Im Jahre 1913 besaßen die deutschen Eisenbahnen rund 3/4 Millionen

Wagen, wovon 66 200, also noch nicht der zehnte Teil, Personen-, die

übrigen Güter- und Gepäckwagen waren. Die sämtlichen Achsen dieser

Gefährte haben im gleichen Jahr eine Weglänge von nicht weniger als 32

Milliarden 791 Millionen Kilometern durchlaufen. Legen wir diese

Wagenachs-Kilometer-Strecke geradlinig von der Erde in den Weltraum aus,

so trifft der Endpunkt ins Leere. Er ragt weit über die Grenze unseres

Sonnensystems hinaus, erreicht aber doch noch nicht den nächsten

Fixstern. Um daher eine passende Vergleichslänge aus der Sternkunde zu

finden, müssen wir eine Teilstrecke betrachten. Wir denken uns, daß ein

gewöhnlicher ~D~-Zugwagen mit Drehgestellen, also mit vier Achsen, die

genannte Achskilometerzahl geleistet hätte; hiernach kommt auf jede

Achse ein Viertel des ganzen Wegs. Ein solcher Wagen würde dann eine

Fahrt bis in die Nähe des äußersten Planeten unseres Sonnensystems, des

Neptuns, gemacht haben und auch von dort wieder zurückgekehrt sein

können. Freilich würde ihm diese Hin- und Rückfahrt während eines Jahrs

nicht möglich gewesen sein, auch wenn er ständig mit der höchsten jetzt

üblichen Schnellzug-Geschwindigkeit gefahren wäre. Er würde hierzu

vielmehr -- 9000 Jahre brauchen.

Für das Rechnungsjahr 1917 ist von der Verwaltung der

preußisch-hessischen Eisenbahnen zur Fahrzeugbeschaffung der größte

aller bisher erteilten Aufträge an die deutschen Lokomotiv- und

Eisenbahnwagenfabriken vergeben worden. Sein Wert betrug annähernd eine

halbe Milliarde, genau 489 Millionen. Daß die deutschen

Erzeugungsstätten sich stark genug fühlten, diesen Riesenauftrag

innerhalb eines Jahrs, noch dazu während des Kriegs, auszuführen,

spricht am lautesten für ihren Umfang und ihre viel bewunderte

Leistungsfähigkeit.

Selbst wenn der dicke gelbe Band des Reichskursbuchs mit seinen vielen

hundert Seiten, seinen endlosen Zahlenreihen und der unerschöpflichen

Fülle verschiedener Strecken vor uns liegt, haben wir keine Vorstellung

von der ungeheuer großen Zahl der Züge, die allein in Deutschland am Tag

und in der Nacht ständig in Bewegung sind. Dieses unendliche Gewimmel

sich vorzustellen, geht über das Auffassungsvermögen des menschlichen

Gehirns hinaus, des Gehirns desselben Menschen, der das Schienenwirrsal

doch geschaffen hat.

Allein im Jahre 1913 sind in Deutschland 18 Millionen 357 000 Züge

gefahren worden. Die Anzahl der beförderten Personen betrug rund 1

Milliarde 800 Millionen. Danach wäre, wenn man von der verhältnismäßig

geringen Zahl der Fremden absieht, jeder der 67 Millionen Einwohner, die

Deutschland in dem genannten Jahr hatte, einschließlich aller Kinder,

durchschnittlich 27 mal gereist. Die Strecke, über die jeder einzelne

Fahrgast im Durchschnitt befördert wurde, war allerdings sehr kurz; sie

betrug nicht mehr als rund 23 Kilometer, was ungefähr der Strecke

Berlin-Bernau entspricht.

Besonders verblüffend ist das Gewicht der Güter, das in dem einem Jahr

auf den deutschen Bahnen befördert worden ist. Dieses war nämlich höher

als 676 Milliarden 626 Millionen Kilogramm.

Denkt man sich den Äquator und sämtliche 180 Meridiane mit Schienen

belegt, so würde das Gesamtgewicht all dieser Stränge noch nicht einmal

ein Drittel jener Güter-Kilogrammzahl betragen. Wenn man aus Wagen von

je 20 000 Kilogramm Tragfähigkeit einen Güterzug zusammenstellen wollte,

der imstande wäre, das gesamte Gütergewicht auf einmal zu befördern, so

würde dieser Zug 236 800 Kilometer lang sein müssen.

