„So saßen wir denn abermals fest . . . Mein Vater und der Ku

Anmerkungen zur Transkription:

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den hier als ~Text~ markierten Texten.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende dieses

Textes.

Artur Fürst

Die Welt auf Schienen

[Abbildung:

Nach einem Modell im Deutschen Museum zu München

1. Georg Stephensons Preislokomotive „Rakete“,

die in dem Wettkampf zu Rainhill, 1829, den Sieg davontrug]

[Abbildung: Erbaut von J. A. Maffei in München

2. Die schwerste Lokomotive in Europa

Güterzug-Tender-Lokomotive der bayerischen Staatsbahn; Bauart Mallet;

Achsanordnung ~D+D~; Entstehungsjahr 1913]

_Vergleich der beiden Lokomotiven auf den Bildern_ 1 und 2

Länge der alten Lok. 3,85 ~m~ |der neuen Lok. 17,55 ~m~

Dampf- „ „ „ 3,3 ~kg~ | „ „ „ 15 ~kg~

spannung auf 1 ~qcm~| auf 1 ~qcm~

Heizfläche „ „ „ 12,8 ~qm~| „ „ „ 285 ~qm~

Gewicht „ „ „ 7450 ~kg~| „ „ „ 122 500

| ~kg~

Höchste Leistung „ „ „ 10 ~PS~ | „ „ „ 1800 ~PS~

Brennstoffverbrauch „ „ „ 1/2 ~kg~ | „ „ „ 1/8 ~kg~

Koks | Kohle für 1 ~km~ Fahrt

|und 1000 ~kg~ Zuggewicht

Artur Fürst

Die Welt auf Schienen

Eine Darstellung der Einrichtungen

und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs

Nebst einer Geschichte der Eisenbahn

[Abbildung]

Albert Langen, München

[Abbildung: By]

Die Eisenbahnen sind wieder ein solch bestimmendes Ereignis, das der

Menschheit einen neuen Umschwung gibt, das die Farbe und Gestalt des

Lebens verändert. Es beginnt ein neuer Abschnitt in der

Weltgeschichte, und unsere Generation darf sich rühmen, daß sie dabei

gewesen . . . Sogar die Elementar-Begriffe von Zeit und Raum sind

schwankend geworden. Durch die Eisenbahn wird der Raum getötet. Es

bleibt nur noch die Zeit übrig.

(_Heine_, 1843.)

~Copyright 1918 by Albert Langen, Munich~

Geleitswort

Dieses Buch handelt von der _Technik_ der Eisenbahn.

Damit ist ihm eine Beschränkung auferlegt. Von streifenden Betrachtungen

abgesehen, bleiben die wirtschaftliche Bedeutung der Eisenbahn, ihr

Einfluß auf das gesellschaftliche und politische Leben unerörtert. Nur

durch die Ausschaltung dieses großen Stoffgebiets war Raum für das zu

gewinnen, was hier dargelegt werden sollte.

Auf die eingehende Erörterung der wirtschaftspolitischen Einwirkungen

und Zusammenhänge konnte um so eher verzichtet werden, als hierüber eine

gut lesbare Literatur in reicher Fülle vorhanden ist. Ein Buch jedoch,

welches auch nur ungefähr das enthält, was ich über die Eisenbahntechnik

unserer Tage zu sagen beabsichtigte, gibt es, so weit ich sehen kann,

nicht.

Dem Leser, der, empfehlenswerten Beispielen folgend, diese einführenden

Worte erst überfliegt, nachdem er das Buch selbst zu Ende gelesen, hoffe

ich nichts Neues mehr mitzuteilen, wenn ich hier sage: ich habe nichts

weiter gewollt, als die Fragen beantworten, die jedem Wißbegierigen sich

aufdrängen, sobald er einen Bahnhof betritt oder aufmerksamen Auges die

Gegenstände betrachtet, die an dem Fenster des fahrenden Zugs

vorübergleiten. Damit ist zugleich ausgedrückt, daß ich kein Lehrbuch

geschrieben, sondern die Leser nur auf einen Spaziergang durch die Welt

auf Schienen mitgenommen habe. Meine Absicht war nicht, Eisenbahnbauer

zu erziehen. Ich wollte ein Bild dieser gewaltigen Schöpfung

menschlichen Geistes malen, so farbig und so anziehend, wie meine

Schilderungs-Fähigkeit es zuließ. Ich bin bestrebt gewesen, eine in dem

angegebenen Rahmen erschöpfende Darstellung der Eisenbahntechnik zu

geben, zugleich aber auch ein Unterhaltungsbuch zu schreiben.

Meiner Meinung nach darf nämlich von dem Nichtfachmann, auch wenn er den

heißen Wunsch hat, in ein bestimmtes Gebiet der Technik einzudringen,

keineswegs verlangt werden, daß er den üblichen trockenen,

vorlesungsmäßig aufgebauten Darlegungen folgt. Diese Anschauung führt

mich zu der folgenden allgemeingültigen Anmerkung.

Die Ansicht ist weit verbreitet: „Technische Dinge kann man nicht

verstehen!“ Daraus folgt eine starke Abneigung gegen das Lesen von

Werken, welche dieses Gebiet behandeln, und eine geradezu erstaunliche

Unkenntnis der technischen Dinge, obgleich diese doch jeden täglich aufs

engste berühren. Es ist aber ganz sicher, daß alles, was Menschen

geschaffen haben, sich auch verständlich darlegen läßt. Wer Technisches

erklären will, muß freilich die Aufnahmefähigkeit seiner Leser genau in

Betracht ziehen. Am besten ist es, Vorkenntnisse in keiner Weise

anzunehmen. Ferner darf es dem Leser, der in ein ihm gänzlich

unbekanntes Land hineinschreitet, nicht überlassen werden, selbst zu

erkennen, an welchen Orten zu Seiten seines Pfads er rasch vorübereilen

kann, und wo er wegen der grundlegenden Bedeutung des zu Beschauenden

längere Zeit verweilen muß. Der Verfasser der Darlegung hat vielmehr die

Pflicht, seinen Stoff so zu gliedern und anzuordnen, daß wichtiges von

selbst stark hervortritt. Gelingt es noch, durch Beibringung

vergleichenden, ja selbst anekdotischen Stoffs zu einer rein literarisch

fesselnden Darstellung vorzudringen, so darf mit der Gewinnung neuer

Freunde der Technik gerechnet werden.

Auf solchen Meinungen und Absichten ist der Inhalt dieses Buchs

aufgebaut. Wie weit es mir gelungen ist, die gewollte Wirkung zu

erreichen, muß dem Urteil der Leser überlassen bleiben.

Trotz des Fortfalls fast aller wirtschaftlichen Erörterungen ist eine

weitere Beschränkung des Buchs auf die Schilderung der Einrichtungen und

des Betriebs der Ferneisenbahnen notwendig gewesen, um den Band nicht zu

unförmlicher Dicke anschwellen zu lassen. In den Aufbau und Ausbau der

großen Strecken ist nämlich eine solche Fülle technischer Großleistungen

eingesenkt, daß deren Darstellung allein den ziemlich weit gesteckten

Rahmen ausfüllte. Ich beabsichtige, in einem Buch „Berlin im technischen

Jahrhundert“, das im gleichen Verlag erscheinen wird, die hier fehlenden

Stadtschnellbahnen und Straßenbahnen zu behandeln.

