In Peru begannen damals die Silber- und Goldbergwerke, ebenso wie einst

die Kohlengruben in England, bei tieferem Absenken der Schächte unter

dem eindringenden Wasser zu leiden. Gewöhnliche Wattsche Dampfmaschinen

vermochten hier keine Abhilfe zu schaffen, da deren allzu schwere Teile

nicht bis in die fast unzugänglichen Gebirgsgegenden gebracht werden

konnten. Ein Schweizer, namens Charles Urville, wurde nach England

gesandt, um sich dort umzusehen, ob es nicht irgendeine Maschinenbauart

gäbe, die aus der Not zu retten vermöchte. Der Abgesandte war schon im

Begriff, unverrichteter Sache wieder abzureisen, als er in dem

Schaufenster eines Maschinenhändlers in London zufällig eine der

kleinen, kräftigen Hochdruckmaschinen Trevithicks sah. Sofort bestellte

er eine Anzahl von ihnen, und einige Zeit darauf erging aus Peru ein Ruf

an Trevithick, selbst dorthin zu kommen, um die Maschinen in Tätigkeit

zu setzen. Als sein Schiff im Februar 1817 in Callao einlief, wurde er

mit königlichen Ehren empfangen. Ein Einkommen von 100 000 Pfund

Sterling jährlich wurde ihm zugesichert, und es sollte eine Bildsäule

von ihm, als dem Retter des Lands, in Silber aufgerichtet werden.

[Abbildung:

Nach einem Modell im Deutschen Museum zu München.

11. _Eine Verirrung des Lokomotivbaus_

Blenkinsops Zahnrad-Lokomotive für ebene Strecken]

Doch nur allzu rasch ward Trevithicks Lebenssonne abermals verfinstert.

Ein Krieg brach aus, durch den die Spanier aus Peru vertrieben werden

sollten. Trevithick, der den eindringenden Truppen Unterstützung

geliehen hatte, geriet in die größte Gefahr, von den spanischen

Soldaten, als sie die Bergwerksgegend besetzten, gefangengenommen und

ermordet zu werden. Nur eilige Flucht konnte ihn retten. Kein anderer

Weg blieb übrig, als sich zu Fuß durch das Innere Südamerikas nach

Panama durchzuschlagen. Nur in Begleitung eines treuen Manns begann

Trevithick das Wagnis, und es gelang ihm nach unendlichen Gefahren

wirklich, den Hafen von Cartagena am Golf von Darien zu erreichen. Zwei

silberne Sporen waren sein ganzer Besitz, als er dort eintraf.

Zur gleichen Zeit mit Trevithick langte ein anderer Engländer in

Cartagena an. Es war Robert Stephenson, der Sohn Georgs, der mit nicht

geringer Verwunderung in dem abenteuernden, von allen Mitteln entblößten

Mann den viel verehrten Trevithick erkannte.

Sofort nahm der junge Stephenson sich seines Landsmanns an und ließ ihn

auf seinem Schiff mitfahren. Doch als ob der Unglücksfälle noch nicht

genug gewesen wären, scheiterte das Fahrzeug an der Südspitze von

Florida; nur mit Mühe retteten die Reisenden das nackte Leben. Wie

Trevithick das ihm bestimmte Schicksal beurteilte, zeigt am besten sein

auf dieses Begebnis bezüglicher Ausspruch: „Wäre ich nicht an Bord von

Stephensons Schiff gewesen, wäre es nicht gescheitert, und wäre er nicht

mit mir an Bord gewesen, so wäre ich ertrunken.“

Ende des Jahres 1827 war Trevithick wieder in England. Arm und elend kam

er dort an: ein gebrochener Mann. Als das große Ereignis der

Lokomotivwettfahrt zu Rainhill stattfand, war er noch am Leben. Doch

zeigte er in keiner Weise mehr eine Teilnahme. 1833 starb Trevithick in

einem kleinen Gasthof, und er wäre im Armensarg begraben worden, wenn

nicht die Werkstattbesitzer und Arbeiter der Umgegend sich seines einst

großen Namens erinnert und für ihn gesammelt hätten.

Das mißgünstige Schicksal, welches über Trevithicks Schaffen sein ganzes

Leben hindurch geschwebt hatte, beeinträchtigte auch die Wirkung seiner

Arbeiten auf die Zeitgenossen so sehr, daß sie bald gar nicht mehr

beachtet wurden.