Das in den deutschen Eisenbahnen festgelegte Anlagekapital, also

die Summe, welche seit dem Beginn der einzelnen Unternehmen für

feste Bauten, Fahrzeuge usw. aufgewendet worden ist, betrug zu

Beginn des Weltkriegs 19 Milliarden 245 Millionen. Dagegen besaßen

zur gleichen Zeit sämtliche deutschen Aktiengesellschaften nur ein

Aktienkapital von 15 Milliarden 500 Millionen Mark. Das allein für

die preußisch-hessischen Staatsbahnen als dem größten gewerblichen

Unternehmen auf der Erde verwendete Anlagekapital erreichte die Höhe

von 12 Milliarden 600 Millionen Mark. Der Wert aller deutschen

Eisenbahnanlagen wird von Kirchhoff auf 30 Milliarden Mark geschätzt.

Die deutschen Eisenbahnen haben im Jahre 1913 aus dem gesamten Verkehr 3

Milliarden 563 Millionen Mark eingenommen. Hiergegen betrugen die

Einnahmen des Deutschen Reichs nach dem ordentlichen und

außerordentlichen Haushaltplan nur 3 Milliarden 385 Millionen Mark.

Dieser Vergleich zeigt wohl am besten die Riesenhaftigkeit der Summen,

die ständig den Eisenbahnkassen zufließen.

Der Personenverkehr, dessen Bedeutung für die gesamte

Eisenbahnwirtschaft von Fernerstehenden leicht überschätzt wird,

lieferte hierzu einschließlich der Einnahmen aus der Beförderung des

Reisegepäcks nur 1 Milliarde 17 Millionen. Das sind 28,55 vom Hundert

der Gesamtsumme. Dagegen brachte der Güterverkehr 2 Milliarden 286

Millionen, gleich 64,16 vom Hundert. Der Rest entfällt auf kleinere

Einnahmequellen.

Aus den Rieseneinnahmen ergaben sich zum Glück für die deutsche

Geldwirtschaft auch sehr bedeutende Gewinne. Der Betriebsüberschuß aller

deutschen Bahnen betrug 1913 die auch in der jetzigen Zeit nicht gering

erscheinende Summe von 1 Milliarde 66 Millionen. Die Größe dieser Zahl

wird noch deutlicher, wenn man zum Vergleich die Gesamtsumme der

Jahresgewinne sämtlicher deutscher Aktiengesellschaften betrachtet; dies

waren 1 Milliarde 736 Millionen.

Kein zweites Unternehmen auf der ganzen Erde kann im entferntesten einen

so bedeutenden Jahresüberschuß ausweisen, wie die preußisch-hessischen

Staatseisenbahnen. Hat dieser doch im Jahre 1913 die außerordentliche

Höhe von mehr als 787 Millionen Mark erreicht. Wäre der Weltkrieg nicht

ausgebrochen, so hätte man wohl schon in wenigen Jahren einen Überschuß

von einer vollen Milliarde erzielen können. Die preußische Staatskasse

erhielt von der Eisenbahnverwaltung 654 Millionen 267 800 Mark

überwiesen. Dagegen betrugen die Einnahmen des preußischen Staats aus

sämtlichen unmittelbaren Steuern nur 525 Millionen 490 000 Mark. Die

Anlagesumme der preußisch-hessischen Staatsbahnen hat sich dabei mit

6,41 vom Hundert verzinst.

Wer heute eine Reise antreten will, hat nichts weiter zu tun, als am

Schalter seine Fahrkarte zu lösen. Dann ist der Beförderungsvertrag mit

der Eisenbahnverwaltung geschlossen, und diese hat nun die Aufgabe, den

Fahrgast an den gewünschten Ort zu bringen. Hierdurch wird es für

diesen, abgesehen von der Zeitdauer der Reise, ganz gleichgültig, ob er

etwa von München nach Starnberg oder von derselben Hauptstadt aus nach

Memel fahren will. Er setzt sich auf seine Bank im Wagenabteil, schaut

müßig zum Fenster hinaus, und für alles übrige sorgt die Eisenbahn.

