Als Watt im Jahre 1784 sein berühmtes Dampfmaschinenpatent nahm, sprach

auch er darin sehr deutlich von der Möglichkeit, die Dampfmaschine zum

Antrieb von Wagen zu verwenden. Einer der hierauf bezüglichen Sätze

heißt: „Meine siebente neue Erfindung bezieht sich auf Dampfmaschinen,

die zur Beförderung von Personen, Waren oder anderen Gegenständen von

Platz zu Platz verwendet werden sollen; für solche Fälle muß die

Maschine selbst beweglich sein.“ An eine Ausführung des Gedankens ging

Watt aber auch jetzt nicht. War doch damals seine wichtigste Aufgabe,

den englischen Bergwerken, die infolge des immer tiefer eindringenden

Abbaus im Wasser zu ertrinken begannen, endlich eine geeignete

Antriebsmaschine für ihre Pumpen zur Verfügung zu stellen. Der große

Erfinder wollte aber trotzdem jene andere Möglichkeit für die Verwendung

der Dampfmaschine fest in seiner Hand behalten und ließ sie sich darum

gesetzlich schützen. Das sollte für den zweiten wirklichen

Dampfwagenerbauer ein schweres Hindernis werden.

In der großen Fabrik von Watt & Boulton zu Soho war als einer der

tüchtigsten Betriebsingenieure W. _Murdock_ beschäftigt. Ihn, der ein

ungewöhnlich kräftig gebauter Mann von großer Entschlossenheit war,

pflegten die Fabrikherren gern nach solchen Gegenden zu schicken, in

denen die aufgestellten Maschinen nicht ganz nach Wunsch laufen wollten.

Die Dampfmaschinen hatten ja damals noch viele Kinderkrankheiten zu

überwinden und erregten jedesmal den höchsten Grimm der Bergarbeiter,

wenn sie infolge Versagens die Grube ersaufen ließen. Der Abgesandte der

Fabrik wurde von den Bergleuten meistens mit Hohn und Spott empfangen,

und nur dem „eisernen Murdock“, wie man ihn gern nannte, gelang es, sie

sich rasch vom Hals zu halten, indem er den stärksten zum Boxkampf

forderte und meist rasch niederwarf.

Längere Zeit war Murdock als Aufsichtsbeamter in dem Bezirk von Cornwall

tätig. Es ist dies jene Halbinsel, die im äußersten Südwesten von

England weit in den Atlantischen Ozean vorspringt. In diesem

eigenartigen Land sollte die Entwicklung des Dampfwagens ihre wichtigen

nächsten Abschnitte durchmachen.

[Abbildung: 7. _Dampfwägelchen von Murdock_

erbaut im Jahre 1786.]

In der freien Zeit, die Murdock während seiner Tätigkeit an den

Bergwerkspumpen fand, beschäftigte er sich damit, kleine Modelle von

Dampfwagen zu bauen. Er hatte den Mut, hierbei die Dampfspannung im

Kessel höher zu steigern, als das bisher üblich gewesen war. Die ersten

von ihm gebauten Hochdruckdampfwagen führten denn auch wegen der

größeren Energie, die zur Verfügung stand, sofort zu einem guten Erfolg.

Das erste von Murdock 1786 in Redruth gebaute Wägelchen war etwa einen

Fuß hoch. Als der Mitbesitzer der Fabrik in Soho, Boulton, einmal in

Cornwall weilte, sah er das Maschinchen und war ganz entzückt von seinem

Arbeiten. In einem Brief teilte er Watt mit, daß die kleine Maschine

ganz vortrefflich im Zimmer herumlaufe und Kohlenschaufel, Feuerzange

sowie Schüreisen mit sich herumtrage.

Bald reizte es Murdock auch, seine Maschine auf der Straße zu erproben.

Hierbei ereignete sich ein heiterer Zwischenfall. Nachdem die

Spirituslampe unter dem kleinen Kessel entzündet war, setzte sich der

Wagen in Bewegung und lief so schnell davon, daß der Erfinder ihn nicht

mehr einholen konnte. Plötzlich drangen laute Hilferufe an sein Ohr. Als

Murdock hinzueilte, sah er den Ortsgeistlichen vor Schrecken gelähmt am

Wegrand stehen. Er hatte das feurige, zischende Ungeheuer von nie

gesehener Art, das ihm auf seinem Weg nach der Stadt entgegengekommen

war, für den leibhaftigen Teufel gehalten und war vor Entsetzen fast

gestorben.

