Leiter des Baus der Linie zwischen Stockton

und Darlington berufen. Er schlug sofort eine bessere Führung der

Strecke vor, wodurch diese um 4-1/2 Kilometer kürzer wurde. Zur Anlegung

einer durchgehenden Ebene entschloß man sich aber auch hier noch nicht.

Es blieb vielmehr eine sehr erhebliche Steigung unmittelbar vor Stockton

bestehen, die von Lokomotiven nicht befahren werden konnte. Hier mußte

also wieder Seilzug durch eine feststehende Dampfmaschine angewendet

werden.

Da geeignete Werkstätten nicht vorhanden waren, bewog Stephenson, der

noch einen beträchtlichen Teil der für die Sicherheitslampe erhaltenen

Summe zur Verfügung hatte, Pease, mit ihm zusammen eine Lokomotivfabrik

zu gründen. Der Leiter der Stockton-Darlington-Bahn ging hierauf ein und

gab zu der Gründung gleichfalls einiges Geld her. So entstand die erste

Lokomotivfabrik auf der Erde. Sie wurde bei Newcastle am Tyne

angesiedelt und entwickelte sich zu einem gewaltigen Unternehmen, das

für die Lokomotiverzeugung schließlich dasselbe bedeutete, wie die

Fabrik von Watt & Boulton in Soho für die Herstellung der ortsfesten

Dampfmaschinen. Auch die Lokomotiven für die ersten deutschen Bahnen

sind aus Newcastle bezogen worden.

Zunächst wurden drei Lokomotiven gebaut. Eine von diesen war die berühmt

gewordene und bis heute erhaltene „Locomotion“, eine immer noch recht

schwerfällige Maschine mit stehenden, in den Kessel hineingebauten

Zylindern und schwieriger Übertragungseinrichtung durch lange

Schubstangen. Aber hier wendete Stephenson zum erstenmal einen neuen

Bauteil an, der bis heute unverändert im Eisenbahnbetrieb gebraucht

wird. Es waren nämlich an der „Locomotion“ die beiden Räder auf jeder

Seite durch je eine Kuppelstange miteinander verbunden. Damit war

Trevithicks erste Achskupplung mittels Zahnrädern durch eine wirklich

brauchbare Anordnung ersetzt. Ohne Kuppelstange ist die heutige

Lokomotive nicht denkbar.

Am 27. September 1825 beförderte die Lokomotive „Active“ zum erstenmal

einen Zug über die Strecke. Er mußte zunächst von der ortsfesten

Maschine auf den Hügel hinaufgezogen und auf der anderen Seite wieder

hinuntergelassen werden. Dann erst legte sich die Lokomotive davor.

Trotzdem ist der Eröffnungstag der Linie Stockton-Darlington für die

Kulturgeschichte von höchster Wichtigkeit. Denn in die Wagen des Zugs

waren nicht nur Güter geladen, sondern es befanden sich auch Menschen

darin. Die Strecke Stockton-Darlington ist die erste, wenn auch noch

recht unbedeutende Eisenbahnlinie, die für den öffentlichen Verkehr

freigegeben war und auch Personen befördern durfte.

Der erste Zug bestand aus 12 mit Kohle und Mehl beladenen Güterwagen,

einem Wagen für den Vorstand der Eisenbahngesellschaft und 21 mit Sitzen

ausgestatteten Fahrzeugen für die Gäste. Diese Wagen sahen seltsam genug

aus. Denn man hatte, soweit nicht die Kohlenkarren auch zur

Menschenbeförderung benutzt wurden, einfach die Kutschaufbauten von

Postwagen heruntergenommen und sie auf Untergestelle gesetzt, die für

die Eisenbahn einigermaßen geeignet waren. Im ganzen waren also an die

Lokomotive 34 Wagen gehängt, in denen sich 450 Personen befanden.