Die Vergessenheit, der die wichtige Wirkung des Blasrohrs schnell

anheimfiel, wurde schon erwähnt. Aber viel schlimmer war, daß man auch

bald von den Leistungen der Lokomotive auf glatten Schienen nichts mehr

wußte. Schon wenige Jahre, nachdem Trevithick in London den Eingang zu

seiner Rundbahn verschlossen hatte, glaubte man allgemein, daß die

Anhaftung der Räder auf den Schienen allein nicht genüge, um die

Lokomotive zum Ziehen schwerer Lasten zu befähigen.

Dieser sehr merkwürdige Rückschlag, welcher die Entwicklung der

Eisenbahn jahrelang aufgehalten hat, ist vielleicht dadurch zu erklären,

daß die letzten Lokomotiven Trevithicks aus Furcht vor der geringen

Haltbarkeit der Schienen zu leicht gewesen waren, um einen genügenden

Anhaftungsdruck auszuüben. So war es auch hier der unglückliche Mann

wiederum selbst, der sein Lebenswerk beeinträchtigte.

Im Jahre 1811 baute _Blenkinsop_ eine Bahn zwischen Leeds und Middleton,

bei der er eine Zahnstange neben die Fahrschienen legte. Von den

Kolbenstangen der beiden in den Kessel eingebauten Zylinder aus wurde

durch zwei Schubstangen eine unter dem Kessel liegende Kurbelwelle

gedreht, auf die ein großes Zahnrad gesetzt war. Dieses griff in die

seitlich verlegte Zahnstange ein und zog so die Maschine vorwärts,

während die anderen Räder nur zum Tragen dienten. Die Maschine ist lange

Zeit in Betrieb gewesen.

Im folgenden Jahr führten die Brüder _Chapman_ eine Anlage aus, bei der

eine Kette zwischen die Schienen gelegt war. Sie wurde über eine

Windetrommel an der Lokomotive geführt und bildete so eine

Zugvorrichtung, wie sie noch heute in gleicher Weise bei der

Kettenschiffahrt auf Binnenwasserstraßen angewendet wird.

[Abbildung:

Aus Steiner: „Geschichte des Verkehrs“.

12. _Die „fußbewegende“ Lokomotive_

Bruntons Maschine mit Stemmhebeln zur Unterstützung der vermeintlich

zu geringen Anhaftung auf den Schienen]

[Abbildung:

Nach dem Urstück im Königlichen Kunstgewerbe-Museum zu Berlin.

13. _Gußeisernes Bild der ersten deutschen Lokomotive_

Neujahrskarte der Königlichen Eisengießerei in Berlin mit der

Darstellung der ersten, 1815 in Deutschland erbauten Lokomotive]

Ganz besonders seltsam war der Behelf, auf den Thomas _Brunton_ verfiel.

Seine Lokomotive besaß zwei lange, hinter dem Kessel angebrachte

Hebelstangen mit Platten, die bis auf den Boden reichten. Durch mehrere

Gelenke konnten diese Hebelstangen gerade so wie Beine bewegt werden,

und sie hatten tatsächlich die Aufgabe, auf dem Boden zu schreiten und

die Maschine auf diese Weise vorwärts zu drücken. Als „fußbewegende

Maschine“ erlangte dieses seltsame Gebilde seinerzeit eine große

Berühmtheit. Selbstverständlich konnte diese „Rückkehr zur Natur“ nicht

von dauernder Wirkung sein.

Auch nach Deutschland griff die eigenartige Verirrung hinüber.