[Abbildung:

Aus Steiner: „Geschichte des Verkehrs“.

8. _Trevithicks Dampfkutsche_

mit der er in London aufsehenerregende Fahrten unternahm.]

Murdocks Tüchtigkeit und Tatkraft hätten ihn gewiß dazu befähigt, den

Bau des Dampfwagens bedeutend zu fördern. Aber gerade als er an die

Ausführung eines größeren Fahrzeugs gehen wollte, teilte man ihm aus der

Fabrik zu Soho, gestützt auf die Patentrechte, mit, daß man dort eine

solche Beschäftigung des für andere Zwecke angestellten Beamten nicht

gern sähe. Murdock gehorchte sofort und nahm von weiteren Versuchen

Abstand.

Doch das Samenkorn, das er ausgestreut hatte, war nicht auf steinigen

Boden gefallen. Denn in Cornwall lebte einer, der gleichfalls Murdocks

Versuche mit angesehen hatte, aber mit ganz anderen Augen als der

Geistliche von Redruth.

Um die Art des Manns verstehen zu können, der Murdocks Pläne mit so

bedeutendem Erfolg fortgesetzt hat, muß man sein Geburtsland und den

Volksstamm näher kennen, dem er entstammte.

„Cornwall ist“, so schreibt Max von Weber in seinem Buch „Aus der Welt

der Arbeit“, „ein ernstes, in den Ozean hinausragendes Land, von einer

rauhen Gebirgskette durchsetzt, über deren kantige Gipfel und schroffe

Täler das Meer, von drei Himmelsgegenden her, unablässig seine Winde und

Regenwolken jagt, dessen Ebenen nur spärlich das Gold der Ährenfelder

und das Silber der Blütenbäume zeigen.

„Aber seit mehreren Jahrtausenden holt ein Geschlecht von keltischen

Bewohnern, das seit den Tagen Cäsars nur wenig seine Physiognomie

geändert hat, aus diesem unwirtlichen Gebirge unermeßliche Schätze der,

nächst dem Eisen, nützlichsten Metalle, Zinn und Kupfer, deren Fülle

seinerzeit hinreichte, Richard von Cornwall den römischen Kaisertitel zu

erhandeln und der ganzen Inselgruppe Großbritanniens den Namen der

Zinninseln gewann.

„Der Kampf mit den Gewalten des Meeres an den langen, schroffen Ufern

der Halbinsel, die schwere, gefahrvolle Arbeit in den Metallgruben, der

Verkehr in rauhem Gebirg und Land erziehen in den Männern Cornwalls ein

knorriges, festes Geschlecht von innerlicher, starker Arbeit, von

unablässigem, energischen Angriff wohlüberlegten Vorhabens, von eisernem

Willen und kräftiger Faust.

„Aber diesen realen, erzenen Naturen ist in sonderbarer Mischung ein

phantastisches Element beigesellt.

„Uralte druidische Traditionen, lebendig erhalten durch die wunderlich

riesigen Steingebilde zahlreicher Stonehenges und Dolmen, verbunden mit

der Einwirkung des gespenstischen Wirkens in der gestaltenreichen Welt

der Seenebel und Sturmwolken, des Gnomenmärchengetriebes in der

unheimlichen Tiefe der Erzgruben, gesellten der derben Natur des

‚Cornishman‘ ein vages Wähnen und dunklen Impulsen Nachgeben, das sein

ernstes und tüchtiges Wirken oft in folgeloser Weise von abenteuernden

Ideen und Handlungen kreuzen ließ.“

Aus diesem Volk ging Richard _Trevithick_ hervor, den man mit Weber den

Ahnen der Lokomotiverfindung nennen muß, wenn man Georg Stephenson als

deren Vater bezeichnet. Trevithick hat alle Höhen und alle Tiefen des

Menschenlebens durchgemacht. Er pflegte lange Zeit mit größter

Hartnäckigkeit bei der Durchführung eines einmal gefaßten Gedankens zu

beharren, um ihn dann plötzlich, fast grundlos, wieder fahren zu lassen.