Bei der Heranschaffung des textlichen und bildlichen Stoffs für das

vorliegende Werk habe ich mich bereitwilligster Unterstützung zu

erfreuen gehabt. Zu besonderem Dank bin ich der Königlichen

Eisenbahndirektion Berlin verpflichtet, die mir durch Hergabe von

amtlichen Drucksachen und die Erlaubnis zur Besichtigung zahlreicher

Dienststätten erst die gründliche Bearbeitung vieler Abschnitte

ermöglicht hat. Auch das große Eisenbahngewerbe Deutschlands hat meiner

Arbeit ein liebenswürdiges Verständnis entgegengebracht. Hervorheben

möchte ich die umfangreiche Unterstützung durch die Hannoversche

Maschinenbau A.-G. (Hanomag) und ihren Leiter, Kgl. Baurat Metzeltin,

dem ich zugleich für das Lesen eines großen Teils der Korrekturen zu

danken habe.

Es ist ein großer Gegenstand, der in den folgenden Blättern behandelt

wird. Unsere stark zur Kritik neigende Zeit begeht leicht den Fehler,

über kleinen Flecken, die sie wahrnimmt, die Strahlen einer prächtig

leuchtenden Sonne zu übersehen. Ich möchte mit diesem Buch bewirken, daß

die Leser über die kleinen Ärgernisse, die auch bei einer Eisenbahnfahrt

oft nicht zu vermeiden sind, über hier und da sich zeigende Mängel

fortab leichter hinwegsehen, nachdem ihnen bekannt geworden, welche fast

unübersehbare Fülle von Anlagen und Einrichtungen geschaffen werden

mußte, damit sie mit der beschwingten Eile des Zugs von Ort zu Ort

gelangen können, welche gewaltige Arbeit täglich von neuem geleistet

werden muß, um den Betrieb regelmäßig und unter Sicherung von Gesundheit

und Leben der Reisenden durchzuführen.

Bei der Abfassung dieses Buchs über die Eisenbahn hat mich in keinem

Augenblick das Gefühl der Bewunderung und hohen Freude gegenüber dieser

herrlichen Schöpfung des Menschengeschlechts verlassen. Wenn es mir

gelingt, nur einen geringen Teil dieser Bewunderung und Freude auch auf

den Leser zu übertragen, werde ich meine Arbeit nicht als mißlungen

betrachten.

_Berlin-Wilmersdorf_, im Frühjahr 1918

_Artur Fürst_

Inhaltsverzeichnis

Seite

Geleitswort ~V~

Das Zeitalter der Eisenbahn (1.) 3

Aus der Vergangenheit 21

2. Die Vorläufer 23

3. Der Meister 38

4. „Das größte Wunderwerk unserer Zeit“ 49

5. Geschichte des Gleises 68

6. Eisenbahnfrühling in Deutschland 87

7. Ein Märtyrer 100

8. Die Entwicklung des deutschen Netzes 113

Die Gegenwart 119

9. Eine Fahrt von Berlin nach Halle 121

10. Die neue Linie 126

11. Die Erdveste 130

12. Über Täler und Berge 136

13. Der stählerne Pfad 165

14. Die Lokomotive 188

15. Die rollenden Häuser 251

16. Die Lastträger 280

17. Auf Zug und Stoß 299

18. Der Zügel 306

19. Der Ursprung 330

20. Die gastlichen Hallen 354

21. Die schützenden Arme 369

22. Das dienstbare Heer 425

23. Wache und Pflege 441

24. Auf die Minute! 453

25. Die Papptäfelchen 463

26. Mit Zahn und Seil 469

27. Der Einsame 491

28. Unter dem Fahrdraht 499

29. Zukunft 523

Verwaltungen der deutschen Staats- und Privatbahnen 531

Quellenverzeichnis 534

Stichwörterverzeichnis 536

Das Zeitalter der Eisenbahn

1. Das Zeitalter der Eisenbahn

Das Mittelalter der Menschheitsgeschichte reicht bis in das erste

Drittel des vorigen Jahrhunderts. Erst mit dem Jahre 1830 beginnt die

Neuzeit. Damals fand die Eröffnung der ersten großen Eisenbahnstrecke

statt, die für den öffentlichen Verkehr bestimmt war.

Welch ein Ereignis!

Viele Jahrtausende lang war der Mensch an die Scholle gefesselt, auf die

ihn der Zufall der Geburt gestellt hatte. Eine Macht, die dem

Erdbewohner von Beginn an feindlich war, hielt ihn an seiner Wohnstätte

fest: der Raum. Gegen diesen konnte nur mit größter Mühsal, unter

schrecklichen Gefahren und durch Opferung einer übermäßig großen Menge

des kostbaren Besitztums Zeit angekämpft werden. Wenn darum früher

einmal größere Menschenmassen über die Erdoberfläche zogen, wie es heute

an jedem gewöhnlichen Tag geschieht, so waren sie durch einen mächtigen

Anstoß in Bewegung gesetzt: durch den Angriff eines überlegenen Feinds,

durch die von Naturgewalten verursachte Zerstörung der heimatlichen

Ackererde oder durch die Sucht nach Eroberung und Kriegsbeute. Jede

solcher Massenbewegungen wurde ein geschichtliches Ereignis, sie ward

als Völkerwanderung oder Heereszug in die unvergänglichen Bücher

eingeschrieben.

Die Natur, welche in den Geist des Menschen die Freude an der

Fortbewegung gelegt hat, die Sehnsucht umherzuschweifen, so weit wie

möglich vorzudringen, die ihn besondere Lust beim Erschauen des noch

Unbekannten empfinden läßt, diese selbe Natur hat ihr letztes Geschöpf

nur mit recht kümmerlichen Möglichkeiten bedacht, sich jene Freude zu

verschaffen, diese Sehnsucht und Lust zu befriedigen.

Es ist eine recht erstaunliche Tatsache, daß sie, die wir so gern die

Allmutter nennen, den lebendigen Wesen, soweit diese sich überhaupt

willkürlich von der Stelle zu bewegen vermögen, höchst unvollkommene

Werkzeuge hierfür zur Verfügung gestellt hat. Das Bein, welches -- in

Einzelheiten der Durchbildung verschieden, im ganzen immer in der

gleichen Form und Art -- den Tieren und Menschen zur Fortbewegung dient,

ist eine Anordnung von recht bescheidenem Wirkungsgrad. Ein

verhältnismäßig großes Gewicht muß beim Gehen immer von neuem angehoben

werden, nur um sofort wieder hinabzusinken, der tote Pendelgang des

Glieds bei jedem Schritt verbraucht umsonst Kraft und Zeit.