Eine ungeheure Menschenmenge hatte sich eingefunden, um die erste Fahrt

mit anzusehen. Viele waren gekommen, weil sie fühlten, daß hier ein

wichtiges Ereignis vor sich ginge, manche hatte aber auch die Hoffnung

hingeführt, die „Reisemaschine“, wie man damals die Lokomotive nannte,

in die Luft fliegen zu sehen. Eine Zeitung berichtete über das

außerordentliche Ereignis in folgender Weise:

„Nachdem das Signal gegeben war, setzte sich die Maschine samt dem

ungeheuren Wagenzug in Bewegung. Die Geschwindigkeit war so groß, daß

stellenweise zwölf Meilen (die englische Meile ist gleich 1,6

Kilometern) in der Stunde zurückgelegt wurden. Die Last betrug, da die

Anzahl der mitfahrenden Personen sich auf 450 belief, mit Einrechnung

der Wagen, Kohlen und anderen beförderten Waren, nahezu 90 Tonnen. Mit

dieser ihrer Last langte die Maschine nach 65 Minuten in Darlington an.

„Jetzt wurden die sechs mit Kohlen beladenen Wagen zurückgelassen, da

sie für Darlington bestimmt waren. Nachdem man neuen Wasservorrat ein-

und eine Anzahl Reisender, sowie eine Musikkapelle aufgenommen hatte,

setzte sich die Maschine abermals in Bewegung und erreichte das zwölf

Meilen entfernte Stockton in drei Stunden und sieben Minuten, wobei die

Zeit mit eingerechnet ist, die man unterwegs zu Aufenthalten brauchte.

In dem Augenblick als der Zug Stockton erreichte, beförderte er 600

Personen. So viele saßen in den Wagen oder hatten sich daran angehängt.“

Der Berichterstatter setzt hinzu: „Groß war das Aufsehen und das

Staunen, das die Ankunft des Zugs in Stockton erregte.“

Der Erfolg der Bahn war sehr zufriedenstellend. Zwar hob sich der

Personenverkehr nur recht langsam, weil die meisten Leute Angst hatten,

sich dem gefährlichen Beförderungsmittel anzuvertrauen, aber an Gütern

hatte man schon nach einigen Jahren statt der angenommenen 10 000 Tonnen

500 000 Tonnen zu befördern.

Man muß sich jedoch den Betrieb dieser ersten öffentlichen Eisenbahn

nicht so vorstellen, wie wir ihn heute gewöhnt sind. Es wurden darauf

durchaus nicht alle Züge durch Lokomotiven befördert, sondern zahlreiche

von Pferden gezogene Wagen liefen dazwischen. Denn wie schon im 1.

Abschnitt angedeutet wurde, war der Schienenweg öffentlich und für

jeden Unternehmer zugänglich, der die wenigen ihm von der Gesellschaft

hierfür auferlegten Bedingungen erfüllte. Die Züge mit Lokomotiven

hatten nur insoweit ein Vorrecht vor den mit Pferden bespannten, als sie

nicht in das Ausweichgleis hineinzufahren brauchten. Das mußten vielmehr

die anderen tun.

Der Personenverkehr bevorzugte unverkennbar den Pferdebetrieb. Im

Auftrag der Bahngesellschaft baute Stephenson damals den ersten

eigentlichen Eisenbahnpersonenwagen. Dieser hatte auf jeder Längsseite

eine Bank, ein langer Tisch aus Tannenholz stand in der Mitte. Der Wagen

erhielt den Namen „Experiment“, und die Gesellschaft ließ darauf ihr

Wappen und ihren Wahlspruch malen ~„Periculum privatum, utilitas

publica“~ („Die Gefahr trifft nur den Einzelnen, die Allgemeinheit hat

den Nutzen.“)

Der Wagen „Experiment“, der beschämenderweise stets mit Pferdevorspann

fuhr, wirkte belebend auf den Personenverkehr. Ein Zeitgenosse schreibt

darüber: „Die Leute drängen sich in den Wagen; oft sind ihrer so viele,

daß man, wenn sie aussteigen, wahrhaftig glaubt, es gehe eine kleine

Kirchengemeinde auseinander.“ Mehrere Gastwirte in Stockton und

Darlington nutzten dies aus, indem sie ebenfalls Personenwagen bauen und

diese von Pferden auf der Bahn ziehen ließen.