Er war ein echter „Cornishman“.

Dieser ausgezeichnete, aber heute selbst in technischen Kreisen wenig

bekannte Mann wurde am 13. April 1771 in einem Dorf des Kirchspiels

Illogan inmitten des Bergwerkbezirks von Cornwall geboren. Sein Vater

war Zahlmeister bei einer Zinn- und Kupfermine.

Wie viele Männer, die später Bedeutendes geleistet haben, hatte der

junge Trevithick in der Schule keine großen Erfolge aufzuweisen. Der

Lehrer in dem benachbarten Camborne bestätigte ihm, daß er ein

ungehorsamer, schmutziger und unaufmerksamer Bube sei. Doch seine

Fähigkeit im Rechnen blieb schon damals nicht unbemerkt.

Lieber als in die Schule ging der Knabe hinauf zu dem Hügel von Castle

Carn Brea, wo zwei riesige Dampfpumpen von Watt & Boulton aufgestellt

waren. Die hin und her schwingenden mächtigen Balanziers, die sausenden

Schwungräder übten auf ihn eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Er

trieb schon seine ersten Jugendspiele im Schatten der Maschinen, deren

Poltern und Zischen ihn sein ganzes Leben hindurch begleiten sollten.

Der alte Murdock faßte rasch eine Zuneigung zu dem Knaben und zeigte ihm

seine niedlichen Dampfwagenmodelle. Als Trevithick neunzehn Jahre alt

war, trat er als Lehrling Murdock zur Seite. Dieser hatte ein solches

Vertrauen zu dem jungen Mann, daß er ihm bald das schwierige Geschäft

der Aufstellung großer neuer Maschinen übertrug. Trevithick lohnte

dieses Vertrauen glänzend, indem die von ihm hergerichteten Maschinen

bald am allerbesten in ganz Cornwall liefen.

Im Jahre 1791 war Trevithick bereits Ingenieur der Dingdong-Gruben. Er

hatte die Wichtigkeit des hochgepreßten Dampfs erkannt und baute bald

selbständig Pumpen, deren Dampfkessel weit höhere Spannungen aufwiesen,

als Watt sie jemals zu verwenden gewagt hatte. Das war wichtig für den

künftigen Bau von fahrenden Dampfmaschinen; denn diese, deren Kessel

klein sein müssen, hätten mit Niederdruck niemals genügend Energie

hergeben können.

Als die Hochdruckpumpen sich bewährt hatten, dachte Trevithick bald

daran, die Versuche Murdocks fortzusetzen. Auch er stellte zunächst ein

kleines Wagen-Modell her, dessen Kesselwasser durch Einlegen von

glühenden Bolzen, also durch eine Art rauchloser Feuerung, zum Sieden

gebracht wurde. Mit großer Freude sah er, wie sein Maschinchen

Spazierfahrten im Zimmer machte. Aber unabhängiger als Murdock und wohl

auch mit mehr Phantasie begabt als dieser bloße Gehilfe eines Größeren,

beschloß er sofort, einen Versuch im großen mit dem neuen Gefährt zu

versuchen.

Es schien ihm seltsamerweise jedoch zweifelhaft, ob die Reibung von

glatten Rädern auf der Straße stark genug sein würde, um einen

Dampfwagen auch Steigungen überwinden zu lassen. Als gescheiter Mann

stellte er einen Versuch an Ort und Stelle an. Er lieh sich eine

Postchaise, spannte vor einem Hügel die Pferde aus und drehte zusammen

mit seinem Freund Gilbert die Räder, indem beide in die Speichen

griffen. Der Wagen rollte vorwärts, und damit war die genügende Stärke

der Anhaftung erwiesen.