Dabei gibt es eine höchst einfache Fortbewegungsvorrichtung, die frei

von unausgeglichenen Gewichtshebungen und jedem toten Gang ist. Der

Mensch hat sie erfunden, als seine Gattung noch recht jung war, als er

noch auf einer sehr niedrigen Stufe der Kultur stand; der Natur ist sie

bei ihrer unabsehbar langen Entwicklungsarbeit niemals eingefallen.

Diese Vorrichtung ist das Rad.

Kein Mensch wird mit einem Raduntergestell geboren, was sehr

wünschenswert wäre, so seltsam es auch klingen mag. Er muß sich vielmehr

mit Hilfe eines weit weniger brauchbaren Werkzeugs über die Erde

bewegen. Und dazu kommt noch, daß die Oberfläche unseres Heimatsterns

durch ihre Gestaltung die Überschreitung größerer Strecken bedeutend

erschwert.

Vor Jahrmillionen, als die Kruste der Erde schon bis zu einer gewissen

Tiefe erkaltet und erstarrt, deren Inneres aber noch weit heißer war

als heute, entstand durch die Zusammenziehung des immer weiter sich

abkühlenden feuerflüssigen Erdkerns schließlich ein breiter Zwischenraum

zwischen diesem und der starren Kruste. Die äußere Erdschicht, die bis

dahin ganz glatt gewesen war, verlor dadurch ihre Unterstützung und

mußte schließlich unter dem Zug der Schwerkraft einstürzen. Hierbei ging

es ziemlich heftig drunter und drüber. Ungeheure Schollen stellten sich

schräg ein, an einzelnen Stellen wurde der Boden hoch emporgedrückt, an

anderen sank er ein. So entstand das heutige Antlitz des Himmelskörpers,

auf dem wir wohnen; die glatte Stirn der Mutter Erde erhielt Falten. Nun

waren die Gebirge emporgetürmt, Furchen eingepreßt, und die scharfen

Nagezähne des fallenden Wassers sorgten für die Herstellung von tiefen

Einschnitten auch im sonst flachen Land.

Seitdem ist dafür gesorgt, daß eine Vorwärtsbewegung über ein größeres

Stück der Erdoberfläche kein einfaches Dahinschlendern über eine Ebene

ist. Der wandernde oder fahrende Mensch hatte von Beginn an mit der

Schwerkraft zu kämpfen, die sich bei jedem der unzähligen Auf und Ab

unangenehm bemerkbar machte. Die kleinen Unebenheiten ihres Wegs

vermochten unsere Vorfahren bereits vor Jahrtausenden durch die Anlage

von Straßen mit einigermaßen befestigter Fahrbahn auszugleichen. Aber

den großen Wellenbewegungen des Geländes mußte die Straße sich eng

anschmiegen, hier vermochte sie keinen kraftsparenden Ausgleich zu

gewähren. Niemand konnte auf den Gedanken kommen, für die langsam sich

dahinschleppenden Verkehrsmittel, die bis zum Anfang des neunzehnten

Jahrhunderts ausschließlich vorhanden waren, unter Aufwendung ungeheurer

Kosten ebene Wege zu schaffen. Das hätte geheißen, einer Henne

Kondorflügel anheften. Ein der Aufwendung entsprechender Nutzen wäre

nicht entstanden.

Bevor das Riesenwerk der Anlage wirklich ebener Straßen lohnend

erscheinen konnte, mußte erst etwas ganz Neues, ganz Großartiges

geschehen. Das Rad mußte sich mit der Schiene vermählen, und in diese

Ehe mußte die Triebkraft des Dampfs adoptiert werden.

Als dies geschehen, ward der Mensch plötzlich zum Herrn der Erde. Der

Äquator und alle Meridiane wurden kürzer, die Erdkugel schrumpfte unter

seinem festen Zugriff ein, der Raum, dieses Ungreifbare, ließ sich

zusammendrücken.

Im Wagen auf der glatten Schiene dahingezogen, spottet der Mensch fortab

der kümmerlichen Bewegungswerkzeuge, die ihm die wenig sorgsame Natur an

den Leib geheftet. Aber gleichzeitig, im nämlichen Augenblick, da er das

neue Verkehrsmittel geschaffen hatte, dachte der kluge Erfinder auch

daran, das zweite Hindernis zu beseitigen, welches ihm das rasche

Umherschweifen über die Erde so sehr erschwerte. Jetzt wurden sogleich,

schon für den ersten großen, der Allgemeinheit geweihten Schienenpfad,

Talmulden aufgehöht, Hügel abgegraben, Flüsse überbrückt, Felsen

durchbohrt. Dort wo der Mensch sein Eigentum, die Erde, durcheilen will,

ist seitdem die Zerklüftete vor ihm wieder eben. Das auf der glatten,

ebenen Bahn geflügelt gewordene Rad ward zum Zeichen eines anderen

Abschnitts der Menschheitsgeschichte.

Die Neuzeit hatte begonnen.

Des Menschen Heimat ist der feste Boden, nicht das Wasser. Wie seltsam

muß daher die Tatsache berühren, daß jahrtausendelang die Fortbewegung

auf dem Wasser rascher und bequemer war als das Reisen über Land. All

die gewaltigen Stätten, an deren Schicksal die Geschichte der früheren

Jahrhunderte geknüpft ist, lagen am Meer oder an großen schiffbaren

Flüssen, die rasch der See zueilten. Nur in der Nähe der Küsten war der

Austausch von Personen und Gütern, durch den allein menschliche

Siedelungen erstarken können, in bedeutendem Maßstab möglich.

Der Römer kannte die dem Mittelmeer zugekehrten Küsten von Asien und

Afrika weit besser als das Innere seines heimatlichen Erdteils. Die

völkerverbindende Kraft des Weltmeers war noch bis in späte Jahrhunderte

hinein der des festen Lands bedeutend überlegen. Max von _Weber_, der

Sohn des „Freischütz“-Schöpfers, der ein hervorragender Ingenieur und

ausgezeichneter Schriftsteller war, schreibt in seinem Buch „Aus der

Welt der Arbeit“: „Es war noch im sechzehnten Jahrhundert leichter,

tausend Zentner Kohlen von Newcastle nach Lissabon zu versenden, als

einen Ballen Tuch von Norwich nach London zu bringen, und bis zu Anfang

desselben Jahrhunderts, wo die Kohlengruben an den Küsten aufgetan

wurden, hatte London, obwohl in waldloser Gegend gelegen und an

Holzmangel leidend, keine Steinkohlen.“

Das Elend der Verkehrsverhältnisse im mittelalterlichen Europa ist zu

bekannt, als daß es hier einer neuen Schilderung bedürfte. Wie man noch

zur Zeit Friedrichs des Großen in Deutschland reiste, ist in den

Lebenserinnerungen der Schwester des Königs, der Markgräfin _Wilhelmine

von Bayreuth_, köstlich dargestellt.

Für eine Reise von der Hauptstadt ihres Ländchens nach Berlin, die heute

in sieben Stunden überwunden wird, brauchte sie fast ebenso viele Tage.