Auch der Anfang der Beleuchtung von Eisenbahnwagen ist hier bereits zu

beobachten. Ein gewisser Dickson, der den Wagen „Experiment“ öfter als

Kutscher zwischen Darlington und Shildon hin und her fuhr, empfand es

als Mangel, daß an finsteren Winterabenden die Fahrgäste im Dunkeln

sitzen mußten. Er kaufte deshalb öfter ein Groschenlicht und klebte es

auf die Tischplatte im Innern des Wagens. Aus dieser einfachen Kerze

heraus hat sich unsere heutige blendende Zugbeleuchtung entwickelt.

An den ersten von ihr gebauten Lokomotiven erlebte die Fabrik in

Newcastle nicht ausschließlich freudige Stunden. Es war sehr viel an den

Maschinen auszusetzen. Und das konnte gar nicht anders sein, da sie, wie

wir heute wissen, von einer wirklich brauchbaren Bauart doch noch recht

weit entfernt waren. Darum tauchte auch bei der Leitung der

Bahngesellschaft immer wieder der Plan auf, die Dampfwagen abzuschaffen

und den Betrieb ganz mit Pferden durchführen zu lassen.

[Abbildung:

Aus Steiner: „Geschichte des Verkehrs“.

18. _Eröffnungszug der Eisenbahn Stockton-Darlington_,

die als erste einen regelmäßigen Personenverkehr aufnahm]

Trotz dieser und noch manch anderer Ärgernisse aber war Georg Stephenson

von der großen Zukunft, die der Lokomotiveisenbahn bevorstand, fest

überzeugt. Schon während des Bahnbaus hatte er einmal bei einer Flasche

Wein zu seinen Mitarbeitern folgendes gesprochen: „Jungens, ich glaube,

ihr werdet, wenn auch ich selbst nicht so lange leben werde, noch den

Tag sehen, wo alle Postkutschen auf den Schienen fahren und die

Eisenbahn die Hochstraße für Könige und Untertanen sein wird. Die Zeit

wird kommen, wo man billiger mit den Dampfwagen als zu Fuß reisen kann.

Ich weiß wohl, daß man fast unüberwindlichen Hindernissen begegnen wird,

doch, was ich gesagt habe, wird kommen, so wahr ich lebe! Mein höchster

Wunsch ist, jenen Tag zu erblicken, obgleich ich dies nicht hoffen darf,

denn ich weiß, wie langsam alle menschlichen Fortschritte sich

vollziehen und mit welchen Schwierigkeiten ich selbst zu kämpfen hatte,

bis ich es dahin brachte, daß meine Lokomotiven trotz ihres mehr als

zehnjährigen Erfolgs in Killingworth weiter benutzt wurden.“

Die Voraussage Stephensons sollte in weit großartigerer Weise in

Erfüllung gehen, als er sich es vorzustellen wagte.

Schon die Bahn Stockton-Darlington offenbarte die außerordentliche

Einwirkung eines raschen Beförderungsmittels auf die Erzeugnisse eines

Landstrichs. Der Kohle aus dem Darlingtoner Bezirk wurden plötzlich ganz

neue Märkte erschlossen. Die Förderung in den Gruben konnte bald in

stärkster Weise erhöht werden. Sogar eine neue Stadt ließ diese erste

Eisenbahn am Teesfluß entstehen. Wo jetzt Middlesborough liegt, stand im

Jahre 1825 nur ein einzelnes Bauernhaus. Ringsumher war nichts als

Weideland und Sumpf. Pease kaufte mit einigen Freunden einen größeren

Landbezirk in der Nähe an. Es entwickelte sich hier im Anschluß an die

Eisenbahn ein lebhafter Hafenverkehr, und nach zehn Jahren wohnten

bereits 6000 Menschen in Middlesborough, das heute eine blühende

Mittelstadt ist.

Ermutigt durch diese Erfolge ging Stephenson mit höchstem Eifer an die

Arbeit, als ihm nun Gelegenheit geboten wurde, einen bedeutend größeren

und wichtigeren Eisenbahnbau auszuführen.