Nun ging es sogleich an die Erbauung der ersten Dampfkutsche. Da es

eigentliche Maschinenbauanstalten damals noch nicht gab, entstand sie

mühselig in einer Schmiede. Lustig fuhr der Erfinder am Tag vor

Weihnachten des Jahres 1801 mit dem neuen Gefährt durch die Straßen von

Camborne und lud jeden Vorübergehenden ein, mitzufahren. Bald saßen zehn

bis zwölf Personen in dem fauchenden Wagen und fuhren mit diesem

hügelan. Einem vermögenden Vetter Richard Trevithicks, Andreas _Vivian_,

gefielen die Versuche so gut, daß er sich mit Trevithick verband. Der

Abschluß des Teilnehmervertrags fand gleich beim Christmahl statt. Beide

Männer beantragten und erhielten nun ein Patent auf den Bau von

Hochdruckdampfmaschinen und deren Anwendung für Wagen. Doch rasch machte

ein unglücklicher Zufall, der so oft im Leben Trevithicks eine Rolle

gespielt hat, dem Dasein der ersten Dampfkutsche ein Ende. Sie

verbrannte eines Tags, als der Erfinder gerade beim Mittagsmahl saß.

Rasch entstand nach dem ersten ein zweiter Dampfwagen, den unser Bild 8

darstellt. Er wurde glücklich auf den eigenen Rädern bis nach London

gesteuert und erregte, als er durch die Straßen der Hauptstadt fuhr,

ungeheures Aufsehen.

Der Kessel mit dem wagerecht hineingebauten Zylinder lag zwischen zwei

Rädern, die fast 2-1/2 Meter hoch waren und sich infolge ihrer Größe zum

Fahren auf den schlechten Straßen besonders gut eigneten. Die Achse der

hinteren Treibräder wurde von der Kolbenstange durch eine Kurbel und

zwei Zahnräder angetrieben. Der Wagen konnte zehn Personen fassen und

soll zuzeiten eine Geschwindigkeit von sechzehn Kilometern in der Stunde

erreicht haben.

Sehr beachtenswert ist, daß Trevithick schon bei diesem Wagen vier noch

für den heutigen Lokomotivbau wichtige Einrichtungen angewendet hat. Er

arbeitete mit Hochdruck; der Kessel hatte eine zylindrische Form, die

zum Widerstand gegen den hochgespannten Dampf am besten geeignet ist; in

den Kessel war ein Flammrohr, das heißt eine von der Feuerung aus durch

den ganzen Wasserraum laufende Röhre eingebaut, in der die heißen Abgase

der auf dem Rost brennenden Flamme weiter zur Erhitzung des Wassers

beitragen konnten; und endlich ließ der Erbauer den aus dem Kessel

tretenden Dampf nicht unmittelbar ins Freie puffen, sondern führte ihn

durch den Schornstein hinaus. Es ist dies die erste Anwendung des

Blasrohrs, das bis zum heutigen Tag außerordentlich viel zur Erhöhung

der Leistungsfähigkeit bei Lokomotiven beiträgt. Der im Schornstein mit

großer Geschwindigkeit aus dem Auspuffrohr tretende Dampf reißt die

Luftsäule im Schlot mit sich; dadurch entsteht ein Unterdruck, und die

äußere Luft muß nachströmen. Sie findet aber keinen anderen Zugang als

nur den durch den Rost und die Feuerung hindurch, die sie lebhaft

anfacht. Durch das Blasrohr kann die Lokomotivfeuerung auch dann Zug

bekommen, wenn die Maschine stillsteht und demzufolge kein Wind durch

den Aschkasten eintritt. Je kräftiger die Maschine arbeitet, desto

lebhafter wird auch das Feuer angefacht. So entsteht eine immer der

Leistung angepaßte Anfachung des Kesselfeuers.

Es ist nicht sicher, ob Trevithick das Blasrohr sogleich unter voller

Erkenntnis seiner Wirksamkeit einbaute. Wahrscheinlich hatte er nur die

Absicht, den Auspuffdampf hoch über den Köpfen der auf den Straßen

Vorübergehenden fortzuführen. Später aber hat Trevithick das Blasrohr

wohl absichtlich zur Anwendung gebracht, und es ist darum eigenartig,

daß auch dieser Gedanke des Erfinders, wie manch anderer noch viel

wichtigere, später vergessen ward. _Séguin_ baute noch in den zwanziger

Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Lokomotive, der ein besonderer

Gebläsewagen zur Erzeugung des Luftzugs für die Feuerung beigegeben war,

und selbst noch in der Blütezeit von Stephensons Wirken wurden ähnliche

Versuche gemacht.