Und welche Erlebnisse konnte man auf solchem Weg haben! Die Markgräfin

schildert eine ihrer Fahrten wie folgt:

„Es war ein höllisches Wetter! Die Wege waren so schlecht, daß ich,

aller meiner Eile ungeachtet, nur bis Hof kommen konnte, und das erst

abends um elf Uhr, da es doch nur sechs Meilen von Bayreuth entfernt

ist. Mein Gepäck war zurückgeblieben, ich mußte mich also ganz

angekleidet auf ein schlechtes Bett legen, auf dem ich wenig schlief.

Das Gepäck kam erst um zwei Uhr an, ich befahl, es weiterfahren zu

lassen, in der Hoffnung, daß mein Nachtlager in der zweiten Nacht besser

sein würde wie das erste.

„Die zweite Tagereise war sehr lang. Ich reiste um drei Uhr ab und war

mittags in Schleiz, das nur vier Meilen von Hof entfernt ist. Ohne aus

dem Wagen zu steigen, nahm ich etwas Fleischbrühe, um recht früh in

Gera, zwei Stationen weiter, einzutreffen. Die erste legte ich in vier

Stunden zurück, auf der zweiten fand ich keine Pferde, obschon sie zwei

Tage vorher bestellt waren.

„Mich begleitete gar kein anderer Wagen als der, in welchem Herr von

Seckendorf mit meinen Kammerfrauen saß. Der Postmeister, der wohl

abgefeimt war, bat mich, um Gottes willen nicht weiterzureisen, weil die

Wege zum Halsbrechen wären. ‚Sie müssen,‘ sagte er, ‚durch einen großen

Wald, wo alle Tage geraubt und gemordet wird, und da Sie dieselben

Pferde, welche Sie hierher brachten, auch nach Gera führen müssen,

können Sie nur sehr spät eintreffen. Ich muß Ihnen das alles sagen, um

aller Verantwortlichkeit ledig zu sein.‘ Mir stieg der Kamm, wie ich

diesen weisen Ratgeber hörte. Meine Hofdame wollte, daß wir die Nacht in

diesem Dorfe zubringen sollten, allein wir hatten weder Betten noch

Köche, das Haus sah wie eine Räuberhöhle aus, es stank zum Sterben, und

die Schweinerei, die darinnen herrschte, machte einem übel und weh. Ich

entschloß mich also schnell, stellte mich ganz heldenmäßig, indes mir

himmelbang war, und setzte meinen Weg fort.

„Des Postmeisters Rat war leider nur zu gerechtfertigt! Die Wege waren

abscheulich! Bei jedem Schritt waren wir in Gefahr umzuwerfen, und, um

das Unglück zu krönen, fing die Nacht an, ihren Mantel über uns

auszubreiten. Wir hatten zwar Fackeln mit uns, allein in demselben

Augenblick, wo wir in den Wald traten, verlöschten sie, und die

Finsternis vermehrte unsere Angst. Je weiter wir kamen, hörten wir um

uns her Pfiffe ertönen, die mich mit Furcht und Zittern erfüllten; der

kalte Schweiß lief mir von der Stirn, meine Damen waren nicht besser

daran, und wir gingen leise flüsternd zu Rate, was wir im Fall eines

Angriffs tun sollten. In diesem Zustand blieben wir bis nachts zwei Uhr,

wo wir endlich glücklich in Gera ankamen. Wir waren alle halbtot, mir

insbesondere hatte meine heldenmütige Entschlossenheit das Blut so in

Wallung gebracht, daß ich die ganze Nacht sterbenskrank war.“

Auch der Maler Wilhelm von _Kügelgen_, in dessen „Jugenderinnerungen

eines alten Mannes“ wir eine so treffliche Schilderung der ersten

Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts besitzen, hatte auf einer

winterlichen Reise durch Thüringen, die er im Jahre 1814 machte, keine

allzu angenehmen Erlebnisse.

„Der Wagen von unbeschreiblichen Proportionen“, so schreibt er, „hing

altersschwach und lahm in seinen Federn, die Schläge waren mit Bindfaden

befestigt und die hart eingetrockneten Fensterladen weder einzuknöpfen

noch zurückzuschnallen. Die Pferde standen da mit tiefgesenkten

Häuptern, dem Anschein nach halb schlafend oder tot, und niemand konnte

begreifen, wie sie nur bis hierher gelangt waren. Aber seine Pferde

wären gut, sagte der Kutscher, begrüßte aber jeden Koffer, der ihm

zugetragen wurde, mit schweren Seufzern.

„Endlich war alles fertig, und Barduas wurden umarmt, soweit dies

anging, denn wenigstens wir Kinder konnten die Arme nicht sehr rühren,

da wir verpackt und eingewickelt waren wie Kokons. So wurde einer nach

dem andern in den höchst jammervollen Kasten verladen, bis sich zuletzt

auch noch die getreue Rose darstellte, um gleichfalls aufzusteigen. Sie

hatte, um sich vor Kälte und ihre Siebensachen vor dem Verderben des

Einpackens zu schützen, alles auf den Leib gezogen, was sie an Wäsche

und Kleidern besaß und sah wie das Heidelberger Faß aus. Der Kutscher

hatte jeden Einsteigenden im Geist gewogen und zu schwer befunden. Als

er aber dieses Ungeheuers von Mädchen ansichtig wurde, tat er einen

schauderhaften Fluch und schwur, ihn solle dieser oder jener holen, wenn

er sie in den Wagen ließe.

„‚So möge er sich denn hinpacken, wo er hergekommen wäre,‘ schrie ihn

der Vater an, ließ wieder abladen, und dieser erste Anlauf war

gescheitert.“

Die Gesellschaft erhielt dann einen anderen Reisewagen.

„Aber trotz bester Equipage,“ so schreibt Kügelgen weiter, „war es doch

immer nicht die beste Fuhre. Die Wege gingen auf, und der Wagen taumelte

wie ein Trunkenbold von einer Seite auf die andere, bis er schließlich

in der Naumburger Gegend in einem Schneeloch stecken blieb. Mein Vater

und der Kutscher sprangen ab. Sie durchnäßten sich fast bis zum Halse,

indem sie mit Geschrei und Prügeln taten, was sie konnten, auch legten

sich die Pferde mit allen Kräften ins Geschirr und taten ebenfalls, was

sie konnten; aber der Wagen stand wie eingenietet.

„Da schien es denn ein Glück zu sein, daß ganz in nächster Nähe ein

Haufen Schneeschipper arbeitete. Mein Vater sprach sie an; sie sagten

aber, sie wären angestellt, die verschneiten Gräben auszuschaufeln, daß

kein Wagen hineinpoltere, und das übrige ginge sie nichts an. Der

Kutscher entgegnete, die Löcher auf der Straße wären schlimmer, als alle

Gräben, und sie sähen doch, daß wir drin stäcken; aber es war so wenig

mit ihnen anzufangen, wie mit der Armsäule am Wege, die eben auch zwei

unnütze Pfoten in die Luft streckte, und weder Bitten noch Geld konnten

sie bewegen, ihren Beruf verständiger aufzufassen.