Aber welch eine in ihrer Vielfältigkeit geradezu ungeheuerliche Anzahl

von Veranstaltungen ist notwendig gewesen, damit alle Reisenden so glatt

ihre verschiedenen Ziele erreichen können! Von den feststehenden Bauten

und den rollenden Vorrichtungen der deutschen Eisenbahnen mit ihren

Milliardenwerten haben wir schon gesprochen. Um jedoch die Gesamtheit

dieses toten Stoffs zu beseelen, um ihm zielstrebiges Leben

einzuhauchen, ihn zu einem wirklich brauchbaren Werkzeug des Verkehrs

und Handels zu machen, sind auch sachkundige Menschen notwendig, ist ein

Riesenheer von Angestellten erforderlich.

Im Jahre 1913 waren bei den deutschen Eisenbahnen rund 800 000 Beamte

und Arbeiter tätig. Ein volles Drittel der gesamten Beamtenschaft aller

deutschen Staaten ist bei der Eisenbahn beschäftigt. Jeder 84. Bewohner

des Deutschen Reichs dient dieser Verkehrseinrichtung! Zum Vergleich sei

die Angabe gemacht, daß das größte Fabrikunternehmen Deutschlands, die

Kruppschen Werke in Essen, im Jahre 1913 etwa 80 000 Angestellte

beschäftigte. Der preußische Eisenbahnminister allein aber gebot über

560 000 Beamte und Arbeiter.

An Gehältern und Löhnen sind von den deutschen Eisenbahnen in unserem

Stichjahr 1 Milliarde 350 Millionen Mark ausgezahlt worden. Die

Aufwendungen der Verwaltungen für die an Beamte und Arbeiter gezahlten

Ruhegehälter sowie für die Hinterbliebenenfürsorge betrugen über 151

Millionen Mark. Für die Krankenpflege wurden im gleichen Zeitraum aus

den Betriebsvermögen 12-1/4 Millionen Mark gezahlt. -- --

Das Reichsgericht hatte vor etwa 45 Jahren in einem Streitfall

festzustellen, was eigentlich eine Eisenbahn sei. Im ersten Band der

Entscheidungen des Reichsgerichts auf Seite 252 findet sich die folgende

Darlegung:

„Eine Eisenbahn ist ein Unternehmen, gerichtet auf wiederholte

Fortbewegung von Personen oder Sachen über nicht ganz unbedeutende

Raumstrecken auf metallener Grundlage, welche durch ihre Konsistenz,

Konstruktion und Glätte den Transport großer Gewichtsmassen,

beziehungsweise die Erzielung einer verhältnismäßig bedeutenden

Schnelligkeit der Transportbewegung zu ermöglichen bestimmt ist und

durch diese Eigenart in Verbindung mit den außerdem zur Erzeugung der

Transportbewegung benutzten Naturkräften (Dampf, Elektrizität,

tierischer, menschlicher Muskeltätigkeit, bei geneigter Bahn auch schon

der eigenen Schwere der Transportgefäße und deren Ladung usw.) bei dem

Betrieb des Unternehmens auf derselben eine verhältnismäßig gewaltige,

je nach den Umständen nur in bezweckter Weise nützliche, oder auch

Menschenleben vernichtende und die menschliche Gesundheit verletzende

Wirkung zu erzeugen fähig ist.“

Man kann den Begriff der Eisenbahn wohl auch kürzer fassen: sie ist eine

Fahrbahn aus eisernen oder stählernen Schienengeleisen, auf der

Fahrzeuge durch Dampf oder andere mechanische Kraft fortbewegt werden.

Diese einfache Feststellung birgt aber, wenn man sie genauer betrachtet,

eine sehr eigentümliche Tatsache in sich.

Die Eisenbahnfahrzeuge fahren auf Schienen, das heißt auf einer für

jedes Rad äußerst schmalen Bahn, von der dieses auch nicht um ein

weniges abweichen darf. Die Landstraße bildet eine viele Meter breite

Fahrtafel, auf der die Räder an jeder beliebigen Stelle gleich gut

rollen können. Meterweite seitliche Ausbiegungen sind darum allen

Fahrzeugen auf der Landstraße ohne weiteres möglich. Sie vermögen

aneinander vorbeizufahren, sich gegenseitig zu überholen. Daraus ergibt

sich, daß Fahrzeuge der verschiedensten Art mit allen erdenklichen

Achslängen und mit beliebigen Höchstgeschwindigkeiten auf der Landstraße

fahren können.