Man glaubt größtenteils, daß die erste Lokomotive, die in Deutschland

gefahren ist, jene „Der Adler“ genannte Maschine gewesen sei, die im

Jahre 1835 den ersten Eisenbahnzug von Nürnberg nach Fürth zog. Aber das

ist ein Irrtum. Denn schon 1816 ist eine Lokomotive in Deutschland

gelaufen. Sie war kein englisches, sondern ein deutsches Erzeugnis, ein

Berliner Kind. Von ihrer englischen Kameradin, die 22 Jahre lang in

Betrieb war, unterschied sie sich freilich in beträchtlichem Maß

dadurch, daß sie niemals einen Zug in Bewegung gesetzt hat. Bald nach

den ersten Versuchen mit Dampflokomotiven auf Eisenbahngeleisen, die

sehr lebhaftes Aufsehen erregten, sandte die preußische

Bergbauverwaltung zwei Beamte, _Eckardt_ und den Inspektor der Berliner

Eisengießerei Friedrich _Krigar_ nach England, wo sie die Anwendung der

Dampfkraft für den Verkehr sich anschauen sollten. Sie führten ihren

Auftrag so gründlich aus, daß Krigar nach seiner Rückkehr mit dem Bau

einer Lokomotive beauftragt werden konnte, die auf der Königshütte in

Oberschlesien zum Kohlenschleppen verwendet werden sollte.

Anfang Juni 1816 war das technische Wundertier fertig und begann in

Berlin Probe- und Schaufahrten. Nach Angabe von Feldhaus meldeten die

„Berliner Nachrichten“ vom 16. Juni, daß der „Dampfwagen“ täglich

vormittags von 9 bis 12 Uhr und nachmittags von 3 bis 8 Uhr gegen

Eintrittsgeld von vier Groschen vorgeführt würde. Am 9. Juli berichtete

die „Vossische Zeitung“: „In der Eisengießerei ist auch seit einiger

Zeit der neu erfundene Dampfwagen zu sehen, der sich in eigenem Geleise

ohne Pferde und mit eigener Kraft dergestalt fortbewegt, daß er eine

angehängte Last von 50 Zentnern zu ziehen imstande ist.“ Die Fahrten

geschahen hier auf einer Rundbahn, und man kann sich wohl denken, welch

ein Erstaunen das fauchende und feuerspeiende Gebilde bei den Berlinern

hervorgerufen hat.

Es waren die einzigen glorreichen Tage dieser ersten deutschen

Lokomotive. Denn als sie in Schlesien anlangte, stellte sich heraus, daß

die Spurweite der Räder nicht zu den Geleisen in der Königshütte paßte.

Man konnte die Maschine also nicht in Betrieb nehmen. Alsbald ist sie

verschollen. Niemals konnte festgestellt werden, ob sie vielleicht

irgendwo in einem rußigen Winkel als ortsfeste Maschine ein trübseliges

Dasein gefristet hat.

Infolge des eigenen Unsterns, der über dieser Lokomotive schwebte, wäre

uns auch beinahe jede Kunde über ihre äußere Gestalt verloren gegangen.

Denn in dem politisch so unruhigen Jahr 1848 machten die Arbeiter einen

Angriff auf die Königliche Eisengießerei. Ein Teil der Gebäude ging in

Flammen auf, und dabei verbrannten fast alle Zeichnungen zu der

denkwürdigen Lokomotive. Was erhalten blieb, würde ganz ungenügend sein,

um uns ein Bild von der Maschine zu geben, wenn nicht die Eisengießerei

die schöne Sitte gehabt hätte, am Neujahrstag höchst eigenartige und

sehr haltbare Glückwunschkarten auszugeben. Diese waren aus Eisen sehr

sauber gegossen und zeigten in erhabener Arbeit die Bilder der

wichtigsten Erzeugnisse aus dem abgelaufenen Jahr. Auf der Gußkarte von

1816 hat ganz links unten unsere kurzlebige Lokomotive eine dauerhafte

Wiedergabe gefunden. Man sieht deutlich das zwischen den Laufrädern

angebrachte Zahnrad. Die Ähnlichkeit mit Blenkinsops Maschine ist sehr

groß.

[Abbildung: 14. _Lokomotive „Puffing Billy“_

erbaut 1813 von Hedley zu Wylam in England]

In England aber begann man schon im Jahre 1813 zur glatten Schiene

zurückzukehren. _Hedley_ hatte sich durch eigene Versuche von neuem von

der genügenden Kraft der Anhaftung überzeugt. Seine Lokomotive „Puffing

Billy“, die im gleichen Jahr in Betrieb kam, ist wieder frei von allem

ziehenden oder schiebenden Beiwerk. Trotz der höchst verwickelten

Antriebseinrichtung, die sie mit ihren Balanziers und Zahnradvorgelegen

besitzt, bedeutet sie doch einen wichtigen Fortschritt in der

Entwicklung der Eisenbahn. Auch sie besaß ein im Kessel hin und zurück

gehendes Flammrohr; es liegen also auch bei ihr Schornstein und Feuerung

auf derselben Seite. Die Maschine ist bis zum Jahre 1862 in Betrieb

gewesen und wurde dann im Kensington-Museum in London aufgestellt, wo

sie heute noch zu sehen ist.