„So saßen wir denn abermals fest . . . Mein Vater und der Kutscher

hielten Kriegsrat, und es schien nichts anderes übrigzubleiben, als den

Wagen zu entleeren und auszupacken; eine schlimme Aussicht für die

kränkelnde Mutter und uns alle. Aber siehe! Da nahte sich mit fröhlichem

Gesange ein kleines auf dem Marsch begriffenes Detachement von etwa

zwanzig russischen Soldaten. Als diese sahen, was hier los oder vielmehr

stecken geblieben war, legten sie unaufgefordert und augenblicklich Hand

an. Ein paar starke Kerle krochen unter den Wagen und hoben ihn mit

ihren Rücken, daß er in den Fugen krachte, während andere schoben,

schrieen und in die Pferde hieben. Im Augenblicke waren wir aus dem

Pfuhl heraus, und unsere Retter zogen beschenkt und singend weiter.“

Im Jahre 1821 waren die Verkehrsverhältnisse keineswegs besser geworden.

Ludwig _Börne_ faßte damals die Klagen über die argen Reisebeschwernisse

in einem geißelnden Aufsatz zusammen, den er „Monographie der deutschen

Postschnecke“ nannte. Er gibt darin unter anderem ein Gespräch wieder,

das er mit einem Major führt.

„Herr Major, sagte ich, hätte ich einen Säbel wie Sie, meine

ästhetischen Flüche gehörig zu unterstützen, hol’ mich der Teufel, ich

haute ein, und es gäbe blutige Köpfe. Ist der Passagier ein Narr jedes

Postmeisters, Kondukteurs und Postillons, und muß er liegen bleiben, so

oft es diesen Herren gefällt, Wein zu trinken oder auszuschenken? Kommt

man in ein Nest und trägt nicht Lust, im Postwagen zu warten und zu

frieren, umdreht der Eigentümer des Ofens unsern schlotternden Leib, wie

die Katze den Brei, und tausend Fragezeichen im Gesichte zweifeln, was

man befehle. Muß ein armer Passagier leben, wie die große Welt in Paris,

und um Mitternacht Kottelets essen? In Zeit von 46 Stunden, worunter 14

nächtliche, habe ich 12 Schoppen Wein getrunken und noch einige mehr

bezahlt für den Kondukteur. Wie weit ist es, Herr Major, von Frankfurt

nach Stuttgart? Also kaum 40 Stunden! Und auf diesem kurzen Wege haben

wir 15 Stunden Rast gehalten!

„Damit sich die Leser überzeugen können, daß ich mir keine größere

poetische Freiheit genommen als billig ist, will ich eine genaue

Berechnung der Zeit, die wir uns zwischen Frankfurt und Stuttgart

aufgehalten, nebst Benennung der Orte, wo dieses geschah, folgen lassen.

Aus dieser Statistik (Stillstandslehre) des Postwagens wird sich

ergeben, daß ich noch nicht zwei Prozent gelogen, indem auf 15 Stunden

die Übertreibung nur 16 Minuten beträgt.

Stunden Minuten

In Sprendlingen -- 12

„ Langen -- 50

„ Darmstadt -- 45

„ Bickenbach -- 30

„ Heppenheim 1 15

„ Weinheim -- 30

„ Heidelberg 3 15

„ Neckargmünd 1 15

„ Wiesenbach -- 12

„ Sinzheim -- 15

„ Fürfeld -- 30

„ Heilbronn 3 10

„ Besigheim 1 5

„ Ludwigsburg 1 --

-------------

Summa: 14 Stunden 44 Minuten

„Ich bin von Straßburg nach Paris und von Paris nach Metz auf der

Diligence gereist und hatte kein Sohlenleder unter mir, sondern gute

Verviers-Mitteltücher, und auf diesen beiden Reisen zusammen hat sich

der Wagen nicht 10 Stunden aufgehalten. Ist das nicht zum toll werden?

Ist es nicht Schimpf und Schande, daß das Zusammentreffen der Postwagen

auf den Kreuzwegen so schlecht eingerichtet ist, daß ich in Bruchsal 24

Stunden liegen bleiben und auf den Straßburger Wagen warten mußte, bis

ich weiter konnte nach Frankfurt? Warum gibt man den Reisenden nicht

wenigstens Wartegeld, gleich den quiescirenden Staatsdienern, bis sie

einen Platz und ihr Fortkommen finden? Ich weiß nicht, ob Sie die

Abendzeitung lesen, Herr Major; dort erzählt Herr Mühlen in Nr. 33

dieses Jahrgangs die Anekdote von einem Sonderling, der viel gereist

sei. Auf diesen Reisen (wird erzählt), die er stets mit Extrapost

machte, verursachte ihm aber nichts so viel Ärger, als die Postmeister,

Posthalter und Postillone, und wenn er auf diese zu sprechen kam, so war

er unerschöpflich in Sarkasmen und Schilderungen ihrer Roheit, Habgier

und der Langsamkeit auf den Stationen und im Fahren. Dieser Antagonismus

sprach sich auch in seinem letzten Willen aus.

„In seinem Testament hatte er nachstehendes verordnet. Nachdem er

diejenigen namentlich aufgeführt, welche seine Leiche zur Ruhestätte

begleiten sollten, hieß es. ‚Ich verlange ausdrücklich, daß die

vorgenannten Personen in mit Extrapostpferden bespannten Wagen meiner

Leiche folgen sollen, und sind die diesfälligen Kosten aus den zu meinem

Begräbnis ausgesetzten Summen zu bestreiten; denn da es der Anstand

erheischt, daß ein Leichenzug feierlich und langsam vor sich gehen muß,

so werden die Postillone das letztere unfehlbar am besten ausrichten.‘

„Hätten Sie, wie ich, die Abendzeitung gelesen, Herr Major, wären Sie

nicht auch auf meinen nachfolgenden Gedanken gefallen? Man sollte nicht

die Leidtragenden, sondern die Leichen selbst auf Hochfürstlich

Thurn-und-Taxisschen fahrenden Postwagen zum Begräbnisse führen, damit

sie Zeit gewönnen, aus dem Scheintode zu erwachen, da, wenn in der Asche

des Lebens nur noch ein Fünkchen glimmt, das Rütteln des Wagens es zur

Flamme anfachen müsse. Wäre dieses nicht eine sehr gute ambulante

Totenschau?“

Bis zur Eröffnung der Eisenbahn stand es also äußerst schlecht um alle

Verkehrswege. Die Römer hatten bereits ausgezeichnete, bis nach

Norddeutschland reichende Straßen gebaut, aber nicht zur Hebung des

Verkehrs, sondern weil sie der leicht begehbaren Wege bedurften, um zur

Befestigung ihrer Herrschaft Soldaten rasch überall hin werfen zu

können. Als dieser politische Zweck fortgefallen war, ließ man die

Legionsstraßen rasch wieder zugrunde gehen und dachte nicht daran, neue

von ähnlicher Großartigkeit anzulegen, weil die Fahrzeuge dies als nicht

lohnend erscheinen ließen.