Die bedeutendsten Männer Londons bewunderten den Dampfwagen, welchen der

große Physiker Humphrey Davy „Kapitän Trevithicks Drachen“ nannte. Doch

all das Staunen brachte dem Erfinder keinen Gewinn. Er verkaufte

schließlich die Antriebsmaschine des Wagens an ein Walzwerk und hat nie

wieder den Versuch gemacht, ein Kraftfahrzeug für die gewöhnliche Straße

zu schaffen. Die Entwicklung dieser Gefährte ist jedoch später

fortgeführt worden, und bevor die Eisenbahn alles andere verdrängte, gab

es in England einen Dampfwagenverkehr auf den Landstraßen.

Wir gelangen nun zu dem kulturgeschichtlich unvergleichlich wichtigen

Zeitpunkt, an dem Trevithick erkannte, daß das Schienengleis die rechte

Bahn für seine fahrenden Maschinen sei. Der Anlaß, der ihn zu einem

ersten Versuch trieb, war lächerlich genug: eine Wette.

Bei seinen vielen Reisen, die er zur Einführung der von ihm erfundenen

Hochdruck-Dampfmaschine machte, kam Trevithick im Jahre 1804 auch nach

Penydarran in Süd-Wales. In dieser Gegend bestand damals schon ein

ziemlich bedeutender Schienenweg, der von dem Eisenwerk Merthyr Tydvil

nach Cardiff führte und von Wagen mit Pferdezug befahren wurde. Bei

einer Unterhaltung mit dem Grubenbesitzer Hill stellte Trevithick die

Behauptung auf, daß ein auf die Schienen gestellter Dampfwagen eine Last

von 10 000 Kilogramm würde befördern können. Das schien Hill, der wohl

in der Hauptsache nur das Arbeiten von Niederdruckmaschinen gesehen

hatte, ganz unglaublich. Er wettete gegen Trevithick um 500 Pfund

Sterling, das sind 10 000 Mark. Der mit Glücksgütern nicht allzu reich

gesegnete Erfinder fand durch diese Summe Anregung genug, sofort einen

Dampfwagen für die Schiene zu bauen. Seiner großen Erfahrung gelang die

Ausführung vortrefflich. Wie er selbst in einem Brief schreibt, rannte

die Maschine „mit großer Geschwindigkeit hügelauf, hügelab und war

leicht zu führen“.

Dieser Brief Trevithicks vom 15. Februar 1804 ist die erste Mitteilung

über eine Lokomotivfahrt, die wir besitzen. Er spricht freilich von

einem ~„tram waggon“~, denn das Wort Lokomotive selbst ist erst sehr

viel später eingeführt worden, wie im Abschnitt 14 näher dargelegt

werden wird.

[Abbildung: 9. _Die erste Lokomotive_

erbaut von Richard Trevithick, 1803.]

[Abbildung:

Aus Steiner: „Geschichte des Verkehrs“.

10. _Trevithicks Lokomotive „Fang mich, wer kann“_,

die 1808 in London als Schaustück vorgeführt wurde.]

Bei diesem ~tram waggon~ finden wir, so ungefüge und seltsam er unseren

heutigen Augen auch erscheinen mag, doch noch eine weitere, bis heute

ausschlaggebend gebliebene Bauanordnung der Lokomotive verwendet. Es

wird nämlich von der Maschine, die mit Hilfe von langen

Geradführungsstangen eine Kurbel mit daran befestigtem Zahnrad antreibt,

nicht mehr nur Eine Achse gedreht, sondern beide Achsen haben

zwangläufigen Antrieb. Dies ist der Ursprung der gekuppelten

Lokomotivachsen, die das nutzbare Reibungsgewicht auf den Schienen so

bedeutend erhöhen. Freilich haben sich Zahnräder für diese Zwecke nicht

bewährt. Die Achsenkupplung ist denn auch bald wieder verlassen worden,

bis Stephenson, wie wir später hören werden, hierfür, wie für so vieles

andere, die richtige Anordnung fand.