Auf den Eisenbahnschienen geht das nicht. Hier sind die Züge fest

hintereinander aufgereiht, die Geschwindigkeit des einen begrenzt bei

gewöhnlichem Gleis die Bewegung aller folgenden.

An die Stelle der Freiheit ist der Zwang getreten.

Eine meisterliche Beschränkung ist es gewesen, die dem Verkehr seinen

gewaltigen Fortschritt und seine Unbeschränktheit gebracht hat. Es galt,

für den Lauf schwerbelasteter Räder eine möglichst glatte und feste

Fahrbahn zu schaffen. Diese ist mit den Mitteln, die uns bis heute zu

Gebote stehen, nur durch die Belegung der Straßenoberfläche mit Eisen

oder Stahl zu erzielen. Hätte man, als die unersetzbare Nützlichkeit

dieses Baustoffs erkannt war, an der alten Form der Fahrbahn, der

gleichmäßigen, breiten Tafel, festgehalten, dann wäre die Menschheit,

solange Fahrzeuge auf einer Unterstützungsfläche laufen müssen, niemals

zur Hundertkilometer-Geschwindigkeit gelangt. Denn man hätte ja die

Straßen mit Tafeln aus Stahl belegen müssen, was Kosten von unsinniger

Höhe und gänzlich unüberwindliche Befestigungsschwierigkeiten verursacht

haben würde. Glücklicherweise fand man aus, daß jeder Radlauf ja immer

nur einen schmalen Streifen für seine Fortbewegung beansprucht, und man

begnügte sich damit, diesen allein glatt und fest zu machen. So

entstand die Schiene, die, wenn man von den Stoßstellen der einzelnen

Walzstücke absieht, eine vollkommene Glätte und Festigkeit besitzt. Sie

brachte mit der Zwangsläufigkeit des Verkehrs diesem die Freiheit.

Dieser Vorgang erscheint nur im ersten Augenblick überraschend, denn er

kehrt allerorten im menschlichen Leben wieder.

Für die Technik ist er eine ganz allgemein gültige Regel. Die Achsen,

die Wellen unserer Maschinen, werden mit Hilfe ihrer Lager durch Zwang

in der gewollten Bewegung festgehalten und geben uns erst dadurch die

Freiheit, ihnen die verschiedensten Arbeiten aufzubürden. Kein Wagen

vermöchte um eine Biegung zu fahren, wenn die Achsen sich unter dem

Fahrzeug beliebig hin und her schieben könnten. Aber auch der Staat ist

nichts anderes als eine Zwangseinrichtung, und doch hat er die

Einzelwesen der Freiheit näher gebracht. Dadurch, daß jedes Einzelwesen

auf eine große Zahl willkürlicher Handlungen Verzicht leistete, hat die

Gesamtheit ganz neue und ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten gewonnen.

Die Heere sind die erdrückendste Zwangseinrichtung, die wir besitzen.

Aber während 100 000 Soldaten, wenn jeder von ihnen nach seiner Willkür

vorgehen würde, gar nichts zu erreichen vermöchten, sind sie im eisernen

Reifen der Mannszucht zu gewaltigen Taten fähig.

Auf der Eisenbahn verzichtet der Verkehr nicht allein auf die Freiheit

der allseitigen Bewegung, sondern auch auf den freien Wettbewerb. Die

Landstraße kann von Gefährten jeder Art befahren werden, auf den

Schienen vermögen nur solche Wagen zu laufen, die eigens dazu

vorbereitet sind, nämlich Räder mit Spurkränzen besitzen. Trotzdem waren

zu Beginn die Eisenbahngesellschaften nur Besitzerinnen der Fahrbahn;

auf dieser sollte mit eigenen Wagen fahren können, wer wollte, wenn er

nur gewisse Bedingungen erfüllte. In dem Beschluß der englischen

Volksvertretung, der die Anlage der Eisenbahnstrecke von Manchester nach

Liverpool gestattete, findet sich denn auch der Satz: „Die Bahn darf

gegen Bezahlung der Abgabe und unter Beobachtung der gesetzlichen

Bestimmungen sowie der Bahnordnung von jedermann benutzt werden.“ Auch

das erste preußische Eisenbahn-Gesetz von 1838 enthält ähnliche

Bestimmungen. Seltsamerweise wurde der „freie Wettbewerb auf der

Schiene“ noch in den siebziger Jahren in Deutschland lebhaft erörtert.