Das Schiff war und blieb das wichtigste Beförderungsmittel. Friedrich

der Große baute Kanäle, aber keine Straßen. In England war die Bedeutung

der Wasserwege noch um 1830 so groß, daß die am Kanal des Herzogs von

Bridgewater Beteiligten auf ein Haar das Werk Stephensons zu Fall

gebracht hätten. Ein Fluch schien die für große Fahrt bestimmten

Fortbewegungsmittel der Menschheit ins Wasser hineinzuzwingen, für

dessen Teilung beim Voraneilen soviel Kraft unnötig aufgewendet werden

muß. Daß die Luft, die sich in einem Zustand geringerer Dichtigkeit

befindet, mit weniger Kraftaufwand zu durchdringen ist, wußte man

längst, aber die von selbst sich einstellende Ebene des Wassers lockte

zu sehr.

Die Eisenbahn erst schuf sich auch auf dem Land die Ebene und machte so

der Menschheit das königliche Geschenk der sausenden Geschwindigkeit.

„Die Ausbildung der Straßen in einem Land bezeichnet“, so sagt Max von

Weber, „den Positiv von dessen Kulturentwicklung, deren Komparativ

erfordert den Kanal, der Superlativ ist ohne Eisenbahn nicht denkbar.“

Dabei ist die Beobachtung merkwürdig, daß der Superlativ nicht etwa den

Positiv und den Komparativ verdrängt hat. Diese sind im Gegenteil durch

ihn gekräftigt worden. Niemals wurden soviel Straßen und Kanäle gebaut

wie im Zeitalter der Eisenbahn. Alles, was wir heute Verkehr nennen,

stammt erst aus dem Jahre 1830.

So wenig vor dem Auftreten der Brüder Wright und des Grafen Zeppelin ein

Mensch jemals das wirkliche Bedürfnis gefühlt hat, zu fliegen, so wenig

gab es vor Stephensons Schaffen ein Verkehrsbedürfnis. Die Wanderlust

steckte als Urtrieb längst im Menschen; Faust empfand sehr stark die

Sehnsucht nach dem Flügel. Aber das gewöhnliche Leben stockte nicht

dadurch, daß man keine häufigen, schnellen und bequemen

Reisegelegenheiten hatte. Die Eisenbahn im allgemeinen ist also nicht

entstanden, weil sie erforderlich gewesen. Kaum an irgendeiner Stelle

der Erde hat man etwas Derartiges vermißt, solange es nicht vorhanden

war. Die großartige Erscheinung des regen Menschen- und Güteraustauschs

über das Land bestand in keines Menschen Vorstellung, bis sie durch die

Ausbreitung der Eisenbahnen sich einstellte.

_Thiers_ sprach, als man die neue Verkehrsform in Frankreich einführen

wollte, von einer englischen Narrheit. In den Jahren der Vorbereitung

für die erste größere Eisenbahnlinie in Deutschland fragten die Leute

einander: „Wozu eigentlich? Was hat der Dresdner in Leipzig, der

Leipziger in Dresden zu tun?“ Und der Generalpostmeister _Nagler_ in

Berlin, also der oberste Verkehrsbeamte Preußens, soll den Erbauern der

Bahn von Berlin nach Potsdam entgegengehalten haben, daß seine nur

einmal am Tag zwischen den beiden Städten fahrende Diligence niemals

vollbesetzt wäre, das Bahnunternehmen also gänzlich aussichtslos sei.

(Nach neuern Feststellungen Sautters soll dieser Ausspruch geschichtlich

nicht beglaubigt, Nagler vielmehr ein Förderer des neuen Verkehrsmittels

gewesen sein; das Wort ist dann, unter Loslösung von der Person, als

Ausdruck des Zeitgedankens aufzufassen.)

Das bayerische Medizinalkollegium glaubte noch im Jahre 1835 den

Eisenbahnbau dadurch hintanhalten zu können, daß es erklärte, die große

Geschwindigkeit würde den Insassen der Wagen Kopfschmerzen und Schwindel

verursachen. In England wollten sogar Mitglieder des Parlaments der

ersten größeren Lokomotivbahnstrecke die Erlaubnis versagen, weil sie

fürchteten, daß der vorüberfahrende Zug die Kühe beim Grasen stören und

die Hühner so erschrecken könnte, daß sie keine Eier mehr legen würden.

Trotzdem ward und wuchs die Eisenbahn. Sie ist heute das wichtigste und

mächtigste aller Werkzeuge, die der Mensch besitzt.

In seinem trefflichen Büchlein „Am sausenden Webstuhl der Zeit“ stellt

_Launhardt_ den sieben Weltwundern der Alten ebenso viele Wunder der

Jetztzeit gegenüber. Zu diesen rechnet er die Lokomotiv-Eisenbahn, die

großen Brücken und die Tunnel. Da der Brücken- und der Tunnelbau im

großen erst durch die Eisenbahn entstanden, so sind nach Launhardt nicht

weniger als drei von den sieben wunderbarsten Erzeugnissen unserer Zeit

dem Bannkreis der Eisenbahn zuzurechnen.

Und wahrlich, sie ist ein Weltwunder!

Seitdem die Urahne aller wirklich brauchbaren Lokomotiven, Stephensons

„Rakete“, zum erstenmal einen Zug in Bewegung gesetzt hat, sind noch

nicht neun Jahrzehnte verflossen. Und wie durchgreifend haben sich in

dieser verhältnismäßig so kurzen Zeitspanne alle Verkehrsverhältnisse

auf der Erde durch die Einwirkung der Eisenbahn verändert!

Wenn man früher in Deutschland mit der Schnellpost 15 Kilometer in der

Stunde zurücklegte, so war man glücklich über diese geschwinde

Beförderung. Unsere heutigen Schnellzüge durchfahren 100 Kilometer

in der Stunde und mehr. Doch dieses Verhältnis der reinen

Fahrgeschwindigkeiten von 15 zu 100 wird weit in den Schatten gestellt

durch den Vergleich der Reise-Geschwindigkeiten, das heißt derjenigen

Zeiten, innerhalb deren die Fahrgäste wirklich von einem Ort zum andern

gebracht werden. Während die Lokomotive mehrere 100 Kilometer

durchfahren kann, ohne auch nur einen Augenblick zu verschnaufen, mußten

auf den Poststrecken fortwährend die Pferde gewechselt werden. So

brauchte man, nach Launhardt, noch im Jahre 1840 „für eine Reise von

Hannover nach Leipzig, also zur Zurücklegung von 272 Kilometern, mit der

Post 40 Stunden, während diese Reise jetzt auf der Eisenbahn weniger als

fünf Stunden erfordert. Dabei fuhr die Post im Jahre 1840 zwischen jenen

beiden Städten wöchentlich nur fünfmal in jeder Richtung, ja eigentlich

nur dreimal, da bei zwei dieser Fahrten eine Unterbrechung durch eine

Übernachtung vorkam, wodurch die Dauer der Reise von 40 auf 48-50

Stunden erhöht wurde. Heute verkehren zwischen Hannover und Leipzig

täglich in jeder Richtung vierzehn Personen- und Schnellzüge, so daß

eine regelmäßige Reisegelegenheit heute zwanzigmal häufiger als früher

mit der Post geboten wird.“

Von Berlin nach München fuhr man im Jahre 1835 mit der Schnellpost noch

mehr als 3-1/2 Tage; heute wird die Strecke in zehn Stunden

zurückgelegt. Das Fahrgeld betrug damals 81 Mark, während eine Fahrkarte

dritter Klasse von Berlin nach München jetzt 21,10 Mark kostet.