1906 ließ der Verein deutscher Eisenbahnverwaltungen in der

Zentralwerkstätte der bayerischen Staatseisenbahnen eine Nachbildung des

„Puffing Billy“ anfertigen, um diese dem „Deutschen Museum von

Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik“ in München zum Geschenk

zu machen. Bevor die Lokomotive im Museum aufgestellt wurde, ist sie

geheizt und auf einer Strecke ausgeprobt worden. Sie hat damals die über

Hedleys ursprüngliche Maschine berichteten Leistungen tatsächlich

vollbracht.

3. Der Meister

Als alle diese bald fördernden, bald zurückhaltenden Begebnisse sich

zutrugen, war schon längst der Mann am Leben, der mit gewaltiger Hand

das Schaffen so vieler Geister zusammenfassen, das mit so vieler Mühe

errichtete Gebäude endlich unter Dach bringen sollte.

Viele kleine und größere Sterne hatten bereits am Himmel der

Schienenwelt geleuchtet. Aber erst mit _Georg Stephenson_ geht die Sonne

im Eisenbahnland auf.

Als die Großtat Stephensons wird zwar im allgemeinen der Bau einer

bestimmten, hervorragend wirkungskräftigen Lokomotive bezeichnet. Aber

diese Leistung umfaßt doch bei weitem nicht seine gesamte Wirksamkeit.

Georg Stephenson war viel mehr als ein tüchtiger Lokomotivbauer -- er

ist der erste wirkliche Eisenbahningenieur.

Vor seinem geistigen Auge entstand zum erstenmal das Bild des

Eisenbahnverkehrs in seiner Gesamtheit. Er sah zu einer Zeit, als alle

anderen nur ein Herumstümpern auf den Schienen wahrnahmen, die Millionen

rollender Räder auf dem Eisenpfad, die Rauchfahnen der Lokomotiven durch

alle Länder ziehen, die rumpelnden Kutschen und Frachtwagen von einem

neuen Verkehrsmittel endgültig abgelöst. Es ist das keine bloße Annahme;

Stephenson selbst hat dieses treffende Vorausschauen selbst in einer

Rede bestätigt, die er zu einer Zeit hielt, als noch nicht einmal der

erste Fahrgast von einem Lokomotivzug über ein Gleis gezogen worden war.

Dieser große, umfassende Geist begnügte sich nicht mit dem Bau von

Lokomotiven. Er beschäftigte sich auch mit der Ausbildung der Geleise,

er erkannte die Notwendigkeit der ebenen Bahnstrecke und brachte die

zögernden Zeitgenossen durch die Kraft seiner Persönlichkeit zum

erstenmal dazu, mit gewaltigen Kosten einen großen, neigungslosen

Schienenweg über Fluß und Moor hinweg, über Täler und durch Hügel

hindurch anzulegen. Er bemühte sich, die physikalischen Gesetze, die im

Eisenbahnbetrieb zur Anwendung kommen, zu durchforschen und ist so zum

Begründer auch der Wissenschaft von der Eisenbahn geworden; durch ihn

ist die Eisenbahnkunde für immer aus dem Urzustand herausgehoben worden,

in dem sie nur von der rohen Erfahrung lernte.

Georg Stephenson wurde am 9. Juni 1781 zu Wylam bei Newcastle am Tyne in

dem englischen Landesteil Northumberland geboren. Er wuchs inmitten

dieser Kohlenkammer Nordenglands auf. Seine Umgebung bestand fast

ausschließlich aus Arbeitern, die in den benachbarten Gruben beschäftigt

waren. Der Vater Robert, genannt „der alte Bob“, war Heizer an der

Pumpeinrichtung des Bergwerks zu Wylam. Er ist sein Leben lang über

diese Stellung nicht hinausgekommen. Der kleine Georg hatte noch fünf

Geschwister, und es fiel dem Vater äußerst schwer, nur den nackten

Unterhalt für die vielköpfige Familie zu verdienen. Daher konnte er

nicht daran denken, seine Kinder in die Schule zu schicken, und so kam

es, daß der weltberühmte Erfinder noch als Jüngling weder lesen noch

schreiben konnte.