Bei dieser Lokomotive glaubte Trevithick noch ein Schwungrad zur

Erzielung gleichmäßiger Bewegung notwendig zu haben. Steuerung und

Schornstein lagen beide nebeneinander an der Vorderseite des Kessels,

in den der Zylinder wiederum, wie damals allgemein üblich, zur besseren

Warmhaltung der Wände hineingebaut war.

Die Maschine leistete weit mehr, als zum Gewinn der Wette notwendig war.

Sie zog einen Zug von fünf Wagen, der mit 10 000 Kilogramm Eisen und

siebzig Menschen beladen war, über die sechzehn Kilometer lange Bahn.

Die Gesamtlast, die an der Lokomotive hing, betrug 25 400 Kilogramm. Mit

dieser legte die Maschine die Strecke in vier Stunden fünf Minuten

zurück. Der ungläubige Hill machte die Fahrt mit und mußte seine Wette

verloren geben. Er versuchte zwar noch verschiedene Einwendungen, um

Trevithick das Geld vorzuenthalten, dieser scheint es aber schließlich

doch bekommen zu haben.

Inzwischen war man in Soho ziemlich außer sich. Watt sah seine

Alleinherrschaft im Dampfmaschinenbau gefährdet. Er tat alles, um ein

gesetzliches Verbot der Trevithickschen Arbeiten zu erreichen, indem er

erklärte, der Mann aus Cornwall verdiene gehängt zu werden, weil er so

hohe Dampfspannungen anzuwenden wage, daß ein Unglück unausbleiblich

sei. Nur mit Mühe gelang es Trevithicks Freunden, ein Einschreiten der

Behörden zu verhüten.

Trevithick selbst war mit dem Erfolg seiner Lokomotive sehr zufrieden.

Er beschloß, ganz nach Penydarran überzusiedeln und sich der weiteren

Durchbildung des Dampfwagens für Schienengeleise zu widmen. Hätte er nun

nicht wiederum Unglück gehabt, so wäre es ihm wahrscheinlich zwei

Jahrzehnte vor Stephenson gelungen, den Grundstein für die

Lokomotiveisenbahn zu legen. Aber es war nun einmal sein Schicksal, daß

dem Sonnenschein stets sogleich finsteres Gewölk folgen mußte.

Trevithicks neue Lokomotive war gut, aber das Gleis war ihr nicht

ebenbürtig. Nachdem die Maschine einige Zeit auf den gußeisernen

Schienen gefahren war, begannen diese unter dem Gewicht des Fahrzeugs zu

brechen. Das „Meaning Journal“ brachte, nach Steiner, damals die

folgende Mitteilung eines Augenzeugen über Trevithicks Lokomotive: „Sie

war bestimmt, Eisen von den Hochöfen nach der alten Schmiede zu bringen,

und arbeitete sehr gut. Wahrscheinlich infolge ihres Gewichts zerbrach

sie die Schienen unter sich und fiel zwischen die Schwellen. Nachdem sie

einige Zeit auf dem Gleis gearbeitet hatte, sollte sie eine Ladung Eisen

von Penydarran hinunterbringen. An diesem Tag aber brachen viele

Schienen, und die Maschine lief, ehe sie das Ziel erreichte, aus dem

Gleis. Sie mußte mit Pferden nach Penydarran zurückgebracht werden und

wurde von da an nicht mehr als Lokomotive gebraucht.“ Nur fünf Monate

lang war sie gefahren. Nun wurde sie zu einer ortsfesten

Betriebsmaschine umgewandelt, als welche sie noch jahrzehntelang der

Grube gedient hat.

Doch ganz hatte Trevithick trotzdem den Mut nicht verloren. Auf Anregung

_Blacketts_, des Besitzers der Wylam-Gruben, der die Versuche in

Penydarran gesehen hatte, baute er eine neue Lokomotive. Da aber der

Schienenweg von Wylam nur aus hölzernen Balken bestand, so hat er

vermutlich die Maschine, gewarnt durch seine Erfahrungen, möglichst

leicht gemacht. Auf diese Weise aber konnte sie nichts Rechtes leisten,

da ja die Zugkraft jeder Lokomotive von ihrem Gewicht und der daraus

folgenden Stärke der Anhaftung auf den Schienen abhängig ist. Trevithick

trug denn auch in Wylam keinen irgendwie nennenswerten Erfolg davon.