4. „Das größte Wunderwerk unserer Zeit“

Durch die Erfindung des mechanischen Webstuhls war die Erzeugung von

Baumwollstoffen insbesondere in Manchester und dessen Umgebung zu einem

Gewerbebetrieb von ungeahnter Größe emporgewachsen. Die Rohbaumwolle,

die hierzu in großen Massen gebraucht wurde, kam über See in der

Hafenstadt Liverpool an, war von dort nach Manchester zu bringen, und

die fertigen Waren mußten in ähnlicher Fülle über den umgekehrten Weg

befördert werden. So war zwischen den beiden Städten, die, nach Weber,

einander wie Mund und Magen bedingten, ein Verkehr von bis dahin noch

nicht bekannter Lebhaftigkeit entstanden.

In der Hauptsache vollzog er sich auf den Wasserstraßen, dem Mersey-,

dem Irwellfluß und dem anschließenden Bridgewaterkanal. Aber diese Wege

waren schließlich nicht im entferntesten mehr imstande, das zu leisten,

was man von ihnen forderte. Nur langsam konnten die Schiffe hin und

wieder fahren, der Winter brachte lang dauernde Einstellungen der

Schiffahrt, und außerdem sorgte die auf ihre Alleinherrschaft pochende

Kanalverwaltung durch schwere Nachlässigkeiten dafür, daß eine glatte

Abwicklung des Verkehrs nicht möglich war. Waren, die in 21 Tagen von

Amerika über den Ozean in Liverpool ankamen, brauchten oft längere Zeit,

um von dort aus Manchester zu erreichen.

Die Zustände wurden allmählich so arg, daß unbedingt Abhilfe geschaffen

werden mußte. Man beschloß die Anlage eines Schienengleises zwischen den

beiden Städten.

Bereits im Jahre 1821 begann man mit den Vermessungen. Das war für die

Leute, die in jener Gegend wohnten, das Zeichen zu heftigstem

Widerstand. Merkwürdigerweise fürchteten sie, daß ihr Wohlstand durch

die Führung der Bahn über ihre Äcker schweren Schaden erleiden könnte.

Es entstand ein richtiger Kampf mit den Landmessern. Smiles erzählt, daß

zu Newton-in-the-Willow ein Richter namens Bourne seinen Leuten befohlen

hatte, ständig aufzupassen, um die unglückseligen Männer, die mit den

Abmessungen betraut waren, zu verjagen, wo immer sie sich auf den

Feldern blicken ließen. Die Pächter und Tagelöhner leisteten dem willig

Folge. Sie stellten sich auf den Feldern mit Gabeln, oft sogar mit

Flinten bewaffnet auf, um die Eindringlinge zu vertreiben. Zu St. Helens

wurde einer der Unglücklichen, welche die Meßketten zu tragen hatten,

von einem Haufen Kohlengräber umringt und damit bedroht, daß man ihn in

eine Kohlengrube hinabstürzen würde, wenn er sich wieder blicken ließe.

Weiber und Kinder verfolgten überall die Landmesser und überhäuften sie

mit Schimpfworten.

Die größte Wut erweckte indessen derjenige unter den Beauftragten, der

das Meßfernrohr selbst zu tragen hatte. Man nahm daher einen besonders

kräftigen Burschen, einen berüchtigten Boxer, für diesen Dienst an. Aber

bald trat ihm ein baumstarker Kerl, der gefürchtetste Raufbold der

ganzen Gegend, entgegen. Er wollte ihm durchaus das Meßfernrohr

entreißen. Es kam zu einem richtigen Boxkampf, wobei der Raufbold den

kürzeren zog. Doch das versammelte Landvolk wurde dadurch nur noch mehr

zur Wut angestachelt. Es hagelte Steine, bis das Meßgerät zerschlagen

war. So waren die Vermesser oft gezwungen, die Nacht zu Hilfe zu nehmen,

und es wird erzählt, daß sie zur Ausführung ihrer Arbeiten in einem Dorf

gern die Zeit benutzten, in der die Bewohner in der Kirche weilten, wo

der Geistliche in heftigsten Ausdrücken gegen ihr Vorhaben predigte.

Unter solchen Umständen konnten die Vermessungen nur recht unvollkommen

vorgenommen werden, was sich später bitter rächen sollte.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 5 / 60 段