Mit dem Verkehr kam der junge Stephenson schon früh in Berührung. Sein

Geburtshaus, genannt das „Haus an der Landstraße“, lag an dem alten

Postweg zwischen Newcastle und Hexham, der von Kutschen und Reitern

lebhaft benutzt wurde. Auch die schon erwähnte Kohlenbahn, für die

Trevithick eine Lokomotive gebaut hatte, führte in nächster Nähe

vorüber. Als Georg mit acht Jahren als erste Aufgabe seines Lebens die

Pflicht übernahm, die Herde einer Witwe zu hüten, war es seine

Hauptaufgabe, die Kühe von dem Betreten der Geleise abzuhalten. Man

zahlte ihm für diese Tätigkeit 18 Pfennig täglich.

[Abbildung: 15. _Georg Stephenson_]

Später verrichtete der Knabe als Kohlenausleser die niedersten Dienste

auf der Wylamer Grube. Der Vater gesellte ihn sich dann als Hilfsheizer

bei.

Wie Trevithick fühlte auch Stephenson sich schon in ganz jungen Jahren

von den Maschinen lebhaft angezogen. Die Herstellung kleiner Modelle aus

Lehm und Schilfrohr war sein liebstes Spiel, das Winken der eisernen

Balanzier-Arme, das Zischen des Dampfs in den großen Maschinen lockte

ihn unwiderstehlich zu bewundernder Betrachtung.

Durch mancherlei Hilfsleistungen, mit denen er den Wärtern beigesprungen

war, gelang es ihm denn auch, mit 17 Jahren von dem niedrigen

Kesseldienst fortzukommen und zum Maschinenburschen aufzusteigen. Als

solcher hatte er die Pflicht, die Maschinen zu beaufsichtigen und rasch

einen Ingenieur herbeizurufen, wenn etwas daran nicht in Ordnung war.

Der junge Bursche nahm sofort jede Gelegenheit wahr, die Maschinen genau

kennenzulernen, er überlegte sich, was notwendig wäre, um sie in

regelmäßigem Lauf zu erhalten. Bald konnte er selbst beispringen, wenn

irgend etwas auszubessern war, so daß man ihm erlaubte, solche Arbeiten

auszuführen, ohne daß einer der leitenden Männer zugegen war.

Seine Hauptbeschäftigung aber war, am Schacht zu Water-Row den großen

Aufzug zu bewachen und zu bedienen. Da die Kohlengefäße nur in größeren

Abständen hinauf- und hinabgingen, so hatte Stephenson hier viele

längere Ruhepausen. Er benutzte sie, um den Arbeitern die Schuhe

auszuflicken und fertigte fleißig auch mancherlei Näharbeit an. Das

Geld, das er auf diese Weise verdiente, setzte ihn in den Stand, eine

Abendschule zu besuchen, wo er sich nun notdürftig die ersten Kenntnisse

im Lesen und Schreiben verschaffte. Wie stolz war er, als er mit 19

Jahren seinen Namen schreiben konnte. Er kaufte jetzt ein paar Bücher

und begann, sich ein wenig Bildung anzueignen.

Trotz seiner ärmlichen Verhältnisse, und weil er damals wohl glaubte,

daß es ihm niemals sehr viel besser gehen würde, ging Stephenson bereits

1802 an die Gründung eines Hausstands. Er heiratete ein Dienstmädchen

aus einem benachbarten Bauerndorf, Fanny Henderson mit Namen. Im

folgenden Jahr wurde dem Paar ein Sohn geboren, der einer der größten

Ingenieure Englands werden sollte. _Robert Stephenson_ hat an dem großen

Eisenbahnwerk seines Vaters mitgeschafft, es fortgesetzt und hat neben

vielen anderen sehr bedeutenden Leistungen die für die damalige Zeit

großartigsten und kühnsten Brückenbauten geschaffen.

Der Vater tat alles, um seinen Sohn Robert vor den Kümmernissen zu

bewahren, die er selbst infolge seiner mangelnden Schulbildung hatte

durchmachen müssen. Schon nach zweijähriger Ehe starb ihm die Gattin,

und er zog nun nach Killingworth, wo er als einfacher Maschinenwärter

Dienste nahm. Aber hier sollte endlich ein wenig Helligkeit in sein

trübes Dasein kommen.