Dennoch ist seine dortige Tätigkeit wichtig, denn die Kohlenbahn von

Wylam ging an Georg Stephensons armseligem Geburtshaus in dem

gleichnamigen Ort vorüber, und dieser dürfte so infolge Trevithicks

Tätigkeit zum erstenmal eine Lokomotive gesehen haben. Auch zwei andere

Männer, deren Arbeiten für die Entwicklung des Dampfwagens auf den

Schienen wichtig gewesen sind, Blenkinsop und Hedley, haben hier

zweifellos Anregung erfahren.

Noch einmal versuchte Trevithick seine Erfindung durchzusetzen. Er

wollte durch eine besondere Veranstaltung zeigen, wie vortrefflich der

Dampfwagen zu fahren vermöge, wenn er auf Schienen gesetzt ist. Darum

ging er 1808 noch einmal nach London und zwar mit einer neuen, wiederum

verbesserten Lokomotive, der seine Schwester den stolzen Namen ~„Catch

me who can“~ („Fang’ mich, wer kann“) beigelegt hatte. In der Tat soll

diese Lokomotive eine für die damalige Zeit ganz außerordentliche

Geschwindigkeit erreicht haben, nämlich 30 Kilometer in der Stunde.

Die Maschine sollte in London keinem wirklichen Betrieb dienen, sondern

sie war als ein Schaustück gedacht. Trevithick mietete in der Nähe des

Euston Square einen weiten, unbebauten Platz, auf dem seltsamerweise

später der Endbahnhof einer der bedeutendsten Eisenbahnstrecken

Englands, der Nordwestbahn, errichtet wurde. Dort wurde eine

kreisförmige Gleisbahn von 60 Metern Durchmesser angelegt und der ganze

Platz mit einem hohen Zaun umgeben. Der Eintritt kostete einen

Schilling, wofür man zugleich das Recht erwarb, in dem einen Wagen, den

die Lokomotive hinter sich zog, mitzufahren. Aber hierzu hatten nur

wenige den Mut. Überhaupt zog die Vorführung nicht so viel Zuschauer an,

wie Trevithick erhofft hatte, und eines Tags, als die Lokomotive wieder

einmal die Schienen zerbrochen hatte und ganz aus dem Gleis geraten war,

sperrte er den Eingang zu, verkaufte die Maschine an einen Messerschmied

und schloß damit auch seine Wirksamkeit für die Entwicklung der

Lokomotive auf immer ab.

Nicht ohne Schmerz sieht man einen eifrig Strebenden hier in der Blüte

seines Schaffens gebrochen. Aber Trevithick besaß eben nicht nur Kraft,

sondern gleichzeitig einen allzu lebhaft umherschweifenden Geist. Er

beschäftigte sich zur selben Zeit mit vielen Gegenständen, suchte

Patente nach für Dampfkräne, Schwimmdocks, Wassersäulenmaschinen, Masten

aus Eisenblech und vieles andere. So konnte das einzelne nicht zur

vollen Reife gelangen.

Bald nachdem er der Lokomotive entsagt hatte, ließ Trevithick sich

verlocken, eine Arbeit von außerordentlicher Größe in Angriff zu nehmen,

für welche die damaligen technischen Mittel zweifellos noch nicht

ausreichend waren. Er begann eine Untertunnelung der Themse. Aber

mehrere Male brach das Wasser des Flusses in den Bau ein, und

schließlich wurde dieser ganz überschwemmt. Nach fünfmonatlicher Arbeit

mußte der Versuch aufgegeben werden. Erst ein Vierteljahrhundert später

wurde der Rotherhithe-Tunnel unter der Themse durch Isambart _Brunel_

fertiggestellt.

Von neuem brachte bald darauf ein Zufall Trevithick zu einer Stellung

voll Ruhm und hohen Ehren.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 3 / 60 段