Man bezahlt also heute auf der Eisenbahn nur einen Bruchteil des

Fahrpreises, der früher für den Verkehr über die Landstraßen erhoben

wurde, und erfreut sich auf der Reise einer unvergleichlich viel

größeren Bequemlichkeit, indem die Unbilden der Witterung gänzlich

ferngehalten werden, die Erschütterungen fast vollständig verschwunden

sind, und der Aufenthalt in den geräumigen, bei Bedarf geheizten und

beleuchteten Wagen so sehr viel angenehmer ist als in den schmalen

Postkutschen, dem Sinnbild der Rumpeligkeit und der drückenden Enge.

Trotz der gesteigerten Geschwindigkeit ist die Sicherheit des Reisens

bedeutend gewachsen. Während beim Postverkehr schon auf je 400 000

Reisende ein Getöteter kam, raubt die Eisenbahn in Deutschland heute nur

etwa einem von 15 Millionen Reisenden das Leben.

Die Zuverlässigkeit des Verkehrs ist durch die fast vollständige

Unterbrechungslosigkeit und Störungsfreiheit des Eisenbahnbetriebs

außerordentlich gestiegen. Auf den preußischen Staatsbahnen z. B. sind

nach van der _Borght_ im Jahre 1910 nur 41 Unterbrechungen bis zur Dauer

von zwei Tagen und 8 Unterbrechungen von längerer Dauer, verursacht

durch ungewöhnlich starke Regengüsse und Hochwasser, eingetreten. Dazu

kamen im gleichen Jahr noch 37 Störungen von kurzer Dauer, die durch

Schneeverwehungen veranlaßt wurden. Die Zahl von 78 Unterbrechungen

überhaupt ist gegenüber der riesenhaften Ausdehnung des

Eisenbahnverkehrs von ganz verschwindender Bedeutung. Hiergegen bedenke

man, daß schon jeder stärkere Schneefall die Fahrpost zu gänzlicher Ruhe

verurteilte, und daß die Wasserstraßen im Winter durch Frost, im Sommer

durch anhaltende Trockenheit oft monatelang unterbrochen sind.

Die Pünktlichkeit der Eisenbahn ist sprichwörtlich. Von hundert Zügen

pflegt nach der Statistik in Deutschland kaum einer seine festgesetzte

Ankunftszeit um ein geringes zu überschreiten.

In der Eisenbahn hat sich die Menschheit ferner ein unvergleichliches

Mittel zur Ausbreitung der Bildung geschaffen. Erst durch die

Schienenwege ist die Kenntnis von der Beschaffenheit der Erdoberfläche

Allgemeingut geworden; die Kunstbesitztümer aller Völker liegen seither

offen vor jedermanns Auge. Jedes Volk kennt heute die Eigenheiten aller

anderen.

Nur in Einer Beziehung hat man sich leider über den günstigen Einfluß

der Eisenbahn getäuscht. In vielen Schriften aus früheren Jahren kann

man lesen, daß die durch die Eisenbahn geschaffenen engen Beziehungen

zwischen den Völkern die Kriege weniger furchtbar machen, die

geschwinden Beförderungsmöglichkeiten für die Truppen ihre Dauer

abkürzen würden. Friedrich List meinte, daß „die Eisenbahn aus einer

Kriegsmilderungs-, Abkürzungs- und Verhinderungsmaschine, am Ende gar

eine Maschine werden würde, die den Krieg selbst zerstört.“ Wir wissen

heute, daß der grausamste aller Kriege und einer der längsten mit einer

Hochentwicklung der Eisenbahnen zusammengefallen ist.

Stärker noch als zur Beförderung von Personen wird die Eisenbahn zur

Vermittlung des Güterverkehrs benutzt. Die Beförderung von Gütern kostet

heute nur den sechsten Teil des Preises, der früher für den Weg über die

Landstraße entrichtet werden mußte. Dabei ist mit der Beförderung im

geschlossenen Eisenbahnwagen eine weit größere Schonung der Güter

verbunden; es geht bei der Fahrt weit weniger von ihnen verloren als in

den meist offenen Frachtwagen. Viele Gütergruppen sind überhaupt erst

durch die Eisenbahn weltmarktfähig geworden, da ihre Versendung früher

durch die hohen Frachtkosten nicht lohnend war, und weil durch die lange

Beförderungszeit die in ihnen festgelegten Geldmittel der Nutzung zu

lange entzogen blieben.

Noch sehr viel großartiger erscheint der Einfluß der Eisenbahn, wenn man

erkennt, daß sie nicht nur auf den Austausch der Güter, sondern in

stärkster Weise auch auf ihre Erzeugung einwirkt. Solange das

Hervorbringen von Gütern nur den örtlichen Bedürfnissen dient, bleibt es

beschränkt. Ein Bezirk, der durch eine besondere Gunst der Natur eine

bestimmte Ware in großen Mengen zu erzeugen vermag, wird aber zur

höchsten Ausnutzung seiner Möglichkeiten angetrieben, wenn er weiß, daß

ein ganzer Erdteil sein Käufer ist. Das ist heute der Fall, wo die

Eisenbahn tatsächlich jedes der zwischen den Ufern der Weltmeere

liegenden gewaltigen Ländergebiete zu einer einzigen Stadt gemacht hat.

Jeder Ort in Europa oder Amerika läuft heute, wenn er etwas braucht, was

er nicht selbst hervorbringen kann, sozusagen mit offenem Marktkorb

rasch einmal um die Ecke zu dem anderen, auch wenn dieser viele hundert

Kilometer entfernt liegt.

Eine lebhafte Gütererzeugung an dazu besonders befähigten Stellen ist

für die Allgemeinheit zwecklos, wenn nicht ein rasches und bequemes

Beförderungsmittel zur Verfügung steht. Der Weltkrieg hat durch die in

Rußland zutage getretenen Verhältnisse jedem deutlich gezeigt, daß,

sobald die Eisenbahn versagt, in manchen Abschnitten eines Landes die

schwerste Hungersnot auftreten kann, während in anderen Bezirken

desselben Landes die gehäuften Lebensmittel verfaulen. Wenn in gut

entwickelten Ländern zu Friedenszeiten das Gespenst des Hungers nur noch

höchst selten auftritt, so ist dies in der Hauptsache das Verdienst der

Eisenbahn.

Aus der Hand des Menschen ist keine Schöpfung hervorgegangen, die an

Großartigkeit mit der Anlage dieses Verkehrsmittels zu vergleichen wäre.

Damit die Eisenbahnen hergestellt werden konnten, haben zahlreiche

Wissensgebiete ein enges Bündnis miteinander schließen müssen: die

Erdkunde in ihren beiden Formen, die man wissenschaftlich als Geologie

und Geographie bezeichnet, die Naturwissenschaft, Technik, Baukunde,

Staatsrecht, Völkerrecht, Volkswirtschaftslehre. Niemals ist auf Erden

ein solcher Aufwand von Kraft und Geld an eine einzige Sache gesetzt

worden, niemals aber auch war der Erfolg menschlicher Bemühungen größer.