Auf der Grube war eine sehr große Pumpmaschine aufgestellt worden, die

aber, als sie fertig war, die in sie gesetzten Erwartungen nicht

erfüllte. Es war unmöglich, sie in regelmäßigen Gang zu bringen.

Zahlreiche Ingenieure hatten sich vergeblich darum bemüht. Da erbot der

einfache Maschinenwärter Stephenson sich dazu, die Pumpe herzurichten.

Man vertraute ihm das Werk an, weil man der Meinung war, daß an der

Maschine doch nichts mehr zu verderben sei. Aber siehe da, schon nach

vier Tagen lief die Pumpe wirklich, und da sie dauernd in Betrieb blieb,

war den Grubenbesitzern eine große, bereits verloren gegebene Summe

erhalten geblieben. Kein Wunder, daß sie den Retter in der Not reich

belohnten und ihn zum Maschinenmeister aufsteigen ließen.

Stephenson erhielt nun häufig Aufträge zur Instandsetzung von

Pumpwerken, und so war er bald in der Lage, seinen Sohn Robert fortab

auf eine höhere Schule zu schicken. Rasch hatte dieser den Bezirk

erreicht, bis zu dem das Wissen seines Vaters reichte. Es ist rührend,

sich vorzustellen, wie nun Vater und Sohn allabendlich zusammensaßen, um

gemeinschaftlich zu lernen und in gleicher Weise sich fortzubilden.

Robert hat später die Universität in Edinburgh besucht, während der

Vater immer sein eigener Lehrer geblieben ist.

Jene Rettungsarbeit an der widerspenstigen Pumpe ist als ein Wendepunkt

im Leben des späteren großen Eisenbahnbauers zu bezeichnen. Der Vorgang

ist zugleich ein treffender Beweis für die innere Unwahrheit der so

häufig aufgestellten Behauptung, daß der Mensch, um etwas zu leisten,

nicht nur Begabung, sondern auch Glück nötig habe. Dem ist nicht so. Das

Glück hilft nicht der genialen Begabung, sondern diese zwingt das Glück

herbei. Gewiß war es ein „Zufall“, daß die Ingenieure in Killingworth

die große Pumpe nicht in Ordnung zu bringen vermochten. Aber wer

vermöchte im Ernst zu bezweifeln, daß die reichen in Stephenson

schlummernden Kräfte ihm auch bei vielen anderen Gelegenheiten die

Möglichkeit gegeben hätten, sein Können zu offenbaren. Ein anderer

jedoch als ein so Hochbegabter hätte jenen „Zufall“ nicht zu nutzen

vermocht, für ihn wäre er gar kein Glücksfall gewesen, weil er nicht

verstanden hätte, das rasch vorüberrollende Glück am Rockzipfel zu

fassen. Es gilt nun einmal für alle solche Fälle das tiefe Wort des

Mephistopheles:

Wie sich _Verdienst_ und Glück verketten,

Das fällt den Toren niemals ein;

Wenn sie den Stein der Weisen hätten,

Der Weise mangelte dem Stein.

Bei der Grube von Killingworth stieg Stephenson bald zur Stellung eines

Ingenieurs auf. Seiner ganzen Veranlagung nach begnügte er sich, sobald

er auf die Verhältnisse Einfluß zu nehmen vermochte, nicht mit dem

Vorhandenen. Er sah, daß es notwendig sei, die Verkehrsverhältnisse in

dem Grubenbezirk zu verbessern. Hierfür schien ihm das beste Mittel,

die Pferde, welche die Kohlenzüge mühsam schleppten, durch Lokomotiven

zu ersetzen. Nun lagen damals die Zeitverhältnisse noch nicht so, daß

man irgendwo Lokomotiven bestellen konnte. Überall wurden erst Versuche

gemacht, und niemand genoß ein so großes Vertrauen, daß man ihm ein

solches Erzeugnis gern in Auftrag gegeben hätte. So war Stephenson

gezwungen, für die Kohlenförderung auf der Grube von Killingworth selbst

eine Lokomotive herzustellen, die erste, die er geschaffen.