Heute wissen wir, daß auf dem schmalen Eisenpfad immer nur ein einziger

Wille herrschen darf. Der gesamte Zugumlauf ist zu sehr von der

Geschwindigkeit und Beschaffenheit jedes einzelnen Fahrzeugs auf dem

Gleis abhängig, als daß verschiedene Fahrunternehmer auf derselben

Strecke wirken könnten.

Innerhalb des gewaltigen Teilgebiets der Welt auf Schienen, das in

Deutschland angesiedelt ist, werden drei Hauptgattungen unterschieden:

Hauptbahnen, Nebenbahnen und Kleinbahnen.

Auf den Hauptbahnen, welche die großen Verkehrsmittelpunkte auf dem

kürzesten herstellbaren Weg miteinander verbinden, ist der Oberbau in

Baustoff und Verlegungsart so gestaltet, daß die schwersten Züge darauf

mit einer Geschwindigkeit bis zu 110 Kilometern in der Stunde fahren

können. Bei den Nebenbahnen sind leichtere Schienen zugelassen, die

Geleise dürfen schärfere Krümmungen und stärkere Neigungen haben, die

Wegübergänge in Schienenhöhe brauchen nicht sämtlich überwacht zu sein.

Auch sonst lassen die strengen Bestimmungen der Eisenbahnbau- und

Betriebsordnung für diese Gattung verschiedene Erleichterungen zu. Die

Höchstgeschwindigkeit darf 40 Kilometer in der Stunde nicht

überschreiten.

Während die Hauptbahnen stets, die Nebenbahnen fast immer vollspurig

angelegt sind, das heißt mit einem Abstand der Schienen-Innenkanten von

1,435 Metern, herrscht bei den Kleinbahnen die Schmalspur, welche bei

uns gewöhnlich 1 Meter oder 0,75 Meter beträgt. Über die Entstehung der

Voll- oder Regelspur wird im 5. Abschnitt näheres mitgeteilt.

Infolge ihrer schmalen Spur sind die Kleinbahnen imstande, sich den

Geländeverhältnissen besser anzupassen; sie vermögen sogar den scharfen

Krümmungen der Landstraßen zu folgen, ihre Geleise sind oft neben

diesen, ja auf ihnen verlegt. Die niedrigen Herstellungskosten der

Kleinbahnen gestatten, die Vorteile des Schienenpfads auch zur

Verbindung solcher Orte zu benutzen, deren geringe Verkehrskraft größere

Ausgaben nicht rechtfertigen würde. Durch ihre Billigkeit und

Schmiegsamkeit tragen die Kleinbahnen zur Befriedigung wichtiger

Verkehrs- und Wirtschaftsbedürfnisse sehr viel bei. Ihr Ausbau ist bei

uns im letzten Jahrzehnt, namentlich auch durch die Hergabe von

Staatsmitteln, sehr lebhaft gefördert worden und wird sicherlich auch

weiter liebevoll gepflegt werden.

Der weitaus größte Teil der deutschen Eisenbahnen befindet sich heute im

Staatsbesitz. Den 57 233 Kilometern vollspuriger Staatsbahnen stehen nur

3523 Kilometer vollspuriger Privatbahnen gegenüber. Bei den Kleinbahnen

freilich herrscht der Privatbesitz vor. Die deutschen Staaten gebieten

nur über 1075 Kilometer solcher Schienenwege einfachster Art, während

1143 Kilometer Privatbesitz sind.

Ein Verzeichnis der Verwaltungen der deutschen Staats- und Privatbahnen

befindet sich am Schluß des Buchs.