[Abbildung:

Nach einer Karte im Deutschen Museum zu München.

3. Das deutsche Eisenbahnnetz im Jahre 1855]

Die Länge aller Eisenbahnen der Erde betrug im Jahre 1913, dem letzten

regelmäßigen Jahr vor dem Weltkrieg, auf das sich auch alle folgenden

Angaben beziehen, rund 1 Million 100 000 Kilometer. Da der Erdäquator

40 000 Kilometer lang ist, so kann man mit der Schienenlänge dieser

Bahnen, wenn man nur 25 vom Hundert als zweigeleisig ansieht, wonach

sich eine Gesamtschienenlänge von 1 Million 375 000 Kilometern ergibt,

den Äquator 35 mal umwickeln. Von der Erde zum Mond könnte man hiermit

eine dreigeleisige Bahn bauen und würde noch 223 000 Kilometer zur

Herstellung von Zubringerlinien für diese Weltraum-Strecke

übrigbehalten.

Um das Gewicht des ungeheuren Schienenstrangs von 1 Million 375 000

Kilometern Länge -- ohne das zur Verbindung der einzelnen Abschnitte

erforderliche Kleineisenzeug -- zu berechnen, gehen wir von der Tatsache

aus, daß bei recht leichten Geleisen der deutschen Bahnen das laufende

Schienenmeter 30 Kilogramm wiegt. Wir erhalten dann als Gesamtgewicht

aller regelmäßig befahrenen Schienen auf der Erde 82 Milliarden 500

Millionen Kilogramm. Es ist dies das 9000fache Gewicht des höchsten und

vermutlich auch schwersten Eisenbauwerks der Erde, des Eiffelturms.

Gösse man aus Schienenstahl eine volle quadratische Säule, deren

Querschnittsfläche gerade so groß wäre wie das durch die äußersten

Fußpunkte des Eiffelturms gebildete Quadrat und deren Höhe wie die des

Turms 300 Meter betrüge, sie würde kaum halb soviel wiegen wie die

Schienen aller Eisenbahnen. Eine zylindrische Säule aus demselben

Baustoff von der Höhe des ragendsten Bergs auf der Erde, des

Gaurisankars, der seine Spitze rund 9000 Meter hoch über den

Meeresspiegel emporreckt, würde immer noch einen Durchmesser von

annähernd 40 Metern haben.

[Abbildung:

Nach einer Karte im Deutschen Museum zu München.

4. Das deutsche Eisenbahnnetz im Jahre 1905]

Im Jahre 1890 betrug die Länge aller Bahnen 617 285 Kilometer; sie hat

sich also seitdem nahezu verdoppelt.

Unter den Erdteilen besitzt bei weitem die größte Bahnlänge Amerika,

nämlich 570 000 Kilometer. Das ist mehr als die Hälfte der Bahnlänge auf

der ganzen Erde. In Europa dagegen liegt noch nicht ein Drittel aller

Gleislängen; es sind 346 000 Kilometer. Trotzdem ist selbstverständlich

das Netz in dem alten Erdteil sehr viel engermaschig. In Europa kommen

auf je 100 Quadratkilometer 3,5 Kilometer Eisenbahn, in Amerika dagegen

nur ungefähr 0,8 Kilometer.

Das bei weitem dichteste Eisenbahnnetz aller Länder der Erde hat

Belgien. Hier liegen auf je 100 Quadratkilometer Bodenfläche

durchschnittlich 29,9 Kilometer Eisenbahn. Wenn man von dem kleinen

Luxemburg absieht, hat das in der Engmaschigkeit der Geleise

nächstfolgende Reich, Großbritannien und Irland, noch lange nicht die

Hälfte der Eisenbahndichte Belgiens, nämlich nur 12 Kilometer auf dem

gleichen Flächenraum. Deutschland steht mit 11,8 Kilometer unmittelbar

dahinter an der dritten Stelle. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika

haben dagegen nur 4,4 Kilometer Bahn auf je 100 Quadratkilometer.

Die deutschen vollspurigen Eisenbahnen hatten im Jahre 1913 zusammen

eine Betriebslänge von rund 61 000 Kilometern. Das ist immer noch mehr

als das 1-1/2fache des Erdäquators. Eigenartig ist in diesem

Zusammenhang die Feststellung, daß die Länge der Landstraßen in

Deutschland, die ja gerade im Eisenbahnzeitalter als Zubringer für die

Schienenwege außerordentlich lebhaft ausgebildet worden sind, 150 000

Kilometer beträgt.

Von der Gesamtlänge der deutschen Eisenbahnen fallen auf die vereinigten

preußisch-hessischen Staatsbahnen 39 000 Kilometer, auf die bayerische

Staatsbahn 8300 Kilometer. Auf der wirklichen Länge der bayerischen

Staatsbahngeleise, das heißt einer Schienenerstreckung, bei der man sich

die tatsächlich nebeneinanderliegenden Geleise der mehrgeleisigen

Strecken hintereinander ausgelegt denkt, könnte man bequem den Äquator

des Mondes umfahren.

Welch eine ungeheure Weite der Schienenwelt offenbaren uns diese Zahlen!

Die Vergleichsmaßstäbe müssen aus der Unendlichkeit des Weltraums

herbeigeholt werden. Die Erde besitzt außer ihrer größten

Umfassungslinie, die gleichfalls zu den sternkundlichen Längen gehört,

keine Erstreckung, die zur Erhellung der Zahlengrößen herangezogen

werden könnte.

Doch alles bisher Dargelegte wird zum blassen Nichts, wenn wir nun statt

der unbeweglich daliegenden Schienenstränge das sausende Leben, die

dröhnende Bewegung betrachten, die sich unausgesetzt auf ihnen

abspielen.

Auf der ganzen Erde mögen jetzt etwa 175 000 Lokomotiven vorhanden sein.

Allein die Lokomotiven der vollspurigen deutschen Bahnen, deren es

einschließlich der Triebwagen rund 30 000 gibt, haben im Jahre 1913

zusammen 1 Milliarde 280 Millionen Kilometer durchfahren. Diese Länge

nähert sich der Entfernung des Saturns von der Erde, die rund 1-1/2

Milliarden Kilometer beträgt. Ganz besonders erstaunlich aber ist die

Tatsache, daß die durchschnittliche jährliche Fahrleistung jeder

einzelnen deutschen Lokomotive 43 500 Kilometer beträgt, daß also jede

von ihnen, wenn sie, statt fortwährend in ihrem kurzen Bereich hin und

her zu eilen, ständig vorwärts gefahren wäre, die ganze Erde an ihrem

Gürtel hätte umkreisen und noch dazu Abstecher von mehr als 3000

Kilometern hätte machen können.

Die Welt auf Schienen Eine Darstellung der Einrichtungen und des Betriebs auf den Eisenbahnen des Fernverkehrs, Nebst einer Geschichte der Eisenbahn · 第 1 / 60 段