Der künftige Vater des Eisenbahnwesens war 33 Jahre alt, als er jetzt

zum erstenmal mit dem Gegenstand in Berührung kam, dem seine

Lebensarbeit gehören sollte.

Eine eigenartige Schwierigkeit, die nicht technischer Natur war, stellte

sich ihm bei diesem Vorhaben entgegen. Die eigentlichen Schlosser und

Mechaniker weigerten sich, nach seiner Anordnung zu arbeiten. Sie

wollten nicht unter dem früheren Kuhhirten und Schuhflicker stehen. So

mußte er die Maschine durch Huf- und Grobschmiede zusammenbauen lassen,

und es ist deshalb um so erstaunlicher, daß ihm überhaupt ein Dampfwagen

gelang, der zu fahren vermochte. Das hierzu nötige Geld gab ihm Lord

Ravensworth, der Hauptbesitzer der Grube.

Zu gleicher Zeit mit Hedley kehrte Stephenson in weiser Erkenntnis der

Tatsachen zur glatten Schiene zurück, die nun zum Glück für die

Entwicklung des Eisenbahnwesens nicht mehr verlassen wurde. Am 25. Juli

1814 machte die Lokomotive „Mylord“ ihre erste Fahrt. Sie wurde im

folgenden Jahr von den Arbeitern, die damals von dem eben über die

Franzosen bei Waterloo errungenen Sieg sehr begeistert waren, in

„Blücher“ umgetauft.

Dieser „Mylord“ oder „Blücher“ war kein Meisterwerk. An dem recht

minderwertig gearbeiteten Kessel waren sämtliche Ausrüstungsteile

befestigt. Nirgends war eine Federung angebracht, so daß durch die

heftigen Stöße beim Fahren leicht Brüche eintraten. Im Kessel wurden die

heißen Feuergase sehr schlecht ausgenutzt, da nur ein einfaches

Flammrohr vorhanden war, das von der Feuerung am Hinterende zum vorn

angebrachten Schornstein hindurchging. Dies bedeutete einen Rückschritt,

da schon vorher von vielen anderen Lokomotivbauern das rückkehrende

Flammrohr angewendet worden war.

Die Maschine machte beim Fahren ein furchtbares Geräusch, so daß alle

schreckerfüllt davonliefen, wenn das Ungeheuer herankam. Es stellte sich

auch heraus, daß die Schnelligkeit der Lokomotive vor dem Kohlenzug

nicht größer war als die von Pferden und daß sie auch keine Verringerung

der Kosten brachte. Dabei erschien sie durch die angewendete

Kesselspannung, die für die damalige Zeit hoch erschien, weit

gefährlicher, denn Pferde können ja bekanntlich nicht zerbersten.

Stephenson erkannte, daß die schlechte Wirkung der Lokomotive in der

Hauptsache dadurch entstand, daß die Heizfläche zu klein war, also nicht

genügend Dampf erzeugt werden konnte. Um das Feuer lebhafter anzufachen,

griff er nun eine Erfindung auf, die Trevithick bereits gemacht hatte.

Er baute in seine Lokomotive ein Blasrohr ein. Der Lebensschilderer

unseres Erfinders, Smiles, behauptet, daß hier die erste Anwendung des

Blasrohrs unter voller Erkenntnis seiner Wirksamkeit vorläge. Trevithick

habe sich noch zwei Jahre später eine besondere, außerhalb der Maschine

liegende Vorrichtung patentieren lassen, um das Feuer seiner Lokomotive

anzublasen. Wenn dies richtig ist, käme Stephenson also auch das

Verdienst zu, das Blasrohr in den Lokomotivbau endgültig eingeführt zu

haben. Wahrscheinlich gebührt die Ehre, diese Erfindung unter voller

Erkenntnis ihrer Wirkung gemacht zu haben, aber doch Trevithick.

Die Wirkung des zugefügten Bauteils war sogleich sehr bedeutend.

Dadurch, daß der mit großer Heftigkeit aus den Zylindern strömende

Abdampf durch den engen Schornstein strich, riß er so viel Frischluft

durch die Kesselfeuerung, daß diese sehr viel lebhafter brannte als

vorher. Die Dampferzeugung war viel stärker, und die Kraft der Maschine

verdoppelte sich.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 4 / 60 段