[Abbildung:

Aus Klima: „Die Technik im Licht der Karikatur“.

_Die Eisenbahn als Raupe._]

Aus der Vergangenheit

2. Die Vorläufer

Das Ursprungsland der Eisenbahn ist England.

Notwendig mußte jeder große technische Fortschritt in der ersten Hälfte

des vorigen Jahrhunderts in dem Inselreich seinen Anfang nehmen. Dort

war ein politisch geschlossenes, von unmittelbaren Kriegsschäden

gänzlich verschontes Land, in dem sich das gewerbliche Leben zu einer

für die damalige Zeit außerordentlichen Blüte entwickeln konnte.

Reichtum häufte sich an, und das Verständnis für technische Dinge war

weit vorgeschritten. Watt hatte dort seine Dampfmaschine geschaffen, die

als erste größere Kräfte zuverlässig zu erzeugen vermochte und von

England aus das technische Leben der ganzen Welt umwälzte, ja es

eigentlich erst schuf. Der Verkehr war kräftig genug, um jedes neue

Fortbewegungsmittel sogleich aufnehmen zu können.

Sehr früh setzten denn auch schon in England die Bemühungen ein, die

Kraft des Dampfs, der sich in ortsfesten Maschinen so ausgezeichnet

bewährt hatte, zur Fortbewegung von Fahrzeugen anzuwenden.

Die erste Fahrt eines Schiffs mit Dampfantrieb freilich, an die sich

dauernde Erfolge auf diesem Gebiet knüpfen, fand in Amerika statt. Am

17. August 1807 fuhr _Fulton_ mit dem „Claremont“ den Hudsonfluß bis

Albany hinauf; aber er war ein Mann, der in England seine Ausbildung

genossen hatte, und die Schiffsmaschine entstammte der berühmten Fabrik

von Watt & Boulton zu Soho bei Birmingham.

Die Entwicklung der Landdampffahrzeuge bis zur fertigen Lokomotive

vollzieht sich ganz in England; nur hier und da macht der Werdegang eine

unbedeutende Biegung nach Frankreich und Amerika hinüber.

Die ersten Fahrzeuge mit Dampfantrieb gehören ebenso zu den Ahnen des

Kraftwagens wie zu denen der Lokomotive. Denn sie waren für das Befahren

von Straßen gedacht. Hierdurch war der Dampfwagen gezwungen, eine recht

mühselige und kümmerliche Jugendzeit durchzumachen. Er glich einer

schönen, entwicklungskräftigen Blume, die in ungünstiges Erdreich

gepflanzt ist. Die schwere Ausrüstung eines mit Dampf betriebenen

Fahrzeugs ist nicht für die unebene Straße, sondern nur für den glatten

Schienenweg geeignet. Das hat man erst nach Jahrzehnten erkannt, als

schon eine gewisse Gefahr bestand, daß von der weiteren Durchbildung

dieses für die Menschheit so unvergleichlich wichtig gewordenen

Hilfswerkzeugs ganz abgesehen würde. Glücklicherweise fand sich noch zur

rechten Zeit der kluge Gärtner, der das Pflänzchen in günstige Erde

setzte, wo es dann zu herrlicher Blüte gedieh.

Schon der geistvolle _Papin_, ein geborener Franzose, der aber lange

Zeit in Marburg gelebt und gewirkt hat und als Erster eine Dampfmaschine

mit Kolben baute, dachte daran, eine solche Maschine außer zum Betrieb

ortsfester Pumpen auch zur Fortbewegung eines Wagens zu benutzen. Die im

Jahre 1690 zuerst von ihm beschriebene Dampfmaschine war eine sogenannte

atmosphärische; denn bei ihr wurde der Dampf nicht unmittelbar zum

Antrieb des Kolbens benutzt, sondern er diente nur dazu, durch seine

Niederschlagung unter diesem einen luftverdünnten Raum herzustellen, in

welchen dann der Druck der Atmosphäre den Kolben niederpreßte. Papin hat

in Wirklichkeit ebensowenig einen Dampfwagen gebaut wie der Engländer

_Savery_, der die erste atmosphärische Dampfpumpe schuf und gleichfalls

mit Dampf durch die Lande rollen wollte.

[Abbildung: 5. _Der Urahne der Lokomotive und des Kraftwagens_

Cugnots Dampfwagen, der im Jahre 1770 in Paris gefahren ist.]

Als der Student Robison im Jahre 1759 zu Glasgow die Gedanken des großen

James _Watt_ zuerst auf die Dampfmaschine lenkte, machte er ihn auch

gleich auf die Möglichkeit aufmerksam, Wagenräder durch die Kraft des

Dampfs in Bewegung zu setzen. Doch zunächst war Watt mit der

Ausgestaltung der Maschine selbst zu sehr beschäftigt, als daß er auf

diesem vorläufig etwas abseits führenden Weg hätte weitergehen können.

Der erste, der wirklich einen Dampfwagen baute, war der französische

Artillerieoffizier Nicolas Joseph _Cugnot_. Im Jahre 1769 hatte er

bereits ein kleines Modell fertig. Im Jahre darauf fuhr er mit einem

wirklichen Wagen durch die Straßen von Paris. Der Kriegsminister

Choiseul nahm lebhaften Anteil an der Erfindung, obgleich der Wagen nur

eine Viertelstunde lang ununterbrochen zu laufen vermochte. Alsdann

mußte der Kessel von neuem mit Wasser versorgt werden, und man war

gezwungen, zu warten, bis sich wieder eine genügende Dampfspannung

entwickelt hatte. Über die schneckenartige Geschwindigkeit von vier

Kilometern in der Stunde kam Cugnot nicht hinaus.

Dennoch wurde er beauftragt, einen kräftigeren Wagen zu bauen, weil der

Kriegsminister hoffte, damit ein besonders brauchbares Mittel zur

Beförderung von Geschützen zu erlangen.

[Abbildung:

Aus Steiner: „Geschichte des Verkehrs“.

6. _Cugnots Kochtopf-Dampfkessel_

Übersichts-Zeichnung des ersten Dampfwagens mit geschnittenem Kessel.]

Der erste Artillerie-Kraftwagen in der Welt, den Cugnot darauf ins Leben

rief, ist bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben. Es befindet sich

als eine der größten Sehenswürdigkeiten in dem ~Conservatoire des arts

et métiers~ in Paris. Der dreirädrige Wagen besitzt einen Rahmen aus

schweren Eichenbalken. Der kochtopfförmige Kessel ist seltsamerweise

ganz vorn in einer eisernen Gabel aufgehängt. Der Schornstein der

Kesselfeuerung geht durch den Wasserraum hindurch. Die beiden Zylinder

sind senkrecht aufgestellt und drehen das Vorderrad mit Hilfe eines

Sperradgetriebes, so daß die auf und nieder gehenden Zahnstangen nur in

einer Richtung antreibend wirken.

Die Lenkung des Wagens erfolgte durch Drehen der Vorderachse, wobei also

der Kessel und die ganze Maschine mitgewendet werden mußten. Nur sehr

muskelkräftige Arme vermochten den Wagen zu steuern, und es ist kein

Wunder, daß er infolge dieser ungefügen Lenkeinrichtung schon bei seiner

ersten Ausfahrt verunglückte. Mit einer Last von 5000 Kilogramm,

einschließlich vier Personen, rannte er in der Nähe des Platzes, auf dem

heute die Madeleine-Kirche steht, gegen eine Mauer. Hierbei bewies das

Fahrzeug eine den heutigen Kraftwagen zweifellos überlegene

Dauerhaftigkeit, denn es warf die Mauer um, ohne selbst wesentlichen

Schaden zu erleiden. Doch dem Erfinder war durch diesen Vorgang sein

Werk verleidet, und er hat weitere Versuche zur Ausbildung des

Dampfwagens nicht gemacht.

Doch der Gedanke war nun einmal in die Welt gesetzt und sollte nicht

mehr zur Ruhe kommen, bis ihm ungeahnte Erfolge beschieden waren.

Zunächst freilich blieb es bei erfolglosen Versuchen. _Evans_ fuhr mit

einem Dampfwagen unter dem Jubel einer großen Menge durch Philadelphia,

aber er scheiterte schließlich ebenso wie _Read_ und _Symington_ in

England.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 2 / 60 段